Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke
Part 20
Icharew (allein). Was für eine Wendung doch die Umstände genommen haben, was? Noch heute morgen bloß achtzigtausend, und gegen abend schon zweihunderttausend, wie? Für manchen bedeutet das ja ein ganzes Leben voll Dienst und Arbeit, den Preis für ein ständiges Sitzen, Entbehrungen, Verlust der Gesundheit, und hier bist du in einigen Stunden, ja in einigen Minuten ein regierender Prinz. Eine Kleinigkeit das: Zweihunderttausend! Ich kann mir denken, was aus mir geworden wäre, wenn ich auf dem Lande gesessen wäre und mich mit den Starosten und Bauern herumgeschlagen hätte, um jährlich dreitausend einzuheimsen. Ist denn Bildung eine Kleinigkeit? Die Unbildung, die sich auf dem Lande an dir festsetzt, die kannst du nachher nicht mit dem Messer abkratzen. Womit hätte man da seine Zeit verloren? Mit Gesprächen mit den Starosten und den Bauern ... Ich aber will mich mit gebildeten Menschen unterhalten! Jetzt bin ich sichergestellt, jetzt habe ich freie Zeit. Jetzt kann ich mich damit beschäftigen, was zu unserer Bildung beiträgt. Wenn ich nach Petersburg will, kann ich auch nach Petersburg reisen, da gehe ich ins Theater, sehe die Münze, da spaziere ich am Palais, am Englischen Quai vorbei, gehe in den Sommergarten. Oder ich gehe nach Moskau und diniere bei Jar, ich kann mich nach der Mode der Residenz kleiden, kann mich mit den andern gleichstellen und die Pflichten eines aufgeklärten Menschen erfüllen. Und was ist die Ursache davon? Was gibt mir die Möglichkeit dazu? Das, was man Betrügerei nennt. Ach, Unsinn, das ist eben gar keine Betrügerei, ein Betrüger kann man in einer Minute werden, hierzu aber ist Praxis, Studium nötig. Aber zugegeben, es sei Betrügerei. Es ist doch eben eine notwendige Sache; was kann man denn ohne sie machen? Sie ist gewissermaßen eine Warnung. Wenn ich z. B. nicht alle Feinheiten kennte, wenn ich das alles nicht begriffen hätte, wie hätte man mich da nicht beschwindeln können! Sie haben mich ja auch wirklich beschwindeln wollen. Dann sahen sie aber, daß sie es nicht mit einem gewöhnlichen Menschen zu tun haben, und gingen mich selbst um meine Hilfe an. O nein, Verstand -- das ist eine große Sache; und in der Welt ist Feinheit notwendig. Ich sehe das Leben von einem ganz anderen Standpunkt an. So leben, wie ein dummer Kerl, so kann jeder leben, das ist kein Kunststück, aber mit Witz und mit Kunst leben, alle betrügen und doch selbst nicht betrogen werden, das ist die eigentliche Aufgabe, das wahre Ziel.
24. Auftritt
Icharew und Glow, der eilig eintritt.
Glow. Wo sind sie denn? Ich bin eben im Zimmer gewesen, das ist leer.
Icharew. Sie sind soeben hier gewesen, sie sind nur auf einen Augenblick fortgegangen.
Glow. Wie, schon fort? Haben sie Geld bei dir genommen?
Icharew. Jawohl, wir haben's schon abgemacht. Jetzt handelt sich's noch um dich.
25. Auftritt
Dieselben und Alexej.
Alexej (zu Glow). Sie wünschen zu wissen, wo die Herren sind?
Glow. Jawohl.
Alexej. Die sind ja schon abgereist.
Glow. Wieso abgereist?
Alexej. So, sie hielten schon seit einer halben Stunde Wagen und Pferde bereit.
Glow (schlägt die Hände zusammen). Nun sind wir beide hineingelegt!
Icharew. Was für ein Unsinn? Ich verstehe kein Wort. Uteschitelny muß jeden Augenblick zurückkommen. Du weißt ja, daß du die ganze Schuld jetzt _mir_ bezahlen mußt. Sie haben sie mir zediert.
Glow. Ach was, Schuld? Zum Teufel! Du willst bezahlt haben? Siehst du denn nicht, daß du zum Narren gehalten und angeführt bist wie ein Gimpel?
Icharew. Was sprichst du da für einen Unsinn? Du scheinst deinen Rausch noch immer im Kopf zu haben.
Glow. Nun, wie es scheint, haben wir beide einen Rausch. Erwache doch! Glaubst du etwa, ich bin Glow? Ich bin ebensowenig Glow, wie du der Kaiser von China.
Icharew (unruhig). Aber ich bitte dich, was sprichst du da für einen Unsinn? Und dein Vater? ... und ...
Glow. Der Alte? Erstens ist er gar nicht mein Vater, und wird den Teufel Kinder haben; und zweitens heißt er auch nicht Glow, sondern Krinizin und nicht Michailo Alexandrowitsch, sondern Iwán Klímitsch; der ist von derselben Bande.
Icharew. Hör mal, sprich du im Ernst; damit treibt man keinen Spaß.
Glow. Was für einen Spaß? Ich habe mich ja selber daran beteiligt und bin ebenfalls betrogen. Sie haben mir dreitausend für meine Mühe versprochen.
Icharew (geht auf ihn zu, hitzig). He, treib keinen Spaß, sage ich dir! Du glaubst, ich bin so dumm? Und die Vollmacht, und der Fiskus? Da war doch noch soeben der Beamte aus dem Fiskus, Psoj Stachitsch Samuchrischkin. Du glaubst, ich kann ihn wohl nicht gleich herbeiholen lassen?
Glow. Erstens ist er gar kein Beamter aus dem Fiskus, sondern ein Stabskapitän a. D. von derselben Bande; und dann heißt er gar nicht Samuchrischkin, sondern Mursaféjkin und nicht Psoj Stachitsch, sondern Frol Semjónowitsch.
Icharew (verzweifelt). Und wer bist du, Teufel? sprich, wer bist du?
Glow. Wer ich bin? Ich war ein anständiger Mensch und bin durch die Not zu einem Schwindler geworden. Sie haben mir alles im Spiel abgewonnen, alles bis aufs Hemd. Was soll ich nun machen? ich will doch nicht vor Hunger sterben. Für dreitausend habe ich mich dazu hergegeben, mitzuarbeiten und dich zu beschwindeln. Ich sag' es dir gerade heraus, du siehst, ich handle vornehm.
Icharew (faßt ihn wütend am Kragen). Du Schwindler.
Alexej (für sich). Na, da kommt's, wie es scheint, gleich zu einer Rauferei, da will ich lieber verschwinden. (Ab.)
Icharew (Glow fortziehend). Komm, komm.
Glow. Wohin, wohin?
Icharew (in Wut). Wohin? zum Gericht! zum Gericht!
Glow. Aber ich bitte dich, du hast ja gar kein Recht dazu!
Icharew. Wieso, ich habe kein Recht? Stehlen, am hellichten Tage Geld wegnehmen ... in so gaunerischer Weise! Ich hätte kein Recht? Aber warte nur, im Gefängnis, in Sibirien wirst du wohl auch sagen, daß ich kein Recht habe? Warte nur, man wird eure ganze Gaunerbande noch abfassen! Ihr werdet schon sehen, was es heißt, das Vertrauen und die Ehrlichkeit gutmütiger Menschen zu hintergehen. Das Gesetz, das Gesetz, das Gesetz werde ich anrufen. (Zieht ihn fort.)
Glow. Du könntest das Gesetz ja dann anrufen, wenn du selbst nicht gesetzwidrig gehandelt hättest. Aber bedenke doch, du hast dich ja mit ihnen verbunden, um mich zu beschwindeln und mir das Geld abzugewinnen, und die Karten waren ja dein eigenes Fabrikat. Nein, Brüderchen, das ist ja eben die Sache, daß du gar kein Recht hast, zu klagen.
Icharew (schlägt sich in seiner Verzweiflung mit der Hand vor die Stirn). Zum Teufel, das ist wahr. (Fällt entkräftet auf den Stuhl, indessen eilt Glow fort). Aber solch ein teuflischer Betrug!
Glow (steckt den Kopf durch die Tür). Tröste dich, du hast es ja noch nicht so schlimm, dir bleibt ja noch die Adelaida Iwanowna! (Verschwindet).
Icharew (wütend). Hol der Teufel die Adelaida Iwanowna! (Ergreift das Kartenspiel und schleudert es gegen die Tür, einzelne Karten fliegen auf den Boden.) Da muß es nun solche Schwindler geben zum Schimpf und zur Schande der Menschheit! Aber es ist ja einfach zum Wahnsinnigwerden: Wie teuflisch war das alles durchgeführt, wie fein! Dieser Vater, dieser Sohn und dieser Beamte Samuchrischkin -- und das alles ist abgekartet, und ich kann nicht einmal klagen. (Springt vom Stuhl auf und geht erregt im Zimmer auf und ab.) Und da soll man noch den Schlauen spielen, da soll man seinen Geist, seinen Witz anstrengen, Mittel erdenken .... Nein, hol's der Teufel, es lohnt sich gar nicht, es ist des edlen Eifers, es ist der Mühe nicht wert! Da findet sich gleich in deiner Nähe ein Gauner, der dich noch übergaunert, ein Schwindler, der mit einem Male das ganze Gebäude in die Luft sprengt, an dem du jahrelang gearbeitet hast. (Mit einer ärgerlichen Handbewegung.) Zum Teufel, ist das eine schwindelhafte Welt! Nur der hat Glück, der so dumm ist wie ein Klotz, und der nichts versteht, an nichts denkt, nichts tut und mit abgenutzten Karten um einen Groschen Boston spielt!
Szenen aus einer unvollendeten Komödie
Deutsch von Alexandra Ramm
Der Morgen eines vielbeschäftigten Herrn
1. Auftritt
Ein Kabinett. Einige Schränke mit Büchern. Auf dem Tisch liegen zerstreute Papiere. Iwan Petrowitsch, ein Beamter, tritt im Schlafrock herein, reckt sich und klingelt. Im Flur hört man eine Stimme: »Sofort!« Iwan Petrowitsch klingelt zum zweiten Male; wieder dieselbe Stimme: »Sofort!« Iwan Petrowitsch klingelt ungeduldig zum dritten Male; der Diener tritt ein.
Iwan Petrowitsch. Bist du taub geworden?
Der Lakai. O nein.
Iwan Petrowitsch. Und warum hat es dir beliebt, nicht eher zu erscheinen, als bis ich zum dritten Male geklingelt habe?
Der Lakai. Wie hätte ich es anders machen können! Ich konnte doch meine Arbeit nicht wegwerfen: ich habe die Stiefel geputzt!
Iwan Petrowitsch. Und was hat Iwan getan?
Der Lakai. Iwan hat das Zimmer gefegt. Und dann ist er in den Pferdestall gegangen.
Iwan Petrowitsch. Hol mir das Hündchen her! (Der Lakai bringt das Hündchen.) Sususchka, Sususchka, ah Sususchka. Wir wollen dir jetzt ein Stückchen Papier anbinden. (Befestigt ihm ein Stückchen Papier am Schwanz.)
Ein anderer Lakai (kommt hereingelaufen). Alexander Iwanowitsch!
Iwan Petrowitsch. Bitte! (Läßt eilig das Hündchen fallen und schlägt ein Gesetzbuch auf.)
2. Auftritt
Iwan Petrowitsch und Alexander Iwanowitsch, (auch ein vielbeschäftigter Herr).
Alexander Iwanowitsch. Guten Morgen, Iwan Petrowitsch.
Iwan Petrowitsch. Nun, wie befinden Sie sich, Alexander Iwanowitsch?
Alexander Iwanowitsch. Danke sehr. Störe ich auch nicht?
Iwan Petrowitsch. Ach, ich bitte Sie. Ich bin ja immer beschäftigt. Nun -- um wieviel Uhr sind Sie nach Haus gekommen?
Alexander Iwanowitsch. So um sechs. Als ich aus der Offizierskaja herauskam, fragte ich einen Posten, an dem ich vorüberkam: »Brüderchen, hast du nicht gehört, wie spät es ist?« »Jawohl, es hat schon sechs geschlagen!« sagte er. So habe ich erfahren, daß es schon sechs Uhr war.
Iwan Petrowitsch. Denken Sie sich: ich bin auch fast um die gleiche Zeit zurückgekommen! -- Nun, denken Sie noch an das Whistchen? Hä hä hä!
Alexander Iwanowitsch. Hä hä hä! ... Ich habe sogar davon geträumt.
Iwan Petrowitsch. Hä hä hä! Ich habe immer gedacht: was soll es nur bedeuten, daß er den König ausspielt! Ich hatte die Dame und zwei kleinere Karten in Kreuz in der Hand und hatte schon längst gesehen, daß Lukian Fedossejewitsch renoncierte.
Alexander Iwanowitsch. Am längsten zog sich die achte Runde hin.
Iwan Petrowitsch. Jawohl. (Nach einer Pause.) Ich hatte Lukian Fedossejewitsch schon zugewinkt, daß er Trumpf ausspielen soll; aber nein! Und dabei hätte er nur einmal Trumpf zu bringen brauchen, und mein Pique-Junge hätte gestochen!
Alexander Iwanowitsch. Erlauben Sie, Iwan Petrowitsch, der Junge hätte nicht gestochen!
Iwan Petrowitsch. Oho! Er hätte doch gestochen!
Alexander Iwanowitsch. Er hätte nicht gestochen, weil Sie ja nie zum Anspielen gekommen wären.
Iwan Petrowitsch. Aber Sie haben ja Lukian Fedossejewitschs Pique-Sieben vergessen!
Alexander Iwanowitsch. Hatte er denn noch ein Pique? Ich kann mich gar nicht daran erinnern ...
Iwan Petrowitsch. Aber gewiß. Er hatte zwei Pique: die Vier, die er auf die Dame gegeben hatte, und eine Sieben.
Alexander Iwanowitsch. Aber nein, Iwan Petrowitsch, erlauben Sie: er konnte nicht mehr als ein Pique haben!
Iwan Petrowitsch. Aber mein Gott, Alexander Iwanowitsch, wem erzählen Sie das! Zwei Pique! Ich sehe sie noch wie jetzt vor mir: eine Vier und eine Sieben!
Alexander Iwanowitsch. Eine Vier hatte er, das stimmt -- aber keine Sieben. Dann hätte er doch Trumpf gespielt, das müssen Sie doch zugeben, er hätte dann eben Trumpf gespielt!
Iwan Petrowitsch. Bei Gott, Alexander Iwanowitsch, bei Gott!
Alexander Iwanowitsch. Nein, Iwan Petrowitsch. Es ist durchaus unmöglich.
Iwan Petrowitsch. Erlauben Sie, Alexander Iwanowitsch: wissen Sie, was das Beste ist? Wir fahren morgen zu Lukian Fedossejewitsch. Sind Sie einverstanden?
Alexander Iwanowitsch. Gut.
Iwan Petrowitsch. Fragen wir ihn selbst, ob er eine Pique Sieben in der Hand gehabt hat.
Alexander Iwanowitsch. Bitte sehr -- ich bin durchaus nicht abgeneigt. Übrigens, wenn man sich die Sache überlegt, warum spielt eigentlich Lukian Fedossejewitsch so schlecht? Man kann doch nicht sagen, daß er keinen Verstand hat. Er ist ein feiner Mann, und sein Benehmen ...
Iwan Petrowitsch. Und fügen Sie hinzu: von großen Kenntnissen! Ein Mann -- das dürfen wir unter uns wohl sagen -- wie wir nur wenige in Rußland haben. -- Waren Sie bei Sr. Exzellenz?
Alexander Iwanowitsch. Jawohl. Ich komme soeben von ihm. -- Es war etwas kalt heut morgen. Wie Ihnen wohl bekannt sein wird, habe ich die Gewohnheit, ein Wams aus Elenleder zu tragen: es ist viel angenehmer als eins von Flanell und wärmt dabei nicht so. Darum ließ ich mir den Pelz geben. Ich komme zu Sr. Exzellenz. -- Se. Exzellenz schläft noch. Nun, da habe ich gewartet. Und dann sprachen wir von diesem und jenem.
Iwan Petrowitsch. Und von mir wurde nicht gesprochen?
Alexander Iwanowitsch. Gewiß, auch von Ihnen. Und dann wurde die Unterhaltung noch sehr amüsant.
Iwan Petrowitsch (angeregt). Was, was, was?
Alexander Iwanowitsch. Erlauben Sie ... erlauben Sie, immer eins nach dem andern! Das ist eine höchst unterhaltsame Geschichte. Se. Exzellenz fragte mich unter andern, wo ich meine Zeit verbringe, da er mich so lange nicht gesehen hätte, und sprach den Wunsch aus, etwas über den gestrigen Abend und über die Anwesenden zu erfahren. Ich antwortete: »Ew. Exzellenz, es waren anwesend: Pawel Grigorjewitsch Borschtschow, Ilja Wladimirowitsch Bubunizin.« Se. Exzellenz sagt nach jedem Wort: »Hem!« Ich sagte: »Außerdem war noch ein Bekannter Ew. Exzellenz ...«
Iwan Petrowitsch. Nun, nun?
Alexander Iwanowitsch. Erlauben Sie! Und was meinen Sie wohl, sagte Se. Exzellenz darauf?
Iwan Petrowitsch. Ich weiß nicht ...
Alexander Iwanowitsch. Er sagte: »Wer könnte das sein? --« »Iwan Petrowitsch Barsukow,« antwortete ich. »Hem,« sagte Se. Exzellenz. »Das ist ein Beamter, und noch dazu ...« (Hebt die Augen empor.) Die Decken sind bei Ihnen recht nett bemalt: ist das auf Ihre Kosten geschehen, oder auf die Ihres Wirts?
Iwan Petrowitsch. Aber nein, das ist doch eine Amtswohnung!
Alexander Iwanowitsch. Sehr, sehr hübsch. Körbchen, eine Lyra, rings herum Zwiebacke, Trommeln und eine Trompete. Wirklich, sehr, sehr natürlich!
Iwan Petrowitsch (ungeduldig). Und was sagte Se. Exzellenz?
Alexander Iwanowitsch. Ach, das hätte ich richtig vergessen. Was sagte er doch noch ...?
Iwan Petrowitsch. Er sagte: »Hem! ... Das ist ein Beamter ...«
Alexander Iwanowitsch. Richtig! »Das ist ein Beamter ...« ... nun, und ... »und steht in meinem Dienst!« Nachher war die Unterhaltung nicht mehr so interessant und wandte sich gewöhnlichen Dingen zu.
Iwan Petrowitsch. Und weiter hat er nichts von mir gesagt?
Alexander Iwanowitsch. Nein.
Iwan Petrowitsch (für sich). Nun, das ist vorläufig noch nicht viel. Gott, Gott, wie wäre es, wenn er gesagt hätte: In Berücksichtigung dieser und jener Verdienste schlage ich diesen Barsukow vor ...
3. Auftritt
Die Vorigen und Schreider, der zur Tür hereinschaut.
Iwan Petrowitsch. Kommen Sie herein, kommen Sie herein, es macht nichts, bitte kommen Sie nur her: Was ist das? Ein Rapport?
Schreider. Wollen Sie freundlichst unterschreiben. Hier ist eine Meldung an den Cameralhof, und das ist ein Rapport an den Verwalter.
Iwan Petrowitsch (liest inzwischen). ... dem Herrn Verwalter ... Was ist das! Sie haben ja nicht überall gleichen Rand gelassen? Was soll das? Wissen Sie, daß man Sie dafür mit Arrest bestrafen kann? (Wirft ihm einen bedeutungsvollen Blick zu).
Schreider. Ich habe es Iwan Iwanowitsch gesagt: aber er hat geantwortet, der Minister werde auf solche Lappalien nicht achten.
Iwan Petrowitsch. Lappalien! Iwan Iwanowitsch hat gut reden! Ich selber denke ja auch so: der Minister wird das wirklich nicht beachten! Aber wenn es ihm nun plötzlich doch einfällt?
Schreider. Man kann es ja abschreiben; nur wird es dann zu spät werden. Aber da Sie selbst zu sagen belieben, daß der Minister es nicht beachten wird ...
Iwan Petrowitsch. Natürlich. Das ist ja alles sehr richtig. Ich bin durchaus mit Ihnen einverstanden, er wird sich mit solchen Kleinigkeiten nicht abgeben. Aber setzen Sie den Fall, daß es ihm doch einfällt. Ich will doch mal sehen, wie groß der Raum ist, den man für den Rand gelassen hat ...?
Schreider. Wenn es so ist, werde ich es sofort abschreiben.
Iwan Petrowitsch. Ja eben »wenn es so ist«. Ich spreche ja nur mit Ihnen, weil Sie Universitätsbildung haben. Bei einem andern würde ich kein Wort verlieren.
Schreider. Ich habe es mir nur erlaubt, weil der Herr Minister ...
Iwan Petrowitsch. Gestatten Sie! Gestatten Sie: Das ist vollkommen richtig: ich bin ja auf ein Haar mit Ihnen einig. Gewiß, der Minister wird es nie beachten! er wird sich gar nicht darum kümmern. Aber wenn es ihm plötzlich doch ... was dann?
Schreider. Ich werde es abschreiben. (Entfernt sich.)
4. Auftritt
Iwan Petrowitsch (zuckt die Achseln und wendet sich an Alexander Iwanowitsch). Das hat immer noch Wind im Kopfe! Sonst ein anständiger junger Mann, erst vor kurzem von der Universität gekommen, aber hier (zeigt auf die Stirn) rein gar nichts. Sie können sich keine Vorstellung machen, verehrtester Alexander Iwanowitsch, wieviel Mühe es mir gekostet hat, das alles in Ordnung zu bringen. Sie hätten nur sehen sollen, in welchem Zustand ich meinen Posten übernommen habe! Denken Sie sich -- kein Kanzleibeamter konnte einen ordentlichen Buchstaben schreiben! Man mußte es mit ansehen, wie der eine das »An« auf die falsche Zeile brachte und wie der andere auf der ersten Zeile »Dur« und auf der andern »chlaucht« schrieb. Mit einem Wort: es war entsetzlich! Eine babylonische Verwirrung! Und schauen Sie sich jetzt einmal die Akten an: alles ist schön und gut! Das Herz freut sich, die Seele triumphiert! Und eine Ordnung -- alles ist an seinem Platz!
Alexander Iwanowitsch. Man kann also sagen, daß Sie sich Ihren Rang mit Schweiß und Blut erworben haben!
Iwan Petrowitsch (seufzend). Jawohl! Mit Schweiß und Blut! Aber was soll ich machen, ich habe nun einmal so einen Charakter! Was wäre ich nicht alles geworden, wenn ich mich nur darum bemüht hätte! Auf meiner Brust wäre kein Platz mehr für die Orden! Aber was soll ich machen? Ich kann nun einmal nicht anders handeln. So nebenbei werde ich ja schon ein paar Andeutungen und Anspielungen fallen lassen, aber geradeheraus etwas fordern, unmittelbar etwas für mich erbitten -- nein, das ist meine Sache nicht! Andere steigen fortwährend im Rang -- ich dagegen habe nun einmal so einen Charakter: zu allem kann ich mich herbeilassen, aber niemals zu einer Ungerechtigkeit! (Seufzt.) Nur eins möchte ich jetzt: wenn ich doch einen kleinen Orden ins Knopfloch kriegen könnte! Nicht, weil ich ein besonderes Interesse daran hätte, sondern nur darum, damit man merkt, daß meine Vorgesetzten mir einige Aufmerksamkeit schenken. Ich möchte Sie bitten, Alexander Iwanowitsch, seien Sie so hochherzig, machen Sie doch bei Gelegenheit, natürlich so ganz nebenbei, Sr. Exzellenz gegenüber eine Anspielung, daß bei Barsukow in der Kanzlei eine Ordnung herrscht, wie Sie sie selten gefunden haben, oder doch irgend etwas ähnliches.
Alexander Iwanowitsch. Mit dem größten Vergnügen, sowie sich eine Gelegenheit bietet ...
5. Auftritt
Die Vorigen und Katerina Alexandrowna. Iwan Petrowitschs Frau.
Katerina Alexandrowna (erblickt Alexander Iwanowitsch). Ah! Alexander Iwanowitsch! Mein Gott, wie lange wir uns nicht gesehen haben! Sie haben mich ganz vergessen! Wie geht es Natalia Fominischna!
Alexander Iwanowitsch. Gottseidank! Übrigens kränkelt sie seit einer Woche.
Katerina Alexandrowna. Aeh!
Alexander Iwanowitsch. Sie leidet an Stichen und Beklemmungen in der Magengrube. Der Arzt hat ihr ein Abführungsmittel und heiße Kompressen von Kamillentee und Salmiakgeist verschrieben.
Katerina Alexandrowna. Versuchen Sie es doch mit einem homöopathischen Mittel.
Iwan Petrowitsch. Da du gerade von Homöopathie sprichst -- es ist wirklich merkwürdig, wenn man bedenkt, wie weit man es jetzt mit der Aufklärung gebracht hat, Katerina Alexandrowna. Ich war vor kurzem in einer Vorstellung. Und was glauben Sie? Ein Bengel, wie soll ich euch sagen, so groß (zeigt mit der Hand) und etwa drei Jahr alt, nicht mehr -- ihr hättet sehen müssen, wie der auf einem ganz dünnen Seil tanzte! Ich versichere Ihnen, im Ernst, der Atem stockte einem vor Angst!
Alexander Iwanowitsch. Die Melas singt wirklich sehr schön.
Iwan Petrowitsch (bedeutungsvoll). Die Melas? O ja. Mit vielem Gefühl!
Alexander Iwanowitsch. Ausgezeichnet.
Iwan Petrowitsch. Haben Sie bemerkt, wie geschickt sie das ... nimmt ... (beschreibt mit der Hand Kreise vor den Augen).
Alexander Iwanowitsch. Jawohl, besonders das macht sie ganz wundervoll. -- Doch es ist gleich zwei Uhr.
Iwan Petrowitsch. Wie! Wollen Sie schon gehen, Alexander Iwanowitsch?
Alexander Iwanowitsch. Es ist Zeit. Ich muß heut vormittag noch an ungefähr drei Stellen sein.
Iwan Petrowitsch. Nun, dann auf Wiedersehn. Wann sehen wir uns? Richtig, ich hab fast vergessen: morgen sind wir doch bei Lukian Fedossejewitsch?
Alexander Iwanowitsch. Ganz bestimmt. (Sie verabschieden sich.)
Katerina Alexandrowna. Leben Sie wohl, Alexander Iwanowitsch.
Alexander Iwanowitsch (in der Garderobe, während er sich den Pelz umlegt). Ich kann diese Art Menschen nicht ausstehen! Das tut nichts, wird nur immer fetter und stellt sich, als wäre er dies und jenes, als hätte es dies getan und jenes verbessert -- die leibhaftige Tugend! Und welche Ansprüche das macht! Einen Orden! Und er wird ihn auch bekommen! Ja, er wird ihn bekommen -- dieser Gauner! Er wird ihn bekommen! Solche Menschen haben ja immer Erfolg! Und ich? Hä? Fünf Jahre bin ich länger im Dienst und bis jetzt noch nicht einmal für einen Orden vorgeschlagen? Pfui, was für eine ekelhafte Physiognomie? Und dazu entwickelt er noch zarte Gefühle: er will ja gar nichts so besonderes, nur damit man merkt, daß seine Vorgesetzten ihm einige Aufmerksamkeit erweisen. Und er bittet mich noch, daß ich ein Wort für ihn einlegen soll! Da sind Sie an den Richtigen gekommen, Verehrtester! Ich werde ihm schon einen Dienst erweisen! Nein, mein Bester, du sollst keinen Orden bekommen! Keinen! Keinen!! (Klopft einige Male wie zur Bestätigung mit der Faust auf die Handfläche und entfernt sich.)
Der Prozeß.
1. Auftritt
Ein Kabinett.