Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke

Part 19

Chapter 193,770 wordsPublic domain

Uteschitelny. So, bravo! Kellner, Champagner! Bemerken Sie, meine Herren, wie er schon heute etwas vom Husaren an sich hat. Nein, dein Vater, gestatte bitte das harte Wort, ist ein großes Viech. Du mußt schon verzeihen, wir sind ja auf »du«. Wie konnte er nur so einen famosen Kerl in den Tintendienst stecken wollen! Nun, Bruder, findet die Hochzeit deiner Schwester bald statt?

Glow. Hol's der Teufel mit der Hochzeit! Ich bin furchtbar ärgerlich, daß der Vater mich deswegen drei Monate auf dem Dorfe festgehalten hat!

Uteschitelny. Hör mal, ist deine Schwester hübsch?

Glow. So hübsch ... Wenn sie nicht meine Schwester wäre, dann würde ich's ihr schon zeigen.

Uteschitelny. Bravo, bravo, Husar, da sieht man gleich den Husaren! Nun hör mal, würdest du mir helfen, wenn ich sie entführen wollte?

Glow. Warum denn nicht? Gewiß würde ich dir helfen.

Uteschitelny. Bravo, Husar! Das ist ein richtiger Husar, zum Teufel! Kellner, Champagner! Das ist mein wahrer Geschmack, solche offenherzigen Menschen habe ich gern! Warte mal, meine Seele, laß dich umarmen!

Schwochnew. Laß mich ihn auch umarmen. (Umarmt ihn.)

Icharew. Auch ich! (Umarmt ihn.)

Krugel. Nun, wenn's so ist, dann werde auch ich ihn umarmen. (Umarmt ihn. Alexej bringt eine Flasche, den Korken mit den Fingern festhaltend, der knallend an die Decke fliegt. Er füllt die Gläser.)

Uteschitelny. Meine Herren, auf das Wohl des künftigen Husaren! Möge er der erste Haudegen, der erste Kurschneider, der erste Säufer, kurz, möge er alles mögliche werden!

Alle. Möge er alles mögliche werden! (Trinken.)

Glow. Auf das Wohl des gesamten Husarentums! (Erhebt das Glas.)

Alle. Auf das Wohl des gesamten Husarentums! (Trinken.)

Uteschitelny. Meine Herren, man muß ihn jetzt schon in alle Husarenbräuche einweihen. Wie Sie sehen, trinkt er schon leidlich gut, aber das ist ja 'ne Kleinigkeit. Man muß dazu auch noch ein rechter Kartenspieler werden. Spielst du Bank?

Glow. Ich möchte schon recht gerne spielen, ich möchte furchtbar gern, aber ich habe kein Geld.

Uteschitelny. Das ist Unsinn, kein Geld! Man braucht nur etwas zu haben, um sich an den Spieltisch zu setzen, dann kommen die Gelder schon, du wirst ja gewinnen.

Glow. Man muß doch aber was haben, um anzufangen.

Uteschitelny. Ah, wir werden dir's kreditieren. Du hast ja eine Vollmacht auf die Gelder vom Fiskus. Wir können ja warten. Wenn du sie bekommst, so wirst du uns sofort bezahlen, bis dahin kannst du uns ja einen Wechsel geben. Übrigens, was sage ich da: als ob du unbedingt verlieren müßtest! Du kannst ja sofort einige Tausend in bar gewinnen.

Glow. Wenn ich aber verliere?

Uteschitelny. Schäme dich, was bist du denn für ein Husar! Natürlich, eins von beiden: entweder gewinnst du, oder du verlierst. Aber darin besteht ja die ganze Sache, in dem Risiko liegt ja die Haupttugend. Nicht riskieren kann ja jeder. Aufs Gewisse hin würde auch eine Beamtenseele es wagen und ein Jude eine Festung bestürmen.

Glow. Hol's der Teufel! Wenn's so ist, dann spiele ich, was soll ich mir da noch aus dem Vater machen!

Uteschitelny. Bravo, Junker! Kellner! Karten! (Schenkt ihm ein.) Was braucht man denn hauptsächlich? Man braucht Kühnheit, Kraft. Nun gut, meine Herren, ich werde eine kleine Bank von fünfundzwanzig Tausend halten. (Gibt Karten nach rechts und links.) Nun, Husar? Und du, Schwochnew, was setzt du? (Gibt.) Wie sonderbar die Karten fallen! Höchst interessant das zu berechnen! Der Bube ist geschlagen, die Zehn hat gestochen. Was hast du da, sieh mal nach. Auch die Vier hat geschlagen, was? Ah, Husar, Husar! Ist das ein Husar! Bemerkst du, Icharew, wie er schon die Einsätze großartig erhöht? Und das As kommt noch immer nicht heraus. Schwochnew, warum schenkst du ihm nicht ein? Da, da, da ist das As! Da hat Krugel auch schon was geholt, der Deutsche hat immer Schwein! Die Vier hat gewonnen. Ah, bravo, bravo, Husar! Hörst du's, Schwochnew? Der Husar hat schon beinahe fünftausend gewonnen.

Glow (biegt die Karte um). Hol's der Teufel! Paroli! Da ist schon wieder die Zehn auf dem Tisch. Die gilt auch, und noch fünfhundert Rubel Einsatz!

Uteschitelny (weitergebend). Ah, bravo, Husar! Die Sieben ist geschla-- -- ach nein, zum Teufel! Wieder _pliez_! Wieder _pliez_! Ah, nun hat der Husar verloren. Na, Liebster, was ist da zu machen? Nicht jeder hat eine Marie zur Frau, das kommt so, wie's Gott gibt! Krugel, hör doch auf, zu rechnen, setze doch die, welche du gezogen hast. Bravo, da hat der Husar wieder gewonnen. Warum gratuliert ihr ihm nicht? (Alle trinken und gratulieren ihm, indem sie mit den Gläsern anstoßen.) Man sagt, Pique-Dame verrät einen immer, aber ich kann's nicht behaupten. Erinnerst du dich, Schwochnew? Deine Brünette, die du Pique-Dame genannt hast? Was macht die jetzt, die Liebste? Die ist wohl ganz außer Rand und Band? Krugel, deine ist geschlagen! (Zu Icharew.) Und auch deine ist geschlagen! Schwochnew, deine ist auch geschlagen, der Husar ist auch kaputt.

Glow. Hol's der Teufel! _Va banque!_

Uteschitelny. Bravo, Husar! Das ist die richtige Husarenschneidigkeit! Weißt du, Schwochnew, daß das eigentliche Gefühl doch stets herauskommt? Bis jetzt sah man immer schon, daß er einmal ein Husar sein wird, nun aber sieht man, daß er auch schon jetzt ein Husar ist. Das ist so die Natur! Der Husar ist wieder geschlagen!

Glow. _Va banque!_

Uteschitelny. Bravo, Husar! Auf alle fünfzigtausend! Das nennt man Seelengröße! Na, such doch mal, wo findest du so einen Zug. Das ist ja eine wahre Heldentat! Der Husar ist wieder geschlagen!

Glow. _Va banque!_ Hol's der Teufel! _Va banque!_

Uteschitelny. Oho, Husar, auf hunderttausend! Was? Und die Äuglein, die Äuglein! Merkst du's Schwochnew, wie seine Äuglein brennen? Er hat etwas von einem Barklai de Tolly. Das ist etwas Heroisches! Der König ist noch immer nicht da! Hier hast du die Karo-Dame, Schwochnew. Da, hier, Deutscher, friß die Sieben! _Routé_, unbedingt _routé_! Der König scheint gar nicht im Spiel zu sein. Wahrhaftig, das ist sogar sonderbar. Ah, da ist er, da ist er. Wieder ist der Husar geschlagen!

Glow (hitzig). _Va banque!_ Hol's der Teufel! _Va banque!_

Uteschitelny. Nein, Bruder, halt! Du hast jetzt schon zweihunderttausend verloren. Erst zahlen, ohne das kann man kein weiteres Spiel anfangen. Soviel können wir dir nicht kreditieren!

Glow. Aber wo soll ich's denn hernehmen? Ich hab' ja jetzt kein Geld!

Uteschitelny. So gib uns einen Wechsel! Unterschreibe!

Glow. Bitte, ich bin bereit! (Nimmt die Feder.)

Uteschitelny. Und gib uns auch die Vollmacht auf die Gelder heraus.

Glow. Hier habt ihr auch die Vollmacht!

Uteschitelny. Jetzt unterschreibe dies, und dann auch dies! (Gibt ihm etwas zu unterschreiben.)

Glow. Bitte, ich bin bereit, alles zu tun. Hier habe ich unterschrieben. Jetzt wollen wir weiterspielen.

Uteschitelny. Nein, Liebster, warte, erst mußt du das Geld vorzeigen!

Glow. Ich werd's euch doch bezahlen, seid nur ganz ruhig!

Uteschitelny. Nein, Bruder, erst das Geld auf den Tisch!

Glow. Was ist denn das? Das ist ja die reinste Niedertracht!

Krugel. Nein, das ist keine Niedertracht.

Icharew. Nein, das ist eine ganz andere Sache, die Chancen sind ja nicht gleich.

Schwochnew. Auf die Weise wirst du dich hinsetzen, um uns das Geld abzugewinnen. Das kennt man: wer sich ohne Geld zum Spiel hinsetzt, der setzt sich hin, um sicher zu gewinnen.

Glow. Was wollt ihr denn? Fordert doch beliebige Zinsen, ich bin zu allem bereit. Ich werde euch doppelt bezahlen!

Uteschitelny. Was machen wir uns aus deinen Zinsen, Liebster? Wir sind selber bereit, beliebige Zinsen zu zahlen, aber borg uns erst Geld.

Glow (verzweifelt und entschlossen). So sagt doch euer letztes Wort: wollt ihr spielen?

Schwochnew. Bring Geld, und wir wollen gleich spielen.

Glow (eine Pistole aus der Tasche herausholend). Nun, dann lebt wohl, meine Herren! Ihr werdet mich auf dieser Welt nicht mehr wiedersehen! (Schnell ab mit der Pistole.)

Uteschitelny. Du, du, bist du verrückt? Man muß ihm nach! In der Tat, er könnte sich ja noch erschießen! (Schnell ab.)

17. Auftritt

Schwochnew, Krugel und Icharew.

Icharew. Das gibt noch eine Geschichte, wenn dieser Teufel sich erschießt.

Schwochnew. Hol ihn der Teufel, mag er sich erschießen, nur nicht jetzt, denn noch sind die Gelder nicht in unseren Händen; das ist das Schlimme.

Krugel. Ich befürchte alles. Es ist ja auch möglich ...

18. Auftritt

Dieselben, Uteschitelny und Glow.

Uteschitelny (faßt Glow bei der Hand, in der er die Pistole hält). Was ist mit dir, was ist mit dir, Bruder? Bist du verrückt? Hören Sie, hören Sie doch, meine Herren? Er hatte schon die Pistole in den Mund gesteckt. He, schäm dich!

Alle (an ihn herantretend). Du, du ... Um Gottes willen, was ist mit dir?

Schwochnew. Und dabei ist er so'n gescheiter Mensch; und wegen so einer Lappalie will er sich erschießen!

Icharew. Auf diese Weise müßte sich ja ganz Rußland erschießen: Jeder hat verspielt oder hat doch die Absicht, zu verspielen. Wenn das nicht wäre, so könnte man ja auch nicht gewinnen, das mußt du doch selber bedenken!

Uteschitelny. Du bist einfach ein Dummkopf, laß dir's sagen. Du kennst dein eigenes Glück nicht. Fühlst du denn nicht, daß du gewonnen hast, indem du verloren hast?

Glow (ärgerlich). Ihr haltet mich wirklich für einen Dummkopf. Was ist denn da für ein Gewinn, zweihunderttausend zu verlieren! Der Teufel auch!

Uteschitelny. Ei, du Einfaltspinsel, weißt du denn nicht, was für einen Ruhm du dir im Regiment erwirbst? Hörst du, eine Kleinigkeit: noch nicht Junker sein und zweihunderttausend verlieren! Die Husaren werden dich ja auf den Händen tragen!

Glow (ermuntert sich). Was denkt ihr denn? Werde ich denn nicht den Mut haben, auf das alles zu pfeifen, wenn es so weit ist? Hol's der Teufel! Es lebe das Husarentum!

Uteschitelny. Bravo, es leben die Husaren! Teremtete! Champagner! (Man bringt ein paar Flaschen.)

Glow (das Glas in der Hand). Es leben die Husaren!

Icharew. Es leben die Husaren! Hol's der Teufel!

Schwochnew. Teremtete! Es leben die Husaren!

Glow. Ich pfeife auf alles, wenn es so ist. (Stellt das Glas auf den Tisch.) Aber das eine ist schlimm, wie komme ich nach Hause? Mein Vater! Mein Vater! (Faßt sich beim Haar.)

Uteschitelny. Wozu willst du denn zum Vater? Ist ja gar nicht nötig!

Glow (ihn verwundert anglotzend). Wieso?

Uteschitelny. Du kannst ja von hier direkt ins Regiment fahren! Wir geben dir was zur Equipierung. Liebster Schwochnew, wir müssen ihm jetzt zweihundert Rubel geben, mag der Junker sich etwas amüsieren. Ich hab's schon bemerkt, er hat so 'ne Brünette, was?

Glow. Hol's der Teufel! Ich laufe gleich zu ihr, und werde sie im Sturme nehmen!

Uteschitelny. Ist das ein Husar, was? Schwochnew, hast du nicht zweihundert Rubel bei dir?

Icharew. Ich werde ihm schon was geben, mag er sich ordentlich amüsieren! (Glow nimmt das Papiergeld und fuchtelt damit in der Luft herum.)

Alle. Champagner! (Man bringt die Flaschen.)

Glow. Es leben die Husaren!

Uteschitelny. Sie leben hoch! Weißt du, Schwochnew, was mir jetzt eingefallen ist? Wir wollen ihn auf die Hände nehmen und in die Höhe werfen, wie man es bei uns im Regiment tat. Nun, antreten! faßt ihn an! (Alle treten an ihn heran, fassen ihn an den Händen und Füßen, wiegen ihn auf und ab und singen dabei nach der bekannten Melodie das bekannte Lied:)

Herzlich lieben wir dich allesamt, Bleibe unser Haupt du immerdar, Unsre Herzen sind für dich entflammt, Wir sind deine treue Kinderschar!

Glow (mit erhobenem Glas). Hurrah!

Alle. Hurrah! (lassen ihn auf die Erde hinab).

Glow (wirft das Glas zu Boden, alle zerschlagen ebenfalls ihre Gläser, die einen mit dem Stiefelabsatz, die anderen direkt am Boden). Ich gehe gleich zu ihr.

Uteschitelny. Können wir nicht auch mit, wie?

Glow. Nein, niemand soll ..., und wenn jemand ... so geht's auf Säbel.

Uteschitelny. Ach, ist das ein Haudegen, was? Eifersüchtig und streitsüchtig wie ein Teufel. Ich glaube, meine Herren, daß aus ihm noch ein richtiger Kampfhahn wird. Nun adieu, leb wohl, Husar, wir halten dich nicht weiter auf.

Glow. Adieu!

Schwochnew. Komm und erzähl uns nachher! (Glow ab).

19. Auftritt.

Dieselben ohne Glow.

Uteschitelny. Man muß ihn sanft behandeln, so lange das Geld noch nicht in unsern Händen ist. Aber dann hol ihn der Teufel!

Schwochnew. Ich fürchte nur eins, daß sich die Sache mit der Herausgabe der Gelder vom Fiskus lange hinziehen könnte.

Uteschitelny. Ja, das wäre sehr schlimm. Übrigens meine Herren, wie ihr wißt, gibt's ja zu diesem Zweck Antreiber. Wie dem auch sein mag, wir werden schon diesem oder jenem etwas Geld in die Hände stecken müssen; der Ordnung halber.

20. Auftritt.

Dieselben und der Beamte Samuchrischkin; er ist mit einem etwas schäbigen Frack bekleidet und steckt den Kopf durch die Tür.

Samuchrischkin. Gestatten Sie die Frage, ist hier Glow, Alexander Michailowitsch Glow?

Schwochnew. Nein, er ist eben fortgegangen. Was wünschen Sie denn?

Samuchrischkin. Ich komme in Geschäften wegen der Herausgabe der Gelder.

Uteschitelny. Wer sind Sie denn?

Samuchrischkin. Ich bin ein Beamter aus dem Fiskus.

Uteschitelny. Ah, bitte sehr, bitte gehorsamst, Platz zu nehmen. Für diese Sache haben wir alle das lebhafteste Interesse, um so mehr, als wir freundschaftliche Abmachungen mit Alexander Michailowitsch abgeschlossen haben. Deshalb werden Sie begreifen, daß Sie von ihm und von ihm und von ihm (zeigt mit den Fingern auf alle) den aufrichtigsten Dank zu gewärtigen haben. Es handelt sich nur darum, daß man die Gelder aus dem Fiskus möglichst schnell erhalte.

Samuchrischkin. Wie Sie wollen, vor zwei Wochen geht's nicht.

Uteschitelny. Nein, das ist aber furchtbar lang. Sie vergessen ja, daß wir uns unsererseits bedanken ...

Samuchrischkin. Das versteht sich ja von selbst, es wird alles angenommen: wie könnte ich das vergessen? Wir sprechen auch deshalb von zwei Wochen, sonst würden wir Ihnen vielleicht drei Monate lang zu schaffen machen. Das Geld wird bei uns nicht vor anderthalb Wochen eintreffen, und augenblicklich haben wir im ganzen Amt auch nicht eine Kopeke. In der vorigen Woche haben wir hundertundfünfzigtausend erhalten, die haben wir aber alle ausgegeben. Jetzt warten noch drei Gutsbesitzer auf Geld, die bereits im Februar ihre Güter verpfändet haben.

Uteschitelny. Nun, das gilt für andere. Für uns aber machen Sie es aus Freundschaft. Wir müssen uns etwas näher kennen lernen. Nun ja, wir stehen einander doch nahe. Ja, wie heißen Sie gleich? Fentafléj Perpéntitsch, nicht?

Samuchrischkin. Psoj Stáchitsch.

Uteschitelny. Nun, das ist ja fast dasselbe. Also hören Sie, Psoj Stachitsch. Seien wir wie alte Freunde. Nun wie steht's, wie gehen die Geschäfte? Wie ist Ihr Dienst?

Samuchrischkin. Ja, wie soll denn der Dienst sein? Wie gewöhnlich: Man dient eben.

Uteschitelny. Nun, und wie ist es mit den verschiedenen Einkünften, verstehen Sie? Sagen wir einfach, nehmen Sie viel Geschenke?

Samuchrischkin. Aber ich bitte Sie: natürlich, wovon soll man denn leben?

Uteschitelny. Nun sagen Sie mal ganz aufrichtig, wie ist es bei Ihnen im Amt: Greifen alle zu?

Samuchrischkin. Ach Gott, nun lachen Sie auch, wie ich sehe. Ach, meine Herren! ... Sehen Sie mal: auch die Herren Schriftsteller, die lachen alle über die, die sich bestechen lassen; aber wenn man genauer zusieht, so lassen sich auch andere Leute bestechen, die besser als wir zu sein scheinen. Z. B. Sie meine Herren, Sie haben nur einen vornehmeren Namen dafür erfunden. Eine Spende für wohltätige Zwecke oder so was. Weiß der Himmel, wie das heißt. Aber sieht man genauer zu, so ist's in Wirklichkeit dieselbe Bestechung: wie sagt man doch, dieselbe Couleur in grün.

Uteschitelny. Wie ich sehe, fühlt sich unser Psoj Stachitsch gekränkt. So ist es, wenn man dem Ehrgefühl zu nahe tritt.

Samuchrischkin. Ja, das Ehrgefühl ist eine kitzlige Sache, das wissen Sie wohl selber. Aber ich bin gar nicht böse. Ich habe schon ein langes Leben hinter mir, Väterchen.

Schwochnew. Schon gut, wir wollen ganz freundschaftlich miteinander sprechen, Psoj Stachitsch. Wie steht's mit Ihnen, was machen Sie, wie geht's bei Ihnen? Wie schlagen Sie sich in der Welt durch? Haben Sie ein Frauchen und Kinderchen?

Samuchrischkin. Gott sei Dank, Gott hat mich gesegnet. Zwei Jungens besuchen schon die Kreisschule, die zwei anderen sind noch etwas jünger. Einer läuft noch im Hemdchen rum und der andere kriecht noch auf allen Vieren.

Uteschitelny. Nun, und sie können wohl alle mit den Händchen schon so machen, glaub ich. (Zeigt mit der Hand, wie man Geld nimmt.)

Samuchrischkin. Ach bitte, meine Herren, sind Sie aber! Sie fangen schon wieder an.

Uteschitelny. Nun, nun, schon gut, Psoj Stachitsch. Das geschieht ja alles aus Freundschaft. Was ist denn nun dabei, wir sind ja unter uns. Heda, ein Champagnerglas für Psoj Stachitsch. Wir müssen ja jetzt gute Freunde sein. Wir wollen Sie auch bald mal besuchen.

Samuchrischkin (nimmt das Glas). Ah, bitte schön, meine Herren, Sie sollen herzlich willkommen sein! Ich kann Ihnen aufrichtig sagen, einen solchen Tee wie Sie ihn bei mir trinken werden, finden Sie nicht einmal beim Gouverneur.

Uteschitelny. Natürlich ein Geschenk vom Kaufmann?

Samuchrischkin. Jawohl, vom Kaufmann, direkt aus Kjachta bezogen.

Uteschitelny. Aber wie ist denn das, Psoj Stachitsch, Sie haben ja gar keine amtlichen Beziehungen zu den Kaufleuten.

Samuchrischkin (trinkt das Glas aus und stützt sich mit den Händen auf die Knie). Die Sache ist nämlich so. Der Kaufmann hat eigentlich nur aus Dummheit blechen müssen. Der Gutsbesitzer Frakassow, wenn Sie den vielleicht kennen, nimmt eine Hypothek auf sein Gut auf, alles ist abgemacht, wie sich's gehört, und am nächsten Tag soll er das Geld bekommen. Er plant die Errichtung irgendeiner Fabrik halbpart mit dem Kaufmann. Nun, Sie begreifen wohl, uns geht es ja gar nichts an, ob das Geld für eine Fabrik verwendet wird oder für etwas anderes, und wessen Kompagnon er ist, das ist gar nicht unsere Sache. Aber der Kaufmann plappert aus Dummheit in der Stadt herum, daß er mit dem Gutsbesitzer halbpart ein Kompagnie-Geschäft abgeschlossen hat und von ihm von Stunde zu Stunde Geld erwartet. Da ließen wir dem Kaufmann sagen: wenn er uns zweitausend schickt, so wird das Geld gleich ausgezahlt, wenn nicht, so kann er lange warten. Indessen aber, verstehen Sie wohl, sind ihm schon die Kessel und die andern Gerätschaften für die Fabrik gebracht worden, und man wartet bloß noch auf das Handgeld. Der Kaufmann sieht -- die Sache ist schlimm, er bezahlt seine zweitausend und jedem von uns noch drei Pfund Tee. Man wird vielleicht sagen, das ist Bestechung, aber es geschieht ihm doch recht. Warum ist er so dumm, wer hat ihn denn zum Reden gezwungen; er hätte doch seiner Zunge Halt gebieten können.

Uteschitelny. Hören Sie mal, Psoj Stachitsch, bitte erledigen Sie doch unser Geschäftchen, wir werden Ihnen schon was geben, und Sie machen es mit Ihrem Vorgesetzten ab, wie sich's gehört. Nur um Gottes Willen möglichst schnell, Psoj Stachitsch, wie?

Samuchrischkin. Wir werden uns schon Mühe geben. (Steht auf.) Aber ich will Ihnen ganz offen sagen, so schnell, wie Sie wollen, geht es nicht. Bei Gott, bei uns im Amt ist keine Kopeke vorhanden, aber ich will mir schon Mühe geben.

Uteschitelny. Nun, und wie soll ich nach Ihnen fragen?

Samuchrischkin. Fragen Sie ganz einfach nach Psoj Stachitsch Samuchrischkin. Auf Wiedersehen, meine Herren! (Geht zur Tür).

Schwochnew. Psoj Stachitsch, bitte Psoj Stachitsch, (sieht sich um) sehen Sie doch zu.

Uteschitelny. Psoj Stachitsch, bitte Psoj Stachitsch, helfen Sie recht schnell.

Samuchrischkin. Ich habe ja schon gesagt, ich werde mir Mühe geben.

Uteschitelny. Zum Henker, das dauert aber lange, (schlägt sich mit der Hand vor die Stirn) nein, ich will ihm nachgehen, vielleicht erreiche ich etwas, ich werde kein Geld sparen, hol ihn der Teufel, ich werde ihm dreitausend von meinem Geld geben. (Schnell ab).

21. Auftritt

Schwochnew, Krugel, Icharew.

Icharew. Natürlich wäre es besser, das Geld möglichst bald zu bekommen.

Schwochnew. Und wie dringend nötig wir es haben, wie dringend nötig!

Krugel. Ach, wenn er ihn nur herumkriegen könnte.

Icharew. Wie, sind denn etwa Ihre Angelegenheiten ...

22. Auftritt

Dieselben und Uteschitelny.

Uteschitelny (tritt ein, verzweifelt). Zum Teufel, früher als in vier Tagen kann er es keinesfalls machen, ich möchte mir den Kopf an der Wand zerschellen.

Icharew. Warum hast du denn nur solche Eile, kannst du denn nicht noch vier Tage warten?

Schwochnew. Das ist es ja, Liebster, das ist für uns viel zu wichtig.

Uteschitelny. Warten? Weißt du denn, daß man uns stündlich in Nischni-Nowgorod erwartet? Wir haben es dir noch nicht erzählt. Schon vor vier Tagen haben wir die Meldung bekommen, wir müßten eiligst dahin und sollten unter allen Umständen etwas Geld mitbringen. Ein Kaufmann hat da für sechshunderttausend Rubel Eisen mitgebracht. Dienstag ist die endgültige Abmachung, und das Geld wird ihm bar ausgezahlt; und gestern ist ein anderer mit Flachs für eine halbe Million angekommen.

Icharew. Nun, was ist denn dabei?

Uteschitelny. Wieso, was ist denn dabei? Die Alten sind doch zu Hause geblieben, und haben an ihrer Stelle ihre Söhne hingeschickt.

Icharew. Ob aber die Söhne auch ganz bestimmt spielen werden?

Uteschitelny. Aber wo lebst du bloß? Etwa in China? Weißt du denn nicht, wie diese Kaufmannssöhnchen sind? Der Kaufmann erzieht ja seinen Sohn derart, daß er entweder gar nichts weiß, oder nur das weiß, was ein Adliger und nicht was ein Kaufmann zu wissen braucht. Natürlich ist auch das Söhnchen danach: spaziert am Arm mit Offizieren, und bummelt herum. Das ist für uns die einträglichste Kundschaft, mein Liebster. Diese Schafsköpfe wissen nicht, daß sie für jeden Rubel, den sie uns abschwindeln, tausend bezahlen. Jawohl, das ist unser Glück, daß der Kaufmann nur daran denkt, seine Töchter mit einem General zu verheiraten und dem Sohne Rang und Titel zu verschaffen.

Icharew. Und sind das auch sichere Sachen?

Uteschitelny. Ob es sichere Sachen sind! Man würde uns doch nicht benachrichtigt haben. Es ist fast alles in unsern Händen, jede Minute ist jetzt teuer.

Icharew. Ach, zum Teufel, was sitzen wir denn hier. Meine Herren, wir haben ja abgemacht, gemeinschaftlich zu arbeiten.

Uteschitelny. Gewiß, das ist auch unser Vorteil. Hör mal, was mir eingefallen ist. Du brauchst ja vorläufig nicht zu eilen. Du hast jetzt achtzigtausend in barem Geld. Gib uns das Geld und nimm Glows Wechsel von uns, du bekommst sicher hundertfünfzigtausend, also das Doppelte, und uns würdest du noch gar einen Dienst erweisen. Denn wir brauchen jetzt das Geld so sehr, das wir mit Freuden das Dreifache für jede Kopeke zu zahlen bereit sind.

Icharew. Sehr gern, warum nicht: um Ihnen zu beweisen, daß die Freundschaft ... (Geht an die Kassette und nimmt einen Haufen Geldscheine hervor.) Hier habt ihr achtzigtausend.

Uteschitelny. Und hier hast du die Wechsel. Jetzt eile ich gleich zu Glow, ich will ihn herbeiholen und alle Formalitäten erledigen. Krugel, bring das Geld auf mein Zimmer. Hier hast du den Schlüssel zu meiner Kassette. (Krugel ab.) Ach, wenn wir es einrichten könnten, daß wir heute abend abreisen können! (Ab.)

Icharew. Natürlich, natürlich, hier ist keine Minute zu verlieren.

Schwochnew. Und dir rate ich auch, hier nicht noch lange sitzen zu bleiben. Sowie du das Geld bekommen hast, komme sofort zu uns. Mit den zweihunderttausend -- weißt du, was man damit machen kann? Man kann einfach den ganzen Jahrmarkt in die Luft sprengen ... Ach, ich habe ganz vergessen, dem Krugel etwas Wichtiges zu sagen. Warte nur, ich komme gleich zurück. (Schnell ab.)

23. Auftritt