Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke
Part 18
Uteschitelny. Ja so, die Geschichte war auch nicht schlecht gemacht. Ich weiß nicht, ob's Ihnen bekannt ist, es gibt einen Gutsbesitzer Arkádij Antónowitsch Dergunów, ein furchtbar reicher Mann, spielt vorzüglich, ist von beispielloser Redlichkeit, und, verstehen Sie, ihn herumzukriegen, ist gar keine Möglichkeit. Alles beaufsichtigt er selbst, seine Dienerschaft ist gut erzogen, -- die reinen Kammerherren, das Haus -- ein Palast, sein Garten -- alles nach englischem Muster, kurz, ein russischer Edelmann im vollen Sinne des Wortes. Wir sind schon drei Tage bei ihm. Wie fängt man's an? Einfach keine Möglichkeit! Endlich kamen wir auf einen Gedanken. Eines Morgens rast am Hofe ein Dreigespann vorbei, im Wagen sitzen ein paar junge Burschen, alle im höchsten Grade besoffen, alles singt Lieder und treibt's, wie die wilde Jagd. Zu so einem Schauspiel kommt natürlich die ganze Dienerschaft herbeigelaufen. Sie gaffen, lachen und bemerken, daß aus dem Wagen etwas herausgefallen ist. Sie kommen hinzu und sehen einen Reisekoffer. Sie winken mit den Händen und rufen: Halt! Aber i wo, niemand hört, sie sind fortgerast, und nur der Staub auf dem ganzen Wege ist aufgewirbelt. Sie machen den Reisekoffer auf, finden Wäsche, einige Kleidungsstücke, zweihundert Rubel bares Geld und gegen vierzig Dutzend Kartenspiele. Nun natürlich, auf das Geld wollten die Dienstboten nicht verzichten, die Kartenspiele kamen auf den herrschaftlichen Tisch und schon am nächsten Tage waren gegen Abend alle, der Hausherr wie die Gäste, ohne eine Kopeke in der Tasche, und das Spiel war zu Ende.
Icharew. Sehr geistreich! Das bezeichnen die Leute mit Schwindel oder ähnlichen Namen, aber das ist ja nur Scharfsinn und feiner Verstand.
Uteschitelny. Die Leute verstehen ja nichts vom Spiel. Im Spiel gibt es kein Ansehen der Person, das Spiel sieht auf nichts. Mag mein eigener Vater mit mir Karten spielen; ich würde meinen Vater beschwindeln. Setze dich nicht mit mir hin! Hier sind alle gleich.
Icharew. Richtig, das versteht man nicht, daß ein Spieler der tugendhafteste Mensch sein kann. Ich kenne einen, der zu allen möglichen Mogeleien geneigt ist, aber einem Armen gibt er seine letzte Kopeke. Und er wird es keineswegs verschmähen, sich mit Dreien gegen Einen zu verbinden und ihm das Geld abzunehmen. Aber meine Herren, da wir schon so aufrichtig miteinander sind, so will ich Ihnen eine ganz wunderbare Sache zeigen. Wissen Sie, was das heißt, ein kombiniertes oder zusammengesuchtes Kartenspiel, in dem jede Karte von mir auf eine bedeutende Distanz erraten werden kann?
Uteschitelny. Ich weiß es wohl, aber vielleicht in etwas anderer Art.
Icharew. Ich kann mich wohl rühmen, daß Sie ein ähnliches nirgends finden werden. Es hat fast ein halbes Jahr Arbeit gekostet. Ich habe zwei Wochen nachher das Sonnenlicht nicht sehen können. Der Arzt befürchtete eine Augenentzündung. (Nimmt es aus der Schatulle.) Da ist es, aber nehmen Sie mir's nicht übel, es hat auch einen Namen wie ein Mensch.
Uteschitelny. Wieso einen Namen?
Icharew. Jawohl, einen Namen: Adelaida Iwánowna.
Uteschitelny. Hör mal, Schwochnew, das ist ja eine ganz neue Idee, ein Kartenspiel Adelaida Iwanowna zu nennen. Ich finde es sogar sehr geistreich.
Schwochnew. Sehr schön: Adelaida Iwanowna! Wunderschön.
Uteschitelny. Adelaida Iwanowna! Sogar eine Deutsche! Hörst du, Krugel, da hast du eine Frau.
Krugel. Was bin ich für ein Deutscher? Mein Großvater war ein Deutscher, und auch der verstand kein Deutsch.
Uteschitelny (das Kartenspiel betrachtend). Das ist wahrhaftig ein Schatz. Wirklich, es ist gar nichts zu merken. Können Sie tatsächlich jede Karte erraten, auf jede beliebige Distanz?
Icharew. Bitte, ich stelle mich fünf Schritt weit von Ihnen auf und werde von da aus jede Karte benennen. Ich bin bereit, zweitausend Rubel zu zahlen, wenn ich mich irre.
Uteschitelny. Nun, was ist das für eine Karte?
Icharew. Eine Sieben.
Uteschitelny. Richtig, und diese?
Icharew. Ein Bube.
Uteschitelny. Hol's der Teufel, ganz richtig! Nun, und diese?
Icharew. Eine Drei.
Uteschitelny. Unbegreiflich!
Krugel (die Achseln zuckend). Unbegreiflich!
Schwochnew. Unbegreiflich!
Uteschitelny. Gestatten Sie mir, noch mal nachzusehen. (Besieht das Kartenspiel.) Ein ganz wundervolles Ding, es ist wirklich wert, daß man ihm einen Namen gab. Aber gestatten Sie die Bemerkung, das Spiel in Gebrauch zu nehmen, ist doch eine schwierige Sache; vielleicht geht's etwa mit einem ganz unerfahrenen Spieler, man muß es ja selbst vertauschen.
Icharew. Aber das tut man ja nur während der Hitze des Spiels, wenn das Spiel so hoch geht, daß der erfahrenste Spieler unruhig wird, und wenn ein Mensch nur ein bißchen verwirrt ist, so kann man ja mit ihm machen, was man will. Wissen Sie denn nicht, daß das mit den besten Spielern passiert, was man so nennt »sich heiß spielen«. Wenn er zwei, drei Nächte hintereinander spielt, ohne zu schlafen -- nun, dann spielt er sich eben heiß. Im Hasardspiel kann ich immer den Talon vertauschen. Glauben Sie mir, die ganze Kunst besteht nur darin, daß man kaltblütig bleibt, wenn der andere hitzig ist; und die Aufmerksamkeit anderer abzulenken, dazu gibt es tausend Mittel. Fangen Sie nur mit einem der Spieler irgendeinen Krakehl an, sagen Sie z. B., er hätte nicht richtig aufgeschrieben, dann wenden sich die Augen Aller auf ihn, und in diesem Augenblick ist das Kartenspiel bereits vertauscht.
Uteschitelny. Nun, ich sehe, daß Sie außer der Kunst auch noch die Tugend der Kaltblütigkeit besitzen. Das ist eine wichtige Sache. Ihre Bekanntschaft ist nun für uns desto wertvoller geworden. Wollen wir alle Zeremonien, alle überflüssigen Formalitäten fallen lassen und wollen wir einander einfach du sagen.
Icharew. Das hätten wir schon längst tun sollen.
Uteschitelny. Kellner! Champagner, zur Bekräftigung des freundschaftlichen Bundes!
Icharew. Jawohl, es gehört sich, daß man das begieße!
Schwochnew. Nun, meine Herren, wir haben uns ja zu Heldentaten versammelt. Das Geschütz ist in unseren Händen, die nötigen Kräfte haben wir, es fehlt nur eins.
Icharew. Richtig, richtig! Die Festung fehlt ja, die zu nehmen wäre, das ist das Pech!
Uteschitelny. Was ist da zu machen? Vorläufig gibt's noch keinen Feind. (Sieht Schwochnew fest an.) Wie? Du machst ja ein Gesicht, das zu sagen scheint: ein Feind wäre wohl da.
Schwochnew. Ja, da ist ... (Bleibt stecken.)
Uteschitelny. Ich weiß schon, wen du meinst.
Icharew (lebhaft). Wen denn, wen denn? Wer ist es?
Uteschitelny. Ach, Unsinn! Das hat er sich ausgedacht. Der reinste Unsinn! Sehen Sie mal, hier ist ein zugereister Gutsbesitzer, Micháilo Alexándrowitsch Glow. Aber was ist da zu reden, er spielt ja gar nicht. Wir haben uns schon mit ihm zu schaffen gemacht. Ich habe ihm einen ganzen Monat den Hof gemacht, habe mit ihm Freundschaft geschlossen, habe sein Vertrauen erworben und habe doch nichts ausgerichtet.
Icharew. Aber hör mal, kann man ihn denn nicht zu sehen bekommen? Wer weiß, vielleicht doch?
Uteschitelny. Nun, ich sage dir im voraus, das wird ganz vergebliche Mühe sein.
Icharew. Aber wir wollen's doch mal versuchen.
Schwochnew. Nun, bring ihn doch wenigstens hierher. Wenn's uns nicht gelingt, so unterhalten wir uns doch ein wenig. Warum wollen wir's denn nicht versuchen?
Uteschitelny. Meinetwegen, mir macht's ja nichts, ich bringe ihn schon her.
Icharew. Bring ihn doch, bitte, gleich hierher!
Uteschitelny. Schon gut, schon gut! (Ab.)
9. Auftritt
Dieselben ohne Uteschitelny.
Icharew. Wahrhaftig, wie kann man wissen, manchmal scheint eine Sache ganz unmöglich.
Schwochnew. Ich bin auch derselben Meinung. Wir haben's doch nicht mit Göttern zu tun, sondern mit einem Menschen, und ein Mensch bleibt immer ein Mensch. Heute sagt er nein, morgen nein, übermorgen nein, und am vierten Tage, wenn man ihm nur ordentlich zusetzt, sagt er ja. Mancher tut ja bloß so, als ob er so unzugänglich sei, aber wenn man genauer zusieht, so merkt man, daß nur viel Lärm um nichts gemacht worden ist.
Krugel. Nun, dieser ist nicht derart.
Icharew. Ach, wenn's doch wäre! Es ist nicht zu glauben, wie jetzt der Trieb zur Tätigkeit in mir erwacht ist. Sie müssen wissen, daß mein letzter Gewinn von achtzigtausend beim Oberst Tschebotarjów bereits vom vergangenen Monat herrührt. Seitdem habe ich einen ganzen Monat keine Praxis mehr gehabt. Sie können sich kaum denken, was für eine Langeweile ich in dieser ganzen Zeit ausgestanden habe, eine tödliche Langeweile!
Schwochnew. Ich begreife diese Lage ganz wohl. Es ist gerade wie bei einem Feldherrn: was muß der empfinden, wenn es keinen Krieg gibt. Das, mein Liebster, ist einfach eine fatale Zwischenpause. Ich weiß es aus eigener Erfahrung, das ist kein Spaß.
Icharew. Du glaubst es nicht, es kommt manchmal so weit, daß, wenn jemand bloß fünf Rubel in der Bank halten würde, ich bereit wäre, mich hinzusetzen und zu spielen.
Schwochnew. Eine ganz natürliche Sache. So hat auch schon manchmal der geschickteste Spieler verloren: aus Melancholie, wenn keine Arbeit da ist, gerät er in der Hitze manchmal an einen von jenen, die man Habenichtse und Stromer nennt, -- nun, und verliert alles um nichts und wieder nichts.
Icharew. Ist der Glow reich?
Krugel. Oh, Geld hat er schon! Ich glaube, so gegen tausend Leibeigene.
Icharew. Ei, der Teufel! Vielleicht könnte man ihm was zu trinken geben, Champagner, was?
Schwochnew. Er nimmt keinen Tropfen in den Mund.
Icharew. Was ist nun mit ihm zu machen? Wie kommt man an ihn heran? Aber nein, ich denke doch, das Spiel ist eine verführerische Sache. Ich glaube, wenn er sich nur hinsetzen wollte und zusehen, wie die andern spielen, so würde er's doch nicht aushalten.
Schwochnew. Nun, wir wollen's jetzt versuchen. Wir wollen hier etwas abseits mit Krugel ein ganz kleines Spielchen machen. Aber man muß ihm nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken, alte Leute sind mißtrauisch. (Setzen sich abseits an den Spieltisch.)
10. Auftritt
Dieselben. Uteschitelny und Michailo Alexandrowitsch Glow, ein Herr in gesetzten Jahren.
Uteschitelny. Hier, Icharew, gestatte, daß ich dir Michailo Alexandrowitsch Glow vorstelle.
Icharew. Ich muß gestehen, ich habe mir schon lange die Ehre gewünscht. Da wir doch in einem Hotel wohnen ...
Glow. Ich freue mich auch, Ihre Bekanntschaft zu machen. Nur schade, daß es fast vor der Abreise geschieht.
Icharew (reicht ihm einen Stuhl). Bitte ergebenst! Leben Sie schon lange in dieser Stadt? (Uteschitelny, Schwochnew und Krugel flüstern miteinander.)
Glow. Ach, lieber Herr, ich habe sie schon so satt, diese Stadt, ich würde mich schon herzlich freuen, von hier fortzukommen.
Icharew. Nun, halten Sie hier Geschäfte davon ab?
Glow. Jawohl, Geschäfte. Ist das eine Sache, diese Geschäfte!
Icharew. Wohl ein Prozeß?
Glow. Nein, Gott sei Dank, kein Prozeß, aber doch eine ziemlich schwierige Angelegenheit. Sehen Sie mal, ich verheirate jetzt meine Tochter, ein achtzehnjähriges Mädchen. Verstehen Sie meine Lage als Vater? Ich bin hierher gekommen, verschiedene Einkäufe zu machen, hauptsächlich aber eine Hypothek auf ein Gut aufzunehmen. Die Sache wäre schon ganz zu Ende, aber das Amt gibt noch immer das Geld nicht heraus, und so bleibe ich ganz unnützer Weise hier.
Icharew. Gestatten Sie mir die Frage, für welche Summe verpfänden Sie Ihr Gut?
Glow. Für zweihunderttausend. Schon in diesen Tagen sollte das Geld ausgezahlt werden, aber nun zieht sich's hin, und ich hab's schon satt, hier zu sitzen. Zu Hause, wissen Sie, habe ich alles nur auf ganz kurze Zeit zurückgelassen. Meine Tochter ist Braut. Alles wartet ... Ich habe sogar schon beschlossen, nicht weiter zu warten und hier alles liegen zu lassen.
Icharew. Wieso? Wollen Sie denn nicht abwarten, bis Sie das Geld bekommen?
Glow. Was ist zu machen, mein Liebster? Bedenken Sie nur meine Lage. Seit einem Monat habe ich meine Frau und die Kinder nicht gesehen und habe auch keinen Brief erhalten. Weiß Gott, wie's dort zugeht. Ich überlasse alles meinem Sohn, der hierbleibt. Ich hab's satt. (Sich an Schwochnew und Krugel wendend.) Was machen Sie, meine Herren? Ich glaube, ich störe wohl. Sie waren mit etwas beschäftigt?
Krugel. Unsinn! Das ist nur so; vor Langeweile spielen wir ein bißchen.
Glow. Ich glaube, das ist so etwas wie Bankspiel?
Schwochnew. Ach was, nur zum Zeitvertreib: ein Pfennigspiel.
Glow. Ach, meine Herren, hören Sie, was Ihnen ein alter Mann sagt. Sie sind junge Leute, natürlich, da ist nichts Schlimmes dabei: so'n bißchen Zerstreuung; und in einem Pfennigspiel kann man ja nicht viel verlieren. Das ist ja ganz richtig. Aber immerhin ... Ach, meine Herren, ich habe selbst gespielt und kenne das aus Erfahrung. Da heißt alles auf der Welt eine Pfennigsache, aber sieht man näher zu, so endet ein kleines Spielchen manchmal als sehr großes Spiel.
Schwochnew (zu Icharew). Na, da fängt der Alte schon mit seinem Gerede an. (Zu Glow.) Nun sehen Sie mal, da machen Sie gleich aus einer Kleinigkeit eine wichtige Sache. Das ist so die gewohnte Manier der alten Herren.
Glow. Wieso? Ich bin ja noch gar nicht so alt, aber ich urteile aus Erfahrung.
Schwochnew. Ich meine ja nicht gerade Sie, aber die alten Herren haben es überhaupt an sich: wenn sie sich an etwas verbrannt haben, so sind sie überzeugt, daß auch der andere sich an derselben Sache verbrennen müsse. Wenn sie auf einem Wege dahingingen und aus Zerstreutheit auf dem Glatteis ausgeglitten und hingefallen sind, dann schreien sie gleich und geben es für eine allgemeine Regel aus, daß auf diesem Wege niemand gehen soll, denn da sei an einer Stelle Glatteis und jeder müsse auf die Nase fallen. Das bedenken sie nicht, daß ein anderer vielleicht nicht so zerstreut sein wird und seine Stiefel auch nicht so glatte Sohlen haben. Nein, das alles verstehen sie nicht. Hat mal ein Hund einen Menschen auf der Straße gebissen, dann heißt es, alle Hunde beißen, und niemand darf auf die Straße gehen.
Glow. Nun ja, mein Teuerster, das ist schon richtig, so ne schlechte Gewohnheit gibt's ja. Aber auch die jungen Leute sind gut, die haben schon gar zu viel Feuer, die laufen jeden Augenblick Gefahr, sich das Genick zu brechen!
Schwochnew. Das ist es eben, daß wir keinen Mittelweg kennen. Die Jugend tobt, daß es nicht mehr auszuhalten ist, und das Alter wird so heuchlerisch, daß wieder die anderen es nicht aushalten können.
Glow. Also so eine beleidigende Meinung haben Sie von den Alten?
Schwochnew. Aber nein, was ist denn das für eine beleidigende Meinung? Das ist die reine Wahrheit, nichts mehr.
Icharew. Gestatte mir doch die Bemerkung: dein Urteil ist zu scharf.
Uteschitelny. Von wegen des Kartenspiels bin ich ganz derselben Meinung wie Michailo Alexandrowitsch. Ich habe selber gespielt und habe stark gespielt, aber Gott sei Dank, ich habe das für immer aufgegeben. Nicht etwa, daß ich all mein Geld verloren hätte oder daß ich mich gegen das Schicksal auflehnte. Glauben Sie mir, das ist noch gar nichts: der Geldverlust ist nicht so wichtig, wie die Seelenruhe. Schon die Aufregung, die man während des Spiels empfindet, verkürzt, was man auch sagen mag, merklich unser Leben.
Glow. Jawohl, richtig, mein Teuerster, bei Gott, das haben Sie sehr weise bemerkt. Gestatten Sie mir eine unbescheidene Frage: Ich habe schon so lange das Vergnügen, Ihre Bekanntschaft zu genießen und bis jetzt ...
Uteschitelny. Welche Frage denn?
Glow. Gestatten Sie mir die Frage, wenn es auch eine kitzlige Sache ist: wie alt sind Sie?
Uteschitelny. Neununddreißig.
Glow. Denken Sie mal, was ist das denn, neununddreißig Jahre? Noch ein ganz junger Mensch. Wenn doch bei uns in Rußland recht viele solche wären wie Sie, die so weise urteilen. Du lieber Himmel, das wäre ja ein goldenes Zeitalter, sozusagen eine Asträa. Wie bin ich dem Schicksal dankbar, daß ich Sie kennen gelernt habe!
Icharew. Glauben Sie mir, ich teile auch ganz dieselbe Ansicht. Ich würde jungen Burschen auch nicht gestatten, Karten in die Hand zu nehmen, aber weshalb sollen denn vernünftige, gesetzte Leute sich nicht etwas amüsieren, z. B. ein älterer Herr, der nicht mehr tanzt, warum nicht?
Glow. Das ist schon richtig, gewiß, aber glauben Sie mir, es gibt im Leben so viele Freuden, sozusagen heilige Pflichten. Ach meine Herren, hören Sie doch auf einen alten Mann. Es gibt für den Menschen keine bessere Bestimmung als das Familienleben, im häuslichen Kreis. Alles was Sie jetzt umgibt, sind ja nichts als Aufregungen, bei Gott, nur Aufregungen, aber das eigentliche Glück haben Sie ja noch nicht genossen. Nehmen Sie mal mich, glauben Sie mir, ich kann die Minuten kaum zählen, bis ich die Meinigen wiedersehe, bei Gott! Wenn ich mir vorstelle, wie mein Töchterlein mir um den Hals fällt: Papachen, liebstes Papachen! Auch mein Sohn ist aus dem Gymnasium gekommen, ich habe ihn ein halbes Jahr lang nicht gesehen. Wahrhaftig, ich kann's gar nicht aussprechen; bei Gott, so ist es! Nach alledem will man keine Karte mehr ansehen!
Icharew. Aber weshalb soll man denn die väterlichen Gefühle mit den Karten zusammenwerfen? Die väterlichen Gefühle sind etwas für sich, und die Karten sind wieder etwas für sich.
Alexej (tritt ein, zu Glow). Ihr Diener fragt wegen der Koffer: befehlen Sie, sie hinauszutragen? Die Pferde warten schon.
Glow. Ah, sofort. Entschuldigen Sie, meine Herren, daß ich Sie für einen Augenblick verlasse. (Ab.)
11. Auftritt
Schwochnew. Icharew. Krugel. Uteschitelny.
Icharew. Nein, da ist keine Hoffnung!
Uteschitelny. Ich habe dir's ja vorher gesagt. Ich begreife nicht, wie Sie es dem Menschen nicht sofort ansehen! Man braucht ja nur hinzusehen, um zu wissen, wenn einer nicht spielen will.
Icharew. Aber ich glaube, man müßte ihm doch ordentlich zusetzen. Weshalb hast du ihn denn noch selber unterstützt?
Uteschitelny. Aber mein Liebster, anders geht's doch nicht. Mit diesen Leuten muß man sehr vorsichtig umgehen, sonst merkt er's ja gleich, daß man ihm etwas abgewinnen will.
Icharew. Nun, und was ist daraus geworden? Er reist ja bald ab, es ist ja doch ganz egal.
Uteschitelny. Na, warten wir ab, die Sache ist noch nicht ganz zu Ende.
12. Auftritt
Dieselben und Glow.
Glow. Besten Dank für die angenehme Bekanntschaft, meine Herren. Ich bedaure wahrhaftig nur, daß sie erst so spät zustande gekommen ist. Gott wird uns übrigens vielleicht noch einmal zusammenführen.
Schwochnew. O gewiß, die Wege sind glatt, und die Menschen treiben sich weit herum, warum sollte man da nicht noch mal zusammentreffen? Wenn nur das Schicksal es so will!
Glow. Bei Gott, ganz richtig, wenn das Schicksal will, so sehen wir uns vielleicht schon morgen wieder, das ist die reinste Wahrheit! Adieu, meine Herren! Aufrichtigsten Dank! Und Ihnen, Stepan Iwanowitsch, bin ich besonders verpflichtet. Wahrhaftig, Sie haben mir meine Einsamkeit versüßt!
Uteschitelny. Aber bitte, hat nichts zu sagen. Ich habe getan, was ich konnte.
Glow. Nun, wenn Sie schon so gut sind, so erweisen Sie mir noch eine Gunst, wenn ich Sie bitten darf.
Uteschitelny. Welche? Sagen Sie mir bloß alles; alles, ich bin zu allem bereit!
Glow. Beruhigen Sie einen alten Vater.
Uteschitelny. Wieso denn?
Glow. Ich lasse meinen Sascha hier. Ein netter Junge, eine gute Seele, aber immerhin nicht ganz zuverlässig, zweiundzwanzig Jahre alt, ich bitte Sie, was sind das für Jahre? Fast noch ein Kind. Er hat die Schule durchgemacht und denkt nun an nichts anderes als an die Husaren. Ich sage zu ihm: »Es ist ja noch zu früh, Sascha, warte doch, sieh dich doch ein bißchen um, warum willst du denn Husar werden? Wer weiß, vielleicht hast du ganz zivile Anlagen. Du kennst ja noch die Welt gar nicht, die Zeit gehört ja dir!« Nun, Sie begreifen wohl, ein so junges Wesen, da kommt ihm bei den Husaren alles so glänzend vor; die reiche gestickte Uniform ... Was ist da zu machen? Die Bestrebungen kann man ja nicht aufhalten .... Also seien Sie doch so gut, Väterchen Stepan Iwanowitsch! Er bleibt nun ganz allein. Ich habe ihm einige geschäftliche Aufträge gegeben. Er ist ja ein junger Mann, es kann ja alles passieren; daß ihn da nur die Beamten nicht irgendwie beschwindeln. Wer weiß! Also nehmen Sie ihn doch unter Ihren Schutz! Beaufsichtigen Sie seine Schritte, halten Sie ihn von allem Bösen ab! Seien Sie doch so gut, Väterchen! (Faßt seine beiden Hände.)
Uteschitelny. Bitte, bitte sehr. Alles, was ein Vater für seinen Sohn tun kann, werde ich für ihn tun.
Glow. Ach, Väterchen! (Sie umarmen und küssen sich.) Da sieht man doch gleich, wenn einer ein gutes Herz hat, bei Gott! Gott wird Sie dafür belohnen! Adieu, meine Herren! Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Beste!
Icharew. Adieu, glückliche Reise!
Schwochnew. Ich wünsche, daß Sie die Ihrigen gesund vorfinden!
Glow. Ich danke Ihnen, meine Herren!
Uteschitelny. Und ich werde Sie bis zum Wagen begleiten und Ihnen hineinhelfen.
Glow. Ach, Väterchen, wie gut sind Sie!
13. Auftritt
Schwochnew, Krugel und Icharew.
Icharew. Fort ist der Vogel!
Schwochnew. Ja, man hätte doch was ergattern können!
Icharew. Ich muß gestehen, wie er da sagte: zweihunderttausend, da bekam ich sogar Herzklopfen.
Krugel. An eine solche Summe ist es sogar süß zu denken.
Icharew. Wenn man bedenkt, wieviel Geld umsonst, ohne irgendeinen Nutzen herumliegt! Was hat man nun davon, daß er zweihunderttausend bekommen wird? Das alles wird ja bei Einkäufen von irgendwelchen Lappen und altem Zeug draufgehen.
Schwochnew. Alles das ist Plunder und Tand.
Icharew. Und wieviel Geld geht so in der Welt ohne Umsatz verloren! Wieviel tote Kapitalien gibt es, die wie die Toten in den Banken herumliegen. Es ist wahrhaftig ein Jammer! Ich möchte nicht mehr haben, als was im Vormundschaftsrat liegt.
Schwochnew. Ich wäre schon mit der Hälfte zufrieden.
Krugel. Und ich mit einem Viertel.
Schwochnew. Na, na, flunkere nicht, Deutscher, du wirst schon noch mehr verlangen.
Krugel. Auf Ehrenwort!
Schwochnew. Schwindel!
14. Auftritt
Dieselben und Uteschitelny (kommt eilig, mit vor Freude strahlendem Gesicht).
Uteschitelny. Schadet nichts, schadet nichts, meine Herren, er ist fort, hol ihn der Teufel! Desto besser! Der Sohn ist dageblieben. Der Vater hat ihm die Vollmacht übergeben und alle Rechte auf den Empfang der Gelder vom Fiskus; und er hat mir die Aufsicht über alles anvertraut. Der Sohn ist ein feiner Kerl, es zieht ihn zu den Husaren. Da gibt's eine Ernte. Ich gehe und bringe ihn gleich zu euch. (Schnell ab.)
15. Auftritt
Schwochnew, Krugel und Icharew.
Icharew. Der Uteschitelny! Ist das einer!
Schwochnew. Bravo! Die Sache nimmt eine vortreffliche Wendung! (Alle reiben sich vor Freude die Hände.)
Icharew. Ein braver Kerl, der Uteschitelny! Jetzt begreife ich, warum er sich an den Alten herangemacht hat und ihm in allem zustimmte. Und das alles so fein, so glatt!
Schwochnew. Oh, dazu hat er ein ungewöhnliches Talent!
Krugel. Ganz ungeheuere Fähigkeiten!
Icharew. Ich muß gestehen, als der Vater sagte, daß er den Sohn hier läßt, da ging mir selber ein Gedanke durch den Kopf, aber nur einen Augenblick, und dieser hat's gleich ... was für ein Scharfblick!
Schwochnew. Oh, du kennst ihn noch nicht genügend!
16. Auftritt
Dieselben, Uteschitelny und Alexander Michailowitsch Glow, ein junger Mann.
Uteschitelny. Meine Herren, gestatten Sie, daß ich Ihnen vorstelle: Alexander Micháilowitsch Glow, ein vorzüglicher Kamerad. Ich bitte Sie, ihn zu lieben, wie mich selbst!
Schwochnew. Sehr erfreut! (Drückt ihm die Hand.)
Icharew. Ihre Bekanntschaft ist uns ...
Krugel. Gestatten Sie, daß wir Sie gleich umarmen!
Glow. Meine Herren, ich ...
Uteschitelny. Bitte ohne Zeremonien, ganz ohne Zeremonien. Gleichheit ist hier die erste Sache, meine Herren. Glow, du siehst, hier sind alle Kameraden, daher zum Teufel mit aller Etikette. Wollen wir uns gleich »du« sagen?
Schwochnew. Jawohl, »du«.
Glow. Ja »du«. (Reicht ihnen allen die Hand.)