Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke
Part 17
Arina Panteleimonowna. Ich will doch mal das Mädchen fragen. Sie hat die ganze Zeit über auf der Straße gestanden. Dunjaschka! ... Dunjaschka! ...
24. Auftritt
Die Vorigen und Dunjaschka.
Arina Panteleimonowna. Wo ist Iwan Kusmitsch? Hast du ihn nicht gesehen?
Dunjaschka. Gewiß! Der Herr sind ja aus dem Fenster gesprungen.
Agathe Tichonowna (schreit auf und schlägt die Hände zusammen).
Alle. Aus dem Fenster? ...
Dunjaschka. Jawohl, aus dem Fenster! Dann haben sie sich eine Droschke genommen und sind losgefahren.
Arina Panteleimonowna. Ist es denn auch wahr, was du da schwatzt?
Kotschkarjow. Du lügst! Das kann nicht sein!
Dunjaschka. Gott helfe mir, sie sind rausgesprungen! Auch der Kaufmann nebenan im Kramladen hat's gesehen. Eine Droschke für einen Groschen haben sie genommen und sind fortgefahren.
Arina Panteleimonowna (auf Kotschkarjow zugehend). Wie, mein Herr, wollen Sie uns verhöhnen? Wollen Sie Ihren Spott mit uns treiben? ... Uns an den Pranger stellen? ... Bald sechzig bin ich jetzt, aber solche Schande hab' ich noch nicht erlebt. Wahrhaftig Herr, ich spucke Ihnen ins Gesicht, wenn Sie ein ehrlicher Mensch sind! Ein Schuft sind Sie, wenn Sie ein ehrlicher Mensch sind! Ein armes Mädchen so vor der ganzen Welt zu beschimpfen. Ich bin ja nur eine einfache Frau, aber so was hätte ich niemals fertig gebracht! Und das will noch ein Adliger sein! Aber man sieht, euer Adel reicht auch nur für allerhand Gaunereien und Schweinereien. (Sie geht wütend ab, die Braut hinter sich herziehend.)
Kotschkarjow (steht wie niedergeschmettert da).
Thekla. He, so, so sieht also der Herr aus, der seine Sache so gut versteht? He, wollte eine Heirat zustande bringen ... ohne die Heiratsvermittlerin! Mögen meine Freier sein, wie sie wollen, gerupft und gezupft und weiß Gott wie, aber solche, die zum Fenster hinausspringen, solche findst du bei mir nicht! Haltet zu Gnaden, mein gnädiger Herr.
Kotschkarjow. Aber das ist ja alles Unsinn! Das stimmt ja alles nicht! Ich laufe hin zu ihm und hol' ihn zurück! (Ab.)
Thekla. Ja, hol ihn nur wieder! ... Du kennst wohl das Heiratsgeschäft nicht ... Wäre er noch zur Türe hinausgelaufen, dann ging's allenfalls noch an; ... aber wenn der Bräutigam durchs Fenster hoppst ... da ... gesegnete Mahlzeit! ... Alle Achtung, gnädiger Herr! ...
Dramatische Fragmente und Einzelne Szenen (1832-1837)
Die Spieler
Deutsch von _Gregorius Itelson_
Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt Alle Rechte vorbehalten
»Geschichten aus alten Zeiten ...«
1. Auftritt
(Ein Zimmer in einem städtischen Gasthaus.)
Icharew kommt in Begleitung des Hoteldieners Alexej und seines eigenen Dieners Gawrjuschka.
Alexej. Bitte, bitte sehr, hier haben Sie ein Zimmerchen, das allerruhigste; gar kein Lärm.
Icharew. Lärm gibt's wohl keinen, aber Kavallerie, Springer wohl genug, was?
Alexej. Das heißt, Sie meinen wohl von wegen der Flöhe? Seien Sie nur ruhig. Wenn ein Floh oder eine Wanze Sie beißen sollte, so haben wir's zu verantworten, das ist unsere Sache.
Icharew (zu Gawrjuschka). Geh, bringe die Sachen aus dem Wagen her! (Gawrjuschka ab; zu Alexej) Wie heißt du?
Alexej. Alexéj.
Icharew. Nun höre, (mit Bedeutung) erzähl mal, wer wohnt bei euch?
Alexej. Hier wohnen jetzt viele, fast alle Zimmer sind besetzt.
Icharew. Wer denn alles?
Alexej. Schwóchnew -- Peter Petrowitsch, Krugel -- Oberst, Stepán Iwánowitsch Uteschítelny.
Icharew. Spielen die?
Alexej. Schon die sechste Nacht hintereinander spielen sie.
Icharew. Da hast du ein paar Rubelstücke. (Steckt ihm in die Hand.)
Alexej (sich verbeugend). Danke gehorsamst!
Icharew. Nachher gibt's noch mehr.
Alexej. Gehorsamsten Dank!
Icharew. Spielen die untereinander?
Alexej. Nein, neulich haben sie den Leutnant Artunówsky bearbeitet; und dem Fürsten Schenkin haben sie sechsunddreißig Tausend abgewonnen.
Icharew. Hier hast du noch einen roten Lappen. Wenn du mir ehrlich dienst, kriegst du noch. Gestehe doch, die Karten hast du gekauft?
Alexej. Nein, die haben sie selbst gekauft.
Icharew. Bei wem?
Alexej. Bei dem hiesigen Kaufmann Wachraméjkin.
Icharew. Du lügst, Schwindler!
Alexej. Bei Gott!
Icharew. Gut, wir werden später mit dir verhandeln. (Gawrjuschka bringt eine Schatulle.) Stelle sie hierher. Jetzt geht und bringt mir etwas zum Waschen und zum Rasieren. (Die Diener ab.)
2. Auftritt.
Icharew allein.
Öffnet die Schatulle, die ganz mit Kartenspielen gefüllt ist.
Icharew. Ist das ein Anblick, was? Jedes Dutzend von Gold! Mit Schweiß, mit Mühe ist jedes hergestellt. Eine Kleinigkeit, bis jetzt flimmert's mir noch vor den Augen von diesen verdammten Sprenkeln. Aber dafür ist's ein wahres Kapital! Man kann's den Kindern als Erbteil hinterlassen. Da ist es, das schicksalschwere Päckchen. Einfach eine Perle! Dafür hat es auch einen Namen, jawohl: Adelaida Iwanowna. Diene mir nur, mein Liebchen, so wie dein Schwesterchen mir gedient hat; gewinne mir ebenfalls achtzig Tausend, so werde ich dir ein Marmordenkmal setzen, wenn ich auf das Gut komme; in Moskau werde ich es bestellen. (Hört ein Geräusch und schließt schnell die Schatulle zu.)
3. Auftritt
Alexej und Gawrjuschka bringen eine Waschschüssel, einen Wasserkrug und ein Handtuch.
Icharew. Sind die Herren jetzt zu Hause?
Alexej. Ja wohl, sie sind jetzt im Salon.
Icharew. Ich werde mal hingehen und nachsehen, was für Leute das sind. (Ab.)
4. Auftritt
Alexej und Gawrjuschka.
Alexej. Kommt ihr von weitem her?
Gawrjuschka. Aus Rjasán.
Alexej. Seid ihr selbst auch aus jenem Gouvernement?
Gawrjuschka. Nein, wir selber sind aus dem Smolénskischen.
Alexej. So, so! Also, das heißt, das Gut ist im Smolenskischen?
Gawrjuschka. Nein, nicht im Smolenskischen. Im Smolenskischen haben wir hundert Seelen und im Kalúgischen achtzig.
Alexej. Ich verstehe schon, also in zwei Gouvernements.
Gawrjuschka. Jawohl, in zwei Gouvernements. Da ist bei uns an Dienerschaft: Ignát der Buffetier, Pawlúscha, der früher mit dem Herrn reiste, Gerássim, der Lakai, Iwán, ebenfalls Lakai, Iwán, der Hundeknecht, noch einmal Iwán, der Musikant, dann der Koch Grigórij, der Koch Semjón, Baruch, der Gärtner, Deméntij, der Kutscher -- so ist es bei uns!
5. Auftritt
Dieselben; Krugel, Schwochnew, vorsichtig eintretend.
Krugel. Wahrhaftig, ich fürchte, daß er uns hier antreffe.
Schwochnew. Tut nichts, Stepan Iwanowitsch wird ihn aufhalten. (Zu Alexej.) Geh, Lieber, man ruft dich. (Alexej ab. Schwochnew vorsichtig an Gawrjuschka herantretend.) Woher ist dein Herr?
Gawrjuschka. Jetzt kommt er aus Rjasán.
Schwochnew. Gutsbesitzer?
Gawrjuschka. Gutsbesitzer.
Schwochnew. Spielt?
Gawrjuschka. Spielt.
Schwochnew. Hier hast du einen Roten (gibt ihm das Papiergeld), erzähl mir alles.
Gawrjuschka. Werden Sie aber dem Herrn auch nichts sagen?
Beide. I wo, hab keine Angst.
Schwochnew. Wie, ist er jetzt bei Gewinn, was?
Gawrjuschka. Kennen Sie den Oberst Tschebotaróff?
Schwochnew. Nein! Warum?
Gawrjuschka. Vor drei Wochen haben wir ihm achtzig Tausend in Geld abgewonnen, einen Warschauer Wagen, eine Schatulle, einen Teppich und mehrere Paar goldene Epaulettes, an reinem Gold sechshundert Rubel.
Schwochnew (sieht Krugel bedeutungsvoll an). He! Achtzigtausend? (Krugel schüttelt den Kopf.) Glaubst du, es ist eine reine Sache? Das wollen wir gleich erfahren. Hör mal, Gawrjuschka, wenn dein Herr allein zu Hause bleibt, was macht er dann?
Gawrjuschka. Was heißt das: was macht er? Was soll er denn machen? Er ist ein Herr, er hält sich gut, er tut gar nichts.
Schwochnew. Du lügst; er läßt wohl die Karten nicht aus der Hand?
Gawrjuschka. Das kann ich nicht wissen. Ich reise erst zwei Wochen mit dem Herrn; früher reiste immer Pawluscha mit ihm. Wir haben auch Gerassim, den Lakai, noch mal Iwan, den Lakai, Iwan, den Hundeknecht, Iwan, den Musikanten, Dementij, den Kutscher, und neulich haben wir uns aus dem Dorfe noch einen geholt.
Schwochnew (zu Krugel). Was glaubst du? Ein Falschspieler?
Krugel. Sehr möglich.
Schwochnew. Na, probieren müssen wir's doch.
(Beide schnell ab.)
6. Auftritt
Gawrjuschka (allein). Geschickte Herren, aber fürs Papiergeld besten Dank. Dafür kriegt Matrjóna eine Haube und die Bengels Pfefferkuchen. Ach, wie liebe ich das Leben auf Reisen! Da fällt ja immer etwas ab. Der Herr schickt mal, was einzukaufen, da kann man schon ein Zehnkopekenstück vom Rubel in die Tasche legen. Wenn man bedenkt, was für ein schönes Leben die Herren haben: wohin du willst, da reist du hin. Hast du's in Smolénsk satt, gehst du nach Rjasán, willst du nicht nach Rjasán, so nach Kasán, willst du nicht nach Kasán, dann direkt nach Jarosláw. Aber das eine weiß ich bis jetzt nicht, welche von diesen Städten ist ziviler: Rjasán oder Kasán? Kasán wird wohl ziviler sein, denn in Kasán ...
7. Auftritt
Icharew, Gawrjuschka, nachher Alexej.
Icharew. Sie haben nichts Besonderes an sich, wie mir scheint. Übrigens ... Ach, wie möchte ich sie gern rupfen! Lieber Gott, wie möcht' ich's so gern! Wenn ich daran denke, wahrhaftig, so kriege ich Herzklopfen! (Nimmt eine Bürste und Seife, setzt sich vor den Spiegel und fängt an, sich zu rasieren.) Die Hand zittert mir, ich kann mich nicht rasieren. (Alexej tritt ein.)
Alexej. Befehlen Sie -- etwas zu essen?
Icharew. Gewiß, gewiß, bring etwas Imbiß für vier Personen: Kaviar, Lachs und vier Flaschen Wein, und gib _ihm_ auch zu essen. (Zeigt auf Gawrjuschka.)
Alexej (zu Gawrjuschka). Bitte nach der Küche, da steht für Sie was bereit. (Gawrjuschka ab.)
Icharew (sich rasierend). Hör mal, haben sie dir viel gegeben?
Alexej. Wer denn?
Icharew. Nun, mach keine Faxen, sprich!
Alexej. Jawohl, sie haben mir was für Bedienung geschenkt.
Icharew. Wieviel? Fünfzig Rubel?
Alexej. Jawohl, fünfzig haben sie mir gegeben.
Icharew. Von mir kriegst du nicht fünfzig, sondern -- siehst du, dort auf dem Tisch, da liegt ein Hundertrubelschein, nimm ihn dir. Hab keine Angst, er beißt nicht. Von dir wird nichts mehr verlangt, als Ehrlichkeit, verstehst du? Die Karten mögen beim Wachramejkin oder bei einem anderen Kaufmann gekauft werden, das geht mich nichts weiter an. Aber hier hast du als Zugabe noch ein Dutzend Kartenspiele von mir. (Gibt ihm ein versiegeltes Paket.) Hast du verstanden?
Alexej. Was ist denn da nicht zu verstehen? Sie können sich darauf verlassen, das ist schon meine Sache.
Icharew. Und die Karten verstecke ordentlich, daß man sie nicht gewahr wird. (Legt Bürste und Seife weg und trocknet sich das Gesicht mit dem Handtuch ab. Alexej ab.) Das wäre sehr, sehr schön. Ach, ich gestehe, ich möchte sie recht gern hineinlegen.
8. Auftritt
Schwochnew, Krugel und Stepan Iwanowitsch Uteschitelny treten mit Verbeugungen ein.
Icharew (mit einer Verbeugung ihnen entgegenkommend). Bitte um Entschuldigung: das Zimmer ist, wie Sie sehen, nicht besonders schön: im ganzen vier Stühle.
Uteschitelny. Die Freundlichkeiten des Hausherrn sind wertvoller, als alle Bequemlichkeiten.
Schwochnew. Man lebt ja nicht mit dem Zimmer, sondern mit guten Menschen.
Uteschitelny. Die reine Wahrheit. Ich könnte gar nicht ohne Gesellschaft auskommen. (Zu Krugel.) Erinnerst du dich, mein Bester, wie ich hierherkam, mutterseelenallein? Denken Sie sich, nicht einen einzigen Bekannten hatte ich hier. Die Wirtin -- eine alte Greisin. Auf der Treppe irgendeine furchtbar häßliche Scheuerfrau. Da sehe ich: um sie herum scharwenzelt ein Infanterist, scheint ganz ausgehungert ... Mit einem Wort -- eine tödliche Langeweile! Da plötzlich sendet mir das Schicksal _ihn_, und nachher führt mich der Zufall mit diesem da zusammen. Nun war ich aber froh! Ich kann keine Stunde ohne Gesellschaft von Freunden auskommen. Alles, was ich auf der Seele habe, bin ich bereit, jedem zu erzählen.
Krugel. Ja, Freundchen, das ist aber auch dein Fehler, und keineswegs eine Tugend. Jedes Zuviel schadet, du bist vermutlich schon mehr als einmal betrogen worden.
Uteschitelny. Jawohl, ich bin betrogen worden und werde noch immer betrogen werden, und doch kann ich ohne Aufrichtigkeit nicht leben.
Krugel. Nun weißt du, ich muß gestehen, das ist mir unbegreiflich! Mit jedem aufrichtig sein! Freundschaft, das ist ganz was anderes.
Uteschitelny. Das schon, aber der Mensch gehört der Gesellschaft an.
Krugel. Er gehört wohl, aber nicht ganz.
Uteschitelny. Nein, ganz.
Krugel. Nein, nicht ganz.
Uteschitelny. Nein, ganz!
Schwochnew (zu Uteschitelny). Streite nicht, lieber Freund, du hast unrecht.
Uteschitelny (hitzig). Nein, ich werde dirs beweisen, das ist eine Pflicht, das ist -- das ist -- das ist -- eine Schuldigkeit, das ist -- das ist ...
Schwochnew. Nun ist er losgegangen! Er ist nämlich furchtbar hitzig; die ersten paar Worte von dem, was er spricht, kann man noch verstehen, aber weiter versteht man nichts.
Uteschitelny. Ich kann nicht, ich kann nicht! Wenn es die Pflicht betrifft, so komme ich ganz außer Fassung! Ich erkläre gewöhnlich schon von vornherein: meine Herren, wenn die Rede von so etwas Ähnlichem sein wird, so müssen Sie schon verzeihen, ich lasse mich hinreißen, ja, ich lasse mich hinreißen. Wie im Rausch gleichsam, und meine Galle kocht und kocht über!
Icharew (für sich). Nun, lieber Freund, ich kenn' schon die Leute, die sich hinreißen lassen und hitzig werden bei dem Worte Pflicht. Deine Galle wird schon überkochen, aber nicht bei solcher Gelegenheit. (Laut.) Nun, meine Herren, während hier über heilige Pflichten gestritten wird, wollen wir da nicht auch ein Spielchen machen? (Während des Gespräches wird das Frühstück serviert.)
Uteschitelny. Bitte, wenn's nur ein kleines Spiel ist, warum nicht?
Krugel. Unschuldigen Vergnügungen bin ich nie abgeneigt.
Icharew. Wie ist es, in diesem Hotel wird's wohl Karten geben?
Schwochnew. Oh, Sie brauchen nur zu befehlen!
Icharew. Karten! (Alexej macht sich am Kartentisch zu schaffen.) Und inzwischen, bitte, meine Herren, (zeigt mit der Hand auf den Frühstückstisch und tritt heran) der Lachs ist, wie es scheint, nicht sonderlich, aber der Kaviar geht an.
Schwochnew (indem er ein Stück in den Mund steckt). Nein, der Lachs ist auch nicht übel.
Krugel (ebenfalls). Der Käse ist auch gut; auch der Kaviar ist nicht übel.
Schwochnew (zu Krugel). Erinnerst du dich, was für vortrefflichen Käse wir vor zwei Wochen gegessen haben?
Krugel. Nein, nie in meinem Leben werde ich den Käse vergessen, den ich bei Peter Alexándrowitsch Alexándrow gegessen habe.
Uteschitelny. Sieh mal, mein Lieber: wann ist denn der Käse eigentlich gut? Er ist dann gut, wenn du dir nach einem Mittagessen noch ein zweites vornimmst -- das ist seine eigentliche Bestimmung. Er ist gleichsam wie ein guter Quartiermeister; er sagt: bitte, meine Herrschaften, hier ist noch Platz.
Icharew. Bitte, meine Herrschaften, die Karten sind auf dem Tisch.
Uteschitelny (an den Kartentisch herantretend). Ah, das ist nun wieder einmal eine Sache aus alten Zeiten! Sieh mal, Schwochnew, Karten! Ha, wieviele Jahre sind's wohl her?
Icharew (zur Seite). Na, na! Tu doch nicht so!
Uteschitelny. Wollen Sie die Bank halten?
Icharew. Eine kleine, gewiß! Fünfhundert Rubel! Wollen Sie abheben? (Gibt Karten. Das Spiel fängt an. Man hört Ausrufe.)
Schwochnew. Vier, Aß, beide zu zehn.
Uteschitelny. Gib mir mal dein Kartenspiel, Liebster, ich will mir eine Karte wählen: auf das Glück unserer Frau Adelsmarschall.
Krugel. Gestatten Sie mir eine Neun hinzuzufügen.
Uteschitelny. Schwochnew, gib mal die Kreide! Ich schreibe an und schreibe ab.
Schwochnew. Hol's der Teufel, Paroli!
Uteschitelny. Und fünf Rubel Einsatz!
Krugel. _Attendez!_ Gestatten Sie mir, nachzusehen, ich glaube, es müssen noch zwei Dreien im Spiel sein.
Uteschitelny (springt auf, für sich). Hol's der Teufel, die Sache ist nicht sauber, hier sind andere Karten, das ist augenscheinlich (Das Spiel geht weiter.)
Icharew (zu Krugel). Gestatten Sie die Frage: Gelten beide?
Krugel. Beide!
Icharew. Erhöhen Sie nicht?
Krugel. Nein.
Icharew (zu Schwochnew). Und Sie, setzen Sie nichts?
Schwochnew. Gestatten Sie, daß ich dieses Spiel abwarte. (Steht auf, geht eilig auf Uteschitelny zu und sagt schnell:) Hol's der Teufel, Liebster, er macht alle möglichen Kunststücke. Ein Falschspieler ersten Ranges.
Uteschitelny (erregt). Wollen wir denn auf die Achtzigtausend verzichten?
Schwochnew. Natürlich verzichten wir, wenn's nicht geht.
Uteschitelny. Nun, das ist noch die Frage, aber vorläufig müssen wir uns mit ihm verständigen.
Schwochnew. Wieso?
Uteschitelny. Ihm einfach alles eingestehen.
Schwochnew. Wozu denn?
Uteschitelny. Das sage ich dir nachher, komm. (Gehen beide auf Icharew zu und klopfen ihm von beiden Seiten auf die Schulter.)
Uteschitelny. Verschießen Sie nicht umsonst Ihr Pulver.
Icharew (zusammenfahrend). Wieso?
Uteschitelny. Was ist da lange zu reden? Erkennt denn einer nicht seinesgleichen?
Icharew (höflich). Gestatten Sie die Frage, wie soll ich das verstehen?
Uteschitelny. Ganz einfach, ohne überflüssige Worte und Zeremonien. Wir haben Ihre Kunst gesehen, und seien Sie versichert, wir wissen Ihren Wert zu schätzen. Und deshalb schlage ich Ihnen im Namen unserer Kameraden ein Freundschaftsbündnis vor. Wenn wir unsere Kenntnisse und Kapitalien zusammentun, können wir viel erfolgreicher arbeiten als einzeln.
Icharew. In welchem Maße darf ich von der Richtigkeit Ihrer Worte überzeugt sein?
Uteschitelny. In diesem Maße: Für Aufrichtigkeit zahlen wir mit Aufrichtigkeit. Wir gestehen Ihnen hier ganz offen, daß wir uns verabredet haben, Sie zu beschwindeln, weil wir Sie für einen gewöhnlichen Menschen gehalten haben. Aber jetzt sehen wir, daß Ihnen die höchsten Geheimnisse bekannt sind. Und nun, wollen Sie unsere Freundschaft annehmen?
Icharew. Zu einem so freundlichen Anerbieten kann ich nicht nein sagen.
Uteschitelny. Also reichen wir einander die Hände. (Alle drücken nacheinander Icharew die Hand.) Von nun ab sei alles gemeinschaftlich, fort mit Verstellung und Zeremonien! Gestatten Sie die Frage, seit wann haben Sie angefangen, die Tiefe der Wissenschaft zu erforschen?
Icharew. Ich muß gestehen, schon seit meiner frühen Jugendzeit war es stets mein Bestreben. Schon in der Schule während der Vorlesungen des Professors habe ich meinen Kommilitonen unter dem Tisch die Bank gehalten.
Uteschitelny. Das dachte ich mir. Eine solche Kunst kann man nicht erwerben ohne eine Praxis in den Jahren der zartesten Jugend. Erinnerst du dich des ungewöhnlichen Knaben, Schwochnew?
Icharew. Welches Knaben?
Uteschitelny. Erzähle mal.
Schwochnew. Eine solche Begebenheit werde ich nie vergessen. Sagt mir da einmal sein Schwager (zeigt auf Uteschitelny) Andréj Iwánowitsch Pjátkin: »Schwochnew, willst du ein Wunder sehen? Ein Junge von elf Jahren, der Sohn von Iwán Micháilowitsch Kubischew, macht solche Kartenkunststücke, wie kein einziger Spieler. Reise mal nach dem Tjetjúschischen Kreis und sieh dir's an!« Ich muß gestehen, ich habe mich sofort nach dem Tjetjúschischen Kreis begeben, ich frage nach dem Dorf des Iwan Michailowitsch Kubischew und komme direkt zu ihm. Ich lasse mich anmelden. Es kommt ein Herr gesetzten Alters, ich stelle mich vor und sage: »Entschuldigen Sie bitte, ich habe gehört, daß Gott Ihnen einen ganz ungewöhnlichen Sohn geschenkt hat.« -- »Jawohl, das muß ich zugeben«, sagt er, und was mir gefallen hat, verstehen Sie wohl, ohne irgendwelche Umschweife und Prätentionen -- Ja, sagt er, das ist richtig, wenn's auch einem Vater nicht zukommt, seinen eigenen Sohn zu loben, aber der ist wirklich gewissermaßen ein Wunder. Mischa, sagt er, komm mal her, zeig mal dem Gast deine Kunst. Nun wissen Sie, wie so'n Junge ist, der Junge ist noch ganz Kind, reicht mir kaum bis an die Schulter, und in den Augen ist auch nichts Besonderes zu bemerken. Er fängt an, Karten zu geben, und ich bin ganz baff! Es übersteigt alle Beschreibung!
Icharew. Ist es möglich, daß gar nichts zu bemerken war?
Schwochnew. Nichts, gar nichts, nicht die Spur. Ich schaute zu mit beiden Augen.
Icharew. Das ist unbegreiflich!
Uteschitelny. Ein Phänomen, ein wahres Phänomen!
Icharew. Wenn ich noch bedenke, daß dazu doch Kenntnisse notwendig sind, die auf der Schärfe der Augen und einem aufmerksamen Studium des Musters beruhen.
Uteschitelny. Aber jetzt ist das ja sehr viel leichter geworden. Jetzt ist das Besprenkeln und Bezeichnen ganz aus dem Gebrauch gekommen. Man sucht jetzt den Schlüssel zu erlernen.
Icharew. Das heißt, den Schlüssel der Zeichnung?
Uteschitelny. Jawohl. Den Schlüssel der Zeichnung auf der Rückseite. Da lebt in einer Stadt, -- in welcher, das will ich nicht sagen, -- ein ehrbarer Mann, der nichts anderes tut, als nur dies: Jedes Jahr bekommt er aus Moskau einige hundert Kartenspiele, von wem, -- das bleibt ein Geheimnis. Seine ganze Aufgabe und Pflicht besteht darin, das Muster auf der Rückseite jeder Karte zu untersuchen, und einen Schlüssel dazu einzuschicken, d. h. sieh nur hin: bei der Zwei, da ist die Zeichnung so angeordnet, bei einer anderen Karte ist die Sache so, und dann wieder so, und für das allein bekommt er jährlich fünftausend in barem Gelde.
Icharew. Das ist allerdings eine sehr wichtige Sache!
Uteschitelny. Ja, das _muß_ übrigens auch so sein. Das ist, was man in der National-Ökonomie die Arbeitsteilungen nennt. Zum Beispiel, ein Wagenbauer, der macht ja nicht selbst den ganzen Wagen, er gibt doch auch dem Schmied und dem Tapezierer was ab. Sonst würde ja das ganze Menschenleben nicht ausreichen.
Icharew. Gestatten Sie eine Frage: Wie machten Sie's bis jetzt, um Ihre Kartenspiele in Kurs zu setzen. Die Bedienung bestechen, das ist ja nicht immer möglich.
Uteschitelny. Gott behüte! ist auch gefährlich. Das hieße ja manchmal, sich selbst verraten. Wir machen es anders. Einmal machten wir's auf folgende Weise: Unser Agent kommt zum Jahrmarkt und nimmt als Kaufmann Logis im Stadthotel; er habe noch nicht Zeit gefunden, sich einen Laden zu mieten. Da stehen nun die Kisten und Ballen noch so im Zimmer herum. Er lebt im Hotel, macht Ausgaben, ißt, trinkt und verschwindet plötzlich, man weiß nicht, wohin, ohne seine Rechnung bezahlt zu haben. Der Hotelwirt sucht im Zimmer herum und sieht, es ist nur ein Ballen zurückgeblieben. Er macht den Ballen auf, sieh da: hundert Dutzend Kartenspiele. Die Karten werden natürlich gleich verauktioniert. Das Dutzend einen Rubel billiger, da kaufen die Kaufleute in einem Augenblick alles für ihren Laden auf, und in vier Tagen hat die ganze Stadt ihr Geld im Spiel verloren.
Icharew. Das ist sehr geschickt.
Schwochnew. Nun, und bei jenem, beim Gutsbesitzer?
Icharew. Was denn, beim Gutsbesitzer?