Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke

Part 25

Chapter 253,829 wordsPublic domain

Die zweite Pekesche. Bei den Franzosen ist das eine andere Sache! Dort machts die _societé, mon cher_! Bei uns ist so etwas unmöglich. Bei uns sind die Autoren ohne jede Bildung: zum größten Teil sind es alles Zöglinge eines Seminars. Sie neigen zum Wein, zur Ausschweifung. Auch zu meinem Lakei kam immer so ein Autor: wo soll der also eine Vorstellung von der guten Gesellschaft hernehmen? (Sie entfernen sich.)

Eine Weltdame (in Begleitung zweier Herren, der eine trägt einen Frack und der andere eine Uniform): Was für Menschen, was für Personen hier vorgeführt werden! Nicht einer, der einigermaßen anziehend ist ... Warum schreibt man bei uns nicht so, wie die Franzosen schreiben, zum Beispiel Dumas und ähnliche. Ich verlange keine Muster von Tugend; zeigt mir eine Frau, die irrt, die ihren Mann betrügt, die sich zum Beispiel einer lasterhaften und verbotenen Liebe hingibt -- aber stellt es mir so hinreißend dar, daß ich mit ihr mitfühle, daß ich sie lieb gewinne ... Hier dagegen ist eine Person immer ekelhafter als die andere.

Der Herr in Uniform. Ja, so trivial, so trivial.

Die Weltdame. Sagen Sie: warum ist bei uns in Rußland alles noch so trivial?

Der Herr im Frack. Mein Herz, du wirst mir nachher erzählen, warum alles so trivial ist. Man ruft unsern Wagen auf. (Sie entfernen sich.)

(Drei Herren treten auf.)

Der erste. Warum soll man denn nicht ein wenig lachen? Man darf doch noch lachen: aber ist das ein Gegenstand für den Spott -- Mißbräuche und Laster! Was gibt es da zu spotten?

Der zweite. Über was soll man denn sonst lachen? Etwa über die Tugenden, über die Vorzüge eines Menschen?

Der erste. Nein; das ist doch kein Gegenstand für eine Komödie, mein Lieber! Das soll sozusagen auch die Regierung treffen. Gibt es denn keine anderen Gegenstände, worüber man schreiben kann?

Der zweite. Was wären das für andere Gegenstände?

Der erste. Nun, gibt es denn so wenig komische gesellschaftliche Ereignisse? Nehmen wir zum Beispiel an: ich will zu einem Gartenfest auf die Apothekerinsel fahren, und der Kutscher würde mich plötzlich auf der Wyborgskaja oder bei dem Smolnikloster absetzen. Gibt es denn nicht genug solcher komischer Situationen?

Der zweite. Das heißt: Sie wollen der Komödie jede ernste Bedeutung nehmen. Aber warum solche absolute Gesetze aufstellen? Komödien in der Art, wie Sie es wünschen, gibt es ja in Unzahl. Warum soll es nicht zwei oder drei wie die eben gespielte geben dürfen? Wenn Ihnen solche Komödien gefallen, wie die, von denen Sie soeben sprachen, so brauchen Sie nur ins Theater zu gehen: dort können Sie täglich ein Stück sehen, wo einer sich unter dem Stuhl versteckt und der andere ihn am Bein hervorzieht.

Der dritte. Nein, nein, bitte, so ist es denn doch nicht. Alles hat seine Grenzen, es gibt Dinge, über die man sozusagen nicht spotten darf, die schon gewissermaßen etwas Heiliges sind.

Der zweite (für sich mit einem bitteren Lächeln): So ists immer auf der Welt. Lacht man über das wahrhaft Edele, über das, was das große Heiligtum unserer Seele ausmacht, so wird keiner dafür eintreten; lacht man aber über das Laster, über das Gemeine und Niedrige -- dann schreien alle: »Er verspottet unsere Heiligtümer!«

Der erste. Na, nun sehen Sie's; wie ich merke, sind Sie jetzt überzeugt: Sie sagen kein Wort. Glauben Sie mir, man muß überzeugt sein: das ist das Wahre. Ich selbst bin ein unparteiischer Mensch und ich will nicht sagen, daß ... aber das ist einfach keine Angelegenheit für einen Autor, kein Gegenstand für eine Komödie. (Sie entfernen sich.)

Der zweite (für sich). Ich gestehe, ich möchte um keinen Preis an Stelle des Autors sein. Allen soll man's recht machen! Wählt man ein unbedeutendes gesellschaftliches Ereignis, so schreien alle: »Er schreibt Unsinn! Das hat doch keinen tiefen moralischen Zweck;« wählt man aber einen Gegenstand, der irgendeinen sittlichen Kern enthält, so sagen sie: »Das ist nicht seine Sache, er soll spaßige Sachen schreiben!« (Er entfernt sich.)

(Eine junge Weltdame in Begleitung ihres Mannes.)

Der Mann. Unser Wagen kann nicht weit sein, wir können gleich fahren.

Herr N. (tritt zu der Dame heran). Was sehe ich! Sie sind hergekommen, um sich ein russisches Stück anzusehen!

Die junge Dame. Was ist dabei? Habe ich denn gar keinen Patriotismus?

Herr N. Nun, wenn es so wäre: so werden Sie mit Ihrem Patriotismus doch nicht allzusehr auf ihre Kosten gekommen sein. Sie schimpfen doch wohl auf das Stück?

Die junge Dame. Gar nicht. Ich finde, daß vieles darin ungemein richtig ist: ich habe von Herzen gelacht.

Herr N. Warum haben Sie denn gelacht? Vielleicht weil Sie gern über alles Russische lachen?

Die junge Dame. Nein, nur darum, weil es einfach komisch war. Weil hier jene Niedertracht, jene Gemeinheit öffentlich entlarvt wurde, die immer die gleiche Gemeinheit und Niedertracht bleibt, welches Gewand sie auch anlegen mag, und ob sie sich in einer Kreisstadt oder hier, mitten unter uns abspielt: deshalb habe ich gelacht.

Herr N. Mir sagte eben eine sehr gescheite Dame, daß sie auch gelacht hat, aber bei alledem hat das Stück auf sie einen sehr traurigen Eindruck gemacht.

Die junge Dame. Ich mag nicht wissen, was Ihre gescheite Dame empfunden hat, aber ich habe keine so empfindlichen Nerven, und ich lache immer gern über das, was in seinem Kern komisch ist. Ich weiß, daß es unter uns auch Leute gibt, die im Herzen über die schiefe Nase eines Menschen lachen können, aber den Mut nicht aufbringen, über die häßliche Seele eines Menschen zu lachen.

(In der Entfernung erscheint noch eine junge Dame mit ihrem Mann.)

Herr N. Ah da kommt Ihre Freundin. Ich möchte ihre Meinung über die Komödie hören. (Die Damen reichen sich die Hände.)

Die erste Dame. Ich sah von weitem, wie du lachtest.

Die zweite Dame. Ja, wer hat denn nicht gelacht? Alle haben doch gelacht.

Herr N. Und hatten Sie denn gar kein trauriges Gefühl dabei?

Die zweite Dame. Ich gestehe, mir war wirklich traurig zu Mut. Ich weiß, daß das alles sehr wahr ist; ich habe viel Ähnliches gesehen, und es hat mich immer traurig gestimmt.

Herr N. Also hat Ihnen die Komödie nicht gefallen?

Die zweite Dame. Aber erlauben Sie, wer sagt denn das? Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß ich von ganzem Herzen gelacht habe und sogar mehr als alle andern; ich glaube sogar, daß man mich für eine Wahnsinnige gehalten hat ... Aber ich wurde deshalb traurig, weil ich den Wunsch hatte, wenigstens auf einem guten Gesicht ausruhen zu können. Diese Masse, diese Überfülle des Gemeinen ...

Herr N. Sprechen Sie! Sprechen Sie!

Die zweite Dame. Hören Sie: empfehlen Sie dem Autor, daß er wenigstens _einen_ anständigen Menschen hineinbringt. Sagen Sie ihm, daß man ihn darum bittet, daß es wirklich gut wäre.

Der Mann der ersten Dame. Gerade dies sollten Sie ihm nicht empfehlen! Die Damen wollen unbedingt einen Ritter sehen, der bei jeder Gelegenheit von Edelmut spricht, und sei es auch in den banalsten Phrasen.

Die zweite Dame. Durchaus nicht. Wie wenig Sie uns kennen! Gerade Ihnen ist dies eigentümlich! Gerade Ihr liebt nur Phrasen und Reden von Hochherzigkeit und Edelmut. Ich habe einmal das Urteil eines von den Euren gehört: ein Dickwanst schrie so, daß er, wie ich glaube, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkte -- das alles sei Verleumdung, solche Gemeinheiten und Schurkereien kämen bei uns nie vor. Und wer sagte das? -- Der allerniedrigste und gemeinste Mensch, der stets bereit war, seine Seele, sein Gewissen und alles, was Sie wollen, zu verkaufen. Ich will ihn nur nicht beim Namen nennen.

Herr N. Aber sagen Sie es doch: Wer war es?

Die zweite Dame. Warum wollen Sie es wissen? Er war es ja nicht allein; ich hörte, wie man um uns herum unaufhörlich schrie: »Das ist eine widerwärtige Verhöhnung Rußlands, eine Verhöhnung der Regierung! Wie kann man nur so etwas zulassen? Was wird das Volk dazu sagen?« Und _warum_ haben sie so geschrieen? Etwa, weil sie wirklich so dachten und fühlten? -- Oh nein, verzeihen Sie. Nur darum, um Lärm zu machen, damit man das Stück verbietet, oder vielleicht, weil sie etwas in ihm gefunden hatten, das sie an sich selbst erinnerte. So sind Ihre wahren Ritter, und -- nicht die Theaterhelden!

Der Mann der ersten Dame. O bei Ihnen regt sich schon etwas wie eine kleine Empörung!

Die zweite Dame. Empörung -- jawohl Empörung. Ja, ich bin empört, sehr empört. Man kann doch nicht ruhig bleiben, wenn man sieht, wie die Gemeinheit unter allen möglichen Masken auftritt.

Der Mann der ersten Dame. Nun ja: Sie möchten, daß sofort irgendein Ritter hervortritt, über einen Abgrund springt und sich das Genick bricht ...

Die zweite Dame. O nein, verzeihen Sie.

Der Mann der ersten Dame. Natürlich: was verlangt denn eine Frau? -- Sie verlangt unbedingt, daß sich im Leben irgendein Roman abspielt.

Die zweite Dame. Nein, nein, nein! Ich könnte es zweihundertmal wiederholen: nein! Das ist eine ganz alte, banale Vorstellung, die Sie uns immer wieder aufdrängen wollen. Die Frau hat mehr wahrhaften Edelmut, als der Mann, die Frau ist nicht imstande, sie ist unfähig, alle jene Niedrigkeiten und Schurkereien zu begehen, die ihr Männer euch leistet. Die Frau kann nicht heucheln, wo ihr heuchelt, sie kann nicht durch die Finger sehen, wo ihr es tut, wo es sich um solche Gemeinheiten handelt! Sie ist anständig genug, um dies alles auszusprechen, ohne sich erst überall umzuschauen, ob es den Leuten auch gefällt -- denn das muß ausgesprochen werden. Was gemein ist -- ist gemein, da hilft kein Vertuschen und kein Beschönigen. Es bleibt eine Gemeinheit, eine Gemeinheit, eine Gemeinheit!

Der Mann der ersten Dame. Ich glaube, jetzt sind Sie wahrhaftig allen Ernstes böse.

Die zweite Dame. Weil ich offen bin und es nicht ertragen kann, wenn man die Unwahrheit spricht.

Der Mann der ersten Dame. Nun, nun, seien Sie nicht böse und geben Sie mir Ihr Händchen. Ich scherzte ja nur.

Die zweite Dame. Hier haben Sie meine Hand -- ich bin ja gar nicht böse. (Sie wendet sich an Herrn N.) Hören Sie: bitte raten Sie doch dem Autor, daß er einen edlen und ehrlichen Menschen in die Komödie hineinbringt.

Herr N. Ja aber wie soll man das machen? Wie, wenn er nun einen ehrlichen Menschen hineinbrächte und dieser ehrliche Mensch ein Theaterheld würde?

Die zweite Dame. O nein, wenn er wirklich stark und tief empfindet, so wird sein Held kein Theaterritter werden.

Herr N. Aber ich glaube, das ist nicht so leicht zu machen.

Die zweite Dame. Sagen Sie doch einfach, daß Ihr Autor keine starken und tiefen Seelenregungen hat.

Herr N. Aber warum nur?

Die zweite Dame. Nun, wer unaufhörlich und immerfort lacht, der kann doch keine allzu hohen Gefühle haben: unmöglich kann ihm bekannt sein, was nur ein zartes Herz empfindet.

Herr N. Das ist ausgezeichnet! Also nach Ihnen kann der Verfasser kein edler Mensch sein?

Die zweite Dame. Sehen Sie! Sie legen es gleich ganz anders aus. Ich habe doch kein Wort davon gesagt, daß ein Komödiendichter nicht edel sein und keinen strengen Begriff von der Ehre im vollen Sinn dieses Wortes haben kann. Ich sage nur, daß er nicht imstande ist ... eine von Herzen kommende Träne zu vergießen und etwas aus ganzer Kraft, aus tiefster Seele zu lieben.

Der Mann der zweiten Dame. Aber wie kannst du das nur so positiv behaupten?

Die zweite Dame. Ich kann es, weil ich es weiß. Alle Menschen, die immer nur lachten, oder Spötter waren, besaßen eine große Eigenliebe und waren fast alle Egoisten; vornehme und edle Egoisten natürlich -- aber immer doch Egoisten.

Herr N. Also Sie geben unbedingt jener Art von Werken den Vorzug, in denen nur die hohen Regungen der Menschen vorkommen.

Die zweite Dame. Aber natürlich! Ich werde sie immer höher stellen, und ich muß gestehen, ich habe mehr inneres Vertrauen zu einem solchen Autor.

Der Mann der ersten Dame (wendet sich an Herrn N.). Nun, du siehst doch, es kommt auf das gleiche hinaus -- so ist der Geschmack der Frauen. In ihren Augen steht die banalste Tragödie höher als die allerbeste Komödie. Schon allein, weil es eine Tragödie ist ...

Die zweite Dame. Schweigen Sie, sonst werde ich wieder böse. (Wendet sich an Herrn N.) Nun sagen Sie, habe ich denn nicht die Wahrheit gesagt: ein Komödienschreiber muß doch unbedingt eine kalte Seele haben?

Der Mann der zweiten Dame. Oder eine glühende, denn ein reizbares Temperament fordert doch auch zum Spott und zur Satire heraus.

Die zweite Dame. Oder eine leicht erregbare Seele. Aber was bedeutet das? -- Das bedeutet, daß der Anlaß zu diesen Werken immer nur Galle, Verbitterung, Empörung ist, wenn auch eine in jeder Hinsicht gerechte Empörung. Aber es fehlt das, was erkennen läßt, daß das Werk aus einer hohen Liebe zur Menschheit ... kurz aus Liebe geboren ward. Nicht wahr?

Herr N. Sehr richtig.

Die zweite Dame. Und nun sagen Sie: hat der Autor der Komödie Ähnlichkeit mit diesem Porträt?

Herr N. Wie soll ich Ihnen sagen? Ich kenne ihn nicht so gut, um über seine Seele urteilen zu können. Aber wenn ich überlege, was ich alles von ihm gehört habe, so muß er entweder ein Egoist oder ein sehr reizbarer Mensch sein.

Die zweite Dame. Nun sehen Sie, ich wußte es doch ganz genau.

Die erste Dame. Ich weiß nicht warum -- aber ich möchte nicht, daß er ein Egoist wäre.

Der Mann der ersten Dame. Ah, da kommt unser Lakai, unser Wagen ist also vorgefahren. Leben Sie wohl. (Drückt der zweiten Dame die Hand.) Sie kommen doch zu uns, nicht wahr? Wir wollen doch bei uns zu Hause Tee trinken?

Die erste Dame (im Weggehen). Gern.

Die zweite Dame. Unbedingt.

Der Mann der zweiten Dame. Ich glaube, unser Wagen ist auch vorgefahren. (Folgen ihnen.)

(Zwei Zuschauer treten herein.)

Der erste. Erklären Sie mir nur das eine: wenn man jeden Akt, jede Person, jeden Charakter einzeln betrachtet, warum sieht man dann, daß alles wahr, alles lebendig und der Natur entnommen ist, und doch erscheint es im ganzen als etwas Ungeheuerliches, Übertriebenes, als eine Karikatur, so daß man sich nach Verlassen des Theaters unwillkürlich fragt: existieren denn wirklich solche Menschen? Und dabei sind es doch nicht eigentlich Verbrecher!

Der zweite. Nicht im geringsten -- es sind durchaus keine Verbrecher! Sie sind einfach das, was das Sprichwort so ausdrückt: Kein böser Sinn, ein Schelm schlechthin.

Der erste. Und dann noch eins: diese ungeheure Anhäufung, dieses Übermaß -- ist das nicht schon ein Fehler einer Komödie? Sagen Sie mir, wo gibt es eine Gesellschaft, die aus lauter solchen Menschen besteht, wo -- wenn nicht die Hälfte -- so doch mindestens nicht ein kleiner Bruchteil anständige Menschen sind. Wenn eine Komödie ein Bild, ein Spiegel unseres sozialen Lebens sein soll, so muß dieses sich in voller Deutlichkeit spiegeln.

Der zweite. Erstens ist meiner Meinung nach diese Komödie kein Bild, sondern eher noch eine Frontispice. Sie sehen, Szene und Schauplatz sind imaginär. Sonst hätte der Autor wohl keine Fehler und keine offensichtlichen Anachronismen begangen und nicht manche Personen solche Worte sagen lassen, die weder ihrem Charakter noch der Stellung, die sie einnehmen, entsprechen. Nur die erste Gereiztheit hat das für eine persönliche Anspielung nehmen können, worin auch nicht einmal ein Schatten von Persönlichem liegt und was mehr oder weniger allen Menschen eigen ist. Das ist vielmehr ein großer Sammelpunkt: von überall her, aus allen Winkeln Rußlands sind hier alle Abnormitäten, alle Mißbräuche und Verirrungen zusammengeströmt, um einer Idee zu dienen und dem Zuschauer eine lebhafte edle Abscheu vor vielem Häßlichen und Niedrigen einzuflößen. Der Eindruck wird aber immer größer, weil keine der dargestellten Personen alles Menschliche verloren hat: überall klingt dies Menschliche hindurch. Dadurch wird die seelische Erschütterung noch tiefer, und wenn der Zuschauer lacht, wendet er sich unwillkürlich um, wie wenn er fühlte, daß ihm das ganz nahe ist, worüber er lachte, und daß er jeden Augenblick darüber wachen muß, daß es nicht in seine eigene Seele hinüberfließe. Am amüsantesten mußte wohl folgender Vorwurf für den Autor sein, wie ich glaube. »Warum sind seine Personen und Helden nicht sympathisch?« während er doch alles getan hat, um sie recht abstoßend zu machen. Und wenn auch nur _ein_ anständiger Mensch in die Komödie hineingebracht worden wäre, mit der ganzen Anziehungskraft, die von einem solchen ausgeht, so hätten sich alle, bis auf den Letzten, auf die Seite des anständigen Menschen gestellt und die ganz und gar vergessen, vor denen sie jetzt so erschrocken sind. Diese Gestalten würden uns vielleicht nach der Vorstellung nicht so verfolgen, wie wenn sie lebendig wären; der Zuschauer nähme kein schmerzliches Gefühl aus dem Stück mit und würde sich nicht fragen: »Existieren denn wirklich solche Menschen?«

Der erste. Gewiß. Aber das wird man doch nicht gleich begreifen.

Der zweite. Sehr natürlich. Der innere Sinn der Sache wird immer erst nachher verstanden. Und je lebhafter, je deutlicher die Gestalten sind, in denen er sich verkörpert und auf die er sich verteilt, um so mehr bleibt die allgemeine Aufmerksamkeit an diesen Gestalten haften. Nur wenn man sie zusammenaddiert, erhält man die Summe und den Sinn einer solchen Schöpfung. Aber solche Zeichen schnell zergliedern und addieren, sie sogleich auf den ersten Blick lesen -- das kann nicht jeder; und bis dahin wird man immer nur Zeichen sehen. Und ich sage es Ihnen im Voraus, Sie werden es noch erleben: vor allem wird jedes Kreisstädtchen in Rußland in Empörung geraten und behaupten, daß das eine böse Satire, eine platte und gemeine Erdichtung ist, die sich offen gegen dies Städtchen richtet. (Sie entfernen sich.)

Ein Beamter. Das ist nichts wie eine platte gemeine Erdichtung! Das ist eine Satire! Ein Pasquill!

Ein anderer Beamter. Jetzt ist also gar nichts mehr übriggeblieben. Man braucht keine Gesetze, man braucht auch dem Staate nicht zu dienen. Diese Uniform, die ich trage, -- muß ich also fortwerfen: sie ist jetzt nicht mehr als ein Lappen.

(Zwei junge Menschen laufen herein.)

Der eine. Jetzt sind alle zornig. Ich habe schon so viel reden hören, daß ich schon, wenn ich einen bloß ansehe, erraten kann, was er über das Stück denkt.

Der andere. Nun, und was denkt dieser da?

Der erste. Der grade in die Ärmel seines Mantels fährt?

Der andere. Ja.

Der erste. Der denkt folgendes: »Für so eine Komödie solltest du mir nach Nertschinsk! ...« Aber ich glaube, die Galerie kommt schon herunter. Das Vaudeville scheint schon aus zu sein. Gleich wird der Strom der kleinen Leute hereinbrechen. Wir wollen gehen. (Beide entfernen sich.)

(Der Lärm wird stärker; man hört und sieht die Menschen alle Treppen herunterlaufen. Es kommen: Bauernröcke, Pelzjacken, Hauben, lange deutsche Kaufmanns-Kaftans, Dreimaster und Federbüsche, Mäntel aller Arten: Friesmäntel, Militäruniformen, abgetragene und stutzerhafte mit Biberkragen. Die Menge stößt den Herrn, der in die Ärmel des Mantels fährt, weg; der Herr tritt zur Seite und fährt dort fort, den Mantel anzuziehen. In der Menge werden Herren und Beamte aller Art sichtbar. Lakaien in Livree bahnen den gnädigen Frauen den Weg.)

Man hört eine kreischende Frauenstimme: Herrgott, man erdrückt mich ja ganz von allen Seiten.

Ein geschmeidiger junger Beamter (läuft an den Herrn heran, der den Mantel anzieht). Erlauben Exzellenz, daß ich Ihnen den Mantel halte.

Der Herr im Mantel. Ah, guten Tag! Du hier? Du bist wohl hergekommen, um das Stück zu sehen?

Der junge Beamte. Jawohl, Exzellenz, es ist sehr gut und mit viel Witz beobachtet!

Der Herr im Mantel. Ach Unsinn! Da gibts gar nichts Witziges!

Der junge Beamte. Sehr richtig, Exzellenz! Absolut nichts!

Der Herr im Mantel. Für solche Sachen verdient man, ausgepeitscht und nicht noch gelobt zu werden.

Der junge Beamte. Jawohl, Exzellenz.

Der Herr im Mantel. Daß man die jungen Leute nur ins Theater läßt! Die werden dort viel Nützliches lernen! Auch du: jetzt wirst du wohl in die Kanzlei kommen und gleich mit Grobheiten beginnen?

Der junge Beamte. Wie könnte ich nur, Exzellenz! ... Gestatten Sie, daß ich Ihnen den Weg freimache. (Zu der Menge, während er ein paar Leute fortstößt.) He, ihr da, macht Platz! Ein General kommt! (Tritt mit übertriebener Höflichkeit an zwei stutzerhaft gekleidete Herren heran.) Meine Herren, tuen Sie mir den Gefallen, lassen Sie den General durch!

(Die gutgekleideten Herren treten zur Seite und geben den Weg frei.)

Der erste. Weißt du, was das für ein General ist? Es muß wohl eine bekannte Größe sein?

Der zweite. Ich weiß nicht. Ich habe ihn noch nie gesehen.

Ein redseliger Beamter (mischt sich von hinten in das Gespräch). Ein ganz einfacher Staatsrat vierter Klasse. So ein Glück! Nach fünfzehnjährigem Dienst hat er schon den Wladimir-, den Anna- und Stanislaworden, dreitausend Rubel Gehalt, und außerdem zweitausend Zuschuß und dazu noch Zulagen vom Rat, von der Kommission und vom Departement.

Die gutgekleideten Herren (einer zum andern). Gehen wir. (Sie entfernen sich.)

Der redselige Herr. Das sind wohl verwöhnte Muttersöhnchen. Dienen wahrscheinlich im auswärtigen Amt. Ich habe die Komödien nicht gern; meinem Geschmack entspricht mehr die Tragödie. (Geht ab.)

Eine Stimme aus der Menge. Wieviel Volk hier zusammengeströmt ist!

Ein Offizier (drängt sich mit einer Dame am Arm durch die Menge). He, ihr Langbärte da, drängt doch nicht so. Siehst du denn nicht -- das ist eine Dame!

Ein Kaufmann (mit einer Dame am Arm). Wir haben doch auch eine Dame bei uns, Väterchen.

Eine Stimme aus der Menge. Jetzt hat sie sich umgesehen, siehst du, siehst du? Sie ist jetzt häßlicher geworden -- aber vor drei Jahren ...

Verschiedene Stimmen. Hörst du, dreißig Kopeken habe ich von ihm zurückbekommen. -- Ein schurkisches, schlechtes Stück! -- Ein amüsantes Stück. -- Was drängst du dich mir bis an die Gurgel ran?

Eine Stimme vom äußersten Ende. Das ist alles Unsinn! Wo hätte sich so ein Ereignis abspielen können? So etwas könnte höchstens noch auf der Tschukotzki-Insel geschehen.

Eine Stimme vom anderen Ende. Nun, ganz so eine Sache ist unserer Stadt passiert. Ich glaubte schon, der Autor habe -- wenn er nicht selbst dort gewesen ist -- doch zum mindesten davon gehört.

Die Stimme des Kaufmanns. Es ist -- sehen Sie wohl -- sozusagen mehr von der moralischen Seite gesehen. Gewiß, es gibt sozusagen sehr verschiedene Menschen. Aber wollen Sie bitte in Betracht ziehen, daß auch ein ehrlicher Mensch, wenn die Gelegenheit sich bietet ... Und von wegen der Moral -- so kommt das auch bei den Adligen vor.

Die Stimme eines Mäzens. Wahrscheinlich ist er eine Kanaille, ein Schuft -- dieser Dichter: alles hat er ausgekundschaftet, er weiß alles!

Die Stimme eines brummigen, aber offenbar erfahrenen Beamten. Was weiß er denn? Den Teufel weiß er! Und schwindeln tut er, schwindeln: alles, was er da geschrieben hat -- alles ist gelogen! Man nimmt auch die Schmiergelder nicht auf diese Weise, wenn es darauf ankommt ...

Die Stimme eines andern Beamten aus der Menge. Ach was sagen Sie: »Lächerlich, ganz lächerlich!« Wissen Sie auch warum das lächerlich ist? Das sind doch alles bestimmte Personen. Er hat nämlich alle seine Großmütter und Tanten dargestellt. Das ist das Lächerliche daran!

Eine unbekannte Stimme. Halt, man hat ein Tuch gestohlen!

(Zwei Offiziere, die sich erkennen, begrüßen einander über die Menschen hinweg.)

Der erste. Michèl, gehst du hin?

Der zweite. Jawohl.

Der erste. Nun, ich bin auch dort.

Ein Beamter von bedeutendem Äußern. Ich würde alles verbieten. Nichts braucht man zu drucken. Genieße die Errungenschaften der Bildung, lies -- aber schreib nicht! Es gibt schon genug Bücher -- wir brauchen keine mehr!

Eine Stimme aus dem Volke. Nun wenn er ein Schurke ist -- so ist er eben ein Schurke! Sei kein Schurke, und man wird nicht über dich lachen.