Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II

Part 9

Chapter 93,521 wordsPublic domain

»Ja,« versetzte Kostanshoglo kurz, es schien fast, daß er sich über Tschitschikow ärgerte, »man muß die Arbeit lieb haben, ohne das kann man nichts erreichen. Man muß an der Landwirtschaft Freude haben! -- Jawohl! Und glauben Sie mir -- sie ist gar nicht langweilig. Das ist auch so ein neuer Einfall, daß es auf dem Lande langweilig ist ... ich für meinen Teil käme vor Langerweile um, wenn ich auch nur einen Tag in der Stadt verbringen müßte, so wie diese Herrschaften ihre Zeit totschlagen: in ihren Klubs, und Restaurants und Theatern. Narren! Nichts als Narren. Eine ganze Generation von lauter Eseln! Ein Landwirt hat keine Zeit zur Langenweile. In seinem Leben gibt es keine leeren Zwischenräume -- jeder Augenblick ist ausgefüllt. Schon diese Mannigfaltigkeit seiner Beschäftigung, seiner Tätigkeit! -- und welch einer Tätigkeit! -- diese Tätigkeit hat etwas wahrhaft Erhebendes für Herz und Geist! Sagt was ihr wollt, der Mensch geht hier doch gewissermaßen Hand in Hand mit der Natur, wird zum Mitwisser und Mitarbeiter an der ganzen Schöpfung, an allem, was rund herum um ihn vorgeht. Sehen Sie doch nur hin, was das ganze Jahr über alles geschafft werden muß: wie noch vor Anbruch des Frühlings alles auf dem Posten ist und auf seine Ankunft wartet: da muß die Aussaat vorbereitet, das Korn in den Scheunen noch einmal durchgesehen, gemessen und getrocknet, da muß nachgerechnet werden, wieviel Arbeit zu allem erforderlich sein wird. Alles wird im voraus überlegt und dann ein Überschlag gemacht. Und wenn dann das Eis bricht und die Flüsse frei werden, wenn dann alles trocken ist und die Erde sich lockert -- dann arbeitet in den Gärten und Gemüsebeeten der Spaten, und Pflug und Egge im Felde: man pflanzt, man setzt, man sät. Verstehen Sie, was das heißt? Das ist wohl eine Kleinigkeit? Es ist die künftige Ernte, die hier vorbereitet wird! Der Segen des ganzen Landes wird hier ausgesät. Die Nahrung für Millionen! ... Dann kommt der Sommer ... Nun beginnt die Heuernte, man mäht und mäht ... Doch jetzt kommt die Erntezeit; erst der Roggen, dann der Weizen, dann Gerste und Hafer. Alles ist in fieberhafter Tätigkeit; da heißt's keinen Augenblick verlieren, man möchte zwanzig Augen haben, und doch hätte keines Zeit zum Ruhen. Und wenn dann alles fertig ist und auf die Tenne gebracht und zu Garben zusammengebunden ist -- dann muß man schon wieder weiter denken; der Acker muß für die Wintersaat gepflügt, die Scheunen, die Darren, die Viehställe müssen geputzt werden, dazu kommt noch die ganze Frauenarbeit -- wenn man dann die Summe zieht, so sieht man erst, was man geleistet hat; aber da ist ja ... Und erst der Winter! Da wird auf allen Tennen gedroschen und dann das gedroschene Korn von den Darren in die Scheunen gebracht. Man geht in die Mühlen und in die Fabriken, besucht die Arbeitswerkstätten und die Bauern und sieht, was sie tun und treiben. Ach, ich kann Ihnen sagen, wenn ein Zimmermann mit der Axt umzugehen weiß, dann kann ich zwei Stunden lang dastehen und ihm zuschauen, so ein Vergnügen macht mir's, ihn arbeiten zu sehen. Und wenn man fühlt, daß diese ganze Tätigkeit einen Sinn und ein Ziel hat, wie um uns her alles wächst und sich mehrt und Frucht und Gewinn bringt -- ich kann Ihnen garnicht sagen, was dann in einem vorgeht. Nicht deshalb, weil sich das Geld vermehrt -- Geld ist natürlich auch eine schöne Sache -- aber weil das alles das Werk deiner Hände ist; weil du siehst, daß du selbst die Ursache, der Schöpfer von alledem bist, und daß du wie irgend ein Magier oder Zauberer nichts wie Wohlstand, Glück und Überfluß über alles ausschüttest. Nun, sagen Sie, können Sie sich einen höheren Genuß vorstellen?« fuhr Kostanshoglo fort und blickte empor; die Falten waren verschwunden. Wie ein König am Tage seiner feierlichen Krönung, so strahlte er in heller Freude, und sein Gesicht schien zu leuchten. »Nein, Sie werden auf der ganzen Welt keinen ähnlichen Genuß finden! Denn hierin ahmt der Mensch den Schöpfer nach: Gott hat sich das Schaffen als den höchsten aller Genüsse vorbehalten, und er verlangt vom Menschen, daß auch er gleich Ihm um ihn herum Glück und Wohlergehen schaffe. Und das nennt man eine langweilige Beschäftigung!«

Wie der Gesang eines Paradiesvogels erschienen Tschitschikow die süßtönenden Reden des Hausherrn, an denen er sich garnicht satt hören konnte. Das Wasser lief ihm im Munde zusammen. Seine Augen strahlten einen fettigen Glanz aus und nahmen einen zuckersüßen Ausdruck an; er hätte immer weiter zuhören mögen.

»Konstantin, ich glaube, es ist Zeit, daß wir uns erheben,« sagte die Hausfrau und stand auf. Alle folgten ihr. Tschitschikow bot der Wirtin den Arm und führte sie in den Salon zurück, aber diesmal fehlte es seinen Bewegungen an der gewohnten Leichtigkeit und Gewandheit, denn seine Gedanken wurden von anderen weit wichtigeren Fragen bewegt.

»Du magst sagen, was du willst, es ist trotz alledem trostlos und langweilig,« erklärte Platonow, der hinter ihnen herging.

»Der Gast ist kein dummer Kerl,« dachte der Hausherr; »er ist aufmerksam, sehr gesetzt und würdig in seinen Reden und vor allem kein Schwätzer.« Bei diesem Gedanken wurde er noch fröhlicher; die Unterhaltung schien ihn warm gemacht zu haben, und er freute sich, daß er einen Menschen gefunden hatte, der es verstand, seine weisen Ratschläge mit Verstand entgegenzunehmen.

Und als man dann in dem gemütlichen Zimmer, in dem einige Kerzen ein angenehmes Licht verbreiteten, dem Balkon gegenüber Platz nahm, als die Sterne hoch über den Baumwipfeln des schlafenden Gartens freundlich zu ihnen durch die Glastür hereinblinkten, da wurde es Tschitschikow so wohlig zu mute, wie schon lange nicht mehr: wie wenn er sich endlich nach langen Irrfahrten unter dem trauten Dach des Vaterhauses befände, wie wenn er schon alles sein eigen nannte, wonach sein Herz begehrte, und mit dem Worte »Genug« seinen Pilgerstab in die Ecke gestellt hätte. Diese beglückende Stimmung verdankte er den klugen Reden des gastfreien Hausherrn. Für jeden Menschen gibt es gewisse Worte, die ihm lieber und vertrauter sind, als alle andern Worte. Und oft geschieht es, daß man irgendwo in einem entlegenen Nest, unter lauter Larven einen Menschen findet, dessen erwärmende Unterhaltung einen den unwegsamen Weg, die Unbequemlichkeiten des Nachtlagers, den Mißton des heutigen Treibens und den Trug vergessen läßt, der den Menschen umgarnt. Mit unbegreiflicher Lebhaftigkeit prägt sich ein so verbrachter Abend für alle Zeiten unserer Erinnerung ein, mit rührender Treue bewahrt sie uns jede noch so kleine Einzelheit auf: wer zugegen war, wo ein jeder saß, was er in der Hand hielt: die Wände, die Zimmerecken und jede unbedeutende Kleinigkeit.

Ganz so erging es Tschitschikow an jenem Abend, alles prägte sich seinem Gedächtnis tief ein: das freundliche schlicht möblierte Zimmer, der gutmütige Ausdruck im Gesicht des klugen Hausherrn, ja selbst das Tapetenmuster, die Pfeife mit dem Bernsteinmundstück, die Platonow gereicht wurde, der Rauch, den er Jarb in seine dicke Schnauze blies, Jarbs ärgerliches Schnauben, das Lachen der lieblichen Hausfrau, ihre vorwurfsvollen Worte: »Laß ihn doch, quäl doch das Tier nicht so.« Die lustig flackerndern Kerzen, das zirpende Heimchen in der Zimmerecke, die Glastür, die Frühlingsnacht, die über die hohen Baumwipfel schwebend zu ihnen hineinblickte, der schwarze mit funkelnden Sternen übersäte Himmel, und der helle Gesang der Nachtigallen, die ihr Lied aus der Tiefe grünblättriger Haine laut hinausschmetterten in die herrliche Nacht ...

»Wie Ihre Reden mein Herz laben! hochverehrter Konstantin Fjodorowitsch!« sagte Tschitschikow. »Ich kann wohl sagen, ich habe in ganz Rußland keinen Menschen getroffen, der Ihnen an Verstand gleichkäme.«

Der andere lächelte, fühlte er doch selbst, daß Tschitschikow unrecht hatte. »Nein, nein, wenn Sie einen wirklich klugen Menschen kennen lernen wollen, -- hier ist einer, von dem man tatsächlich sagen kann: -- das ist ein kluger Mensch; ich bin nicht wert, ihm die Schuhriemen aufzubinden.«

»Wer ist denn das?« fragte Tschitschikow erstaunt.

»Das ist unser Branntweinpächter Murasow.«

»Ich höre schon zum zweiten Mal von ihm!« rief Tschitschikow aus.

»Das ist ein Mensch! Der könnte nicht bloß ein Gut, der könnte einen ganzen Staat verwalten. Hätte ich ein Königreich, ich würde ihn sofort zu meinem Finanzminister ernennen.«

»Man sagt, er sei ein Mann, der jeden Maßstab der Wahrscheinlichkeit übersteigt: er soll sich zehn Millionen erworben haben.«

»Ach was zehn! Die vierzig sind schon überschritten. Bald wird halb Rußland ihm gehören!«

»Was sagen Sie!« rief Tschitschikow, indem er den Mund öffnete und sein Gegenüber erstaunt anstarrte.

»Unbedingt! Das ist ganz klar. Wer nur ein paar Hunderttausende besitzt, der wird langsam reich, wer dagegen Millionen hat, der hat sozusagen einen gewaltigen Wirkungsradius: was er ergreift, das verdoppelt und verdreifacht sich in seiner Hand: er hat ein zu weites Feld, einen zu großen Spielraum. Da gibt's keine Nebenbuhler. Mit ihm kann sich keiner messen. Er kann die Preise ansetzen, sie können nicht sinken, denn es ist ja niemand da, der ihn unterbieten könnte.«

»Herrgott, Herrgott!« sagte Tschitschikow und schlug ein Kreuz. Tschitschikow sah Kostanshoglo ins Auge, und der Atem wollte ihm ausgehen: »Das ist ja geradezu unfaßbar! Man wird ganz starr vor Schrecken! Man bewundert die Weisheit der Schöpfung, wenn man einen Käfer betrachtet; ich für meinen Teil finde es weit wunderbarer, daß solch gewaltige Summen durch die Hand _eines_ Sterblichen gehen können. Darf ich Sie noch nach einer Sache fragen: sagen Sie, bei der Gründung dieses Vermögens ist es doch wohl nicht ganz sauber zugegangen?«

»Im Gegenteil, der Mann steht völlig rein da, er hat sich stets nur der saubersten Mittel bedient.«

»Das ist unmöglich, das kann ich nicht glauben! Wenn es sich bloß um Tausende handelte, aber hier geht es um Millionen ...«

»Umgekehrt. Tausende erschwindelt man sich, die Millionen dagegen werden leicht erworben. Ein Millionär braucht die krummen Wege nicht: er braucht nur immer geradeauszugehen und zu nehmen, was vor ihm liegt. Ein andrer kann's eben nicht aufheben, es fehlt ihm die Kraft dazu -- der Millionär aber hat keine Nebenbuhler, sein Wirkungsradius ist zu groß .. ich sage Ihnen ja, was er ergreift, verdoppelt und verdreifacht sich ... Was bringen dagegen ein paar Tausende ... zehn bis zwanzig Prozent.« ...

»Was ich am unbegreiflichsten finde, ist, daß er mit ein paar Kopeken angefangen haben soll!«

»Das ist nun mal nicht anders. Das ist eben der Lauf der Dinge,« sagte Kostanshoglo. »Wer reich geboren und erzogen ist, und von Jugend auf immer mit Tausenden zu tun hat, der erwirbt sich nicht noch was hinzu, der hat schon allerhand Launen, Bedürfnisse und weiß Gott was noch alles! Man muß von Anfang an anfangen und nicht mit der Mitte -- mit der Kopeke und nicht mit dem Rubel -- von unten und nicht von oben: dann erst lernt man die Welt und die Menschen ordentlich kennen, unter denen man später leben muß. Wenn man erst das eine und das andre am eignen Leibe gespürt und die Erfahrung gemacht hat, daß jede Kopeke, wie es heißt, mit einem Rubel festgenagelt ist, und wenn man erst alles durchgemacht und alle Prüfungen überstanden hat, dann wird man klug und besitzt Erfahrung genug, um keine Schnitzer zu machen und bei seinen Unternehmungen nicht Schiffbruch zu leiden. Glauben Sie mir, ich spreche die Wahrheit. Man muß von Anfang anfangen und nicht mit der Mitte. Wer mir sagt: >Gib mir hunderttausend Rubel, dann sollst du sehen, wie schnell ich reich werde,< dem glaube ich nicht; der spekuliert auf das Glück und geht nicht sicher. Man muß mit der Kopeke anfangen.«

»In diesem Falle müßte ich einmal sehr reich werden,« versetzte Tschitschikow und mußte unwillkürlich an die toten Seelen denken: »denn ich fange in der Tat mit nichts an.«

»Konstantin, es ist wirklich Zeit, daß wir Pawel Iwanowitsch etwas Ruhe gönnen; er will sicher schlafen gehen,« sagte die Hausfrau, »du aber plauderst immer weiter.«

»Natürlich werden Sie reich werden,« erwiderte Kostanshoglo, ohne auf seine Frau zu hören. »Passen Sie auf, das Gold wird Ihnen noch einmal in Strömen zufließen. Sie werden gar nicht wissen, wo Sie damit hin sollen.«

Pawel Iwanowitsch war ganz wie verzaubert, er schwebte wie in einem herrlichen Reiche schmeichelnder Träume und Hoffnungen. Es war ihm ganz wirr im Kopfe. Seine feurige Einbildungskraft webte goldene Blumen in den silbernen Teppich seines mächtig anschwellenden Reichtums, und immer wieder klangen ihm Kostanshoglos Worte in den Ohren: »Das Gold wird Ihnen noch einmal in Strömen zufließen.«

»Wirklich Konstantin, für Pawel Iwanowitsch ist es Zeit schlafen zu gehen.«

»Was hast du nur? Geh doch schlafen, wenn du Lust hast,« sagte der Hausherr und hielt inne; Platonow schnarchte so laut, daß das ganze Zimmer dröhnte, und neben ihm lag Jarb, der fast noch lauter schnarchte, als sein Herr. Jetzt erst merkte Kostanshoglo, daß es in der Tat Zeit zum Schlafengehen war, er rüttelte daher Platonow auf und sagte: »Schnarch doch nicht so!«, dann wünschte er Tschitschikow eine gute Nacht, alle gingen auseinander, und bald lag jeder in seinem Bett in tiefen Schlaf versunken.

Nur Tschitschikow konnte nicht einschlafen. Seine Gedanken wollten nicht zur Ruhe kommen. Er sann unaufhörlich darüber nach, wie er es anfangen sollte, der Besitzer eines wirklichen, echten und keines bloß eingebildeten oder phantastischen Gutes zu werden. Nach dem Gespräch mit dem Hausherrn war ihm mit einem Male alles klar! Die Möglichkeit, reich zu werden, lag in greifbarer Deutlichkeit vor ihm! Der so schwierige Beruf des Landwirts erschien ihm plötzlich so leicht, so einfach und natürlich, und ganz wie geschaffen für seine Natur! Wenn er nur erst seine Hypothek auf diese Toten hätte und Besitzer eines reellen Gutes wäre. Schon sah er sich im Geist alles verwalten und lenken -- ganz wie Kostanshoglo es ihn gelehrt hatte -- gewandt, umsichtig und sicher, ohne vorzeitige Neuerungen einzuführen, ehe er das Alte gründlich kennen gelernt hatte; alles sah er sich mit eigenen Augen an, er kannte alle Bauern persönlich, versagte sich jeden Luxus und Überfluß und widmete sich allein der Arbeit und dem Haushalt. Er genoß schon im voraus die große Freude, die ihn erwartete, wenn überall strenge Ordnung herrschen, alle Räder der Wirtschaftsmaschine sich munter bewegen und eins das andere vorwärts stoßen und zur Tätigkeit anspornen würde. Überall Leben und geschäftige Tätigkeit; wie in einer lustig klappernden Mühle sich das Korn im Handumdrehen verwandelt, so sollten in seiner Mühle alle Abfälle und jeglicher Plunder zu Staub zermahlen werden, um als bares Geld wieder herauszukommen. Sein wunderbarer Gastfreund stand beständig vor ihm und verließ ihn keinen Augenblick. Das war der erste Mann in ganz Rußland, vor dem er eine ganz persönliche Hochachtung empfand. Bis auf den heutigen Tag hatte er einen Menschen nur wegen seiner Titel und Würden oder weder seines hohen Einkommens geachtet: des Verstandes wegen hatte er eigentlich noch nie jemand besonders hoch geschätzt. Kostanshoglo war der erste Mann, mit dem es ihm anders ging. Tschitschikow fühlte, daß er sich mit diesem Menschen auf keine Kniffe und Kunststücke einlassen dürfe, und daher beschäftigte ihn jetzt ein ganz anderes Projekt -- der Ankauf des Chlobujewschen Gutes. Er besaß selbst zehntausend Rubel, fünfzehntausend hoffte er von Kostanshoglo leihen zu können; hatte dieser doch selbst erklärt, er sei bereit, jedem zu helfen, der zu Reichtum und Wohlstand kommen wolle; den Rest -- dachte er durch eine Hypothek zu decken, schlimmstenfalls aber konnte er den Verkäufer warten lassen. Das ging schließlich auch: mochte jener sich doch mit den Gerichten herumplagen, wenn es ihm Spaß machte! Und lange noch lag er so da und dachte darüber nach, bis schließlich Morpheus, der, wie man zu sagen pflegt, das ganze Haus schon vier Stunden lang in seinen Armen hielt, sich auch seiner erbarmte. Bald war Tschitschikow in einen tiefen Schlaf versunken.

Viertes Kapitel.

Am folgenden Tage ging alles, wie es sich nicht besser wünschen ließ. Kostanshoglo schoß Tschitschikow bereitwilligst zehntausend Rubel vor, ohne Zinsen oder eine Bürgschaft zu verlangen; dieser mußte ihm bloß eine gewöhnliche Quittung ausstellen: so gern half er jedem, der sich Besitz und Wohlstand erwerben wollte. Aber mehr noch; er erbot sich, Tschitschikow persönlich zu Chlobujew zu begleiten, um das Gut mit ihm zusammen in Augenschein zu nehmen. Tschitschikow war in der besten Laune. Nach einem reichlichen Frühstück machten sich alle auf den Weg, nachdem alle drei in Pawel Iwanowitschs Wagen Platz genommen hatten: die leeren Kutschen des Hausherrn folgten ihnen in einiger Entfernung nach. Jarb lief voraus und scheuchte die Vögel am Wege. Fünfzehn Werst lang sah man auf beiden Seiten nichts als Wälder und Ackerland, das zu Kostanshoglos Gute gehörte. Sowie aber dieses zu Ende war, änderte sich das Bild ganz plötzlich; das Korn stand niedrig, und statt der Wälder erblickte man überall nichts als Baumstümpfe. Trotz der hübschen Lage merkte man es dem Nachbargut an, daß es schon lange Zeit vernachlässigt worden war. Zuerst kam man an einem neuen steinernen Hause vorüber, das aber unbewohnt war, denn es war noch nicht vollendet; auf dieses folgte ein zweites bewohntes, das dem Gutsherrn gehörte. Die Gäste fanden den Gutsherrn noch ungekämmt und verschlafen; er war nämlich erst vor kurzem aufgestanden. Er mochte etwa vierzig Jahre alt sein; sein Halstuch saß schief, sein Rock war geflickt, und der eine Stiefel hatte ein Loch.

Er war hocherfreut über die Ankunft der Gäste, als ob Gott weiß was geschehen wäre: man hätte glauben können, er sähe seine Brüder nach langer Trennung zum ersten Male wieder.

»Konstantin Fjodorowitsch! Platon Michailowitsch! Nein solch eine Freude. Ich muß mir wirklich die Augen reiben! Ich dachte schon, zu mir kommt keiner mehr. Jeder geht mir aus dem Wege, wie der Pest: alle Leute denken, ich will sie um Geld anbetteln. Ja, ja, Konstantin Fjodorowitsch. Das Leben ist schwer. Ich sehe -- ich bin selbst schuld an allem. Aber, was soll ich tun? Ich lebe wie ein Schwein. Verzeihen Sie bitte, meine Herren, daß ich Sie in einem solchen Kostüm empfange: Sie sehen, meine Stiefel sind durchlöchert. Was darf ich Ihnen vorsetzen?«

»Bitte, ganz ohne Umstände! Wir wollen ein Geschäft mit Ihnen machen. Hier haben Sie einen Käufer für Ihr Gut; Pawel Iwanowitsch Tschitschikow,« sagte Kostanshoglo.

»Ich freue mich von Herzen, Ihre Bekanntschaft zu machen. Bitte, lassen Sie mich Ihre Hand drücken!«

Tschitschikow reichte ihm beide Hände.

»Ich würde Ihnen gern mein Gut zeigen, verehrtester Pawel Iwanowitsch, es ist sehr interessant ... Aber darf ich zuvor fragen, meine Herren, ob Sie auch gegessen haben?«

»Freilich haben wir gegessen,« versetzte Kostanshoglo, der ihn möglichst schnell los sein wollte. »Wir wollen keine Zeit verlieren und das Gut gleich jetzt besichtigen.«

»Gut, dann wollen wir gehen.« Chlobujew nahm seine Mütze in die Hand. »Kommen Sie, Sie sollen selbst sehen, wie unordentlich und liederlich ich bin.«

Die Gäste setzten ihre Hüte auf und schritten die Dorfstraße hinab.

Zu beiden Seiten der Straße standen finstere elende Hütten mit winzigen Fenstern, die mit alten Lappen zugestopft waren.

»Ja, kommen Sie, Sie sollen selbst sehen, wie unordentlich und liederlich ich bin,« sagte Chlobujew. »Es war natürlich sehr vernünftig von Ihnen, daß Sie schon gegessen haben. Sie werden mir's nicht glauben, Konstantin Fjodorowitsch, ich habe nicht einmal ein Huhn mehr im Hause, soweit ist's mit mir gekommen!«

Er seufzte, und da er wohl ahnte, daß er bei Konstantin Fjodorowitsch nur wenig Teilnahme finden werde, nahm er Platonow unter den Arm und ging mit ihm voraus, indem er seine Hand kräftig an sich drückte, Kostanshoglo und Tschitschikow blieben ein wenig zurück und folgten ihnen Arm in Arm in einiger Entfernung.

»Man hat's nicht leicht, Platon Michailowitsch, wahrhaftig!« sagte Chlobujew zu Platonow. »Sie können sich's garnicht vorstellen, wie schwer man es hat! Kein Geld, kein Korn, keine Stiefel -- für Sie sind das freilich alles bloß Worte einer fremden Sprache. Das wäre natürlich nicht so schlimm, wenn man noch jung und unverheiratet wäre. Aber wenn all diese Sorgen und dies Ungemach einen im Alter überfallen und man hat noch dazu ein Weib und fünf Kinder -- dann verliert man den Mut, ob man will oder nicht ...«

»Und wenn Sie das Gut verkaufen -- glauben Sie, daß Ihnen damit geholfen wäre?« fragte Platonow.

»Ach was! Geholfen!« versetzte Chlobujew mit einer hoffnungslosen Gebärde. »Es wird _doch_ alles bei der Bezahlung der Schulden draufgehen, ich selbst werde keine tausend Rubel übrig behalten!«

»Und was wollen Sie dann anfangen?«

»Das weiß Gott allein.«

»Warum tun Sie denn gar nichts, um aus diesen Verhältnissen herauszukommen?«

»Was soll ich denn machen?«

»Nehmen Sie doch irgend eine Stellung an.«

»Ich habe ja keinen Rang und keine Titel. Was kann ich für eine Stellung annehmen? Ich kann höchstens einen ganz unbedeutenden Posten erhalten. Und was soll ich mit einem Gehalt von fünfhundert Rubeln anfangen? Ich habe doch eine Frau und fünf Kinder.«

»Nehmen Sie doch eine Stellung als Verwalter auf einem Gute an.«

»Wer wird mir denn sein Gut anvertrauen, wo ich selbst alles durchgebracht habe!«

»Ja aber man muß doch etwas unternehmen, wenn man vor dem Hungertode steht. Ich will meinen Bruder fragen, ob er Ihnen nicht durch irgend einen Bekannten eine Stelle in der Stadt verschaffen kann.«

»Nein, Platon Michailowitsch,« sagte Chlobujew seufzend und drückte Platonow kräftig die Hand. »Ich tauge doch zu nichts mehr! Ich bin vorzeitig alt geworden, und leide an Kreuzschmerzen und an Rheumatismus. Das sind die alten Sünden! Was kann ich denn leisten? Wozu soll ich den Staat plündern? Es gibt jetzt ohnedies genug Leute, die nur deshalb in den Staatsdienst treten, weil sie ein warmes Plätzchen haben wollen. Gott behüte! Ich will nicht, daß den armen Leuten noch neue Steuern aufgehalst werden, damit ich nur mein Gehalt ausbezahlt bekomme!«

»Das sind die Folgen seiner ausschweifenden Lebensweise!« dachte Platonow. »Das ist noch schlimmer als meine Lethargie.«

Während sie so sprachen, ging Kostanshoglo mit Tschitschikow hinter ihnen her; er war ganz außer sich vor Wut.