Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II

Part 8

Chapter 83,629 wordsPublic domain

»Nein bitte, wie kann ich das? So etwas kann man doch nicht niederschreiben. Wenn sie auch wirklich tot sind, so soll es doch den Anschein haben, als ob sie noch leben ...«

»Gut, dann schreiben Sie eben: _es ist nötig, oder es ist erwünscht, oder man legt Wert darauf, daß es den Anschein habe, als ob sie noch leben_. Ohne schriftliche Fixierung geht das doch gar nicht. Denken Sie bloß an England oder sogar an Napoleon. Ich will Ihnen einen Mann mitgeben, der Sie überallhin begleiten wird.«

Er schellte. Ein Mann erschien in der Türe.

»Herr Sekretär! Rufen Sie den Kommissar.« Gleich darauf trat auch der Kommissar herein, ein Mann, dem man es nicht recht ansehen konnte, was er war, ein Bauer oder ein Beamter. »Er wird Sie überall hinführen.«

Was war da zu machen? Tschitschikow entschloß sich aus Neugierde, dem Kommissar zu folgen und diese so überaus wichtigen Instanzen kennen zu lernen. Das »Bureau für Berichte und Anzeigen« stand nur auf dem Aushängeschild, die Tür war dagegen verschlossen. Der Chef des Bureaus Chryljow war in das soeben gegründete Komitee für Gemeindebauten versetzt. Seine Stelle versah der Kammerdiener Berjosowski; aber auch der war von der Baukommission irgendwohin geschickt worden. Sie gingen daher in das Departement für Gemeindeangelegenheiten -- da wurden jedoch gerade Reparaturen vorgenommen, hier weckten sie einen Mann, der betrunken dasaß und schlief, aber aus dem ließ sich auch nichts herausbringen. »Bei uns herrscht eine große Unordnung!« sagte schließlich der Kommissar zu Tschitschikow. »Die Leute tanzen unserem Herrn alle auf der Nase. Bei uns hängt alles von der Baukommission ab; sie holt die Leute von ihrer Arbeit weg und schickt sie überallhin, wohin es ihr beliebt. Nur bei der Baukommission kommt man auf seinen Vorteil.« Er war offenbar sehr unzufrieden mit der Baukommission. Tschitschikow wollte nicht mehr sehn. Als sie zum Obersten zurückkehrten, erklärte er diesem, bei ihm herrsche ein großer Wirrwar, man könne sich da unmöglich zurechtfinden, und ein Bureau für Berichte und Anzeigen gäbe es überhaupt nicht.

Der Oberst schäumte auf in edlem Zorn und drückte Tschitschikow dankbar die Hand. Er griff sofort zur Feder und verfaßte acht in strengstem Tone gehaltene Anfragen: mit welchem Rechte die Baukommission eigenmächtig über Beamte verfügt habe, die garnicht zu ihrem Ressort gehörten? wie der Oberverwalter es habe zulassen können, daß der Vorsitzende sich entfernte, um an einer Untersuchung teilzunehmen, ohne seinen Posten zuvor einem andern übergeben zu haben? und wie das Komitee für Gemeindeangelegenheiten ruhig darüber hinweggehen konnte, daß es überhaupt kein Bureau für Anzeigen und Berichte gebe?

»Das gibt wieder eine tolle Verwirrung!« dachte Tschitschikow und wollte schon wegfahren, da aber sagte Koschkarjow:

»Nein, ich lasse Sie nicht fort. Hier handelt es sich um meine Ehre. Ich will Ihnen beweisen, was das ist: eine geregelte, organisierte Wirtschaft. Ich will Ihre Sache einem Mann übergeben, der allein soviel wert ist, wie alle anderen zusammen: er hat die Universität beendigt. Sehen Sie, solche Leibeigene habe ich! Um Ihre kostbare Zeit nicht allzulange in Anspruch zu nehmen, bitte ich Sie höflichst, sich einstweilen in meine Bibliothek verfügen zu wollen,« fuhr der Oberst fort, indem er eine Seitentür öffnete: »Hier finden Sie Bücher, Papier, Federn, Bleistifte -- mit einem Wort, alles, was Sie wünschen. Bitte! alles steht zu Ihrer Verfügung. Tuen Sie, als ob Sie zu Hause wären. Die Aufklärung und Wissenschaft sollte allen offen stehen.«

So sprach Koschkarjow, während er Tschitschikow in die Bibliothek geleitete. Diese war ein mächtiger Saal der von unten bis oben mit Büchern vollgepfropft war. Auch ein paar ausgestopfte Tiere befanden sich darin. Alle Wissenszweige waren vertreten: da gab es Bücher über Forstwissenschaft, Viehzucht, Schweinezucht, Gartenbau, Spezialzeitschriften über alle Wissensgebiete, wie sie einen zugeschickt werden, bloß damit man auf sie abonniert, die aber kein Mensch liest. Als Tschitschikow sich überzeugt hatte, daß dies alles Bücher waren, die sich kaum dazu eigneten, einem in angenehmer Weise die Zeit zu vertreiben, ging er an den nächsten Schrank, aber o weh! er geriet aus dem Regen in die Traufe: dieser enthielt wiederum nichts als _philosophische_ Bücher. Das erste, was ihm ins Auge fiel, waren sechs gewaltige Bände mit der Ueberschrift: »Einführung in die Lehre vom Denken, Theorie der Abstraktion, der Allheit, und Wesenheit in ihrer Anwendung auf die Erkenntnis der organischen Prinzipien der Polarität in der gesellschaftlichen Produktivität.« Was für ein Buch Tschitschikow auch aufschlagen mochte, auf jeder Seite las er immer nur von: _Erscheinung_, _Entwickelung_, _Abstraktion_, _Geschlossenheit_, _An und Für sich sein_, mit einem Wort, weiß der Teufel, was nicht alles in so einem Buche stand! »Das ist nichts für mich,« sagte Tschitschikow, und ging an einen dritten Schrank, der wieder lauter _kunstgeschichtliche_ Bücher enthielt. Er zog einen mächtigen Folianten mit Bildern aus der antiken Mythologie hervor, die sich nicht gerade durch übermäßige Sittsamkeit auszeichneten und begann darin zu blättern. Solche Bilder gefallen besonders Junggesellen in mittleren Jahren, mitunter aber auch alten Herren, die ihre Einbildungskraft durch Ballette und ähnliche gepfefferte Dinge anzuregen lieben. Nachdem Tschitschikow mit dem einen Buche fertig war, wollte er schon zu einem zweiten ähnlichen übergehen, als Oberst Koschkarjow mit strahlender Miene und einem Bogen Papier in der Tür erschien.

»Es ist alles erledigt; zur schönsten Zufriedenheit erledigt! Der Mensch, von dem ich Ihnen erzählt habe, ist tatsächlich ein Genie. Dafür will ich ihn aber auch über alle anderen erheben und ein eigenes Departement für ihn einrichten. Sehen Sie doch bloß, was das für ein heller Kopf ist, und wie er in ein paar Minuten mit allem fertig geworden ist.«

»Na, Gott sei Dank!« dachte Tschitschikow und schickte sich an, zu hören. Der Oberst begann mit der Vorlesung:

»Indem ich an die Untersuchung des mir von Ew. Hochwohlgeboren erteilten Auftrages gehe, habe ich die Ehre, folgendes zu Ew. Hochwohlgeboren Kenntnis zu bringen:

Erstens ist schon in dem Gesuch des Herrn Ritters und Kollegienrates Pawel Iwanowitsch Tschitschikow ein grundlegendes Mißverständnis enthalten, denn die in den Revisionslisten verzeichneten Seelen werden unvorsichtiger Weise _tot_ genannt. Dahingegen wird er wahrscheinlich Seelen gemeint haben, die dem Tode nahe sind, keineswegs aber absolut tote Seelen. Zudem verrät auch schon diese Bezeichnung eine Bildungsstufe, die lediglich aus dem Studium der bloß empirischen Wissenschaften geschöpft zu sein scheint, und etwa dem Niveau einer Gemeindeschule entspricht, denn die Seele ist _unsterblich_.«

»So ein Schelm!« sagte Koschkarjow und hielt ein wenig inne. »Hier will er Ihnen eines auswischen. Aber nicht wahr? welch eine gewandte, schneidige Feder er führt!«

»Zweitens sind überhaupt keine Seelen vorhanden, weder solche, die dem Tode nahe sind, noch irgendwelche andre, die nicht schon hypothekarisch belastet wären, denn sie sind nicht nur alle ohne Ausnahmen mit einfachen, sondern sogar mit doppelten Hypotheken belastet, sodaß noch außerdem hundertfünfzig Rubel pro Kopf auf jede Seele kommen, ausgenommen das kleine Dorf Gurmailowka, welches infolge eines Prozesses mit dem Gutsbesitzer Perdrschtschew mit Beschlag belegt ist, wie dies in Nummer 42 der »Moskauer Nachrichten« zu lesen steht.«

»Warum haben Sie mir dies denn nicht gleich gesagt? Wozu haben Sie mich unnütz aufgehalten?« sagte Tschitschikow ärgerlich.

»Ich bitte Sie, das mußte sich doch alles erst auf dem richtigen Instanzweg ergeben. Das ist doch kein Spaß. Unbewußt und sozusagen instinktiv kann jeder Narr sowas rauskriegen, es muß aber mit Bewußtsein geschehen.«

Tschitschikow griff wütend nach seiner Mütze, und lief eilig zum Hause hinaus, ohne auch nur die gewöhnlichsten Pflichten des Anstandes zu wahren: er war sehr böse. Der Kutscher wartete schon mit dem Wagen vor der Tür, er wußte, daß es keinen Zweck hatte, die Pferde auszuspannen, denn um Futter für die Tiere zu erhalten, hätte er erst ein schriftliches Gesuch einreichen müssen, und der Beschluß, den Pferden ihren Hafer auszufolgen, wäre erst am folgenden Tage erschienen. Der Oberst lief Tschitschikow jedoch nach; er drückte ihm krampfhaft die Hand, preßte sie ans Herz und dankte ihm, daß er ihm Gelegenheit gegeben habe, den ganzen Betrieb in der Praxis funktionieren zu sehen. Man müsse den Leuten schon hin und wieder einen kleinen Puff versetzen. Sonst könne alles leicht einschlafen und der Verwaltungsmechanismus träge werden und einrosten. Dieser Vorfall habe ihm einen glücklichen Gedanken eingegeben, nämlich den, eine neue Kommission zu gründen, die den Namen tragen soll: »Kommission zur Aufsicht über die Baukommission«. Dann würde es niemand mehr wagen zu stehlen.

Unzufrieden und ärgerlich kam Tschitschikow zu später Stunde bei Kostanshoglo an. Man hatte schon längst Licht angezündet.

»Warum kommen Sie so spät?« sagte Kostanshoglo, als Tschitschikow in der Türe erschien.

»Worüber haben Sie so lange mit ihm gesprochen?« fragte Platonow.

»Einen solchen Narren habe ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen!« rief Tschitschikow aus.

»Das ist noch gar nichts!« meinte Kostanshoglo. »Koschkarjow ist trotzdem eine tröstliche Erscheinung. Man braucht solche Leute, weil sich in ihnen die Torheiten unserer »weisen Männer« gewissermaßen karrikiert und recht drastisch offenbaren. -- All jene Neunmalklugen, die, noch ehe sie sich zu Hause ordentlich umgesehen haben, sich in der Fremde allerhand Flausen in den Kopf setzen. Sehen Sie doch mal, was wir jetzt für Gutsbesitzer bekommen haben: Was die nicht alles für Neuerungen einführen: Komptoirs, Manufakturen, Schulen und Kommissionen, und weiß der Teufel, was noch alles! So sind aber die gescheidten Leute! Kaum daß man sich von der französischen Invasion und dem Jahr 1812 erholt hat, da fangen sie schon wieder an, Unordnung zu stiften und alles einzureißen. Wahrhaftig, die haben schlimmer gehaust als der Franzose. Wir werden bald so weit kommen, daß irgend ein Peter Petrowitsch Petuch noch einer der tüchtigsten Gutsbesitzer sein wird.«

»Aber er hat doch schon Hypotheken aufgenommen?« sagte Tschitschikow.

»Na, natürlich! Alles wandert ins Bankhaus, alles, alles!« Kostanshoglo redete sich allmählig immer mehr in Zorn. »Da haben Sie zum Beispiel eine Hut- und eine Kerzenfabrik -- natürlich müssen die Werkmeister aus London verschrieben werden. Man wird ja zum reinsten Krämer! Der Gutsbesitzer -- ein so hochachtbarer Beruf -- wird Fabrikant und Manufakturist! Webstühle um Tüllkleider für die »Dämchen« aus der Stadt zu fabrizieren, und diese Frauenzimmer ...«

»Aber du selbst hast doch auch Fabriken,« bemerkte Platonow.

»Wer hat denn die gebaut?«

»Das kam ganz von selbst. Es war halt so viel Wolle da, daß ich sie nicht absetzen konnte. -- Da fing ich eben an, Stoffe zu weben, lauter _dickes_, einfaches Zeug -- das verkaufe ich gleich hier bei mir auf dem Markt. Das sind doch bloß Dinge, die die Bauern brauchen, meine eigenen Bauern. Oder ein anderes Beispiel: die Fischer haben sechs Jahre lang ihre Fischschuppen hier am Ufer hingeworfen. Wo sollte ich bloß hin mit ihnen. Ich habe halt angefangen, Leim aus ihnen zu sieden. Das hat mir vierzig Tausend eingebracht. So kommt bei mir alles von selbst.«

»Teufel!« dachte Tschitschikow, indem er ihn bewundernd anblickte. »Verstehst du dich aber aufs Geldverdienen!«

»Das habe ich auch nur gemacht, weil so viele Arbeitslose zu mir gelaufen kamen, die ohnedies vor Hunger gestorben wären. Wir hatten ja Hungersnot. Alles dank den Herren Fabrikanten, welche das Säen vergessen hatten. Solche Fabriken gibt's bei mir in Hülle und Fülle, mein Bester, jedes Jahr 'ne andre. Je nachdem, was ich gerade für Abfälle zu verwerten habe. Sieh' nur ordentlich bei dir zu Hause nach! Mit jedem Plunder kannst du noch was verdienen, sodaß du ihn schließlich fortwirfst und sagst: ich will nicht mehr. Ich baue mir ja auch keine Häuser mit Säulengängen und Giebeln.«

»Wirklich erstaunlich ... Das merkwürdigste aber ist, daß man mit jedem Plunder was verdienen kann!« sagte Tschitschikow.

»Aber ich bitte Sie, wenn die Menschen die Dinge doch ganz einfach so nehmen wollten, wie sie sind. Aber da will gleich jeder Kunstschlosser und Mechaniker sein und holt gleich ein Instrument herbei, um das Kästchen zu öffnen, während es doch ganz einfach aufgeht. Und dazu muß er erst extra nach England fahren! Das ist es! Solche Narren!« Bei diesen Worten spuckte Konstanshoglo aus. »Und dabei kommt er tausendmal dümmer zurück, als wie er ins Ausland fuhr.«

»Aber Konstantin, du regst dich schon wieder auf!« sagte die Frau besorgt, »du weißt doch, daß dir das schadet.«

»Ja, wie soll man sich denn da nicht aufregen! Wenn es sich hierbei noch um etwas handelte, was einen nichts angeht. Aber das sind doch alles Dinge, die einem am Herzen liegen. Es schmerzt einen doch, wenn man sieht, wie der russische Charakter verdorben wird. Es ist jetzt eine Don Quixoterie bei uns aufgekommen, die wir früher garnicht gekannt haben! Wenn einem die Aufklärung zu Kopfe gestiegen ist, dann wird er gleich ein Don Quixote. Gründet allerhand Schulen, von denen sich nicht mal ein Narr was träumen läßt. Diese Schulen bilden nur Menschen heran, die zu nichts nütze sind, weder auf dem Lande, noch in der Stadt. Höchstens lauter Trinker, die einen sehr hohen Begriff von ihrer Würde haben. Oder so einer will in Humanität machen -- dann wird er ein Don Quixote der Humanität: baut allerhand alberne Krankenhäuser und Asyle mit Säulenhallen für 'ne Million, richtet sich selbst zugrunde und bringt andere Leute an den Bettelstab. Da habt ihr dann die Humanität!«

Aber Tschitschikow war es keineswegs um die Aufklärung zu tun. Er wollte durchaus näheres darüber erfahren, wie man mit jedem Plunder was verdienen könne; jedoch Kostanshoglo ließ ihn nicht zu Worte kommen; immer neue, heftige Reden entströmten seinem Munde, er war jetzt schon nicht mehr imstande, sie zu unterdrücken.

»Und dann grübeln sie darüber nach, wie sie den Bauern aufklären sollen ... sorgt mal erst dafür, daß er reich und ein tüchtiger Landwirt wird, dann wird er schon selbst für seine Bildung sorgen. Sie können sich garnicht vorstellen, wie dumm heutzutage alle Leute geworden sind. Was diese Federfuchser nicht alles schreiben! Wenn einer ein Buch in die Welt setzt, dann stürzen sich gleich alle darauf ... Hören Sie doch, was sie jetzt für eine neue Weisheit verkündigen: >Der Bauer führt ein zu primitives Leben; er muß auch den Luxus kennen lernen, man muß ihm höhere Bedürfnisse beibringen ...< Weil sie selbst dank diesem Luxus zu Waschlappen geworden sind und weil es keinen achtzehnjährigen Burschen mehr gibt, der nicht schon von allem gekostet, bald keine Zähne mehr im Munde, und eine Glatze hat, wie eine Schweinsblase -- darum wollen Sie andere Leute gleichfalls anstecken. Wir sollten Gott danken, daß wir doch wenigstens noch _einen_ gesunden Stand haben, der noch nichts von diesen Launen und Einfällen weiß! Dafür müßten wir Gott unendlich dankbar sein. Jawohl -- der Landmann verdient unsere allergrößte Achtung -- wozu rührt ihr ihn also an? Gott gebe, daß alle Leute so wären wie er.«

»Sie glauben also, es sei noch das Einträglichste sich mit der Landwirtschaft zu beschäftigen?« fragte Tschitschikow.

»Das Sittlichste, wenn auch nicht gerade das Einträglichste. >Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen<, heißt es in der Bibel. Daran ist nicht zu rütteln und zu deuteln. Es ist durch eine hundertjährige Erfahrung erwiesen, daß die Beschäftigung mit dem Ackerbau den Menschen reiner, edler, besser und sittlicher macht. Ich sage nicht -- daß man nichts andres tun dürfe -- aber der Grund zu allem muß in der Landwirtschaft liegen ... das ist's. Die Fabriken werden schon ganz von selbst kommen; richtige, vernünftige Fabriken -- in denen Dinge hergestellt werden, die der Mensch hier, an Ort und Stelle braucht, und nicht all diese Luxusgegenstände, die nur zur Befriedigung eingebildeter Bedürfnisse dienen und die heute unsere Menschen nur verweichlichen. Nicht solche Fabriken, die um ihrer Existenz willen und um nur einen recht großen Absatz zu haben, zu den schändlichsten Mitteln ihre Zuflucht nehmen, und das unglückliche Volk verderben und verführen. Ich für meinen Teil, werde nie ein solches Unternehmen gründen, und wenn die Leute mir noch so viel von seinem Nutzen vorreden, ich werde mich nie dazu hergeben, jene sogenannten höheren Bedürfnisse zu erzeugen und Tabak, Zucker usw. zu produzieren, und wenn ich eine Million deswegen verlieren müßte. Wenn schon das Laster durchaus in die Welt kommen soll, dann will _ich_ wenigstens meine Hände nicht mit im Spiele haben! Ich will rein dastehen vor Gott ... Zwanzig Jahre lang lebe ich _in_ und _mit_ dem Volke; ich weiß, was das für Folgen hat.«

»Was mich am meisten wundert, ist dies, daß man die Reste und Abfälle so gut verwerten und mit jedem Plunder Geld verdienen kann, vorausgesetzt natürlich, daß man sparsam und weise zu wirtschaften versteht.«

»Hm! Und unsere Volkswirtschaftler!« fuhr Kostanshoglo fort, ohne auf ihn zu hören, und sein Gesicht nahm einen boshaften und sarkastischen Ausdruck an. »Tüchtige Leute diese Herren Ökonomen! Ein Narr sitzt auf dem andern. Die Kerls sehen nicht weiter als ihre dumme Nase reicht! Und so ein Esel steigt noch aufs Katheder, setzt die Brille auf und ... Narren!« Und wieder spuckte er ärgerlich aus.

»Das ist alles sehr schön und richtig, ärgere dich aber doch bitte nicht so,« sagte die Frau, »als ob es nicht möglich ist, über diese Dinge zu reden, ohne gleich außer sich zu geraten.«(8)

»Wenn man Ihnen zuhört, verehrter Konstantin Fjodorowitsch, dann beginnt man gewissermaßen den Sinn des Lebens zu verstehen, man erfaßt sozusagen den Kern der Sache. Aber gestatten Sie mir, einen Augenblick diese allgemeinmenschlichen Dinge beiseite zu lassen, und Ihre Aufmerksamkeit auf eine Privatangelegenheit zu richten. Nehmen wir einmal an, ich wäre Gutsbesitzer geworden, und hätte die Absicht, in kürzester Zeit zu Reichtum und Wohlstand zu gelangen, um damit sozusagen eine ernste Bürgerpflicht zu erfüllen, -- wie sollte ich das wohl anfangen?«

»Wie man es anfangen soll, um reich zu werden?« fiel Kostanshoglo ein: »Ganz einfach: ...«

»Das Abendessen ist fertig,« sagte die Hausfrau, indem sie sich vom Sofa erhob; sie ging in die Mitte des Zimmers und hüllte ihren jungen Körper zitternd in ihr Tuch.

Tschitschikow sprang beinahe mit der Gewandtheit eines Militärs vom Stuhle auf, hielt ihr höflich den Arm hin und führte sie feierlich durch zwei Zimmer hindurch bis in den Speisesaal, wo schon die offene Suppenterrine auf dem Tische stand und einen angenehmen würzigen Duft von frischen Wurzeln und Frühlingskräutern verbreitete. Alle Anwesenden nahmen Platz. Die Bedienten setzten die Speisen in zugedeckten Schüsseln nebst allem Zubehör rasch und sicher auf den Tisch nieder und entfernten sich. Kostanshoglo liebte es nicht, daß die Dienstboten mit anhörten, was bei Tische gesprochen wurde, oder daß sie ihm in den Mund sahen, während er aß.

Nachdem Tschitschikow mit der Suppe fertig war und ein Gläschen von einem ganz vorzüglichen Getränk, das wie Ungarwein schmeckte, geleert hatte, wandte er sich abermals an den Hausherrn: »darf ich noch einmal auf den Gegenstand unseres soeben unterbrochenen Gesprächs zurückkommen, Verehrtester. Ich wollte Sie fragen, wie man es anfangen, was man tun muß, wie man sich verhalten soll ...«[4]

* * * * *

.... »Selbst wenn er vierzigtausend für sein Gut verlangen sollte, würde ich sie ihm an Ihrer Stelle sofort auf den Tisch legen.«

»Hm!« Tschitschikow wurde nachdenklich. »Und warum kaufen Sie es denn nicht selber?« sagte er dann mit einer gewissen Schüchternheit.

»Alles hat seine Grenze. Ich habe schon mit _meinen_ Gütern genug zu tun. Und dann schreien unsere Adeligen ohnedies schon, daß ich mir ihre verzweifelte Lage zunutze mache und ihre Ländereien für einen Spottpreis aufkaufe. Das habe ich bald satt.«

[Fußnote 4: Hier fehlen zwei Seiten im Manuskript. Dazu hat Schewyrew in der ersten Auflage folgende Bemerkung gemacht: Das Gespräch zwischen Tschitschikow und Kostanshoglo weist hier eine größere Lücke auf. Man muß annehmen, daß Kostanshoglo Tschitschikow den Vorschlag macht, das Gut seines Nachbars Chlobujew zu erwerben.

Anm. des Herausgebers. ]

»Daß doch die Menschen immer schlecht von einem reden müssen!« sagte Tschitschikow.

»Und erst in unserer Provinz! Das können Sie sich garnicht vorstellen: man nennt mich hier garnicht anders als einen Filz und Geizhals. Sich selbst verzeihen sie alles. Da heißt es immer: >Ich habe freilich alles durchgebracht; aber das kommt daher, weil ich eben höhere Bedürfnisse hatte, weil ich die Handelsleute und Industriellen (er sollte lieber sagen, die Lumpen und Gauner!) unterstützte; freilich wenn man wie ein Schwein lebt, so wie dieser Kostanshoglo< ...«

»Ich wollte, ich wäre selbst ein solches Schwein!« sagte Tschitschikow.

»Alles Unsinn! Was sind das für höhere Bedürfnisse! Wem wollen sie denn was weismachen? Wenn sie sich auch ein paar Bücher anschaffen, -- sie lesen sie ja doch nicht. Na, und was übrig bleibt, das sind schließlich die Kosten und der ... Und das alles kommt bloß daher, weil ich keine Diners gebe und ihnen kein Geld leihen will. Diners gebe ich nun einmal nicht, weil mir das unbequem ist: das bin ich halt nicht gewöhnt. Will einer zu mir kommen und an meiner Tafel mitessen -- mit dem größten Vergnügen. Und daß ich kein Geld leihe -- das ist ganz einfach nicht wahr. Wenn jemand zu mir kommt, der wirklich Not leidet und mir genau Rechenschaft gibt, was er mit meinem Gelde anzufangen gedenkt: wenn ich aus seinen Worten entnehme, daß er einen vernünftigen Gebrauch davon machen und daß ihm das Geld einen wirklichen Gewinn eintragen wird, dann werde ich es ihm nicht abschlagen und nicht einmal Zinsen dafür verlangen.«

»Das muß ich mir merken,« dachte Tschitschikow.

»So einem werde ich es nie abschlagen,« fuhr Kostanshoglo fort. »Aber mein Geld aus dem Fenster zu schmeißen, fällt mir auch nicht ein. Nein, da muß man mich schon entschuldigen. Hol's der Teufel! Da kriegt einer den Einfall, seiner Maitresse ein Diner zu geben, oder er will sein Haus luxuriös ausstatten; will wie ein Verrückter, mit irgend einem Frauenzimmer auf den Maskenball gehen, oder ein Jubiläum feiern, weil er so und soviel Jahre lang müßig auf der Welt herumläuft -- und dazu soll ich ihm noch Geld leihen!«

Hier spuckte Kostanshoglo ärgerlich aus und hätte in Gegenwart seiner Frau beinah ein paar unanständige Schimpfworte fallen lassen. Der dunkele Schatten einer finsteren Hypochondrie verdüsterte sein Gesicht. Zahlreiche Quer- und Längsfalten bedeckten seine Stirn, ein deutliches Zeichen dafür, wie heftig sich in ihm die Galle regte.

»Gestatten Sie mir, hochverehrter Herr, Ihre Aufmerksamkeit noch einmal auf den Gegenstand unseres soeben unterbrochenen Gesprächs zurückzulenken,« sagte Tschitschikow und stürzte noch ein Gläschen Himbeerlikör herunter, der wirklich ganz vorzüglich war. »Nehmen wir einmal an, ich kaufte jenes Gut, das Sie zu erwähnen geruhten, was denken Sie wohl? wie schnell und in wie langer Zeit könnte man wohl so reich werden, daß ...«

»Wenn Sie durchaus _schnell_ reich werden wollen,« unterbrach ihn Kostanshoglo kurz und streng, »dann werden Sie niemals reich werden; wenn Sie dagegen die feste Absicht haben, reich zu werden, und nicht nach der Zeit fragen, dann werden Sie sehr schnell zu Ihrem Ziele kommen.«

»Wirklich?« sagte Tschitschikow.