Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II

Part 7

Chapter 73,770 wordsPublic domain

Es fing schon an zu dämmern, als man zurückkehrte. Es wurde finster; die Ruder schlugen jetzt das Wasser, in dem sich der Himmel schon nicht mehr spiegelte. Als man am Ufer landete, war es bereits völlig dunkel. Überall waren Holzstöße angezündet, die Fischer kochten auf Dreifüßen eine Suppe aus lebendigen noch zappelnden Bärschen. Alles war schon zu Hause. Das Vieh und das Geflügel war schon lange in den Ställen, der Staub, den sie aufwirbelten, hatte sich gelegt, die Hirten standen an den Toren und warteten auf die Milchtöpfe und auf eine Einladung zur Fischsuppe. Das leise Gesumme der menschlichen Stimmen klang durch die Nacht, und fernes Hundegebell hallte aus einem Nachbardorf herüber. Der Mond ging eben auf und begann die dunkele Umgegend in sein Licht zu hüllen; bald lag alles hell erleuchtet da. Welch herrliches Bild! Aber es gab niemand, der sich daran erfreuen konnte. Statt sich auf ein paar feurige Hengste zu schwingen und im tollen Galopp um die Wette durch die Nacht zu jagen, saßen Nikolascha und Alexascha stumm da und dachten an Moskau, an die Café's und Theater, von denen ihnen ein Kadett, der aus der Hauptstadt zu Besuch gekommen war, soviel vorerzählt hatte; ihr Vater dachte daran, wie er seine Gäste recht schön abfüttern könnte, und Platonow gähnte. Am lebhaftesten war noch Tschitschikow: »nein wirklich, ich muß mir auch einmal ein Gut kaufen!« Und er sah sich schon im Geiste an der Seite eines strammen Weibchens, umringt von einer ganzen Schaar kleiner Tschitschikows.

Beim Abendessen aß man wieder sehr reichlich. Als Tschitschikow das ihm zum Schlafen angewiesene Zimmer betrat und sich zu Bett legte, da befühlte er seinen Bauch und sagte: »Die reinste Trommel! Da geht kein Polizeimeister mehr hinein!« Die Umstände fügten es so merkwürdig, daß sich dicht neben dem Schlafzimmer die Stube des Hausherrn befand. Die Zwischenwand war sehr dünn, und daher konnte man alles hören, was nebenan gesprochen wurde. Der Hausherr bestellte gerade beim Koch unter dem Namen eines frühen Dejeuners ein regelrechtes Mittagsessen für den morgigen Tag. Und wie gründlich er das besorgte! Bei einem Toten wäre noch der Appetit erwacht!

»Dann backst du mir eine viereckige Fischpastete,« sagte er, indem er mit der Zunge schnalzte und die Luft heftig einsog. »Ein Viertel füllst du mit den Bocken des Störs und mit Mark, das andere mit Buchweizenbrei, Schwämmen, Zwiebeln, süßer Fischmilch, Hirn und noch so was Ähnlichem, na du weißt schon ... Auf der einen Seite mußt du sie recht braun backen, auf der anderen braucht sie nicht so durchgebacken zu sein. Vor allem achte auf die Füllung -- die muß gründlich geschmort werden, daß sie sich auch ordentlich verbindet, weißt du, und ja nicht auseinanderfällt, sondern einem im Munde zergeht, wie Schnee; man darf es selbst kaum merken.« Während er dies sagte, schnalzte Petuch wieder mit der Zunge und gab einen schmatzenden Laut von sich.

»Hol's der Teufel! Der läßt einen nicht schlafen,« dachte Tschitschikow und zog sich die Decke über den Kopf, um nur nichts mehr zu hören. Aber das half ihm nichts, auch unter der Decke hörte er Petuch noch.

»Und garniere mir den Stör auch recht fein mit Sternchen aus roten Rüben, mit Stinten und Pfifferlingen; nimm auch noch Rüben, Möhren, Bohnen und noch dies und jenes dazu, du weißt schon; also recht viel Garnitur, hörst du! Den Schweinemagen mußt du mit Eis füllen, damit er auch ordentlich aufgeht!«

Noch mancherlei andere Leckerbissen bestellte Petuch. Immer wieder hörte man ihn sagen: »Brat ihn mir, und back ihn mir auch recht durch, und dämpfe sie mir gründlich!« Als er endlich bei einem Truthahn angelangt war, schlief Tschitschikow ein.

Am nächsten Tage aßen sich die Gäste derartig voll, daß Platonow nicht mehr auf seinem Pferde sitzen konnte. Petuch's Reitknecht mußte den Hengst nach Hause bringen. Dann bestieg man die Equipage. Der großschnauzige Hund lief träge hinter dem Wagen her: er hatte sich gleichfalls vollgefressen.

»Nein, das geht zu weit!« sagte Tschitschikow, als sie den Hof verlassen hatten.

»Der Mensch ist immer guter Laune! Das ist das ärgerlichste.«

»Wenn ich deine siebzigtausend Rubel Rente hätte, dann dürfte mir der Trübsinn nicht einmal zur Türe herein!« dachte Tschitschikow. »Da ist der Branntweinpächter Murasow -- der hat zehn Millionen. Leicht gesagt, zehn Millionen -- das nenne ich ein Sümmchen!«

»Haben Sie nichts dagegen, wenn wir unterwegs einen kleinen Abstecher machen? Ich möchte mich gern noch von meiner Schwester und von meinem Schwager verabschieden.«

»Aber mit dem größten Vergnügen!« sagte Tschitschikow.

»Er ist ein ganz hervorragender Landwirt. Der erste hier in der Gegend. Er bezieht Einkünfte im Werte von zweimal hunderttausend Rubel von einem Gut, das vor acht Jahren noch keine zwanzigtausend abwarf.«

»Aber das muß ja ein äußerst interessanter und hochachtbarer Mensch sein! Ich bin sehr begierig, einen solchen Mann kennen zu lernen. Ich bitte Sie ... Denken Sie doch nur ... Und wie heißt er?«

»Kostanshoglo.«

»Und sein Vor- und Vatername, wenn ich bitten darf?«

»Konstantin Fjodorowitsch.«

»Konstantin Fjodorowitsch Kostanshoglo. Ich bin wirklich begierig auf seine Bekanntschaft! Von einem solchen Mann kann man viel lernen.«

Platonow übernahm die schwere Aufgabe, Seliphan zu instruieren, was sehr notwendig war, da dieser sich kaum auf dem Bocke zu halten vermochte. Petruschka war bereits zweimal kopfüber aus dem Wagen gefallen, und es war daher nötig, ihn mit einem Strick an dem Kutschbock festzubinden.

»So ein Schwein!« Das war alles, was Tschitschikow sagen konnte.

»Sehen Sie! da fangen seine Güter an!« sagte Platonow. »Das sieht doch gleich ganz anders aus!«

Und in der Tat: vor ihnen lag eine mit jungem Walde bewachsene Schonung, -- jedes Bäumchen war schlank und gerade wie ein Pfeil, dahinter sah man ein zweites gleichfalls noch junges Wäldchen, und hinter diesem erhob sich ein alter Forst voll prächtiger Tannen, eine immer höher als die andre. Dazwischen kam wieder eine Schonung, ein Streifen _junger_ und dahinter ein Streifen alter Wald. Dreimal nacheinander fuhren sie durch den Wald, wie durch ein Tor in einer Mauer: »Dieser ganze Wald ist kaum acht bis zehn Jahre alt, ein andrer kann zwanzig Jahre warten, und selbst dann ist er noch nicht so hoch.«

»Wie hat er es aber nur gemacht!«

»Fragen Sie ihn selbst. Das ist ein so vortrefflicher Kenner des Grund und Bodens -- bei dem geht nichts verloren. Er kennt nicht nur den Boden ganz genau, er weiß auch, in welcher Nachbarschaft jedes Bäumchen und jede Pflanze am besten gedeiht, was für Bäume er neben dem Getreide pflanzen muß usw. Jedes Ding erfüllt bei ihm immer gleichzeitig drei bis vier Funktionen. Der Wald ist nicht nur des Holzes wegen da, sondern auch deswegen, weil die Felder an der und der Stelle so und so viel Feuchtigkeit brauchen und so und so viel Schatten spenden, und die trockenen Blätter benutzt er zum Düngen des Bodens ... Wenn überall rings umher Dürre herrscht, so ist bei ihm alles in schönster Ordnung; alle Nachbarn klagen über Mißernte, er allein braucht sich nicht zu beklagen. Schade, daß ich selbst so wenig von diesen Dingen verstehe und nicht zu erzählen weiß ... Wer kennt bloß all seine Kniffe und Kunststücke! ... Man nennt ihn hier allgemein einen Zauberer. Was der nicht alles hat! ... Und doch! Trotzalledem ist es langweilig!«

»Das muß in der Tat ein erstaunlicher Mensch sein!« dachte Tschitschikow. »Es ist sehr bedauerlich, daß der junge Mann so oberflächlich ist und einem nichts erzählen kann.«

Endlich tauchte auch das Gut auf. Die zahlreichen auf drei Anhöhen gelegenen Hütten nahmen sich von Ferne wie eine Stadt aus. Jeder der drei Hügel war von einer Kirche gekrönt, überall sah man mächtige Getreide- und Heuschober stehen. »Hm!« dachte Tschitschikow, »man merkt gleich, daß hier ein königlicher Gutsbesitzer wohnt!« Die Hütten waren alle fest und dauerhaft gebaut; hie und da sah man einen Bauernwagen stehn -- und auch der Wagen war stark und neu; die Bauern, denen man begegnete, hatten alle kluge und gescheidte Gesichter; auch das Hornvieh war von der besten Sorte, und selbst die Schweine der Bauern sahen aus wie Aristokraten. Man hatte den Eindruck, dies sei der Ort, wo die Bauern wohnen, welche das Silber, wie es im Liede heißt: mit Schaufeln nach Hause tragen. Hier gab es keine englischen Parks, noch Rasenplätze, noch andre kunstvolle Anlagen, statt dessen zog sich nach alter Sitte eine lange Reihe von Kornspeichern und Arbeiterhäusern bis dicht ans Herrenhaus, damit der Gutsherr auch alles kontrollieren könne, was rund um ihn her vor sich geht; auf dem hohen Dache des Herrenhauses erhob sich eine Art Leuchtturm; das war kein architektonischer Schmuck; er war nicht dazu da, damit der Hausherr und seine Gäste sich an der schönen Aussicht ergötzen könnten, sondern um die Arbeiter auch auf den entferntesten Feldern ständig zu beaufsichtigen. Die Reisenden wurden an der Haustreppe von flinken Dienern empfangen, die gar keine Ähnlichkeit mit dem ewig betrunkenen Petruschka hatten; auch hatten sie keine Fräcke, sondern Jacken aus gewöhnlichen selbstgewebtem blauen Tuch an, wie sie die Kosacken zu tragen pflegen.

Die Frau des Hauses kam auf die Treppe hinausgelaufen. Sie hatte eine frische Gesichtsfarbe wie Milch und Blut, und war schön wie Gottes heller Tag, sie glich Platonow wie ein Ei dem andern, nur mit dem Unterschiede, daß sie nicht so matt und schlaff, wie er, sondern immer heiter und gesprächig war.

»Guten Tag, Bruder! Bin ich aber froh, daß du gekommen bist. Konstantin ist leider nicht zuhause, aber er muß bald kommen.«

»Wo ist er denn?«

»Er hat mit ein paar Händlern im Dorfe zu tun,« sagte sie, während sie die Gäste ins Zimmer geleitete.

Tschitschikow sah sich neugierig in der Wohnung dieses merkwürdigen Menschen um, der ein Einkommen von zweimal hunderttausend Rubeln hatte, denn er glaubte, er werde aus _dieser_ den Charakter und das Wesen des Besitzers erkennen können, wie man etwa von einer Muschel auf die Auster oder von dem leeren Schneckengehäuse auf die Schnecke schließt, die es einstmals bewohnte und ihren Abdruck darin hinterlassen hat. Aber das Wohnhaus erlaubte es nicht, irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Die Zimmer waren alle schlicht und einfach ausgestattet und beinahe leer; da gab es weder Fresken, noch Bronzen, noch Blumen, noch Etageren mit kostbarem Porzellan, ja nicht einmal Bücher. Mit einem Wort, alles deutete darauf hin, daß das Wesen, das hier hauste, sich den größten Teil seines Lebens garnicht innerhalb der vier Zimmerwände, sondern draußen im Felde aufhielt und daß es seine Pläne nicht vorsorglich und sybaritisch im weichen Lehnstuhl am Kaminfeuer überlegte und dort seinen Gedanken nachhing, sondern daß sie ihm an Ort und Stelle, mitten in der Tätigkeit einfielen und auch _dort_ ins Werk gesetzt wurden. In den Zimmern konnte Tschitschikow nur die Spuren eines echt weiblichen häuslichen Sinnes entdecken: auf den Tischen und Stühlen lagen Bretter von Lindenholz, auf denen offenbar zum Trocknen bestimmte Blumenblätter ausgeschüttet waren.

»Was ist das für ein Plunder, der hier herumliegt, Schwester?« sagte Platonow.

»Das ist doch kein Plunder!« versetzte die Hausfrau. »Das ist das beste Mittel gegen Fieber. Voriges Jahr haben wir alle unsere Bauern damit kuriert. Hieraus machen wir Likör, und jenes dort soll eingemacht werden. Ihr lacht uns immer mit unseren Marmeladen und unserem eingelegten Gemüse aus; nachher aber lobt Ihr es selbst, wenn Ihr es eßt.«

Platonow ging ans Klavier und betrachtete die aufgeschlagenen Noten.

»Herrgott, das alte Zeug!« sagte er, »Schämst du dich gar nicht, Schwester?«

»Nimm mir's nicht übel, Bruder, ich habe nicht Zeit, mich auch noch mit Musik abzugeben. Ich habe nicht Zeit, mich auch noch mit Musik abzugeben. Ich habe eine achtjährige Tochter, die ich unterrichten muß. Soll ich sie etwa einer ausländischen Gouvernante überlassen, bloß damit ich genug freie Zeit habe, um mich mit Musik zu beschäftigen? -- Nein entschuldige, das tue ich denn doch nicht!«

»Bist du langweilig geworden, Schwester!« sagte der Bruder und trat ans Fenster: »Ah, da ist er ja schon, er kommt, eben kommt er!« rief Platonow.

Tschitschikow lief gleichfalls ans Fenster. Ein Mann von etwa vierzig Jahren, mit braunem lebhaftem Gesicht, in einer Jacke von Kamelhaaren kam auf das Haus zugeschritten. Auf sein Kostüm pflegte er nicht zu achten. Er trug eine Sammtmütze. Ihm zur Seite gingen zwei Männer niederen Standes, mit respektvoll entblößtem Haupte, in einer lebhaften Unterhaltung begriffen; der eine war ein einfacher Bauer, der andre ein durchreisender Händler, ein durchtriebener Kerl in einem Rock mit langen Schößen. Da sie alle drei an der Treppe stehen blieben, konnte man ihr Gespräch deutlich im Zimmer hören.

»Das beste was ihr tun könnt, ist folgendes: kauft euch bei eurem Herrn los. Ich will euch die Summe meinetwegen vorschießen; ihr könnt sie ja allmählich bei mir abarbeiten!«

»Nein, Konstantin Fjodorowitsch, wozu sollen wir uns loskaufen? Nehmen Sie uns lieber ganz zu sich. Bei Ihnen können wir nur Gutes lernen. Einen so klugen Mann wie Sie, gibt es nicht wieder auf der ganzen Welt. Heutzutage hat man seine Not, man kann sich nicht genug in acht nehmen. Die Kneipwirte haben euch solche Schnäpse erfunden, das brennt einem im Magen, daß man danach gleich einen ganzen Eimer Wasser austrinken möchte: eh man sich's versieht, ist die letzte Kopeke ausgegeben. Die Versuchung ist auch allzugroß. Ich glaube der Böse regiert die Welt, bei Gott! Was erfinden sie nicht alles, um den Bauern ganz toll zu machen! Tabak und all diese Finessen. Was soll man anfangen, Konstantin Fjodorowitsch? Man ist auch nur ein Mensch -- man läßt sich halt leicht verführen.«

»Hör mal: hier handelt es sich doch um folgendes. Wenn ihr zu mir kommt, dann seid ihr doch auch nicht frei. Es ist wahr, ihr bekommt alles, was ihr braucht: eine Kuh und ein Pferd; aber ich verlange auch was von meinen Bauern, wie kein anderer Gutsbesitzer. Bei mir müssen sie vor allem _arbeiten_ -- das ist das erste; ob nun für mich oder für sich selbst, das ist ganz gleich, gefaulenzt wird bei mir nicht. Ich arbeite ja auch wie ein Stier, ebensoviel wie meine Bauern, weil ich es an mir selbst erfahren habe: all diese Schrullen kommen einem bloß in den Kopf, weil man nicht arbeitet. Also denkt mal über die Sache nach und überlegt sie euch ordentlich, wenn ihr zusammenkommt.«

»Wir haben ja schon so viel überlegt, Konstantin Fjodorowitsch. Selbst die alten Leute bei uns sagen schon: >bei Ihnen sind die Bauern alle reich, das ist doch kein Zufall; auch Ihre Priester sind so mitleidig und so gütig. Die unsrigen hat man uns doch weggenommen, und jetzt haben wir niemanden, der einen rechtschaffen beerdigen könnte.<«

»Es ist doch besser, du sprichst noch einmal darüber mit der Gemeinde.«

»Wie Sie befehlen!«

»Nicht wahr, Konstantin Fjodorowitsch, Sie sind schon so gut und gehen etwas mit dem Preise herunter,« sagte der durchreisende Kaufmann im langen blauen Rock, der an der andern Seite von Kostanshoglo schritt.

»Ich habe dir's schon gesagt, ich lasse nicht mit mir handeln. Ich bin nicht so wie andre Gutsbesitzer, bei denen du immer gerade dann erscheinst, wenn sie ihre fälligen Schulden bezahlen müssen. Ich kenne euch viel zu gut; ihr führt eine Liste über alle, welche Zahlungen zu machen haben. Das ist doch sehr einfach. So ein Mann ist in einer verzweifelten Lage, da gibt er euch natürlich alles um den halben Preis her. Bei mir ist das anders. Was soll ich mit deinem Gelde anfangen? Bei mir können die Sachen ruhig drei Jahre lang liegen bleiben; ich habe keine Hypothekengelder zu bezahlen!«

»Sie haben ganz recht, Konstantin Fjodorowitsch. Ich sage das ja auch nur, um auch ferner mit Ihnen in Verbindung zu bleiben, und nicht aus Habsucht und Eigennutz. Bitte, hier sind dreitausend Rubel Handgeld!« Bei diesen Worten zog der Kaufmann ein Päckchen schmutziger Banknoten aus der Brusttasche. Kostanshoglo nahm sie sehr kaltblütig, ohne sie nachzuzählen in Empfang, und steckte sie in die Rocktasche.

»Hm,« dachte Tschitschikow, »wie wenn das sein Taschentuch wäre!« Doch jetzt erschien Kostanshoglo in der Türe des Salons. Er machte einen tiefen Eindruck auf Tschitschikow durch sein verbranntes Gesicht, die struppigen schwarzen Haare, welche stellenweise schon einen leichten Anflug von Grau erkennen ließen, den lebhaften Ausdruck der Augen und seine etwas gallige Art, die auf seine südliche Herkunft hindeutete. Er war kein echter Russe. Wußte er doch selbst nicht genau, woher seine Vorfahren stammten. Er kümmerte sich jedoch nicht um seinen Stammbaum; das paßte nicht in sein System, und er fand, daß sich in der Wirtschaft damit nicht viel anfangen ließe. Er selbst hielt sich für einen Russen, und kannte auch keine andere Sprache außer der russischen.

Platonow stellte Tschitschikow vor. Beide küßten sich.

»Weißt du Konstantin, ich habe mich entschlossen, eine kleine Reise zu machen, und mir einige unserer Gouvernements anzusehen. Ich will meine Langeweile los werden,« sagte Platonow, »Pawel Iwanowitsch hat mir vorgeschlagen, mit ihm zu reisen.«

»Das ist ja vortrefflich!« sagte Konstanshoglo. »Und welche Gegend gedenken Sie zu besuchen?« fuhr er fort, indem er sich liebenswürdig an Tschitschikow wandte.

»Ich muß gestehen,« sagte Tschitschikow, indem er den Kopf höflich auf die Seite neigte und mit der Hand über die Stullehne strich, »ich muß gestehen, daß ich eigentlich nicht in meinem eigenen, sondern im Interesse eines andern reise: ein naher Freund von mir, ich darf wohl sagen mein Wohltäter, General Betrischtschew hat mich gebeten, einige von seinen Verwandten aufzusuchen. Das mit den Verwandten ist natürlich sehr wichtig, aber andererseits reise ich doch auch sozusagen zu meinem eigenen Vergnügen, denn ganz abgesehen von dem Nutzen den das Reisen für die Hämorrhoiden hat; die Welt kennen zu lernen, sich in den Wirbel und Strudel des Menschenvolkes zu stürzen -- das ist sozusagen ein lebendes Buch und auch eine Art Wissenschaft.«

»Sehr richtig! Es ist ganz gut, wenn man sich in der Welt umsieht.«

»Sehr fein bemerkt! Das ist tatsächlich wahr, es ist wirklich gut. Man sieht allerhand Dinge, die man sonst nie gesehen hätte, und trifft mit Menschen zusammen, denen man vielleicht niemals begegnet wäre. Manche Unterhaltung ist Goldes wert, wie zum Beispiel gleich hier, wo sich mir eine so glückliche Gelegenheit bietet ... Ich wende mich an Sie, verehrtester Konstantin Fjodorowitsch. Helfen Sie mir, belehren Sie mich, stillen Sie meinen Durst und weisen Sie mir den Weg zur Wahrheit. Ich lechze nach Ihren Worten, wie nach himmlischem Manna.«

»Ja, was denn nur? ... Was soll ich Sie denn lehren?« sprach Kostanshoglo verlegen. »Ich habe doch selbst nur ein paar Groschen Lehrgeld bezahlt.«

»Die Weisheit, verehrter Mann, lehren Sie mir die Weisheit und die Kunst, das schwere Steuer der Landwirtschaft zu regieren, einen sicheren Gewinn zu erzielen, Reichtum und Wohlstand zu erwerben und zwar keinen eingebildeten, sondern einen wirklichen Wohlstand, denn das ist doch die Pflicht eines jeden Bürgers und damit verdient man sich die Achtung seiner Mitmenschen.«

»Wissen Sie was?« sagte Kostanshoglo und sah ihn nachdenklich an, »bleiben Sie einen Tag bei mir. Ich will Ihnen die ganze Einrichtung zeigen und Ihnen alles erzählen. Eine große Weisheit werden Sie hier nicht finden.«

»Aber natürlich! Bleiben Sie doch!« fiel die Hausfrau ein; dann wandte sie sich an ihren Bruder und fuhr fort: »Bleib doch, Bruder, du hast doch keine Eile.«

»Mir ist es einerlei. Wenn Pawel Iwanowitsch nichts dagegen hat?«

»Nicht das Geringste, mit dem größten Vergnügen ... Da ist nur noch ein Umstand: ein Verwandter des General Betrischtschew, der Oberst Koschkarow ...«

»Der ist aber doch verrückt!«

»Natürlich ist er verrückt! Ich hätte ihn ja auch gar nicht besucht, aber General Betrischtschew, wissen Sie, ein guter Freund von mir, und sozusagen mein Wohltäter ...«

»Wissen Sie was? Dann machen Sie es doch so,« sagte Kostanshoglo: »fahren Sie doch gleich zu ihm, er wohnt keine zehn Werst von hier. Mein Wagen ist angespannt -- setzen Sie sich hinein und fahren Sie hin. Zum Tee können Sie schon wieder zurück sein.«

»Eine großartige Idee!« rief Tschitschikow aus und griff nach dem Hut.

Der Wagen fuhr vor, und brachte ihn in einer halben Stunde zum Obersten. Im Dorfe ging es drunter und drüber: hier wurde gebaut, dort eine Reparatur vorgenommen, überall lagen Haufen von Kalk, Ziegelsteinen und Balken herum. Daneben sah man ein paar Häuser, die wie Gerichtsgebäude aussahen. Auf dem einen befand sich eine Inschrift in goldenen Lettern: »Depot für landwirtschaftliche Werkzeuge«, auf einem andern las man: »Hauptrechnungskammer«, »Komitee für Gemeindeangelegenheiten«, »Normalschule für Landleute«. Mit einem Wort, weiß der Teufel, was es da nicht alles gab!

Er traf den Obersten vor einem Stehpult mit der Feder in den Zähnen. Der Oberst empfing Tschitschikow außerordentlich freundlich. Er machte den Eindruck eines äußerst gutmütigen und höflichen Menschen; sofort fing er an davon zu erzählen, wieviel Mühe es ihn gekostet habe, sein Gut auf die Höhe zu bringen, auf der es sich jetzt befindet; er beklagte sich schmerzlich darüber, wie schwer es sei, den Bauern begreiflich zu machen, was die »höheren Antriebe« sind, die der Mensch nur aus einem vernunftgemäßen Luxus, aus der Beschäftigung mit Wissenschaften und Künsten gewinnt; daß es ihm noch immer nicht gelungen sei, die Bäuerinnen zu veranlassen, doch ein Korsett anzulegen, während er in Deutschland, wo er 1814 mit seinem Regiment gestanden, die Tochter eines einfachen Bauern kennen gelernt habe, die Klavier spielen konnte; dennoch aber werde er den Trotz der Unwissenheit und Unbildung brechen, und es bestimmt erreichen, daß seine Bauern Bücher lesen, während sie hinter dem Pfluge hergehen und sich auf diese Weise über den Franklinschen Blitzableiter, die Georgien Virgils und die chemische Analyse des Bodens unterrichten.

»Daß du dich nur nicht täuschst!« dachte Tschitschikow. »Denken Sie bloß, ich habe die »Gräfin Laveillère« bis heute noch nicht gelesen. Ich kann immer keine Zeit dazu finden.«

Der Oberst sprach noch lange darüber, wie man die Menschen wohlhabend und glücklich machen könne. Eine besondere große Bedeutung legte er der Kleidung bei: er setzte seinen Kopf dafür ein, daß, wenn nur die Hälfte aller russischen Bauern Hosen nach deutschem Schnitt anziehen wollte, die Wissenschaften emporblühen, der Handel sich heben und das goldene Zeitalter für Rußland anbrechen würde.

Tschitschikow sah ihm aufmerksam ins Gesicht, hörte ihn ruhig an und sagte schließlich zu sich selbst: »Ich glaube, mit dem brauche ich mich nicht zu genieren;« und er erklärte sofort, er habe tote Seelen nötig, zuvor aber müsse ein Kaufvertrag abgeschlossen werden und dazu bedürfe es _der_ und _der_ Formalitäten.

»Soweit ich aus Ihren Worten ersehen kann,« sagte der Oberst, ohne auch nur im geringsten in Verlegenheit zu geraten, »ist das ein _Gesuch_, das Sie an mich richten! Nicht wahr?«

»Sehr richtig.«

»Dann haben Sie wohl die Güte, es schriftlich zu formulieren. Das Gesuch muß nämlich erst ins »Bureau für Berichte und Anzeigen«, dort wird es signiert, und erst dann kommt es in meine Hände; ich gebe es hierauf an das Komitee für Gemeindeangelegenheiten weiter, von dort geht es an den Verwalter, der Erhebungen anstellen wird, und der Verwalter läßt es endlich zusammen mit dem Sekretär ...«

»Ich bitte Sie!« sprach Tschitschikow, »auf diese Weise wird sich ja die Sache furchtbar in die Länge ziehen. Ein solcher Gegenstand läßt sich doch nicht schriftlich behandeln. Das ist ja so eine delikate ... Angelegenheit, die ... Die Seelen sind doch gewissermaßen ... schon tot ...«

»Sehr gut. Dann schreiben Sie doch einfach, daß die Seelen gewissermaßen schon tot sind.«