Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II
Part 6
Weidenbüsche, dünne Erlen und Silberpappeln flogen rasch an ihnen vorbei und streiften die beiden auf dem Bocke sitzenden Leibeigenen Seliphan und Petruschka beständig mit ihren Zweigen. Dem letzteren rissen sie sogar mehrmals die Mütze vom Kopf. Der gestrenge Lakai sprang in einem fort vom Bock herab, schalt auf die dummen Bäume und auf den, der sie gepflanzt hatte, aber er konnte sich trotzdem nicht entschließen, seine Mütze anzubinden, oder sie mit der Hand festzuhalten, denn er hoffte, dies sei das letzte Mal gewesen und es werde ihm nun nicht wieder passieren. Bald gesellten sich noch Birken und hie und da eine Tanne zu den Bäumen. Die Wurzeln waren dicht mit Gras bedeckt, auf dem blaue Schwertlilien und gelbe Waldtulpen wuchsen. Der Wald wurde immer dunkeler und drohte die Reisenden in undurchdringliche Nacht einzuhüllen. Da blitzte plötzlich von allen Seiten zwischen Ästen und Baumstämmen ein heller Lichtschimmer, gleich einem leuchtenden Spiegelreflexe auf. Die Bäume traten auseinander, die glänzende Fläche wurde immer größer ... vor ihnen lag ein See -- ein mächtiger Wasserspiegel von etwa vier Werst in die Breite. Auf dem gegenüberliegenden Ufer tauchten mehrere kleine Blockhütten auf. Dies war das Dorf. Aus den Fluten drangen laute Schreie und Rufe hervor. Etwa zwanzig Mann bis an den Gürtel, bis zu den Schultern oder bis zum Halse im Wasser stehend, waren damit beschäftigt, ein Netz ans Ufer zu ziehen. Dabei war ihnen ein Unfall passiert. Zugleich mit den Fischen war ihnen ein wohlbeleibter Mann ins Netz geraten, der ungefähr ebenso breit als lang war, und aussah wie eine Wassermelone oder wie ein Faß. Seine Lage war eine verzweifelte und er schrie aus voller Kehle: »Dionys, du Klotz! gib es doch dem Kosma! Kosma nimm doch dem Dionys das Tauende aus der Hand. Stoß doch nicht so, du großer Thomas, komm stell dich hierher, wo der kleine Thomas steht. Teufel! Ich sag's euch, ihr werdet noch das Netz zerreißen.« Offenbar fürchtete sich die Wassermelone nicht für ihre Person: ertrinken konnte sie nicht, dazu war sie zu dick, sie mochte die tollsten Purzelbäume schlagen, um unterzutauchen, das Wasser trug sie immer wieder empor; ja es hätten sich ihr ruhig noch zwei Personen auf den Rücken setzen können, sie hätte sie dennoch über Wasser gehalten wie eine eigensinnige Schweinsblase und höchstens ein wenig gestöhnt und mit der Nase Blasen ausgepustet. Aber der Mann hatte große Angst, das Netz könne reißen und die Fische könnten entschlüpfen, und daher mußten ihn mehrere Menschen zugleich mit dem Netz an Stricken ans Ufer ziehen.
»Das ist wohl der Gutsherr, der Oberst Koschkarjow,« sagte Seliphan.
»Warum?«
»Sehen Sie doch bloß, was er für einen Körper hat. Der ist viel weißer als bei den andern, und auch sein Umfang ist beträchtlich, wie sich's für einen vornehmen Herrn schickt.«
Unterdessen hatte man den im Netz gefangenen Gutsherrn schon bedeutend näher ans Ufer herangezogen. Als er wieder Boden unter seinen Füßen fühlte, richtete er sich auf, und bemerkte in demselben Augenblick die den Fahrdamm herabrollende Equipage nebst ihrem Insassen Tschitschikow.
»Haben Sie schon zu Mittag gegessen?« rief der Herr ihm entgegen, indem er mit den gefangenen Fischen in der Hand ans Ufer trat. Er steckte noch ganz im Netze drin, etwa wie zur Sommerzeit ein Damenhändchen in einem durchbrochenen Handschuh, hielt die eine Hand wie einen Schirm über die Augen, um sich gegen die Sonne zu schützen und die andre etwas tiefer unten, ungefähr in der Stellung der Mediceischen Venus, die eben dem Bade entsteigt.
»Nein,« versetzte Tschitschikow, nahm die Mütze ab und grüßte verbindlichst aus der Kutsche.
»Nun dann danken Sie ihrem Schöpfer!«
»Wieso?« fragte Tschitschikow neugierig, die Mütze über dem Kopfe haltend.
»Sie werden gleich sehen! He, kleiner Thomas! Laß das Netz los, und nimm den Stör aus dem Behälter heraus. Kosma, du Klotz, geh, hilf ihm!«
Die zwei Fischer zogen den Kopf eines Ungeheuers aus dem Behälter hervor -- »Seht mal, was für ein Fürst! Der hat sich aus dem Flusse hierher verirrt!« rief der kugelrunde Herr. »Fahren Sie nur in den Hof hinein! Kutscher nimm den unterm Weg durch den Gemüsegarten! Lauf doch großer Thomas, du Holzklotz, mach das Gartentor auf! Er wird Sie begleiten, ich komme gleich nach ...«
Der langbeinige und barfüßige große Thomas lief, ganz so wie er war, im bloßen Hemde vor dem Wagen her durch das ganze Dorf. Vor jeder Hütte hingen allerhand Fischereigerätschaften, Netze, Reusen usw.; alle Bauern waren Fischer; dann öffnete Thomas das Gitter des Gartens, und der Wagen fuhr zwischen Gemüsebeeten hindurch nach einem offenen Platz in der Nähe der Dorfkirche. Etwas weiter hinter der Kirche sah man die Dächer der Gutsgebäude.
»Dieser Koschkarjow ist etwas spleenig!« dachte Tschitschikow.
»So, da bin ich!« erscholl eine Stimme von der Seite! Tschitschikow sah sich um. Der Gutsherr fuhr in einem grasgrünen Nankingrock, gelben Beinkleidern und ohne Halsbinde wie ein Kupido neben ihm her. Er saß seitwärts in der Droschke und nahm den ganzen Sitz ein. Tschitschikow wollte ihm etwas sagen, aber der Dicke war bereits wieder verschwunden. Gleich darauf erschien sein Wagen wieder an der Stelle, wo das Netz mit den Fischen herausgezogen worden war, und wieder hörte man die Stimmen rufen: >Großer Thomas, kleiner Thomas! Kosma und Denys!< Als aber Tschitschikow bei dem Portale des Herrenhauses vorfuhr, sah er den dicken Gutsbesitzer zu seinem größten Erstaunen schon auf der Treppe stehen, wo er den Ankömmling in Empfang nahm und freundschaftlichst in seine Arme schloß. Wie er so schnell hierhergeflogen war -- dies blieb ein Rätsel. Man küßte sich dreimal kreuzweise nach alter russischer Sitte: der Gutsherr war ein Mann alten Schlages.
»Ich habe Ihnen Grüße von Seiner Exzellenz zu überbringen,« sagte Tschitschikow.
»Von welcher Exzellenz?«
»Von Ihrem Verwandten, dem General Alexander Dimitriewitsch.«
»Wer ist dieser Alexander Dimitriewitsch?«
»General Betrischtschew,« versetzte Tschitschikow ein wenig betroffen.
»Ich kenne ihn nicht,« entgegnete jener erstaunt.
Tschitschikows Verwunderung wurde mit jedem Augenblick größer.
»Ja, wie denn nur ...? Ich habe doch hoffentlich das Vergnügen, mit dem Herrn Oberst Koschkarjow zu sprechen?«
»Nein hoffen Sie lieber nicht! Sie befinden sich nicht bei ihm, sondern bei mir. Peter Petrowitsch Petuch! Petuch![2] Peter Petrowitsch!« versetzte der Hausherr.
Tschitschikow war starr vor Staunen. »Nicht möglich?« sagte er, indem er sich an Seliphan und Petruschka wandte, die gleichfalls mit offenem Munde dastanden, und die Augen weit aufsperrten. Der eine saß auf dem Bock, der andere stand an der Wagentüre. »Was habt ihr bloß gemacht, ihr Esel? Ich hab euch doch gesagt, ihr sollt zum Obersten Koschkarjow fahren ... Das ist doch Peter Petrowitsch Petuch ...«
[Fußnote 2: Petuch = deutscher Hahn.]
»Das habt ihr fein gemacht, Jungens! Geht in die Küche, laßt euch ein Glas Schnaps geben ...« rief Peter Petrowitsch Petuch. »Spannt die Pferde aus und geht gleich ins Speisezimmer!«
»Ich schäme mich wirklich! So ein Irrtum! So plötzlich! ...« stammelte Tschitschikow.
»Durchaus kein Irrtum. Warten Sie mal erst ab, wie Ihnen das Mittagessen schmecken wird und dann sagen Sie, ob es ein Irrtum war. Ich bitte schön,« sagte Petuch, indem er Tschitschikow am Arme nahm und ihn ins Innere des Hauses führte. Hier kamen ihnen zwei Jünglinge in Sommeranzügen entgegen; beide so dünn wie ein Paar Weidenruten und wohl eine Arschin[3] länger als ihr Vater.
»Meine Söhne! Sie besuchen das Gymnasium und sind nur während der Ferien hier ... Nikolascha bleib hier und unterhalte den Gast; und du, Alexascha, komm mit mir.« Mit diesen Worten verschwand der Hausherr.
Tschitschikow blieb mit Nikolascha zurück und versuchte eine Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen. Nikolascha schien sich zu einem lieblichen Früchtchen entwickeln zu wollen. Er erzählte Tschitschikow sofort, es habe gar keinen Zweck, ein Provinzgymnasium zu besuchen, er und sein Bruder haben die Absicht, nach Petersburg zu fahren, weil es sich ja doch nicht lohne, in der Provinz zu leben ...
[Fußnote 3: Arschin = 2/3 Meter.]
»Ich verstehe schon,« dachte Tschitschikow, »euch locken die Boulevards und Cafés ...« Dann aber fragte er ihn laut: »Sagen Sie, wie steht es mit dem Gute Ihres Vaters?«
»Ich habe Hypotheken darauf!« fiel hier der Vater selbst ein, der plötzlich wieder im Salon auftauchte: »Mehrere Hypotheken.«
»Schlimm, sehr schlimm!« dachte Tschitschikow: »Bald wird es kein Gut mehr geben, auf dem keine Hypotheken lasten. Man muß sich beeilen ...« »Sie hätten sich doch etwas Zeit lassen sollen mit den Hypotheken,« sagte er mit teilnehmender Miene.
»O nein. Das macht nichts!« versetzte Petuch. »Man sagt, es sei sogar vorteilhaft. Heutzutage nimmt alles Hypotheken auf, man will doch nicht hinter den andern zurückbleiben? Und dann, ich habe mein ganzes Leben lang hier gelebt; nun will ich es einmal mit Moskau versuchen. Meine Söhne reden mir auch immer zu, sie wollen durchaus eine großstädtische Bildung haben.«
»So ein Narr!« dachte Tschitschikow: »er wird alles durchbringen und auch seine Söhne zu Verschwendern erziehen. Und dabei hat er ein so schönes Gut. Wo man hinschaut, spricht alles von Wohlstand. Die Bauern haben es gut, und auch der Herr leidet keinen Mangel. Wenn sie aber erst ihre Bildung aus den Restaurants und Theatern beziehen, dann wird alles zum Teufel gehen. Er sollte lieber ruhig auf dem Lande bleiben, der Windbeutel.«
»Ich weiß, was Sie jetzt denken!« sagte Petuch.
»Wie?« sagte Tschitschikow etwas verlegen.
»Sie denken: >Dieser Petuch ist doch ein Narr: erst lädt er einen zum Mittagessen ein, und läßt einen warten. Das Essen ist immer noch nicht aufgetragen.< Es kommt, es kommt schon, Verehrtester. Passen Sie auf, ein geschorenes Mädel kann sich nicht schneller den Zopf flechten, als das Essen auf dem Tisch stehen wird.«
»Himmel! Da kommt Platon Michailowitsch angeritten!« sagte Alexascha, der am Fenster stand und hinausblickte.
»Er reitet auf seinem Fuchs!« fiel Nikolascha ein, indem er sich aus dem Fenster beugte.
»Wo? Wo?« schrie Petuch und lief gleichfalls ans Fenster.
»Wer ist das, Platon Michailowitsch?« fragte Tschitschikow Alexascha.
»Unser Nachbar, Platon Michailowitsch Platonow, ein _vortrefflicher_ Mensch, ein ganz _ausgezeichneter_ Mensch,« antwortete der Hausherr selbst.
In diesem Augenblick trat Platonow ins Zimmer. Er war ein schöner schlanker Mann mit hellblondem lockigem Haar. Ein Ungetüm von einem Hunde namens Jarb folgte ihm, laut mit dem Halsband klirrend, auf dem Fuße.
»Haben Sie schon gegessen?«
»Ja danke!«
»Sie kommen wohl, um sich über mich lustig zu machen. Was soll ich mit Ihnen anfangen, wenn Sie schon gespeist haben?«
Der Gast lächelte und sagte: »Ich kann Sie beruhigen, ich habe so gut wie garnichts gegessen: ich hatte keinen Appetit.«
»Wenn Sie nur gesehen hätten, was wir heute für einen Fang gemacht haben! Was für ein Stör uns ins Netz gegangen ist! Und was für Karauschen und Karpfen dazu!«
»Man ärgert sich beinahe, wenn man Sie sprechen hört. Warum sind Sie immer so guter Laune?«
»Warum sollte ich denn Trübsal blasen? Ich bitte Sie!« sagte der Hausherr.
»Wie? Warum? -- Weil es traurig und langweilig auf der Welt ist.«
»Sie essen nicht genug, das ist alles. Suchen Sie sich einmal ordentlich satt zu essen. Das ist auch so eine moderne Erfindung dieser Trübsinn und diese Melancholie. Früher war man nie melancholisch.«
»Niemals! Ich weiß auch gar nicht, wo ich die Zeit dazu hernehmen soll. Am Morgen -- da schläft man, kaum hat man die Augen aufgemacht, so steht schon der Koch vor einem, und man muß das Menu für das Mittagessen zusammenstellen, dann trinkt man Tee, fertigt den Verwalter ab, geht fischen und eh man sich's versieht, ist es schon Zeit zum Mittagessen. Nach dem Mittagessen kommt man kaum dazu ein Schläfchen zu tun, denn schon wieder ist der Koch da, und man muß das Abendbrot bestellen, nach dem Abendbrot kommt wieder der Koch, und man muß wieder ans Mittagessen für _morgen_ denken. Wo hat man da Zeit zum Trübsinn?«
Während beide sich unterhielten, betrachtete Tschitschikow den neuen Ankömmling, der ihn durch seine außergewöhnliche Schönheit, seine schlanke, wohlgebaute Gestalt, die Frische einer noch unverbrauchten Jugendkraft und die jungfräuliche Reinheit seines von keinem Pickel verunzierten Teints in Erstaunen setzte. Weder Leidenschaft noch Schmerz, noch selbst etwas, was auch nur eine entfernte Ähnlichkeit mit einer Gemütsbewegung oder Unruhe hatte, hatten je sein jugendlich reines Antlitz berührt oder eine Falte in die ruhige Fläche eingegraben, aber freilich hätten sie sie auch nicht beleben können. Sein Gesicht behielt stets etwas Schläfriges, trotz des ironischen Lächelns, das es bisweilen erheiterte.
»Auch ich kann, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten, nicht recht verstehen, wie man mit einem solchen Gesicht, wie das Ihrige traurig sein kann!« sagte Tschitschikow. »Wenn man natürlich an Geldmangel leidet, oder Feinde hat, ... es gibt ja immer Menschen, die einem nachstellen und sogar nach dem Leben trachten ...«
»Glauben Sie mir,« unterbrach ihn der schöne Gast, »glauben Sie mir, daß ich mich der Abwechselung halber mitunter sogar nach irgend einer kleinen Aufregung _sehne_? Wenn mich doch jemand ein bißchen ärgern wollte, oder etwas derartiges -- aber nicht einmal _das_ passiert einem. Das Leben ist bloß langweilig -- das ist alles.«
»Dann haben Sie wohl nicht genug Land oder vielleicht zu wenig Bauern.«
»Durchaus nicht. Mein Bruder und ich haben zusammen etwa zehntausend Acker und über tausend Seelen.«
»Merkwürdig. Dann kann ich es nicht verstehen. Aber vielleicht hatten Sie unter Mißernten und Epidemieen zu leiden? Haben Sie vielleicht viele Bauern verloren?«
»Im Gegenteil, alles befindet sich in der schönsten Verfassung, mein Bruder ist ein vorzüglicher Landwirt.«
»Und bei alledem sind Sie traurig und verstimmt! Das verstehe ich nicht,« sprach Tschitschikow achselzuckend.
»Passen Sie auf, den Trübsinn wollen wir gleich verjagen,« sagte der Hauswirt, »Alexascha, lauf mal rasch nach der Küche und sag dem Koch, er soll uns die Fischpastetchen hereinbringen. Wo ist nur der Faulpelz Emeljan! Der hält wohl wieder Maulaffen feil. Und dieser Dieb, der Antoschka? Warum tragen sie die kalte Platte nicht auf?«
Jetzt aber öffnete sich die Türe. Der Faulpelz Emeljan und der Dieb Antoschka erschienen mit einer Serviette unter dem Arm, deckten den Tisch, und stellten einen Untersatz mit sechs Karaffen voll Likören von verschiedener Farbe darauf. Um diese gruppierte sich bald eine ganze Kette von Tellern, mit allerhand appetitreizenden Speisen. Die Diener bewegten sich flink hin und her und trugen immer neue zugedeckte Schüsseln herein, in denen man die Butter lustig schmoren hörte. Der Faulpelz Emeljan und der Dieb Antoschka machten ihre Sache ganz vortrefflich. Sie hatten ihre Spitznamen gewissermaßen bloß zum Ansporn und zur Ermunterung erhalten. Der Hausherr war durchaus kein Freund vom Schimpfen, dazu war er viel zu gutmütig; aber ein Russe kann halt ohne ein gepfeffertes Wort nicht auskommen. Er braucht es ebenso wie sein Gläschen Schnaps zur Beförderung der Verdauung. Was ist zu machen! Das ist nun einmal seine Natur, daß er die reizlose Kost nicht leiden mag!
Auf die kalte Platte folgte das eigentliche Mittagessen. Hier verwandelte sich unser gutmütiger Hausherr in einen wahren Tyrannen. Kaum bemerkte er, daß einer der Gäste nur noch ein Stück auf dem Teller hatte, so legte er ihm sofort ein zweites auf, indem er hinzufügte: »In der Welt _paart_ sich alles, Mensch, Tier und Vogel!« Hatte einer _zwei_ Stück auf seinem Teller, so legte er ihm noch ein _drittes_ auf, indem er bemerkte: »Das ist doch keine Zahl: zwei! Aller guten Dinge sind drei.« Hatte der Gast _drei_ Stücke gegessen, so rief er schon: »Haben Sie etwa schon einen dreirädrigen Wagen oder eine dreieckige Hütte gesehen?« Auch auf die Zahl _vier_, auf die fünf usw. hatte er ein Sprichwort bereit. Tschitschikow hatte sicherlich schon seine zwölf Stücke verschlungen und dachte: »Na, jetzt wird dem Hausherrn doch wohl nichts mehr einfallen!« Aber er irrte sich: ohne ein Wort zu sagen, legte ihm dieser den ganzen Rückenteil eines am Spieß gebratenen Kalbes samt den Nieren auf den Teller. Und was für eines Kalbes!
»Es hat zwei Jahre lang nichts wie Milch bekommen,« sagte der Hausherr. »Ich hab's gepflegt wie mein eigenes Kind.«
»Ich kann nicht mehr!« stöhnte Tschitschikow.
»Kosten Sie mal erst, und dann sagen Sie: ich kann nicht mehr!«
»Es geht nicht mehr rein! Ich hab' keinen Platz mehr im Magen.«
»In der Kirche war auch kein Platz mehr, da kam der Polizeimeister und sieh da, es fand sich doch noch ein Plätzchen. Dabei war ein solches Gedränge, daß kein Apfel zu Boden fallen konnte. Kosten Sie nur: dieses Stückchen -- das ist auch ein Polizeimeister.«
Tschitschikow kostete, und in der Tat -- das Stück hatte große Ähnlichkeit mit dem Polizeimeister, es fand sich richtig noch ein Platz, und doch schien sein Magen schon bis oben voll zu sein.
»So ein Mensch darf nicht nach Petersburg oder Moskau fahren. Bei seiner Freigiebigkeit hat er in drei Jahren keinen Heller mehr!« Er wußte noch nicht, daß man heute darin schon viel weiter ist: auch ohne allzu gastfrei zu sein, kann man dort sein Vermögen in drei Jahren -- was sage ich in drei Jahren! -- in drei Monaten durchbringen.
Unterdessen füllte der Hausherr die Gläser unentwegt nach; was die Gäste stehen ließen, das durften Alexascha und Nikolascha austrinken, die ein Glas nach dem andern hinter die Binde gossen; man konnte schon hier sehen, welches Gebiet menschlichen Wissens sie bei ihrer Ankunft in der Hauptstadt besonders pflegen würden. Die Gäste wußten kaum, wie ihnen geschah; sie schleppten sich nur mit Mühe auf den Balkon hinaus, um hier sogleich in einem Lehnstuhl zu sinken. Der Hausherr aber hatte kaum in dem seinen Platz genommen, als er sofort zurücksank und einschlief. Sein wohlbeleibtes Ich verwandelte sich in einen großen Blasebalg und ließ dem offenen Mund und den Nasenlöchern solche Töne entströmen, wie sie selbst unseren modernen Komponisten selten einzufallen pflegen: hier mischten sich Trommelwirbel mit Flötenklängen und kurzen abgebrochenen Lauten, die am meisten Ähnlichkeit mit Hundegebell hatten.
»Hören Sie, wie der pfeift?« sagte Platonow.
Tschitschikow mußte lachen.
»Freilich; wenn man so ein Mittagessen hinter sich hat, woher soll da die Langeweile kommen? Da übermannt einen der Schlaf -- nicht wahr? Ja. Sie entschuldigen doch, aber ich kann wirklich nicht verstehen, wie man schlechter Laune sein kann: dagegen gibt es doch so viele Mittel.«
»Und die wären?«
»Was kann ein junger Mann nicht alles anfangen? Tanzen, musizieren ... irgend ein Instrument spielen ... oder ... warum sollte er zum Beispiel nicht heiraten?«
»Wen nur?«
»Als ob es in der Umgegend keine hübschen reichen Mädchen gäbe!«
»Es gibt keine!«
»Nun, dann sieht man sich eben wo anders um. Man macht eine Reise« ... Plötzlich fiel Tschitschikow eine großartige Idee ein. »Da haben Sie das beste Mittel gegen Trübsinn und Langeweile!« sagte er, indem er Platonow in die Augen blickte.
»Was für eins?«
»Reisen.«
»Wohin soll man denn reisen?«
»Wenn Sie Zeit haben, dann kommen Sie doch mit mir,« sagte Tschitschikow und dachte sich, während er Platonow betrachtete: »Das wäre fein. Er könnte die Hälfte der Ausgaben tragen, und die Wagenreparatur könnte er eigentlich _allein_ übernehmen.«
»Und wohin fahren Sie?«
»Augenblicklich reise ich nicht so sehr in eigenen Angelegenheiten als im Interesse eines andern. General Betrischtschew ein naher Freund von mir, und ich darf wohl sagen mein Wohltäter hat mich gebeten, einige von seinen Verwandten zu besuchen ... Das mit den Verwandten ist natürlich sehr wichtig, aber eigentlich reise ich doch auch sozusagen zu meinem eigenen Vergnügen: denn die Welt kennen lernen, sich in den großen Strudel und Wirbel des Menschenvolks zu stürzen -- man mag sagen was man will, das ist gewissermaßen ein lebendes Buch und auch eine Art Wissenschaft.« Und während er dies sagte, dachte er sich: »Wirklich, es wäre fein. Er könnte sogar die _ganzen_ Kosten tragen, am Ende könnten wir auch seine Pferde benutzen, unterdessen würden sich die meinigen auf seinem Gute ausruhen und ordentlich pflegen.«
»Warum sollte ich nicht eine kleine Reise wagen?« dachte unterdessen Platonow. -- »Zu Hause habe ich ohnedies nichts zu tun, für die Wirtschaft sorgt mein Bruder auch ohne mich; sie würde also nicht im mindesten unter meiner Abwesenheit leiden. Warum sollte ich also nicht mitreisen?« -- »Wären Sie unter Umständen bereit, etwa zwei Tage bei meinem Bruder zu Gaste zu bleiben?« sagte er laut. »Sonst läßt mich mein Bruder nicht fort.«
»Aber mit dem größten Vergnügen. Meinetwegen sogar drei Tage.«
»Nun denn, also abgemacht. Wir fahren!« sagte Platonow lebhaft.
Tschitschikow schlug ein. »Bravo. Wir fahren!«
»Wohin? Wohin?« rief der Hausherr, der eben aus dem Schlafe erwacht war, und sie erstaunt anstarrte. -- »Nein, liebe Herren, ich habe die Räder von Ihrem Wagen abnehmen lassen und Ihren Hengst haben wir fortgejagt, Platon Michailowitsch, der ist fünfzehn Werst weit von hier. Nein, heute müssen Sie schon die Nacht bei mir bleiben, morgen essen wir etwas früher zu Mittag, und dann mögt Ihr meinetwegen reisen.«
Was sollte man da machen? Man mußte sich schon zum Bleiben entschließen. Dafür wurden sie durch einen wundervollen Frühlingsabend schadlos gehalten. Der Hausherr gab ein Fest auf dem Flusse. Zwölf Ruderer mit vierundzwanzig Rudern führten sie unter frohen Gesängen über den spiegelglatten Rücken des Sees. Aus dem See gelangten sie in den Fluß, der sich in unabsehbare Ferne vor ihnen ausdehnte und überall von flachen Ufern begrenzt war. Sie mußten immerfort über Taue hinwegfahren, die quer durch den Fluß gezogen, und an denen Netze befestigt waren. Auch nicht eine Welle kräuselte die glatte Wasserfläche; ganz still und lautlos glitten die herrlichen Landschaftsbilder an ihnen vorüber, und dunkele Gehölze und Haine entzückten ihren Blick durch die mannigfache Anordnung und Gruppierung ihrer Bäume. In gleichmäßigem Takt legten sich die Bootsknechte in die Ruder; sie erhoben sie alle vierundzwanzig plötzlich wie ein Mann in die Höhe -- und wie von selbst, einem leichten Vogel gleich, glitt der Kahn über den unbeweglichen Wasserspiegel dahin. Ein junger Bursche, ein starker breitschultriger Kerl, der dritte Mann vom Steuer, machte den Vorsänger und stimmte mit seiner reinen hellen Stimme, die aus einer Nachtigallenkehle zu kommen schien, ein Lied an, dann fielen fünf andre ein, sechs weitere lösten sie ab, und laut schwoll an und ergoß sich der Gesang: unendlich und grenzenlos, wie Rußland selbst. Sogar Petuch ließ sich manchmal fortreißen und unterstützte den Chor, wenn es ihm an Kraft fehlte, mit einem Ton, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Hühnergegacker hatte; ja sogar Tschitschikow hatte an diesem Abend das lebhafte Gefühl, daß er ein Russe sei. Nur Platonow dachte: »Was ist eigentlich schönes an diesem melancholischen Lied? Es stimmt einen nur noch trauriger, als man schon ist.«