Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II
Part 5
In einer knappen halben Stunde trugen die braven Rosse Tschitschikow über die etwa zehn Werst lange Strecke hinweg -- erst ging es durch den Eichwald, dann durch das Kornfeld, das zwischen langen Streifen frisch gepflügten Ackerlandes lag und im ersten Grün des Frühlings prangte, dann wieder den Rand des Gebirgs entlang, wo sich in einem fort herrliche Fernblicke auftaten -- und endlich durch eine breite Lindenallee, deren Laub sich eben zu entfalten begann, bis zu dem Gute des Generals. Die Lindenallee ging bald in eine Allee schlanker Pappeln über, die unten in geflochtene Körbe eingefaßt waren, und führte zuletzt auf ein gußeisernes Torgitter, hinter dem man den prächtigen, mit reichem krausem Schnitzwerk verzierten Giebel des Herrenhauses erblickte, der von acht Säulen mit Korinthischen Kapitälen getragen wurde. Überall roch es nach Ölfarbe, die allem einen neuen Anstrich gab, und keinem Ding Zeit ließ, alt zu werden. Der Hof war so glatt und sauber, daß man über Parkett zu wandeln glaubte. Als der Wagen vor dem Hause Halt machte, sprang Tschitschikow respektvoll heraus und betrat die Treppe. Er ließ sich gleich beim General anmelden, und wurde direkt in dessen Arbeitszimmer geführt. Die majestätische Gestalt des Generals machte einen tiefen Eindruck auf unseren Helden. Er hatte einen zugeknöpften Sammetschlafrock von himbeerroter Farbe an, sein Blick war offen, sein Gesicht männlich, er trug einen großen Schnurrbart und einen stattlichen graumelierten Backenbart und Haare, die im Nacken ganz kurz geschnitten waren; sein Hals war breit und dick oder »dreistöckig«, wie man bei uns zu sagen pflegt, d. h., er wies drei Längsfalten und eine Querfalte auf: mit einem Wort, es war einer von jenen prächtigen Generalstypen, an denen das Jahr 1812 so reich war. General Betrischtschew war, wie wir alle, mit einem ganzen Haufen von Vorzügen und Mängeln gesegnet. Diese wie jene waren jedoch, wie das bei uns Russen oft zu geschehen pflegt, recht bunt durcheinandergewürfelt: Großmut und Aufopferungsfähigkeit, in entscheidenden Momenten auch Tapferkeit, Verstand und bei alledem eine genügende Dosis Eitelkeit, Ehrgeiz, Eigensinn und kleinliche Empfindlichkeit, ohne die der Russe nun einmal nicht auskommen kann, wenn er nichts zu tun hat und nichts ihn zum Handeln bestimmt. Er hatte eine starke Abneigung gegen alle die, welche ihm den Rang abgelaufen hatten und äußerte sich in sarkastischer Weise über sie. Am meisten aber hatte einer seiner früheren Kollegen von ihm zu leiden, denn der General war fest davon überzeugt, daß er in bezug auf Verstand und Fähigkeiten hoch über jenem stand, und doch hatte ihn der andere überholt und war bereits Generalgouverneur zweier Provinzen. Unglücklicherweise befand sich auch noch eins von den Gütern des Generals in einer dieser Provinzen, sodaß dieser gewissermaßen von seinem Kollegen abhängig war. Der General rächte sich reichlich; er sprach bei jeder Gelegenheit von seinem Nebenbuhler, kritisierte eine jede seiner Verordnungen und erklärte jede seiner Maßnahmen und Handlungen für den Gipfelpunkt des Unverstandes und der Torheit. Alles an ihm hatte einen gewissen merkwürdigen Anstrich, vor allem auch seine Bildung. Er war nämlich ein großer Freund und Vorkämpfer der Aufklärung; auch wollte er immer mehr und alles besser wissen, als andre Leute und daher hatte er die Menschen nicht gern, die etwas wußten, was ihm unbekannt war. Mit einem Wort, er liebte es durch seinen Verstand zu glänzen. Einen großen Teil seiner Erziehung hatte er im Auslande genossen, trotzdem aber wollte er den russischen Aristokraten spielen. Bei einem Charakter, der soviel Härten und soviel starke hervorstechende Gegensätze aufwies, war es nur natürlich, daß er im Dienst beständig mit Unannehmlichkeiten zu kämpfen hatte, was ihn schließlich auch veranlaßte, seinen Abschied zu nehmen. Die Schuld, daß es so gekommen war, schob er auf eine gewisse feindliche Partei, denn er hatte nicht den Mut, sich selbst für etwas verantwortlich zu machen. Auch nach seinem Abschied behielt er seine vornehme und majestätische Haltung. Ob er nun einen Frack, einen Gehrock oder einen Schlafrock anhatte -- er blieb sich immer gleich. Von seiner Stimme bis zur letzten Geste und Bewegung war alles an ihm gebieterisch und majestätisch, und flößte jedem unter ihm Stehenden wenn auch nicht Achtung, so doch wenigstens Furcht oder Scheu ein.
Tschitschikow fühlte beides: Ehrfurcht _und_ Scheu. Er neigte den Kopf ehrerbietig zur Seite, streckte die Hände aus, wie wenn sie ein Tablett mit Teetassen ergreifen wollten, verbeugte sich mit bewundernswürdiger Gewandtheit fast bis zur Erde und sagte: »Ich habe es für meine Pflicht gehalten, Exzellenz meine Aufwartung zu machen. Die hohe Achtung vor den Tugenden der Männer, die das Vaterland auf den Schlachtfeldern verteidigten, veranlaßte mich, mich Eurer Exzellenz persönlich vorzustellen.«
Dem General schien diese Introduktion nicht zu mißfallen. Er machte eine sehr gnädige Kopfbewegung und sagte: »Ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen. Bitte nehmen Sie Platz! Wo haben Sie gedient?«
»Das Feld meiner Tätigkeit,« sprach Tschitschikow, indem er sich im Lehnstuhl niederließ -- aber nicht in der Mitte, sondern ein wenig seitwärts auf der Kante -- und mit der Hand die Stuhllehne festhielt, »das Feld meiner Tätigkeit begann im Kameralhof, Exzellenz, um seinen weiteren Verlauf an verschiedenen Stellen zu nehmen; ich habe im Hofgericht, in einer Baukommission und im Zollamt gedient. Mein Leben läßt sich mit einem Schiff inmitten stürmischer Wogen vergleichen, Exzellenz. Ich kann wohl sagen, ich bin mit Geduld aufgesäugt und großgepäppelt, ich selbst bin sozusagen die personifizierte Geduld. Wieviel ich allein von meinen Feinden zu erdulden hatte, das vermag weder ein Wort noch der Pinsel eines Künstlers zu schildern. Erst jetzt an meinem Lebensabend suche ich mir einen Winkel, wo ich den Rest meiner Tage verbringen kann. Einstweilen habe ich mich bei einem der nächsten Nachbarn Eurer Exzellenz niedergelassen ...«
»Bei wem, wenn ich fragen darf?«
»Bei Tentennikow, Exzellenz.«
Der General runzelte die Stirn.
»Er bereut es schwer, Exzellenz, daß er Eurer Exzellenz nicht die schuldige Achtung erwiesen hat.«
»Achtung! Wovor?«
»Vor den Verdiensten Eurer Exzellenz,« sagte Tschitschikow. »Er kann bloß das rechte Wort nicht finden ... Er sagt: >Wenn ich Seiner Exzellenz nur irgendwie ... denn ich weiß doch die Männer zu schätzen, die das Vaterland gerettet haben,< sagt er.«
»Ja, was will er denn? ... Ich bin ihm doch garnicht böse!« versetzte der General, der schon weit milder gestimmt war. »Ich habe ihn herzlich lieb gewonnen und bin überzeugt, daß er mit der Zeit noch ein sehr nützlicher Mensch werden kann.«
»Sehr richtig bemerkt, Exzellenz,« fiel Tschitschikow ein. »Ein sehr nützlicher Mensch; er ist so sprachgewandt und schreibt auch sehr schön.«
»Aber ich glaube er schreibt allerhand Dummheiten. Ich glaube er macht Verse oder so etwas.«
»Oh nein, Exzellenz, durchaus keine Dummheiten. Er schreibt an einem sehr ernsten und bedeutenden Werke. Er schreibt .... eine Geschichte, Exzellenz ....«
»Eine Geschichte? ... Was für eine Geschichte?«
»Eine Geschichte« ... hier hielt Tschitschikow ein wenig inne, war es nun, weil ein General vor ihm saß, oder wollte er der Sache bloß eine größere Bedeutung beilegen, genug er fügte hinzu: »eine Geschichte der Generäle, Exzellenz!«
»Wie? der Generäle? Welcher Generäle?«
»Der Generäle im allgemeinen, Exzellenz, überhaupt aller Generäle ... das heißt, ich wollte eigentlich sagen, der _vaterländischen_ Generäle.«
Tschitschikow fühlte, daß er sich gar zu weit verrannt hatte, und war daher sehr verlegen. Er hätte vor Ärger ausspucken mögen und sagte zu sich selbst: Herrgott, was rede ich da für einen Blödsinn.
»Entschuldigen Sie, ich verstehe noch nicht ganz ... wie ist denn das? Soll es die Geschichte einer bestimmten Epoche, oder sollen es einzelne Biographieen werden. Und dann: handelt es sich um sämtliche Generäle die existiert, oder nur um die, die am Feldzug des Jahres 1812 teilgenommen haben?«
»Seht richtig, Exzellenz, nur um die letzteren!« Und er dachte sich: »Schlagt mich tot, ich verstehe kein Wort!«
»Ja, warum kommt er denn dann nicht zu mir! Ich könnte ihm äußerst interessantes Material geben!«
»Er hat nicht den Mut, Exzellenz!«
»Was für ein Unsinn! Wegen irgend eines dummen Wortes, das unter uns gefallen ist ... Ich bin doch gar nicht so ein Mensch. Ich will meinetwegen selbst zu ihm hinfahren.«
»Das würde er nie zugeben, er wird selbst kommen,« sagte Tschitschikow, er hatte sich schon ganz wieder erholt und dachte sich dabei: »Hm! die Generäle kommen mir aber gerade zupaß; und dabei hat meine Zunge doch ganz frech darauflos geschwätzt!«
In dem Arbeitszimmer des Generals hörte man ein Geräusch. Die Nußholztür eines geschnitzten Schrankes öffnete sich von selbst. Auf der Rückseite der Tür erschien das lebende Bild eines Mädchens, welches die Türklinke in der Hand hielt. Wenn auf dem dunkelen Hintergrunde des Zimmers plötzlich ein hell von Lampen erleuchtetes Lichtbild erschienen wäre, es hätte durch sein plötzliches Erscheinen keinen so gewaltigen Eindruck hervorbringen können, wie diese liebliche Gestalt. Sie war offenbar hereingekommen, um etwas zu sagen, aber als sie einen unbekannten Menschen im Zimmer sah --. Mit ihr zugleich schien ein Sonnenstrahl in die Stube gedrungen zu sein, und das ganze finstere Gemach des Generals schien zu leuchten und zu lächeln. Tschitschikow konnte sich im ersten Moment keine Rechenschaft ablegen, was für ein Wesen eigentlich vor ihm stand. Es war schwer zu sagen, in welchem Lande sie geboren war, denn man hätte nicht so leicht ein so reines und vornehmes Profil finden können, es sei denn auf antiken Kameen. Schlank und leicht wie ein Pfeil schien ihre edle Gestalt alles zu überragen. Aber das war nur eine schöne Täuschung. Sie war keineswegs sehr groß. Dieser Schein rührte bloß von der wunderbaren Harmonie her, in der all ihre Glieder standen. Das Kleid, das sie anhatte, schmiegte sich ihrer Gestalt so wohltuend an, daß man hätte glauben können, die berühmtesten Schneiderinnen wären zusammengekommen, um zu beratschlagen, was ihr am besten stehen möchte. Aber auch das war nur eine Täuschung. Sie dachte nicht lange über ihre Toilette nach, alles ergab sich wie von selbst: an zwei, drei Stellen hatte die Nadel ein kaum zugeschnittenes Stück des einfarbigen Stoffes berührt und dieses hatte sich selbst in edlen Falten um ihren Leib gelegt; hätte man dieses Gewand samt ihrer Trägerin im Bilde festgehalten, so hätten alle modischen Damen und Fräuleins ausgesehen, wie bunte Kühe oder irgend eine Schöne vom Trödelmarkt. Und hätte man sie mit diesen Falten und in diesem sie umhüllenden Gewande in Marmor gehauen, so hätte man dieses Bildnis das Werk eines genialen Künstlers genannt. Nur einen Mangel hatte sie: sie war fast zu zart und schmächtig.
»Darf ich Ihnen mein Nesthäkchen vorstellen!« sagte der General, indem er sich an Tschitschikow wandte. »Übrigens verzeihen Sie, ich kenne Ihren Vor- und Vaternamen noch nicht ...«
»Muß man denn den Vor- und Vaternamen eines Mannes kennen, der sich noch durch keinerlei Vorzüge und Tugenden ausgezeichnet hat,« entgegnete Tschitschikow, während er seinen Kopf bescheiden auf die Seite neigte.
»Immerhin ... So etwas muß man doch wissen!«
»Pawel, Iwanowitsch, Exzellenz!« sagte Tschitschikow, indem er sich beinahe mit der Gewandtheit eines Militärs verbeugte und mit der Elastizität eines Gummiballs zurücksprang.
»Ulinka!« fuhr der General fort. »Pawel Iwanowitsch hat mir soeben eine äußerst interessante Neuigkeit mitgeteilt. Unser Nachbar Tentennikow ist gar kein so dummer Mensch, wie wir angenommen haben. Er arbeitet an einem großen Werk: an einer Geschichte der Generäle des Jahres 1812.«
»Ja, wer hat denn gesagt, daß er dumm ist,« sagte sie schnell. »Das konnte doch höchstens dieser Wischnepokromow glauben, dem du so vertraust, Papa, und der bloß ein hohler und gemeiner Mensch ist.«
»Warum denn gemein? Er ist etwas oberflächlich, das ist wahr!« sagte der General.
»Er ist auch etwas gemein und etwas schlecht und nicht nur oberflächlich. Wer seine Brüder so behandelt, und seine eigene Schwester aus dem Hause jagen konnte, das ist ein abscheulicher, häßlicher Mensch.«
»Aber das erzählt man doch bloß von ihm.«
»Solche Dinge erzählt man nicht umsonst. Ich kann dich nicht verstehen, Papa. Du hast ein selten gutes Herz und doch kannst du mit einem Menschen verkehren, der tief unter dir steht und von dem du weißt, daß er schlecht ist.«
»Sehen Sie,« sagte der General lächelnd zu Tschitschikow. »So liegen wir uns stets in den Haaren!« Dann wandte er sich wieder zu Ulinka und fuhr fort: »Liebes Herzchen! Ich kann ihn doch nicht davonjagen!« sagte der General.
»Warum denn davonjagen? Aber man braucht ihn doch nicht mit soviel Achtung zu behandeln und ihn gleich in sein Herz zu schließen!«(7)
Hier hielt es Tschitschikow für seine Pflicht, gleichfalls ein Wörtchen zu sagen.
»Jedes Wesen verlangt nach Liebe,« sprach Tschitschikow. »Was soll man machen? Auch das Tier liebt, daß man es streichelt, es steckt seine Schnauze aus dem Stall heraus, als ob es sagen wollte: komm, streichele mich.«
Der General fing an zu lachen. »Ganz recht: so ist es. Es steckt seine Schnauze hervor und bittet: da streichele mich! Ha, ha, ha! Nicht bloß die Schnauze, der ganze Mensch steckt tief im Dreck, und doch verlangt er, daß man ihm sozusagen Teilnahme erweise .... Ha, ha, ha!« Der General schüttelte sich vor Lachen. Seine Schultern, welche einstmals dicke Achselklappen getragen hatten, bebten, als ob sie auch heute noch mit dicken Achselklappen geschmückt wären.
Auch Tschitschikow lachte kurz auf, stimmte jedoch sein Gelächter aus Achtung vor dem General mehr auf den Buchstaben e ab: he, he, he, he, he, he! Auch er schüttelte sich vor Lachen, nur bewegten sich seine Schultern nicht, denn sie trugen keine dicke Achselklappen.
»So ein Kerl beschwindelt und bestiehlt erst den Staat und verlangt dann noch, daß man ihn dafür belohnen soll! Wer wird sich denn mühen und abquälen, ohne Ansporn und Aussicht auf eine Belohnung!« sagte er. »Ha, ha, ha, ha!«
Ein schmerzliches Gefühl verdüsterte das edle, liebliche Gesicht des Mädchens: »Papa! Ich verstehe nicht, wie du bloß lachen kannst! Mich stimmen solche Schlechtigkeiten und solche gemeine Handlungen bloß traurig. Wenn ich sehe, wie irgend ein Mensch ganz öffentlich und vor allen Leuten einen Betrug verübt, und ihn nicht die Strafe der allgemeinen Verachtung trifft, so weiß ich kaum noch, was in mir vorgeht, dann werde ich selbst böse und schlecht; ich denke und denke und ....« Sie war nahe daran, in Tränen auszubrechen.
»Bitte, sei uns nur nicht böse,« sagte der General. »Wir sind doch ganz unschuldig an der Sache. Nicht wahr?« fuhr er fort, indem er sich an Tschitschikow wandte. »So, nun gib mir einen Kuß und geh auf dein Zimmer, ich muß mich gleich umkleiden, denn es ist bald Zeit zum Mittagessen.«
»Du ißt doch bei mir?« sagte der General und warf Tschitschikow einen Blick zu.
»Wenn Eure Exzellenz bloß ...«
»Bitte ohne Umstände. Es wird wohl noch für dich reichen. Gott sei Dank! Wir haben heute Kohlsuppe.«
Tschitschikow streckte seine beiden Hände aus und ließ den Kopf ehrfurchtsvoll herabsinken, sodaß er alle Gegenstände im Zimmer einen Augenblick aus den Augen verlor und nur noch die Spitzen seiner Schuhe sehen konnte. Nachdem er eine Weile in dieser respektvollen Stellung verharrt war, und hierauf den Kopf wieder erhob, sah er Ulinka schon nicht mehr. Sie war verschwunden. An ihrer Stelle stand ein Riese von einem Kammerdiener mit einem buschigen Schnauzbart und wohlgepflegtem Backenbart, der, eine silberne Schüssel und ein Waschbecken in den Händen hielt.
»Du erlaubst wohl, daß ich mich in deiner Gegenwart umkleide!«
»Sie dürfen sich nicht bloß in meiner Gegenwart umkleiden, vielmehr steht es Ihnen frei, in meiner Gegenwart alles zu tun, was Ihnen beliebt, Exzellenz.«
Der General zog die eine Hand aus dem Schlafrock und streifte sich die Hemdärmel an den athletischen Armen in die Höhe. Hierauf begann er sich zu waschen, wobei er um sich spritzte und prustete wie eine Ente. Das Seifenwasser stob nur so durch das Zimmer.
»Ja, ja, sie wollen alle einen Ansporn und eine Belohnung haben,« sagte er indem er sich seinen dicken Hals rings herum sorgfältig abtrocknete ... »Streichele ihn, streichele ihn nur. Ohne Belohnung hört er nun einmal nicht auf zu stehlen!«
Tschitschikow befand sich in selten guter Laune. Eine Art Begeisterung war plötzlich über ihn gekommen. »Der General ist ein lustiger und gutmütiger alter Herr! Man könnte es am Ende versuchen!« dachte er und als er sah, daß der Kammerdiener mit dem Waschbecken hinausgegangen war, rief er aus: »Exzellenz! Sie sind so gütig und aufmerksam gegen jedermann! Ich habe eine große Bitte an Sie zu richten.«
»Was für eine Bitte?« -- Tschitschikow sah sich vorsichtig um.
»Ich habe einen Onkel, einen alten sehr gebrechlichen Herrn. Er hat dreihundert Seelen und zweitausend ... und ich bin sein einziger Erbe. Er kann sein Gut nicht mehr allein verwalten, weil er schon zu alt und zu schwach dazu ist, mir aber will er es auch nicht überlassen. Er gibt einen höchst seltsamen Grund dafür an: >Ich kenne meinen Neffen nicht,< sagt er, >vielleicht ist er ein Verschwender und Tunichtgut. Er soll mir erst beweisen, daß er ein zuverlässiger Mensch ist, und sich selbst erst einmal dreihundert Seelen erwerben, dann will ich ihm meine dreihundert dazugeben.<«
»Erlauben Sie mal! Ist der Mann denn ganz närrisch?« fragte der General.
»Das wäre noch nicht das Schlimmste, wenn er bloß ein Narr wäre. Das wäre sein eigener Schade. Aber versetzen Sie sich auch in meine Lage, Exzellenz ... Denken Sie, er hat eine Schließerin die bei ihm wohnt, und diese Schließerin hat Kinder. Da muß man sich doch in acht nehmen, daß er ihr nicht noch sein ganzes Vermögen vermacht.«
»Der alte Narr hat seinen Verstand verloren, das ist das Ganze,« sagte der General. »Ich sehe nur keine Möglichkeit, wie ich Ihnen hier helfen könnte!« fuhr er fort, indem er Tschitschikow erstaunt ansah.
»Ich habe eine Idee, Exzellenz. Wenn Sie mir alle toten Seelen, die Sie besitzen, überlassen wollten, Exzellenz, ich meine auf Grund eines Kaufvertrages, ganz so als ob sie noch am Leben wären, dann könnte ich dem Alten diesen Vertrag zeigen, und er müßte mir die Erbschaft aushändigen.«
Jetzt aber lachte der General so laut auf, wie wohl noch nie ein Mensch gelacht hat: So lang er war, sank er in den Lehnstuhl, warf den Kopf über die Rücklehne und wäre beinahe erstickt. Das ganze Haus kam in Bewegung. Der Kammerdiener erschien in der Türe, und die Tochter kam ganz erschrocken herbeigelaufen.
»Papa, was ist geschehen?« rief sie entsetzt und sah ihn bestürzt an. Aber der General vermochte lange Zeit hindurch keinen Laut von sich zu geben. »Sei ruhig, es ist nichts, liebes Kind. Ha, ha, ha. Geh nur auf dein Zimmer. Wir kommen gleich zum Mittagessen. Beunruhige dich nicht. Ha, ha, ha.«
Und nachdem der General ein paarmal nach Luft geschnappt hatte, fing er mit erneuter Kraft an zu lachen; laut hallte es durch das ganze Haus, vom Vorzimmer bis zur letzten Stube.
Tschitschikow wurde ein wenig unruhig.
»Der arme Onkel! Wie der zum Narren gehalten werden soll! Ha, ha, ha. Wie der dasitzen wird, wenn er statt der lebenden Bauern lauter tote kriegt. Ha, ha!«
»Es geht schon wieder los!« dachte Tschitschikow. »Ist der kitzlich! Er wird noch platzen!«
»Ha, ha, ha!« fuhr der General fort. »So ein Esel! Wie einem nur so etwas einfallen kann: Geh, erwirb dir mal erst selbst dreihundert Seelen, dann sollst du noch weitere dreihundert dazu haben! Er ist wahrhaftig ein Esel!«
»Ganz recht, Exzellenz, er ist wirklich ein Esel!«
»Na, aber dein Scherz ist auch nicht ohne! Den Alten mit toten Bauern abzuspeisen! Ha, ha, ha! Bei Gott, ich würde viel drum geben, könnte ich nur dabei sein, wenn du ihm den Kaufvertrag überreichst! Was ist er eigentlich für ein Mensch? Wie sieht er aus? Ist er sehr alt?«
»Gegen achtzig Jahre!«
»Und ist er noch rüstig? Kann er noch gut gehen? Er muß doch noch recht kräftig sein, wenn er mit der Schließerin zusammenlebt?«
»Keine Spur! Exzellenz. Er ist so hilflos wie ein Kind!«
»So ein Narr! Nicht wahr? Er ist doch ein Narr!«
»Sehr richtig, Exzellenz! Ein vollkommener Narr!«
»Und fährt er noch spazieren? Macht er Besuche? Ist er noch gut auf den Beinen?«
»Ja, aber es wird ihm doch schon recht schwer.«
»So ein Narr! Aber er ist doch noch ganz rüstig? Wie? Hat er noch Zähne?«
»Nur noch zwei, Eure Exzellenz!«
»So ein Esel! Sei mir nicht böse, Verehrtester. -- Er ist zwar dein Onkel, aber ist _doch_ ein Esel.«
»Freilich ist er ein Esel, Exzellenz. Trotzdem er mein Verwandter ist und es mir schwer wird, es einzugestehen, daß Sie recht haben, aber was soll ich machen?«
Der gute Tschitschikow schwindelte. Es wurde ihm durchaus nicht schwer, dies einzugestehen, um so weniger, als er schwerlich je solch einen Onkel besessen hatte.
»Eure Exzellenz wollen also die Freundlichkeit haben ...«
»Dir die toten Seelen abzukaufen? Für diesen großartigen Gedanken sollst du sie mitsamt dem Grund und Boden und ihrer jetzigen Wohnung haben. Du darfst dir meinetwegen den ganzen Friedhof mitnehmen. Ha, ha, ha, ha. Nein dieser Alte! Wird dem ein Streich gespielt! Ha, ha, ha, ha.«
Und das Gelächter des Generals hallte aufs neue durch alle Zimmer.[1]
[Fußnote 1: Hier fehlt ein größeres Stück, das den Übergang vom zweiten zum dritten Kapitel bilden sollte.
Anm. d. Herausg. ]
Drittes Kapitel.
Wenn der Oberst Koschkarjow wirklich verrückt ist, so wäre das garnicht übel, sagte Tschitschikow, als er sich wieder unter offenem Himmel auf freiem Felde befand. Alle menschlichen Behausungen lagen weit hinter ihm; und er sah jetzt nichts mehr als das freie Himmelsgewölbe und zwei kleine Wolken in der Ferne.
»Hast du dich auch ordentlich nach dem Wege zum Obersten Koschkarjow erkundigt, Seliphan?«
»Sie wissen doch, Pawel Iwanowitsch, ich hatte soviel mit dem Wagen zu tun, und da fand ich keine Zeit dazu. Aber Petruschka hat den Kutscher nach dem Wege gefragt.«
»So ein Esel! Ich habe dir doch gesagt, daß du dich nicht auf Petruschka verlassen sollst; Petruschka ist sicher wieder besoffen.«
»Das ist doch keine große Weisheit,« sagte Petruschka, indem er sich ein wenig auf seinem Sitze umdrehte und nach Tschitschikow hinschielte. »Wir müssen bloß den Berg hinabfahren, und dann geht's längs der Wiese weiter, das ist das Ganze!«
»Und du hast wohl nichts außer Fusel in den Mund genommen! Das ist das Ganze! Du bist mir der Rechte! Von dir kann man wohl auch sagen: der Kerl setzt Europa durch seine Schönheit in Erstaunen.« Nach diesen Worten strich sich Tschitschikow über sein Kinn und dachte: »Es ist doch ein großer Unterschied zwischen einem gebildeten Mann der besseren Stände und so einer groben Lakaienphysiognomie.«
Unterdessen rollte der Wagen schon den Berg hinab. Und wiederum sah man nichts als Wiesen und weite mit Espen-Waldungen bepflanzte Flächen.
Leicht federnd glitt das bequeme Gefährt vorsichtig die kaum merkliche Neigung des Berghanges hinab; dann ging es weiter an Wiesen, Feldern und Windmühlen vorbei; donnernd rollte der Wagen über die Brücken und tanzte mit Schwanken über das weiche, holprige Erdreich. Doch auch nicht _ein_ Hügel, noch eine einzige Unebenheit der Straße beunruhigten die weichen Partieen unseres Reisenden auch nur im geringsten. Das war die reinste Wonne und keine Equipage.