Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II
Part 4
In den ersten Tagen fürchtete Andrei Iwanowitsch ein wenig für seine Unabhängigkeit; er hatte einige Sorge, der Gast könne ihn belästigen, unliebsame Änderungen in seiner Lebensweise einführen, und die von ihm mit soviel Glück aufgestellte Tageseinteilung stören, allein seine Besorgnisse waren unbegründet. Unser Freund Pawel Iwanowitsch legte eine ganz außerordentliche Elastizität und Fähigkeit an den Tag, sich an alles anzupassen. Er sprach sich beifällig über die philosophische Langsamkeit seines Wirtes aus und erklärte, sie verheiße ein langes Leben. Über sein Einsiedlertum äußerte er sich sehr treffend, es nähre in dem Menschen die großen Gedanken. Er warf auch einen Blick auf die Bibliothek, sprach sehr lobend über die Bücher im allgemeinen und bemerkte, sie bewahrten den Menschen vor dem Müßiggang. Er ließ nur sehr wenige Worte fallen, aber alles, was er sagte war ernst und bedeutend. In allem, was er tat, aber erwies er sich fast noch liebenswürdiger und taktvoller. Er kam und ging immer zur rechten Zeit, plagte den Wirt nicht mit Fragen und Wünschen, wenn dieser einsilbig und nicht zur Unterhaltung geneigt war; spielte mit Vergnügen eine Partie Schach mit ihm, und schwieg gleichfalls mit Vergnügen. Während der eine den Tabakrauch in krausen Wolken in die Luft blies, suchte sich der andre, da er keine Pfeife rauchte, eine ähnliche Beschäftigung: so holte er zum Beispiel seine Tabaksdose aus schwarzem Silber aus der Tasche, nahm sie zwischen zwei Finger seiner linken Hand, und drehte sie mit einem Finger der rechten rasch um den der linken, ganz so, wie die Erdkugel sich um ihre eigene Achse dreht, oder er trommelte mit dem Finger auf dem Deckel herum und pfiff eine Melodie dazu. Mit einem Wort, er störte seinen Wirt nicht im mindesten. »Zum erstenmal im Leben sehe ich einen Menschen, mit dem sich's leben läßt!« sagte Tentennikow zu sich selbst, »diese Kunst ist bei uns im allgemeinen recht wenig verbreitet. Unter uns gibt es mancherlei Leute: kluge, gebildete und auch wirklich gute Menschen, aber Menschen von immer gleichmäßigem Charakter, Menschen, mit denen man ein Jahrhundert lang zusammen leben könnte, ohne sich zu zanken -- solche Menschen kenne ich nicht. Wieviel solche Leute gibt's denn bei uns überhaupt? Dies ist der erste Mensch dieser Art, den ich kennen lerne.« So urteilte Tentennikow über seinen Gast.
Tschitschikow war seinerseits gleichfalls sehr froh, daß er eine Zeitlang bei einem so ruhigen und friedlichen Herrn wohnen durfte. Das Zigeunerleben hatte er gründlich satt bekommen. Sich einmal einen Monat lang ordentlich ausruhen, den Anblick des herrlichen Gutes, den Duft der Felder und des beginnenden Frühlings so recht von Herzen genießen zu können, das war sogar mit Rücksicht auf die Hämorrhoiden von großem Nutzen und Vorteil.
Man hätte nicht leicht einen schöneren Winkel zu seiner Erholung finden können. Der Frühling, dessen Sieg durch starke Fröste aufgehalten worden war, entfaltete sich plötzlich in seiner ganzen Pracht, und überall sproßte junges Leben. Wälder und Wiesen schimmerten bläulich, aus dem frischen Smaragd des ersten Grünes leuchtete hell das Gelb der Kuhblume hervor, und die rötlich-violette Anemone neigte sanft ihr zartes Köpfchen. Schwärme von Mücken und Scharen von Insekten zeigten sich über den Sümpfen, verfolgt von der langbeinigen Wasserspinne, und von allen Seiten flüchteten die Vögel in das trockene, schützende Schilfrohr. Hier strömte alles zusammen, um einander zu sehen und sich näher kennen zu lernen. Plötzlich bevölkerte sich die Erde, die Wälder erwachten, in den Wiesen wurde es lebendig und laut. In den Dörfern schlang sich der Reigen. Wieviel Raum gab es hier, um sich im Freien zu ergehen. Wie hell leuchtete das Grün! Wie frisch war die Luft! Wieviel Vogelsang in den Gärten! Paradiesisches Jauchzen und Jubeln des Alls! Das Dorf tönte und sang, wie bei einem Hochzeitsfest!
Tschitschikow ging viel spazieren. Zu Wanderungen und Spaziergängen bot sich die reichste Gelegenheit. Bald erging er sich auf dem flachen Hochplateau, wo sich die Aussicht auf die unten liegenden Täler, mit den großen Seen auftat, welche die über die Ufer getretenen Flüsse zurückgelassen hatten, und aus denen ganze Inseln von dunklen noch unbelaubten Wäldern hervorragten; oder er schritt mitten durch das Dickicht dunkler Wälder, und finsterer Gründe, wo die Bäume mit Vogelnestern geschmückt, dicht beisammen standen und die Raben krächzend durcheinander flogen, und gleich einer Wolke den Himmel verfinsterten. Über trockeneres Erdreich konnte man bis zum Landungsplatz wandern, wo die ersten Barken, mit Erbsen, Gerste und Weizen beladen in die See stachen, und wo sich das Wasser mit ohrenbetäubendem Getöse auf das Mühlrad stürzte, das sich langsam in Bewegung zu setzen begann. Oder er ging hin, um sich die ersten Frühjahrsarbeiten anzusehen, und zu beobachten, wie sich ein Stück frisch gepflügtes Ackerland mitten durch das Grün der Felder zog und der Sämann mit der Hand auf das Sieb trommelnd, welches ihm auf der Brust hing, gleichmäßig den Samen ausstreute, ohne auch nur ein Körnchen auf der einen oder andern Seite zu verschütten.
Tschitschikow besuchte jedes Fleckchen. Er unterhielt sich und besprach alles mit dem Verwalter, mit den Bauern und dem Müller. Er erkundigte sich nach allem, nach dem Wo und Wie und fragte wie es mit dem Haushalt stehe, wieviel Getreide verkauft werde, was im Frühjahr und Herbst für Korn gemahlen wird, wie jeder Bauer heißt, wer mit diesem und jenem verwandt ist, wo er seine Kuh gekauft hat, womit er sein Schwein füttert, mit einem Wort er vergaß nichts. Er ließ sich auch sagen, wieviel Bauern gestorben wären, und erfuhr, daß es nur wenige seien. Als kluger Mann erkannte er sofort, daß es nicht allzu glänzend um Andrei Iwanowitsch' Haushalt stand. Überall entdeckte er Unterlassungssünden, Nachlässigkeit, Diebstahl, auch die Trunksucht war recht verbreitet, und er dachte sich: »Was der Tentennikow doch für ein Rindvieh ist! So ein Gut! und es so zu vernachlässigen! Man könnte sicherlich ein Einkommen von fünfzigtausend Rubeln daraus herauswirtschaften!«
Mehr als einmal kam ihm bei diesen Spaziergängen der Gedanke, selbst einmal -- d. h. natürlich nicht jetzt, sondern später, wenn die Hauptsache erledigt sein, und er Geld in Händen haben würde -- selbst einmal so ein friedlicher Besitzer eines ähnlichen Gutes zu werden. Und sofort tauchte natürlich das Bild eines jungen, frischen Weibchens mit weißem Gesicht, aus dem Kaufmannsstande oder sonst einem reichen Kreise vor ihm auf. Ja, er träumte sogar davon, daß sie musikalisch sei. Er stellte sich auch die junge Generation seiner Nachkommen vor, deren Bestimmung es war, die Familie Tschitschikow zu verewigen: einen munteren Jungen und eine schöne Tochter, oder sogar zwei Jungen und zwei, ja selbst drei Mädel, damit alle wissen sollten, daß er wirklich gelebt, existiert, und nicht etwa bloß wie ein Gespenst oder Schatten über die Erde gewandelt wäre -- und damit er sich vor dem Vaterlande nicht zu schämen brauchte. Dann kam ihm wohl der Gedanke, daß es nicht übel wäre, wenn er auch im Rang ein wenig aufrückte: Staatsrat zum Beispiel. Das war immerhin ein recht anständiger und achtbarer Titel! Was kommt einem nicht alles in den Sinn, wenn man spazieren geht: so mancherlei, was den Menschen aus dieser langweiligen, traurigen Gegenwart entführt, ihn neckt, reizt, seine Einbildungskraft bewegt und ihr selbst dann noch schmeichelt, wenn er überzeugt ist, daß es nie eintreffen wird.
Auch Tschitschikows Bedienten gefiel es recht gut auf dem Lande. Sie gewöhnten sich schnell an das neue Leben. Petruschka schloß bald Freundschaft mit dem Hausdiener Grigorij, obwohl beide zuerst sehr wichtig taten und sich furchtbar aufbliesen. Petruschka suchte Grigorij Sand in die Augen zu streuen und mit seiner Erfahrenheit und Weltkenntnis zu imponieren; Grigorij aber übertrumpfte ihn sofort mit Petersburg, wo Petruschka noch nicht gewesen war. Er machte zwar noch einen Versuch zu opponieren und wollte die ganze Entfernung der Gegenden geltend machen, die er besucht hatte, aber Grigorij nannte ihm einen solchen Ort, den man nicht einmal auf der Karte hätte finden können, und er sprach von mehr als dreißigtausend Werst, sodaß der Diener Pawel Iwanowitschs ganz verdutzt sitzen blieb, den Mund weit aufriß und von allen Knechten und Mägden ausgelacht wurde. Trotzdem nahm die Sache den allerschönsten Ausgang; beide Diener schlossen eine enge Freundschaft. Am Ende des Dorfes Lyssyer Pimen war eine Schenke, die einem gewissen Akulka gehörte, den man den Bauernvater nannte. Hier in diesem Lokal konnte man sie zu allen Tageszeiten sehen. Dort wurde die Freundschaft besiegelt, damit wurden sie zu »Stammgästen« der Kneipe wie man sich im Volke auszudrücken liebt.
Für Seliphan gab es andre Anziehungspunkte. Jeden Abend wurden im Dorfe Lieder gesungen; die Dorfjugend versammelte sich, um den beginnenden Frühling durch Gesänge und Tänze zu feiern; es schlang sich der Reigen und löste sich wieder. Die schlanken rosigen Mädchen, von einem Liebreiz, wie man ihn heute in den größeren Dörfern kaum noch findet, machten einen gewaltigen Eindruck auf ihn, sodaß er stundenlang dastehen und sie angaffen konnte. Es war schwer zu sagen, welche von ihnen die Schönste war; sie hatten alle schneeweiße Busen und Hälse, große runde und verschleierte Augen, den Gang eines Pfaus und einen Zopf der bis an den Gürtel reichte. Wenn er sie bei ihren weißen Händen faßte, und sich mit ihnen langsam im Reigen vorwärtsbewegte oder zusammen mit den andern Burschen gleich einer Mauer gegen sie vorrückte, wenn die Mädchen laut lachend auf sie zukamen und sangen: »Wo ist der Bräutigam, Bojaren?« und wenn dann die Gegend ringsum allmählich in Nacht versank und weit hinter dem Flusse das treue Echo der Melodie melancholisch zurücktönte, dann wußte er kaum, wie ihm geschah. Und noch lange nachher: am Morgen und in der Dämmerung, ob er schlief oder wachte -- immer wieder kam es ihm so vor, als halte er ein Paar weiße Hände in seinen Händen und bewege sich langsam mit ihnen im Reigen.
Auch Tschitschikows Pferde fühlten sich in ihrer neuen Wohnung sehr wohl. Das Deichselpferd, der Assessor, und selbst der Schecke fanden den Aufenthalt bei Tentennikow gar nicht langweilig, den Hafer vortrefflich und die Lage der Ställe außerordentlich bequem. Ein jedes hatte seinen Stand, der zwar von dem des andern durch einen Verschlag abgeteilt war, über den man jedoch leicht hinweggucken konnte. Daher konnte man auch die andern Pferde sehen, und wenn es einem unter ihnen, selbst dem das in der äußersten Ecke stand, einfiel loszuwiehern, war es den andern leicht möglich, dem Kameraden in der gleichen Weise zu antworten.
Mit einem Wort, alles fühlte sich bei Tentennikow bald wie zu Hause. Was jedoch die Angelegenheit anbetraf, wegen der Pawel Iwanowitsch das weite Rußland bereiste, nämlich die toten Seelen, so war er in dieser Beziehung äußerst vorsichtig und taktvoll geworden, selbst dann wenn er es mit kompletten Narren zu tun hatte. Tentennikow aber las doch immerhin Bücher, philosophierte, suchte sich über die Ursachen und Gründe aller Erscheinungen klar zu werden -- über ihr Warum und Weshalb .... »Nein, vielleicht ist es besser, ich fange vom andern Ende an!« So dachte Tschitschikow. Er plauderte oft mit den Knechten und Mägden, und so erfuhr er unter anderem einmal, daß der Herr früher häufig zu einem seiner Nachbarn -- einem General zu Gaste fuhr, daß der General eine Tochter habe, daß der Herr für das Fräulein -- und auch das Fräulein für den Herrn eine gewisse ... daß sie sich aber plötzlich entzweit und von da ab für immer gemieden hätten. Er selbst hatte auch schon bemerkt, daß Andrei Iwanowitsch beständig mit Bleistift und Feder allerhand Köpfe zeichnete, die einander alle sehr ähnlich sahen.
Eines Tages nach dem Mittagessen, als er wieder einmal nach seiner Gewohnheit die silberne Tabaksdose mit dem Zeigefinger um ihre Achse drehte, sagte er zu Tentennikow: »Sie haben alles was das Herz begehrt, Andrei Iwanowitsch; nur eins fehlt Ihnen noch.«
»Das wäre?« fragte jener, indem er eine krause Rauchwolke in die Luft blies.
»Eine Lebensgefährtin,« versetzte Tschitschikow. Andrei Iwanowitsch entgegnete nichts, und damit war das Gespräch für dies Mal zu Ende.
Tschitschikow ließ sich jedoch nicht einschüchtern, suchte sich einen andern Zeitpunkt aus -- diesmal war es _vor_ dem Abendbrot -- und sagte plötzlich mitten in der Unterhaltung: »Wirklich, Andrei Iwanowitsch, Sie sollten heiraten!«
Aber Tentennikow entgegnete auch nicht ein Wort, gerad als ob ihm dieses Thema unangenehm sei.
Allein Tschitschikow ließ sich nicht abschrecken. Das dritte Mal wählte er wieder eine andre Zeit und zwar _nach_ dem Abendbrod, und sprach folgendermaßen: »Nein wirklich, von welcher Seite ich mir Ihre Lebensverhältnisse auch ansehe, ich komme immer wieder zur Überzeugung, daß Sie heiraten müssen. Sie verfallen noch in Hypochondrie.«
Sei es daß Tschitschikows Worte diesmal besonders überzeugend waren, oder daß Andrei Iwanowitsch heute besonders zur Aufrichtigkeit und Offenherzigkeit geneigt war, er stieß einen Seufzer aus und sagte, indem er wieder eine Rauchwolke aufsteigen ließ: »Bei allen Dingen muß man Glück haben, man muß als Sonntagskind geboren werden, Pawel Iwanowitsch.« Und er erzählte ihm alles, genau so wie es sich ereignet hatte: die ganze Geschichte seiner Bekanntschaft mit dem General und ihre Entzweiung.
Als Tschitschikow die bekannte Affäre Wort für Wort kennen gelernt hatte, und hörte, daß wegen des einen kleinen Wörtchens »du« eine so große Geschichte entstanden war, blieb er ganz verdutzt sitzen. Mehrere Minuten lang sah er Tentennikow prüfend in die Augen, ohne entscheiden zu können, ob er ein kompletter Narr oder bloß ein bißchen dumm sei.
»Andrei Iwanowitsch! ich bitte Sie!« sprach er endlich, indem er jenen bei beiden Händen nahm: »Was ist denn das für eine Beleidigung? Was finden Sie denn in dem Wörtchen »du« Beleidigendes?«
»Das Wort selbst enthält natürlich keine Beleidigung,« entgegnete Tentennikow: »die Beleidigung lag in dem Sinn, in dem Ausdruck, mit dem dieses Wort gesprochen wurde. >Du!< -- das soll heißen: >wisse, daß du ein minderwertiges Subjekt bist; ich verkehre nur darum mit dir, weil ich keinen besseren habe als dich; jetzt dagegen, wo die Fürstin Jusjakin gekommen ist, bitte ich dich, dich daran zu erinnern, wo dein eigentlicher Platz ist und dich an die Türe zu stellen.< _Das_ hat es zu bedeuten!« Bei diesen Worten funkelten die Augen unseres sanften und milden Andrei Iwanowitsch; in seiner Stimme zitterte die Erregung eines aufs tiefste beleidigten Gefühls nach.
»Nun und wenn es sogar etwas Ähnliches zu bedeuten hätte? -- Was ist denn dabei?« sagte Tschitschikow.
»Wie? Sie verlangen von mir, daß ich ihn nach diesem Benehmen noch weiter besuche?«
»Ja, was ist denn das für ein Benehmen? Das kann man doch nicht einmal ein Benehmen nennen,« sagte Tschitschikow kaltblütig.
»Wieso kein >Benehmen<,« fragte Tentennikow erstaunt.
»Das ist überhaupt kein Benehmen, Andrei Iwanowitsch. Das ist bloß so eine Gewohnheit dieser Herren Generäle: sie duzen alle Leute. Und schließlich, warum sollte man das einem so verdienten und geachteten Mann nicht einmal gestatten?«
»Das ist ganz was andres,« versetzte Tentennikow, »wäre er nur ein alter Herr oder ein armer Kerl, und nicht so eitel, stolz und empfindlich, wäre er kein General, dann würde ich es ihm sehr gern erlauben, mich _du_ zu nennen, und es sogar mit Respekt aufnehmen.«
»Tatsächlich, er ist ein Narr!« dachte Tschitschikow. »Einem zerlumpten Kerl würde er es gestatten, einem General dagegen nicht!« Und nach dieser Erwägung fuhr er laut fort: »Gut, meinetwegen, zugegeben, daß er Sie beleidigt hat, aber Sie haben sich doch revanchiert: er hat Sie beleidigt, und Sie haben ihm die Beleidigung zurückgegeben. Aber wie kann man sich wegen einer solchen Bagatelle entzweien und eine Sache so im Stiche lassen, die einem persönlich am Herzen liegt? Nein, da muß ich schon um Entschuldigung bitten, das ist doch ... Wenn Sie sich einmal ein Ziel gesteckt haben, dann müssen Sie auch drauf los gehen, komme was da will. Wer achtet denn darauf, daß die Menschen einen anspeien. Alle Menschen bespeien einander. Heute finden Sie keinen Menschen auf der ganzen Welt, der nicht um sich schlägt und einen nicht anspuckt.«
Tentennikow war über diese Worte aufs höchste betroffen, er saß ganz verblüfft da und dachte nur: »Ein zu seltsamer Mensch, dieser Tschitschikow!«
»Ist das ein wunderlicher Kauz! dieser Tentennikow!« dachte Tschitschikow, und er fuhr laut fort: »Andrei Iwanowitsch, lassen Sie mich zu Ihnen sprechen, wie zu einem Bruder. Sie sind noch so unerfahren. Erlauben Sie mir, daß ich die Sache ins Reine bringe. Ich will zu Seiner Exzellenz hinfahren und ihm erklären, daß die Sache Ihrerseits auf einem Mißverständnis beruht, und auf Ihre Jugend und Ihre geringe Welt- und Menschenkenntnis zurückzuführen ist.«
»Ich habe nicht die Absicht, vor ihm zu kriechen!« sagte Tentennikow gekränkt »und kann auch Sie nicht dazu zu ermächtigen!«
»Zum Kriechen bin ich nicht fähig,« versetzte Tschitschikow gleichfalls gekränkt. »Ich bin nur ein Mensch. Ich kann mich irren und fehlen, aber kriechen -- niemals! Entschuldigen Sie Andrei Iwanowitsch; ich meine es zu gut mit Ihnen, als daß sie ein Recht hätten, meinen Worten einen so beleidigenden Sinn unterzulegen.«
»Verzeihen Sie, Pawel Iwanowitsch, ich bin schuld!« sagte Tentennikow gerührt und ergriff Tschitschikow dankbar bei beiden Händen. »Ich wollte Sie wirklich nicht beleidigen. Ihre gütige Teilnahme ist mir sehr wertvoll. Das schwöre ich Ihnen. Aber geben wir dies Gespräch auf, wir wollen nie wieder über diese Sache reden!«
»Dann fahre ich eben, ohne einen besonderen Anlaß, zum General«, sprach Tschitschikow.
»Wozu?« fragte Tentennikow, indem er Tschitschikow verwundert ansah.
»Ich will ihm meine Aufwartung machen!« versetzte Tschitschikow.
»Was für ein seltsamer Mensch ist doch dieser Tschitschikow!« dachte Tentennikow.
»Was für ein seltsamer Mensch ist doch dieser Tentennikow!« dachte Tschitschikow.
»Ich fahre morgen gegen zehn Uhr früh zu ihm, Andrei Iwanowitsch. Ich glaube je eher man einem solchen Herrn seinen Achtungsbesuch macht, um so besser. Leider ist bloß meine Kutsche noch nicht in der rechten Verfassung, ich möchte Sie daher nur um die Erlaubnis bitten, Ihren Wagen zu benutzen. Ich möchte schon morgen so gegen zehn Uhr zu ihm hinfahren!«
»Aber natürlich. Welch eine Bitte! Sie haben nur zu befehlen. Nehmen Sie jeden Wagen, welchen Sie wollen: es steht alles zu Ihrer Verfügung!«
Nach dieser Unterhaltung verabschiedeten sie sich und begaben sich ein jeder auf sein Zimmer, um schlafen zu gehen und nicht ohne beiderseits über die Eigenheiten des andern nachzudenken.
Und doch: war es nicht merkwürdig: als am andern Tage der Wagen vorfuhr und Tschitschikow mit der Gewandtheit eines Militärs, in einem neuen Frack, weißer Weste und weißer Halsbinde hineinsprang und davonfuhr, um dem General seine Aufwartung zu machen: -- da geriet Tentennikow in eine solche Aufregung, wie er sie noch nie zuvor erlebt hatte. All seine eingerosteten und schlummernden Gedanken kamen in Unruhe und Bewegung. Eine nervöse Raserei bemächtigte sich plötzlich mit aller Gewalt dieses schläfrigen und in Bequemlichkeit und Müßiggang versunkenen Träumers.
Bald setzte er sich auf das Sofa, bald trat er ans Fenster, bald nahm er ein Buch zur Hand, bald wieder versuchte er es, über etwas nachzudenken. Verlorene Liebesmüh! Er konnte keinen Gedanken fassen. Oder er versuchte es, an gar nichts zu denken. Vergebliches Bemühen! Armselige Bruchstücke eines Gedankens, allerhand Gedankenendchen und -fragmente drängten sich in sein Hirn und bestürmten seinen Schädel. »Ein merkwürdiger Zustand!« sagte er und setzte sich ans Fenster, um auf den Weg hinauszublicken, der den dunklen Eichenwald durchschnitt, und an dessen Ende eine Staubwolke sichtbar war, welche der davonrollende Wagen aufgewirbelt hatte. Doch verlassen wir Tentennikow und folgen wir Tschitschikow.
Zweites Kapitel.