Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II
Part 3
Früher sprach noch von Zeit zu Zeit ein Nachbar bei ihm vor; irgend ein Husarenleutnant a. D., ein leidenschaftlicher Raucher, der ganz mit Tabakqualm gesättigt war, oder ein radikaler Student, der seine Studien nicht vollendet hatte und seine Weisheit aus allerhand modernen Broschüren und Zeitungen schöpfte. Aber auch dies begann ihn zu langweilen. Die Unterhaltungen dieser Leute kamen ihm bald recht oberflächlich vor; ihr europäisch-sicheres und gewandtes Auftreten, die Ungeniertheit, mit der sie ihm aufs Knie klopften, ihre Schmeicheleien und Familiaritäten erschienen ihm gar zu unverhüllt und offen. Er beschloß daher, den Verkehr mit ihnen abzubrechen und entledigte sich ihrer in sehr schroffer Weise. Als nämlich ein Repräsentant jener Sorte von Obersten und Lebemännern, die heute bereits im Aussterben begriffen sind, ein überaus angenehmer Gesellschafter und Freund oberflächlicher Unterhaltungen und zugleich der Vordermann und Vertreter jener neuen bei uns eben erst aufkommenden Denkart, Warwar Nikolajewitsch Wischnepokromow ihn einmal besuchte, um sich so recht von Herzen über Politik, Philosophie, Literatur, Moral und sogar über die Finanzlage Englands mit ihm auszusprechen, da schickte er seinen Diener hinaus und ließ ihm sagen, er sei nicht zu Hause, wobei er zugleich die Unvorsichtigkeit hatte, sich am Fenster zu zeigen. Die Blicke des Hausherrn und des Gastes begegneten sich. Der eine murmelte natürlich »so ein Schweinehund!« durch die Zähne, worauf ihm der andere gleichfalls so etwas wie einen Schweinehund nachsandte. Damit endete ihre Bekanntschaft. Seitdem besuchte ihn niemand mehr.
Er war eigentlich recht froh darüber und gab sich ganz dem Nachdenken über sein großes Werk über Rußland hin. In welcher Weise dieses geschah -- hat der Leser bereits gesehen. In seinem Hause bürgerte sich von selbst eine merkwürdige -- liederliche Ordnung ein. Trotzdem kann man nicht sagen, daß es keine Augenblicke gab, wo er nicht sozusagen aus seinem Schlafe erwachte. Wenn die Post neue Zeitungen und Journale ins Haus brachte und er beim Lesen auf den Namen eines alten Kameraden stieß, der sich im Staatsdienste zu einer bedeutenden Stellung emporgeschwungen hatte, oder sein Teil zum Fortschritt der Wissenschaften und der Sache der ganzen Menschheit beigetragen hatte, dann schlich sich ein stiller leiser Schmerz in sein Herz und eine sanfte, stumme aber bittere Klage über sein tatenloses Leben entrang sich seiner Seele. Dann erschien ihm sein ganzes Dasein ekelhaft und häßlich. Mit ungewöhnlicher Klarheit erstand vor ihm die längst hinter ihm liegende Zeit seiner Schuljahre, und das Bild von Alexander Petrowitsch wurde plötzlich vor ihm lebendig, und Tränenbäche stürzten ihm aus den Augen .....
Was bedeuteten diese Tränen? Offenbarte sich etwa in ihnen die tief erschütterte Seele, das schmerzliche Geheimnis ihrer Leiden, des Schmerzes über den großen und edlen Menschen, der in seinem Innern schlummerte und der mitten im Wachstum stecken geblieben war, noch ehe er vermocht hatte sich zu entwickeln und zu erstarken? Noch nicht erprobt im Kampf mit der Mißgunst des Schicksals, hatte er noch jene hohe Reife nicht erreicht, die ihn lehrte, sein eigenes Wesen zu erhöhen und zu kräftigen in dem Ansturm gegen Hemmungen und Hindernisse; dahingeschmolzen wie glühendes Metall war ein reicher Schatz großer herrlicher Gefühle, ohne die letzte Stählung und Härtung erhalten zu haben; allzu früh für ihn war der herrliche Lehrer gestorben, und nun gab es auf der ganzen Welt keinen Menschen mehr, der fähig gewesen wäre, die durch fortwährende Erschütterungen geschwächten Kräfte und den jeglicher Widerstandskraft beraubten machtlosen Willen zu heben und zu wecken, -- der ihn mit lebendigem Worte ermuntert -- der Seele ein belebendes »Vorwärts« zugerufen hätte, ein Ruf, nach dem ein jeder Russe, überall in jeder Lebenslage, ob hoch oder niedrig, in jedem Rang, Beruf und Stande so lebhaft dürstet.
Wo ist der, der unserer russischen Seele in ihrer eigenen teuren Muttersprache dieses allgewaltige Wort »Vorwärts« zuzurufen vermöchte? Wer kennt so gut alle Kräfte und Fähigkeiten, die ganze Tiefe unseres Wesens, daß er uns mit einem Zauberwink zum höchsten Leben fortreißen könnte? Mit welchen Tränen, mit welcher Liebe würde es ihm der Russe danken! Aber Jahrhunderte auf Jahrhunderte verrinnen; in schmachvoller Trägheit und sinnloser Geschäftigkeit unreifer Jünglinge versinkt unser Geschlecht, und nicht will uns Gott den Mann senden, der es verstünde, dieses allgewaltige Wort zu sprechen!
Und doch hätte ein Ereignis Tentennikow beinahe aus seinem Schlaf geweckt und eine völlig Umwälzung in seinem Charakter hervorgebracht. Es war eine Art Liebesgeschichte, aber auch sie hatte keine weiteren Folgen. In Tentennikows Nachbarschaft, etwa zehn Werst von seinem Gute entfernt lebte ein General, der wie wir schon wissen nicht allzu freundlich von Tentennikow sprach. Dieser General lebte wie ein echter General d. h. wie ein großer Herr, machte ein offenes Haus und liebte es, daß seine Nachbarn ihn besuchten und ihm ihre Aufwartung machten; er selbst erwiderte natürlich die Besuche nicht, hatte eine rauhe heisere Stimme, las viele Bücher und besaß eine Tochter, ein ganz seltsames, ungewöhnliches Wesen. Sie hatte etwas so Lebensvolles, wie das Leben selbst.
Ihr Name war Ulenka, sie hatte eine merkwürdige Erziehung genossen. Eine englische Gouvernante hatte sie erzogen, die kein Wort russisch verstand. Ihre Mutter war schon sehr früh gestorben und der Vater hatte keine Zeit sich viel um sie zu kümmern. Übrigens konnte es bei seiner unsinnigen Liebe zu seiner Tochter gar nicht anders geschehen, als daß er sie schrecklich verwöhnte. Bei ihr atmete alles Selbständigkeit und Eigenart, wie bei einem Kinde, das in der Freiheit erzogen ward. Wenn jemand gesehen hätte wie ein plötzlicher Zorn strenge Falten in die herrliche Stirn grub, wie sie sich leidenschaftlich mit ihrem Vater stritt dann hätte er wohl glauben können, sie sei das launischste Geschöpf von der Welt. Aber sie wurde nur dann zornig, wenn sie von einer Ungerechtigkeit oder Grausamkeit hörte, die einem andern widerfahren war. Niemals zürnte oder stritt sie sich um ihrer selbst willen und nie suchte sie sich zu rechtfertigen. Wie schnell aber verschwand ihr Zorn, wenn sie den, dem sie zürnte, in Unglück und Elend sah! Sie hätte jedem, der sie um ein Almosen bat, sofort ihren Geldbeutel mit seinem ganzen Inhalt zugeworfen, ohne zu überlegen, ob das auch vernünftig sei(6) oder nicht. Es war etwas Heftiges, Ungestümes in ihr. Wenn sie sprach, dann schien alles dem Gedanken zu folgen, ja ihm voranzueilen: der Ausdruck ihres Gesichtes, ihre Sprache, die Bewegungen, ihre Hände; selbst die Falten ihres Kleides schienen vorauszuflattern, und man konnte fast glauben, sie müsse selbst mit ihren Worten davonfliegen. Sie hatte nichts Verschlossenes an sich, vor keinem Menschen hätte sie sich gefürchtet, ihre geheimsten Gedanken zu offenbaren, und keine Macht der Welt hätte sie zum Schweigen veranlassen können, wenn sie reden wollte. Ihr entzückender Gang, ein Gang, wie nur sie allein ihn hatte, war so frei und fest, daß jeder, der ihr begegnete, unwillkürlich zur Seite trat und ihr den Weg freigab. In ihrer Gegenwart überkam jeden bösen Menschen etwas wie Verlegenheit, und er verstummte. Die Kecksten und Frechsten fanden keine Worte und verloren ihre ganze Fassung und Sicherheit, während die Blöden sofort ganz unbefangen mit ihr zu plaudern begannen wie mit keinem andern Menschen auf der Welt und schon nach den ersten Worten schien es einem solchen, als hätte er sie schon irgendwo und irgendwann kennen gelernt und als hätte er diese selben Züge schon irgendwo gesehen: in seiner frühesten Kindheit, an die er sich kaum noch erinnerte, im eigenen Vaterhause, an einem glücklichen Abend, während fröhliche Kinderscharen spielten und lärmten, und traurig erschien ihm noch lange nachher der Ernst und die Reife des Mannesalters.
Tentennikow ging es mit ihr ganz ebenso wie allen andern Menschen. Ein unerklärlich neues Gefühl bemächtigte sich seiner. Ein heller Lichtstrahl erhellte einen Augenblick sein monotones und trauriges Leben.
Der General nahm Tentennikow zuerst recht freundlich und herzlich auf, eine rechte Harmonie aber wollte sich zwischen ihnen trotzdem nicht herstellen. Jede Unterhaltung endigte mit einem Streit, der stets ein unangenehmes Gefühl in beiden zurückließ; denn der General konnte keinen Widerspruch und keine Gegenrede vertragen. Andererseits war auch Tentennikow ein ziemlich empfindlicher junger Mann. Natürlich vergab er dem Vater manches um seiner Tochter willen, und der Friede zwischen beiden blieb so lange ungestört, bis eines schönen Tages zwei Verwandte des Generals: eine Gräfin Boldyrew und eine Fürstin Jusjakow bei ihm zu Besuch eintrafen: beide Hofdamen der alten Kaiserin, die aber doch noch einige gute Verbindungen mit einflußreichen Personen in Petersburg besaßen; der General bemühte sich lebhaft, ihre Zuneigung zu gewinnen. Tentennikow kam es so vor, daß der General seit dem Tage ihrer Ankunft etwas kälter gegen ihn wurde, ihn kaum noch beachtete und ihn wie eine stumme Person behandelte. Er redete ihn oft von oben herab an; nannte ihn »mein Bester« oder »Verehrtester« und sagte einmal sogar »du« zu ihm. Andrei Iwanowitsch fuhr auf. Er biß die Zähne zusammen, wußte sich aber unter ungeheurer Selbstüberwindung soviel Geistesgegenwart zu bewahren, um ihm mit sehr sanfter und höflicher Stimme zu erwidern, während alles in ihm kochte und rote Flecken auf seinem Gesichte hervortraten: »Ich bin Ihnen für Ihre Güte großen Dank schuldig Herr General. Mit diesem vertraulichen »du« bieten Sie mir ein enges Freundschaftsbündnis an, und verpflichten mich, Sie gleichfalls »du« zu nennen. Aber der Unterschied der Jahre macht einen so familiären Verkehr zwischen uns vollkommen unmöglich!« Der General wurde verlegen. Er suchte seine Gedanken zu sammeln und das rechte Wort zu finden; schließlich erklärte er, das »du« sei von ihm durchaus nicht in dem Sinne gemeint gewesen, in dem etwa alte Leute es sich erlauben, einen jungen Menschen »du« anzureden. Von seinem Generalsrang sagte er kein Wort.
Natürlich brachen beide nach diesem Vorfall jeglichen Verkehr miteinander ab, und seine Liebe wurde im Keime erstickt. Das Licht erlosch, das einen Moment vor ihm aufgeleuchtet war, und die nun herabsinkende Dämmerung war noch finsterer und dunkler, als vordem. Sein Leben kehrte wieder in die alten Bahnen zurück und nahm seine frühere Gestalt an, die der Leser schon kennen gelernt hat. Und wiederum lag er tagelang untätig da. Das Haus starrte vor Schmutz und Unordnung. Der Besen steckte tagelang mitten im Zimmer in einem Haufen Schutt. Die Unterhosen trieben sich sogar im Salon umher, auf dem eleganten Tisch vor dem Sofa lagen ein Paar schmutzige Hosenträger, gleichsam als Festgabe für den eintretenden Gast. Tentennikows ganzes Leben wurde so armselig und schläfrig, daß nicht nur seine Diener aufhörten, ihn zu achten, sondern selbst die Hühner ohne jeden Respekt nach ihm pickten. Er konnte stundenlang mit der Feder in der Hand dasitzen und allerhand Figuren auf ein vor ihm liegendes Blatt zeichnen: Brezel, Häuser, Hütten, einen Bauernwagen, ein Dreigespann usw. Mitunter aber vergaß er alles um sich her, und dann bewegte sich die Feder ganz von selbst über das Papier ohne daß der Hausherr etwas davon wußte und formte ein kleines Köpfchen mit feinen, scharfen Zügen, einem schnellen forschenden Blick und einem leicht emporgekämmten Haarbüschel -- und staunend sah der Zeichner, daß es das Abbild jenes Wesens war, dessen Porträt kein Künstler hätte malen können. Und dann wurde ihm noch wehmütiger und schmerzlicher ums Herz; er wollte nicht mehr glauben, daß es ein Glück auf dieser Erde gibt, und darnach wurde er nur noch trauriger und einsilbiger als vordem. So war die Stimmung Andrei Iwanowitsch Tentennikows. Da bemerkte er plötzlich, als er sich eines Tages nach seiner Gewohnheit ans Fenster setzte, um in den Hof hinabzusehen, und zu seinem Erstaunen weder Grigorij noch Perfiljewna erblickte, daselbst eine gewisse Unruhe und Bewegung.
Der junge Koch und die Aufwartefrau liefen hin um das Tor zu öffnen; es tat sich auf, und ließ drei Pferde sehen, ganz wie man sie auf Triumphbögen abgebildet findet: eine Schnauze rechts, eine links und eine in der Mitte. Hoch über ihnen thronte ein Kutscher und ein Bedienter in einem weiten Rock und mit einem Taschentuch um den Kopf. Hinter diesen saß ein Herr in Mantel und Mütze, tief eingehüllt in ein regenbogenfarbiges Plaid. Als die Equipage vor der Treppe hielt, zeigte es sich, daß es nur eine leichte Kutsche auf Federn war. Der Herr, der ein ungewöhnlich anständiges Äußeres hatte, sprang beinahe mit der Schnelligkeit und Gewandtheit eines Militärs aus dem Wagen und eilte die Treppe hinauf.
Andrei Iwanowitsch bekam Angst. Er hielt den Ankömmling für einen Regierungsbeamten. Hier muß ich nachholen, daß er in seiner Jugend in eine dumme Geschichte verwickelt gewesen war. Ein paar philosophierende Husarenoffiziere, die eine Menge moderner Broschüren gelesen hatten, ein Ästhet, der die Universität nicht beendigt hatte, und ein heruntergekommener Spieler wollten eine Wohltätigkeitsgesellschaft gründen unter der Oberleitung eines Freimaurers, eines alten Gauners, der gleichfalls dem Kartenspiel ergeben, aber ein sehr redegewandter Herr war. Die Gesellschaft hatte sich ein außerordentlich hohes Ziel gesteckt: nämlich die ganze Menschheit von den Ufern der Themse bis Kamtschatka, dauernd zu beglücken. Dazu bedurfte man jedoch einer ungewöhnlich großen Kasse, und die Geldspenden, die den großmütigen Mitgliedern abgenommen wurden, waren unerhört groß. Wo das Geld hinkam, das wußte freilich niemand außer dem ersten Vorsitzenden, der die Oberleitung in den Händen hatte. Tentennikow wurde durch zwei Freunde in diese Gesellschaft eingeführt; das waren zwei von jenen verbitterten Menschen, die von Natur gutmütig, sich durch die vielen Toaste auf die Wissenschaft, die Aufklärung und ihre künftigen Heldentaten im Dienste der Menschheit dem Trunk ergeben hatten und zu berufsmäßigen Säufern geworden waren. Tentennikow besann sich noch zur rechten Zeit, und trat aus dieser Gesellschaft aus. Aber die Gesellschaft hatte sich schon in gewisse andre Operationen eingelassen, mit denen sich ein Edelmann eigentlich nicht abgeben sollte, die aber bald darauf zu unangenehmen Folgen und sogar zu Konflikten mit der Polizei führten ... Es ist daher kein Wunder, daß Tentennikow auch nach seinem Austritt und nachdem er alle Beziehungen zu diesen Leuten abgebrochen hatte, seine Ruhe nicht ganz wiederfinden konnte: sein Gewissen war nicht vollkommen rein. Und daher sah er jetzt nicht ohne Schrecken auf die Türe, die sich gleich öffnen mußte.
Aber seine Angst verflog sofort, als der Gast mit einer schier unglaublichen Gewandtheit seine Verbeugung machte, wobei er zum Zeichen der Achtung seinen Kopf etwas zur Seite geneigt hielt. In kurzen aber bestimmten Worten erklärte dieser, daß er schon seit längerer Zeit teils in Geschäften, teils aus Wißbegierde Rußland bereise: unser Land sei sehr reich an merkwürdigen Dingen, ganz abgesehen von dem Überfluß an Erwerbsmöglichkeiten und den großen Unterschieden in der Bodenbeschaffenheit; er sei entzückt von der reizenden Lage des Gutes, hätte es aber trotz dieser entzückenden Lage doch niemals gewagt, den Gutsherrn durch seinen ungelegenen Besuch zu belästigen, wenn nicht seiner Kutsche infolge der Überschwemmungen dieses Frühjahrs und der schlechten Wege plötzlich ein Unfall zugestoßen wäre; die Reparatur werde nämlich die Meisterhand geübter Schmiedekünstler erfordern. Bei alledem aber hätte er es sich, auch wenn mit seiner Kutsche gar nichts passiert wäre, dennoch nicht versagen können, ihm persönlich seine Aufwartung zu machen.
Als der Gast seine Rede beendigt hatte, machte er mit geradezu bezaubernder Liebenswürdigkeit einen Kratzfuß und ließ dabei seine eleganten Lackstiefel mit den reizenden Perlmutterknöpfen sehen, um gleich darauf, trotz seiner Körperfülle, mit der Elastizität eines Gummiballes ein paar Schritte zurückzuspringen.
Andrei Iwanowitsch hatte sich schon längst beruhigt; er nahm an, das müsse irgend ein wißbegieriger Gelehrter oder Professor sein, der Rußland bereist, um Pflanzen oder vielleicht sogar seltene Fossilien zu sammeln. Er erklärte sogleich seine Bereitwilligkeit, ihm in allen Dingen behilflich zu sein; bot ihm seine Wagenbauer und Schmiede für die Reparatur der Kutsche an, bat ihn, sich's bei ihm so bequem zu machen, wie in seinem eigenen Hause, ließ den Gast in einem großen Lehnsessel _à la Voltaire_ Platz nehmen, und schickte sich an, seine Erzählung anzuhören, die sicherlich von allerhand gelehrten naturwissenschaftlichen Gegenständen handeln würde.
Allein der Gast brachte die Rede mehr auf einige Gegenstände des inneren Lebens. Er verglich sein Leben mit einem Schiff, das auf hoher See von heillosen Stürmen und Winden dahingetrieben werde; erwähnte wie oft er schon Amt und Beruf habe wechseln müssen, wieviel er für die Wahrheit gelitten habe und wie er infolge der Nachstellungen seiner Feinde schon oft in Lebensgefahr geschwebt habe, und noch vielerlei andres, woraus Tentennikow ersehen konnte, daß sein Gast eher ein Mann der Praxis sei. Zum Schluß führte er sein weißes Batisttaschentuch an die Nase und schneuzte sich so laut, wie Andrei Iwanowitsch es noch niemals gehört hatte. Mitunter begegnet man wohl in einem Orchester einer solchen vertrackten Trompete; wenn die einmal einen Ton von sich gibt, dann scheint es einem, als habe es nicht im Orchester, sondern im eigenen Ohre gekracht. Ein ähnlicher Laut erdröhnte jetzt durch die plötzlich erwachten Gemächer des in ewigen Schlaf versunkenen Hauses, und gleich darauf erfüllte die Luft ein intensiver Geruch nach Kölnischem Wasser, der sich durch ein leichtes Schütteln des Batisttaschentuches unsichtbar im Zimmer verbreitete.
Der Leser hat vielleicht schon erraten, daß der Gast kein andrer war, als unser verehrter, von uns so lange vernachlässigter Pawel Iwanowitsch Tschitschikow. Er war etwas älter geworden: diese Zeit war an ihm offenbar nicht ohne Stürme und Sorgen vorübergegangen. Selbst der Frack, in dem er stets zu erscheinen pflegte, schien etwas abgetragen zu sein; auch Kutscher und Equipage, der Diener, die Pferde und das Geschirr sahen ein wenig verbraucht und verschlissen aus. Auch seine Finanzlage schien nicht allzu glänzend zu sein. Aber der Ausdruck seines Gesichts, und der feine Anstand seines Auftretens waren noch ganz dieselben wie früher. Ja sein Benehmen und seine Formen waren eher noch etwas liebenswürdiger geworden, und er legte die Füße noch gewandter übereinander, wenn er im Lehnstuhle Platz nahm. Seine Aussprache war fast noch weicher, in seinen Worten und Redewendungen lag beinahe _noch_ mehr Vorsicht und Mäßigung, in seiner Haltung noch mehr Klugheit und Sicherheit, und fast noch mehr Takt in seinem ganzen Betragen. Sein Kragen und sein Vorhemd waren weißer und glänzender als Schnee, und obwohl er auf Reisen war, klebte auch nicht ein Federchen an seinem Frack: er hätte sofort eine Einladung zu einem Geburtstagsdiner annehmen können. Kinn und Backen waren so glatt rasiert, daß nur ein Blinder über die angenehme Fülle und Rundung nicht in Entzücken geraten konnte.
Im Hause ging sofort eine gewaltige Umwälzung vor sich, die eine Hälfte, die bislang stets in Dunkel und Finsternis gelegen hatte, weil die Laden geschlossen und zugenagelt waren, erstrahlte plötzlich in blendender Helligkeit. In den schön erleuchteten Zimmern wurden die Möbel umgestellt, und bald nahm alles folgendes Aussehen an: das Zimmer, welches zum Schlafgemach ausersehen war, wurde mit allen zur Nachttoilette nötigen Gegenständen ausgerüstet, die Stube die als Arbeitszimmer dienen sollte ... doch halt, zuerst müssen wir wissen, daß in diesem Zimmer drei Tische standen: ein Schreibtisch vor dem Sofa, ein Spieltisch vor dem Spiegel zwischen den Fenstern und ein dritter Ecktisch in einer Zimmerecke, zwischen der Schlafzimmertüre und der in den unbewohnten anstoßenden Salon führenden Türe, in dem zerbrochene Möbel standen. Dieser Saal diente bis jetzt als Vorzimmer und war etwa ein Jahr lang von niemandem betreten worden. Auf diesem Ecktische fand die Garderobe ihren Platz, die der Reisende in seinem Koffer mitgebracht hatte und zwar: ein Paar zu dem bekannten Frack gehörige Beinkleider, ein Paar _neue_ Beinkleider, ein Paar _graue_ Beinkleider, zwei Sammetwesten, zwei Atlaswesten und ein Gehrock. Dies alles wurde übereinander, in Form einer Pyramide aufgeschichtet, und ein seidenes Taschentuch über das Ganze gebreitet. In der andern Ecke zwischen Tür und Fenster wurden in langer Reihe die Stiefel aufgestellt: ein Paar _nicht mehr ganz_ neue, ein Paar _ganz_ neue, ein Paar Lackschuhe und ein Paar Morgenschuhe. Auch sie wurden ebenso schamhaft mit einem seidenen Taschentuch zugedeckt -- ganz als ob sie überhaupt nicht vorhanden wären. Auf dem Schreibtisch wurden sofort folgende Gegenstände in schönster Ordnung gruppiert: die Schatulle, eine Flasche mit Kölnischem Wasser, ein Kalender und zwei Romane, von beiden jedoch nur der zweite Band. Die reine Wäsche wurde in der Kommode untergebracht, die sich schon vorher im Schlafzimmer befand; die Wäsche hingegen, die zur Wäscherin geschafft werden sollte, wurde zu einem Bündel zusammengebunden und unter das Bett geschoben. Auch der Koffer wurde, nachdem er ausgeräumt war, unters Bett gestellt. Der Säbel, der unterwegs immer mitgenommen wurde, um den Räubern und Dieben Schrecken einzujagen, wurde auch im Schlafzimmer untergebracht und an einem Nagel in der Nähe des Bettes aufgehängt. Alles nahm das Aussehen höchster Sauberkeit und einer ganz ungewöhnlichen Ordnungsliebe an. Nirgends war ein Papierschnitzel, ein Federchen oder ein Stäubchen zu entdecken. Selbst die Luft schien gleichsam feiner und besser geworden zu sein: in ihr verbreitete sich der angenehme Geruch einer frischen gesunden Mannsperson, die ihre Wäsche nicht zu lange trägt, regelmäßig baden geht und sich Sonntags mit einem nassen Schwamm abwäscht. In dem Saal, der als Vorzimmer diente, schien sich eine Zeitlang der Geruch des Dieners Petruschka festsetzen zu wollen, aber Petruschka wurde bald ausquartiert und, wie es sich gehörte, in der Küche untergebracht.