Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II
Part 10
»Da, sehen Sie,« sagte er, indem er mit dem Finger auf das Dorf wies: »was er aus den Bauern gemacht hat! Dieses Elend! Nicht mal Pferd und Wagen haben sie mehr. Wenn eine Viehseuche im Lande ausbricht, -- dann darf man nicht mehr an sein eigenes Hab und Gut denken: da verkauft man eben alles und schafft neues Vieh für den Bauer an, damit er auch nicht _einen_ Tag ohne die notwendigen Arbeitswerkzeuge bleibt. Aber das da läßt sich nicht so schnell wieder gut machen. Dazu braucht man viele Jahre. Der Bauer ist ja auch schon ganz verändert, er bummelt und säuft. Wenn man ihn nur ein einziges Jahr lang ohne Arbeit sitzen läßt, dann hat man ihn für alle Zeiten verdorben: er gewöhnt sich daran, in Lumpen herumzulaufen und findet Geschmack am Vagabundenleben ... Und sehen Sie einmal das Land an. Nun was sagen Sie,« fuhr er fort, indem er auf die Wiesen deutete, die gleich hinter den Hütten sichtbar wurden. »Alles Land, das jedes Frühjahr überschwemmt ist. Ich würde da Flachs säen, der mir allein fünftausend Rubel einbringen würde, und dann würde ich Rüben pflanzen, die mir noch einmal viertausend eintragen müßten ... Sehen Sie sich bloß einmal den Roggen dort am Abhange an; da hat einer ein paar Körner verschüttet. Denn er hat ja doch kein Korn gesät -- das weiß ich. Und dort -- diese Schlucht! Da würde ich einen Wald anlegen. Die Stämme sollten mir bald bis an den Himmel reichen. Und so einen Schatz, so ein herrliches Stück Land läßt er brach liegen! Wenn man schon keinen Pflug hat, um es zu pflügen, dann nimmt man den Spaten, gräbt es um und pflanzt Gemüse darauf. Das gäbe einen prächtigen Gemüsegarten! Aber man muß den Spaten selbst in die Hand nehmen, muß Frau und Kinder und alle Dienstboten zu Hilfe nehmen, und arbeiten bis man hinfällt! Und wenn man schließlich selbst dabei zugrunde geht, dann hat man doch wenigstens seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit getan, und ist doch nicht krepiert wie ein Schwein, weil man sich bei Tisch zu voll gefressen hat!« Hier spuckte Kostanshoglo zornig aus und eine finstere Wolke umschattete seine Stirn.
Als sie sich dem Abhang näherten und in die mit wildem Beifuß bewachsene Schlucht hinabsahen, da leuchtete plötzlich eine Windung des Flusses hell auf, hinter ihm erhob sich ein dunkler Gebirgszug, und ein Teil vom Hause des Generals Betrischtschew, das in der Perspektive viel näher erschien, tauchte aus dem Gebüsch auf. Dahinter bemerkte man einen lockigen, mit Wald bewachsenen Berg, der in der Entfernung bläulich flimmerte. Dieser Berg brachte Tschitschikow auf den Gedanken, das könnte wohl das Gut Tentennikows sein, und er sagte, »wenn man hier einen Wald anpflanzen würde, -- dann gäbe es einen Anblick, der sich, was Schönheit anbelangt, ruhig mit ....«
»Ach! Sie sind ein Freund von schönen Ausblicken,« sagte Kostanshoglo plötzlich, und sah ihn sehr streng an. »Nehmen Sie sich in acht, wenn Sie zuviel auf die schöne Aussicht geben, können Sie eines Tages ohne Brot und auch ohne alle Aussichten dasitzen. Fragen Sie lieber nach dem Nutzen und nicht nach der äußeren Schönheit. Die Schönheit wird schon von selbst kommen. Das beste Beispiel sind die Städte: die allerschönsten Städte sind die, welche gleichsam von selbst aus dem Boden gewachsen sind, wo jeder sich ein Haus nach seinem eigenen Geschmack und Bedürfnis gebaut hat. Die Städte dagegen, die alle nach einer Schablone gebaut sind, -- sehen aus wie Kasernen. Vergessen Sie die Schönheit und denken Sie vor allem an den Nutzen und an Ihre Bedürfnisse.«
»Wie schade, daß man so lange warten muß! Man möchte alles recht schnell so sehen, wie man es zu haben wünscht ...«
»Sie sind doch kein fünfundzwanzigjähriger Jüngling ...! Man merkt gleich den Petersburger Beamten ...! Geduld! Arbeiten Sie mal erst sechs Jahre nacheinander. Pflanzen, säen, graben Sie, ohne einen Augenblick auszuruhen. Es ist schwer, gewiß, es ist sogar _sehr_ schwer. Aber wenn Sie den Boden erst einmal gründlich aufgerüttelt haben, sodaß er Ihnen selbst hilft, so ist das gleich eine ganz andre Sache, als Ihre .... Ja, ja, Verehrtester, dann werden Sie merken, daß außer Ihren _siebzig_ noch _siebenhundert_ andre, _unsichtbare_ Hände an der Arbeit waren! Alles verzehnfacht sich! Ich brauchte jetzt keinen Finger zu rühren -- und doch ginge alles wie von selbst. Ja die Natur liebt die Geduld: das ist ein Gesetz, das uns der Herr selbst gegeben hat, _Er_ der die Geduldigen selig pries.«
»Wenn man Sie reden hört, dann fühlt man neue Kraft durch seine Adern rinnen. Man bekommt Mut und Lust zum Schaffen!«
»Sehen Sie doch, wie das Stück Land dort gepflügt ist!« rief Kostanshoglo mitleidig und bitter aus, indem er auf den Abhang zeigte. »Ich kann es hier nicht länger aushalten; diese Unordnung und Verwahrlosung bringt mich um. Sie können den Kauf mit ihm auch ohne mich abschließen. Nehmen Sie diesem Narren diesen Schatz so schnell als möglich ab. Er schändet bloß Gottes herrliche Natur!« Kostanshoglo war sehr aufgeregt und sah finster und ärgerlich drein. Er nahm Abschied von Tschitschikow, holte Chlobujew ein und verabschiedete sich gleichfalls von ihm.
»Aber ich bitte Sie, Konstantin Fjodorowitsch!« sagte der Hausherr erstaunt, »Sie sind doch erst eben gekommen und wollen schon wieder fort!«
»Ich kann nicht länger bleiben. Ich muß unbedingt wieder nach Hause fahren,« versetzte Kostanshoglo. Er verabschiedete sich, stieg in den Wagen und fuhr davon.
Chlobujew schien den Grund seines plötzlichen Verschwindens begriffen zu haben.
»Konstantin Fjodorowitsch hat's nicht ausgehalten,« sagte er, »für einen so tüchtigen Landwirt wie er ist es freilich kein Vergnügen, diese schreckliche Wirtschaft mit anzusehn. Glauben Sie mir, Pawel Iwanowitsch, ich habe in diesem Jahr nicht einmal Korn gesät. Mein Ehrenwort! Ich hatte keinen Samen, ganz abgesehen davon, daß ich keinen Pflug und kein Pferd habe, um zu pflügen. Man sagt, Ihr Bruder sei ein so vorzüglicher Wirt, Platon Michailowitsch; von Konstantin Fjodorowitsch will ich gar nicht reden! -- Das ist ein Napoleon in seinem Fach. Ich habe mich schon oft gefragt: Warum mußten sich soviel Geist und Verstand in einem Kopfe vereinigen. Warum konnte nicht auch für meinen Schädel wenigstens ein Tröpfchen übrig bleiben. Nehmen Sie sich in acht, meine Herren; beim Übergang über diesen Steg ist die größte Vorsicht geboten, wenn Sie nicht in die Pfütze plumpsen wollen. Ich habe im Frühjahr die Bretter ausbessern lassen ... Am meisten tun mir meine armen Bauern leid ... sie brauchen ein gutes Beispiel, aber was kann _ich_ ihnen für ein Beispiel geben? Was soll ich machen? Nehmen Sie sie mir ab, Pawel Iwanowitsch. Wie soll ich sie an Ordnung gewöhnen, wenn ich selbst ein so unordentlicher Mensch bin? Ich hätte sie am liebsten ganz freigelassen, aber das hätte ja auch keinen Sinn. Ich weiß sehr gut, daß man erst _andre Menschen_ aus ihnen machen muß, Menschen, die zu leben verstehen. Dazu bedürfte es eines gerechten und strengen Mannes, der immer mit ihnen zusammenlebt und sie durch sein eigenes Beispiel und seine unermüdliche Tätigkeit ... Ein Russe -- das sehe ich an mir selbst -- kann nicht ohne einen Menschen auskommen, der ihn aufmuntert und anspornt, sonst schläft er ein und versauert.«
»Seltsam,« sagte Platonow, »woran liegt das bloß; daß der Russe immer gleich einschläft, und daß der gemeine Mann ein Taugenichts und ein Trunkenbold wird, wenn man ihn aus dem Auge läßt!«
»Das macht der Mangel an Bildung,« bemerkte Tschitschikow.
»Weiß Gott, woran das liegt. Wir haben doch auch eine gewisse Bildung, haben die Universität besucht, und wozu taugen wir? Was habe ich zum Beispiel gelernt? Verstehe ich es denn zu leben, eher habe ich es gelernt, mein Geld für allerhand Luxus und überflüssige Finessen auszugeben; und ich kenne bloß solche Dinge, die einen Geld kosten? -- Aber glauben Sie nur nicht, daß das daher kommt, weil ich einen schlechten Unterricht genossen habe. -- Durchaus nicht, der Unterricht war nicht schlechter als der meiner Kameraden. Zweien oder dreien von ihnen hat er ja auch genützt, aber vielleicht nur deshalb, weil sie auch ohnedies gescheit und begabt genug waren, die übrigen haben für nichts Interesse, als wie man seine Gesundheit ruiniert und andern Leuten ihr Geld abnimmt. Bei Gott. Wissen Sie, was ich glaube: mitunter kommt es mir fast so vor, als ob der Russe -- ein verlorener Mensch ist. Wir wollen alles und können nichts. Alles verschieben wir auf morgen, dann nehmen wir uns vor, ein neues Leben zu beginnen, und strenge Diät zu halten; ja prosit, noch am selben Abend schlägt man sich den Bauch so voll, daß einem die Augenlider zusinken und man die Zunge kaum bewegen kann -- dann sitzt man da wie eine Eule und glotzt die andern Leute an -- wahrhaftig. Und so sind wir alle!«
»Ja,« sagte Tschitschikow lächelnd, »so was kann vorkommen!«
»Wir sind garnicht zum Vernünftigsein geboren. Ich glaube nicht, daß es vernünftige Menschen unter uns gibt. Selbst wenn ich mit meinen eigenen Augen sehe, daß ein Mensch ein geordnetes Leben führt, Geld verdient und erspart, dann traue ich ihm trotzdem nicht. Lassen Sie ihn erst einmal alt werden, früher oder später fällt er doch dem Teufel in die Krallen und bringt seinen letzten Heller durch. Und so sind alle: die Gebildeten wie die Ungebildeten. Nein, es fehlt uns eben noch etwas, ich weiß freilich selbst nicht recht, was es ist.«
Auf dem Rückwege genoß man denselben Anblick. Eine grauenhafte Unordnung machte sich überall in unangenehmer Weise bemerkbar. Das einzige Neue war eine große Pfütze inmitten der Straße. Alles bot das Bild einer furchtbaren Verwilderung und Vernachlässigung dar: beim Gutsherrn wie beim Bauern. Ein böses Weib in einem fettigen groben Leinenrock hatte ein kleines Mädchen halbtot geprügelt und schimpfte nun, was das Zeug hält, auf eine dritte Person, indem sie alle Teufel zu Hilfe rief. Etwas weiter standen zwei Bauern und sahen mit stoischem Gleichmut zu, wie das betrunkene Weib sich ereiferte und schimpfte. Der eine kratzte sich die hintere Partie und der andere gähnte. Dieses Gähnen schien sich auch den Häusern und Gebäuden mitzuteilen, selbst die Dächer schienen zu gähnen. Dieser Anblick wirkte ansteckend auf Platonow, er konnte sich nicht enthalten gleichfalls zu gähnen. -- Ein Flicken saß auf dem andern. Bei einer Hütte ersetzte ein Haustor das Dach, die morschen, eingefallenen Fensterrahmen wurden von Stangen gestützt, welche aus der herrschaftlichen Scheune entwendet waren. Wie man sieht, hielt man sich im Haushalt an das System der Fabel von »Trischkas Kaphtan«, man trennte die Aufschläge und Rockschöße ab, um die Löcher im Ärmel zu stopfen.
»Das ist gerade kein beneidenswerter Zustand,« sagte Tschitschikow, als sie nach gründlicher Besichtigung vor dem Hause anlangten ... Man begab sich ins Zimmer, und die Gäste waren erstaunt über die seltsame Mischung von Armut und dem Flitterglanz eines modernen Luxus. Auf dem Tintenfaß saß eine Figur, die wohl Shakespeare darstellen sollte, auf dem Tische lag ein eleganter Elfenbeinstift, mit dem sich der Hausherr den eigenen Rücken kratzte. Die Hausfrau war modern und geschmackvoll gekleidet, sie sprach von der Stadt, und vom Theater, das dort gerade eröffnet worden war. Die Kinder waren lustig und munter. Die Knaben und die Mädchen trugen hübsche und geschmackvolle Kleider. Es wäre freilich besser gewesen, sie hätten bunte Leinenröcke und schlichte Hemdchen angezogen, und wären im Hofe herumgelaufen ganz wie die einfachen Bauernkinder. Bald erschien auch eine Dame, die der Hausfrau einen Besuch machte, eine schreckliche Schwätzerin, die furchtbar viel unnützes und törichtes Zeug plapperte. Die Damen zogen sich zurück, und die Kinder liefen gleich darauf auch fort. Die Herren blieben allein im Zimmer.
»Also, was ist Ihr Preis?« sagte Tschitschikow. »Ich muß gestehen, es wäre mir lieb den äußersten Preis zu erfahren, denn das Gut ist in einer viel schlechteren Verfassung, als ich annahm.«
»Oh, in der allerschlechtesten Verfassung, Pawel Iwanowitsch,« versetzte Chlobujew. »Aber das ist noch nicht alles. Ich will Ihnen nichts verheimlichen: von den hundert Seelen, die in der Revisionsliste stehen, sind nur noch fünfzig am Leben; die Cholera hat bei uns furchtbar aufgeräumt; der Rest ist ohne Paß davongelaufen. Sie können Sie auch zu den Toten zählen; wenn man sie von Gerichts wegen zurückholen wollte, dann würde das solche Unkosten verursachen, daß das ganze Gut den Gerichten verfiele. Ich fordere daher auch nur fünfunddreißigtausend.«
Tschitschikow fing natürlich an zu handeln.
»Ich bitte Sie? Fünfunddreißigtausend! Fünfunddreißigtausend für so ein Gut! Nein sagen wir doch lieber fünfundzwanzigtausend.«
Platonow wurde verlegen. »Kaufen Sie es nur, Pawel Iwanowitsch,« sagte er. »Für so ein Gut kann man schon eine solche Summe bezahlen. Wenn Sie keine fünfunddreißigtausend dafür geben wollen, dann kaufen wir es, mein Bruder und ich.«
»Also gut, ich bin einverstanden,« sagte Tschitschikow ganz erschrocken. »Nur eins; ich kann die Hälfte der Summe erst nach einem Jahr bezahlen.«
»Nein, Pawel Iwanowitsch! Darauf kann ich mich leider in keinem Fall einlassen; Sie müssen mir gleich jetzt die Hälfte geben, und die andre in spätestens zwei Wochen. Die Bank würde mir ja dies Geld auszahlen, wenn ich nur soviel hätte, um ...«
»Ja, wie denn nur? Ich weiß wirklich nicht,« sagte Tschitschikow, »ich habe ja überhaupt nur zehntausend Rubel flüssig.« Er log. Wenn man das von Kostanshoglo entliehene Geld hinzurechnete, verfügte er im ganzen über zwanzigtausend Rubel. Aber man entschließt sich bekanntlich nicht leicht, eine so große Summe auf den Tisch zu legen.
»Nein; ich bitte Sie, Pawel Iwanowitsch. Ich versichere Ihnen, ich brauche unbedingt fünfzehntausend.«
»Ich will Ihnen fünftausend Rubel leihen,« unterbrach ihn Platonow.
»Unter diesen Umständen könnte ich's vielleicht wagen!« sagte Tschitschikow und dachte sich: »Hm, das trifft sich aber gut, daß er mir was leihen will.« Er ließ sich seine Schatulle aus dem Wagen bringen und nahm sofort die für Chlobujew bestimmten zehntausend Rubel heraus; die übrigen fünftausend versprach er ihm morgen mitzubringen; wohl gemerkt, er _versprach_ es nur, in Wahrheit wollte er ihm nur dreitausend geben, den Rest dachte er ihm später nach zwei oder drei Tagen auszuhändigen; wenn es ging, wollte er ihn jedoch noch länger warten lassen. Pawel Iwanowitsch wurde es ganz _besonders_ schwer, sich von seinem Gelde zu trennen. Wenn es aber unbedingt notwendig war, so schien es ihm immer noch besser, das Geld wenigstens _einen_ Tag später, als verabredet, auszuzahlen. Das heißt, eigentlich machte er es genau so, wie wir alle. Es macht uns doch allen Spaß, unseren Schuldner etwas warten zu lassen: mag er sich doch seine Absätze ablaufen und eine Weile im Vorzimmer sitzen! Als ob er wirklich durchaus nicht mehr warten könnte! Was geht es uns an, daß ihm vielleicht jede Stunde teuer ist, und daß seine Geschäfte darunter leiden! »Kommen Sie nur morgen wieder, Verehrtester, heute habe ich leider keine Zeit!«
»Und wohin wollen Sie ziehen, wenn das Gut verkauft ist?« fragte Platonow Chlobujew. »Haben Sie denn noch ein andres Gütchen?«
»Nein, ich muß schon in die Stadt übersiedeln, dort habe ich ein eigenes Häuschen. Ich hätte das ja auch ohnedies machen müssen: wenn nicht für mich, so um meiner Kinder willen: sie müssen doch was lernen, ich muß ihnen einen Religionslehrer, einen Tanzlehrer und Musiklehrer halten. Wo wollen Sie die auf dem Lande hernehmen?«
»Er hat keinen Bissen Brot im Hause, und will seinen Kindern Tanzunterricht geben lassen!« dachte Tschitschikow.
»Merkwürdig!« dachte Platonow.
»Aber wir müssen doch unser Geschäft auch begießen!« sagte Chlobujew: »He Kirjuschka! Hol doch mal schnell eine Flasche Champagner!«
»Er hat kein Stück Brot im Hause, dafür aber Champagner!« dachte Tschitschikow.
Platonow wußte dagegen überhaupt nicht, was er denken sollte.
Zu seinem Champagner war Chlobujew fast gegen seinen Willen gekommen. Er hatte in die Stadt nach Kwas schicken lassen, aber im Kaufladen wollte man ihm keinen Kwas[5] leihen. Was sollte er tun? Man mußte am Ende doch seinen Durst stillen. Da erschien ein französischer Weinreisender aus Petersburg, der überließ seinen Wein allen Leuten auf Kredit. So blieb denn Chlobujew nichts übrig, und er mußte ihm auch ein paar Flaschen Champagner abnehmen.
[Fußnote 5: Eine Art Weißbier.]
Der Champagner stand bald auf dem Tische. Jeder trank drei Gläser, und die Stimmung wurde bald animiert, Chlobujew taute auf, wurde liebenswürdig und geistreich und ließ eine Menge Anekdoten und Witze vom Stapel. Aus seinen Reden sprach eine große Welt- und Menschenkenntnis! Wie scharf und richtig faßte er die Dinge auf, wie sicher und treffend konnte er die Gutsherren aus der Nachbarschaft mit ein paar Worten charakterisieren, wie klar erkannte er all ihre Fehler und Mängel, wie gut war ihm die Geschichte aller Gutsbesitzer, die sich ruiniert hatten, bekannt; wie komisch und originell wußte er ihre kleinen Eigenheiten und Gewohnheiten zu beschreiben: die Gäste waren ganz bezaubert von seiner Unterhaltung, und hätten ihn bereitwilligst für den Gescheitesten aller Menschen erklärt.
»Ich verstehe nicht, wie Sie bei soviel Geist und Verstand nicht Mittel und Wege finden, um sich zu helfen,« sagte Tschitschikow.
»An den Mitteln fehlt es mir nicht,« sagte Chlobujew und rückte sogleich mit einem ganzen Haufen von Projekten heraus. Aber sie waren alle so unsinnig, so seltsam, und ließen so sehr jegliche Welt- und Menschenkenntnis vermissen, daß man nur mit den Achseln zucken und sagen konnte: »Herrgott! welch eine unendliche Kluft liegt doch zwischen der Welt- und Menschenkenntnis und der Fähigkeit, sie auszunutzen!« All seine Pläne hatten zur Voraussetzung, daß er sich plötzlich hundert- oder sogar zweihunderttausend Rubel verschaffen könnte. Wenn ihm das gelänge, dann glaubte er, würde alles in den rechten Gang kommen, die Wirtschaft würde aufblühen, alle Löcher würden sich verstopfen lassen, die Einkünfte würden sich vervierfachen, und bald würde er auch in der Lage sein, all seine Schulden zu bezahlen. Und er schloß seine Rede mit folgenden Worten: »Aber was soll man machen? Es gibt halt keinen solchen edlen Mann, der sich entschließen würde, mir zweihundert- oder meinetwegen auch nur hunderttausend Rubel zu leihen. Es ist wohl nicht Gottes Wille.«
»Das fehlte noch, daß Gott solch einem Narren zweimalhunderttausend Rubel in den Schoß werfen sollte!« dachte Tschitschikow.
»Ich habe ja freilich noch eine Tante, eine dreifache Millionärin,« sagte Chlobujew, »eine sehr fromme alte Dame: für Kirchen und Klöster hat sie immer was übrig, aber wenn's gilt, seinem Nächsten zu helfen, dann ist sie sehr spröde. Wissen Sie, so eine Tante alten Schlages, es lohnt sich schon, sie einmal näher anzusehen. Sie hat allein gegen vierhundert Kanarienvögel, dazu Möpse, Gesellschafterinnen und Bediente, wie man sie heute garnicht mehr findet. Der jüngste ihrer Diener ist mindestens sechzig Jahre alt, trotzdem sie ihn immer: »He Bursche!« ruft. Wenn sich ein Gast nicht so benimmt, wie sie es wünscht, dann läßt sie bei Tisch die Schüssel an ihm vorbeigehen, und die Bedienten tun natürlich, was sie befiehlt. Na, was sagen Sie?«
Platonow lächelte.
»Und wie ist ihr Familienname?« fragte Tschitschikow.
»Sie wohnt in unserm Städtchen und heißt Alexandra Iwanowna Chanassarowa.«
»Warum wenden Sie sich denn nicht an sie?« fragte Platonow teilnehmend. »Ich meine, wenn sie sich in die Lage Ihrer Familie versetzte, könnte sie es Ihnen garnicht abschlagen.«
»O nein. Das bringt sie doch fertig. Meine Tante hat eine recht robuste Natur. Die Alte ist hart wie ein Kieselstein, Platon Michailowitsch! Außerdem sind aber noch genug andre Leute da, die sich bei ihr einzuschmeicheln suchen und beständig um sie herum sind. Da ist sogar einer, der es auf einen Gouverneursposten abgesehen hat und sich für einen Verwandten ausgibt .... Tu mir den Gefallen,« sagte er plötzlich zu Platonow, »nächste Woche gebe ich ein Diner, zu dem ich alle Honoratioren der Stadt einladen will.«
Platonow riß die Augen auf. Er wußte noch nicht, daß es in Rußland -- in den Residenzen und Provinzstädten -- solche Lebenskünstler gibt, deren Existenz ein unauflösliches Rätsel bildet. So ein Mann hat sein ganzes Vermögen durchgebracht, steckt bis über die Ohren in Schulden, weiß nicht, wo er einen Groschen hernehmen soll und gibt dennoch plötzlich ein großes Diner. Alle Teilnehmer an diesem Fest behaupten, es sei das letzte, morgen werde der Hausherr in den Schuldturm kommen. Aber siehe da: es vergehen zehn Jahre -- unser Hexenmeister behauptet nach wie vor seinen Platz in der Gesellschaft, steckt tiefer in Schulden denn je, und gibt noch immer Diners, von denen alle Gäste glauben, es seien die letzten, und noch immer ist alles überzeugt, daß der Hausherr morgen in den Schuldturm kommen werde.
Chlobujews Haus in der Stadt war ein höchst seltsames und eigenartiges Ding. Heute hielt dort ein Priester im Meßgewande eine Andacht ab, morgen übten französische Schauspieler ein Stück ein. Es gab Tage, wo es keine Brotkrume im Hause gab, was aber nicht ausschloß, daß bald darauf ein großes Fest stattfand, an dem viele Schauspieler und Künstler teilnahmen, die in höchst nobler Weise bewirtet und beschenkt wurden. Dann kamen wieder so trübe Zeiten, daß ein anderer sich an Chlobujews Stelle längst erhängt oder erschossen hätte; aber was ihn immer wieder rettete, war seine Religiosität, die sich merkwürdigerweise aufs beste mit seinem liederlichen Lebenswandel vertrug. In solchen Augenblicken las er die Lebensbeschreibungen von Märtyrern und Asketen, die ihren Geist dazu erzogen hatten, alles Unglück mit Gleichmut zu ertragen und sich darüber zu erheben. Dann wurde er ganz weich und gerührt, und seine Augen füllten sich mit Tränen. Er fing an zu beten -- und seltsam! -- immer kam ihm von irgend einer Seite eine unerwartete Hilfe; sei es nun, daß sich ein alter Freund an ihn erinnerte und ihm Geld schickte, oder daß irgend eine zufällig vorüberreisende unbekannte Dame, die von ihm gehört hatte, ihm in einer plötzlichen großmütigen Regung ihres weiblichen Herzens ein größeres Geschenk machte; oder er gewann einen Prozeß, von dem er selbst noch nie etwas gehört hatte. Dann pries er demütig die unerschöpfliche Barmherzigkeit der Vorsehung, ließ Dankgebete abhalten, und begann von neuem sein liederliches Leben.
»Er tut mir leid, er tut mir wirklich sehr leid,« sagte Platonow zu Tschitschikow, nachdem sie sich von ihm verabschiedet und ihren Wagen wieder bestiegen hatten.(9)
»Ein verlorener Mensch!« versetzte Tschitschikow. »Solche Leute sollte man nicht bedauern.«