Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II
Part 11
Bald hatten sie ihn vergessen. Platonow dachte nicht mehr an ihn, weil ihn die Menschen bei seiner Trägheit und Apathie ebensowenig interessierten wie die ganze übrige Welt. Sein Herz krampfte sich mitleidig zusammen, wenn er andre Leute leiden sah, aber diese Empfindungen hinterließen keine dauernden Eindrücke in seiner Seele. Schon nach wenigen Augenblicken war Chlobujew vergessen. Platonow dachte nicht mehr an ihn, weil er kaum an sich selbst dachte. Auch Tschitschikow hatte Chlobujew vergessen, weil seine Gedanken allen Ernstes auf sein soeben erworbenes Gut gerichtet waren. Jedenfalls wurde er jetzt, wo er plötzlich kein bloß eingebildeter, sondern leibhaftiger Besitzer eines keineswegs phantastischen Landgutes geworden war, nachdenklich, seine Gedanken und Pläne wurden ruhiger und gesetzter und verliehen seinem Gesicht unwillkürlich einen bedeutenden Ausdruck: »Geduld und Arbeit! Das ist keine Hexerei, die habe ich sozusagen mit der Muttermilch eingesogen. Das ist für mich nichts neues. Aber werde ich in meinem Alter auch noch soviel Geduld aufbringen wie in meinen jungen Jahren?« Genug, wie dem auch sein mochte, wie er die Sache auch ansah, von welcher Seite er sie betrachtete, er überzeugte sich, daß er mit dem Kauf ein gutes Geschäft gemacht hatte. Er konnte ja auch eine Hypothek auf das Gut aufnehmen, nachdem er zuvor das beste Land in kleine Parzellen geteilt und verkauft hatte. Aber er konnte die Sache schließlich auch selbst in die Hand nehmen, und ein tüchtiger Landwirt nach der Art Kostanshoglos werden; er durfte sicherlich auf dessen Rat und Beistand rechnen, jetzt wo er sein Nachbar geworden, und wo er ihm zu so großem Danke verpflichtet war. Ja, man konnte es auch folgendermaßen machen: man konnte das Land weiter verkaufen (selbstverständlich nur dann, wenn man sich selbst nicht mit der Bewirtschaftung des Gutes befassen wollte) und nur die toten und flüchtigen Bauern behalten. Das hätte noch einen andern Vorteil: man konnte überhaupt ganz vom Schauplatz verschwinden und Kostanshoglo das von ihm entliehene Geld gar nicht zurückgeben. Ein sonderbarer Gedanke! Man kann nicht sagen, daß _Tschitschikow_ auf diesen Gedanken gekommen war, er stand vielmehr plötzlich wie von selbst vor ihm, neckte, verspottete ihn und blinzelte ihn listig an. Ein leichtsinniger, liederlicher Gedanke! Wer wohl der Schöpfer solcher Gedanken ist, die so plötzlich über uns kommen? ... Tschitschikow empfand eine große Freude, daß er Gutsbesitzer geworden war -- kein bloß eingebildeter oder phantastischer, nein ein wirklicher wahrhafter Gutsbesitzer, der ein _Grundstück_, ein Stück Land und Leibeigene -- keine bloß vorgestellten, nur in der Phantasie existierenden, sondern wirkliche lebendige Arbeiter besaß. Und allmählich fing er an, auf seinem Platz herumzuhopsen, sich die Hände zu reiben und sich selbst zuzublinzeln, er ballte die Hand, legte sie an den Mund wie eine Trompete und begann einen lustigen Marsch zu blasen, ja er rief sich sogar ganz laut ein paar aufmunternde Worte zu, und gab sich Kosenamen wie: mein Schnäuzchen, oder mein kleiner Kapaun! Aber er besann sich gleich darauf, daß er ja nicht allein sei, wurde plötzlich wieder still und suchte den Eindruck zu verwischen, den der Ausbruch einer ungezügelten Freude auf seinen Nachbar gemacht haben mochte; und als Platonow, der die ihm zu Ohren gekommenen Töne für Worte hielt, welche an ihn gerichtet waren, Tschitschikow ansah und fragte: »Wie meinen Sie?« da antwortete jener verlegen: »Nichts, garnichts.«
Jetzt erst sah er sich um und bemerkte, daß sie schon längst durch eine herrliche Allee fuhren, eine reizende Mauer aus Birkenstämmen zog sich zu beiden Seiten den Weg entlang. Die hellen Stämme der Espen und Birken glänzten wie ein schneeweißer Staketenzaun; schlank und leicht hoben sie sich von dem zarten Grün der kaum entfalteten Blätter ab. Die Nachtigallen im Gebüsch schlugen laut um die Wette. Gelbe Waldtulpen schimmerten hell auf dem Grase. Tschitschikow konnte sich nicht recht darüber klar werden, wie er plötzlich an diesen herrlichen Fleck gelangt war, denn noch kurze Zeit vorher hatten sie sich auf offenem Felde befunden. Zwischen den Bäumen hindurch sah man eine weiße steinerne Kirche, und auf der andern Seite hinter der Allee -- ein Gitter. Am Ende des Weges tauchte jetzt ein Herr auf, der ihnen entgegenzugehen schien: er trug eine Mütze und einen Knotenstock in der Hand. Ein englischer Schäferhund auf langen dünnen Beinchen lief vor ihm her.
»Da ist ja mein Bruder!« sagte Platonow, »Kutscher, halten Sie doch!« Mit diesen Worten sprang er aus dem Wagen. Tschitschikow folgte seinem Beispiel. Die Hunde schlossen sofort Freundschaft und beschnupperten sich gegenseitig. Der mit den dünnen Beinen hieß Asor, schnell näherte er sich seinem Kameraden Jarb und fuhr ihm mit seiner flinken Zunge über die Schnauze, dann leckte er Platonow die Hände und sprang schließlich an Tschitschikow empor und küßte ihn aufs Ohr.
Die Brüder umarmten sich.
»Aber lieber Platon, was machst du mir für Geschichten?« sagte der Bruder, und blieb stehen. Sein Name war Wassilij.
»Was meinst du?« versetzte Platonow phlegmatisch.
»Aber ich bitte dich! Drei Tage lang läßt du überhaupt nichts von dir hören. Petuchs Stallknecht hat deinen Hengst mitgebracht. >Er ist mit einem Herrn weggefahren<, sagt er. Hättest du mir doch nur ein Wort gesagt, wohin, wozu und auf wie lange du verreist bist, lieber Bruder, wer tut denn nur so was? Gott allein weiß, was ich mir all diese Tage für Gedanken gemacht habe!«
»Was soll ich machen? Ich habe es vergessen,« versetzte Platonow. »Wir haben Konstantin Fjodorowitsch einen Besuch gemacht; er läßt dich grüßen; deine Schwester ebenfalls. Pawel Iwanowitsch, darf ich Ihnen meinen Bruder Wassilij vorstellen. Lieber Wassilij, dies ist Pawel Iwanowitsch Tschitschikow.«
Beide Herrn, die hiermit aufgefordert wurden, sich näher kennen zu lernen, drückten sich die Hand, nahmen ihre Mützen ab und küßten sich.
»Wer mag wohl dieser Tschitschikow sein?« dachte Wassilij. »Mein Bruder Platon ist nicht gerade wählerisch in seinen Bekanntschaften.« Er betrachtete Tschitschikow aufmerksam, soweit dies der Anstand zuließ, und überzeugte sich, daß dieser, nach seinem Äußern zu urteilen, ein sehr respektabler Herr war.
Tschitschikow betrachtete Wassilij seinerseits gleichfalls so aufmerksam, als dies der Anstand gerade zuließ und sah, daß der Bruder etwas kleiner war als Platon; sein Haar war etwas dunkeler und sein Gesicht lange nicht so hübsch, wie das des Bruders, aber in seinen Zügen lag viel mehr Leben, Bewegung und Herzensgüte. Man sah es ihm gleich an, daß er nicht so schläfrig war wie Platon. Aber hierauf achtete Pawel Iwanowitsch nur wenig.
»Weißt du, Wassja, ich habe mich entschlossen, mit Pawel Iwanowitsch eine kleine Reise durch das heilige Rußland zu machen. Vielleicht werde ich so meine Melancholie los.«
»Ja, wie kommst du nur plötzlich auf so etwas?« sagte der Bruder Wassilij ganz erstaunt; er hätte beinahe noch hinzugefügt: »Und zu alledem willst du noch mit einem Menschen reisen, den du zum ersten Mal siehst, der vielleicht ein übler Kerl oder weiß Gott was nicht alles ist.« Voller Mißtrauen schaute er nach Tschitschikow hin, aber er war erstaunt über sein respektables Äußeres.
Sie traten rechts durchs Tor in einen altertümlichen Hof: auch das Haus sah recht altertümlich aus; heute werden keine solchen Häuser mehr gebaut: es hatte ein hohes Dach, und überall waren Schutzdächer angebracht. Zwei gewaltige Linden standen in der Mitte des Hofes und warfen einen mächtigen Schatten, der fast die Hälfte der ganzen Fläche einnahm. Rings um sie herum standen mehrere Bänke. Blühende Fliederbüsche und Faulbäume faßten den Hof wie ein Perlenhalsband ein; eine Mauer friedigte ihn ein, welche ganz unter Blättern und Blüten verschwand. Das Herrenhaus war von allen Seiten geschlossen, nur eine kleine Tür und ein paar Fenster guckten freundlich unter den Ästen hervor. Hinter den schnurgeraden Baumstämmen sah man die Küche, die Vorratskammern und die Keller. Sie alle befanden sich im Garten. Die Nachtigallen schlugen laut und erfüllten ihn mit ihrem Gesang. Unwillkürlich zog ein beseeligendes Gefühl des Friedens in das Herz ein. Alles gemahnte an jene sorglosen Zeiten, wo die Menschen noch friedlich und gütlich nebeneinander lebten, und wo noch alles schlicht und einfach herging. Bruder Wassilij lud Tschitschikow ein, Platz zu nehmen, und man ließ sich auf den Bänken unter den Linden nieder.
Ein siebzehnjähriger Bursche in einem hübschen rosafarbenen Hemde brachte ein Tablett herein und stellte es vor ihnen auf den Tisch. Es war mit Karaffen voll Fruchtlimonaden der verschiedensten Arten und Farben besetzt. Hier waren alle Sorten vertreten: die einen waren dick und zähe wie Öl, andere moussierten wie Brauselimonaden. Nachdem der Bursche die Karaffen auf den Tisch gestellt hatte, ergriff er die Schaufel, die an einem Baume lehnte, und ging in den Garten. Die Gebrüder Platonow hatten wie ihr Schwager Kostanshoglo keine Dienstboten, sondern eigentlich nur Gärtner. Alle Knechte mußten der Reihe nach dieses Amt übernehmen. Bruder Wassilij behauptete immer, die Dienstboten bildeten keinen besonderen Stand: einem etwas reichen oder bringen, das könne ein jeder und dazu brauche man sich keine besonderen Bedienten zu halten; der Russe sei nur solange brav und fleißig, tüchtig und kein Faulpelz, als er Hemd und Bauernkittel trage, sowie er sich einen deutschen Rock anschaffe, werde er plötzlich plump und ungeschickt, er fange an zu faulenzen, wechsele sein Hemd nicht mehr, und gehe überhaupt nicht mehr ins Bad; er liege nur noch in seinem deutschen Rocke herum und schlafe, bis sich in seinem neuen Kleide zahllose Scharen von Wanzen und Flöhen einnisten. Vielleicht hatte er in diesem Punkte nicht ganz unrecht. Auf dem Gute der Brüder waren die Bauern ganz besonders vornehm und reich: der Kopfputz der Frauen schimmerte von Gold, und die Ärmel ihrer Hemden waren schön gestickt wie ein türkischer Schal. »Unser Haus ist berühmt wegen seiner Limonaden,« sagte Wassilij.
Tschitschikow nahm das erste Fläschchen und schenkte sich ein Glas ein: es schmeckte ganz wie Lindenmeth, den er einst in Polen getrunken hatte: es moussierte wie Champagner, und die Kohlensäure stieg ihm in angenehmem Bogen aus dem Mund in die Nase. »Der reinste Nektar!« sagte er. Er schenkte sich noch ein Gläschen aus einer zweiten Karaffe ein -- und siehe da, es schmeckte noch besser.
»Das Getränk aller Getränke!« sagte Tschitschikow. »Ich kann wohl sagen, bei Ihrem verehrten Schwager Konstantin Fjodorowitsch, habe ich den besten Likör, bei Ihnen dagegen die herrlichste Limonade getrunken, die ich jemals gekostet habe.«
»Der _Likör_ kommt ja auch von uns: den hat meine Schwester gemacht. Und nach welcher Richtung gedenken Sie jetzt zu reisen? Welche Orte wollen Sie besuchen?« fragte Bruder Wassilij.
»Ich reise,« versetzte Tschitschikow, indem er sich ein wenig auf der Bank hin und her schaukelte, sich vornüber beugte und mit der Hand über das Knie strich: »ich reise eigentlich nicht so sehr in eigenem Interesse, wie in dem eines andern. General Betrischtschew, ein guter Freund von mir, und ich kann wohl sagen mein Wohltäter, hat mich gebeten, einige von seinen Verwandten zu besuchen. Die Sache mit den Verwandten ist natürlich sehr wichtig, andererseits aber reise ich doch auch wieder gewissermaßen in eigenen Angelegenheiten: denn ganz abgesehen von der guten Wirkung, die das Reisen auf die Hämorrhoiden hat, man erweitert seine Weltkenntnis, stürzt sich in den Strudel und Wirbel des Menschenvolkes -- und das ist an und für sich schon sozusagen ein lebendiges Buch und auch eine Art Wissenschaft.«
Bruder Wassilij wurde nachdenklich. »Der gute Mann spricht etwas geschraubt, es liegt aber doch was Wahres in seinen Worten,« dachte er. Er schwieg eine Weile still und sagte, indem er sich an seinen Bruder Platon wandte: »Weißt du, Platon, ich fange an zu glauben, eine Reise könnte dich wirklich etwas aufrütteln. Du leidest an einer Art geistigen Schlafkrankheit, du bist einfach eingeschlummert, -- und nicht etwa weil du übersättigt oder übermüdet bist, sondern weil es dir an lebendigen Empfindungen und Eindrücken fehlt. Mir geht es gerade umgekehrt. Ich wünschte, ich könnte nicht so stark und lebhaft empfinden und mir die Dinge nicht so sehr zu Herzen nehmen.«
»Wozu nimmst du dir auch alles zu Herzen,« sagte Platon. »Du suchst selbst nach Gründen oder erfindest dir welche, um dir Sorgen zu machen und dich unnütz aufzuregen.«
»Man braucht sie doch garnicht zu erfinden, wenn man auf Schritt und Tritt Unannehmlichkeiten hat,« versetzte Wassilij. »Hast du gehört, was uns Lenitzyn in deiner Abwesenheit für einen Streich gespielt hat? -- Er hat das Stück Haideland, auf dem wir Johannisnacht feiern, einfach annektiert. Erstlich gebe ich dies Stück für kein Geld her ... Hier feiern meine Bauern jedes Jahr Johannisnacht, mit diesem Flecke sind soviel Erinnerungen für das ganze Gut verbunden; mir ist eine alte Sitte -- etwas Heiliges, und ich bin bereit jedes Opfer für sie zu bringen.«
»Er wird das wohl nicht gewußt haben, als er es sich nahm,« sagte Platonow, »er ist noch ganz neu hier im Lande, er kommt doch erst eben aus Petersburg; man muß ihm die Sache klar machen.«
»Oh er weiß alles ganz genau. Ich habe zu ihm geschickt, und es ihm sagen lassen. Er hat mir nur Grobheiten an den Kopf geworfen.«
»Du hättest eben selbst hinfahren und ihm alles erklären sollen. Besprich doch die Sache mit ihm selbst.«
»Nein, danke schön. Er spielt mir zu sehr den großen Herrn. Zu dem fahre ich nicht hin. Fahr du doch hin, wenn du durchaus willst.«
»Ich würde schon fahren, aber du weißt ja, ich mische mich nicht in diese ... Er könnte mich ja _auch_ übers Ohr hauen und betrügen.«
»Wenn Sie wünschen, so will ich zu ihm hinfahren,« sagte Tschitschikow, »erklären Sie mir nur, worum es sich handelt.«
Wassilij sah ihn an und dachte: »Dem scheint das Reisen großen Spaß zu machen.«
»Können Sie mir nicht ungefähr andeuten, was er für ein Mensch und was das für eine Angelegenheit ist?« fuhr Tschitschikow fort.
»Es ist mir sehr peinlich, Sie mit einem so unangenehmen Auftrag zu betrauen. Meiner Ansicht nach ist er ein schlechter Kerl: er gehört dem ärmeren Adel unserer Provinz an, und hat sich in Petersburg hinaufgedient, nachdem er die illegitime Tochter irgend eines großen Herrn geheiratet hat, und spielt jetzt den vornehmen Mann. Er will hier den Ton angeben. Aber die Leute hierzulande sind auch nicht dumm, sie kümmern sich den Teufel um die Mode, und Petersburg ist für sie garnicht maßgebend.«
»Natürlich,« sprach Tschitschikow, »und worum handelt es sich?«
»Sehen Sie, er hat ja das Land wirklich nötig, wenn er nicht so rücksichtslos gewesen wäre, hätte ich ihm gern an einer andern Stelle umsonst ein Stück abgetreten ... So aber könnte der hochnäsige Mensch noch glauben ...«
»Ich bin der Ansicht, es ist besser man sucht sich friedlich zu verständigen: vielleicht ist die ganze Affäre ... Mit hat schon mancher seine Sache anvertraut, und noch keiner hat es bereut ... General Betrischtschew hat mir ja auch ...«
»Aber es ist mir so peinlich, daß Sie meinetwegen mit einem solchen Menschen reden sollen ...«[6]
* * * * *
»...(10) Besonders wenn man berücksichtigt, daß dies ein Geheimnis war,« sagte Tschitschikow, »denn das eigentlich Schädliche hierbei ist nicht so sehr das Verbrechen wie das Ärgernis, das damit gegeben wird.«
»Ja wohl, Sie haben ganz recht,« fiel Lenitzyn ein, indem er den Kopf ganz auf die Seite neigte.
»Wie angenehm es doch ist, sich mit einem andern einig zu wissen,« sprach Tschitschikow. »Ich habe da auch eine Sache, die man in gewissem Sinne gesetzlich und ungesetzlich zugleich nennen kann; oberflächlich betrachtet scheint sie ungesetzlich zu sein, _tatsächlich_ steht sie jedoch keineswegs im Widerspruch mit den Gesetzen. Ich brauche eine Hypothek, aber ich kann es doch niemandem zumuten, das Risiko auf sich zu nehmen und zwei Rubel für die lebendige Seele zu bezahlen. Wenn ich Pech habe -- und Bankrott mache -- was Gott verhüte, -- dann hat der Besitzer das Nachsehen: da habe ich mich denn entschlossen, mir den Umstand zunutze zu machen, daß es tote und flüchtige Bauern gibt, die noch nicht aus der Revisionsliste gestrichen sind; womit ich zugleich ein christliches Werk tue und ihrem armen Besitzer die Steuern abnehme, die er für sie bezahlen muß. Wir wollen der Formalität wegen nur einen Kaufvertrag abschließen, wie wenn es sich um lebende handelte.«
[Fußnote 6: Hiermit schließt die 96. Seite des Manuskripts, weiter fehlen zwei Seiten. In der ersten Auflage des zweiten Bandes hat S. Schewyrew folgende Anmerkung zu dieser Stelle gemacht: »Hier ist eine Lücke im Manuskript, welche wohl die Erzählung enthielt, wie Tschitschikow sich aufmachte, um den Gutsbesitzer Lenitzyn zu besuchen.«
Anm. des Herausgebers. ]
»Hm! Das ist aber eine höchst merkwürdige Geschichte!« dachte Lenitzyn und rückte mit dem Stuhle ein wenig zurück. »Diese Sache ist allerdings derartig ....« begann er.
»Ein Ärgernis kann es ja hierbei nicht geben, weil die Sache doch geheim bleibt,« versetzte Tschitschikow; »zudem sind wir doch beide wohlgesinnte und zuverlässige Menschen.«
»Hm, aber trotzdem, die Sache ist so eigentümlich ..«
»Ein Ärgernis kann es nicht geben,« entgegnete Tschitschikow offen und ehrlich. »Es ist doch genau so eine Sache wie die, von der wir soeben gesprochen haben: wir beide sind gutgesinnte, verständige, reife Leute, die eine Stellung in der Gesellschaft einnehmen -- und dann bleibt doch alles geheim.« Und während er dies sagte, sah er ihm offen und ehrlich ins Auge.
Obgleich Lenitzyn sehr gewandt, sicher und ein gewiegter Geschäftsmann war, geriet er diesmal ganz aus der Fassung, um so mehr als er sich durch einen merkwürdigen Zufall gleichsam in seinem eigenen Netze gefangen hatte. Er war gar keiner schlechten Handlung fähig und wollte nichts Unrechtes tun, auch nicht im geheimen. »Ist das aber eine sonderbare Geschichte!« dachte er: »Darnach schließe noch einer Freundschaft mit einem anständigen Menschen. Eine schöne Geschichte!«
Aber das Schicksal und die Verhältnisse schienen Tschitschikow ganz besonders günstig zu sein. Wie um beiden aus dieser kritischen Situation zu helfen, trat plötzlich die junge Hausfrau, Lenitzyns Gattin, ins Zimmer; sie war bleich, klein und mager, nach Petersburger Mode gekleidet und hatte eine große Schwäche für Menschen, die in jeder Hinsicht korrekt und _comme il faut_ waren. Gleich darauf brachte die Amme Lenitzyns sein Söhnchen auf dem Arme herein, das erste Kind, die Frucht einer zärtlichen Liebe der jungen Gatten. Tschitschikow sprang schnell auf, ging gewandt und sicher auf die Hausfrau zu, neigte den Kopf leicht auf die Seite und bezauberte die Petersburger Dame und nach ihr auch das Kindchen durch seine Liebenswürdigkeit. Der Knabe fing zwar zuerst an zu heulen, aber Tschitschikow gelang es schnell, ihn zu beruhigen: er rief ihm: La, la, la, la mein Herzchen, zu, schnippte mit den Fingern, zeigte ihm ein reizendes Karneolsiegel, das er an der Uhrkette trug, und brachte das Kind bald so weit, daß es sich ruhig auf den Arm nehmen ließ. Dann packte er es, hob es fast bis zur Decke hinauf und entlockte dem Knaben zur höchsten Freude beider Eltern ein liebliches Lächeln. Aber war es nun das ungewohnte Vergnügen oder hatte es einen andern Grund, plötzlich passierte dem Kleinen etwas höchst Peinliches.
»Ach Gott, ach Gott!« schrie Lenitzyns Gattin auf; »er hat Ihnen den ganzen Frack verdorben!«
Tschitschikow warf einen Blick auf sein Kostüm; in der Tat: der eine Ärmel des neuen Fracks war hin: »Daß dich doch der Teufel holte, kleiner Satan!« dachte er ärgerlich.
Der Herr des Hauses, die Hausfrau und die Amme: alles lief hinaus, um Kölnisches Wasser zu holen: dann kamen sie von allen Seiten angelaufen und versuchten ihn abzuwischen.
»Es macht nichts, es macht nichts, das ist ja eine Kleinigkeit!« sagte Tschitschikow und suchte seinem Gesicht einen möglichst freundlichen Ausdruck zu verleihen: »Ein Kind in diesem goldenen Alter kann einem doch nichts verderben,« wiederholte er, trotzdem aber dachte er sich: »So ein Schelm, daß dich doch die Wölfe fräßen, hat der mich aber schön zugerichtet, der verdammte kleine Schelm!«
Indessen dieser scheinbar so unbedeutende Vorfall hatte den Hausherrn ganz zu Tschitschikows Gunsten umgestimmt. Wie konnte er einem Gast etwas abschlagen, der seinen Kleinen in so harmloser Weise unterhalten und geliebkost, und seine Güte so großmütig mit dem eigenen Frack bezahlt hatte? Um den Menschen kein schlechtes Beispiel zu geben, beschloß man die Sache im geheimen zu erledigen, denn nicht sowohl die Sache selbst, als das Ärgernis, zu dem sie Anlaß gab, konnte ja Schaden stiften.
»Doch nun erlauben Sie mir, Ihnen zum Dank für Ihre Güte auch einen kleinen Dienst zu leisten. Ich möchte die Vermittlerrolle in Ihrem Streit mit den Gebrüdern Platonow übernehmen. Sie brauchen doch Land? Nicht wahr?«
Fünftes Kapitel.[7]
Jedermann sucht sein Schäfchen ins Trockene zu bringen. »Was mich zwickt, das zwick' ich wieder,« sagt ein russisches Sprichwort. Tschitschikow begab sich nun auf eine kleine Entdeckungsreise durch seine Koffer und Kisten; sie war von Erfolg gekrönt, und so wanderte denn während dieser Expedition mancherlei aus den Koffern in die Privatschatulle hinüber. Mit einem Wort, es wurde alles aufs beste erledigt. Tschitschikow hatte ja nicht gestohlen, sondern nur die Gelegenheit benutzt. Wir suchen doch auch aus allem Möglichen Nutzen zu ziehen: der eine aus Staatswäldern, der andere aus Staatsgeldern, ein dritter bestiehlt seine eigenen Kinder wegen irgend einer durchreisenden Schauspielerin, ein vierter -- seine Bauern, um sich Möbel vom Hombs oder eine Equipage anzuschaffen. Was ist zu machen, wo es heute soviel Verführungen in der Welt gibt: teuere Restaurants mit geradezu wahnsinnigen Preisen, Redouten, Gartenfeste, Zigeuner, Bälle usw. Es ist doch so schwer, darauf zu verzichten, wenn alle Leute ringsherum dasselbe tun, -- und dann ist es doch auch Mode, da soll sich einer von alledem fernhalten! Tschitschikow hätte eigentlich schon unterwegs sein sollen, aber die Wege waren nicht in Ordnung. Unterdessen sollte in der Stadt noch eine andere Messe eröffnet werden: nämlich die für die vornehmen Leute.(11) Auf der andern Messe wurde mehr mit Pferden, Vieh, Rohprodukten und allerhand Waren gehandelt, welche die Bauern auf den Markt brachten und die von Viehhändlern und Kaufleuten aufgekauft wurden. Nun aber wurde alles, was auf der Messe zu Nischnij Nowgorod von den Händlern an Handelsartikeln für den Bedarf der vornehmeren Leute aufgekauft worden war, hierhergebracht. Da fand sich alles zusammen: alle Räuber und Plünderer der russischen Geldbeutel, Franzosen mit Pomade, und Französinnen mit Hüten, die Räuber des mit Schweiß, Mühe und Blut erworbenen Geldes -- diese ägyptische Heuschreckenplage, wie Kostanshoglo sich auszudrücken liebte, dieses Ungeziefer, das nicht nur alles auffrißt, sondern auch noch seine Eier zurückläßt und sie in die Erde verscharrt.
[Fußnote 7: In dem Manuskript trägt dieser Abschnitt keine Kapitelüberschrift; er stammt also aus einem ganz frühen Entwurf, in dem die Kapiteleinteilung noch nicht durchgeführt war.
Der Herausgeber. ]