Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II
Part 12
Nur die Mißernte hielt viele Gutsbesitzer zu Hause zurück. Dafür machten die Beamten, die ja unter keinen Mißernten leiden, ihren Beutel um so weiter auf, und ihre Frauen taten leider desgleichen. Sie hatten ihre Köpfe noch voll von allerhand Büchern, die in der letzten Zeit in der Welt verbreitet worden waren, um den Menschen neue Bedürfnisse einzupflanzen, und nun _dürsteten_ sie förmlich nach neuen Genüssen. Ein Franzose eröffnete ein neues Lokal, einen öffentlichen Garten, wie man ihn in der Provinz noch nie gesehen hatte, wo man angeblich zu besonders billigen Preisen soupieren konnte; zudem erhielt man die Hälfte auf Kredit. Dies genügte, daß nicht nur alle Abteilungschefs, sondern selbst alle kleineren Beamten, die schon im voraus mit den Geldgeschenken ihrer Klienten rechneten, dorthin strömten. Auch wünschte man seine Pferde und seinen Kutscher öffentlich sehen zu lassen. Hier floß alles zusammen, hier trafen sich Leute jeden Standes, um sich zu vergnügen und zu zerstreuen ... Trotz des scheußlichen Wetters und dem Kot auf den Straßen flogen überall elegante Equipagen hin und her. Woher sie kamen, das weiß Gott allein, aber sicherlich hätten sie sich auch in Petersburg ruhig sehen lassen können. Die Kaufleute und Kommis lüfteten leicht ihre Mützen und sprachen die vorübergehenden Damen höflich an. Nur hie und da sah man Männer mit langen Bärten und ballonartigen Pelzmützen. Alles hatte einen europäischen Anstrich; überall begegnete man Herren mit schönrasierten Gesichtern und ... hohlen Zähnen.
»Bitte hierher, hierher! Aber bitte treten Sie doch nur einen Augenblick in meinen Laden. Mein Herr, mein Herr!« hörte man hie und da kleine Jungen schreien.
Aber die vornehmen Herren und Damen, die so vertraut mit dem europäischen Wesen waren, hatten nur einen Blick der Verachtung für sie; nur ganz selten setzte einer eine würdige Miene auf und machte ... Pst; dort wieder hörte man jemand rufen: Hier gibt's Stoffe, helle, dunkle, bunte usw.
»Haben Sie einen glänzenden preißelbeerfarbenen Stoff für einen Herrenanzug?« fragte Tschitschikow.
»Die schönsten Stoffe,« versetzte der Kaufmann, während er mit der einen Hand die Mütze abnahm und mit der andern auf den Laden deutete. Tschitschikow trat ein. Der Kaufmann hob geschickt das Brett des Ladentisches in die Höhe und stand gleich darauf auf der andern Seite, mit dem Rücken zu den Stoffen, die in Rollen übereinander aufgeschichtet waren und die ganze Wand vom Fußboden bis zur Decke einnahmen. Das Gesicht dem Käufer zugewandt, stützte er sich mit beiden Händen auf den Tisch und sagte, indem er seinen Oberkörper leicht hin- und herwiegte: »Was für einen Stoff wünschen Sie?«
»Einen glänzenden Stoff, olivengrün oder flaschengrün, etwas was dem Preißelbeerrot nahekommt,« versetzte Tschitschikow.
»Ich darf Ihnen versichern, daß ich Ihnen nur das Allerbeste vorlegen werde. Sie können höchstens in den zivilisiertesten Hauptstädten Europas etwas Besseres finden. He! Bursche! Hol doch mal den Stoff Nummer 34 herunter! Nein, nicht doch! nicht den! Wozu strebst du immer über deine Sphäre hinaus, wie so ein Proletarier! So! Wirf ihn mir zu! Bitte! Das ist ein Stoff, kann ich Ihnen sagen!« Und der Kaufmann rollte den Stoff auf und hielt ihn Tschitschikow direkt unter die Nase, sodaß dieser den seidenen Glanz nicht bloß fühlen, sondern auch riechen konnte.
»Ganz schön, aber das ist nicht das, was ich haben will,« sagte Tschitschikow. »Ich habe im Zollamt gedient, da brauche ich etwas Erstklassiges, das Beste, was es überhaupt gibt, und dann muß der Stoff mehr rötlich, weniger flaschengrün und mehr preißelbeerfarben sein.«
»Ich verstehe: Sie wollen genau die Farbe, die gerade modern zu werden beginnt. Da habe ich einen ganz vorzüglichen Stoff. Ich mache Sie freilich darauf aufmerksam, daß er sehr teuer ist, dafür ist er aber auch von allererster Qualität.«
Der Europäer kletterte hinauf. Wieder fiel ein Ballen auf den Tisch. Er rollte ihn mit einer Gewandtheit auf, wie man sie nur in der guten alten Zeit hatte, und vergaß dabei ganz, daß er schon einem späteren Geschlechte angehörte. Dann kam er hinter dem Tisch hervor, hielt den Stoff ans Licht, indem er mit den Augen blinzelte und sagte: »Eine wunderbare Farbe! Navarinoscher[8] Rauch mit Feuerglanz!«
Der Stoff fand Tschitschikows Beifall; man einigte sich über den Preis, obwohl dieser prifix (_prix-fix_) war, wie der Kaufmann behauptete. Dann spannte er ihn geschickt zwischen beiden Händen, und wickelte ihn hierauf nach echt russischer Art, d. h. mit unglaublicher Schnelligkeit in ein Stück Papier. Hierauf drehte und wendete er das Paket noch ein paar Mal hin und her, indem er einen dünnen Bindfaden herumlegte, und es mit einem energischen Knoten verschnürte. Eine Schere schnitt den Bindfaden durch, und in demselben Augenblick lag alles in dem bereitstehenden Wagen. Der Kaufmann lüftete den Hut und grüßte. Es hatte seine guten Gründe, warum der Kaufmann den Hut abnahm: das war eine Anspielung, daß der Käufer sofort zahlen solle.(12)
»Haben Sie dunkles Tuch?« hörte man jetzt eine Stimme sagen.
»Teufel! das ist Chlobujew,« sagte Tschitschikow leise zu sich selber und drehte jenem den Rücken zu; er wollte nicht, daß Chlobujew ihn sehe, denn er hielt es für unklug, sich mit ihm in Verhandlungen über die Erbschaft einzulassen. Aber jener hatte ihn schon gesehen und erkannt.
[Fußnote 8: Gemeint ist die Farbe des Rauches der Navarinoschen Seeschlacht.]
»Wie? Pawel Iwanowitsch, Sie gehen mir doch nicht etwa absichtlich aus dem Wege? Ich kann Sie nirgends finden, und doch liegen die Verhältnisse so, daß ich ernstlich mit Ihnen reden muß.«
»Verehrtester, Verehrtester!« sagte Tschitschikow, indem er ihm beide Hände drückte; »glauben Sie mir, ich habe es mir schon selbst so oft vorgenommen, mit Ihnen zu sprechen, aber ich hatte leider nie Zeit!« Tatsächlich aber dachte er: »Wenn dich doch der Teufel holte!« Plötzlich jedoch erblickte er den eben eintretenden Murasow. »Herrgott! Afanassij Wassiljewitsch! Wie befinden Sie sich?«
»Und Sie?« sagte Murasow, indem er den Hut abnahm. Auch der Kaufmann und Chlobujew nahmen ihre Mützen ab.
»Ich habe immer Kreuzschmerzen, auch der Schlaf läßt zu wünschen übrig. Vielleicht weil ich mir zu wenig Bewegung mache!«
Aber statt näher auf Tschitschikows Klagen und den Grund seiner Schmerzen einzugehen, wandte sich Murasow an Chlobujew: »Ich sah Sie in den Laden treten, Ssemjon Ssemjonowitsch, und da bin ich Ihnen nachgegangen. Ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen, können Sie mir nicht einen Besuch machen?« »Aber natürlich, natürlich!« versetzte Chlobujew eilig, und beide gingen hinaus.
»Was mögen sie wohl miteinander zu reden haben?« dachte Tschitschikow.
»Afanassij Wassiljewitsch -- ist ein sehr würdiger und kluger Mann,« sagte der Kaufmann; »er ist außerordentlich tüchtig in seinem Fach, aber er hat keine Bildung. Ein Kaufmann ist doch sozusagen Negotiant und nicht bloß Kaufmann. Damit sind aber doch gewissermaßen auch allerhand Budgets und Reaktionen verbunden, sonst sind wir dem Pauperismus verfallen.« Tschitschikow zuckte die Achseln.
»Pawel Iwanowitsch, ich suche Sie überall!« rief plötzlich eine Stimme. Es war Lenitzyn. Der Kaufmann nahm ehrfürchtig den Hut ab.
»Sie? Fjodor Fjodorowitsch?«
»Um Gottes willen, kommen Sie, lassen Sie uns schnell zu mir nach Hause fahren, ich muß mit Ihnen sprechen,« sagte jener. Tschitschikow sah ihn an -- er sah ganz bleich aus und seine Gesichtszüge waren entstellt. Tschitschikow bezahlte und verließ den Laden.
»Ich warte auf Sie, Ssemjon Ssemjonowitsch,« sagte Murasow, als er Chlobujew eintreten sah. »Bitte kommen Sie doch zu mir ins Zimmer!« Und er geleitete Chlobujew in die Stube, die der Leser schon kennen gelernt hat. Selbst bei einem Beamten, der jährlich nur siebenhundert Rubel Gehalt bezieht, hätte man kein unansehnlicheres, schlichter ausgestattetes Zimmer finden können.
»Sagen Sie, ich nehme an, daß sich Ihre Verhältnisse gebessert haben? Ihre Tante hat Ihnen doch sicher etwas hinterlassen.«
»Was soll ich sagen, Afanassij Wassiljewitsch? Ich weiß wirklich nicht, ob sich meine Verhältnisse gebessert haben. Ich habe bloß fünfzigtausend Bauern und dreißigtausend Rubel bar erhalten; damit mußte ich einen Teil meiner Schulden bezahlen -- und jetzt sitze ich wieder da und habe nichts. Was aber die Hauptsache ist, die Geschichte mit dieser Erbschaft ist nicht einmal ganz sauber. Es sind da allerhand Gaunereien und Betrügereien vorgekommen, Afanassij Wassiljewitsch! Ich will es Ihnen gleich erzählen, Sie werden staunen, was alles in der Welt vorkommt. Dieser Tschitschikow ...«
»Erlauben Sie mal, Ssemjon Ssemjonowitsch; ehe wir von diesem Tschitschikow reden, wollen wir erst einmal von Ihnen selbst sprechen. Sagen Sie mal! wieviel Geld würde Ihrer Meinung nach erforderlich sein, um Ihre Gläubiger zu befriedigen; wieviel brauchen Sie, um wieder in geordnete Verhältnisse zu kommen?«
»Meine Verhältnisse sind sehr schlecht,« versetzte Chlobujew. »Um da herauszukommen, alle Schulden zu bezahlen und ein bescheidenes Auskommen zu haben, dazu brauche ich mindestens hunderttausend Rubel, wenn nicht noch mehr! Mit einem Wort: das ist einfach unmöglich.«
»Nun, und wenn Sie dies alles hätten, wie würden Sie dann Ihr Leben einrichten?«
»Oh, dann würde ich mir eine kleine Wohnung mieten und mich ganz der Erziehung meiner Kinder widmen. An mich selbst darf ich gar nicht mehr denken. Mit meiner Karriere ist es zu Ende; in den Staatsdienst kann ich doch nicht mehr eintreten: ich tauge ja doch zu nichts mehr!«
»Das bliebe doch ein müßiges Leben, und Sie wissen, Müßiggang ist aller Laster Anfang, da nahen sich einem allerhand Versuchungen, an die ein fleißiger und tätiger Mensch garnicht einmal denkt.«
»Ich kann halt nicht mehr, ich tauge zu nichts mehr! ich bin schon zu stumpf und apathisch, um etwas anzufangen. Zu alledem leide ich noch an Kreuzschmerzen.«
»Aber wie kann man nur ohne Arbeit leben? Wie können Sie es bloß auf der Welt aushalten ohne ein Amt und eine Tätigkeit? Ich bitte Sie! Blicken Sie doch um sich! Jedes Wesen auf Gottes Erde erfüllt eine gewisse Bestimmung und hat seine Funktion. Selbst der Stein ist nur dazu da, damit ihn jemand gebraucht oder bei einem nützlichen Werke verwendet, und der Mensch, das klügste, vernünftigste aller Geschöpfe sollte sein Leben tatenlos hinbringen -- das ist doch unmöglich.«
»So ganz ohne Tätigkeit bin ich doch auch nicht. Ich kann mich doch mit der Erziehung meiner Kinder beschäftigen.«
»Nein, Ssemjon Ssemjonowitsch! Nein. Das ist das allerschwerste. Wie soll _der_ Kinder erziehen, der es nicht einmal verstanden hat, sich selbst zu erziehen, Kinder kann man doch nur durch sein eigenes Beispiel erziehen, indem man ihnen das Leben _vorlebt_. Und sagen Sie ehrlich, kann _Ihr_ Leben ihnen zum Vorbild dienen? Von Ihnen könnten sie schließlich doch nur lernen, wie man die Zeit müßig hinbringt, oder sie mit Kartenspiel totschlägt. Nein, Ssemjon Ssemjonowitsch, lassen Sie lieber _mich_ Ihre Kinder erziehen. Sie werden sie nur verderben. Überlegen Sie sich doch die Sache einmal recht ordentlich. Was Sie zu Grunde gerichtet hat, das ist der Müßiggang -- daher müssen Sie _ihn_ vor allem meiden. Ein Mensch kann doch nicht ohne allen Halt im Leben sein. Er muß doch irgendwelche Pflichten haben. Selbst der Tagelöhner hat seinen Beruf. Er hat zwar nur ein kärgliches Einkommen, aber er muß es sich selbst verdienen, und daher hat er auch ein Interesse an seiner Tätigkeit.«
»Bei Gott, Afanassij Wassiljewitsch! Ich habe es versucht, ich habe mir redliche Mühe gegeben! Was soll ich machen? Ich bin schon zu alt, jetzt bin ich nicht mehr fähig, etwas Neues zu unternehmen. Sagen Sie doch nur: was soll ich denn anfangen? Ich kann doch nicht in den Staatsdienst treten? Oder soll ich mich etwa noch mit fünfundvierzig Jahren neben einen jungen Anfänger ins Bureau, hinter den Tisch setzen? Und dann bin ich unfähig, Geschenke anzunehmen -- -- ich werde mir selber nur schaden und andern im Wege sein. Außerdem haben sich unter den Beamten auch schon Kasten gebildet. Nein, Afanassij Wassiljewitsch, ich hab's mir schon überlegt, ich hab's versucht und darüber nachgedacht, was ich wohl für eine Stellung annehmen könnte -- nein ich tauge nicht dazu. Ich passe höchstens noch ins Armenhaus.«
»Das Armenhaus ist für _die_ da, die im Leben etwas geleistet und gearbeitet haben; _die_ dagegen, die sich amüsiert haben, solange sie jung waren, bekommen zur Antwort, was die Ameise zum Grashüpfer sagte: >Geh, tanze weiter!< Aber auch im Armenhaus wird gearbeitet, auch da muß man sich nützlich machen; dort spielt man nicht etwa Whist, Ssemjon Ssemjonowitsch,« fuhr Murasow fort, indem er Chlobujew fest ins Gesicht sah, »Sie betrügen sich nur selbst und mich dazu.«
Murasow sah ihm ernst und lange ins Gesicht, aber der arme Chlobujew vermochte nichts zu antworten, und er fing an, Murasow leid zu tun.(13)
»Hören Sie, Ssemjon Ssemjonowitsch ... Sie beten doch, Sie gehen in die Kirche und lassen keine Frühmesse und keinen Abendgottesdienst aus. Trotzdem es Ihnen schwer wird, stehen Sie ganz früh auf und gehen -- gehen um vier Uhr morgens in die Kirche, wo noch alles in tiefem Schlafe liegt.«
»Das ist etwas andres -- Afanassij Wassiljewitsch. Hier weiß ich, daß ich das nicht um der Menschen willen, sondern um _Dessen_ willen tue, der uns alle in dieses Leben gesandt hat. Was soll ich machen! Ich glaube, daß Er mir gnädig sein wird, daß Er mir verzeihen und mich in Gnaden aufnehmen wird, so häßlich und schlecht ich auch bin, während mich die Menschen mit dem Fuße fortstoßen und meine besten Freunde mich verraten und nachher noch sagen werden, sie hätten es in der besten Absicht getan.«
Ein bitteres Gefühl spiegelte sich in Chlobujews Gesicht. Dem alten Herrn traten die Tränen in die Augen ...
»Dann dienen Sie doch wenigstens _Dem_, Der allen Wesen so gnädig ist. Er freut sich ebenso sehr über die Arbeit, wie über ein Gebet. Suchen Sie sich irgend eine Beschäftigung, ganz gleich was für eine, wenn es nur eine _Beschäftigung_ ist. Arbeiten Sie, als ob Sie es für _Ihn_ und nicht für die Menschen täten. Schöpfen Sie meinetwegen Wasser in einem Sieb, aber denken Sie, daß Sie es um Seinetwillen tun. Schon das wäre ein Vorteil, Sie würden wenigstens keine Zeit und Gelegenheit finden, was Schlechtes zu tun: Ihr Geld zu verspielen, zu schmausen und zu schlemmen, unmäßig zu leben und den oberflächlichen weltlichen Genüssen nachzugehen. Ach Ssemjon Ssemjonowitsch. Kennen Sie Iwan Potapowitsch?«
»Jawohl. Ich kenne und schätze ihn sehr hoch!«
»Das war doch wirklich ein tüchtiger Kaufmann: er hatte über eine halbe Million; wie er aber sah, daß ihm alles zum Vorteil ausschlägt -- da wurde er unmäßig und ließ sich gehen. Er ließ seinem Sohn französischen Unterricht geben und verheiratete seine Tochter an einen General. Von da ab sah man ihn nicht mehr im Laden oder in der Börsenstraße; wenn er einen Freund auf der Straße traf, dann schleppte er ihn gleich mit ins Gasthaus, um mit ihm Tee zu trinken. Da konnte er tagelang bei seinem Tee sitzen. Der Erfolg war natürlich, daß er Bankrott machte. Zu alledem hatte er noch Unglück mit seinem Sohn ... Sehen Sie, jetzt dient er bei mir als Kommis. Er hat ganz von Anfang angefangen. Seine Verhältnisse haben sich gebessert. Er könnte sich ganz leicht wieder eine halbe Million verdienen. Aber nun _will_ er nicht mehr. >Jetzt bin ich halt Kommis, und als Kommis will ich auch sterben. Nun bin ich frisch und gesund geworden,< sagte er, >damals aber hatte ich einen dicken Bauch und die beginnende Wassersucht ... Nein ich danke,< sagte er. Tee nimmt er überhaupt nicht mehr in den Mund. Kohlsuppe und Brei, das ist seine ganze Nahrung. Jawohl! Und so fromm ist er geworden, wie keiner von uns, und er tut soviel Gutes für die Armen, wie selten einer; mancher andere würde auch gerne helfen, wenn er nicht sein ganzes Vermögen durchgebracht hätte.«
Der arme Chlobujew war nachdenklich geworden. Der Alte ergriff seine beiden Hände: »Ssemjon Ssemjonowitsch! Wenn Sie wüßten, wie leid Sie mir tun! Ich habe die ganze Zeit über an Sie gedacht. Hören Sie, Sie wissen doch, daß in unserem Kloster ein Eremit lebt, der nie einen Menschen sieht. Das ist ein Mann von großem Verstande, oh, von einem solchen Verstande, ich kann's gar nicht sagen. Er sagt auch nie ein Wort. Aber _wenn_ er einmal einen Rat erteilt ... Ich erzählte ihm einmal, ich habe einen kranken Freund, den Namen nannte ich ihm nicht ... Er hörte mich ruhig an und unterbrach mich dann plötzlich mit folgenden Worten: >Gottes Sache vor allem. Da baut man Kirchen und es ist kein Geld da: man muß Geld für den Kirchenbau sammeln!< Und damit schlug er die Türe zu. Ich dachte lange nach, was das wohl bedeuten könne >Offenbar will er mir keinen Rat erteilen<, sagte ich mir. Und so ging ich denn zu unserm Archimandriten. Kaum hatte ich sein Zimmer betreten, so fragt er mich schon, ob ich nicht einen Menschen kenne, den man beauftragen könne, Geld für den Bau einer Kirche zu sammeln, es müßte aber ein Mann aus dem Adels- oder aus dem Kaufmannsstande sein, der eine bessere Erziehung genossen habe und sich der Sache annehmen wolle, als ob sein ganzes Heil davon abhänge? Ich blieb ganz bestürzt stehen. Gott im Himmel. Das ist ja das Amt, das der Mönch Ssemjon Ssemjonowitsch übertragen will. Das Wandern wäre ja sehr gut gegen seine Krankheit. Wenn er mit seinem Buche vom Gutsbesitzer zum Bauern und vom Bauern zum Bürger gehen wird, wird er sehen, wie die Menschen leben und was ein jeder für Bedürfnisse hat. Wenn er dann wiederkommt, nachdem er mehrere Provinzen durchwandert hat, wird er Land und Leute besser kennen, als alle Stadtbewohner. Und solche Menschen brauchen wir ja gerade! Der Fürst hat mir erklärt, er gäbe viel dafür, wenn er solch einen Beamten finden könnte, der die Verhältnisse nicht aus den Büchern und Akten, sondern _tatsächlich_ kennt, so wie sie in Wirklichkeit sind, denn aus den Akten kann man, wie man sagt, überhaupt nichts mehr erfahren: so verwickelt seien die Dinge.«
»Sie haben mich ganz verwirrt und ratlos gemacht, Afanassij Wassiljewitsch,« sagte Chlobujew, indem er Murasow erstaunt anblickte. »Ich kann nicht einmal glauben, daß Sie das zu _mir_ sagen: dazu bedarf man eines unermüdlichen, tatkräftigen Menschen. Und dann kann ich doch nicht Frau und Kinder verlassen, die ja nicht einmal was zu essen haben?«
»Um Frau und Kinder brauchen Sie sich nicht zu sorgen. Für die will ich schon Sorge tragen, und an Lehrern soll es den Kindern nicht fehlen. Es ist doch besser und anständiger, Geld und milde Gaben für ein gottgefälliges Werk zu sammeln, als mit dem Felleisen herumzugehen und zu betteln. Ich gebe Ihnen einen einfachen Wagen, Sie brauchen aber keine Angst zu haben, daß er Sie zu sehr durchrütteln wird: das wird Ihnen nur gut tun, das ist ganz gesund. Und dann gebe ich Ihnen noch etwas Geld auf den Weg, damit Sie auf Ihrer Reise denen etwas geben können, die am meisten Not leiden. Sie werden auf diese Weise manch gutes Werk tun können: Sie werden schon keine Fehler machen und wirklich nur _denen_ geben, die es wert sind. Wenn Sie so das Land bereisen, werden Sie die Menschen tatsächlich kennen lernen ... und es wird Ihnen nicht so gehen, wie irgend einem Beamten, vor dem alle Angst haben ... Mit Ihnen wird jeder gern sprechen wollen, weil er weiß, daß Sie Geld für die _Kirche_ sammeln.«
»Ich sehe in der Tat, daß dies ein vortrefflicher Gedanke ist, und ich wünschte mir wirklich, ich könnte auch nur einen kleinen Teil davon ausführen; aber ich fürchte, es übersteigt meine Kräfte!«
»Ja, was übersteigt denn unsere Kräfte nicht?« versetzte Murasow. »Es gibt doch gar nichts, wozu unsere Kräfte ausreichen; alles geht über unsere Kraft. Ohne Hilfe von oben kann uns überhaupt nichts gelingen. Aber das Gebet gibt uns Kraft. Der Mensch schlägt ein Kreuz, sagt: >Gott hilf!< rudert und erreicht schließlich doch das Ufer. Darüber brauchte man nicht erst lange zu grübeln. So etwas muß man einfach als eine göttliche Mission auffassen. Der Wagen steht schon bereit für Sie; laufen Sie jetzt schnell zum Archimandriten, holen Sie sich das Buch, bitten Sie ihn um seinen Segen und dann machen Sie sich auf den Weg.«
»Nun gut, ich gehorche Ihnen und nehme es als einen Wink von oben. -- Gott sei mir gnädig!« sagte er zu sich selbst und fühlte plötzlich, wie Mut und Kraft sein Herz durchfluteten. Es war fast, als ob sein Geist aus einem tiefen Schlafe erwachte, beseelt von der Hoffnung auf einen Ausweg aus seiner traurigen und verzweifelten Lage. Ein Lichtschimmer blitzte in der Ferne auf ...
Doch verlassen wir Chlobujew und wenden wir uns wieder zu Tschitschikow.(14)
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