Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II
Part 13
Unterdessen wurden bei den Gerichten immer neue Klagen eingereicht. Es tauchten plötzlich Verwandte auf, von denen niemand je etwas gehört hatte. Wie die Geier auf das Aas, so stürzte sich alles auf das ungeheuere Vermögen, das die Alte hinterlassen hatte: es regnete nur so von Denunziationen, man beschuldigte Tschitschikow und behauptete, das letzte Testament sei gefälscht, genau ebenso wie das erste; man brachte Beweise vor, daß er größere Geldsummen gestohlen und unterschlagen habe. Ja, man beschuldigte ihn sogar, tote Seelen gekauft und während seiner Dienstzeit im Zollamt zollpflichtiges Gut über die Grenze geschmuggelt zu haben. Alle alten Geschichten wurden ausgegraben, seine ganze Vergangenheit wurde wieder ans Licht gezogen. Gott allein weiß, wie man das alles herausgeschnüffelt und in Erfahrung gebracht hatte, jedenfalls waren plötzlich schwer belastende Dinge ans Licht gekommen, von denen Tschitschikow glaubte, niemand außer ihm und den vier Wänden, innerhalb deren er lebte, könne davon Kenntnis haben. Einstweilen war dies alles noch ein gerichtliches Geheimnis, noch war es ihm selbst nicht zu Ohren gekommen, obwohl ein vertrauliches Schreiben seines Rechtsanwaltes, daß ihm bald zugestellt wurde, ihn davon in Kenntnis setzte, daß die Sache bald losgehen müsse. Der Brief war nur ganz kurz: »Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, daß uns in Ihrer Sache mancherlei Scherereien bevorstehen, aber lassen Sie sich einen guten Rat geben: regen Sie sich nicht unnütz auf. Die Hauptsache ist jetzt -- Ruhe. Wir wollen die Sache schon wieder einrenken.« Dieser Brief beruhigte ihn vollkommen. »Ein Genie!« sagte Tschitschikow. Um seine glückliche Stimmung zu vervollständigen, brachte ihm in diesem Augenblick der Schneider auch noch den neuen Anzug. Eine unbändige Lust packte ihn, sich selbst in dem neuen Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz zu sehen. Er zog die Beinkleider an, die ihm überall so vorzüglich saßen, daß man ihn ruhig hätte abkonterfeien dürfen. Die Hosen lagen ganz eng an und ließen seine prachtvollen Lenden und die vollen Waden sehen; der Stoff schmiegte sich so glatt an, und ließ alle feinsten Einzelheiten erkennen, was ihnen eine noch größere Biegsamkeit und Elastizität verlieh. Als er hinten die Hosenschnalle anzog, da glich sein Bauch einer Trommel. Er schlug mit der Bürste darauf und sagte: »So ein Trottel! Und _doch_, im ganzen genommen, wirkt er höchst malerisch.« Der Frack schien noch besser genäht zu sein, als die Hosen: da gab es auch nicht ein Fältchen, im Rücken saß er vorzüglich, die Taille war schön geschwungen und ließ die ganze Statur genau hervortreten. Auf Tschitschikows Bemerkung, der rechte Ärmel drücke ihn etwas unter der Achselhöhle, antwortete der Schneider bloß mit einem Lächeln: darum saß er auch um so besser in der Taille. »Sie können ganz ruhig sein, Sie können ganz ruhig sein, was die Arbeit angeht,« wiederholte er mit unverhohlener Freude: »So einen Frack bekommen Sie überhaupt nicht wieder außer etwa in Petersburg.« Der Schneider stammte selbst aus Petersburg, und auf seinem Schilde stand zu lesen: »_Ein Ausländer aus London und Paris_«. Er liebte es nicht zu spaßen und wollte mit den beiden Städten ein für allemal allen andern Schneidern den Mund stopfen, damit in Zukunft keiner seinen Kunden mehr mit einer dieser Städte kommen sollte. Mochte er doch irgend ein »Karlseruh« oder »Kopenhaga« auf sein Schild setzen.
Tschitschikow bezahlte den Schneider in nobelster Weise und begann sich, nachdem er allein geblieben war, aufmerksam im Spiegel zu betrachten: und zwar ganz wie ein Künstler, d. h. nach ästhetischen Gesichtspunkten und gewissermaßen _con amore_. Es stellte sich heraus, daß alles noch weit schöner war, als früher: seine Wangen waren noch interessanter, sein Kinn noch anziehender geworden; der weiße Kragen paßte vorzüglich zur Farbe der Wangen, die blaue Atlaskrawatte ließ den Kragen noch weißer erscheinen und das modern gefaltete Vorhemdchen verlieh der Krawatte einen besonderen Farbenton, die nobele Sammetweste bildete einen ausgezeichneten Fond für das Vorhemdchen und der Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz leuchtete wie Seide und vervollständigte noch die Harmonie des Ganzen. Er drehte sich rechts -- und siehe, alles war vortrefflich; er drehte sich links -- und es war noch besser! Er hatte die Figur eines Kammerherrn oder eines vornehmen Mannes, der fließend französisch parliert und, selbst wenn er wütend wird, es nicht wagt, ein russisches Schimpfwort zu gebrauchen, sondern sich aus Zartgefühl auch hierbei noch der französischen Sprache bedient. Hierauf neigte er seinen Kopf ein wenig auf die Seite und versuchte es, eine Pose anzunehmen, als spräche er mit einer Dame in mittleren Jahren, von modernster und exquisitester Bildung; das war einfach ein Tableau, etwas für einen Künstler: rein zum Malen! Zu seinem Pläsier machte er noch einen leichten Luftsprung: etwas wie ein Entrechat, sodaß die Kommode erzitterte und ein Fläschchen mit Kölnischem Wasser herunterfiel; aber das störte ihn nicht im mindesten. Er nannte das Fläschchen, wie es sich gehörte, ein albernes Ding, und dachte: »Zu wem soll ich jetzt zu allererst hingehen? Am besten, ich gehe ...« Da ertönt plötzlich im Flur etwas wie Sporengeklirr, und in der Türe erscheint ein Gendarm: bis an die Zähne bewaffnet, als wollte er ein ganzes Heer repräsentieren, und sagt: »Sie haben sich sofort beim Generalgouverneur zu melden!« Tschitschikow war ganz starr vor Schrecken. Vor ihm stand ein Schreckbild mit einem mächtigen Schnauzbart, einem wallenden Pferdeschweif, der ihm vom Kopfe herabfiel, eine Schärpe über der _rechten_ und eine Schärpe über der _linken_ Schulter und einen gewaltigen Pallasch an der Seite. Ja, es schien ihm, als ob er an der andern Seite noch ein Gewehr und weiß der Teufel was sonst noch alles hängen hatte: eine ganze Armee in einer Person! Er wollte etwas einwenden, aber die Schreckensgestalt antwortete grob: »Sie haben sofort mitzukommen!« Hinter der Vorzimmertür sah er noch eine andre ähnliche Schreckensgestalt auftauchten; er warf einen Blick durchs Fenster: auf der Straße vor seinem Hause hielt eine Equipage. Was war da zu machen? Er mußte sich dazu bequemen, und ganz so wie er da war, in seinem Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz im Wagen Platz nehmen. Zitternd und zähneklappernd machte er sich auf den Weg und fuhr, begleitet von dem Gendarm direkt zum Generalgouverneur.
Im Vorzimmer ließ man ihm gar nicht erst Zeit sich zu sammeln. »Treten Sie ein, der Fürst erwartet Sie schon!« sagte der diensthabende Beamte. Wie durch einen leichten Nebel sah er das Vorzimmer, voller Kuriere, die allerhand Pakete in Empfang nahmen, und hierauf einen Saal, den er durchschreiten mußte, und er dachte: »Wie? Wenn sie mich nun plötzlich ergreifen, und ohne gerichtliche Untersuchung und ohne alle Formalitäten einfach nach Sibirien befördern!« Sein Herz fing heftig an zu klopfen, weit heftiger als bei dem eifersüchtigsten Liebhaber. Endlich tat sich die verhängnisvolle Tür auf: vor ihm lag ein Zimmer mit zahlreichen Schränken und Tischen, die mit Büchern und Portefeuilles bedeckt waren: der Fürst stand vor ihm, schrecklich in seinem Zorn wie der personifizierte Rachegott.
»Alleszermalmer!« dachte Tschitschikow, »er wird mich zerreißen, wie der Wolf das Lamm!«
»Ich habe Sie geschont, ich habe Ihnen erlaubt, in der Stadt zu bleiben, während Sie eigentlich ins Zuchthaus gehörten; Sie aber haben sich von neuem durch den gemeinsten Schurkenstreich befleckt, mit dem sich jemals ein Mensch beschmutzt hat!« Die Lippen des Fürsten bebten vor Zorn.
»Was ist das für ein gemeiner Schurkenstreich, Durchlaucht?« sagte Tschitschikow, der am ganzen Leibe zitterte.
»Die Frau,« sagte der Fürst, indem er näher auf ihn zuging und Tschitschikow gerade in die Augen blickte: »die Frau, die das Testament auf Ihr Geheiß unterschrieben hat, ist verhaftet worden, und wird Ihnen gegenübergestellt werden.«
Tschitschikow wurde es dunkel vor den Augen.
»Durchlaucht! Ich will Ihnen die ganze Wahrheit sagen. Ich bin schuldig, ja ich bin schuldig; aber nicht so schuldig, wie Sie glauben, meine Feinde haben mich verleumdet.«
»Sie _kann_ niemand verleumden, denn in Ihnen steckt unendlich viel mehr Gemeinheit und Niedertracht, als der schlimmste Lügner ersinnen kann. Ich glaube, Sie haben in Ihrem ganzen Leben keine ehrliche Tat vollbracht. Jede Kopeke, die Sie besitzen, ist erschwindelt und ergaunert. Es gibt eine Art von Raub und Verbrechen, auf die die Knute und Sibirien stehen! Nein, Ihr Maß ist voll! Du wirst sofort ins Gefängnis abgeführt werden; dort magst du zusammen mit den gemeinsten Schurken und Räubern auf die Entscheidung deines Schicksals warten. Und das kannst du als Gnade ansehen, denn du bist noch weit schlimmer als sie: sie sind einfache Leute, in Pelz und Kittel, du dagegen ...« Er warf einen Blick auf den Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz, ergriff die Glockenschnur und klingelte.
»Durchlaucht!« schrie Tschitschikow, »haben Sie Erbarmen! Sie sind doch auch Familienvater. Ich flehe Sie um Gnade an: nicht für mich, für meine alte Mutter!«
»Du lügst!« rief der Fürst zornig. »Genau so hast du damals für deine Kinder und deine Familie, die du nie besessen hast, um Gnade gefleht! Jetzt ist es die Mutter!«
»Durchlaucht! Ja ich bin ein Schurke, ein gemeiner niederträchtiger Schuft!« sagte Tschitschikow ... »Ich habe wirklich gelogen, denn ich hatte weder Kinder noch Familie; aber Gott sei mein Zeuge, ich hatte stets die Absicht, mich zu verheiraten, meine Pflicht als Mensch und Bürger zu erfüllen, um mir später einmal die Achtung meiner Vorgesetzten und Mitbürger zu verdienen! ... Aber welch ein unglückliches Zusammentreffen der Umstände! Durchlaucht! Mit meinem Schweiß und Blut mußte ich mir mein tägliches Brot verdienen. Und dabei diese Versuchungen und Verführungen auf Schritt und Tritt ... nichts als Feinde und Gegner ... Räuber und Mörder ... Mein ganzes Leben war wie ein stürmischer Wirbel oder ein schwankender Kahn auf offenem Meer, ein Spielball der Winde und Wellen. Ich bin -- auch nur ein Mensch -- Durchlaucht!«
Tränenströme stürzten aus seinen Augen. Er warf sich vor dem Fürsten auf die Kniee, wie er ging und stand: im Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz, mit der Sammetweste und seidenen Krawatte, in den herrlich sitzenden Hosen und seiner schönen Frisur, die eine Wolke von Wohlgeruch und feinstem Eau-de-Cologne-Duft aussendete; er beugte sich tief vor dem Fürsten und schlug mit dem Kopf gegen den Fußboden.
»Fort, fort von mir! Ein Soldat soll kommen und ihn mitnehmen!« sagte der Fürst zu den eintretenden Gendarmen.
»Durchlaucht!« schrie Tschitschikow und umklammerte mit beiden Armen den einen Stiefel des Fürsten.
Der Fürst zuckte zusammen, ein Schauder rann ihm durch alle Adern. »Fort, fort mit ihm! sag ich!« rief er, indem er seinen Fuß aus der Umklammerung Tschitschikows zu befreien versuchte.
»Durchlaucht! Ich rühre mich nicht vom Fleck, bis Sie mir verziehen haben,« sagte Tschitschikow, ohne den Fuß des Fürsten loszulassen, sodaß dieser, als er einen Schritt machte, ihn mitsamt seinem Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz auf dem Fußboden nach sich schleifte.
»Fort! Gehen Sie, sag ich Ihnen!« rief der Fürst mit jenem unerklärlichen Gefühl des Ekels und Widerwillens, das ein Mensch beim Anblick eines häßlichen Insekts empfindet, ohne doch den Mut zu haben, es zu zertreten. Er riß seinen Fuß mit solcher Gewalt los, daß Tschitschikow einen Tritt vor Nase, Lippen und das wohlgerundete Kinn erhielt, aber er gab den Stiefel doch nicht frei und klammerte sich nur noch stärker an ihn. Zwei kräftige Gendarmen schleppten ihn nur mit Mühe fort, sie nahmen ihn unter den Arm und führten ihn durch die lange Zimmerflucht hinaus. Er war bleich und niedergeschlagen und befand sich in jenem furchtbaren und gefühllosen Zustande, wo der Mensch den finsteren und unabwendlichen Tod vor Augen sieht, dieses entsetzliche Schreckbild, das unserem ganzen Wesen so sehr widerspricht.
In der Tür, die auf die Treppe führte, begegnete ihnen Murasow. Ein Hoffnungsstrahl erhellte plötzlich Tschitschikows verdüstertes Gemüt. Mit geradezu unnatürlicher Kraft hatte er sich plötzlich aus den Händen beider Gendarmen losgerissen und warf sich nun vor dem erstaunten Murasow auf die Kniee.
»Pawel Iwanowitsch, Bester! was ist Ihnen?«
»Retten Sie mich! Man führt mich ins Gefängnis, aufs Schafott.«
Hier aber packten ihn die Gendarmen und führten ihn hinaus, ohne ihn ausreden zu lassen.
Eine feuchte dumpfe Zelle, in der es nach den Stiefeln und Fußlappen der Garnisonsoldaten duftete, ein ungestrichener Tisch, zwei schlechte Stühle, ein vergittertes Fenster und ein verfallener Ofen, der beständig rauchte, ohne zu wärmen -- das war der Raum, in dem unser Held untergebracht wurde, er, der bereits begonnen hatte, die Wonnen des Lebens zu kosten und in seinem eleganten neuen Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz die Aufmerksamkeit seiner Mitbürger auf sich zu lenken. Man erlaubte ihm nicht, seine Sachen zu ordnen, er durfte nicht einmal seine Schatulle mit dem Gelde mitnehmen, das er sich mühsam erworben hatte ... All seine Papiere, die Verträge über den Kauf der toten Bauern -- alles war jetzt in den Händen der Beamten. Er fiel auf die Erde und hoffnungsloser Gram fing an, einem gierigen Wurme gleich an seinem Herzen zu nagen. Immer heftiger zerfleischte er sein armes wehrloses Herz. Noch ein Tag, noch ein einziger Tag voll solchen Schmerzes, und wer weiß, ob Tschitschikow überhaupt noch auf der Welt gewesen wäre. Aber auch über Tschitschikow wachte eine schirmende und rettende Hand. Eine Stunde darauf öffnete sich die Türe des Gefängnisses und hereintrat: »der alte Murasow«.
Hätte jemand einem müden und erschöpften, von brennendem Durste gequälten und mit dem Staube und Schmutze des Weges bedeckten Wanderer ein paar Tropfen frischen Quellwassers in die trockene Kehle geträufelt, -- es hatte ihn nicht so beleben können, wie dies Ereignis unsern armen Tschitschikow.
»Mein Retter!« rief Tschitschikow plötzlich, indem er vom Fußboden aus, auf den er sich in seinem herzzerreißenden Schmerz niedergeworfen hatte, nach Murasows Hand griff, sie schnell küßte und an seine Brust drückte. »Gott lohne es Ihnen, daß Sie zu mir Unglücklichem kommen!«
Und er brach in Tränen aus.
Der Greis sah ihn mit traurigem schmerzlichem Blicke an und sagte nur: »Pawel, Pawel Iwanowitsch! Pawel Iwanowitsch! Was haben Sie getan?«
»Was soll ich machen! Er hat mich zugrunde gerichtet, der Verfluchte! Ich konnte nicht Maß halten; und verstand es nicht, zur rechten Zeit aufzuhören. Er hat mich verführt, der verfluchte Satan, daß ich alle Grenzen menschlicher Vernunft und Besonnenheit überschritt! Ja, ich habe gefehlt, ich habe schwer gefehlt! Und doch wie konnte man mich so behandeln. Einen Edelmann, ohne Untersuchung und ohne gerichtliches Urteil ins Gefängnis zu werfen! ... Einen Edelmann, Afanassij Wassiljewitsch! Man mußte mir doch wenigstens Zeit lassen, nach Hause zu gehen und meine Sachen zu ordnen? Es liegt ja noch alles so herum wie früher, und es ist niemand da, der sich darum kümmert. Meine Schatulle! Afanassij Wassiljewitsch! O meine Schatulle! Da steckt doch mein ganzes Vermögen drin, das ich mir im Schweiße meines Angesichts mit meinem Blut, durch jahrelange Mühen und Entbehrungen erworben habe. Meine Schatulle, Afanassij Wassiljewitsch! Sie werden mir ja alles stehlen und fortschleppen! O mein Gott, mein Gott!«
Er konnte sich nicht mehr beherrschen, und außerstande den Schmerz niederzukämpfen, der sein Herz krampfhaft erschütterte, fing er laut an zu schluchzen, mit einer Stimme, die durch die dicken Mauern des Gefängnisses hindurch drang und weithin widerhallte; er ergriff die Atlaskrawatte und den Kragen seines Anzugs und riß den herrlichen Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz in Stücke.
»Ach Pawel Iwanowitsch, wie hat Sie doch die Gier nach Wohlstand und Reichtum verblendet, daß Sie sich nicht klar wurden über Ihre furchtbare Lage!«
»O mein Wohltäter! retten Sie mich, retten Sie mich!« schrie der arme Pawel Iwanowitsch ganz verzweifelt, indem er vor ihm auf die Kniee sank. »Der Fürst liebt Sie. Für Sie wird er alles tun!«
»Nein, Pawel Iwanowitsch, ich kann nichts für Sie tun, selbst wenn ich es wollte, und so sehr ich es auch wünschte. Sie sind in die Macht des unerbittlichen Gesetzes und nicht in menschliche Hände gefallen!«
»Er hat mich verführt; der Satan! der Verdammte, dieser Auswurf des Menschengeschlechtes!«
Und er rannte mit dem Kopfe gegen die Wand und schlug so stark mit der Faust auf den Tisch, daß er sich seine Hand blutig schlug; aber er fühlte weder den Schmerz im Kopfe, noch die furchtbare Wucht des Schlages.
»Pawel Iwanowitsch, beruhigen Sie sich; denken Sie lieber daran, sich mit Ihrem _Gotte_ auszusöhnen und nicht mit den Menschen; denken Sie an Ihre arme Seele!«
»O welch ein schreckliches Schicksal, Afanassij Wassiljewitsch. Ward je einem Menschen ein solch furchtbares Los zuteil? Mit welch geradezu mörderischer Geduld und Ausdauer habe ich mir jede Kopeke erspart; wahrlich mit harter Mühe und Arbeit, im Schweiße meines Angesichts habe ich sie erworben. Ich habe doch niemand beraubt oder die Staatskasse bestohlen, wie es andre Leute machen. Und wozu habe ich Kopeke auf Kopeke gespart? Um den Rest meiner Tage anständig zu verleben; um meiner Frau und meinen Kindern etwas zu hinterlassen, denn ich wollte mir eine Familie gründen, zum Wohle des Staates und um meinem Vaterlande zu dienen. Das war mein einziges Ziel. Ich habe unrecht getan; ich leugne es nicht, ich habe mich schwer vergangen ... aber was soll ich tun? Und doch wich ich erst da vom geraden Wege ab, als ich sah, daß der gerade Weg nicht zum Ziele führt, und daß der krumme eben der kürzere ist. Aber ich habe doch gearbeitet und mich ehrlich angestrengt. Wenn ich jemand was fortgenommen habe, so nahm ich's nur den Reichen. Es gibt doch Schurken beim Gericht, die der Krone Tausende stehlen, die armen Leute plündern und denen, die nichts haben, die letzte Kopeke wegnehmen! Nein, sagen Sie, hab ich nicht Unglück? -- noch jedes Mal, wenn ich die Früchte meiner Mühe zu ernten, sie schon sozusagen mit Händen zu greifen glaubte, brach ein Sturm über mich herein, strandete ich an einem Riff, und mein ganzes Schiff zerschellte. Einmal hatte ich schon dreihunderttausend Rubel Kapital in Händen und ein dreistöckiges Haus dazu, zweimal schon habe ich mir ein Gut gekauft ... Ach Afanassij Wassiljewitsch. Womit verdiente ich diese Schicksalsschläge? Glich denn nicht schon ohnedies mein Leben einem schwankenden Kahn auf stürmischem Ozean? Wo bleibt da die ewige Gerechtigkeit? Wo der Lohn für meine Geduld und meine unerhörte Ausdauer? Dreimal mußte ich von Anfang anfangen: nachdem ich alles verloren, begann ich von neuem, mit wenigen Kopeken in der Tasche, während sich ein anderer längst dem Trunke ergeben hätte und in der Schenke verkommen wäre. Wie vieles mußte ich in mir unterdrücken, wieviel mußte ich aushalten! Wahrlich, jede Kopeke ist sozusagen mit dem ganzen Aufgebot meiner Geisteskraft errungen! Wie leicht hatten es andre Leute, für mich aber war jede Kopeke wie das Sprichwort sagt mit einem silbernen Nagel festgenagelt, und diese festgenagelte Kopeke mußte ich mir, Gott sei mein Zeuge, mit geradezu eiserner Geduld und Unermüdlichkeit erringen.«
Er fing an zu schluchzen, ein unerträglicher Schmerz zerriß sein Herz; kraftlos sank er auf einen Stuhl nieder und riß dabei den einen herabhängenden halbzerfetzten Frackschoß vollends ab; er schleuderte ihn weit von sich, fuhr sich mit beiden Händen durch sein Haar, um dessen Pflege er sonst so eifrig bemüht war, und zerraufte es unbarmherzig; er schien sich an seinem eigenen Schmerze zu weiden, und sein durch nichts zu beschwichtigendes Herzeleid mit dem physischen Schmerz betäuben zu wollen.
Murasow saß ihm lange stumm gegenüber, in die Betrachtung dieses seltsamen noch nie gesehenen Schauspieles versunken. Unterdessen wand sich der unglückliche erbitterte Mensch, der sich noch vor kurzem mit der Gewandtheit und Ungezwungenheit eines Weltmannes oder Militärs bewegt hatte, in einem unwürdigen Aufzuge, mit zerzausten Haaren, zerrissenem Frack, aufgeknöpften Beinkleidern und mit blutender Hand zu seinen Füßen, fortwährend bittere Flüche gegen die feindlichen Mächte ausstoßend, die den Menschen befehden.
»Ach Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch! Was hätte aus Ihnen für ein Mensch werden können, wenn Sie sich mit derselben Kraft und Ausdauer einer ehrlichen Arbeit gewidmet und sich ein edleres Ziel gesteckt hätten. Herrgott! wieviel Gutes hätten Sie stiften können! Wenn doch nur _einer_ der Menschen, die das Gute lieben, soviel Anstrengungen machte, wie Sie es taten, um Kopeke auf Kopeke zu häufen, wenn sie es doch verständen, ihre Eigenliebe und ihren Ehrgeiz so für das Gute zu opfern, ohne sich selbst zu schonen, wie Sie sich nicht schonten, um Ihren Besitz zu mehren! -- Gott, wie herrlich würde es dann auf unserer Erde aussehen! ... Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch! Nicht das ist das Traurige, daß Sie schuldig wurden und sich an andern vergingen, sondern daß Sie sich so schwer an sich selbst vergangen haben: an Ihren reichen Kräften und Fähigkeiten, die Ihnen zuteil wurden. Es war Ihre Bestimmung: ein großer Mann zu werden, Sie aber haben Ihre Kräfte verzettelt und sich selbst zugrunde gerichtet.«
Es gibt unergründliche Tiefen der menschlichen Seele: wie weit sich auch der irrende Mensch vom geraden Wege entfernt haben, wie verstockt auch der unverbesserliche Verbrecher in seinen Gefühlen sein mag, wie trotzig er auf seinem lasterhaften Leben beharren mag: wenn man ihm sein besseres Selbst und seine von ihm selbst in den Kot gezogenen Tugenden vorhält, dann bäumt sich alles in ihm, und tieferschüttert steht er da.
»Afanassij Wassiljewitsch,« sagte der arme Tschitschikow und ergriff Murasows beide Hände. »Oh! wenn es mir gelänge, frei zu kommen und mein Vermögen zurückzugewinnen! Ich schwöre Ihnen, ich würde von nun ab ein ganz neues Leben beginnen! Retten Sie mich, o mein Wohltäter, retten Sie mich!«
»Was kann ich nur tun? Ich müßte wider das Gesetz streiten. Aber selbst wenn ich mich dazu entschließen könnte, vergessen Sie eines nicht: der Fürst ist sehr gerecht, -- er wird unter keinen Umständen nachgeben.«
»O, mein Wohltäter! Sie können alles erreichen! Mich schreckt das Gesetz nicht -- gegen das Gesetz werde ich schon Mittel und Wege finden -- was mich empört, ist dies: daß ich unschuldig ins Gefängnis geworfen wurde, wie ein Hund, daß mein ganzes Vermögen, meine Papiere, meine Schatulle .... O, retten Sie mich! Helfen Sie mir!«
Er umklammerte die Füße des alten Mannes und benetzte sie mit seinen Tränen.
»Ach, Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch!« sagte der alte Murasow, indem er den Kopf schüttelte: »wie hat Sie doch dieser Reichtum verblendet! Sie denken nur an ihn und hören nicht auf Ihre arme Seele?«
»Ich will auch an meine Seele denken, nur retten Sie mich!«