Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II
Part 14
»Pawel Iwanowitsch!« sprach der alte Murasow und hielt einen Augenblick inne. »Es liegt nicht in meiner Macht, Sie zu retten -- das sehen Sie doch selbst. Aber ich verspreche Ihnen, alles zu tun, was ich nur kann, um Ihr Los zu erleichtern, und Sie zu befreien. Ich weiß nicht, ob mir dies gelingen wird, aber ich werde mir die größte Mühe geben. Sollte ich jedoch wider Erwarten Glück haben: Pawel Iwanowitsch -- dann bitte ich mir einen Lohn für meine Bemühungen aus. Pawel Iwanowitsch, ich flehe Sie an: lassen Sie ab von dieser Gier und Jagd nach dem Erwerb. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort: wenn ich mein ganzes Vermögen verlöre -- und es ist weit größer als das Ihrige -- ich würde ihm keine Träne nachweinen. Wahrlich, was liegt am Besitz, den man mir jeden Tag konfiszieren kann, worauf es ankommt, das sind die Güter, die mir niemand zu nehmen oder zu stehlen vermag! Sie haben doch schon lange genug auf dieser Welt gelebt. Sie nennen ja Ihr Leben selbst einen schwankenden Kahn auf wogendem Meer. Sie besitzen genug, um den Rest Ihrer Tage sorglos verleben zu können. Lassen Sie sich in einem stillen Erdenwinkel nieder; in der Nähe einer Kirche, nahe bei schlichten braven Menschen, oder wenn Sie schon den glühenden Wunsch haben, Nachkommen zu hinterlassen, so heiraten Sie ein armes braves Mädchen, das an einfache Verhältnisse und an ein mäßiges Leben gewöhnt ist. Vergessen Sie diese lärmende Welt und all ihre Launen und Verführungen: es schadet gar nichts, wenn auch die Welt Sie vergißt: sie kann uns keinen Frieden gewähren, Sie sehen ja selbst: sie ist voller Feinde, Verführungen und Verrätereien.«
»Unbedingt, ganz unbedingt! Ich hatte schon die Absicht und wollte eben ein ordentliches Leben beginnen, wollte mich ganz der Landwirtschaft widmen und meine Bedürfnisse einschränken. Der Dämon der Verführung hat mich verwirrt und vom rechten Wege abgeführt, dieser Satan, dieser verfluchte Teufel, o diese Schlangenbrut!«
Ganz neue, ungeahnte Gefühle, die er sich nicht zu erklären vermochte, durchdrangen plötzlich seine Brust, es war, als ob sich in ihm etwas regte; und aus tiefem Schlummer erwachte etwas ganz Fernes, längst Vergessenes ... etwas, das eine strenge tote Lehre in frühester Kindheit im Keime erstickt hatte, das eine trübselige, trostlose Jugend, die Enge des Vaterhauses, die Einsamkeit seines traurigen Lebens fern von der Familie, die Armut und Armseligkeit der ersten Eindrücke in ihm unterdrückt hatten; und alles das, was das harte und kalte Auge des Schicksals, das ihn traurig und wie durch ein trübes, vom Schneesturme verwehtes Fenster angeblickt, in sein Inneres zurückgeschreckt hatte, schien sich nun plötzlich losreißen und nach außen drängen zu wollen. Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust, er bedeckte sein Antlitz mit beiden Händen und sprach mit schmerzdurchzitterter Stimme: »Wahrhaftig, Sie haben recht!«
»Ihre Menschenkenntnis und Ihre Erfahrung haben Ihnen nicht geholfen, weil Sie sie in den Dienst des Unrechts stellten. Hätten Sie doch einer gerechten Sache gedient! ... Ach Pawel Iwanowitsch, warum haben Sie sich selbst zugrunde gerichtet. Erwachen Sie: noch ist es nicht zu spät, noch ist es Zeit ...«
»Nein, es ist zu spät, zu spät!« stöhnte Tschitschikow mit einer Stimme, bei deren Klang Murasow fast das Herz springen wollte. »Ich fange an zu fühlen, zu begreifen, daß ich irrte und weit, weit vom rechten Wege abwich, aber ich kann nicht mehr anders! Nein, ich bin einmal so erzogen. Mein Vater hat mir beständig Moral gepredigt, hat mich geschlagen und mich schöne Sittensprüche abschreiben lassen, während er selbst vor meinen Augen den Nachbarn ihr Holz wegstahl und mich zwang, ihm dabei behilflich zu sein. Ich selbst war Zeuge, wie er einen falschen Prozeß begann und ein armes Waisenmädchen verführte, deren Vormund er war. Das lebendige Beispiel wirkt mehr als alle Moralpredigten. Ich sehe und fühle es sehr gut, daß ich ein schlechtes Leben führe, Afanassij Iwanowitsch, und doch verabscheue ich das Laster nicht: ich bin stumpf geworden, ich liebe das Gute nicht, und mir fehlt jene herrliche Neigung zu gottgefälligen Werken, die uns bald zur zweiten Natur, zur Gewohnheit wird ... Ich kann nicht mit demselben Eifer dem Guten dienen, der mich beseelt, wenn mir Reichtum und Wohlstand als Preis winken. Ich spreche die Wahrheit -- was soll ich machen?«
Der Greis seufzte tief auf ....
»Pawel Iwanowitsch! Sie haben soviel Willenskraft, soviel Geduld und Ausdauer. Die Arznei schmeckt bitter, und doch schluckt sie der Kranke, denn er weiß: nur so kann er genesen. Sie lieben das Gute nicht -- so zwingen Sie sich, das Gute zu tun, ohne es zu lieben. Das wird Ihnen noch höher angerechnet werden, als dem, der das Gute tut, weil er es lieb hat. Versuchen Sie es, sich nur ein paar Mal zu zwingen ... dann wird die Liebe schon von selbst kommen. Glauben Sie mir, es läßt sich alles erreichen. Es ist uns gesagt worden: Das Reich Gottes muß errungen werden. Es muß mit Gewalt erstürmt, mit Gewalt erworben und errungen werden. Ach, Pawel Iwanowitsch! Wahrlich: Sie besitzen diese Kraft, die so vielen andern fehlt, diese eiserne Geduld, und Sie sollten unterliegen? Wahrhaftig! ich glaube fürwahr: Sie waren ein _Held_, ein _Heros_ heute in unserer Zeit, wo alle Menschen so schwach, so energie- und willenlos sind.«
Man sah förmlich, wie diese Worte Tschitschikow in die Seele drangen und den Ehrgeiz, der tief auf ihrem Grunde schlummerte, aufstachelten. War es auch kein bestimmter Entschluß, so war es doch etwas Starkes, Festes, was einem Entschlusse sehr ähnlich sah, das jetzt in seinen Augen aufblitzte ....
»Afanassij Wassiljewitsch!« sprach er mit fester Stimme: »wenn es Ihnen gelingen sollte, mir die Freiheit und die Mittel zu verschaffen, damit ich diese Stadt wenn auch nur mit einem kleinen Vermögen verlassen kann, dann gebe ich Ihnen mein Wort, ich will ein neues Leben beginnen: dann kaufe ich mir ein kleines Gut, werde Landwirt und fange an zu sparen, nicht für mich selbst, sondern um andern zu helfen und Gutes zu tun, soweit es in meinen Kräften steht; ich will versuchen, mich selbst und all diese städtischen Diners und Schlemmereien zu vergessen, und ein einfaches nur der Arbeit gewidmetes Leben zu führen.«
»Gott stärke Sie in diesem Entschluß!« sagte hocherfreut der alte Mann. »Ich will all meine Kräfte einsetzen, um den Fürsten zu bewegen, daß er Ihnen die Freiheit schenkt. Ob es mir gelingen wird, oder nicht, das weiß Gott allein. Auf jeden Fall wird Ihr Los erleichtert werden. O, mein Gott! Umarmen Sie mich, und lassen Sie sich umarmen! Wie haben Sie mich erfreut! Und nun behüte Sie Gott, ich gehe sofort zum Fürsten.«
Tschitschikow blieb allein.
Sein ganzes Wesen war aufs tiefste erschüttert. Er war ganz weich geworden. Auch das Platin, das härteste aller Metalle, das dem Feuer am längsten widersteht, schmilzt am Ende, wenn man die Flamme in der Esse anfacht, die Blasebälge stärker tritt und des Feuers Hitze zu unerträglicher Glut anschwillt -- allmählich wird es weißer und immer weißer -- das _eigensinnige_ Metall, bis es sich endlich verflüssigt: so gibt auch der stärkste Charakter nach in der Esse der Leiden und Schicksalsschläge, wenn sie immer heftiger auf ihn niederhageln und mit ihrer unerträglichen Glut die harte Rinde seines Wesens erweichen ...
»Zwar verstehe und fühle ich es selbst nicht, doch aber will ich all meine Kräfte einsetzen, um es andre fühlen zu machen; zwar bin ich selbst schlecht, doch aber will ich all meine Kraft zusammennehmen, um andre zu bessern; zwar bin ich selbst ein schlechter Christ, doch aber will ich alles daransetzen, um kein Ärgernis zu geben. Ich werde selbst Hand anlegen und auf dem Lande im Schweiße meines Angesichts tätig sein; ich werde mir eine ehrliche Arbeit suchen, um auch auf andre einen guten Einfluß auszuüben. Bin ich denn zu gar nichts mehr nütze? Ich habe doch eine gewisse Befähigung zur Landwirtschaft, ich bin sparsam, flink, gewandt und besonnen, ich habe sogar Energie und Ausdauer. Man muß nur wollen ...«
So dachte Tschitschikow und schien mit halberwachten Seelenkräften etwas ahnend zu ergreifen. Es war fast, als fühlte er mit dunklem Instinkt, daß es eine Aufgabe gibt, die der Mensch hier auf Erden zu erfüllen hat, und die sich überall, in jedem Erdenwinkel erfüllen läßt, trotz aller widrigen Verhältnisse, trotz aller Zweifel und Unruhe, die den Menschen auf jedem Posten bestürmen, auf den er gestellt ist. Und das werktägige Leben, fern vom Lärm der Städte und den Versuchungen und Verführungen, die der müßige, von der Arbeit entwöhnte Mensch erdacht hat, stand plötzlich so deutlich vor ihm, daß er seine peinliche Lage beinahe vergaß und vielleicht sogar geneigt gewesen wäre, der Vorsehung für diesen harten Schicksalsschlag zu danken, wenn er seine Freiheit und wenigstens einen _Teil_ seines Vermögens wiedererlangt hätte ... Aber da öffnete sich die kleine Türe zu seiner schmutzigen Zelle, und herein trat ein Beamter namens Ssamoswistow, ein flotter Bursche und Epikuräer, ein breitschultriger, schlanker, hochgewachsener Mann, ein ausgezeichneter Kamerad, ein Zechbruder und ein geriebener Kerl, wie ihn seine eigenen Freunde nannten. In Kriegszeiten hätte der Mensch wahre Wundertaten vollbracht: irgend einen Patrouillenritt durch gefährliche und unwegsame Gegenden ausführen, oder dem Feind eine Kanone vor der Nase wegstehlen -- das wäre so etwas für ihn gewesen. Aber da es keine militärische Stelle für ihn gab, auf der man vielleicht einen anständigen Menschen aus ihm hätte machen können, so gab er sich die größte Mühe, allen Menschen schlechte Streiche zu spielen. Merkwürdig! Er hatte höchst sonderbare Ansichten und Grundsätze: seinen Freunden war er ein guter Kamerad, er verriet sie niemals und hielt ihnen gegenüber stets sein Wort; seine Vorgesetzten dagegen hielt er für eine Art feindliche Batterie, durch die man sich durchschlagen mußte, wobei es erlaubt war, jeden schwachen Punkt, jede Bresche und Fahrlässigkeit seitens des Gegners auszunutzen.
»Ich weiß schon, ich habe schon von Ihrer Sache gehört!« sagte er, als er merkte, daß sich die Tür hinter ihm fest geschlossen hatte. »Macht nichts, macht nichts! Lassen Sie den Mut nicht sinken; wir bringen alles wieder in Ordnung. Wir werden uns alle für Sie bemühen. Wir stehen Ihnen ganz zur Verfügung. Dreißigtausend Rubel -- für uns alle zusammen und die Sache ist gemacht.«
»Wirklich?« rief Tschitschikow aus, »und ich werde ganz freigesprochen?«
»Ganz und gar! Sie bekommen sogar noch Schadenersatz für Ihre Verluste.«
»Und für Ihre Bemühungen?«
»Dreißigtausend. Alles inbegriffen -- für die Unsrigen, für die Leute des Generalgouverneurs und für den Sekretär.«
»Aber erlauben Sie, wie kann ich nur? ... Meine Sachen ... meine Schatulle ... das ist doch alles versiegelt, in den Händen der Polizei ...«
»In einer Stunde haben Sie alles wieder! Schlagen Sie ein?«
Tschitschikow reichte ihm seine Hand. Sein Herz klopfte, er glaubte nicht recht, das es möglich sei ...
»Doch nun leben Sie wohl. Unser gemeinsamer Freund bittet mich Ihnen zu sagen: die Hauptsache ist: ruhig Blut und Geistesgegenwart!«
»Hm!« dachte Tschitschikow, »ich verstehe: der Rechtsanwalt!« Ssamoswistow entfernte sich. Als Tschitschikow sich wieder allein in seiner Zelle befand, wollte er noch immer nicht recht an dessen Worte glauben, aber es verging keine halbe Stunde, da wurde ihm schon seine Schatulle gebracht: die Papiere, das Geld -- alles war in schönster Ordnung. Ssamoswistow spielte die Rolle eines Inspektors: er gab den Posten einen Rüffel, weil er nicht wachsam genug sei, gab dem Gefängnisaufseher den Befehl, noch ein paar Soldaten zur Verstärkung der Wache kommen zu lassen, beschlagnahmte die Schatulle und entnahm ihr sämtliche Papiere, die Tschitschikow im geringsten kompromittieren konnten, dann band er alles zusammen, versiegelte es und beauftragte einen Soldaten, das Paket sofort Tschitschikow zu überbringen, unter dem Vorwand, es befänden sich Bettwäsche und die notwendigsten Stücke der Nachttoilette darin, sodaß Tschitschikow zugleich mit seinen Papieren noch warme Sachen erhielt, mit denen er seinen sterblichen Leib zudecken konnte. Diese prompte Zustellung bereitete ihm eine unsagbare Freude. Er faßte wieder Hoffnung und schon fing er aufs neue an, von allerhand schönen Dingen zu träumen: vom Theater und einer reizenden Tänzerin, der er die Kur machte. Das Gut und die ländliche Stille verblaßten merklich, dagegen malte sich ihm die Stadt und ihr lärmendes Getriebe in weit helleren und klareren Farben ... »O Leben!«
Unterdessen hatte vor den Gerichten und Tribunalen ein Prozeß von geradezu grenzenlosen Dimensionen begonnen. Die Federn der Schreiber waren emsig an der Arbeit; gescheite Leute schnupften Tabak, zerbrachen sich die Köpfe, und hatten einen beinahe künstlerischen Genuß beim Studium dieser herrlichen schwungvoll geschriebenen Akten. Der Rechtsanwalt lenkte und leitete wie ein verborgener Zauberkünstler den ganzen Mechanismus; noch ehe jemand Zeit hatte sich umzusehen, hatte er alle in seinem Netze gefangen. Der Wirrwarr wurde immer größer. Ssamoswistow übertraf sich selbst durch seine geradezu unerhörte Kühnheit und Frechheit. Er brachte in Erfahrung, wo die jüngst verhaftete Frau untergebracht war, ging sofort hin und trat mit der sicheren und kecken Miene eines Chefs oder Vorgesetzten ein, so daß der Posten »Honneur« machte und stramm stand. »Stehst du schon lange hier?« -- »Seit heute morgen, Euer Gnaden!« -- »Wirst du bald abgelöst?« -- »Um drei Uhr, Euer Gnaden!« -- »Ich werde dich brauchen. Ich werde dem Offizier sagen, daß er statt deiner einen andern herschicken soll.« -- »Zu Befehl, Euer Gnaden!« Hierauf fuhr er nach Hause, und um nur ja niemand in die Sache zu verwickeln und alle Spuren zu verwischen, zog er sich sofort um. Er verkleidete sich als Gendarm und klebte sich einen künstlichen Schnurrbart und Backenbart an, sodaß ihn der Teufel selbst nicht erkannt hätte. Er ging in das Haus, wo Tschitschikow wohnte, ergriff das erste beste Weib, das ihm unter die Hände kam, übergab sie zwei jungen forschen Beamten, die auch eingeweiht waren, und erschien plötzlich ganz wie es sich gehört mit einem großen Schnauzbart und einem Gewehr vor dem Posten: »Marsch ... der Kommandeur hat mich hierher geschickt; ich soll dich ablösen.« Er löste den andern ab und pflanzte sich selbst mit dem Gewehr in der Hand vor dem Eingang auf. Das war alles, was er brauchte. Unterdessen hatte man das eine Weib mit einem andren vertauscht, das überhaupt nichts wußte, und keine Ahnung von der ganzen Sache hatte. Das erste Weib wußte man so gut zu verstecken, daß später kein Mensch mehr herauskriegen konnte, wo es eigentlich geblieben war. Während Ssamoswistow so seine Rolle als Soldat spielte, vollbrachte der Rechtsanwalt seinerseits wahre Wundertaten auf dem bürgerlichen Schauplatz! Er ließ dem Gouverneur durch eine dritte Person mitteilen, daß der Staatsanwalt die Absicht habe, ihn zu denunzieren; dem Gendarmerieoberst ließ er mitteilen, daß ein Beamter, der sich im geheimen in der Stadt aufhielte, ihn denunzieren wolle; dem geheimnisvollen Beamten brachte er die Überzeugung bei, daß es einen noch geheimnisvolleren Beamten gäbe, der ihn denunzieren wolle -- und er brachte alle dadurch in eine solche Lage, daß sich jeder an ihn wenden mußte, um sich Rat und Beistand zu holen. Es entstand ein furchtbarer Wirrwarr: eine Denunziation jagte die andre, es kamen unerhörte Dinge an den Tag, wie sie hier unter der Sonne noch nie vorgekommen, und sogar solche, die _überhaupt_ nicht vorhanden waren. Jeder Plunder fand seine Verwendung, alles wurde hervorgeholt und ans Licht gezogen: daß einer ein unehelicher Sohn war, was für einen Beruf und Stand er hatte, daß er sich eine Maitresse hält, und wessen Frau einem andern nachläuft. Skandalgeschichten und allerhand schmutzige Affären wurden mit dem Fall Tschitschikow und den Toten Seelen derartig vermengt und in Verbindung gebracht, daß man absolut nicht herauskriegen konnte, welche von diesen Affären den tollsten Unsinn darstellte: beide waren einander wert. Als dann schließlich die Akten beim Generalgouverneur einliefen, konnte der arme Fürst überhaupt nichts mehr verstehn. Der Beamte, der den Befehl erhalten hatte, einen Extrakt oder Auszug aus den Akten zu machen, ein gewandter und gescheiter Mann, verlor darüber beinahe den Verstand, er konnte den roten Faden in der ganzen Sache durchaus nicht finden. Der Fürst hatte gerade um diese Zeit große Sorgen wegen einer ganzen Reihe anderer Angelegenheiten, von denen eine unangenehmer war, als die andre. In einem Teil der Provinz war eine Hungersnot ausgebrochen. Die Beamten, die hingeschickt worden waren, um Brot unter die Hungernden zu verteilen, hatten die Lebensmittel nicht in der richtigen Weise verwendet. In einem andern Teil der Provinz regten sich die Sektierer. Jemand hatte das Gerücht unter ihnen verbreitet, daß der Antichrist gekommen sei, der nicht einmal die Toten in Ruhe lasse und tote Seelen aufkaufe. Sie taten Buße, sündigten weiter und machten unter dem Vorwande, den Antichristen fangen zu wollen, ein paar Nicht-Antichristen den Garaus. An einer andern Stelle waren Unruhen unter den Bauern ausgebrochen; sie hatten sich gegen die Gutsbesitzer und gegen den Gendarmerieobersten empört. Ein paar Landstreicher hatten das Gerücht verbreitet, jetzt sei die Zeit gekommen, wo die Bauern Gutsbesitzer werden und Fräcke anziehen müßten, während die Gutsbesitzer den Bauernkittel anlegen und selbst Bauern werden müßten -- und ein ganzer Bezirk hatte daraufhin, ohne zu überlegen, daß es unter diesen Umständen ja viel zu viele solche Gutsbesitzer und Gendarmerieoffiziere geben werde -- die Steuern verweigert. Man mußte zu Zwangsmaßregeln greifen. Der arme Fürst war ganz verstimmt und befand sich in der höchsten Aufregung. Da teilte man ihm mit, der Branntweinpächter Murasow sei gekommen. »Er soll eintreten!« sagte der Fürst. Der Greis betrat das Zimmer.
»Da haben Sie Ihren Tschitschikow. Sie setzten sich für ihn ein und versuchten, ihn zu verteidigen. Jetzt hat man ihn bei einer Sache ertappt, zu der sich der schlimmste Dieb und Räuber nicht hergegeben hätte.«
»Erlauben Sie mir, Ihnen mitzuteilen, Durchlaucht, daß ich die ganze Sache nicht recht gut verstehe.«
»Die Fälschung eines Testaments, und was für eine Fälschung! ... Darauf steht öffentliche Züchtigung mit der Knute!«
»Durchlaucht -- was ich jetzt sage, sage ich nicht, um Tschitschikow zu verteidigen -- aber das ist doch alles noch garnicht bewiesen: die Untersuchung hat ja noch garnicht stattgefunden.«
»Wir haben Beweise: die Frau, die die Rolle der Toten spielte, ist verhaftet. Ich will sie sofort in Ihrer Gegenwart verhören.« Der Fürst klingelte und befahl, die Frau holen zu lassen.
Murasow schwieg still.
»Eine niederträchtige Gaunerei! Und ist es nicht eine Schande, daß die höchsten Beamten der Stadt, ja sogar der Gouverneur selbst in sie verwickelt sind. Er wenigstens dürfte doch nicht da sein, wo die Diebe und Faulenzer ihr Wesen treiben!« sagte der Fürst heftig.
»Aber der Gouverneur ist doch einer der Erben; er hatte doch gewisse Rechte und Ansprüche darauf; und daß auch die andern von allen Seiten herbeigelaufen kamen und mit daran profitieren wollten -- das ist doch nur _menschlich_, Durchlaucht! Eine reiche Frau stirbt, sie hinterläßt ein Testament, das weder klug noch gerecht ist, und nun strömen von allen Seiten Menschen zusammen, die gern was verdienen möchten -- das ist doch alles so menschlich, so natürlich ...«
»Ja, aber wozu all diese schmutzigen Geschichten? ... Die Schurken!« sagte der Fürst empört. »Ich habe nicht einen einzigen anständigen Beamten: lauter Lumpen.«
»Durchlaucht! wer von uns ist denn gut, d. h. ganz so, wie er sein sollte? Alle Beamten unserer Stadt sind doch Menschen, die haben ihre Vorzüge und ihre Tugenden, es gibt sehr viele unter ihnen, die ihre Sache wirklich verstehen und tüchtige Fachleute sind, aber wer ist denn frei von Sünde?«
»Hören Sie, Afanassij Wassiljewitsch: sagen Sie mir bitte -- Sie sind der einzige ehrliche Mensch, den ich kenne -- was macht es Ihnen eigentlich für ein Vergnügen, allerhand Schurken und Gauner in Schutz zu nehmen?«
»Durchlaucht!« versetzte Murasow: »wie die Menschen auch sein mögen, die Sie Schurken und Gauner nennen -- sie bleiben immer doch Menschen. Wie soll man denn den Menschen nicht in Schutz nehmen, wenn man weiß, daß er die Hälfte all seiner Übeltaten aus Roheit und Unwissenheit begeht. Wir tuen doch selbst auf Schritt und Tritt unrecht und stürzen jeden Augenblick andere Menschen ins Unglück, oft ohne jede böse Absicht. Durchlaucht haben doch auch neulich sehr ungerecht gehandelt!«
»Wie?« rief der Fürst erstaunt aus. Er war aufs höchste überrascht durch die unerwartete Wendung, die die Unterhaltung nahm.
Murasow wartete ein wenig und schwieg: er schien zu überlegen und sagte schließlich: »Nun, denken Sie zum Beispiel an den Fall Derpennikow.«
»Aber Afanassij Wassiljewitsch! Das war doch ein Verbrechen gegen den Staat, das nahezu an Landesverrat grenzt!«
»Ich verteidige ihn nicht. Aber ist es denn gerecht, einen Jüngling, der sich infolge seiner Unerfahrenheit von anderen verführen und fortreißen läßt, ebenso hart zu bestrafen, wie einen der Rädelsführer? Dieser Derpennikow mußte doch dieselbe Strafe erleiden wie irgend ein Woronoi-Drjannoi, und doch war ihr Vergehen ganz verschieden.«
»Um Gottes willen ...« sagte der Fürst, dem man seine Aufregung deutlich anmerkte: »Wissen Sie etwas davon? Sprechen Sie, ich bitte Sie! Ich habe erst neulich nach Petersburg geschrieben und gebeten, man möge sein Los mildern.«
»Nein, Durchlaucht, ich sage nicht, daß ich etwas weiß, was Sie nicht auch wissen. Es gibt allerdings einen Umstand, der ihm von Nutzen sein könnte, aber er würde selbst nichts davon hören wollen, weil das einem andern schaden würde. Ich meine bloß dies: ob Sie sich damals nicht vielleicht allzusehr übereilt haben? Verzeihen Sie mir, Durchlaucht, ich urteile nach meinem eigenen schwachen Verstande. Sie haben mir mehrmals geboten, aufrichtig zu sein. Als ich noch Direktor war, da hatte ich auch viele Arbeiter unter mir: gute und schlechte. Ich hätte damals auch das frühere Leben meiner Leute berücksichtigen müssen, denn wenn man nicht alles ganz kaltblütig überlegt, sondern die Menschen gleich anschreit -- dann schüchtert man sie nur ein, und kriegt überhaupt nichts aus ihnen heraus; zeigt man ihnen dagegen Teilnahme und fragt sie nach allem, wie ein Bruder den Bruder fragt -- dann sagen sie einem alles ganz von selbst und bitten gar nicht darum, daß man Gnade walten lassen solle; sie sind auch garnicht erbittert und zürnen niemandem, weil sie sehen, daß nicht wir sie bestrafen wollen, sondern das Gesetz.«