Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II

Part 15

Chapter 153,630 wordsPublic domain

Der Fürst versank in Nachdenken, doch in diesem Augenblick trat ein junger Beamter ins Zimmer und blieb mit dem Portefeuille unter dem Arm ehrfurchtsvoll an der Türe stehen. Sorge und angestrengte Tätigkeit spiegelten sich auf seinem jungen und noch frischen Gesicht. Man sah es ihm an, daß er Beamter für besondere Aufträge war. Dies war einer der wenigen Menschen, die wirklich mit Liebe bei der Sache waren und denen das Aktenstudium Freude machte. Er hatte weder einen brennenden Ehrgeiz, noch einen heißen Durst nach Geld und Reichtum, noch suchte er es den andern gleichzutun, er arbeitete nur aus dem Grunde, weil er überzeugt war, daß er hier an dieser Stelle an seinem Platze war, wie an keiner andern der Welt, und daß das seine Lebensaufgabe sei. Wenn es galt, eine verwickelte Sache Schritt für Schritt zu verfolgen, zu analysieren, sie in ihre Teile zu zerlegen, in diesem Labyrinth den leitenden Faden zu entdecken, und alles aufzuklären, -- dann war er in seinem Element. Er fand sich reichlich belohnt für seine Mühe und Arbeit und die vielen schlaflosen Nächte, wenn die Sache sich endlich aufzuhellen begann, wenn ihre geheimsten Triebfedern ans Licht kamen und er fühlte, daß er imstande war, sie mit wenigen Worten klar und deutlich darzulegen, sodaß sie jedem einleuchtete und vollkommen durchsichtig wurde. Man kann wohl sagen, kein Schüler freut sich so sehr, wenn ihm endlich der Sinn eines schwierigen Satzes oder die wahre Bedeutung des Gedankens eines großen Schriftstellers aufgeht, als er sich freute, wenn es ihm gelungen war, eine verwickelte Sache zu entwirren. Dafür aber ....

»... mit Brot in den Gegenden wo Hungersnot herrscht; ich kenne diesen Teil besser als die Beamten: ich will selbst untersuchen, was und wieviel ein jeder braucht. Und wenn Euere Durchlaucht gestatten, will ich auch persönlich mit den Sektierern reden. Unsereiner, d. h. ein einfacher Mann, kann sie ja doch leichter zum Reden bringen, und vielleicht gelingt's mir mit Gottes Hilfe, die Sache auf friedlichem Wege zu schlichten. Die Beamten aber werden doch nicht mit ihnen fertig: da kommt es höchstens zu weitläufigen Schreibereien; sie werden ja schon so nicht mehr klug aus den Akten und sehen bald über all dem Papier die Sache selbst nicht mehr. Ich will auch von Ihnen kein Geld dafür haben, denn bei Gott, in solch einer Zeit wäre es wirklich eine Schande, noch an seinen Vorteil zu denken, wo die Menschen vor Hunger sterben. Ich habe noch etwas Korn in Reserve: außerdem habe ich schon nach Sibirien schicken lassen; bis zum nächsten Sommer erhalte ich wieder neues geliefert.«

»Gott allein kann es Ihnen vergelten, Afanassij Iwanowitsch, Sie leisten mir einen sehr großen Dienst damit. Ich sage Ihnen kein Wort mehr, weil hier -- das werden Sie selbst fühlen -- weil hier jedes Wort ohnmächtig wäre. Aber lassen Sie mich wenigstens noch eins über jene Bitte sagen. Sagen Sie selbst: habe ich denn das Recht, ganz über eine solche Sache hinwegzugehen, wäre es anständig und ehrlich von mir, diesen Schurken zu verzeihen?«

»Bei Gott! Durchlaucht, so darf man sie nicht nennen, um so mehr, da es viele ehrenwerte Männer unter ihnen gibt. Die Lage der Menschen ist oft schwer, Durchlaucht, oft sogar sehr schwer. Mitunter scheint es, daß ein Mensch nach allen Seiten hin schuldig ist, und wenn man dann näher zusieht -- ist _er_ es garnicht gewesen.«

»Aber was werden sie selbst sagen, wenn ich sie laufen lasse? Es gibt doch Leute unter ihnen, die nachher noch hochnäsiger werden und am Ende noch behaupten werden, sie hätten uns eingeschüchtert. Sie werden die ersten sein, die keine Achtung für ....«

»Durchlaucht, erlauben Sie mir, Ihnen meine Ansicht zu sagen: lassen Sie sie alle rufen, erklären Sie ihnen, daß Ihnen alles bekannt ist, schildern Sie ihnen Ihre eigene Lage, so wie Sie sie mir eben geschildert haben, und fragen Sie sie um Rat: was ein jeder von ihnen an Ihrer Stelle gemacht hätte.«

»Ja, glauben Sie denn, daß sie besseren Regungen zugänglich sind außer allerhand Intrigen und dem Wunsch, sich zu bereichern? Glauben Sie mir, sie werden mich auslachen.«

»Das glaube ich nicht, Durchlaucht. Jeder Mensch, selbst der, der schlechter ist als die andern, hat ein gesundes Gefühl für das Rechte. Es sei denn etwa irgend ein fremder Wucherer oder einer, der kein Russe ist .. Nein, Durchlaucht, Sie haben es nicht nötig, sich zu verstecken. Sagen Sie es ihnen ganz offen, wie Sie es mir gesagt haben. Sie schmähen sie ja doch und sagen, Sie seien ein stolzer und ehrgeiziger Mensch, der gar nichts hören will und sehr selbstbewußt ist -- nun so mögen sie die Dinge sehen, wie sie sind. Was liegt Ihnen schließlich daran? Ihre Sache ist doch gerecht und gut. Sprechen Sie zu ihnen, als legten Sie nicht vor ihnen, sondern vor Gott selbst Rechenschaft ab.«

»Afanassij Iwanowitsch,« sagte der Fürst nachdenklich: »ich will es mir überlegen, einstweilen aber danke ich Ihnen herzlich für Ihren Rat.«

»Und wie ist es mit Tschitschikow, Durchlaucht? Wollen Sie ihm die Freiheit schenken?«

»Sagen Sie diesem Tschitschikow, er soll machen daß er fortkommt, und zwar so schnell als möglich; je weiter er von hier ist, desto besser. Ihm könnte ich niemals verzeihen.«

Murasow verneigte sich und begab sich vom Fürsten direkt zu Tschitschikow. Er fand ihn bereits in der besten Laune, in höchster Seelenruhe mit einem respektablen Mittagessen beschäftigt, das ihm in mehreren Porzellanschüsseln aus einem gleichfalls recht respektablen Restaurant in die Zelle gebracht worden war. Aus seinen ersten Worten konnte der alte Herr sofort erkennen, daß Tschitschikow schon mit einzelnen von den gerissenen Beamten gesprochen hatte. Er begriff sogar, daß hier auch der gelehrte Rechtsanwalt seine unsichtbare Hand mit im Spiel hatte.

»Hören Sie, Pawel Iwanowitsch,« sagte er, »ich bringe Ihnen die Freiheit, aber unter einer Bedingung, daß Sie sofort die Stadt verlassen. Packen Sie alle Ihre Sachen, und machen Sie, daß Sie fortkommen; Sie dürfen es keinen Augenblick aufschieben, sonst verschlimmern Sie nur Ihre Lage. Ich weiß, daß Ihnen irgend ein Mensch hier Verhaltungsmaßregeln gibt; daher will ich Ihnen verraten, daß man noch einer andern Affäre auf der Spur ist, und keine Macht der Erde wird ihn mehr retten können. Es macht ihm natürlich Spaß, auch andere Leute zugrunde zu richten, da es ihm allein zu langweilig wäre, aber die Sache wird bald aufgedeckt sein. Ich habe Sie in der besten Geistesverfassung zurückgelassen, in einer besseren als jetzt. Ich rate Ihnen daher ernstlich, folgen Sie meinem Rat. Ja, ja, es kommt wirklich nicht auf den Besitz allein an, um dessentwillen die Menschen sich miteinander streiten und einander umbringen, als ob es möglich wäre, hier auf Erden ein geordnetes Leben zu beginnen, ohne an das künftige zu denken. Glauben Sie mir Pawel Iwanowitsch, solange die Menschen nicht all das fahren lassen, um dessentwillen sie sich in dieser Welt auffressen und zerfleischen, und nicht daran denken, ihren _geistigen_ Besitz in Ordnung zu bringen -- wird es auch um den irdischen Besitz nicht wohlbestellt sein. Es werden Zeiten der Hungersnot und der Armut kommen, wie für ein ganzes Volk, so auch für den Einzelnen ... Das ist doch so klar. Sagen Sie, was Sie wollen, der Körper hängt doch von der Seele ab. Wie aber kann man dann verlangen, daß alles gut gehe? Denken Sie nicht an die toten Seelen, sondern an Ihre eigene lebendige Seele, und machen Sie sich mit Gottes Hilfe auf den Weg zu einem neuen Leben! Ich verreise auch morgen. Beeilen Sie sich! Es kann Ihnen schlecht gehen, -- wenn ich nicht mehr da bin.«

Der Alte verstummte und ging hinaus. Tschitschikow versank in Nachdenken. Der Sinn des Lebens erschien ihm abermals in seiner hohen Bedeutung. »Murasow hat recht,« sagte er, »es wird Zeit, einen andern Weg einzuschlagen.« Mit diesen Worten verließ er das Gefängnis. Der Wachposten trug ihm die Schatulle nach ..... Seliphan und Petruschka waren ganz selig, als sie sahen, daß ihr Herr wieder frei war, und freuten sich, als ob Gott weiß was passiert wäre. »Nun, meine Lieben,« sagte Tschitschikow, indem er sich gnädig an sie wandte: »jetzt müssen wir packen und abreisen.«

»Seien Sie unbesorgt, Pawel Iwanowitsch. Sie sollen sehen, wie wir fliegen werden,« sprach Seliphan: »Wir werden jetzt einen guten Weg haben: es ist reichlich Schnee gefallen. Es ist wirklich Zeit, daß wir die Stadt verlassen. Wahrhaftig, ich habe sie bald so satt, daß ich sie garnicht mehr ansehen mag.«

»Geh zum Wagenbauer und sage ihm, er soll unsere Kutsche auf ein Schlittengestell setzen,« versetzte Tschitschikow und ging selbst in die Stadt. Aber er konnte sich doch nicht entschließen, Abschiedsbesuche zu machen. Nach diesem unglücklichen Vorfall war es ihm peinlich, um so mehr, da in der Stadt allerlei äußerst ungünstige Gerüchte über ihn zirkulierten. Er suchte jeder Begegnung mit Bekannten sorgfältig aus dem Wege zu gehn und trat nur ganz unbemerkt in den Laden jenes Kaufmannes, bei dem er den Stoff von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz gekauft hatte; er erstand noch einmal vier Arschin zu einem Frack und Hosen und begab sich hierauf selbst zu demselben Schneider, der ihm den Anzug genäht hatte. Dieser erklärte sich bereit, seinen Fleiß und Eifer für den doppelten Preis gleichfalls zu verdoppeln und ließ das Völkchen seiner Gehilfen die ganze Nacht hindurch bei Kerzenlicht mit Schere, Bügeleisen und Zähnen arbeiten, sodaß der Frack noch am nächsten Tage fertig war. Die Pferde waren schon angespannt, aber Tschitschikow wollte den Frack dennoch erst anprobieren. Er war sehr schön, ganz ebenso schön wie der erste. Aber ach! Tschitschikow bemerkte etwas Glänzendes, weiß Schimmerndes zwischen seinen Haaren und murmelte schmerzlich: »Wie konnte ich mich auch so der Verzweiflung hingeben? Vor allem aber hätte ich mir die Haare nicht ausraufen dürfen!« Nachdem er seine Schneiderrechnung bezahlt hatte, setzte er sich in seinen Wagen und verließ die Stadt in einer seltsamen Gemütsverfassung. Das war nicht mehr der alte Tschitschikow: das war nur noch eine Ruine des früheren Tschitschikow. Man konnte seinen inneren Seelenzustand mit einem zerstörten Gebäude vergleichen, das nur deswegen niedergerissen wurde, um ein neues daraus zu erbauen, mit dessen Wiederaufbau man jedoch noch nicht begonnen hat, weil der Architekt den definitiven Plan noch nicht gesandt und die Arbeiter im Zweifel sind, was sie tun sollen. Eine Stunde vor ihm war der alte Murasow zusammen mit Potapytsch in einem mit Matten gedeckten Zeltwagen abgefahren, und eine Stunde nach Tschitschikows Abreise erging der Befehl an die Beamten, vor dem Fürsten zu erscheinen: er verreise nach Petersburg und wolle sie vorher alle, bis auf den letzten noch einmal sehen.

In dem großen Saal des Hauses, welches der General-Gouverneur bewohnte, war die gesamte Beamtenschaft der Stadt versammelt vom Gouverneur bis zum letzten Titularrat: die Bürovorsteher und Abteilungschefs, allerhand Räte, Assessoren, Kislojedow, Krasnonossow, Samoswistow, solche die Geschenke annahmen und solche, die keine annahmen, ganze und halbe Heuchler und Pharisäer, und solche, die gar nicht heuchelten. Sie alle warteten nicht ohne Unruhe und Aufregung auf das Erscheinen des Generalgouverneurs. Endlich betrat der Fürst den Saal, er war weder finster noch heiter: sein Blick war ebenso fest wie sein Schritt. Die ganze Beamtenschaft verbeugte sich -- viele verneigten sich tief bis zur Erde. Der Fürst antwortete mit einer leichten Verbeugung und begann folgendermaßen:

»Ehe ich nach Petersburg reise, hielt ich es für richtig, Sie noch einmal zu sehen und Ihnen wenigstens zum Teil den Anlaß zu meiner Reise mitzuteilen. Es hat sich hier eine sehr unangenehme und peinliche Sache abgespielt. Ich nehme an, daß viele von den Anwesenden wissen, welche Sache ich meine. Diese Sache hat zur Aufdeckung einer ganzen Reihe von Vorgängen geführt, die nicht weniger schmachvoll sind, und in die sogar solche Männer verwickelt scheinen, die ich bisher für rechtschaffen und ehrlich hielt. Mir ist auch die geheime Absicht bekannt, alles so zu verwirren und durcheinanderzubringen, daß es völlig unmöglich werde, diesen Fall auf dem formalen Rechtsweg zu entwirren und zu erledigen. Ich weiß auch, wer der Hauptschuldige ist, obwohl er es sehr klug und fein verstanden hat, alle Beweise für seine Teilnahme zu beseitigen. Nun aber habe ich mich entschlossen, der Sache nicht auf dem formalen Rechtswege noch auf dem Aktenwege nachzugehen, sondern sie wie in Kriegszeiten vor das Kriegsgericht zu bringen und rasch zu erledigen. Ich hoffe, daß der Kaiser mir die Vollmacht dazu geben wird, wenn ich ihm den ganzen Vorfall ausführlich darlege. In einem solchen Fall, wo es nicht möglich ist, den bürgerlichen Rechtsweg zu beschreiten, wo ganze Schränke mit Akten verbrennen, und wo man sich bemüht, durch einen Haufen von falschen Zeugnissen und unbegründeten Denunziationen eine schon an sich recht dunkle Affäre noch mehr zu verdunkeln -- da halte ich das Kriegsgericht für das einzige zuverlässige Mittel, und ich wünsche Ihre Meinung darüber zu hören.«

Der Fürst hielt einen Augenblick inne, als erwarte er eine Antwort. Alle standen stumm da, den Blick zu Boden gesenkt. Viele waren sehr bleich geworden.

»Außerdem ist mir noch eine Sache bekannt geworden, obgleich ihre Urheber der festen Überzeugung leben, daß niemand etwas davon erfahren konnte. Auch dieser Fall soll nicht auf dem Aktenwege erledigt werden, da ich selbst hier der Ankläger und Supplikant bin, und Sie können sicher sein, daß ich zwingende und evidente Beweise vorlegen werde.«

Einer der Beamten zuckte zusammen, und einzelne von den Ängstlicheren wurden gleichfalls bestürzt und verlegen.

»Es versteht sich von selbst, daß der Hauptschuldige und Anstifter seiner Titel und Ränge entkleidet und daß sein Eigentum konfisziert werden wird. Die übrigen werden ihrer Ämter enthoben. Es versteht sich von selbst, daß zugleich mit ihnen auch viele Unschuldige werden mit leiden müssen. Aber was soll ich machen? Die Sache ist zu schmählich und schreit nach einer gerechten Strafe und Ahndung. Obwohl ich weiß, daß dies nicht einmal andern zur Lehre dienen wird, da wieder andere an ihre Stelle treten und die, welche bis zu heutigem Tage ehrlich waren, unehrlich und solche, denen man Vertrauen schenken wird, zu Betrügern und Verrätern werden werden -- obwohl ich dies alles weiß, bin ich gezwungen, so hart und grausam zu verfahren, denn das Gesetz ist verletzt und fordert strengste Ahndung. Ich weiß, daß man mir Härte und Grausamkeit vorwerfen wird, aber ich weiß auch ... daß ich Sie in ein gefühlloses Werkzeug der Gerechtigkeit verwandeln muß, das auf die Häupter der Schuldigen herabfallen soll.«

Ein Zittern lief unwillkürlich über alle Gesichter.

Der Fürst war sehr ruhig. Weder Zorn noch Empörung spiegelte sich in seinen Zügen.

»Jetzt bittet euch derselbe, in dessen Händen das Schicksal vieler liegt und den selbst keine Bitten zu erreichen vermochten, jetzt fleht er euch alle an: Alles soll vergessen, jede Schuld soll getilgt und vergeben sein: ich will euer aller Fürsprecher sein, wenn ihr meine Bitte erfüllen wollt. Meine Bitte aber ist diese: Ich weiß, daß kein Mittel, keine Einschüchterung und keine Strafe imstande ist, das Unrecht auszurotten, es hat schon zu tief Wurzeln gefaßt. Die schimpfliche Sitte, Geschenke anzunehmen, ist zur Notwendigkeit und zum Bedürfnis geworden, selbst bei solchen Leuten, die nicht mit der Anlage zum Bösen geboren wurden. Ich weiß wohl, daß es für viele beinahe unmöglich ist, gegen die allgemeine Strömung zu schwimmen. Und doch muß ich heute, in einem entscheidenden und großen Augenblick, wo das Vaterland in Gefahr ist, und wo ein jeder Bürger alles auf sich nimmt und alles zum Opfer bringt, -- einen Ruf an Sie ergehen lassen, oder doch wenigstens an die unter Ihnen, die noch ein russisches Herz in der Brust tragen, und für die _Großherzigkeit_ und _Edelmut_ noch keine leeren Worte geworden sind. Wozu wollen wir hier davon reden, wer von uns am meisten schuldig ist? Vielleicht trage ich die größte Schuld; vielleicht habe ich Sie zuerst allzu strenge und unfreundlich empfangen; vielleicht habe ich durch meinen übertriebenen Argwohn so manchen unter euch abgestoßen, der den ehrlichen Willen hatte, mir nützlich zu sein, obgleich auch ich meinerseits etwas tun konnte .... Wenn Sie wirklich wollten, daß die Gerechtigkeit auf der Seite Ihres Landes sei, wenn Sie Ihr Vaterland wirklich lieb gehabt hätten, dann durften Sie sich nicht durch den Stolz und die Härte meines Auftretens gekränkt fühlen; Sie mußten Ihren Ehrgeiz und Ihre verletzte Eitelkeit unterdrücken und Ihr eigenes Ich zum Opfer bringen. Ich hätte Ihre Selbstlosigkeit und Ihre hohe Liebe zum Guten unmöglich nicht bemerken und mein Ohr unmöglich Ihren verständigen und nützlichen Ratschlägen verschließen können. Am Ende muß sich doch der Untergebene an den Charakter seines Vorgesetzten und nicht der Vorgesetzte an seine Untergebenen anpassen. Jedenfalls wäre das richtiger und bequemer, denn die Untergebenen haben nur _einen_ Vorgesetzten, während der Vorgesetzte viele Hunderte von Untergebenen hat. Aber lassen wir es jetzt beiseite, wer hier die meiste Schuld trägt. Jetzt handelt es sich darum, daß uns die Pflicht auferlegt ward, das Vaterland zu retten; unser Vaterland geht nicht daran zugrunde, daß zwanzig fremde Völkerstämme uns mit Krieg überziehen, es geht zugrunde an _uns_ selbst; denn neben der rechtmäßigen Regierung und Verwaltung hat sich noch eine andre Regierung gebildet, die weit stärker ist als jede gesetzliche Macht. Man hat bestimmte Forderungen aufgestellt, alles ist genau taxiert und abgeschätzt, und die Preise sind bereits allgemein bekannt gegeben. Und kein Regierender vermag es, selbst wenn er weiser wäre als alle Gesetzgeber und Regierenden der Welt, das Übel wieder auszurotten, und wenn er die schlechten Beamten tausendmal in ihren Machtbefugnissen beschränkte, indem er noch andre Beamten anstellte, um jene zu beaufsichtigen. Alles ist umsonst, bis ein jeder von uns fühlen lernt, daß er ganz so, wie er sich in der Zeit der Volksaufstände wappnete ... heute wappnen muß gegen Unrecht und Unwahrheit. Als Russe, als ein Mensch, der durch die heiligen Bande der Blutsverwandtschaft mit euch verbunden ist, in dessen Adern dasselbe Blut fließt wie in den euren, wende ich mich in diesem Augenblick an euch. Ich wende mich an die unter euch, die einen Begriff davon haben, was eine vornehme Denkungsart ist. Ich fordere euch auf, euch an die Pflicht zu erinnern, die dem Menschen vorgezeichnet ist, an jedem Punkte, wo er steht. Ich bitte euch, euch dieser eurer Pflicht und der Bedeutung eures irdischen Berufes klarer bewußt zu werden, weil uns dieses nur dunkel vorschwebt, und weil wir kaum ...«

Novellen

übersetzt von Mario Spiro und S. Bugow

Der Mantel

In einer Ministerial-Abteilung ...

Aber es ist sicher besser, ich sage nicht in welcher. In Rußland nämlich gibt es keine empfindlichere Menschenklasse, als die der Ministerial-, Armee- und Kanzleibeamten, kurz, aller derer, die man im allgemeinen unter dem Namen »Bürokraten« zusammenzufassen pflegt. Hält sich heutzutage der eine von ihnen für auch nur ein wenig in seiner Ehre gekränkt, so bildet er sich sogleich ein, daß in seiner Person auch die ganze Gesellschaft eine Unbill erlitten hat. So soll neulich einmal ein Kreisrichter -- ich weiß nicht mehr, in welcher Stadt -- einen Bericht abgefaßt haben, in dem er dartun wollte, daß man den Erlassen der Regierung nicht mehr die gebührende Achtung entgegenbringe, erfreche man sich doch sogar, dem geheiligten Titel eines Kreisrichters eine verächtliche Nebenbedeutung beizulegen. Und zum Beweise dafür hatte er seinem Berichte einen riesigen Folianten beigelegt, eine Art Roman, in dem man auf jeder zehnten Seite einem völlig berauschten Kreisrichter begegnen konnte. Um also von vornherein allen künftigen Reklamationen den Riegel vorzuschieben, habe ich es vorgezogen, den Schauplatz der folgenden Vorgänge undeutlich zu lassen und mich mit der Angabe: In einer Ministerialabteilung zu begnügen. In einer Ministerialabteilung war ein Individuum beschäftigt, natürlich ein Beamter, der -- ich kann es leider nicht verschweigen -- ein wenig schlicht und unbedeutend aussah. Er war recht klein, und pockennarbig, hatte rote Haare, die ihm jedoch an der Stirn bereits ausgefallen waren, und war sogar etwas kurzsichtig, beide Wangen waren voller Runzeln, und sein Gesicht hatte eine bleiche Farbe, wie bei allen Leuten, die an Hämorrhoiden leiden. Was soll man machen. So sah nun mal unser Held aus, so hatte ihn das Petersburger Klima verunstaltet. Was seinen Rang im Amte betrifft -- denn bei uns ziemt es sich vor allem, den Rang eines Beamten festzustellen -- so war er das, was man im allgemeinen unter einem ewigen »Titular-Rat«[9] versteht; d. h. er war einer jener Unseligen, die bekanntlich schon so oft die ironischen Pfeile gewisser Schriftsteller herausgefordert haben, einer Menschenklasse, die die beklagenswerte Angewohnheit hat, Arme, die sich nicht zu verteidigen vermögen, anzugreifen. Der Familienname dieses Beamten war Baschmatschkin (zu deutsch Schuhmann). Dieser Name läßt deutlich erkennen, daß er von dem Worte Schuh herstammt; wann und zu welcher Zeit er jedoch von einem Schuh hergeleitet worden ist, das ist völlig unbekannt. Der Vater, der Großvater und sogar der Schwager unseres Beamten, sowie überhaupt sämtliche Baschmatschkins hatten immer nur Stiefel getragen, die sie sich dreimal im Jahre neu sohlen ließen. Der Vor- und Vatername unseres Helden war Akakij Akakiewitsch. Vielleicht wird der Leser diese Namen etwas seltsam und gesucht finden, aber ich kann ihm die Versicherung geben, daß dem nicht so ist, sondern daß die Umstände es zur Unmöglichkeit gemacht hatten, ihm andere Namen zu geben. Man höre, wie das kam! Akakij Akakiewitsch wurde, wenn mich nicht alles trügt, in der Nacht zum 23. März geboren. Seine verstorbene Mutter, die einen Beamten geheiratet hatte, eine gute, einfache Frau, ging natürlich, wie sich's auch gebührt, sofort daran, ihren Neugeborenen taufen zu lassen. Die Mutter lag noch im Bette, das sich der Türe gegenüber befand, zu ihrer Rechten stand der Pate, Iwan Iwanowitsch Jeroschkin, eine sehr gewichtige Persönlichkeit seines Amtes, Bürochef im Senate, -- und ihm zur Linken die Patin Arina Semenowna Biellobruschkow, die Frau eines Polizei-Inspektors, die mit mancherlei Vorzügen ausgestattet war. Man schlug der Wöchnerin drei Namen zur Auswahl vor: Mokius, Sosias oder den des Märtyrers Chosdasat.

[Fußnote 9: Die russische bürokratische Hierarchie oder der Tschin zerfällt in vierzehn Klassen. Der Titular-Rat gehört der neunten an.]

»Nein,« dachte sie, »die gefallen mir alle nicht!«

Um ihren Wünschen Rechnung zu tragen, schlug man im Kalender ein anderes Blatt auf und legte den Finger auf drei andere Namen: Trifili, Dula und Warachatius. »Aber das ist ja wie eine Strafe Gottes!« rief die alte Mutter aus. »Hat man jemals solche Namen gesehen? Wahrhaftig, heute höre ich sie zum ersten Male in meinem ganzen Leben. Wenn es wenigstens noch Waradat oder Baruch wäre, aber Trifili und Warachatius!«

Man blätterte von neuem im Kalender und fand nun Pawsikachi und Wachtissi.