Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II

Part 16

Chapter 163,719 wordsPublic domain

»Nein, nun wird es mir klar,« rief die Alte, »es soll nicht sein! So mag er denn meinetwegen den Namen seines Vaters bekommen, wenn man nun einmal keinen besseren wählen kann. Der Vater heißt Akaki. So mag der Sohn denn auch Akaki heißen!« Und so taufte man ihn denn auf den Namen Akaki Akakiewitsch. Das Kind wurde über den Taufstein gehalten: natürlich schrie es hierbei und verzog das Gesicht zu einer Grimasse, wie wenn es hätte ahnen können, daß es eines Tages Titular-Rat werden würde. So aber spielte sich dies alles ab. Wir haben diese Tatsachen deshalb so breit erzählt, damit der Leser sich davon überzeugen kann, daß es gar nicht anders hätte kommen können und daß ein anderer Name für den kleinen Akaki unmöglich gewesen wäre.

Zu welcher Zeit Akaki Akakiewitsch in die Kanzlei eintrat und wer ihm dort einen Platz verschaffte, vermag heute niemand mehr zu sagen. Wie viele Vorgesetzte aller möglichen Schattierungen auch schon aufeinander gefolgt waren, er nahm unentwegt seinen alten Platz ein, man sah ihn stets auf demselben Stuhle sitzen, in derselben Haltung, über dieselbe Arbeit gebeugt, mit demselben Range, so daß man hätte glauben können, daß er schon in diesem Zustande fertig auf die Welt gekommen sei, mit seinen kahlen Schläfen und in seiner Dienstuniform. -- In der Kanzlei, in der er angestellt war, nahm niemand auch nur die geringste Rücksicht auf ihn. Selbst die Bureaudiener erhoben sich nicht bei seinem Eintritte, sie beachteten ihn nicht im mindesten und rechneten mit ihm nicht mehr als mit einer Fliege, die gerade davongeflogen war. Seine Vorgesetzten behandelten ihn mit kalter Herrschsucht. Die Gehilfen des Bureauchefs dachten nicht einmal daran, ihm zu sagen, wenn sie vor ihm einen Stoß von Papieren aufhäuften:

»Haben Sie doch die Güte, dieses hier abzuschreiben!« --

oder etwa:

»Das ist etwas sehr Interessantes, eine äußerst angenehme Arbeit!«

oder irgend ein angenehmes Wort, wie es unter wohlerzogenen Beamten am Platze ist.

Akaki nahm jedoch stets die Akten an, ohne danach zu fragen, wer sie vor ihm hingelegt hatte, und ob der Betreffende überhaupt dazu berechtigt gewesen war. Er nahm sie und begann sie sofort getreulich abzuschreiben. Seinen Kollegen, die bei weitem jünger als er waren, diente er als Gegenstand für ihre Spöttereien und zur Zielscheibe für ihre Geistesblitze -- soweit man bei Beamten und besonders bei Kanzleibeamten überhaupt von Geist reden kann. Bald erzählten sie sich eine Menge erfundener Geschichten über ihn und über die Frau, bei der er wohnte, eine siebzigjährige Greisin. Man sprach davon, daß sie ihn hin und wieder verprügle, man fragte ihn, wann er denn mit ihr vor den Altar treten wolle. Oder man ließ auch auf sein Haupt Papierkügelchen herabregnen und wollte ihm dann weismachen, daß es Schneeflocken wären. Aber Akaki schenkte diesen Attacken nicht die geringste Beachtung; er erweckte den Eindruck, als wüßte er garnichts von der Gegenwart der andern. Alle diese kleinen Quälereien taten seiner Beharrlichkeit im Arbeiten keinen Abbruch, und trotz all dieser Versuchungen lief ihm auch nicht ein einziger Schreibfehler unter. Wurde ihm jedoch einmal der Scherz zu unerträglich, zerrte man ihn etwa am Arme und hinderte ihn am Schreiben, so sagte er auch dann nur:

»Lassen Sie mich doch in Ruhe! Warum wollen Sie mich denn durchaus beleidigen?« Und es lag etwas merkwürdig Rührendes in diesen Worten und in der Art, wie er sie sprach.

Eines Tages geschah es, daß ein junger Mann, der soeben eine Anstellung im Bureau erhalten hatte und nach dem Beispiel der andern sich auf seine Kosten lustig machen wollte, beim Klange dieser Stimme dastand, als hätte er einen Stich ins Herz bekommen, -- und von nun an sah er den alten Beamten mit ganz andern Augen an.

Man hätte meinen können, daß eine übernatürliche Macht ihn von seinen Kollegen, die er soeben erst kennen gelernt und die er zuerst für gebildete und anständige Leute gehalten hatte, trennte. Ja bald empfand er vor ihnen nur noch einen starken Widerwillen. Und noch viel später mitten in der lustigsten Gesellschaft stand ihm das Bild dieses alten kleinen Titularrates mit der kahlen Stirn vor Augen und in seinen Ohren tönten die Worte wider:

»Lassen Sie mich doch! Weshalb wollen Sie mich denn durchaus beleidigen?«

Und er hörte mit diesen Worten auch noch andere, die in ihnen schlummerten:

»Bin ich nicht euer Bruder?«

Der junge Mann verbarg sein Gesicht in den Händen, und oft noch zuckte er später bei der Erkenntnis zusammen, daß das menschliche Herz doch nur wenig menschliche Empfindung in sich berge, und daß soviel Härte und Roheit selbst denen eigen wäre, die eine feine und vornehme Erziehung genossen hätten, und o Gott! auch in denen, die im allgemeinen für gütige und ehrenwerte Menschen galten.

Nirgends konnte man einen Beamten finden, der seinen Pflichten mit gleichem Eifer oblag wie unser Akaki Akakiewitsch. Was sage ich, mit gleichem Eifer -- arbeitete er doch mit Liebe, mit Leidenschaft. Wenn er Akten abschrieb, so öffnete sich vor ihm eine überaus schöne, eine freundliche Welt. Man konnte von seinen Zügen das Vergnügen, das ihm das Kopieren bereitete, ablesen. Es gab für ihn Lieblingsbuchstaben, die er mit einer ganz besonderen Genugtuung malte -- in der wahren Bedeutung des Wortes; kam er an eine wichtige Stelle, so wurde er ein ganz anderer: er lächelte, seine Augen funkelten, seine Lippen bewegten sich, -- und wer ihn kannte, konnte leicht aus seiner Physiognomie ersehen, welchen Buchstaben er jetzt gerade druckte.

Wäre er nach Verdienst belohnt worden, so hätte er sich zu seinem eigenen Erstaunen vielleicht zum Range eines Staatsrates erhoben gesehen. Aber, wie seine witzigen Kollegen sagten, durfte er in seinem Knopfloche nichts wie eine Schnalle tragen, und seine ganze Beharrlichkeit trug ihm nur Hämorrhoiden ein.

Übrigens muß ich hier hinzufügen, daß er eines Tages doch eine gewisse Aufmerksamkeit erregte. Ein Direktor, ein anständiger, wohlgesinnter Mann, der ihn für seinen langen Dienst belohnen wollte, befahl, ihm eine wichtigere Arbeit anzuvertrauen als die, die in der Kopierung der gewöhnlichen Akten bestand, und zwar sollte er einen Bericht an irgend eine andere Behörde abfassen, die Titel verschiedener Akten ändern und im ganzen Texte das Pronomen der ersten Person durch das der dritten ersetzen.

Akaki machte sich an die Arbeit, aber sie erregte ihn derartig, sie kostete ihn solche Anstrengungen, daß ihm der Schweiß von der Stirn rann und er endlich ausrief:

»Nein, gebt mir lieber etwas zum Abschreiben!«

Und von nun an ließ man ihn bis an sein Lebensende kopieren.

Es schien fast, als ob außer seinen Kopieen nichts auf der Welt für ihn existiere. An seinen Anzug dachte er nie. Seine ursprünglich grüne Uniform hatte allmählich eine mehlig-rote Farbe angenommen; sein Kragen war so eng und so niedrig, daß sein Hals, der eigentlich kurz war, beträchtlich über ihn hinausragte und abnorm lang erschien, ähnlich wie bei jenen Gipskatzen mit beweglichen Köpfen, die die fremden Hausierer in den russischen Dörfern feilbieten, um sie an die Bauern zu verkaufen.

Stets gab es irgend ein Ding, das an seiner Kleidung haften geblieben war, -- bald ein Faden, bald ein Strohhalm. Außerdem hatte er eine ganz besondere Vorliebe dafür, gerade in dem Momente unter einem Fenster vorbeizugehen, wo man aus ihm einen nichts weniger als reinlichen Gegenstand auf die Straße warf, und nur selten war sein Hut nicht mit einer Melonenschale oder ähnlichem Plunder garniert. Niemals fiel es ihm ein, sich mit dem, was auf den Straßen vor sich ging und alltäglich vor sich geht, zu beschäftigen, mit Dingen, die die kecken forschenden Blicke seiner jungen Kollegen unbedingt auf sich zogen; ja, die waren gewohnt, wenn sie spazieren gingen, auf dem entgegengesetzten Trottoir sofort alles Merkwürdige herauszufinden, wenn etwa ein Sterblicher mit zerrissenen Beinkleidern sich zeigte, was ihnen stets ein boshaftes Lächeln entlockte.

Akaki Akakiewitsch seinerseits sah nur die geraden und regelmäßigen Linien seiner Kopieen vor sich, und er mußte schon plötzlich an die Schnauze eines Pferdes, das ihm seinen vollen Atem ins Gesicht blies, geraten, um sich zu erinnern, daß er sich nicht vor seinem Pult befand, vor seinen schönen kalligraphischen Musterbeispielen, sondern mitten auf der Straße. Und kam er nach Hause, so setzte er sich sofort zu Tisch, schlang hastig seine Kohlsuppe hinunter und verzehrte dann unbekümmert um das, was man ihm vorsetzte, irgend ein Stück Rindfleisch mit Knoblauch -- samt den Fliegen und andern Lieblichkeiten, die Gott und der Zufall dazugetan hatten. Hatte er seinen Magen gefüllt, dann stand er auf, holte ein kleines Tintenfaß aus der Tasche und begann pflichtgemäß die Akten abzuschreiben, die er sich nach Hause mitgenommen hatte. Hatte er zufällig gerade keine dienstlichen Schriftstücke abzuschreiben, so kopierte er zu seinem eigenen Vergnügen Dokumente, denen er eine besondere Wichtigkeit beimaß -- nicht wegen ihrer mehr oder weniger interessanten Fassung, sondern weil sie an irgend eine hochgestellte Persönlichkeit gerichtet waren.

Selbst dann, wenn der graue Himmel St. Petersburgs von dem Schleier der Nacht verhüllt ist und der ganze Beamtenstab sein Mahl je nach seinen gastronomischen Neigungen und dem Gewichte seiner Börse eingenommen hat, -- wenn alle Welt sich von dem Kratzen der Federn im Bureau, von den Sorgen und den Geschäften und all den Unbequemlichkeiten, die sich die unruhigen Menschen oft selbst unnützerweise auferlegen, zu erholen sucht, so ist es ganz natürlich, daß die Beamten den Rest des Tages irgend einer persönlichen Zerstreuung widmen. Die einen fahren ins Theater, die andern gehen spazieren und vergnügen sich damit, die Toiletten und Hüte zu betrachten, andere wieder besuchen eine Soirée, wo sie an irgend ein hübsches Mädchen -- irgend einen Stern, der am bescheidenen Horizonte ihres bürokratischen Himmels aufsteigt, einige zärtliche und tiefempfundene Worte richten. Manche dagegen -- und diese sind die zahlreichsten -- besuchen einen Kollegen, der im dritten oder vierten Stockwerke eine kleine Wohnung, bestehend aus einer Küche und einem Zimmer inne hat, ja einem Zimmer, das einen mühselig erbeuteten Luxusgegenstand, eine Lampe oder irgend einen auf Grund langer Einschränkungen gekauften Artikel birgt.

Kurz, es ist die Stunde, da jeder Beamte auf die eine oder die andere Weise seinem Müßiggange nachgeht: hier spielt man eine Partie Whist, dort nimmt man Tee mit billigen Bisquits zu sich oder man raucht aus einer langen Pfeife Tabak. Man erzählt sich die Skandalgeschichten, die in der großen Welt passieren, denn in welcher Situation sich der Russe immer befinden mag, nie kann er seine Gedanken von seiner offiziellen Gesellschaft wegwenden, über die so kuriose Anekdoten im Umlaufe sind, wie zum Beispiel die von dem Kommandanten, dem heimlich hinterbracht wird, irgend ein Schurke habe dem Pferde auf dem Standbild Peters des Großen den Schweif abgeschnitten.

Mit einem Wort, selbst in diesen Stunden der Erholung und des Amüsements blieb Akaki Akakiewitsch seinen Gewohnheiten treu. Niemand hätte sagen können, daß er ihn auch nur ein einziges Mal des Abends in Gesellschaft gesehen habe. Wenn er vom vielen Abschreiben müde geworden war und nicht mehr weiter konnte, legte er sich zu Bett und dachte an die Freuden des folgenden Tages, an all die schönen Kopieen, die ihm der liebe Gott noch reserviert hatte.

So floß das friedliche Leben eines Mannes hin, der bei einem Einkommen von vierhundert Rubeln mit seinem Schicksale vollkommen zufrieden war, und er würde vielleicht ein hohes Alter erreicht haben, wäre er nicht einem unglücklichen Zwischenfall zum Opfer gefallen, wie er nicht nur Titularräte, sondern auch die geheimen, die wirklichen Staatsräte, die Hofräte und selbst die, die niemals einen Rat geben oder empfangen, treffen kann.

In St. Petersburg haben alle diejenigen, die nur über ein Einkommen von ungefähr vierhundert Rubeln verfügen, einen furchtbaren Feind, und dieser gräßliche Feind ist kein anderer als der nordische Winter, obwohl man im allgemeinen behauptet, er wäre der Gesundheit sehr zuträglich.

Gegen neun Uhr morgens, wenn die Beamten der verschiedenen Ämter sich in ihr Bureau begeben, sticht ihnen die Kälte ohne Unterschied so sehr die Nase, daß die meisten von ihnen nicht wissen, wohin sie sie verstecken sollen.

Wenn in solchen Augenblicken die hohen Würdenträger in Person so sehr unter der Kälte leiden, daß ihnen die Stirne weh tut und die Tränen in die Augen steigen, wie schlimm muß es da erst den Titularräten ergehen, die doch über gar keine Mittel verfügen, um sich gegen die Unbilden der Kälte zu schützen. Da sie sich nur in einen leichten Mantel haben hüllen können, so bleibt ihnen als letzte Rettung nur übrig, fünf oder sechs Straßen im Eilschritt zu durchlaufen und sodann bei dem Portier halt zu machen, um hier so lange auf den Füßen herumzuspringen, bis sie ihre eingefrorenen bureaukratischen Fähigkeiten wiedererlangt hatten.

Seit einiger Zeit empfand Akaki Akakiewitsch im Rücken und in den Schultern einen stechenden Schmerz, obwohl er in großer Eile und außer Atem die Entfernung von seiner Wohnung zu seinem Bureau zu durchlaufen pflegte. Nachdem er lange hierüber nachgedacht hatte, gelangte er schließlich zu der Annahme, daß sein Mantel nicht mehr ganz intakt sein müsse. Kaum war er in sein Zimmer eingetreten, als er dieses Kleidungsstück sorgfältig untersuchte und hierbei feststellte, daß der einst so kostbare Stoff an zwei oder drei Stellen sich in den reinsten Tüll verwandelt hatte und so dünn geworden war, daß er fast durchsichtig schien; außerdem war das Futter völlig zerrissen. Man muß nämlich wissen, daß dieser Mantel schon lange zur Zielscheibe für die Spöttereien von Akakis mitleidslosen Kollegen gedient hatte. Ja, man hatte ihm sogar die edle Bezeichnung eines Mantels entzogen, um ihn Kapuze zu taufen. Tatsache ist allerdings, daß dieses Kleidungsstück ein äußerst merkwürdiges Aussehen hatte. Im Laufe der Jahre war der Kragen immer mehr zusammengeschrumpft, denn von Jahr zu Jahr hatte der arme Titular-Rat ein Stück davon abgeschnitten, um mit ihm eine schadhafte Stelle des Mantels auszubessern, und diese Flicke verrieten nichts weniger als eine kundige Schneiderhand. Sie waren möglichst ungeschickt aufgesetzt und sahen keineswegs schön aus. Als Akaki Akakiewitsch seine traurigen Betrachtungen beendet hatte, sagte er sich, daß er ohne Zaudern den Mantel zu dem Schneider Petrowitsch, der im vierten Stock eine ganz dunkle Kammer bewohnte, bringen müsse.

Petrowitsch war ein Individuum, das schielte, pockennarbig war und im nüchternen Zustande der Ehre teilhaftig wurde, für die Herren Beamten Röcke und Beinkleider anzufertigen, wenn er nicht gerade etwas anders im Kopfe hatte. Ich könnte wohl darauf verzichten, hier länger bei diesem Schneider zu verweilen; aber da es der Brauch nun einmal so will, keine Persönlichkeit in einer Erzählung vorzustellen, deren Physiognomie man nicht genau zu schildern vermöchte, so bin ich gezwungen, meinen Petrowitsch mehr oder minder naturgetreu abzukonterfeien. Früher, als er noch bei seinem Herrn Leibeigner war, hieß er ganz schlicht Gregori. Freigelassen, glaubte er es sich schuldig zu sein, den Namen Petrowitsch anzunehmen. Zugleich begann er zu trinken, zunächst nur an den hohen Feiertagen, dann jedoch an allen Kirchenfesten, die im Kalender mit einem Kreuz verzeichnet sind. In dieser Beziehung blieb er den Gewohnheiten seiner Großväter treu, und wenn seine Frau mit ihm zanken wollte, hieß er sie eine gottlose Person und eine Deutsche. Und da wir diese Frau schon erwähnt haben, so wollen wir auch von ihr noch ein paar Worte sagen: leider ist nur nicht viel über sie zu berichten, außer daß sie eben die Frau des Petrowitsch war, und daß sie eine Haube auf dem Kopfe trug. Im übrigen war sie nicht gerade eine Schönheit zu nennen, höchstens erlaubte es sich ein Gardesoldat, wenn er ihr auf der Straße begegnete, ihr unter die Haube zu gucken, seinen Mund zu einem Lächeln zu verziehen und einen unbestimmten Laut von sich zu geben. Akaki Akakiewitsch kletterte also bis zur Mansarde des Schneiders hinauf. Die Treppe, die zu ihr führte, war dunkel, schmutzig, feucht und strömte, wie alle Proletarierwohnungen in St. Petersburg, einen Nase und Augen beizenden Branntweingeruch aus.

Während der Titular-Rat die schlüpfrigen Stufen hinaufkroch, überlegte er, welchen Preis Petrowitsch wohl für die Reparatur fordern könnte, und er beschloß, ihm unter keinen Umständen mehr als zwei Rubel anzubieten.

Die Tür des Schneiders stand weit offen, um den Rauchwolken aus der Küche einen Ausgang zu verschaffen; Petrowitschs Frau war gerade dabei, hier Fische zu braten. Akaki Akakiewitsch ging quer durch die Küche, die so voller Rauch war, daß man nicht einmal die vielen sie bevölkernden Schwaben sehen konnte, er ging durch die Küche, ohne daß die Frau seiner ansichtig wurde und trat in die Stube hinein, wo der Schneider auf einem großen, roh gezimmerten und ungestrichenen Tische saß, die Beine wie ein türkischer Pascha übereinandergeschlagen und nach der Art der meisten russischen Schneider mit nackten Füßen.

Wenn man an ihn näher herantrat, so zog vor allem ein Umstand die Aufmerksamkeit auf ihn: nämlich der Nagel eines Daumens, der zwar ein wenig verstümmelt, sonst aber hart und starr war wie die Schale einer Schildkröte. Um den Hals hatte er einen Knäul Seidenfaden und mehrere Zwirnsträhne geschlungen und auf seinen Knieen lag ein zerfetzter Rock. Seit einigen Minuten bemühte er sich, eine Nadel einzufädeln, jedoch ohne Erfolg. Er wetterte zuerst auf die Dunkelheit, dann auf den Faden.

»Willst du nun endlich hinein, Taugenichts!« schrie er. »Bald habe ich keine Kraft mehr, verdammtes Ding!«

Akaki Akakiewitsch merkte sogleich, daß er einen ungünstigen Augenblick erwischt hatte, wo Petrowitsch schlechter Laune war. Es wäre ihm lieber gewesen, Petrowitsch in einer jener günstigen Stunden anzutreffen, in denen der Schneider schon ein wenig angeheitert war, oder -- wie seine Frau sich auszudrücken pflegte -- wo dieser einäugige Teufel sich eine solide Ration Fusel einverleibt hatte. Dann war es für den Kunden ein leichtes, ihm einen beliebigen Preis aufzuschwatzen, ja der Schneider ging in seinen Komplimenten bisweilen so weit, daß er sich ehrfürchtig vor ihm vorbeugte und ihn mit Danksagungen überschüttete.

Oft jedoch mischte sich die Frau in die geschäftlichen Abmachungen, beklagte sich über ihren Mann, schrie und tobte und erklärte, er sei betrunken gewesen und habe die Arbeit zu einem viel zu niedrigen Preise angenommen. Dann bot man einige Kopeken mehr, und der Handel war abgeschlossen.

Heute aber hatte zu des Titular-Rats Unglück Petrowitsch bis zu diesem Momente noch nicht der Flasche zugesprochen, und in dieser Gemütsverfassung war der Schneider starrköpfig, unvernünftig und fähig, einen schrecklich hohen Preis zu fordern.

Akaki Akakiewitsch sah diese Gefahr voraus und hätte gern wieder Reißaus genommen; jedoch es war dazu zu spät: das Auge des Schneiders, sein einziges Auge, denn er war einäugig, hatte ihn bereits entdeckt, und so stammelte denn Akaki Akakiewitsch mechanisch:

»Guten Tag, Petrowitsch!«

»Guten Tag, Herr!« antwortete der Schneider, dessen Blick sich sofort auf die Hand des Titular-Rates heftete, um zu erkennen, was für ein Objekt sie trug.

»Ich war gekommen ... Petrowitsch, nun ... Ich wollte ...«

Hier ist die Bemerkung am Platze, daß der furchtsame Titular-Rat es sich zur Regel gemacht hatte, seine Gedanken nur durch halbe Phrasen, Worte, Präpositionen, Adverbien oder Redeteile, die überhaupt keinen Sinn ergaben, auszudrücken.

War jedoch die Angelegenheit, um die es sich handelte, von besonderer Wichtigkeit, so gelang es ihm niemals, den angefangenen Satz zu Ende zu sprechen. Wenn die Sache jedoch ganz besonders schwierig war, dann stotterte er nur ein paar Worte heraus: »Das ist doch wirklich ganz ...« und dann folgte überhaupt nichts mehr. Bald hatte er selbst vergessen, was er eigentlich sagen wollte und glaubte, er habe schon alles gesagt.

»Was wünschen Sie, Herr?« fragte Petrowitsch ihn, indem er ihn mit seinem einzigen Auge vom Kopf bis zu den Füßen musterte und seinen fragenden Blick über Kragen, Manschetten, Taille, Knöpfe, kurz über die gesamte Uniform Akakis gleiten ließ, die er sehr gut kannte, da er selbst all diese Herrlichkeiten angefertigt hatte. Das ist nun mal die Eigentümlichkeit aller Schneider, dies ist ihr erster Gedanke, sowie sie einem Bekannten begegnen.

Akaki antwortete stotternd wie gewöhnlich:

»Ich möchte ... Petrowitsch, ... dieser Mantel ... sehen Sie das Tuch ... übrigens ... ich für meinen Teil ... ich glaube, er ist noch ganz gut ... nur ein wenig bestaubt ... Ja, ja, er sieht schon ein wenig abgetragen aus ... aber er ist doch noch ganz neu ... nur an einer Stelle ein wenig abgescheuert ... da, am Rücken ... und hier an der Schulter ... zwei oder drei kleine Risse ... Sehen Sie es nicht? ... es ist ja gar nicht der Rede wert ... Es ist gar nicht viel daran zu tun ...«

Petrowitsch ergriff den unglückseligen Mantel, breitete ihn auf dem Tische aus, betrachtete ihn schweigend und schüttelte dann das Haupt. Dann streckte er den Arm nach dem Fenster aus, um sich seine runde mit dem Bilde eines Generals gezierte Tabaksdose herunterzunehmen. Ich weiß nicht, was das für ein General war, denn die Stelle, wo sich das Gesicht befand, war mit dem Finger durchlöchert, und da hatte der Schneider flugs einen viereckigen Streifen Papier darüber geklebt.

Als Petrowitsch sich nun endlich eine Prise genommen hatte, nahm er die Kutte von neuem in die Hände, hielt sie ans Licht und schüttelte zum zweitenmal den Kopf. Sodann schaute er sich genau das Futter an, schüttelte sie nochmals, hob wiederum den Deckel seiner vor Zeiten mit dem Porträt eines Generals geschmückten und mit einem Papierstreifen geflickten Tabakdose hoch, entnahm ihr eine zweite Prise, machte die Dose zu, steckte sie ein und schrie endlich:

»Daran ist überhaupt nichts mehr auszubessern! Das ist ja nur ein ganz elender Fetzen!«

Bei diesen Worten krampfte sich Akaki Akakiewitschs Herz zusammen.

»Weshalb nicht, Petrowitsch?« fragte er in dem weinerlichen Ton eines Kindes, »dieser Rock sollte nicht mehr auszubessern sein? Aber so sehen Sie doch, Petrowitsch! nicht wahr, es sind ja nur ein paar Risse an der Schulter drin, und Sie haben genug Flicken, um sie aufzunähen.«

»Allerdings habe ich genug Flicken,« versetzte Petrowitsch, »aber wie soll ich sie denn darauf nähen? Das Tuch ist abgescheuert und hält nirgends mehr stand.«

»Ach was! so werden Sie einfach einen größeren Flicken nehmen!«

»Wo soll man denn da einen Flicken aufsetzen, der wird ja doch nicht halten, der Flicken wäre auch zu groß; das kann man doch kaum noch Tuch nennen, ein Windstoß genügt ja, um es völlig zu zerfetzen!«

»Näh ihn ... schon auf ... Ich bitte dich ... Das geht doch nicht.«

»Nein!« erwiderte Petrowitsch bestimmten Tones, »da ist gar nichts mehr zu machen! Dieser Stoff hat ausgedient. Es wäre besser, daraus für den Winter Fußlappen zu machen; das wärmt die Füße weit mehr als Strümpfe. Ja, ja, das ist auch so eine deutsche Erfindung, um den Leuten Geld abzunehmen.«

Petrowitsch ließ keine Gelegenheit vorübergehen, ohne den Deutschen eins auszuwischen.

»Sie müssen sich einen neuen Mantel machen lassen,« fügte er hinzu.

»Einen neuen Mantel?«

Akaki Akakiewitsch ward es schwarz vor den Augen. Das Atelier des Schneiders fing an ihn zu umkreisen und der einzige Gegenstand, den er deutlich zu erkennen vermochte, war das mit Papier überklebte Porträt des Generals auf Petrowitschs Tabaksdose.

»Einen neuen Mantel?« murmelte er wie traumverloren. »Aber ich habe doch kein Geld dazu.«

»Jawohl, einen neuen Mantel!« wiederholte Petrowitsch mit grausamer Beharrlichkeit.

»Aber, ... selbst ... wenn ... angenommen, ich faßte einen solchen Entschluß ... wieviel? ...«