Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II
Part 17
»Sie wollen sagen, wieviel er kosten würde?«
»Ja.«
»So was wie hundertundfünfzig Papierrubel werden Sie schon anwenden müssen,« erwiderte der Schneider, indem er die Lippen zusammenkniff.
Dieser Schneider liebte die starken Effekte und fand ein ganz besonderes Vergnügen darin, seine Kunden zu verblüffen und dann mit seinem einzigen schielenden Auge den Ausdruck ihres Gesichts zu beobachten.
»Hundertundfünfzig Rubel für einen Mantel?« sagte Akaki Akakiewitsch.
Und der Titular-Rat sprach diese Worte mit einem Ton aus, der fast einem Schrei glich, vielleicht dem ersten, den er seit seiner Geburt ausgestoßen hatte, denn gewöhnlich sprach er ja mit großer Furchtsamkeit.
»Ja,« versetzte Petrowitsch, »ohne Marderkragen und Seidenfutter für den Umhang; sonst würde er sich auf zweihundert Rubel belaufen.«
»Petrowitsch, ich beschwöre Sie,« unterbrach ihn Akaki Akakiewitsch flehend, der auf den Schneider und all seine Effekte gar nicht mehr hörte, ihn auch nicht hören wollte; »ich beschwöre Sie, diesen Mantel irgendwie auszubessern, damit er noch eine Zeit halten kann!«
»Nein! das wäre verlorene Mühe und eine unnütze Ausgabe, eine reine Verschwendung,« versetzte Petrowitsch.
Akaki Akakiewitsch zog sich nach diesen Worten ganz niedergeschmettert zurück, während Petrowitsch mit zusammengekniffenen Lippen, mit sich selbst äußerst zufrieden wegen der so mannhaften Verteidigung des gesamten Schneiderstandes, stehen blieb.
Ziellos und betäubt irrte Akaki wie ein Somnambule in den Straßen umher.
»Welche Widerwärtigkeit!« sprach er beim Gehen vor sich hin. »Wahrhaftig, ich hätte niemals gedacht, daß das so ausgehen würde ... Nein,« fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort, »ich konnte nicht annehmen, daß es dazu kommen würde ...« Dann schwieg er wieder eine Weile still und sagte schließlich: »Ich befinde mich augenblicklich in einer durchaus unerwarteten Situation ... in einer solchen Verlegenheit, daß ...«
Und während er solcher Art sein Selbstgespräch fortsetzte, schlug er, anstatt nach Hause zu gehen, eine seiner Wohnung völlig entgegengesetzte Richtung ein, jedoch ohne dessen gewahr zu werden. Ein Schornsteinfeger schwärzte ihm beim Vorübergehen den Rücken. Von einem im Bau befindlichen Hause herab fiel ihm eine ganze Mütze mit Gips auf den Kopf; er jedoch sah und merkte nichts. Erst als er mit gesenktem Haupte gegen einen Wachtposten stieß, der ihm mit vorgehaltener Hellebarde den Weg versperrte und ihm aus seiner Dose Tabak auf die schwielige Hand schüttete, erwachte er rauh aus seinen Träumen.
»Was tust du hier?« schrie ihn der brutale Hüter der öffentlichen Ordnung an; »kannst du nicht, wie es sich gehört, auf dem Trottoir gehen?«
Dieser plötzliche Anruf riß Akaki Akakiewitsch endlich völlig aus dem Zustande der Betäubung. Er sammelte wieder seine Gedanken, überblickte kaltblütig die Situation und ging ernst und freimütig mit sich zu Rate wie mit einem Freunde, dem man alle seine Herzensgeheimnisse anvertraut.
»Nein,« sagte er endlich, »heute werde ich nichts bei Petrowitsch erreichen; heute ist er schlechter Laune ... vielleicht hat ihn seine Frau geprügelt, -- ich werde ihn nächsten Sonntag wieder aufsuchen. Sonntag Morgen nach einer durchschwärmten Nacht wird er stark schielen, Durst haben, trinken wollen und seine Frau gibt ihm kein Geld dazu. Ich werde ihm ein Zehnkopekenstück in die Hand drücken, dann wird er viel eher zugänglich sein und mit sich über den Mantel sprechen lassen.«
Sich an dieser Hoffnung stützend, wartete Akaki Akakiewitsch bis zum nächsten Sonntag. An diesem Tage begab er sich, als er von ferne Petrowitschs Frau ihr Haus hatte verlassen sehen, zu dem Schneider und fand ihn, wie er erwartet hatte, in dem Zustande völligster Niedergeschlagenheit. Er schielte stärker als je und war ganz verschlafen. Kaum hatte jedoch der Schneider vernommen, worum es sich handelte, als er Akaki Akakiewitsch sofort anschnauzte, als sei der Teufel in ihn gefahren.
»Nein, da gibts gar nichts mehr zu tun! Sie können sich jetzt nur einen neuen Mantel kaufen.«
Akaki Akakiewitsch drückte ihm hier ein Zehnkopekenstück in die Hand.
»Danke, Euer Gnaden,« antwortete Petrowitsch, »ich werde auf Ihre Gesundheit trinken. Was jedoch Ihren Mantel anbetrifft, so dürfen Sie gar nicht mehr an ihn denken. Er ist nicht mehr einen roten Heller wert. Lassen Sie mich nur ruhig gewähren, ich werde Ihnen einen prachtvollen neuen anfertigen -- ich bürge Ihnen dafür!«
Der arme Akaki Akakiewitsch bat ein Mal über das andere Mal den Schneider, den alten zu reparieren, aber Petrowitsch wollte ihn gar nicht mehr anhören und sagte: »Ich will Ihnen schon einen neuen anfertigen ... Glauben Sie mir. Ich werde mir die größte Mühe geben. Ja, ich werde sogar, wie es jetzt Mode ist, silberne Haken und Ösen an dem Kragen anbringen.«
Jetzt erst begriff Akaki Akakiewitsch, daß er sich tatsächlich einen neuen Mantel werde anschaffen müssen, und zum zweitenmal fühlte er sich einer Ohnmacht nahe. Sich einen neuen Mantel machen lassen! Aber womit ihn bezahlen? Er hatte allerdings, um die Wahrheit zu sagen, zu den Feiertagen Ansprüche auf eine offizielle Gratifikation. Aber dafür hatte er schon längst eine Bestimmung gefunden. Er mußte sich ein Paar Beinkleider kaufen und einem Schuhmacher eine alte Schuld bezahlen, der ihm zwei Paar Stiefel ausgebessert und zwei neue Schäfte aufgesetzt hatte. Er mußte sich bei der Näherin drei neue Hemden und zwei von jenen Kleidungsstücken anfertigen lassen, die beim Namen zu nennen, gegen den literarischen Anstand verstößt, kurz alles war schon im voraus bestimmt. Und sollte -- ein unerwartetes Glück! -- der Direktor etwa die Gratifikation von vierzig auf fünfzig Rubel erhöhen, was wäre schließlich dieser magere Überschuß im Vergleich mit der unerhört hohen Summe, die Petrowitsch für den Mantel gefordert hatte? Ein Tropfen Wasser im Ozean.
Er wußte freilich, daß Petrowitsch die Angewohnheit hatte, mitunter ganz unglaubliche Preise zu verlangen, sodaß sich seine Frau oft nicht enthalten konnte, ihn mit folgenden Worten anzufahren:
»Bist du verrückt, du Esel? Bald arbeitest du für ein reines Nichts, und ein andermal reitet dich der Teufel, einen so unendlich hohen Preis zu fordern, den der Kerl selbst nicht wert ist.«
Er glaube demnach, daß Petrowitsch auch mit einem Preise von achtzig Rubel für einen neuen Mantel einverstanden sein würde. Aber wo sollte man selbst diese achtzig Rubel hernehmen? Vielleicht würde es ihm gelingen, wenn er alle Hebel in Bewegung setzte, die Hälfte oder sogar noch etwas mehr aufzutreiben. Woher aber sollte er die andere Hälfte nehmen!
Wir müssen dem Leser von den Mitteln, die Akaki Akakiewitsch zur Beschaffung dieser Summe anzuwenden gedachte, Rechenschaft geben!
Er hatte die Gewohnheit angenommen, so oft er einen Rubel erhielt, eine Kopeke in eine kleine Sparbüchse zu werfen, die stets fest verschlossen war. Am Ende eines jeden Halbjahres nahm er diese kleinen Kupferstücke heraus und ersetzte sie durch Silbergeld von gleichem Werte. Dieses Sparsystem hatte er schon ziemlich lange durchgeführt, und so beliefen sich nach Verlauf einiger Jahre seine Ersparnisse auf etwas mehr als vierzig Rubel. So besaß er wenigstens die Hälfte der in Betracht kommenden Summe. Aber die andere Hälfte! Wo sollte er die andern vierzig hernehmen? Akaki stellte unabsehbare Berechnungen an; schließlich sagte er sich, daß er mindestens ein Jahr hindurch verschiedene seiner Ausgaben reduzieren könne, des Abends auf den Tee verzichten, keine Kerze anzünden und -- wenn er etwas zu arbeiten hätte -- sich mit seinen Akten ins Zimmer seiner Wirtin setzen müßte, um seine Arbeit bei ihrer Kerze zu vollenden. Er faßte auch den Entschluß, auf der Straße möglichst sanft und vorsichtig aufzutreten, ja wenn es ging auf den Zehenspitzen über das Trottoir und das Pflaster zu gehen, um seine Sohlen nicht zu schnell durchzuscheuern, seine Wäsche nicht so oft waschen zu lassen, sie beim Nachhausekommen auszuziehen und statt dessen bloß seinen baumwollenen Schlafrock anzulegen, ein zwar sehr altes Stück, das die Zeit jedoch glücklicherweise noch ziemlich verschont hatte.
Anfangs waren ihm diese Entbehrungen etwas peinlich, aber nach und nach gewöhnte er sich an seine neue Lebensweise und brachte es sogar soweit, sich, ohne Abendbrot gegessen zu haben, zur Ruhe zu begeben. Während sein Körper unter dieser Unterernährung litt, fand sein Geist in der unaufhörlichen Beschäftigung mit seinem Mantel neue Anregung. Von diesem Augenblicke an hätte man sagen können, daß seine Natur das passende Komplement gefunden, daß er sich verheiratet hätte, daß noch ein anderer Mensch immer um ihn war, daß er nicht mehr einsam war und daß ihm eine Gefährtin zur Seite stände, die ihn auf allen seinen Lebenswegen begleitete; diese Gefährtin -- war das Bild seines Mantels, wohl wattiert und gefüttert, eines Mantels, der überhaupt nicht umzubringen war.
Und man sah ihn viel entschlossener und mutiger als früher einherschreiten, er war ein Mensch geworden, der nur ein Ziel vor Augen hatte, das er auf jeden Fall erringen will. Die Charakterlosigkeit und Ängstlichkeit in seinem Gesichtsausdruck und in seinen Handlungen, seine lässige Haltung: mit einem Wort, all jene schwankenden und unsicheren Züge waren auf einmal verschwunden. Mitunter glänzten seine Augen wie in neuem Leben, und in seinen kühnen Träumen legte er sich bereits die Frage vor, ob er sich nicht an seinem Mantel auch ganz gut einen Mantelkragen anbringen lassen könne.
Diese Gedanken machten ihn bisweilen merkwürdig zerstreut. Eines Tages, als er wieder seine Akten abschrieb, bemerkte er plötzlich, daß ihm beinahe ein Fehler untergelaufen wäre.
»O, o!« rief er aus.
Und schnell machte er das Zeichen des Kreuzes.
Mindestens einmal im Monat begab er sich zu Petrowitsch, um sich mit ihm über den kostbaren Mantel zu unterhalten und andre wichtige Dinge mit ihm festzustellen, zum Beispiel wo er das Tuch kaufen solle, wie teuer es wohl zu stehen kommen werde und welche Farbe in Betracht käme.
Jeder dieser Besuche führte zu neuen Erwägungen; aber jedesmal kehrte er zwar etwas besorgt aber doch glücklich und zufrieden nach Hause zurück, denn nun mußte doch endlich der Tag erscheinen, an dem alles besorgt, und der Mantel fix und fertig sein würde.
Dieses große Ereignis trat viel früher, als er gehofft hatte, ein. Der Direktor bewilligte ihm eine Gratifikation nicht von vierzig oder fünfzig, sondern von fünfundsechzig Rubeln. Hatte etwa dieser brave Beamte bemerkt, daß unser Freund Akaki Akakiewitsch so dringend eines neuen Mantels bedurfte? oder verdankte unser Held diese seltene Freigebigkeit nur seinem guten Sterne?
Wie dem auch immer war, Akaki Akakiewitsch wurde um zwanzig Rubel reicher. Eine solche Vermehrung seiner Ersparnisse mußte notwendig die Verwirklichung seines Vorhabens beschleunigen.
Noch zwei oder drei Monate, während deren er hungerte, und Akaki Akakiewitsch hatte seine achtzig Rubel beisammen. Sein gewöhnlich friedliches Herz begann heftig zu schlagen. Sowie er die ungeheure Summe von achtzig Rubeln beisammen hatte, suchte er Petrowitsch auf, und alle beide begaben sich noch am selbigen Tage zusammen zu einem Tuchhändler.
Ohne Zaudern kauften sie dort eine gute Ware. Kein Wunder! Seit mehr denn einem Jahre hatten sie sich über diese Anschaffung unterhalten, über alle Einzelheiten hatten sie debattiert und Monat für Monat hatten sie die Auslagen des Kaufmanns aufs sorgfältigste studiert um sich über die Preise zu vergewissern. Dafür erklärte aber Petrowitsch auch, einen bessern Stoff würde man schwerlich finden. Als Futter nahmen sie äußerst feste Leinewand, die nach der Meinung des Schneiders besser als Seide war und überdies einen unvergleichlichen, viel schöneren Glanz hatte. Marder kauften sie nicht, da sie ihn zu teuer fanden, aber sie entschieden sich für das schönste Katzenfell, das es in dem ganzen Laden gab und das man schließlich wohl auch für Marder halten konnte.
Um dieses Kleidungsstück anzufertigen, bedurfte Petrowitsch voller vierzehn Tage; denn er machte eine zahllose Menge von Stichen, ohne die wäre er allerdings früher fertig geworden. Er berechnete seine Arbeit mit zwölf Rubeln; weniger konnte er nicht fordern: alles war mit Seide gearbeitet, und der Schneider hatte die Nähte mit den Zähnen, deren Spuren man noch sah, gebügelt. Endlich kam er an, der so innig herbeigesehnte Mantel. Es ist mir nicht möglich, genau den Tag zu beschreiben, aber sicherlich war es der feierlichste Tag in dem Leben Akakij Akakiewitschs.
Der Schneider brachte den Mantel selbst schon am frühen Morgen, bevor der Titular-Rat sich in sein Büro begab. Er hätte garnicht zu gelegenerer Zeit kommen können, denn die Kälte machte sich bereits bitter fühlbar, und drohte mit der Zeit noch weit heftiger zu werden.
Petrowitsch näherte sich seinem Kunden mit der würdevollen Miene eines weltberühmten Schneiders. Seine Physiognomie war von einem seltenen Ernst; niemals hatte der Titular-Rat ihn so gesehen. Er war von seinem Verdienst durchdrungen und bemaß in Gedanken voller Stolz den Abstand, der den Flickschneider von dem Künstler, dem Verfertiger neuer Kleidungsstücke, scheidet.
Der Mantel war in eine neue, erst kürzlich gewaschene Leinewanddecke gehüllt, die der Schneider sorgfältig aufknüpfte und dann wieder zusammenlegte, um sie seiner Tasche anzuvertrauen. Dann faßte er stolz den Mantel mit beiden Händen an und legte ihn Akakij Akakiewitsch auf die Schultern. Hierauf half er ihm vollends hinein, strich ihm mit der Hand noch einmal über den Rücken, und ein Lächeln der Genugtuung überlief seine Züge, als er ihn in seiner ganzen Länge majestätisch herabfallen sah; schließlich mußte Akakij Akakiewitsch ihn noch einmal weit aufmachen und sich dem Schneider von vorne präsentieren.
Als ein Mann reiferen Alters wollte Akakij Akakiewitsch auch die Ärmel anprobieren; Petrowitsch half ihm in die Ärmel hinein, und siehe da, sie saßen wundervoll. Kurz, der Mantel war tadellos in allen seinen Einzelheiten, und der Schnitt ließ nichts zu wünschen übrig.
Während der Schneider sein Werk betrachtete, verfehlte er nicht, darauf hinzuweisen, daß er ihn nur wegen der geringen Miete, weil er in einer kleinen Nebenstraße wohne und nichts für ein Aushängeschild zu zahlen brauche, sowie wegen seiner langjährigen Bekanntschaft mit Akakij Akakiewitsch so billig hergestellt hätte. Dann bemerkte er noch, daß ein Schneider vom Newski Prospekt allein für die Fasson eines gleichen Mantels mindestens fünfundsiebzig Rubel gefordert haben würde. Akakij Akakiewitsch wollte sich jedoch über diesen Punkt nicht erst in eine Diskussion einlassen, denn er fürchtete sich vor den horrenden Summen, mit denen Petrowitsch zu prahlen liebte. Er zahlte, dankte und verließ seine Stube, um sich in seinem neuen Mantel nach dem Büro zu begeben.
Petrowitsch ging mit ihm und machte mitten auf der Straße halt, um ihm so weit wie möglich mit den Augen zu folgen. Dann verließ er die Straße, durchquerte eiligst eine kleine Gasse und rannte nach der Straße zurück, um den Mantel noch einmal von einer andern Seite, d. h. von vorne zu betrachten.
Voll süßer Gedanken, in einer wahren Feiertagsstimmung, näherte sich Akakij seinem Büro. Jeden Augenblick fühlte er, daß von seinen Schultern ein neues Kleidungsstück herabhing und beglückte sich selbst mit einem holden Lächeln der Genugtuung.
Zwei Dinge vor allem gingen ihm durch den Kopf: zunächst, daß der Mantel warm war, sodann, daß er gut aussah. Ohne irgendwie auf den Weg, den er gegangen war, geachtet zu haben, betrat er plötzlich die Kanzlei, legte seinen Schatz im Vorzimmer ab, schaute ihn sich noch einmal sorgfältig von allen Seiten an und bat den Portier, recht sorgsam auf den Mantel zu achten.
Ich weiß nicht, wie sich das Gerücht in den Bureaus verbreitet hatte, daß Akaki Akakiewitsch sich einen neuen Mantel angeschafft, und die alte Kapuze zu existieren aufgehört habe. Jedenfalls eilten alle Kollegen Akaki Akakiewitschs herbei, um seinen herrlichen Mantel zu bewundern und den Titular-Rat mit so warmen Glückwünschen zu überhäufen, daß er nicht umhin konnte, ihnen mit einem Lächeln der Genugtuung zu antworten, das bald jedoch wieder einer gewissen Verlegenheit Platz machte.
Aber wie groß war seine Überraschung, als seine schrecklichen Kollegen ihn merken ließen, daß sein Mantel einer feierlichen Einweihung bedürfe und daß sie auf ein feines Mahl rechneten. Der arme Akaki Akakiewitsch war darüber so bestürzt, so betäubt, daß er nicht wußte, was er zu seiner Entschuldigung anführen sollte. Errötend stotterte er, das Kleidungsstück sei gar nicht so neu, wie man glauben mochte, der Mantel wäre vielmehr schon ganz alt.
Einer seiner Vorgesetzten, irgend ein Gehilfe des Bürovorstehers, der ohne Zweifel dartun wollte, daß er so gar nicht stolz auf seinen Rang und Titel war und daß er die Gesellschaft seiner Untergebenen nicht verschmähte, nahm das Wort und sagte:
»Meine Herren, anstelle von Akaki Akakiewitsch werde ich Sie bewirten. Ich lade Sie ein, diesen Abend den Tee bei mir einzunehmen, ich habe heute gerade Geburtstag!«
Alle Beamten dankten ihrem Chef für seine Güte und beeilten sich, seine Einladung mit großer Freude anzunehmen. Akaki Akakiewitsch wollte zuerst ablehnen, man hielt ihm jedoch vor, daß das sehr unhöflich von ihm wäre, gewissermaßen eine unverzeihliche Handlungsweise, und so fügte er sich denn in das Notwendige.
In Gedanken empfand er übrigens eine gewisse Freude darüber, daß er auf diese Art Gelegenheit hatte, sich in seinem Mantel auf der Straße zu zeigen. Dieser ganze Tag war für ihn ein Fest. In dieser glücklichen Stimmung trat er in seine Wohnung ein, zog seinen Mantel aus und hängte ihn, nachdem er einmal übers andre Stoff und Futter geprüft hatte, an die Wand. Dann holte er seine alte Kapuze herbei, um sie mit Petrowitschs Meisterstück zu vergleichen. Seine Blicke wanderten von einem Kleidungsstück zum andern und sanft lächelnd dachte er: »Welch ein Unterschied!« Und noch lange nachher, beim Mittagessen konnte er sich eines Lächelns nicht erwehren, wenn er daran dachte, in was für einer Verfassung sein alter Mantel sich befand.
Ganz fröhlich nahm er diesmal seine Mahlzeit ein, und darnach setzte er sich nicht wie sonst an seine Kopieen. Nein er streckte sich wie ein rechter Sybarit auf seinem Sofa aus und erwartete das Herannahen des Abends. Dann zog er sich schnell an, nahm seinen Mantel und ging.
Es dürfte mir leider nicht möglich sein, Ihnen die Wohnung dieses Vorgesetzten anzugeben, der seine Untergebenen so freigebig eingeladen hatte. Mein Gedächtnis beginnt bereits etwas nachzulassen, und die Straßen und Häuser St. Petersburgs richten in meinem Hirn eine derartige Verwirrung an, daß ich große Mühe habe, mich nur einigermaßen zurecht zu finden. Einzig und allein daran erinnere ich mich, daß der würdige Beamte in einem der schönsten Stadtviertel wohnte, und daß infolgedessen seine Wohnung sehr weit von der Akakis entfernt war.
Zuerst durchwanderte der Titular-Rat mehrere schlechtbeleuchtete Straßen, die ganz ausgestorben schienen, aber je mehr er sich der Wohnung seines Vorgesetzten näherte, um so heller und belebter wurden die Straßen. Er begegnete einer zahllosen Menge nach der neuesten Mode gekleideter Spaziergänger, schönen eleganten Frauen und Herren, die Biberkragen trugen. Die Bauernschlitten mit ihren Holzbänken und ihren mit goldenen Nägeln geschmückten Gittern wurden immer seltener, und alle Augenblicke bemerkte er forsche Kutscher mit roten Samtmützen, die mit Bärenfellen versehene Schlitten aus lackiertem Holz und prachtvolle Karossen lenkten, oder er sah vornehme Equipagen mit eleganten Kutschböcken, die knirschend über den Schnee dahinglitten.
Das war für unsern Akaki Akakiewitsch ein gänzlich neues Schauspiel. Seit vielen Jahren war er nicht des Abends ausgegangen. So recht neugierig blieb er vor der Auslage einer Kunsthandlung stehen. Ein Gemälde zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Das war das Porträt einer Frau, die ihren Schuh ausgezogen hatte und ihren kleinen entzückenden Fuß von einem jungen Manne mit dickem Schnurrbart und langer Fliege, der durch eine halbgeöffnete Tür blickte, bewundern ließ.
Nachdem Akaki Akakiewitsch dieses Bild genug angeschaut hatte, schüttelte er den Kopf und setzte lächelnd seinen Weg fort. Warum lächelte er wohl? Etwa wegen der Fremdheit des Gegenstandes? für den er sich trotzdem gleich allen anderen Leuten ein gewisses Verständnis bewahrt hatte? Oder vielleicht deshalb, weil er wie die meisten seiner Kollegen dachte: die Franzosen haben mitunter etwas zu seltsame Einfälle; wenn sie einmal so eine Sache machen wollen, dann ist es wirklich so eine Sache. Ach, er dachte wohl an gar nichts, und im übrigen ist es sehr schwer, sich in die Seele eines andern zu versetzen und die Gedanken der Menschen zu lesen.
Endlich gelangte er vor das Haus, in dem der Gehilfe des Bureauchefs wohnte. Sein Vorgesetzter lebte wie ein Grandseigneur; auf der Treppe brannte eine Laterne, bewohnte er doch eine ganze Etage im zweiten Stock. Als unser Akaki Akakiewitsch eingetreten war, erblickte er eine lange Reihe Galoschen, dazwischen dampfte und brodelte mitten im Zimmer ein Samowar, an den Wänden hingen die Mäntel, von denen mehrere mit Samt- und mit Pelzkragen versehen waren. Aus dem Zimmer nebenan drang ein wirres Geräusch, das bestimmtere Formen annahm, als ein Diener die Tür öffnete und mit einem Tablett voll leerer Tassen, einem Topf mit Sahne und einem Korb mit Kuchen herausschritt. Die Gäste mußten bereits lange versammelt sein, und sie hatten augenscheinlich bereits ihre erste Tasse Tee geleert.
Akaki hängte seinen Mantel selbst an einen Haken und ging dann auf das hell erleuchtete Zimmer zu, in dem sich seine mit langen Pfeifen ausgerüsteten Kollegen um einen Spieltisch gruppiert hatten, sich sehr laut unterhielten und ihm Stühle hin und her schoben.
Er trat ein, blieb jedoch verlegen auf der Türschwelle stehen, da er nicht wußte, was er tun sollte. Aber seine Kollegen hatten ihn schon bemerkt, begrüßten ihn mit großem Hallo und eilten sofort in das Vorzimmer, um seinen Mantel zu bewundern. Dieser Ansturm raubte unserem braven Titular-Rat seine ganze Haltung. Da er aber ein schlichter und treuherziger Mann war, freute er sich dennoch ganz aufrichtig über die Glückwünsche, die man ihm zu seinem kostbaren Kleidungsstücke darbrachte. Bald darauf gaben seine Kollegen ihm nun die Freiheit wieder und gingen an ihre Whisttische zurück. Diese Bewegung, diese Erregung, die lebhafte Konversation, die vielen Menschen ... das alles verwirrte unseren schüchternen Akaki Akakiewitsch im höchsten Grade. Er wußte nicht, wo er seine Hände und Füße hintun, wie er sie verbergen sollte; schließlich setzte er sich zu den Spielern, sah bald auf ihre Karten, bald auf ihre Gesichter, nach kurzer Zeit fing er jedoch zu gähnen und sich zu langweilen an, denn er empfand, daß die Stunde bereits längst verstrichen war, um die er sich zur Ruhe zu begeben pflegte. Er wollte sich zurückziehen, doch hielt man ihn zurück, indem man ihm klarmachte, er dürfe sich unmöglich entfernen, ohne ein Glas Champagner zur Feier dieses denkwürdigen Tages getrunken zu haben.
Nach einer Stunde trug man das Abendessen auf, das aus Heringsalat, kaltem Kalbsbraten, Kuchen, Pasteten und gemischtem Backwerk bestand; zu jedem Gang gab es den sogenannten Champagner. Akaki Akakiewitsch sah sich genötigt, zwei große Gläser von diesem prickelnden Getränk zu leeren, und nach kurzer Zeit bereits begann alles um ihn herum ein heiteres Ansehen anzunehmen. Indes vergaß er nicht, daß Mitternacht vorüber und daß es längst Zeit zum Nachhausegehen war.
In der Furcht, noch länger zurückgehalten zu werden, schlich er sich insgeheim ins Vorzimmer, wo er den Schmerz erlebte, seinen Mantel auf dem Boden erblicken zu müssen. Er schüttelte ihn mit größter Sorgfalt, entfernte jedes kleine Federchen, zog ihn an und ging die Treppe hinunter.