Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II

Part 18

Chapter 183,659 wordsPublic domain

Die Straßen waren noch beleuchtet. Die kleinen von den Dienstboten und dem niederen Volke besuchten Läden waren noch geöffnet; einige waren zwar schon verschlossen, doch konnte man an dem Lichtschein, der aus den Türspalten fiel, unschwer erkennen, daß die Gäste noch nicht gegangen waren. Wahrscheinlich saßen die Knechte und Mägde noch immer in lebhaftem Gespräche beisammen, in dem sie ihre Herren in vollkommener Unklarheit über ihren Aufenthaltsort ließen.

Überaus froh und etwas bezecht schlug Akaki Akakiewitsch den Weg nach seiner Wohnung ein. Er lief sogar, ohne zu wissen warum, einer Dame nach, die wie ein Blitz an ihm vorbeihuschte, und deren sämtliche Körperteile sich in lebhafter Bewegung befanden. Aber er besann sich bald wieder, blieb einen Augenblick stehen und setzte dann seinen Weg langsam weiter fort, höchst verwundert über das lebhafte Tempo, das er angeschlagen hatte. Bald gelangte er wieder in dunkele und unbelebte Gassen und plötzlich merkte er, daß er sich in einer jener Straßen befand, die sich des Tags und noch mehr in der Nacht durch ihre Ruhe auszeichneten. Heute aber erschien sie noch einsamer und schauerlicher. Alles um ihn hatte ein finsteres Aussehen. Die Laternen wurden immer seltener, da die Stadtverwaltung offenbar nur wenig Öl für die Beleuchtung dieses Viertels bewilligte ... Holzhäuser, Palisadenzäune -- aber nirgends eine lebende Seele. Bei dem fahlen Schein dieser Laternen glänzte der Schnee, und all die kleinen Häuser mit ihren verschlossenen Läden lagen in der Dunkelheit gar trübselig da. Er gelangte an eine Stelle, wo die Straße in einen riesigen, mit Häusern bebauten Platz mündete, die von der anderen Seite aus kaum zu sehen waren. Es schien fast, als befände man sich in einer weiten und trostlosen Wüste.

In der Ferne, Gott weiß wo, schimmerte ein Licht von einem Schilderhause her, das ihm am Ende der Welt zu stehen schien. Mit einem Male verlor Akaki Akakiewitsch seine fröhliche Stimmung. Er ging mit starkem Herzklopfen auf das Licht zu, er ahnte eine drohende Gefahr. Der vor ihm liegende Raum erschien ihm größer als der Ozean.

»Nein,« sagte er, »ich will lieber garnicht hinsehen!«

Und er ging weiter, indem er die Augen beständig zumachte. Als er sie öffnete, sah er sich plötzlich von mehreren bärtigen Männern umgeben, deren Gesichter er nicht erkennen konnte. Es wurde ihm dunkel vor den Augen, sein Herz krampfte sich zusammen.

»Dieser Mantel gehört mir,« schrie einer der Männer, indem er Akaki Akakiewitsch an dem Kragen faßte.

Akaki Akakiewitsch wollte um Hilfe rufen. Einer der Angreifer schloß ihm indessen mit seiner Faust, die die Größe eines Beamtenkopfes hatte, den Mund und sagte zu ihm:

»Laß dir's nur nicht einfallen, zu schreien!« Im selben Augenblick fühlte der Titular-Rat, wie man ihm seinen Mantel auszog, und fast gleichzeitig ließ ihn ein Fußtritt in den Schnee rollen, in dem er bewußtlos liegen blieb.

Einige Sekunden später kam er wieder zu sich; aber er vermochte niemand mehr zu erblicken. Seiner Kleidung beraubt und ganz erfroren begann er aus Leibeskräften zu schreien, aber seine Rufe konnten kaum bis zum anderen Ende des Platzes dringen. Ganz außer sich lief er über den Platz und stürzte mit der letzten Kraft der Verzweiflung auf das Schilderhäuschen zu, wo die Wache, Gewehr bei Fuß, ihn neugierig betrachtete und fragte, weshalb zum Teufel er denn einen solchen Lärm vollführe und wie ein Verrückter liefe.

Als Akaki Akakiewitsch den Soldaten erreicht hatte, beschuldigte er ihn mit bebender Stimme der Trunkenheit, weil er nicht bemerkt hatte, daß man in nächster Nähe von ihm die Passanten bestehle und ausplündere.

»Ich habe nichts gesehen,« erwiderte der Mann, »ich sah Sie nur mitten auf dem Platze zusammen mit zwei Individuen. Ich glaubte, es wären Ihre Freunde. Es ist unnütz, sich deshalb aufzuregen. Suchen Sie morgen den Polizei-Inspektor auf, er wird die Angelegenheit in die Hand nehmen, nach den Dieben des Mantels forschen lassen und eine Untersuchung einleiten.«

Der unglückliche Akaki Akakiewitsch kam in einem fürchterlichen Zustande zu Hause an: die wenigen Haare, die er noch am Hinterkopf und an der Schläfe hatte, hingen ihm wirr über die Stirn; Brust, Rücken und Beinkleider waren voller Schnee. Als seine alte Wirtin ihn wie einen Besessenen an die Tür klopfen hörte, stand sie schnell auf und kam auf nackten, nur in Pantoffeln steckenden Füßen herbeigeeilt. Sie öffnete die Türe, indem sie ihre nur mit einem Hemde bekleidete Brust mit der einen Hand schamhaft zudeckte. Aber bei Akaki Akakiewitschs Anblick prallte sie entsetzt zurück.

Als er ihr erzählte, was ihm zugestoßen war, rang sie die Hände und rief:

»Sie müssen sich nicht an den Polizei-Inspektor wenden, sondern an den Bezirks-Kommissar. Der Inspektor wird Sie mit schönen Worten abspeisen und doch nichts für Sie tun. Aber den Bezirks-Kommissar kenne ich schon lange. Meine alte Köchin Anna, eine Finnländerin, dient jetzt bei ihm als Amme, und ich sehe sie oft unter unseren Fenstern vorbeikommen. Er geht jeden Sonntag in die Kirche, um zu beten, und wirft allen Leuten freundliche Blicke zu, man sieht es ihm gleich an, daß er ein braver Mann ist.«

Nach dieser beruhigenden Empfehlung zog sich Akaki traurig in sein Zimmer zurück. Wer sich nur einigermaßen in die Situation eines andern hinein versetzen kann, wird begreifen, wie er die Nacht verbrachte.

Am andern Morgen begab er sich sofort zum Bezirks-Kommissar. Man bedeutete ihm, daß dieser hohe Beamte noch schlief. Um zehn Uhr kam er wieder. Der hohe Beamte schlief noch. Um elf Uhr war der Kommissar ausgegangen. Der Titular-Rat stellte sich noch einmal um die Essenszeit ein, aber die Schreiber wollten ihn durchaus nicht vorlassen und fragten ihn, was er wolle und warum er es denn so eilig habe, ihren Chef zu sprechen. Zum erstenmal in seinem Leben machte Akaki Akakiewitsch einen Energieversuch. Er erklärte kategorisch, daß er unbedingt und zwar auf der Stelle mit dem Kommissar reden müsse, er komme aus dem Departement, daher dürfe man ihn keinesfalls abweisen, denn es handle sich um eine äußerst wichtige Staatsangelegenheit, und sollte es etwa jemand einfallen, ihn zu behindern, so würde er sich beschweren, und dies könnte ihnen teuer zu stehen kommen.

Auf solchen Ton konnte man nichts weiter erwidern. Einer der Schreiber ging hinaus, um den Chef herbeizuzitieren. Dieser gewährte nun Akaki Akakiewitsch eine Audienz, hörte sich jedoch seine Erzählung über den Raub seines Mantels in einer recht merkwürdigen Weise an. Anstatt sich für den Hauptpunkt, nämlich den Diebstahl, zu interessieren, fragte er den Titular-Rat, wie er denn dazu gekommen wäre, zu so ungewöhnlicher Stunde nach Hause zu gehen, und ob er nicht etwa in einem verdächtigen Hause gewesen sei.

Völlig verblüfft durch diese Frage fand der Titular-Rat keine Antwort und zog sich zurück, ohne genau zu wissen, ob man sich überhaupt mit seiner Angelegenheit beschäftigen würde oder nicht.

Er war den ganzen Tag über nicht in seinem Bureau gewesen: (ein unerhörtes Ereignis in seinem Leben). Am folgenden Tage erschien er wieder, aber in welchem Zustand! bleich, aufgeregt, mit seinem alten Mantel, der nun noch jämmerlicher aussah als ehedem. Als seine Kollegen erfuhren, welches Unglück ihn betroffen hatte, fanden sich noch immer einige Rohlinge, die aus vollem Halse darüber lachen zu müssen glaubten; die Mehrzahl indessen empfand aufrichtiges Mitleid mit ihm und veranstaltete zu seinen Gunsten eine Subskription. Unglücklicherweise hatte dieses löbliche Unternehmen nur ein völlig ungenügendes Resultat, weil diese selben Beamten und Vorgesetzten bereits kurz vorher zu zwei Subskriptionen beigesteuert hatten: zunächst mußten sie sich ein Porträt ihres Direktors anfertigen lassen, sodann handelte es sich um das Abonnement auf ein Werk, das ein Freund ihres Chefs soeben hatte erscheinen lassen. Das war der Grund, weswegen nur eine ganz unbedeutende Summe zusammenkam.

Einer von ihnen, der Akaki Akakiewitsch ehrliche Teilnahme entgegenbrachte, wollte ihm wenigstens aus Mangel an Besserem einen guten Rat geben. Er sagte ihm, daß es verlorene Mühe wäre, sich noch einmal an den Bezirkskommissar zu wenden, denn vorausgesetzt, daß dieser Beamte sich wirklich Mühe geben sollte, um sich das Lob seiner Vorgesetzten zu verdienen, und daß es ihm in der Tat glücken sollte, seinen Mantel aufzufinden, so würde die Polizei dieses Kleidungsstück so lange in Verwahrung behalten, bis sich der Titular-Rat nicht unumstößlich sicher als der alleinige und wahre Besitzer des Mantels legitimiert habe. Er ermahnte ihn also, sich an eine gewisse, hochgestellte Persönlichkeit zu wenden, welche hochstehende Persönlichkeit dank ihrer guten Beziehungen zu den Behörden die Sache ohne große Schwierigkeit erledigen könne.

In seiner Verwirrung entschloß sich Akaki, dieser Ansicht Folge zu leisten. Welche Stellung in der Beamtenskala diese hohe Persönlichkeit eigentlich bekleidete, wie hoch denn ihr Rang in Wirklichkeit war, hätte man nicht sagen können. Man wußte einzig und allein, daß diese _hohe Persönlichkeit_ erst seit kurzer Zeit in ihrem Amte säße, bis dahin war sie nämlich eine ganz unbedeutende Persönlichkeit gewesen. Allerdings gab es andre noch höher gestellte Persönlichkeiten, aber bekanntlich finden sich ja immer Leute, in deren Augen eine Persönlichkeit, die andre Menschen für unbedeutend halten, eine sehr hohe und bedeutende Persönlichkeit ist. Genug, der in Frage stehende Beamte setzte alle möglichen Hebel in Bewegung, um noch höher zu steigen. So zwang er alle andern Beamten, die unter ihm standen, am Fuße der Treppe auf ihn zu warten, bis er erschien, und niemand konnte direkt zu ihm gelangen, sondern dies alles mußte auf dem strengsten Ordnungswege geschehen. Der Kollegien-Sekretär teilte einem Regierungs-Sekretär das Audienzgesuch mit, der es seinerseits an einen Titular-Rat oder einen noch höheren Beamten weitergab, und dieser stattete endlich der hohen Persönlichkeit darüber Bericht ab.

Das ist der gewöhnliche Gang der Geschäfte in unserem heiligen Rußland. Der Wunsch, es den hohen Beamten gleich zu tun, bewirkt, daß jeder die Manieren seines Vorgesetzten nachäfft. Vor noch nicht allzu langer Zeit ließ ein erst eben zum Chef eines kleinen Bureaus beförderter Titular-Rat über einem seiner Zimmer die Aufschrift »Beratungssaal« anbringen. An der Tür standen Diener mit roten Kragen und gestickten Röcken, um die Bittsteller anzumelden und einzulassen, die sie in einen äußerst kleinen, kaum einem gewöhnlichen Schreibtisch Platz bietenden »Saal« hineinführten.

Aber kehren wir zu unserer hohen Persönlichkeit, zu unserem Beamten, zurück. Er hatte eine imponierende majestätische Haltung, wenngleich sein Benehmen und seine Gewohnheiten recht primitiv waren; sein System faßte sich in einem einzigen Wort zusammen, und dieses hieß: Strenge, Strenge, Strenge. Er pflegte dieses Wort dreimal zu wiederholen, und beim letztenmal sah er den, mit dem er gerade zu tun hatte, bedeutungsvoll an. Er hätte gut darauf verzichten können, soviel Energie zu entfalten, denn seine zehn Untergebenen, die den ganzen Regierungsmechanismus seiner Kanzelei bildeten, fürchteten ihn schon ohnehin genug. Wenn sie ihn nur von weitem sahen, legten sie eiligst ihren Federhalter hin und stürzten herbei, um bei seinem Vorübergang Spalier zu bilden. In seinen Gesprächen mit seinen Untergebenen beobachtete er immer eine strenge Haltung und sprach stets nur folgende Worte:

»Was erlauben Sie sich? Wissen Sie auch, mit wem Sie sprechen? Vergessen Sie nicht, wen Sie vor sich haben!«

Im übrigen war er ein braver Mann und liebenswürdig und gefällig gegen seine Freunde. Nur sein Generalsrang hatte ihm den Kopf verdreht. Seit dem Tage, an dem er ihn erhalten hatte, verbrachte er den größten Teil seiner Zeit in einer Art Schwindel und wußte kaum noch, wie er sich benehmen sollte, doch wurde er wieder im Verkehr mit seinesgleichen menschlich und vernünftig. Dann benahm er sich wie ein anständiger und in mancher Beziehung sogar wie ein recht gescheiter Mensch. Befand er sich jedoch mit einem Untergebenen zusammen, dann war der Teufel los -- dann beschränkte er sich auf ein strenges Schweigen, und in dieser Situation war er wirklich zu bedauern, um so mehr, als er selbst empfand, wie viel angenehmer er seine Zeit hätte verbringen können.

Allen, die ihn in solcher Stimmung beobachteten, konnte es nicht entgehen, daß er vor Verlangen brannte, sich in eine interessante Konversation zu mischen, aber die Furcht, unklugerweise zu zuvorkommend zu erscheinen, sich etwas zu vergeben, sich zu familiär zu zeigen, hielt ihn davon zurück. Um sich Gefahren dieser Art zu entziehen, beobachtete er eine außerordentliche Reserve und sprach nur von Zeit zu Zeit irgend ein einsilbiges Wort. Kurz, er hatte sein System so auf die Spitze getrieben, daß man ihn einen langweiligen Peter nannte, und dieser Titel war wohl verdient.

Das war die hohe Persönlichkeit, die Akaki Akakiewitsch um Hilfe und Schutz angehen mußte. Der Augenblick, den er wählte, um seine Absicht auszuführen, schien äußerst ungünstig, besonders für Akaki Akakiewitsch, dagegen um so günstiger, um der Eitelkeit des Generals zu schmeicheln.

Die hohe Persönlichkeit befand sich gerade in ihrem Arbeitszimmer und plauderte angeregt mit einem alten Jugendfreunde, der vor kurzem angekommen war und den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, als man ihr meldete, daß ein Herr Baschmakschin um die Ehre einer Audienz bei Seiner Exzellenz nachsuchte.

»Wer ist das?« fragte er kurz und sehr erstaunt.

»Ein Beamter!«

»Warten lassen. Beschäftigt. Ich habe keine Zeit, ihn zu empfangen.«

Die hohe Persönlichkeit schwindelte. Nichts hinderte sie daran, die gewünschte Audienz zu gewähren. Beide Freunde hatten schon alles durchgesprochen. Schon mehr als einmal war ihre Unterhaltung von langen Pausen unterbrochen worden, nach deren Beendigung sie sich beide freundschaftlich auf die Knie klopften:

»So geh, lieber Iwan Abramowitsch!«

»Ja, ja, Stephan Warlamowitsch!«

Aber der Direktor wollte den Bittsteller nicht gleich empfangen, um seinen Freund seine ganze Bedeutung empfinden zu lassen, dieser hatte nämlich den Dienst quittiert und wohnte jetzt auf dem Lande; daher wollte ihm der Direktor deutlich demonstrieren, daß die Beamten sich so lange im Vorzimmer zu gedulden hätten, bis es ihm gefiele, sie zu empfangen.

Endlich -- nach mehreren Zwiegesprächen und einigen neuen Pausen, währenddessen die beiden Freunde in ihren bequemen Lehnsesseln liegend, den Rauch ihrer Zigarren zur Decke sandten, schien sich der General-Direktor plötzlich daran zu erinnern, daß man ihn um eine Audienz gebeten hätte. Er rief seinen Sekretär, der mit verschiedenen Akten an der Tür stand, und sagte: »Ich glaube es wartet da irgend ein Beamter auf mich. Lassen Sie ihn herein!«

Als er Akaki Akakiewitschs ansichtig wurde, der sich ihm mit untertäniger Miene in seiner alten Uniform näherte, wandte er sich schroff zu ihm und fuhr ihn in jenem strengen und rauhen Tone an, den er sich, wenn er in seinem Zimmer allein war, vor dem Spiegel einstudiert hatte, noch eine ganze Woche bevor er seinen neuen Posten einnehmen und sich General nennen durfte.

»Was wollen Sie?«

Der schon ganz eingeschüchterte Akaki Akakiewitsch war wie niedergeschmettert von dieser schroffen Anrede. Indes versuchte er es sich so gut er konnte verständlich zu machen und zu erzählen, wie man ihn in unmenschlicher Weise seines neuen Mantels beraubt hatte, nicht ohne seinen Bericht mit einer Menge überflüssiger Flickworte zu verbrämen. Er fügte hinzu, er habe sich an Seine Exzellenz gewandt in der Hoffnung, daß er dank dieser hohen und gütigen Protektion bei dem Polizei-Präsidenten oder bei andern hohen Behörden wieder in den Besitz seines Kleidungsstückes gelangen könne.

Der General-Direktor fand aus irgend einem Grunde, daß dies Benehmen viel zu familiär sei und herrschte ihn daher kurz an: »Wie Herr! Sie wissen nicht, was Sie in so einem Falle zu tun haben? Was fällt Ihnen ein? Sie kennen wohl den Instanzenweg nicht? Sie hätten eine Bittschrift einreichen sollen, die in die Hände des Bureauchefs und aus ihnen in die des Abteilungsvorstandes gelangt wäre; dieser hätte sie meinem Sekretär überreicht, durch den sie mir hätte zugestellt werden müssen.«

»Gestatten Sie mir,« unterbrach ihn Akaki Akakiewitsch mit großer Anstrengung, um den kargen Rest von Geistesgegenwart, der ihm geblieben war, zusammenzunehmen. Fühlte er doch, daß er schon vor Schrecken und Erregung schwitzte. »Gestatten Sie mir, Eure Exzellenz, Ihnen zu bemerken, daß, wenn ich mir die Freiheit genommen habe, Sie mit dieser Angelegenheit zu belästigen, die Sekretäre ... die Sekretäre sind Leute, von denen man nichts zu erwarten hat.«

»Wie? Was? Wahrhaftig!« schrie ihn der General-Direktor an. »Sie wagen es, hier eine solche Sprache zu führen? Wie sind Sie denn zu solchen Ansichten gelangt? Es ist eine Schmach, zu sehen, wie sich junge Leute derartig gegen ihre Vorgesetzten empören!«

In seinem Ungestüm sah wohl der General-Direktor garnicht, daß der Titular-Rat bereits die Fünfzig überschritten hatte und daß die Bezeichnung: junger Mann nur noch relativ auf ihn angewendet werden konnte: im Vergleich mit einem Siebzigjährigen nämlich!

»Wissen Sie auch,« fuhr die hohe Persönlichkeit fort, »mit wem Sie sprechen? Erinnern Sie sich, vor wem Sie stehen? Erinnern Sie sich daran! Ich sage: erinnern Sie sich daran!«

Diese Worte begleitete er mit heftigem Fußstampfen, und seine Stimme nahm eine solche Schärfe, einen so furchterregenden Umfang an, daß auch ein anderer erschrocken zusammengefahren wäre.

Akaki war völlig gelähmt; er zitterte, seufzte, konnte sich kaum aufrecht halten und wäre ohne das Zuhilfekommen des Bureaudieners unfehlbar zu Boden gesunken. Man führte, oder vielmehr man schleppte ihn fast ohnmächtig hinaus.

Der General-Direktor war über die Wirkung seiner Worte ganz erstaunt; sie überstieg seine Erwartung, und voller Genugtuung darüber, daß sein herrischer Ton auf einen Greis einen solchen Eindruck gemacht hatte, daß dieser arme Mann sein Bewußtsein verlor, warf er einen flüchtigen Blick auf seinen Freund, um zu sehen, wie er diesen Ausgang aufgenommen hatte. Wie grenzenlos wurde da seine Zufriedenheit mit sich selbst, als er sogar bei seinem Freunde, der unschlüssig dasaß und ihn mit einem gewissen Schrecken ansah, einen tiefen Eindruck feststellte!

Wie Akaki Akakiewitsch die Treppe hinunter gelangte und wie er die Straßen durchwanderte, darüber hätte er selbst niemals Rechenschaft geben können; denn er war mehr tot als lebendig. In seinem ganzen Leben war er noch nicht von einem General-Direktor, und noch dazu von einem so strengen General-Direktor, so heftig gescholten worden.

In dem heulenden Schneesturm, der draußen tobte, wanderte er mit offenem Munde dahin, ohne dieses abscheuliche Wetter überhaupt zu bemerken, und ohne auf dem Trottoir vor dem Schneegestöber Schutz zu suchen. Der Wind, der nach Petersburger Sitte aus allen vier Himmelsrichtungen blies, verursachte ihm eine Halsentzündung. Nach Hause zurückgekehrt, war er außerstande, ein Wort zu sprechen. Sein ganzer Körper war geschwollen, und daher legte sich Akaki Akakiewitsch zu Bett. So groß ist mitunter die Wirkung einer gründlichen Moralpauke!

Am folgenden Tage fieberte Akaki heftig. Dank der großmütigen Hilfe des St. Petersburger Klimas machte seine Krankheit in kurzer Zeit beunruhigende Fortschritte. Als der Arzt sich einstellte, war all seine Kunst bereits nutzlos. Der Doktor fühlte ihm den Puls, aber er konnte nichts mehr ausrichten, so verschrieb er ihm denn ein Rezept, um ihn doch nicht ohne die Segnungen der medizinischen Wissenschaft sterben zu lassen, und erklärte, daß der Kranke nur noch zwei Tage zu leben hätte.

Dann wandte er sich an Akakis Wirtin und sagte: »Sie haben keine Zeit mehr zu verlieren; lassen Sie ihm doch gleich einen Sarg aus Fichtenholz machen, denn ein eichner wäre für diesen armen Mann wohl zu teuer.«

Hörte Akaki Akakiewitsch diese verhängnisvollen Worte? Waren sie es, die eine so erschütternde Wirkung auf ihn ausübten? Beklagte er sich ganz leise über sein trauriges Schicksal? Niemand hätte es sagen können, redete er doch bereits im Delirium. Seltsame Visionen jagten unaufhörlich durch sein geschwächtes Hirn. Bald sah er sich Petrowitsch gegenüber, den er beauftragte, ihm einen Mantel anzufertigen, bald sah er Fußangeln für die Diebe, die er beständig unter seinem Bett zu entdecken glaubte. Bald hatten sie sich unter seiner Decke verkrochen, und er flehte seine Wirtin an, sie fortzujagen. Bald fragte er, warum die alte Kapuze noch an der Wand hänge, wo er doch einen neuen Mantel habe, bald sah er sich vor dem General-Direktor, der ihn wieder mit Vorwürfen überhäufte, so daß er seine Exzellenz um Gnade bat. Bald verwirrte er sich in so seltsame und schreckliche Flüche und Reden, daß die erschreckte alte Frau sich bekreuzigte. Niemals in ihrem Leben hatte sie derartige Dinge von ihm gehört, und die zornigen Worte des Kranken ließen sie um so mehr außer sich geraten, als der Titel einer Exzellenz jeden Augenblick wiederkehrte. Bald murmelte er von neuem sinnlose Sätze ohne Zusammenhang, die sich aber immer um denselben Punkt drehten: um den Mantel.

Endlich hauchte der arme Akaki Akakiewitsch seinen letzten Seufzer aus. Man legte weder auf sein Zimmer noch auf seinen Schrank Siegel -- und zwar aus dem einfachen Grunde, weil er keinen Erben hatte und nur ein Päckchen Gänsefedern, ein Heft mit weißem Aktenpapier, drei Paar Strümpfe, einige Hosenknöpfe und seinen alten Mantel hinterließ. Wem fielen diese Reliquien zu? Das weiß Gott allein! Der Verfasser dieser Erzählung muß gestehen, daß er es unterlassen hat, sich genauer darüber zu informieren.

Akaki Akakiewitsch wurde in ein Leichentuch gehüllt und nach dem Kirchhof gebracht, auf dem man ihn beisetzte. Die große Stadt Petersburg fuhr in ihrem gewöhnlichen Leben fort, wie wenn der Titularrat niemals existiert hätte.

So schwand ein menschliches Wesen dahin, das weder einen Beschützer, noch einen Freund gehabt, das nie jemand ein wahrhaft herzliches Interesse eingeflößt, das nicht einmal die Neugier der sonst doch so forschungswütigen Männer erregt hatte, jener Schnüffler, die es doch sonst nicht verschmähen, eine gewöhnliche Fliege zum Zwecke einer mikroskopischen Untersuchung auf die Nadel zu spießen. Ohne ein einziges Wort der Klage hatte dieses Wesen die Mißachtung und den Spott seiner Kollegen ertragen. Ohne daß es je ein außerordentliches Erlebnis gehabt hätte, war es seinen Weg zum Grabe dahingewandert, und als ihm am Ende seiner Tage ein Lichtblick in Form eines Mantels sein elendes Dasein belebt hatte, mußte das Schicksal es niederwerfen, ganz so, wie es auch die Großen dieser Welt niederzuwerfen pflegt! ....

Einige Tage nach seinem Tode ließ ihm sein Chef durch einen Boten mitteilen, daß er sich sofort auf seinen Posten zu begeben habe. Der Bureaudiener kam jedoch mit der Nachricht zurück, daß der Titular-Rat nicht mehr kommen könne.

»Und weshalb nicht?« fragten die Beamten.

»Weil er bereits tot und vor vier Tagen begraben worden ist!«

So erfuhren Akaki Akakiewitschs Kollegen seinen Tod.

Am Tage darauf nahm seinen Platz ein anderer Beamter ein, der viel robuster und gröber war und der sich nicht die Mühe nahm, beim Kopieren der Akten die Buchstaben so aufrecht hinzumalen, sondern der eine viel schrägere Schrift hatte.

* * * * *

Es könnte scheinen, als müsse Akaki Akakiewitschs Geschichte hier endigen, und als hätten wir nichts mehr über ihn mitzuteilen. Allein der bescheidene Titular-Rat war dazu bestimmt, nach seinem Tode noch manchen Tag von sich reden zu machen: wie zur Belohnung für sein bescheidenes von niemandem beachtetes Dasein, und unsere Erzählung nimmt hier ganz unerwarteter Weise eine recht phantastische Wendung.