Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II
Part 19
Eines Tages verbreitete sich in St. Petersburg das Gerücht, daß in der Nähe der Katharinenbrücke Nacht für Nacht ein Gespenst in der Uniform eines Kanzleibeamten erscheine, einen gestohlenen Mantel suche und allen Passanten, ohne sich im mindesten um deren Titel oder Rang zu kümmern, ihre wattierten, mit Katzen-, Otter-, Bären-, Biberfell gefütterten Mäntel, kurz alle solche, die die Menschen erfunden haben, um ihr eigenes Fell gegen die Kälte zu schützen, abnehme. Ein dermaliger Kollege des Titular-Rates hatte dieses Gespenst gesehen und in ihm sofort Akaki Akakiewitsch erkannt. Er war, tödlich erschrocken, so schnell er konnte, davongelaufen, und so war es ihm gelungen, zu entkommen, aber -- obwohl er schon fern war -- hatte er es doch mit der Faust drohen sehen. Überall erfuhr man, daß die Rücken und die Schultern von Räten, -- nicht nur von Titular-Räten, -- sondern auch von Staatsräten infolge dieses unqualifizierbaren Raubes ihrer schönen warmen Kleidung den heftigsten Erkältungen ausgesetzt waren.
Die Polizei traf natürlich alle möglichen Maßregeln, um dieses Gespenst -- tot oder lebend -- zu ergreifen und an ihm eine exemplarische Strafe zu vollziehen; und das wäre ihr auch beinahe gelungen.
Eines Abends hatte ein Posten in der Kirjuschkingasse das Glück, das Gespenst gerade in dem Momente am Kragen zu packen, wo es einem alten Musiker, der vormals die Flöte gespielt hatte, seinen Friesmantel fortnehmen wollte. Die Wache rief zwei Kameraden zu Hilfe und vertraute ihnen den Gefangenen an, während sie mit der Hand in ihren Stiefel langte, um ihre Tabaksdose zu suchen, und ihre schon zum sechsten Male erfrorene Nase wieder etwas zu beleben. Aber der Tabak war wohl von solcher Art, daß selbst ein Toter ihn nicht gut vertragen konnte. Kaum hatte der Posten seinem linken Nasenloche einige Körnchen anvertraut, während er das rechte zuhielt, als der Gefangene so gewaltig zu niesen begann, daß die drei Soldaten fühlten, wie ein Nebel ihre Augen verhüllte. Während sie sich die Lider rieben, verschwand das Gespenst spurlos, so daß sie nicht recht wußten, ob sie es auch wirklich in ihren Händen gehalten hatten. Von diesem Tage an hatten alle Wachen eine so große Furcht vor Gespenstern, daß sie nicht einmal einen lebendigen Menschen mehr zu verhaften wagten und sich darauf beschränkten, ihm von ferne zuzurufen:
»Geht weiter! Geht weiter!«
Das Phantom fuhr fort, in der Nähe der Kalinkinbrücke umzugehen, und verbreitete in dem ganzen Viertel einen gewaltigen Schrecken unter allen ängstlichen Leuten.
Kehren wir jedoch zu der hohen Persönlichkeit, der ursprünglichen Veranlassung unserer phantastischen, aber durchaus wahren Geschichte, zurück. Der Wahrheit gemäß müssen wir zugeben, daß die hohe Persönlichkeit, bald nachdem sich der arme von ihr so schlecht behandelte Akaki Akakiewitsch entfernt hatte, etwas wie Mitleid mit ihm empfand. Ein gewisses Gefühl der Teilnahme war dem Herzen des hohen Herrn durchaus nicht fremd; er selbst hatte manch edle Regung, -- sein einziger Fehler bestand darin, sie infolge des maßlosen Stolzes auf seinen Titel zu unterdrücken. Als sein Freund gegangen war, hatte er sich aufs teilnahmsvollste mit diesem unglücklichen bleichen Titular-Rat beschäftigt, den er immer in seiner Verstörtheit vor sich sah, sich krümmend unter den grausamen Vorwürfen, die er ihm gemacht hatte. Diese Vision beunruhigte ihn derartig, daß er eines Tages einem seiner Beamten den Auftrag gab, sich über Akaki Akakiewitschs Schicksal zu unterrichten und festzustellen, ob man noch etwas für ihn tun könne.
Als der Bote mit der Nachricht zurückkam, daß der arme kleine Beamte kurz nach der Audienz einem plötzlichen Fieberanfall zum Opfer gefallen war, empfand der General-Direktor starke Gewissensbisse und verbrachte den ganzen Tag in der düstersten Stimmung.
Um sich ein wenig zu zerstreuen und seine peinlichen Eindrücke zu verjagen, begab er sich des Abends zu einem Freunde, bei dem er eine angenehme Gesellschaft antraf, und -- was die Hauptsache war -- lauter Personen von seinem Rang, so daß er sich nicht zu genieren brauchte.
Und wirklich sah er sich auch bald all seiner melancholischen Gedanken enthoben, er wurde wieder lebhaft, fing Feuer, beteiligte sich in liebenswürdigster Weise an den Gesprächen, wie wenn nichts vorgefallen wäre, und verbrachte so einen sehr schönen Abend.
Zum Souper trank er zwei Glas Champagner, bekanntlich das beste Mittel, um seine Heiterkeit wieder zu gewinnen. Unter dem Einflusse dieses schäumenden Trankes bekam er Lust zu etwas ganz Besonderem: er beschloß daher, nicht unmittelbar nach Hause zu gehen, sondern eine seiner Freundinnen, ich glaube es war eine deutsche Dame, namens Karoline Iwanowna, aufzusuchen, zu der er zärtliche Beziehungen unterhielt.
Ich möchte hierbei betonen, daß die hohe Persönlichkeit keineswegs mehr jung war, ja, daß man sie überall als tadellosen Gatten und guten Familienvater rühmte. Ihre beiden Söhne, deren einer bereits in einem Ministerium angestellt war, und ein sechszehnjähriges Töchterchen mit einer zwar hakenförmigen aber doch ganz reizenden Nase, kamen allmorgentlich in sein Zimmer, um ihm die Hand zu küssen und ihm mit den Worten: _Bonjour, papa_ guten Morgen zu sagen.
Seine Gattin, eine frische und noch immer anziehende Erscheinung, bot ihm zuerst die Hand zum Kusse, ergriff sodann die seine und drehte sie nach innen, um sie ihrerseits an ihre Lippen zu führen. Obgleich sich die hohe Persönlichkeit also in ihrer Häuslichkeit äußerst wohl fühlte und durch die Zärtlichkeiten der Familienmitglieder vollauf befriedigt schien, glaubte sie dennoch auch in einem anderen Viertel den Galanten spielen zu müssen. Die Freundin, mit der seine Gattin seine Zärtlichkeiten teilen mußte, war keineswegs jünger als diese; aber so sind die Rätsel des Lebens, und wir sind ja nicht befugt, sie hier lösen zu wollen.
Die hohe Persönlichkeit ging also die Treppe hinunter, bestieg ihren Schlitten und sagte zu dem Kutscher:
»Zu Karoline Iwanowna!«
Sorgfältig in seinen warmen Mantel eingehüllt, befand er sich in der angenehmsten Stimmung, die sich ein Russe nur wünschen mag, einer Stimmung, wo man selbst an nichts denkt und sich der Geist doch in einem Kreislauf von Gedanken bewegt, von denen die einen immer wohltuender sind als die anderen, und wo man sich garnicht die Mühe zu nehmen braucht, nach ihnen zu suchen oder sie festzuhalten. Er dachte an die glücklichen Stunden, die er soeben in so angenehmer Gesellschaft verbracht hatte, an die geistreichen Bemerkungen, die den kleinen Kreis zu lautem Lachen gereizt und die er halblaut kichernd wiederholte. Hierbei fand er, daß sie noch genau so komisch waren wie damals, als er sie zum ersten Male gehört hatte, und er wunderte sich daher nicht im mindesten darüber, daß er so herzhaft hatte lachen müssen.
Von Zeit zu Zeit störte ihn ein heftiger Windstoß, der ihn plötzlich ganz unmotiviert anwehte und ihm ganze Schneehaufen ins Gesicht schleuderte, in seinen Betrachtungen. Der Nord pfiff durch seinen Mantel, blähte ihn wie ein Segel auf, schlug ihm den Kragen um die Ohren und nötigte ihn, seine ganze Kraft zusammenzunehmen, um sich wieder aus ihm herauszuwinden.
Plötzlich fühlte die hohe Persönlichkeit, wie eine machtvolle Hand sie am Kragen packte. Sie wandte sich um und bemerkte einen kleinen, mit einer alten Uniform bekleideten Mann. Entsetzt erkannte sie Akaki Akakiewitschs Züge, und diese Züge waren bleich wie der Schnee und abgezehrt wie die eines Toten.
Aber wer beschreibt den Schrecken der hohen Persönlichkeit, als sie bemerkte, daß sich der Mund des Toten in krampfhaften Zuckungen verzog, den Direktor mit eisigem Grabeshauche anblies und in folgende Worte ausbrach:
»Endlich habe ich dich ... endlich kann ich dich am Kragen packen. Ich will meinen Mantel. Du hast dich nicht um mich gekümmert, als ich in Nöten war, und mich nur mit Schmähungen überhäuft. -- Nun sollst du mir deinen Mantel geben!«
Der arme hohe Beamte war ein Kind des Todes. In seinem Bureau vor seinen Untergebenen fehlte es ihm sicher nicht an Mut und Charakterstärke; er brauchte nur einen Subalternen streng anzusehen, und schon rief jeder, der einen Blick auf seine kräftige Gestalt und sein imponierendes Äußeres warf: »Welch ein Charakter!«
Aber wie bei so vielen anderen hochmütigen Beamten offenbarte sich sein Heldentum nur in seiner äußeren Erscheinung, und in diesem Augenblick war er so erschrocken, daß er sogar um seine Gesundheit fürchten mußte.
Mit zitternder Hand zog er sich selbst seinen Mantel aus und rief seinem Kutscher zu:
»Schnell nach Hause! Schnell!«
Als der Kutscher diese Stimme hörte, die, wie das in solchen Augenblicken wohl vorkommt, einen sehr bestimmten und energischen Klang hatte und meist von noch viel bestimmteren und energischeren Taten begleitet zu sein pflegte, neigte er vorsichtig den Kopf, schwang seine Peitsche und ließ seinen Schlitten pfeilschnell dahinsausen. In weniger als sechs Minuten hielt der Schlitten vor dem Hause der hohen Persönlichkeit. Bleich, erschrocken und ohne Mantel stieg er aus und begab sich sofort nach seinem Zimmer. Statt zu Karoline Iwanowna zu fahren, war er schleunigst zu sich nach Hause geeilt. Er verbrachte eine so schreckliche Nacht, daß seine Tochter am andern Morgen während des Tees entsetzt ausrief:
»Du bist ja heute so bleich, Papa!«
Er sagte nichts, weder von dem, was er gesehen, noch von dem, wo er gewesen war, und was er am Abend vorher hatte tun wollen. Indes machte dieses Ereignis einen tiefen Eindruck auf ihn. Von diesem Tage an fragte er seine Untergebenen nicht mehr in seiner bisherigen schroffen Art:
»Was erlauben Sie sich? Wissen Sie, wer vor Ihnen steht?«
Oder, wenn es ihm doch noch bisweilen widerfuhr, in herrischem Tone mit ihnen zu sprechen, so hörte er doch wenigstens vorher erst ihr Gesuch an.
Und wie seltsam! Von diesem Tage an zeigte sich das Gespenst nicht mehr. Augenscheinlich hatte es überhaupt keine andere Absicht gehabt, als sich den Mantel des General-Direktors anzueignen. Jedenfalls hörte man von nun an nichts mehr davon, daß den Leuten ihre Mäntel geraubt wurden. Allerdings gab es noch einige ängstliche und übereifrige Personen, die sich durchaus nicht beruhigen wollten und behaupteten, daß sich das Phantom noch immer und zwar in andern entlegeneren Stadtvierteln zeige ... Und in der Tat, ein Wachtposten wollte sogar mit eigenen Augen gesehen haben, wie es an einem Hause vorübergeeilt war. Der Posten war jedoch von Natur ein wenig schwächlich -- hatte doch sogar ein gewöhnliches ausgewachsenes Ferkel, das aus einem Privathause ausgebrochen war, ihn zur größten Freude und Erheiterung der herumstehenden Droschkenkutscher einmal ganz einfach umgeworfen. Dafür ließ er sich freilich nachher von jedem einen Groschen für Tabak geben, um sie zu strafen, weil sie sich über ihn lustig gemacht hatten. Da er also ein solcher Schwächling war, wagte er es nicht, das Gespenst zu verhaften, sondern begnügte sich damit, ihm in der Dunkelheit nachzuschleichen. Da aber drehte sich das Gespenst plötzlich um und schrie ihn an: »Was willst du?« wobei es ihm eine so schreckliche Faust zeigte, wie man sie sogar bei einem Lebenden nicht so leicht zu sehen bekommt.
»Nichts,« antwortete der Wachtposten und nahm eiligst Reißaus.
Dieser Schatten war jedoch schon bedeutend größer als der des Titular-Rats und trug einen enormen Schnauzbart. Er schien mit mächtigen Schritten der Obuhoffbrücke zuzueilen und verschwand gleich darauf in der dunklen Nacht.
Die Nase
I.
Am 25. März trug sich in St. Petersburg ein außerordentliches Ereignis zu.
Auf dem Wosnessenski-Prospekt wohnte der Barbier Iwan Jakowlewitsch, dessen Familienname von dem Schilde, auf dem man nur noch die Abbildung eines an Wangen und Kinn eingeseiften Herrn nebst der Inschrift: »Hier wird auch zur Ader gelassen!« erkennen konnte, geschwunden war. Dieser Barbier Iwan Jakowlewitsch wachte also ziemlich frühzeitig auf und atmete den Duft von warmem Brote ein. Er richtete sich im Bette etwas empor und sah, wie seine Frau, eine äußerst respektable Dame und leidenschaftliche Liebhaberin des Kaffees, einige frischgebackene Brote aus dem Ofen hervorholte.
»Heute, meine liebe Praskowia Ossipowna, werde ich keinen Kaffee trinken,« sagte Iwan Jakowlewitsch; »ich habe mehr Appetit auf Brot mit Zwiebeln.«
Um die Wahrheit zu sagen: Iwan Jakowlewitsch hätte gar zu gern von beidem gekostet; doch war er von vornherein von der Unmöglichkeit einer derartigen Schwelgerei völlig durchdrungen, denn Praskowia Ossipowna ließ solche Launen nicht zu.
»Iß meinetwegen Brot, Schafskopf,« dachte die Frau bei sich; »für mich wird dann um so mehr Kaffee übrig bleiben ...« und sie warf ein Brot auf den Tisch.
Iwan Jakowlewitsch zog aus Schicklichkeitsgründen einen Leibrock über sein Hemd, nahm -- nachdem er am Tische Platz genommen hatte -- etwas Salz, stutzte zwei Zwiebeln, ergriff ein Messer und schickte sich an, das Brot höchst bedächtig zu zerteilen. Er schnitt es in zwei Hälften, schaute sich die eine Fläche an und bemerkte zu seiner größten Verwunderung etwas Weißliches. Iwan Jakowlewitsch kratzte vorsichtig mit dem Messer daran herum und befühlte es mit dem Daumen. »Das Ding ist ja ganz hart!« sagte er zu sich; »was mag denn das nur sein?«
Er schälte es mit den Fingern heraus und fand -- eine Nase! Iwan Jakowlewitsch ließ seine Arme sinken; dann begann er sich seine Augen zu reiben und befühlte es noch einmal mit dem Finger. In der Tat, es war eine Nase, eine wirkliche Nase, und dazu noch eine Nase, deren Bildung er wiederzuerkennen glaubte.
Entsetzen malte sich auf Iwan Jakowlewitschs Zügen: aber dieses Entsetzen war harmlos im Vergleich mit der Empörung, die sich seiner Gattin bemächtigte.
»Wo hast du nur diese Nase abgeschnitten, du Vieh?« fing sie wutentbrannt zu schreien an. »Du Dieb, du Trunkenbold! Ich werde dich selbst der Polizei denunzieren! Was für ein Lumpenkerl! Schon drei Herren haben mir gesagt, du zerrst beim Rasieren derartig an den Nasen, daß du sie beinahe abreißt!«
Allein Iwan Jakowlewitsch war weder tot noch lebend, hatte er doch soeben festgestellt, daß diese Nase keine andere war als die des Kollegien-Assessors Kowalew, den er Mittwochs und Sonntags zu rasieren pflegte.
»Schweig doch, Praskowia Ossipowna,« sagte er, »ich werde sie in ein Stück Leinewand einschlagen und sie in irgend eine Ecke verstecken, wo sie einige Tage liegen bleiben mag. Dann werde ich sie forttragen.«
»Damit bin ich ganz und gar nicht einverstanden. Ich soll zugeben, daß du eine abgeschnittene Nase im Zimmer versteckst? Du gerösteter Zwieback du! Er kann nur sein Rasiermesser abziehen und ist nicht fähig, sein Geschäft schnell und solid auszuführen! Herumstreicher, Strauchdieb! Glaubst du etwa, ich werde mir deinetwegen Scherereien mit der Polizei zuziehen? Ach, du bist ein Taugenichts, ein dummer Klotz bist du! Weg damit! Fort! Da, trag sie weg, wohin du willst. Ich will nichts davon wissen!«
Iwan Jakowlewitsch war völlig zerschmettert. Er überlegte und überlegte ... und wußte im Grunde garnicht was.
»Der Teufel soll wissen, wie das nur möglich ist!« sagte er endlich, indem er sich mit der Hand über die Ohren fuhr. »Bin ich gestern betrunken nach Hause gekommen oder nicht? Allerdings kann ich das nicht mit Gewißheit sagen. Aber allem Anschein nach handelt es sich hier um einen ganz außergewöhnlichen Vorgang; denn das Brot -- das Brot wird doch gebacken, während eine Nase ... Weiß Gott, ich verstehe das nie und nimmer!«
Iwan Jakowlewitsch verstummte. Der Gedanke, ein Polizist könnte diese Nase bei ihm entdecken und ihn zur Rechenschaft ziehen, versetzte ihn in eine vollkommene Niedergeschlagenheit. Es war ihm bereits, als sähe er einen roten, reich mit Silber besetzten Kragen, und einen Degen vor sich ... und er zitterte am ganzen Körper. Endlich zog er seine Beinkleider und Stiefel an, wickelte die Nase schnell unter den peinlichsten Ermahnungen seiner Frau in ein Stück Leinewand und verließ seine Wohnung.
Er hatte die Absicht, die Nase irgendwo an einem Brunnen, unter einer Schwelle niederzulegen oder sie wie absichtslos fallen zu lassen, und dann in eine andere Straße einzubiegen.
Aber unglücklicherweise lief er einem Bekannten in die Arme, der ihn sofort zu fragen anfing:
»Wo gehst du denn hin?« oder: »Wen willst du denn schon so frühzeitig rasieren?« sodaß Iwan Jakowlewitsch durchaus keinen günstigen Moment für sein Vorhaben erwischen konnte. In der Folge glückte es ihm zwar einmal, die Nase fallen zu lassen; aber ein Schutzmann machte ihm schon von weitem mit der Hellebarde ein Zeichen und rief ihm zu: »Heb's doch auf! Du hast da etwas fallen lassen!« Und Iwan Jakowlewitsch ward so genötigt, die Nase aufzuheben und in seine Tasche zu stecken. Verzweiflung überfiel ihn, und zwar um so heftiger, je mehr sich die Straße bevölkerte und je mehr Läden und Wirtshäuser geöffnet wurden.
Er entschloß sich, auf die Isaaksbrücke zu gehen. Vielleicht würde er dort ein Mittel finden, die Nase unbemerkt in die Newa zu werfen! ...
Aber ich habe einen Fehler begangen, daß ich dem Leser bis jetzt noch nichts über Iwan Jakowlewitsch, eine in mancher Hinsicht bemerkenswerte Persönlichkeit, berichtet habe.
Iwan Jakowlewitsch war wie jeder russischer Handwerker, der etwas auf sich hält, ein furchtbarer Trunkenbold, und obgleich er täglich die Bärte anderer Leute rasierte, rasierte er doch niemals seinen eigenen. Sein Frack -- denn Iwan Jakowlewitsch trug nie einen Überrock -- war bunt oder vielmehr schwarz und mit gelblich-zimtfarbenen und grauen Flecken übersät; der Kragen glänzte schon ein wenig, und anstelle von drei Knöpfen sah man nichts mehr als ein Paar abgerissene Zwirnsfäden.
Iwan Jakowlewitsch war in jeder Beziehung ein Zyniker; wenn der Kollegien-Assessor Kowalew nach seiner Gewohnheit, während er rasiert wurde, zu ihm sagte:
»Deine Hände stinken immer, Iwan Jakowlewitsch!« so antwortete er gelassen:
»Warum sollen sie denn stinken?«
»Ich weiß nicht, Brüderchen, aber sie stinken!« versetzte hierauf der Kollegien-Assessor Kowalew; und Iwan Jakowlewitsch nahm dann erst eine Prise und seifte hierauf Kowalews Wangen, seine Oberlippe, die Partie hinter den Ohren und unter dem Kinne ein -- mit einem Worte, er seifte ihn ein, wo es ihm Vergnügen machte.
Dieser ehrenwerte Bürger war nun endlich auf der Isaaksbrücke angekommen. Zunächst warf er einen spähenden Blick auf die Umgebung, beugte sich über das Geländer, wie wenn er die vielen Fische im Wasser beobachten wollte, und warf dann das Päckchen mit der Nase ganz behutsam hinab.
Es war ihm zumute, als fielen ihm mit einem Male zehn Pud[10] vom Herzen. Ja, er lächelte sogar.
Anstatt sich nun auf den Weg zu machen, um schnell seine Beamten zu rasieren, trat er in ein Lokal ein, das ein Schild mit der Inschrift »Tee und Lebensmittel« trug, und bestellte dort ein Glas Punsch. Plötzlich bemerkte er jedoch ganz in der Nähe am Ende der Brücke, den Bezirkskommissar, einen Mann von vornehmem Äußeren, mit breitem Backenbart, Dreispitz und Degen. Iwan Jakowlewitsch wurde vor Entsetzen starr wie ein Eisklumpen. Der Kommissar winkte ihm mit der Hand und sagte zu ihm:
[Fußnote 10: Ein Pud = etwa 35 Pfund.]
»Komm doch mal näher, mein Lieber!«
Iwan Jakowlewitsch zog, da er die gebräuchlichen Höflichkeitsformen sehr wohl kannte, schon von weitem die Mütze, sprang herbei und sagte:
»Ich wünsche Ew. Wohlgeboren einen schönen guten Morgen!«
»Nein, nein, Brüderchen, laß nur das >Ew. Wohlgeboren< aus dem Spiel! -- Sag mir lieber, was hattest du da auf der Brücke zu tun?«
»Wahrhaftig, Herr, ich war gerade auf dem Wege zu meinen Kunden, die ich rasieren soll, und schaute hinab, ob die Strömung sehr stark ist!«
»Du lügst! Du schwindelst! So kommst du mit nicht davon! Willst du mir jetzt wohl Rede stehen?«
»Ich bin bereit, Ew. Gnaden zwei-, ja sogar dreimal wöchentlich ohne jede Bezahlung zu rasieren!« versetzte Iwan Jakowlewitsch.
»Nein, lieber Freund! Das sind Dummheiten! Mich rasieren bereits drei Barbiere und rechnen sich diese Funktion zur Ehre an. Aber ich bitte dich, mir zu sagen, was du dort gemacht hast!«
Iwan Jakowlewitsch erblaßte ...
Aber hier hüllt plötzlich ein undurchdringliches Dunkel unsere Geschichte ein, und über die folgenden Geschehnisse weiß man absolut nichts zu berichten.
II.
Der Kollegien-Assessor[11] Kowalew erwachte eines Morgens besonders früh und bewegte seine Lippen, um ein lautes Brr ... brr ... auszustoßen, wie es so seine Art war, wenn er munter wurde, ohne daß er hierfür einen Grund hätte angeben können. Er reckte sich erst tüchtig und suchte dann nach einem kleinen Spiegel, der auf dem Tische stand. Er wollte sich ein Pickelchen anschauen, das am Abend vorher auf seiner Nase aufgesprungen war. Aber zu seinem größten Erstaunen befand sich anstelle seiner Nase in seinem Gesicht eine durchaus ebene und glatte Fläche! Voller Schrecken ließ Kowalew sich Wasser bringen und wusch sich die Augen mit dem Handtuch aus: wahrhaftig, er hatte keine Nase mehr! Er befühlte die Stelle mit der Hand und kniff sich ins Fleisch, um festzustellen, ob er vielleicht noch schliefe; aber nein, er schien tatsächlich nicht zu schlafen. Der Kollegien-Assessor Kowalew sprang aus seinem Bett, schüttelte und rüttelte sich, -- doch die Nase war und blieb verschwunden! Er ließ sich sofort seine Kleider bringen und stürzte schleunigst zu dem Polizeivorstand.
Aber inzwischen ist es Zeit geworden, einige Worte über Kowalew zu sagen, damit der Leser ermessen kann, um welche Art von Kollegien-Assessor es sich bei unserem Freunde Kowalew handelt.
[Fußnote 11: Kollegien-Assessor: so heißen die Beamten des achten Beamtengrades. Im Heere nennt man sie Major; diese Bezeichnung führt Kowalew.]
Man darf nicht etwa die Kollegien-Assessoren, die diesen Rang ihren Diplomen verdanken, mit denen verwechseln, die ihn während ihrer Dienstzeit im Kaukasus erhalten haben. Die Kollegien-Assessoren mit wissenschaftlicher Bildung ... aber ich will doch lieber aufhören, denn Rußland ist ein so seltsames Land, daß all seine Kollegien-Assessoren von Riga bis Kamtschatka sich getroffen fühlen, wenn auch nur von einem dieser Gattung die Rede ist. Und das gilt auch für alle Ämter und alle Grade.
Kowalew war ein _kaukasischer_ Kollegien-Assessor. Seit zwei Jahren erst bekleidete er diesen Rang, und es gab kaum einen Moment, in dem er sich nicht an seine Stellung erinnerte; um sich noch mehr Ansehen und Gewicht zu verleihen, stellte er sich niemals als simplen Kollegien-Assessor vor, sondern stets als Major. »Hör doch, mein Täubchen,« sagte er gewöhnlich, so oft er auf der Straße eine alte Frau traf, die Leinewand feilbot, »geh doch zu mir in meine Wohnung; ich wohne in der Sadovaja[12] und frage nur: >Wohnt hier der Major Kowalew?< Jedermann wird dir gern Auskunft erteilen.« Oder begegnete er einer artigen Schönen, so flüsterte er ihr ganz leise zu: »Du brauchst nur nach der Wohnung des Majors Kowalew zu fragen, liebes Kind!« Aus diesem Grunde wollen auch wir ihn von nun an stets den »Major« nennen.
[Fußnote 12: Große Straße in St. Petersburg.]