Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II
Part 20
Der Major Kowalew pflegte jeden Tag einen Spaziergang auf dem Newski-Prospekt zu machen. Sein Hemdkragen war stets peinlich sauber und frisch gestärkt. Sein Backenbart war von jener Art, wie man ihn noch bei Gouvernements- und Kreislandmessern, Architekten und Militär-Ärzten, d. h. fast bei allen Leuten trifft, die runde Backen und rote Wangen haben und gut »Boston« spielen. Dieser Backenbart zieht sich von der Mitte der Wangen bis dicht unter die Nase hin. Major Kowalew trug an der Uhrkette eine ganze Sammlung von kleinen Korallenberlocken, die mit einem Wappen oder auch mit der Inschrift »Mittwoch«, »Donnerstag«, »Montag« usw. versehen waren. Der Zwang der Verhältnisse hatte ihn dazu veranlaßt, nach Petersburg zu ziehen, hauptsächlich aus dem Grunde, weil er eine seinem Range angemessene Stellung bekleiden wollte, und zwar wenn er Glück hatte, die eines Vize-Gouverneurs, oder doch wenigstens die eines schlichten Exekutors in irgend einem angesehenen Departement. Der Major Kowalew war einer Ehe durchaus nicht abgeneigt, doch mußte seine Auserkorene über eine Mitgift von mindestens zweihunderttausend Rubeln verfügen. Und nun mag sich der Leser in die Empfindungen dieses Majors versetzen, als er anstelle seiner recht hübschen und wohlgebildeten Nase nur eine alberne, glatte und flache Ebene erblickte.
Unglücklicherweise zeigte sich auch nicht ein einziger Kutscher auf der Straße; so war er also genötigt, zu Fuß zu gehen -- in seinen Mantel eingehüllt und das Gesicht hinter einem Taschentuch verbergend, wie wenn er gerade Nasenbluten hätte.
»Aber vielleicht ist es doch nur eine Einbildung von mir; es ist doch unmöglich, daß mir meine Nase so ohne weiteres aus dem Gesicht geschwunden ist,« dachte er.
Und er kehrte in einer Konditorei ein, um dort einen Blick in den Spiegel zu werfen. Zum Glück für ihn befand sich weiter niemand im Lokal, außer einigen Burschen, die gerade auskehrten und die Stühle zurecht rückten. Einige von ihnen trugen noch ganz schlaftrunken heiße Kuchen in Körben hinaus; auf den Tischen und Stühlen lagen kaffeebefleckte Zeitungen vom gestrigen Tage.
»Also Mut! Gott sei Dank ist sonst niemand hier,« sagte er; »nun kann ich meine Untersuchung beginnen!«
Er näherte sich dem Spiegel und blickte hinein.
»Der Teufel mag wissen, wie das nur gekommen ist,« schrie er, indem er empört ausspie; »wenn sich wenigstens anstelle meiner Nase noch etwas anderes befände! Aber nichts, absolut gar nichts!«
Nachdem er die Zähne vor Wut aufeinander gebissen hatte, verließ er das Lokal und beschloß, wider seine Gewohnheit unterwegs niemand anzusehen und keinem auch nur das geringste Lächeln zu spenden.
Plötzlich blieb er wie versteinert vor der Tür eines Hauses stehen. Seine Augen wurden von einer unerklärlichen Erscheinung angezogen: ein Wagen hielt dicht neben dem Trottoir, der Schlag wurde geöffnet und ihm entstieg ein uniformierter Herr, der eiligst die Treppe hinaufeilte. Wie groß war Kowalews Entsetzen, wie groß war sein Erstaunen, als er in ihm seine eigene Nase wiedererkannte. Angesichts dieses außergewöhnlichen Schauspieles war ihm zu Mute, als ob sich alles um ihn herumdrehe, und nur mit Mühe vermochte er sich aufrecht zu halten. Aber trotzdem beschloß er, obwohl er am ganzen Körper zitterte wie ein Fieberkranker, zu warten, bis dieser Herr wieder zurückkehren würde, um in seinen Wagen zu steigen.
Nach Ablauf zweier Minuten erschien die »Nase« tatsächlich. Sie trug eine goldgestickte Uniform mit hohem steifen Kragen, Beinkleider aus Semischleder, und an der Seite einen Degen. An den Federn ihres Hutes konnte man erkennen, daß es sich um einen Staatsrat handelte. Der Anzug des Herrn wies darauf hin, daß er gerade Besuche abstattete. Er schaute sich nach links und nach rechts um, rief dem Kutscher ein »Vorwärts!« zu und rollte davon.
Der unglückliche Kowalew fühlte sich dem Wahnsinn nahe. Er wußte nicht, was er von einem so überraschenden Ereignis halten sollte. Wie war es denn auch nur möglich, daß eine Nase, die sich noch gestern abend in seinem Gesicht befand und die weder gehen noch fahren konnte, jetzt eine Uniform trug! Er stürzte hinter dem Wagen her, der glücklicherweise nicht sehr weit fuhr und vor dem Gostini Dwor[13] halt machte.
Er rannte wie ein Besessener und schlüpfte zwischen einer Reihe alter Bettlerinnen mit verbundenen Gesichtern und zwei großen Öffnungen statt der Augen hindurch, über die er sich früher so oft lustig gemacht hatte. Sonst trieben sich hier nur wenig Menschen umher. Kowalew befand sich in einer solchen geistigen Verwirrung, daß er keinen Entschluß fassen konnte und lediglich in allen Winkeln und Ecken nach dem Herrn Ausschau hielt; endlich sah er ihn vor einem Laden stehen. Die Nase verbarg ihr Gesicht völlig in ihrem hohen Kragen und betrachtete mit gespannter Aufmerksamkeit die ausliegenden Waren.
[Fußnote 13: Ein großer Bazar.]
»Soll ich ihn anreden?« dachte Kowalew. »Aus seiner ganzen Persönlichkeit, aus seiner Uniform und seinem Dreispitz geht klar und deutlich hervor, daß es ein Staatsrat ist. Wenn ich nur wüßte, wie ich es anstellen soll! ...«
Schließlich begann er ganz in der Nähe des Staatsrates zu husten; aber die Nase verließ auch nicht für eine Minute ihren Standpunkt.
»Mein Herr!« sagte Kowalew, der sich innerlich Mut zuzusprechen versuchte, »mein Herr! ...«
»Was wünschen Sie?« fragte die Nase, indem sie sich umwandte.
»Ich finde es erstaunlich, mein Herr ... mir scheint, daß ... Sie sollten doch wissen, wohin Sie gehören. Und plötzlich finde ich Sie, und noch dazu ... hier? ... Sie müssen doch zugeben ...«
»Verzeihung; ich kann absolut nicht begreifen, wovon Sie sprechen. Erklären Sie sich deutlicher!«
»Wie soll ich mich ihm noch verständlich machen?« dachte Kowalew. Und sich ein Herz fassend begann er:
»Sicherlich ... übrigens bin ich Major. Ich habe zurzeit keine Nase. Sie müssen zugeben, das schickt sich doch nicht. Einer Hökerin, die auf der Woskressenski-Brücke geschälte Orangen feilbietet, mag es ja im Grunde nichts ausmachen, ohne Nase herum zu laufen. Jedoch was mich anbetrifft, der ich die Ehre habe, Beamter zu sein und der ich außerdem Beziehungen zu vielen Häusern unterhalte, zu Damen der Gesellschaft, wie zum Beispiel zu Frau Tschechtarewa, die die Frau eines Staatsrates ist, und noch zu vielen andern, ... urteilen Sie selbst ... Ich weiß nicht, mein Herr« -- und hierbei zuckte der Major Kowalew mit den Achseln -- »entschuldigen Sie tausendmal ... aber wenn man die Sache vom Standpunkt der Ehre und der Pflicht betrachtet ... Sie können selbst begreifen ...«
»Ich begreife absolut nichts,« erwiderte die Nase. »Erklären Sie sich deutlicher.«
»Mein Herr,« versetzte Kowalew mit Würde, »ich weiß nicht, wie ich Ihre Worte auffassen soll. Hier handelt es sich doch, wie mich dünkt, um einen durchaus klaren Vorgang. Oder wollen Sie ... denn kurz und gut, Sie sind doch meine eigene Nase!«
Die Nase blickte den Major an, und runzelte die Stirne.
»Sie täuschen sich, mein Herr; ich bin durchaus selbständig. Außerdem können zwischen uns nicht die geringsten Beziehungen existieren. Nach den Knöpfen Ihrer Uniform zu urteilen, müssen Sie in einem andern Ressort dienen.«
Und nach diesen Worten drehte ihm die Nase den Rücken.
Kowalew war nun völlig verwirrt und wußte nicht, was er tun, ja nicht einmal was er sich denken sollte. In diesem Augenblick ertönte das angenehme Rascheln eines seidenen Gewandes. Eine alte, über und über mit Spitzen behängte Dame ging an ihm vorbei, begleitet von einem jungen Mädchen, deren weißes Kleid ihre harmonische Figur aufs vorteilhafteste zur Geltung brachte; sie trug einen gelben federleichten Hut. Beide Damen wurden von einem baumlangen Heiducken mit mächtigem Bart und einem ganzen Dutzend von Mantelaufschlägen begleitet. Er blieb hinter den Damen stehen und öffnete seine Tabaksdose.
Kowalew trat nahe an sie heran, rückte den Kragen seines Batisthemdes zurecht, brachte sein an einer goldenen Kette hängendes Petschaft in Ordnung und wandte seine ganze Aufmerksamkeit der jungen Dame zu, die sich leicht wie eine Frühlingsblume bewegte und eine kleine weiße Hand mit fast durchsichtigen Fingern an ihre Lippen führte. Das Lächeln auf Kowalews Gesicht wurde noch intensiver, als er unter dem Hut ein rundes Kinn von blendender Weiße und einen Teil der Wange bemerkte, die in ihrem Teint einer zarten Frühlingsblume glich.
Aber nur zu bald prallte er wie von einer Tarantel gestochen zurück.
Er hatte sich soeben daran erinnert, daß er keine Nase mehr hatte; und heiße Tränen entströmten seinen Augen.
Er wandte sich um, um dem uniformierten Herrn laut und deutlich zu sagen, daß er nur die Larve eines Staatsrates trüge, daß er ein Lump, ein Spitzbube wäre und daß er nichts weiter sei als seine eigne Nase ... Aber die Nase war verschwunden; sie hatte den günstigen Augenblick benutzt und sich entfernt, höchstwahrscheinlich, um noch einen Besuch abzustatten.
Dieser Umstand stürzte Kowalew vollends in Verzweiflung. Er blieb noch eine Minute unter dem Säulengang stehen und schaute sich gespannt nach allen Seiten um, ob er nicht etwas von der Nase bemerken könne. Er erinnerte sich deutlich, daß ihr Hut mit Federn geschmückt und die Uniform mit Gold gestickt war; aber er hatte nicht auf den Mantel geachtet, auch nicht auf die Farbe des Wagens noch auf die der Pferde; er wußte nicht einmal, ob hinten ein Lakai gestanden hatte und was für eine Livree er trug. Überdies waren eine solche Anzahl von Fahrzeugen aller Art im Trab durch die Straßen gefahren, daß es schwer war, sie voneinander zu unterscheiden. Und hätte er auch das gesuchte herausgefunden, wie hätte er ihm Halt gebieten sollen?
Der Tag war sehr schön und sonnig. Auf dem Newski-Prospekt wimmelte es von Menschen. Ein üppiger Damenflor überschwemmte das ganze Trottoir von der Polizei-Brücke bis zur Anitschkin-Brücke. Hier ging ein Hofrat, ein Bekannter von Kowalew, den er meist, besonders aber vor fremden Leuten, »Oberstleutnant« zu titulieren pflegte. _Dort_ sah er seinen Busenfreund Jaryschkin, der sich beim Bostonspiel oft genug hineinlegen ließ, und _dort_ einen andern Major, der gleich ihm seinen Grad im Kaukasus erlangt hatte, und der ihm nun mit der Hand ein Zeichen gab, er möge doch zu ihm herüberkommen.
»Der Teufel soll ihn holen!« sagte Kowalew. »Kutscher! bring mich doch auf dem nächsten Wege zum Polizei-Präfekten.«
Kowalew bestieg eine Droschke und schrie dem Kutscher jeden Augenblick zu: »Fahr zu, so schnell du kannst!«
»Ist der Polizei-Präfekt zu sprechen?« fragte er sofort beim Eintritt in das Vestibül.
»Nein,« antwortete der Portier; »er ist soeben weggegangen.«
»Das ist ja wundervoll!«
»Gewiß,« fügte der Portier hinzu, »erst vor ganz kurzer Zeit ist er fortgegangen. Wären Sie nur eine Minute früher gekommen, Sie hätten ihn sicher noch getroffen.«
Ohne das Taschentuch vom Gesicht zu nehmen, stürzte Kowalew wieder in den Wagen zurück und rief dem Kutscher mit verzweifelter Stimme zu:
»Fahr weiter!«
»Wohin?« fragte der Kutscher.
»Geradeaus!«
»Wie? Geradeaus? Wir befinden uns doch an einer Straßenecke: also rechts oder links?«
Diese Frage verwirrte Kowalew und zwang ihn von neuem zum Nachdenken. In seiner Lage wäre es vor allem angebracht gewesen, aufs Polizeipräsidium zu gehen, nicht weil seine Angelegenheit direkt in das Polizeiressort gehörte, sondern weil er hier auf eine schnellere Erledigung als sonst wo rechnen konnte. Sich an das Ressort zu wenden, in dem die Nase angestellt war, wäre sicher unklug gewesen, ging doch bereits aus den eigenen Äußerungen der Nase zur Evidenz hervor, daß es für diesen Mann nichts Heiliges gab. Weshalb sollte er sich denn nicht mittels einer Lüge aus einer solchen Lage befreien, er hatte doch ganz frech gelogen, als er behauptete, daß er nie etwas mit ihm zu tun hatte. Kowalew wollte dem Kutscher gerade den Befehl geben, er solle ihn zum Polizei-Präsidium fahren, als ihm der Gedanke kam, daß dieser miserable Kerl, der sich bei ihrer ersten Begegnung so perfid benommen hatte, den günstigen Augenblick benutzen und die Stadt verlassen könnte; -- und dann wären alle Nachforschungen überflüssig gewesen, oder sie konnten sich, was Gott verhüten mochte, wohl gar einen ganzen Monat hinziehen. Endlich gab ihm, wie er glaubte, der Himmel selbst einen Wink. Er beschloß, direkt nach der Expedition der Amtszeitung zu fahren und dort sofort eine Annonce mit der genauen Angabe seines Signalements einrücken zu lassen, damit die, die der Nase begegneten, sie ihm zuführen oder ihm doch wenigstens die Wohnung dieses Räubers mitteilen konnten.
Nachdem er diesen Entschluß gefaßt hatte, befahl er dem Kutscher, nach der betreffenden Expedition zu fahren, bearbeitete während der ganzen Fahrt unaufhörlich den Rücken des Automedon mit seinen Fäusten und schrie:
»Schneller, du Spitzbube! Schneller, Kanaille!«
»Aber, Herr!« antwortete nur immer kopfschüttelnd der Kutscher und schlug mit dem Zügel über den Rücken des Pferdes, das so behaart war wie ein Bologneserhund.
Endlich hielt die Droschke, und Kowalew trat ganz atemlos in ein kleines Empfangszimmer, wo ein alter Beamter in einem schäbigen Frack und mit einer Brille hinter einem Tische saß, einen Federkiel zwischen den Zähnen hielt und Kupfergeld zählte.
»Wer nimmt hier Annoncen an?« schrie Kowalew; »doch ich bitte um Verzeihung, guten Morgen vor allen Dingen!«
»Guten Morgen!« sagte der alte Beamte und blickte einen Moment empor, um seine Aufmerksamkeit sofort wieder seinen Geldhaufen zuzuwenden.
»Ich möchte ein Inserat aufgeben ...«
»Einen Augenblick nur bitte ich Sie, sich gedulden zu wollen,« fuhr der Beamte fort, indem er mit der Hand eine Zahl auf das Papier schrieb und mit einem Finger der Linken an der Rechenmaschine zwei Kugeln verschob.
Ein galonnierter Diener von äußerst korrektem Aussehen, dem man seine lange Dienstzeit in aristokratischen Häusern anmerkte, stand mit einem Zettel vor dem Tisch und hielt es für angebracht, auf seine gesellschaftliche Bildung hinzuweisen.
»Seien Sie überzeugt, mein Herr, daß dieser kleine Hund keine acht Groschen wert ist; ich für meine Person würde nicht acht Pfennig für ihn geben. Aber die Frau Gräfin betet ihn an, bei Gott! sie betet ihn in der Tat an, -- deshalb verspricht sie seinem Ueberbringer hundert Rubel. In aller Höflichkeit sei's gesagt, aber unter uns: die Geschmacksrichtungen der Leute sind doch ganz unberechenbar. Wenn man schon einmal Hundeliebhaber ist, so halte man sich meinetwegen einen Windhund oder einen Pudel; dafür kann man ruhig fünfhundert, ja auch tausend Rubel anwenden, aber dann hat man auch einen wirklich wertvollen Hund.«
Der ehrenwerte Beamte hörte sich diese Ausführungen mit einer sehr bezeichnenden Miene an und zählte unterdessen ruhig die Buchstaben des Zettels, den der Diener mitgebracht hatte. Links von ihm hatte sich eine Menge alter Weiber, Handlungsgehilfen und Portiers gleichfalls mit Zetteln in der Hand angesammelt.
Aus einem dieser Zettel ging hervor, daß ein Kutscher, der sich sehr gut geführt hatte, von seinem Besitzer aus dem Dienst entlassen worden war, aus einem andern, daß man eine noch wenig benutzte, um 1814 aus Paris bezogene Kutsche zum Verkauf feilbot. Hier suchte ein neunzehnjähriges Dienstmädchen, das waschen und gleichzeitig noch andere Arbeiten verrichten konnte, eine Stellung. Dort wollte jemand eine Droschke ohne Federn verkaufen, oder einen jungen, feurigen, siebzehn Jahre alten Apfelschimmel, oder erst kürzlich aus London eingetroffenen Rüben- und Rettichsamen, oder ein Landhaus mit allem Zubehör (zwei Pferdeställen, nebst einem Platz, wo man einen prachtvollen Birken- oder Tannenwald anpflanzen konnte usw.). Wieder andere annoncieren, daß sie alte Sohlen zu verkaufen hätten, und luden täglich von 8 bis 3 Uhr zu deren Besichtigung ein.
Das Zimmer, in dem sich der ganze Schwarm aufhielt, war klein, und infolgedessen war die Luft in ihm äußerst dumpf; allein der Kollegien-Assessor Kowalew merkte nichts davon, denn sein Gesicht war mit einem Taschentuch verhüllt und seine Nase befand sich Gott weiß wo --
»Mein Herr, darf ich Sie bitten ... Ich habe es sehr eilig ...« sagte er endlich ungeduldig.
»Gleich, gleich! ... Zwei Rubel dreiundvierzig Kopeken! ... Nur noch eine Minute! ... Ein Rubel vierundsechzig Kopeken!« sagte der alte Herr, indem er den alten Frauen und den Portiers die Zettel ins Gesicht warf.
»Was wünschen Sie?« sagte er endlich, indem er sich an Kowalew wandte.
»Ich bitte Sie,« sagte Kowalew ... »es handelt sich um eine schier unglaubliche Spitzbüberei; bis zu diesem Augenblick weiß ich noch nicht, wie sie bloß passieren konnte. Ich bitte Sie jetzt nur, annoncieren zu wollen, daß derjenige, der mir diesen Halunken herbeischafft, eine gute Belohnung erhalten soll.«
»Wollen Sie mir bitte Ihren Namen angeben?«
»Nein! weshalb meinen Namen? es ist mir ganz unmöglich, ihn zu nennen. Ich habe aber gute Beziehungen, zum Beispiel zu Frau Tschechtarewa, der Gattin eines Staatsrates, oder zu Frau Pelagia Grigoriewna Podtotschina, die einen höheren Offizier zum Mann hat. Wenn sie es erführen ... Gott behüte! Sie können ganz einfach schreiben: >Ein Kollegien-Assessor< oder noch besser: >Ein Major<.«
»Und der Ausgerückte war Ihr Leibeigner?«
»Was für ein Leibeigner? Das wäre noch keine so große Gemeinheit! Nein, mir ist ... die Nase ausgerückt! ...«
»Hm! was für ein merkwürdiger Familienname! Und um welche Summe hat Sie Herr Nase bestohlen?«
»Nase! Aber Sie sind nicht bei Sinnen! Meine Nase, meine eigene Nase ist es, die verschwunden ist, ich weiß nicht, wohin. Der Teufel hat mir einen Streich spielen wollen!«
»Aber auf welche Weise ist sie verschwunden? Ich verstehe absolut nichts von alledem!«
»Ich kann Ihnen nicht sagen, auf welche Weise. Aber das wichtigste bei dieser Angelegenheit ist die Tatsache, daß sie jetzt in der Stadt herumspaziert und sich Staatsrat tituliert. Und aus diesem Grunde bitte ich Sie, zu annoncieren, daß derjenige, der sie fassen sollte, sie ohne Verzug zu mir bringen möge. Sagen Sie übrigens selbst: wie soll ich ohne diesen Körperteil, der doch unbedingt zu meiner Person gehört, existieren? Es handelt sich hier doch nicht etwa um eine Zehe ... wenn man einen Schuh trägt, so würde man ihr Fehlen ja garnicht bemerken. Aber ich gehe doch jeden Donnerstag zu Frau Staatsrat Tschechtarewa; Frau Pelagia Grigoriewna Podtotschina, die Gattin eines höheren Offiziers und Mutter eines reizenden Töchterchens, ist eine gute Bekannte von mir. Außerdem habe ich noch zu andern vornehmen Familien Beziehungen, und nun mögen Sie selbst urteilen, ob ich so herumlaufen kann ... Es ist mir doch augenblicklich ganz unmöglich, mich irgendwo zu zeigen.«
Der Beamte überlegte, indem er fortwährend die Lippen zusammenkniff.
»Nein, ein solches Inserat kann ich nicht aufnehmen!« sagte er endlich nach längerem Stillschweigen.
»Wie? -- Weshalb nicht?«
»Weil die Zeitung dadurch ihren guten Ruf verlieren könnte. Wenn jemand schreibt, daß ihm seine Nase abhanden gekommen ist, dann ... Auch ohne dies wird schon genug davon gesprochen, daß alle möglichen Torheiten und Lügen gedruckt werden!«
»Und weshalb ist das töricht? Mein Fall ist doch, wie mir scheint, ganz klar und ....«
»Das ist Ihre Meinung! Aber hören Sie, was uns vorige Woche passiert ist. Es erscheint ein Beamter, ganz wie Sie heute, und bringt uns ein Inserat, das ihn zwei Rubel dreiundsiebzig Kopeken kostet. In diesem Inserat wird das Entlaufen eines schwarzen Pudels angekündigt. Sie werden einwenden: >Ich kann keine Ähnlichkeit mit meinem Fall entdecken!< Aber es stellte sich bald heraus, daß das lediglich eine Mystifikation gewesen war; mit dem Pudel war der Kassierer eines Geschäftes gemeint.«
»Aber ich suche doch garnicht nach einem Pudel, sondern nach meiner eigenen Nase; hören Sie: das ist doch fast so, als ob ich nach mir selbst suchte!«
»Nein, ich kann ein solches Inserat nicht aufnehmen!«
»Aber wenn doch meine Nase in der Tat verschwunden ist?«
»Wenn sie verschwunden ist, so geht das nur den Arzt etwas an; ich habe gehört, daß einige von ihnen eine große Geschicklichkeit in der Herstellung künstlicher Nasen entwickeln! Übrigens bin ich der Meinung, daß Sie ein Spaßvogel sind und sich in guter Gesellschaft gern einen Scherz erlauben!«
»Ich beschwöre Sie bei allem, was mir heilig ist! Gestatten Sie, wenn es nicht anders geht, daß ich es Ihnen demonstriere!«
»Warum diese Aufregung?« fuhr der Beamte fort, indem er eine Prise nahm. »Aber schließlich ..., wenn es Sie weiter nicht inkommodiert,« fügte er neugierig hinzu, »ich würde mir die Sache mit Vergnügen ansehen!«
Der Kollegien-Assessor zog das Taschentuch von seinem Gesichte fort.
»In der Tat, das ist äußerst sonderbar!« sagte der Beamte. »Die Stelle ist ja ganz eben wie ein frischgebackener Eierkuchen. Ja, sie ist glatt, -- es ist schier unglaublich!«
»Nun, wollen Sie jetzt noch streiten? Jetzt sehen Sie wohl selbst, daß Sie mein Inserat unmöglich nicht aufnehmen können. Ich wäre Ihnen dafür zu ganz besonderem Dank verpflichtet, und ich bin sehr froh darüber, daß diese Gelegenheit mir das Vergnügen verschafft hat, Ihre Bekanntschaft zu machen.«
Der Major ließ sich, wie man sieht, sogar zu einer Schmeichelei herab.
»Die Sache mit der Annonce hätte an und für sich keine Schwierigkeit,« sagte der Beamte; »nur sehe ich darin keinen Vorteil für Sie. Sie sollten sich an irgend einen geschickten Journalisten wenden, der Ihren Fall als Naturphänomen behandeln und darüber einen Artikel in der »Biene des Nordens« -- hierbei nahm er eine Prise -- »zur Belehrung der Jugend« -- hierbei schneuzte er sich -- »oder noch besser zur allgemeinen Unterhaltung veröffentlichen könnte.«
Der Kollegien-Assessor war der Verzweiflung nahe. Er warf einen Blick auf das Feuilleton des Zeitungsblattes und auf die Theaternotizen; ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er den Namen einer hübschen Schauspielerin las, und er steckte schon die Hand in die Tasche, um einen blauen Zettel hervorzuholen -- denn nach seiner Meinung mußten die höheren Offiziere mindestens im Parkett sitzen --; aber der Gedanke an seine Nase verdarb ihm jedes Vergnügen.
Der Beamte hatte das lebhafteste Mitgefühl mit Kowalew, der sich in einer höchst peinlichen Situation befand. Von dem Wunsche beseelt, seinen Kummer ein wenig zu mildern, hielt er es für gut, ihm mit einigen Worten seine Teilnahme auszusprechen:
»Wahrhaftig, ich bin sehr betrübt, daß Ihnen ein solches Mißgeschick widerfahren ist. Nehmen Sie vielleicht eine Prise Tabak? Das vertreibt die Kopfschmerzen und den Hang zur Melancholie! Außerdem ist es ein unfehlbares Heilmittel gegen Hämorrhoiden!«
Mit diesen Worten reichte der Beamte ihm seine Tabaksdose, indem er den Deckel, der mit dem Porträt einer Dame im Hut geschmückt war, in sehr geschickter Weise wegschob.
Dieser unüberlegte Höflichkeitsakt brachte Kowalew um den Rest seiner Geduld.
»Ich verstehe nicht, wie Sie solche Scherze machen können!« sagte er zornig. »Sehen Sie denn nicht, daß mir augenblicklich gerade der Körperteil fehlt, der zum Nehmen einer Prise unbedingt erforderlich ist? Der Teufel soll Ihren Tabak holen! Ich kann ihn jetzt garnicht mehr sehen, selbst dann nicht, wenn es kein stinkender Beresinski, sondern echter Rapé wäre.«
Nach diesen Worten verließ er tiefgekränkt das Zeitungsbureau und begab sich aufs Polizei-Kommissariat.
Als Kowalew ins Bureau trat, traf er dort einen Beamten an, der gerade gähnte, sich streckte und laut zu sich selbst sprach: »Ich würde jetzt mit großem Vergnügen noch ein paar Stündchen schlafen.«
Man sieht hieraus, daß ihm die Ankunft des Kollegien-Assessors nichts weniger als gelegen kam.
Der Polizei-Kommissar war ein großer Liebhaber von allen möglichen Kunstgegenständen; doch zog er einen mit dem kaiserlichen Wappen geschmückten Schein allen andern Dingen vor.