Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II
Part 21
»Das ist ein Stück,« sagte er oft, »wie es nirgends ein besseres gibt: es braucht keine Nahrung, nimmt wenig Platz ein, läßt sich bequem in die Tasche stecken und zerbricht nicht, wenn es einmal zu Boden fällt.«
Er empfing Kowalew sehr kühl und ließ die Bemerkung fallen, daß die Stunde nach dem Mittagessen nicht der geeignete Moment zur Erledigung amtlicher Nachforschungen wäre, und daß die Natur uns selbst darauf hinwiese, daß es gut sei, einen Augenblick der Ruhe zu pflegen, wenn man gegessen habe -- woraus der Kollegien-Assessor ersehen konnte, daß die Gepflogenheiten der Philosophen des Altertums dem Kommissar nicht ganz unbekannt waren --, und daß ein ordentlicher Mann seine Nase nicht verliere.
Diese Worte verwundeten unseren Helden aufs tiefste.
Hierbei muß bemerkt werden, daß Kowalew eine äußerst empfindliche Natur war. Er konnte alles verzeihen, was man über ihn sagte, doch niemals vergab er einen Verstoß gegen die seiner amtlichen Würde gebührende Achtung. Er dachte daran, daß man in den Theaterstücken alle üblen Bemerkungen über die Subaltern-Offiziere durchgehen ließ, aber niemals ein Wort, das sich gegen die höheren Offiziere richtete. Der Empfang des Kommissars brachte ihn derartig aus der Fassung, daß er kopfschüttelnd und im Bewußtsein seiner Würde die Hände erhob und erklärte:
»Ich muß gestehen, daß ich auf solche beleidigende Äußerungen nichts zu erwidern habe.«
Und damit ging er.
Er suchte seine Wohnung auf; es war ihm, als wären seine Beine abgestorben. Es wurde bereits dunkel, und seine Behausung erschien ihm nach allen diesen fruchtlosen Nachforschungen sehr traurig und sehr schmutzig. Beim Eintritt in das Vorzimmer bemerkte er auf dem alten schmutzigen Ledersopha seinen Diener Iwan, der auf dem Rücken lag, sich damit unterhielt, an die Zimmerdecke zu spucken, und hierbei mit großer Geschicklichkeit stets ein und dieselbe Stelle traf. Eine solche Gleichgültigkeit versetzte ihn vollends in Wut; er schlug ihm mit seinem Hut auf die Stirn und schrie ihn an:
»Du Esel hast doch immer nur Torheiten im Sinn!«
Iwan sprang von seiner Bank herunter und stürzte schleunigst herbei, um ihm seinen Mantel abzunehmen.
Der Major trat müde und traurig in sein Zimmer, warf sich in einen Sessel, seufzte einigemal laut auf und sagte:
»Mein Gott! Mein Gott! Womit habe ich ein solches Unglück verdient? Hätte ich eine Hand oder einen Fuß verloren -- das wäre noch nicht so schlimm; aber ein Mensch ohne Nase, das ist doch ... weiß der Teufel was! Ein Vogel, der kein Vogel ist, ein Bürger, der das Bürgerrecht verloren hat, das ist ganz einfach ein Ding, das man nehmen und zum Fenster hinauswerfen möchte. Wäre sie mir wenigstens noch im Kriege oder im Duell abhanden gekommen, oder hätte ich es wenigstens selbst verschuldet! Aber so um nichts und wieder nichts, ohne jede Veranlassung zu verduften! Nein, nein ... das ist ja ganz unmöglich!« -- fügte er nach kurzem Nachdenken hinzu --, »es ist ganz unglaublich, daß eine Nase so ohne weiteres verschwindet. Das ist doch zu unwahrscheinlich. Sicherlich träume ich bloß oder ich bilde es mir nur ein. Vielleicht habe ich aus Versehen statt eines Glases Wasser den Branntwein ausgetrunken, mit dem ich mir nach dem Rasieren mein Gesicht einreibe. Dieser Schafskopf Iwan wird ihn sicher nicht weggenommen haben, und so habe ich ihn gewiß ganz ahnungslos heruntergegossen.«
Und um sich zu beweisen, daß er nüchtern sei, kniff sich der Major so heftig ins Fleisch, daß er einen lauten Schrei ausstieß. Dieser Schmerz überzeugte ihn endgültig davon, daß er am Leben war und vernünftig handelte. Er trat ganz leise vor den Spiegel und blinzelte zuerst mit den Augen, da er sich mit der Hoffnung schmeichelte, die Nase könne doch vielleicht noch an ihrem Platze sein; aber er trat sogleich wieder einen Schritt zurück und murmelte:
»Die reinste Karikatur!«
Die Sache war ihm ganz unverständlich; wäre ihm noch ein Knopf verschwunden, ein silberner Löffel, eine Uhr oder etwas dergleichen! -- aber eine Nase ... und noch dazu auf welche Weise? wohl gar aus seinem eigenen Zimmer? Der Major Kowalew ließ alle die verschiedenen Umstände an sich vorüberziehen und kam schließlich zu dem Resultat, daß noch am ehesten Frau Podtotschina, die Gattin eines höheren Offiziers, an seinem Unglücke Schuld sein konnte, da sie ihn heftig zum Schwiegersohne begehrte. Es machte ihm Spaß, ihrer Tochter den Hof zu machen, doch ging er einer deutlichen Erklärung stets aus dem Wege. Als die Dame ihm nun offen mitteilte, daß sie ihm gern ihre Tochter zur Frau geben würde, lehnte er diese Ehre unter vielen Komplimenten mit der Begründung ab, er wäre noch zu jung und müsse noch gegen fünf Jahre dienen, um die runde Zahl von zweiundvierzig Jahren zu erreichen.
Sicherlich hatte die Frau des höheren Offiziers aus diesem Grunde beschlossen, sich zu rächen, ihn zu verderben, und zu diesem Behufe einige alte Hexen gegen ihn ins Feld geführt; denn es war ja unmöglich, daß ihm die Nase auf die eine oder die andere Weise abgeschnitten sein sollte. Niemand war im Zimmer gewesen. Der Barbier Iwan Jakowlewitsch hatte ihn noch am Mittwoch rasiert, und während des ganzen Tages, sowie auch am Donnerstag war seine Nase noch ganz heil und gesund gewesen. Daran erinnerte er sich ganz deutlich. Außerdem hätte er doch irgend einen Schmerz empfinden müssen, die Wunde wäre auch nicht so schnell geheilt und nicht so platt wie ein Fladen geworden.
Er schmiedete in seinem Hirn alle möglichen Pläne, er wollte die Frau Podtotschina beim Gericht verklagen oder sich wenigstens persönlich zu ihr begeben und sie zur Rechenschaft ziehen.
Plötzlich wurde er in seinem Sinnen durch einen Lichtschimmer gestört, der durch die Türritzen drang und ihm ankündigte, daß Iwan im Vorzimmer eine Kerze angezündet hatte.
Gleich darauf erschien Iwan selbst, eine Kerze in der Hand haltend, und bald war das Zimmer hell erleuchtet. Kowalews erste Bewegung war es, sein Taschentuch zu ergreifen und die Stelle zu verdecken, an der sich noch tags zuvor seine Nase befunden hatte, damit der dumme Lakai nicht das Maul aufzureißen brauchte, wenn er seinen Herrn so sonderbar entstellt sah.
Iwan hatte nicht Zeit gehabt, seine Kammer aufzusuchen, denn eine unbekannte Stimme ließ sich im Vorzimmer vernehmen und fragte:
»Wohnt hier der Kollegien-Assessor Kowalew?«
»Treten Sie ein; hier wohnt allerdings der Major Kowalew,« sagte dieser, indem er eiligst die Tür öffnete.
Der Polizeikommissar, ein Mann von würdigem Aussehen, mit einem nicht all zu hellen, noch all zu dunklen Backenbart und runden Wangen, derselbe, den wir beim Beginn dieser Erzählung am Ende der Isaaks-Brücke getroffen haben, trat ein.
»Sie hatten die Ehre, Ihre Nase zu verlieren?«
»In der Tat!«
»Sie ist soeben gefunden worden.«
»Was sagen Sie da?« schrie der Major Kowalew. Die Freude machte ihn sprachlos.
Er sah den Polizisten, der vor ihm stand, starr an, wobei seine Lippen und Wangen von dem flackernden Kerzenlicht erhellt wurden.
»Auf welche Weise?« fragte er endlich.
»Durch einen erstaunlichen Zufall: man hat sie gerade im Moment ihrer Abreise verhaftet. Sie hatte schon einen Platz im Wagen eingenommen, um nach Riga zu fahren. Ihr Paß lautete auf den Namen eines Beamten. Und das Sonderbarste ist, daß ich selbst sie zuerst für einen Herrn gehalten habe; aber ich setzte glücklicherweise meine Brille auf und erkannte sogleich, daß es eine Nase war. Ich muß Ihnen nämlich sagen, daß ich kurzsichtig bin, und wie Sie jetzt vor mir stehen, erkenne ich wohl, daß Sie ein Gesicht haben, aber ich unterscheide weder Nase, noch Bart, noch sonst etwas. Meine Schwiegermutter, die Mutter meiner Frau, sieht auch nicht mehr als ich.«
Kowalew konnte sich nicht mehr beherrschen.
»Wo ist sie? Wo? Ich laufe sofort hin.«
»Regen Sie sich nicht auf. Da ich wußte, daß Sie sie sehr nötig haben, habe ich sie gleich mitgebracht. Das Merkwürdigste ist, daß der Hauptschuldige an dieser ganzen Angelegenheit ein Lump von Barbier aus der Wosnessenski-Straße ist, der zur Zeit bereits im Polizeigewahrsam sitzt. Ich habe ihn schon lange im Verdacht, daß er ein Trunkenbold und Dieb ist; erst vor drei Tagen hat er in einem Laden eine Schachtel mit Knöpfen entwendet. Ihre Nase ist gänzlich unversehrt.«
Mit diesen Worten griff der Agent in seine Tasche und holte die Nase hervor, die in ein Stück Papier eingewickelt war.
»Ja, das ist sie!« schrie Kowalew. »Das ist sie und keine andere! Trinken Sie vielleicht eine Tasse Tee mit mir?«
»Ich danke Ihnen für Ihre außerordentliche Liebenswürdigkeit, aber das ist mir leider unmöglich. Ich muß mich von hier aus sofort in ein Konfektionshaus begeben ... In den letzten Tagen sind die Lebensmittel entsetzlich teuer geworden ... Meine Schwiegermutter, die Mutter meiner Frau, und meine Kinder warten zu Hause auf mich ... Mein Ältester berechtigt zu den schönsten Hoffnungen; das ist wirklich ein recht intelligenter Bursche; aber mir fehlen die Mittel, ihm eine geeignete Erziehung zu geben ...«
* * * * *
Nachdem der Kommissar den Kollegien-Assessor verlassen hatte, befand sich dieser einige Minuten in einer unbeschreiblichen Geistesverfassung; einen Moment lang konnte er seine Lage kaum überblicken. Die plötzliche Freude hatte ihn ganz matt gemacht. Endlich nahm er die wieder gefundene Nase vorsichtig zwischen seine beiden Hände und schaute sie noch einmal mit großer Aufmerksamkeit an.
»Ja, das ist sie! Das ist sie in der Tat!« sagte er. »Hier auf der linken Seite ist auch das Pickelchen von gestern ...«
Der Major hätte vor Freude laut aufjubeln mögen.
Aber auf dieser Welt ist nichts von langer Dauer; bald läßt die Freude nach und, während Sekunde auf Sekunde vergeht, weicht auch sie schnell einer peinigenden Abspannung, um unmerklich wieder zum gewohnten Gleichmaß zurückzukehren, so wie der Kreis, den das Fallen eines Steines im Wasser erzeugt, allmählich in der glatten Oberfläche zerrinnt.
Kowalew begann, das Vorgefallene zu überdenken, und begriff, daß sein Abenteuer noch nicht zu Ende war. Die Nase war wohl gefunden, aber jetzt mußte man sie vor allen Dingen wieder an ihren alten Platz bringen und befestigen.
»Wenn sie nun nicht halten wird?«
Bei diesem Gedanken erbleichte der Major.
Von einer unerklärlichen Furcht gepackt stürzte er an den Tisch und ergriff den Spiegel, um sich die Nase nur nicht schief anzusetzen. Seine Hände zitterten. Mit großer Vorsicht und Behutsamkeit drückte er sie wieder an ihren alten Platz. Doch welch ein Schrecken! die Nase hielt nicht! ... Er führte sie an seinen Mund, erwärmte sie mit seinem Atem und brachte sie von neuem an die glatte Fläche, die sich zwischen seinen beiden Wangen befand. Die Nase wollte absolut nicht halten!
»So sitz doch, du Rindvieh!« sagte Kowalew zu ihr.
Aber die Nase schien wie aus Holz zu sein und fiel mit einem recht sonderbaren Ton gleich einem Stück Kork auf den Tisch. Kowalews ganzes Gesicht zuckte konvulsivisch zusammen.
»Ist es denn möglich, daß sie in der Tat nicht haften bleiben sollte?« sagte er voller Schrecken.
Er drückte sie noch einmal auf die Stelle, an die sie gehörte, -- aber auch dieses Mal ohne Erfolg.
Kowalew rief Iwan und trug ihm auf, zum Arzte zu gehen, der eine der schönsten Wohnungen im ersten Stock des Hauses inne hatte. Dieser Arzt war ein Mann von feiner Lebensart, außerdem verfügte er über ein Paar herrliche pechschwarze Favoris und eine prachtvolle urgesunde Frau. Schon am frühen Morgen pflegte er frische Äpfel zu essen. Als besondere Eigentümlichkeit wäre dann noch die außerordentliche Pflege zu erwähnen, die er seinem Munde angedeihen ließ, denn er spülte ihn nach dem Aufstehen fast dreiviertel Stunden lang und putzte sich stets die Zähne mit fünf verschiedenen Bürstchen.
Der Arzt ließ nicht lange auf sich warten.
Nachdem er sich danach erkundigt hatte, wieviel Zeit verstrichen war, seit Kowalew den Verlust bemerkt hatte, faßte er den Major am Kinn und gab ihm mit dem Zeigefinger an der Stelle, wo sich früher die Nase befunden hatte, einen so tüchtigen Nasenstüber, daß der Major mit dem Kopfe zurückzuckte und mit ihm ziemlich heftig an die Mauer schlug. Der Arzt meinte, das mache weiter nichts, und befahl ihm, mit dem Kopf von der Wand abzurücken und ihn ein wenig nach links zu neigen, befühlte ihn und ließ dann ein gedehntes »Hm« vernehmen. Zum Schluß gab er ihm noch einen Nasenstüber, sodaß Kowalew mit dem Kopf zurückfuhr wie ein Pferd, dessen Zähne man untersucht.
Nach dieser Einleitung schüttelte der Arzt den Kopf und sagte:
»Nein, es ist unmöglich! Es ist besser, Sie lassen die Geschichte auf sich beruhen, sonst könnte es noch schlimmer werden. Gewiß kann man die Nase wieder befestigen; ich könnte es sogar auf der Stelle tun, das unterliegt keinem Zweifel. Aber ich gebe Ihnen die Versicherung, daß es dann noch schlimmer werden kann.«
»Das ist ja großartig! Aber wie kann ich denn ohne Nase existieren?« sagte Kowalew. »Schlimmer als jetzt kann es ja garnicht werden. Da soll doch das heilige Donnerwetter dreinschlagen! Wo kann ich mich denn mit einem solchen grotesken Kopf blicken lassen? Ich muß doch meine guten Beziehungen pflegen, heute abend muß ich sogar noch zwei Besuche abstatten. Ich bin mit vielen einflußreichen Personen bekannt, so z. B. mit Frau Staatsrat Tschechtarewa, und mit Frau Podtotschina, die die Gattin eines höheren Offiziers ist, wenngleich ich mit dieser Dame nach dem Vorgefallenen nur noch durch die Polizei verkehren werde. Tun Sie mir den Gefallen,« fügte Kowalew mit bittender Stimme hinzu, »setzen Sie sie mir wieder an, mir ist jedes Mittel recht. Wenn es auch nicht gut aussieht, die Hauptsache ist, daß sie hält; in gefährlichen Situationen könnte ich sie ja etwas mit der Hand stützen. Im übrigen tanze ich auch garnicht, sodaß ich nicht etwa zu befürchten brauche, daß sie sich durch eine unvorsichtige Bewegung ablösen könnte. Und was das Honorar für Ihren Besuch anbetrifft, so können Sie überzeugt sein, daß, soweit es mir meine Mittel gestatten ...«
»Glauben Sie mir,« sagte der Arzt nicht allzu laut, aber auch nicht allzu leise, auf jeden Fall aber in überzeugendem und eindringlichem Tone, »daß ich meine Kunst niemals um des schnöden Mammons willen ausübe. Das wäre gegen meine Grundsätze und gegen meinen Beruf. Ich nehme gern eine Vergütung für meinen Besuch an, aber einzig und allein, um Sie nicht durch meine Weigerung zu verletzen. Gewiß kann ich Ihre Nase wieder anheften. Aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, wenn Sie es mir so nicht glauben wollen, daß es sehr häßlich aussehen wird. Lassen Sie doch lieber die Natur walten! Waschen Sie die betreffende Stelle recht häufig mit kaltem Wasser, und ich versichere Sie, daß Sie sich ohne Nase ebenso gut befinden werden als mit ihr. Und dann gebe ich Ihnen noch den Rat, die Nase in einem Gefäß mit Spiritus aufzubewahren oder noch besser zwei Suppenlöffel Branntwein und heißen Essig in den Rezipienten zu tun, -- auf diese Weise könnten Sie viel Geld für sie erhalten. Ich selbst würde sie Ihnen gern abnehmen, wenn Sie nicht zu teuer sind!«
»Nein, nein, um keinen Preis in der Welt würde ich sie verkaufen!« rief der Major Kowalew verzweifelt aus; »lieber will ich sie vernichten!«
»Entschuldigen Sie,« sagte der Arzt und erhob sich; »ich wollte Ihnen nur nützlich sein ... Was ist da zu tun? Auf jeden Fall haben Sie sich von meinem guten Willen überzeugt.«
Mit diesen Worten und mit einer vornehmen Handbewegung verließ der Arzt das Zimmer. Kowalew hatte nicht einmal sein Gesicht deutlich gesehen und in seiner tiefen Betäubung nur die Manschetten seines schneeweißen Hemdes bemerkt, das aus den Ärmeln des schwarzen Frackes hervorleuchtete.
Am folgenden Tage beschloß er, noch bevor er die Klage gegen Frau Podtotschina einreichte, an sie zu schreiben und sie zu fragen, ob sie seiner Forderung nicht vielleicht gutwillig Folge leisten wollte.
Dieser Brief lautete folgendermaßen:
»Sehr geehrte Frau Alexandra Grigoriewna!
Es ist mir unmöglich, Ihre äußerst seltsame Handlungsweise zu begreifen. Seien Sie überzeugt, daß Sie hierdurch nichts gewinnen und mich keineswegs dazu zwingen werden, Ihre Tochter zu heiraten. Was die Angelegenheit mit meiner Nase anbetrifft, so ist die Rolle, dessen versichere ich Sie, die Sie, die Hauptanstifterin, in ihr spielen, von allem andern zu schweigen, schon völlig aufgeklärt. Ihr plötzliches Verschwinden von ihrem Platze, ihre Flucht, ihre Verkleidung als Beamter wie ihr darauffolgendes Auftreten in natürlicher Gestalt: das alles ist nur die Folge einer Behexung, die Sie oder irgend welche von Ihnen bezahlte Kreaturen gegen mich inszeniert haben. Was nun mich anbetrifft, so glaube ich die Pflicht zu haben, Ihnen im voraus anzukündigen, daß ich, sollte die in Frage kommende Nase sich nicht noch heute an ihrem alten Platze befinden, mich gezwungen sehen würde, den Beistand und Schutz der Gerichte anzurufen.
Im übrigen bin ich mit der Versicherung meiner vorzüglichen Hochachtung
Ihr ergebener Diener Platon Kowalew.«
»Geehrter Herr Platon Kusmitsch!
Ihr Brief hat mich in außerordentliches Erstaunen versetzt. Ich gestehe offen, ich hätte von Ihnen nie so ungerechte Vorwürfe erwartet. Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß ich den Beamten, von dem Sie sprechen, weder maskiert, noch in eigener Gestalt, bei mir empfangen habe. Allerdings hat mich Philipp Iwanowitsch Potantschikow besucht. Und obgleich er in der Tat um die Hand meiner Tochter angehalten hat und auf einen tadellosen, nüchternen Lebenswandel und große Bildung hinweisen konnte, habe ich ihm doch keinerlei Hoffnung gegeben. Sie sprechen dann noch von Ihrer Nase. Wenn Sie damit sagen wollen, daß ich die Absicht habe, Ihnen eine Nase zu drehen statt Sie endgültig abzuweisen, so kann ich hierüber nur meiner Überraschung Ausdruck verleihen. Denn wie Sie sehr wohl wissen, ist gerade das Gegenteil davon der Fall; und wenn Sie gegenwärtig gesonnen sein sollten, meine Tochter zu Ihrem Ehegemahl zu machen, so bin ich bereit, Ihnen sofort jede Genugtuung zuteil werden zu lassen. Damit wäre in der Tat einer meiner innigsten Wünsche erfüllt. In dieser Hoffnung bin ich wie stets
Ihre gehorsame Dienerin Alexandra Podtotschina.«
»Nein!« sagte Kowalew nachdem er den Brief gelesen hatte, »sie ist sicher unschuldig. Das ist ja ganz unmöglich! Solch einen Brief kann nie und nimmer eine Person schreiben, die ein Verbrechen auf ihrem Gewissen hat.«
Der Kollegien-Assessor verstand sich auf diese Dinge, war er doch schon mehrfach mit Untersuchungen in den kaukasischen Provinzen betraut worden.
»Wie mag es nur geschehen sein?« fragte er sich immer wieder. »Hol's der Teufel!«
Und er ließ resigniert die Hände sinken.
Unterdessen hatte sich in der ganzen Residenz das Gerücht von diesem außergewöhnlichen Ereignis verbreitet -- und zwar, wie es ja Brauch ist, nicht ohne Zutaten und Übertreibungen. Alle Gemüter standen zu dieser Zeit gerade unter dem Eindruck übernatürlicher Vorgänge. Kurz vorher hatten nämlich das Publikum allerhand Experimente mit dem tierischen Magnetismus beschäftigt; die tanzenden Stühle waren für die Scheunenstraße noch etwas völlig Neues. Man braucht es also nicht allzu sonderbar zu finden, daß bald darauf das Gerücht auftauchte, die Nase des Kollegien-Assessors Kowalew spazire bereits seit längerer Zeit jeden Tag um drei Uhr auf dem Newski-Prospekt herum. Eine Menge Neugieriger strömte daher alltäglich dorthin. Irgend jemand hatte erzählt, die Nase hielte sich in Junkers Magazin auf, und gleich stauten sich dort die Menschen derartig, daß die Polizei sich genötigt sah, einen Ordnungsdienst einzurichten. Ein sehr ehrenwerter Spekulant von höchst würdigem Äußeren mit einem prachtvollen Backenbart, der am Ausgang der Theater verschiedene Süßigkeiten und trockene Kuchen feilzubieten pflegte, ließ daher schöne solide hölzerne Bänke vor dem Laden aufstellen, lud die Neugierigen ein, Platz zu nehmen und erhob ein Eintrittsgeld von sechzig Kopeken pro Zuschauer. Ein Oberst a. D. erschien schon ganz früh an Ort und Stelle, um sich das Schauspiel anzuschaun, und schlängelte sich mit großer Mühe durch die Menge; aber zu seiner größten Empörung sah er im Fenster des Magazins anstatt der Nase nur ein ganz gewöhnliches baumwollenes Kamisol nebst einer Lithographie, die ein junges Mädchen darstellte, wie es sich seinen Strumpf hinaufzieht, und einen Stutzer mit ausgeschnittener Weste und Spitzbart, der sie hinter einem Baume beobachtet -- ein Bild, das schon seit mehr als zehn Jahren an dieser Stelle hing. Der Oberst ging fort, indem er ärgerlich sagte:
»Wie kann man nur die Leute durch solche dumme und unwahrscheinliche Gerüchte auf die Beine bringen? ...«
Dann wurde allgemein davon gesprochen, daß die Nase des Majors Kowalew garnicht auf dem Newski-Prospekt, sondern im Taurischen Garten herumspaziere; man sagte, sie befände sich schon lange dort, schon Chozrew-Mirza habe in der Zeit, da er dort wohnte, sehr über dieses seltsame Naturwunder gestaunt. Von der medizinischen Fakultät wurden einige Studenten hingesandt; eine ehrenwerte Dame von hoher Geburt bat den Wächter des Gartens in einem Privatschreiben, dieses Phänomen doch ja ihren Kindern zu zeigen und womöglich eine gründliche, lehrreiche Erklärung hinzuzufügen.
All diese Geschehnisse bildeten das Entzücken jener Müßiggänger, die bei keiner Gesellschaft fehlen dürfen und deren Pflicht es ist, die Damen zu zerstreuen -- und dies in um so höherem Maße, als ihr Vorrat an Neuigkeiten zurzeit völlig erschöpft war. Indes zeigte sich doch eine Minderheit ehrlicher und vernünftiger Leute sehr ungehalten über all diese Scherze. Ein Herr erklärte sogar voller Empörung, er begriffe nicht, wie in einem aufgeklärten Jahrhundert solche falsche und absurde Gerüchte entstehen könnten, ja, er wunderte sich darüber, daß die Regierung diesen Vorgängen nicht mehr Beachtung schenke. Dieser Herr gehörte augenscheinlich zu jener Menschenklasse, die es für wünschenswert hält, daß die Regierung sich in alle Angelegenheiten mische, selbst in die alltäglichen Zwistigkeiten der Ehegatten. Infolgedessen ... Aber hier hüllt sich unsere Historie von neuem in einen dichten Schleier, und über alle folgenden Ereignisse ist wieder nichts bekannt.
III.
Es gibt keinen Unsinn, der in dieser Welt nicht möglich wäre, und oft passieren Dinge, die geradezu unglaublich sind. So befand sich dieselbe Nase, die in Gestalt eines Staatsrates spazieren gegangen war und in der ganzen Stadt eine solche Aufregung verursacht hatte, plötzlich auf ganz unerklärliche Weise wieder an ihrem alten Platz zwischen den beiden Wangen des Majors Kowalew. Das geschah am 7. April.
Als der Major an diesem Morgen erwachte und in den Spiegel sah, erblickte er darin seine Nase. Er griff mit seiner Hand nach ihr, -- wahrhaftig, es war seine Nase.
»Mein Gott!« sagte Kowalew, und er wollte schon vor Freude im Zimmer barfuß ein Tänzchen machen, aber das Eintreten Iwans hinderte ihn daran. Er befahl ihm, sofort Waschwasser zu bringen und besah sich noch einmal im Spiegel -- aber die Nase war in der Tat wieder da! Er trocknete sich mit dem Handtuch ab und blickte zum dritten Mal in den Spiegel, -- aber die Nase war noch immer da!
»Sieh doch mal her, Iwan, ich glaube, ich habe da so eine Art Pickel auf der Nase,« sagte er und dachte indessen bei sich:
»Was für ein Unglück, wenn Iwan mir plötzlich antwortete: >Nein, Herr, Sie haben nicht nur keinen Pickel auf der Nase, Sie haben ja überhaupt keine Nase!<«
Aber Iwan bemerkte:
»Ich sehe gar keinen Pickel; Ihre Nase ist ganz rein.«
»Gut, vortrefflich, der Teufel soll mich holen!« sagte der Major im stillen zu sich selbst und knipste mit den Fingernägeln.
In diesem Augenblick erschien der Barbier Iwan Jakowlewitsch im Türrahmen -- furchtsam wie eine Katze, die ein Stück Talg gestohlen und dafür Prügel bekommmen hat.