Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II
Part 22
»Sag mal vor allem: sind deine Hände auch sauber?« schrie ihm Kowalew schon von weitem entgegen.
»Gewiß sind sie sauber!«
»Du lügst!«
»Bei Gott, sie sind sauber, Herr!«
»Na, dann mal los!«
Kowalew setzte sich, und Iwan Jakowlewitsch band ihm eine Serviette um. In einem Moment verwandelte sich der ganze Bart und ein Teil der Wangen mit Hilfe eines Pinsels in einen Crême, wie ihn die Kaufleute an ihren Namenstagen den Gästen servieren.
»Da schau her!« sagte Iwan Jakowlewitsch zu sich selbst, nachdem er sich die Nase angesehen; dann wandte er den Kopf ein wenig, um sie auch von der Seite zu prüfen, »wahrhaftig sie sitzt tadellos!« -- und noch lange betrachtete er die Nase. Endlich erhob er mit einer Zartheit und Behutsamkeit, als ob es sich hier um seine eigene Person handle, zwei Finger, um die Nasenspitze zu ergreifen.
Das war Iwan Jakowlewitschs System.
»Achtung!« schrie Kowalew.
Iwan Jakowlewitsch ließ die Hand sinken, verlor den Kopf und zitterte wie noch nie zuvor in seinem Leben. Endlich begann er mit großer Vorsicht, ihm unter dem Kinn mit dem Rasiermesser den Hals zu kitzeln; obwohl es ihm sehr schwer wurde, da er ja das Geruchsorgan nicht stützen durfte, überwand er doch alle Schwierigkeiten dadurch, daß er mit dem Zeigefinger bald die Wange, bald das Kinn anfaßte, und so führte er denn sein Geschäft glücklich zu Ende.
Hierauf kleidete sich Kowalew an, nahm eine Droschke und fuhr schnurstracks nach einer Konditorei. Schon auf der Schwelle befahl er dem Kellner, ihm eine Tasse Schokolade zu bringen, und blickte gleichzeitig schnell noch einmal in den Spiegel: wahrhaftig, die Nase war noch da! Fröhlich wandte er sich um und fixierte mit spöttischer Miene zwei Offiziere, deren einer eine Nase hatte, die nicht viel größer war als ein Westenknopf.
Dann begab er sich auf die Kanzlei des Departements, in dem er sich um die Stelle eines Vizegouverneurs oder doch wenigstens um die eines Exekutors bewarb; als er durch das Empfangszimmer schritt, schaute er in den Spiegel, -- die Nase war noch immer da!
Hierauf fuhr er zu einem andern Kollegien-Assessor, der gleichfalls Major war, einem großen Spaßvogel, dem er auf all seine bissigen Bemerkungen stets nur die eine Antwort zu geben pflegte:
»O, ich kenne dich ja, du bist boshaft!«
Und er dachte sich unterwegs:
»Wenn der Major bei meinem Anblick nicht in Lachen ausbricht, so ist das das sicherste Zeichen, daß alles in Ordnung ist.«
Aber der Kollegien-Assessor ließ sich nichts merken.
»Gut! vortrefflich! der Teufel soll ihn holen!« murmelte Kowalew.
Auf der Straße begegnete er Frau Podtotschina, der Gattin eines höheren Offiziers nebst ihrer Tochter; er machte eine tiefe Verbeugung und wurde mit den freudigsten Ausrufen begrüßt. Er unterhielt sich längere Zeit mit ihnen, nahm eine Prise aus seiner Tabaksdose und stopfte sie sich mit Absicht in ihrer Gegenwart in beide Nasenlöcher, indem er sich dachte:
»Da habt ihr's! Ihr Weiber, ihr seid Gänse! Ich denke ja garnicht daran, mich mit deiner Tochter zu verheiraten! _Par amour_ -- na, meinetwegen! Das ginge noch allenfalls.«
Und der Major Kowalew zeigte sich, als ob nichts geschehen wäre, auf dem Newski-Prospekt, in den Theatern und überall. Seine Nase saß, wie wenn nichts vorgefallen wäre, fest in seinem Gesicht, und niemand sah es ihr an, daß sie einst so weit umhergeirrt war. Und seitdem sah man Major Kowalew stets in guter Laune, er lachte und blickte mit leidenschaftlichem Interesse allen schönen Frauen nach. Einmal sah man ihn sogar im Laden von Gostini Dwor ein Ordensband kaufen; zu welchem Zwecke dies geschah, das wußte freilich niemand, denn er war ja garnicht Ritter eines Ordens.
Das ist die Geschichte, die sich in der nördlichen Hauptstadt unseres großen Reiches abgespielt hat. Jetzt finden wir allerdings bei näherer Überlegung viel Unwahrscheinliches in ihr. Ohne davon zu sprechen, daß es doch höchst sonderbar ist, wenn eine Nase verschwindet und an verschiedenen Stellen in Gestalt eines Staatsrates auftaucht, -- wie konnte Kowalew nicht begreifen, daß man doch nicht durch die Amtszeitung nach einer Nase suchen darf? Ich will hier garnicht einmal den hohen Preis erwähnen, den man für ein Inserat bezahlen muß. Das ist eine Kleinigkeit. Denn ich gehöre ganz und gar nicht zu den habgierigen Leuten. Aber so etwas ist doch unschicklich, lächerlich und töricht!
Und dann noch dies: wie geriet die Nase in ein Brot, und wie konnte Iwan Jakowlewitsch selbst ...? Nein, das werde ich nie und nimmer begreifen; wahrhaftig, das verstehe ich nicht! Was aber noch erstaunlicher und noch unverständlicher ist, das ist der Umstand, daß sich Autoren solche Gegenstände wählen können. Man muß zugeben, daß das in der Tat ganz unbegreiflich ist. Geradezu ... nein, nein! Ich verstehe auch nicht ein Wort davon! Erstens bringt es dem Vaterland nicht den geringsten Nutzen, und zweitens ... aber auch zweitens hat niemand einen Vorteil davon. Ich weiß einfach nicht, was das für einen Sinn hat.
Und dennoch und trotz alledem läßt sich letzten Endes vielleicht doch eins oder das andere oder das dritte davon begreifen! Denn schließlich, wo stößt man denn nicht auf Unbegreifliches? Und wenn man ordentlich über alles nachdenkt, so bleibt sicher doch wenigstens _etwas_ davon bestehen. Man mag sagen, was man will: derartige Dinge kommen in der Welt vor -- wenngleich höchst selten, aber sie _kommen_ vor.
Das Porträt
Erster Teil.
Nirgends blieben soviel Menschen stehen wie vor dem Bilderladen in der Schtschukin-Passage. Dieser Laden bot in der Tat eine äußerst mannigfaltige Sammlung von Sehenswürdigkeiten dar: die Bilder waren meistenteils mit Ölfarbe gemalt, mit dunkelgrünem Lack gefirnißt und mit dunkelgelben, flittergoldenen Rahmen versehen. Eine Winterlandschaft mit weißen Bäumen, ein völlig roter, einer Feuersbrunst gleichender Abend, ein flämischer Bauer mit einer Pfeife und einem ausgerenkten Arm, der eher einem Truthahn in Manschetten als einem Menschen ähnlich sieht: das sind gewöhnlich die Lieblingsthemata dieser Gemälde. Dazu kamen noch einige gestochene Abbildungen: ein Porträt von Chosrev-Mirsa in einer Hammelfellmütze und etwa das Bild eines Generals mit Dreispitz und krummer Nase. Überdies pflegen die Türen eines solchen Ladens mit ganzen Bündeln von Werken, die auf große Bogen gedruckt sind und von der instinktiven Begabung des Russen zeugen, behangen zu sein. Auf einem war die Zarentochter Miliktrissa Kirbitjewna, auf einem andern die Stadt Jerusalem zu sehen, über deren Häuser und Kirchen ohne weitere Umstände ein intensives Rot gestrichen war, ein Rot, das auch einen Teil der Erde und zwei betende russische Bauern in Fausthandschuhen einhüllte. Für diese Erzeugnisse findet sich schwer ein Käufer, um so leichter jedoch ein Zuschauer. Irgend ein Taugenichts von Lakai sieht sie sich schon sicher an, während er die Wirtshaus-Menage für seinen Herrn in der Hand hält, der seinem Magen die Suppe wohl nicht allzu heiß einverleiben wird; neben ihm steht sicher irgend ein in einen Mantel eingehüllter Soldat, dieser Kavalier des Trödelmarktes, der zwei Federmesser feilbietet, und eine Höckerfrau aus Ochta mit einer Schachtel, die Schuhe enthält. Jeder genießt auf seine Art. Die Bauern pflegen ihre Zeigefinger darauf zu drücken, die Kavaliere betrachten die Bilder mit ernster Miene, die Handwerksburschen lachen und machen sich mit Hinweis auf die Karikaturen übereinander lustig, alte Lakaien in Friesmänteln schauen sich diese Dinge an, weil sie schließlich doch irgendwo gähnen müssen, und die Höckerinnen, diese jungen russischen Weiber, kommen instinktiv hierher gelaufen, um zu hören, was denn das Volk wieder zusammen klatscht, und um sich das anzuschaun, was sich das Volk anschaut.
Um diese Zeit blieb auch der junge Künstler Tschartkow, der gerade die Passage passierte, unwillkürlich vor dem Laden stehen; der alte Mantel und der nicht sehr sorgfältige Anzug ließen in ihm einen Menschen erkennen, der seiner Arbeit mit Selbstvergessenheit ergeben war und keine Zeit hatte, sich um die Kleidung zu kümmern, die doch gerade für die Jugend sonst einen geheimnisvollen Reiz in sich zu bergen pflegt. Er blieb vor dem Laden stehn und lachte zuerst innerlich über diese greulichen Bilder. Dann bemächtigte sich seiner eine unwillkürliche Versonnenheit, er fing an, darüber nachzudenken, wem diese Machwerke wohl von Nutzen wären. Daß das russische Volk von diesen Jeruslanen Lazarewitschen, diesen Freß- und Saufhelden, sowie von dem Foma und Jerjoma hingerissen wird, das erschien ihm nicht verwunderlich: die abgebildeten Gegenstände waren dem Volke durchaus verständlich. Aber wo sind die Käufer für diese bunten, schmutzigen Ölpinseleien, wem konnten diese flämischen Bauern, diese roten und blauen Landschaften, die bereits einen gewissen Anspruch auf eine etwas höhere Stufe der Kunst erheben, gefallen, einer Kunst, die gerade hier aufs tiefste erniedrigt wird? Dies waren allem Anschein nach keineswegs Werke eines Kindes oder eines Autodidakten, sonst wäre in ihnen bei aller gefühllosen Karikierung doch etwas wie ein starker Impuls zum Ausdruck gekommen. Aber hier war nichts zu entdecken als Stumpfheit, eine kraftlose, greisenhafte Talentlosigkeit, die sich eigenmächtig in die Reihen der Künste drängte, während sie doch lediglich unter den niedrigsten Handwerken ihren Platz hatte, -- eine Talentlosigkeit, die übrigens ihrem Beruf treu blieb und das Handwerkliche mitten in die Kunst importierte. Dieselben Farben, die gleiche Manier, dieselbe geübte Hand, die eher einem roh gearbeiteten Automaten gehören mochte, als einem Menschen! ...
Lange stand er vor diesen schmutzigen Bildern, bis er schließlich gar nicht mehr an sie dachte, inzwischen aber sprach der Besitzer des Ladens, ein verschimmelter Kerl in einem Friesmantel und mit einem seit Sonntag nicht rasierten Barte, auf ihn ein, und feilschte mit ihm um den Preis, ohne sich davon unterrichtet zu haben, was ihm gefallen hatte und was er kaufen wollte. »Hier, für diese Bäuerlein und diese kleine Landschaft, will ich nur einen weißen Schein haben. Sehen Sie sich doch nur diese Malerei an! Die sticht einem geradezu in die Augen; die sind eben erst aus der Börse gekommen, sogar der Firnis ist noch nicht trocken. Oder nehmen Sie doch vielleicht den Winter hier! Nur fünfzehn Rubel! der Rahmen kostet doch allein soviel! Das ist dafür aber auch ein rechter Winter!« Hierbei schnellte der Händler mit den Fingerspitzen leicht gegen die Leinewand, wahrscheinlich, um die Güte des Winters recht zu betonen. »Befehlen der Herr, daß ich sie zusammenbinde und zu Ihnen trage? Wo belieben Sie zu wohnen? He, Junge, gib mal einen Bindfaden her!« -- »Wart, Bruder, nicht so schnell!« sagte der endlich zu sich kommende Maler, als er sah, daß der lebhafte Händler sich im Ernst daran machte, sie zusammenzubinden. Es war ihm etwas peinlich, nichts zu kaufen, nachdem er sich schon so lange im Laden aufgehalten hatte, und er sagte: »Aber warte, ich will mal sehen, ob ich nicht dort etwas für mich finde.« Und er bückte sich und fing an, die auf dem Fußboden aufgestapelten, abgescheuerten, verstaubten, alten Schmierereien aufzuheben, die offenbar keine sonderliche Ehre genossen. Da waren altertümliche Porträts von Ahnen, deren Nachkommen man in der Welt sicher nirgends hätte finden können -- unbekannte Bilder, deren Leinwand durchgerissen war, mit Rahmen ohne Vergoldung: mit einem Worte, allerlei alter Plunder. Aber der Maler fing an, sie genauer zu untersuchen, indem er in seinem Inneren zu sich sagte: »Vielleicht findet sich doch noch etwas darunter!« Er hatte mehr als einmal gehört, wie man mitunter bei Trödlern zwischen altem Kram Gemälde großer Meister fand.
Als der Besitzer bemerkte, wohin sich Tschartkow verkrochen hatte, ließ seine Zuvorkommenheit nach, er placierte sich in seiner gewöhnlichen Stellung und gebührenden Würde wieder vor seiner Tür, rief die Passanten an und zeigte ihnen mit einer großen Geste seinen Laden. »Hierher, Väterchen! Hier sind Bilder! Kommen Sie herein, kommen Sie herein! Soeben von der Börse importiert!« Er schrie sich tot, aber meistenteils ohne jeden Erfolg, schwatzte unterdessen zur Genüge mit dem Resteverkäufer, der ebenfalls ihm gegenüber an der Türe seiner Bude stand, und erinnerte sich schließlich, daß er noch einen Käufer im Laden hatte; sofort wandte er den Außenstehenden den Rücken zu und begab sich hinein. »Na, Väterchen, haben Sie schon etwas ausgewählt?« Aber der Künstler stand schon eine geraume Zeit vor einem Porträt in einem großen Rahmen, der von vergangener Pracht zeugte und auf dem jetzt kaum noch die Spuren der Vergoldung glänzten.
Das war ein Greis mit einem bronzefarbenen, schmächtigen Gesicht und hervorstehenden Backenknochen. Seine Züge schienen einen Augenblick von einer krampfhaften Bewegung erfaßt zu sein und muteten nicht wie nordische Kraft an; der feurige Süden spiegelte sich in ihnen wieder. Er war in ein weites asiatisches Kostüm gehüllt. Wie schmutzig und beschädigt das Porträt auch war, Tschartkow entdeckte in ihm sofort die Spuren der Arbeit eines großen Künstlers, nachdem es ihm gelungen war, den Staub vom Gesicht zu entfernen. Das Porträt schien nicht ausgeführt zu sein, aber die Kraft der Pinselführung war eine überwältigende. Seltsamer als alles waren jedoch die Augen; der Künstler schien seine ganze Kraft und seine ganze Sorgfalt auf sie verwandt zu haben. Sie starrten einen an, blickten geradezu aus dem Porträt heraus und zerstörten beinahe die ganze Harmonie durch ihre sonderbare Lebhaftigkeit. Als er das Porträt näher an die Tür gebracht hatte, blickten ihn die Augen noch stärker an. Fast denselben Eindruck machten sie auch auf die Umstehenden. Die Frau, die hinter ihm stehen gelieben war, rief: »Er starrt, er starrt mich an!« und wich zurück. Eine unangenehme, ihm selbst unbegreifliche Empfindung bemächtigte sich seiner, und er stellte das Bild auf den Boden.
»Na, meinetwegen nehmen Sie doch das Porträt!« meinte der Ladenbesitzer.
»Und was kostet es?« fragte der Künstler.
»Nun, dafür kann man doch nicht viel verlangen! Geben Sie fünfundsiebzig Kopeken!«
»Nein.«
»Na, was geben Sie?«
»Zwanzig,« sagte der Maler, indem er sich zum Weggehen anschickte.
»Nein, mit was für einem Preis Sie herausrücken! Mit zwanzig Kopeken ist ja nicht einmal der Rahmen bezahlt! Sie wollen es wohl morgen kaufen? Herr Herr, kehren Sie doch zurück! legen Sie wenigstens zehn Kopeken zu. Nehmen Sie, nehmen Sie es, also gut, geben Sie zwanzig Kopeken. Wirklich, nur um den Anfang zu machen; nur, weil Sie der erste Käufer sind.« -- Und dabei führte er mit der Hand eine Geste aus, die zu sagen schien: »Sei dem, wie ihm sei, mag das Bild verloren gehen!«
So hatte denn Tschartkow ganz unerwartet ein altes Porträt gekauft, und er dachte sich: »Wozu habe ich es gekauft? wozu brauche ich es?« Aber es blieb ihm nichts mehr übrig. Er nahm ein Zwanzigkopekenstück aus der Tasche, gab es dem Ladenbesitzer, nahm das Porträt unter den Arm und trug es nach Hause. Unterwegs erinnerte er sich daran, daß die zwanzig Kopeken, die er soeben weggegeben hatte, sein letztes Geld waren. Seine Gedanken trübten sich mit einem Mal; ein Gefühl des Ärgers und der gleichgültigen Leere erfaßte ihn im selben Augenblick. »Hol's der Teufel! Wie scheußlich ist es auf der Welt!« dachte er wie jeder Russe, dessen Geschäfte nicht blühen. Und fast mechanisch ging er schnellen Schrittes, voller Verdrossenheit, weiter. Der Schimmer der untergehenden Sonne tauchte die eine Himmelshälfte in ein tiefes Rot; noch waren die dieser Seite zugewandten Häuser von ihrem warmen Schein schwach bestrahlt; aber nach und nach erglänzte immer stärker und stärker der kühle bläuliche Schein des Mondes. Halbdurchsichtige Schatten von Häusern und Menschen fielen wie lange Schweife auf die Erde. Voller Bewunderung blickte der Maler zum Himmel empor, der in einem durchsichtigen, feinen, unbestimmten Lichte schimmerte, und dabei entschlüpften seinem Munde die Worte: »Was für ein zarter Ton!« »Wie ärgerlich! Hol's der Teufel!« Und während er sich das Porträt bequemer zurechtschob, das fortwährend unter seinem Arme hinunterglitt, beschleunigte er seine Schritte.
Müde und ganz in Schweiß gebadet, schleppte er sich nach seiner Wohnung in der 15. Linie auf der Wassilij-Insel, mühsam und keuchend kletterte er die mit Spülwasser begossenen und von den Spuren von Katzen und Hunden verunreinigten Treppen hinauf. Er pochte an die Tür; niemand antwortete, sein Diener war nicht zu Hause. Er lehnte sich auf das Fensterbrett und entschloß sich, geduldig zu warten, bis er endlich hinter sich die Schritte eines Burschen in blauem Hemde vernahm: dies war sein Faktotum und Modell, sein Farbenreiber und Dielenfeger, der den Fußboden allerdings mit seinen Stiefeln stets wieder zu beschmutzen pflegte, während er ihn fegte. Der Bursche hieß Nikita und brachte während der Abwesenheit seines Herren die ganze Zeit vor dem Tore zu. Nikita gab sich lange Zeit große Mühe, das Schlüsselloch zu finden, das infolge der Dunkelheit kaum zu sehen war. Endlich wurde die Tür geöffnet. Tschartkow betrat sein Vorzimmer, das, wie bei den meisten Künstlern, unerträglich kalt war, ein Umstand, den sie allerdings im allgemeinen nicht bemerken. Ohne Nikita seinen Mantel zu übergeben, begab er sich in sein Atelier, einen großen, aber niedrigen quadratischen Raum mit zugefrorenen Fensterscheiben, der mit allerlei künstlerischem Plunder, Stücken von Gipshänden, Keilrahmen, angefangenen und wieder weggeworfenen Skizzen und bunten, auf Tischen und Stühlen liegenden Draperieen angefüllt war. Er war äußerst müde, legte den Mantel ab, stellte zerstreut das mitgebrachte Porträt zwischen zwei andere Bilder und warf sich auf einen schmalen Diwan, von dem man nicht behaupten konnte, daß er mit Leder bezogen war, denn die Messingknöpfe, die es einst befestigt hatten, residierten in stolzer Selbständigkeit. Das Gleiche ließ sich von dem Leder behaupten, sodaß Nikita seine schwarzen Socken, Hemden und allerlei schmutzige Wäsche darunter aufbewahren konnte. Nachdem er ein wenig auf ihm gesessen und gelegen, soweit hier von Liegen die Rede sein konnte, und sich genügend ausgeruht hatte, fragte er endlich nach einer Kerze.
»Wir haben keine Kerze mehr!« sagte Nikita.
»Weshalb nicht?«
»Es war doch schon gestern keine da,« sagte Nikita. Der Künstler erinnerte sich in der Tat, daß es auch gestern keine Kerze mehr gab, beruhigte sich und schwieg still. Er ließ sich auskleiden und zog hierauf seinen schon arg verschlissenen Schlafrock an.
»Der Wirt ist wieder dagewesen!« fuhr Nikita fort.
»So! Er kam wegen des Geldes!« meinte der Künstler mit wegwerfender Miene.
»Aber er war nicht allein da,« sagte Nikita.
»Wer denn noch?«
»Ich weiß nicht, wer. Irgend so ein Polizeibeamter.«
»Wozu denn ein Polizeibeamter?«
»Ich weiß nicht, wozu! Er meinte, weil die Wohnung noch nicht bezahlt ist.«
»Nun, und was soll daraus werden?«
»Ich weiß nicht, was daraus werden soll. Er meinte, wenn er nicht zahlen will, so soll er doch ausziehen! Sie wollten beide morgen wiederkommen.«
»Mögen sie nur kommen!« sagte Tschartkow mit trauriger Gleichgültigkeit, und eine melancholische Regenstimmung bemächtigte sich seiner.
Der junge Tschartkow war ein Künstler, dessen Talent zu manchen Hoffnungen berechtigte. In Augenblicken der Inspiration zeigte sein Pinsel scharfe Beobachtungsgabe, tiefes Verständnis und einen heißen Drang, der Natur nahe zu kommen. »Sieh, sieh, Bruder,« sagte ihm mehr als einmal sein Professor, »du hast Talent. Es wäre eine Sünde, wenn du es zugrunde richten wolltest. Aber du hast keine Geduld. Irgend etwas lockt dich, dir gefällt etwas, und du bist gleich davon hingerissen, alles übrige ist dir dann Quark, hat für dich keinen Wert mehr, du willst es dir garnicht einmal anschaun ... sieh dich nur vor, daß aus dir nicht etwa ein moderner Maler wird. Deine Farben sind schon jetzt etwas zu scharf und zu schreiend; deine Zeichnung ist nicht mehr streng und manchmal geradezu schwach ... Die Linie verschwimmt, du trachtest schon nach modernen Beleuchtungseffekten und willst nur das wiedergeben, was dem ersten besten in die Augen springt. Nimm dich in acht, daß du nicht etwa in die Manier der Engländer verfällst! ... Gieb acht, die große Welt beginnt dich bereits zu reizen. Ich habe schon manchmal eine stutzerhafte Krawatte bei dir bemerkt oder einen gebügelten Hut ... ich weiß ja, wie verlockend es ist, für Geld Bilder nach dem Geschmack der Mode zu malen. Aber daran geht ein Talent zugrunde, anstatt daß es ihm Förderung einträgt. Hab Geduld, beschäftige dich sorgfältig mit jeder Arbeit, laß ab vom Dandytum ... Mögen doch andere dem Gelde nachjagen ... dein Vermögen wird dir trotzdem nicht entgehen.«
Der Professor hatte zum Teil recht. Manchmal mochte unser Maler in der Tat etwas über die Stränge schlagen, es den Gecken gleichtun, mit einem Wort: zeigen, daß auch er eigentlich noch recht jung war. Aber bei alledem verstand er es auch, sich zu zügeln. Bisweilen konnte er, wenn er an seine Arbeit gegangen war, alles vergessen, und er riß sich nicht anders von ihr los als wie von einem herrlichen Traume. Sein Geschmack wurde immer subtiler; noch erfaßte er nicht die ganze Tiefe Raffaels, doch wurde er von der raschen, breiten Pinselführung Guidos hingerissen, er blieb vor den Porträts Tizians stehen und begeisterte sich an der vlämischen Schule. Noch war der dunkle Schleier, der die alten Bilder verhüllt, nicht ganz vor ihm geschwunden, aber schon vermochte er ihn hin und wieder mit seinem Blicke zu durchdringen, obgleich er dem Professor innerlich nicht beistimmte, daß die alten Meister für uns so durchaus unerreichbar wären. Ihm schien es sogar, daß das neunzehnte Jahrhundert sie in mancher Beziehung bedeutend überholt hätte, daß die Nachbildung der Natur recht häufig intensiver, lebendiger, treuer geworden war, kurz, er dachte in diesem Falle genau so wie gewöhnlich die Jugend denkt, die schon einiges zu verstehen beginnt und es mit Stolz und Selbstbewußtsein empfindet. Manchmal wurde er ärgerlich, wenn er sah, wie ein zugereister Maler, ein Franzose oder etwa ein Deutscher, der oft genug garnicht einmal ein Maler von Beruf war, nur durch gewohnheitsmäßige Routine, flotte Pinselführung und schreiende Farben allgemeines Aufsehen erregte und sich in einem Augenblick ein ganzes Kapital erwarb. Solche Gedanken kamen ihm, nicht wenn er, ganz von seiner Arbeit absorbiert, Essen, Trinken und die ganze Welt vergaß, sondern nur dann, wenn die Not ihn zu arg bedrängte, wenn er keine Kopeke mehr hatte, um sich Pinsel und Farben zu kaufen und wenn der aufdringliche Wirt zehnmal am Tage kam, um die Miete für die Wohnung von ihm zu verlangen. Dann malte sich wohl in seiner hungrigen Phantasie in angenehmem Lichte das Leben eines reichen Malers, dann spielte er sogar mit dem Gedanken, der so oft das Hirn eines Russen überfällt, alles im Stich zu lassen und sich aus Gram und allem zum Trotz dem Trunk zu ergeben. Und nun war er wieder einmal in einer solchen Lage.