Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II
Part 33
»Kowalew, -- Kollegien-Assessor Kowalew, Sie brauchen übrigens bloß zu schreiben: ein Mann vom Range eines Majors ...«
»Ja und wer ist denn eigentlich der Flüchtling? Ist er einer Ihrer Leibeigenen?«
»O nein, keineswegs ein Leibeigener! Das wäre noch keine so große Gemeinheit. Nein es ist eine ... Nase.«
»Hm, was für ein merkwürdiger Name! Und hat Sie denn dieser Herr Nase um eine große Summe bestohlen?«
»Eine _Nase_ ... das heißt, Sie verstehen mich falsch. Meine -- meine eigene Nase ist ganz spurlos verschwunden. Der Teufel selbst hat sich einen Scherz mit mir erlaubt. -- Und nun fährt diese Nase als Herr verkleidet durch die Stadt und hält alle Leute zum Narren ... Ich möchte Sie nun bitten, eine Annonce in die Zeitung einrücken zu lassen, daß jeder, der den Kerl abfassen sollte, ihn mir persönlich vorführen möge -- diesen Gauner, diesen Hundesohn ... Entschuldigen Sie bitte, ich muß husten, mein Hals ist ganz trocken. Ich bringe kaum noch ein Wort heraus.«
Der Beamte wurde nachdenklich, was man aus seinen fest zusammengekniffenen Lippen schließen konnte.
»Nein, eine solche Annonce kann ich nicht aufnehmen,« sagte er schließlich nach längerem Stillschweigen.
»Wie? Warum nicht?«
»So. Die Zeitung würde ihren Ruf aufs Spiel setzen. Da könnte jeder kommen und anzeigen, daß ihm seine Nase oder seine Lippen ausgerückt seien ... Man spricht schon ohnedies, daß soviel falsche Gerüchte verbreitet und soviel Torheiten gedruckt werden.«
»Ja, wenn mir aber doch meine Nase wirklich abhanden gekommen ist!«
»Wenn sie Ihnen abhanden gekommen ist, so ist das Sache des Arztes. Man sagt, es gibt Menschen, die Ihnen Nasen von beliebiger Form ansetzen können. Übrigens scheinen Sie mir ein Schalk zu sein, Sie machen wohl gern einen Scherz.«
»Ich schwöre Ihnen bei allem was mir heilig ist. Bei Gott ich lüge nicht! Soll ich es Ihnen zeigen?«
»Aber ich bitte Sie, warum wollen Sie sich unnütz bemühen,« fuhr der Beamte fort, indem er eine Prise nahm. »Übrigens, wenn es Ihnen nicht zu viel Umstände macht, so würde ich mir die Sache doch ganz gern ansehen,« fügte er mit einem neugierigen Blick hinzu.
Der Kollegien-Assessor zog das Taschentuch weg.
»In der Tat, das ist sehr merkwürdig,« sagte der Beamte, »das sieht genau so aus, wie ein frisch gebackener Eierkuchen. Die Fläche ist ja geradezu unglaublich glatt und eben.«
»Nun, was sagen Sie jetzt! Also bitte lassen Sie die Annonce sofort einrücken.«
»Ich könnte sie schließlich einrücken lassen. Das wäre ja eine Kleinigkeit, nur kann ich nicht sehen, daß Ihnen ein großer Vorteil daraus erwachsen würde. Wenn Sie es durchaus wünschen, daß die Sache bekannt wird, so teilen Sie die Geschichte doch einem Schriftsteller mit, einem Mann, der eine gewandte Feder führt, der könnte den Fall als ein interessantes Naturspiel beschreiben und den Artikel in der »Biene des Nordens« veröffentlichen, (hier nahm er wieder eine Prise) zum Nutzen und zur Belehrung aller jungen Leute, die sich mit den Wissenschaften beschäftigen (hierbei wischte er sich die Nase ab), oder überhaupt zur Unterhaltung und zur allgemeinen Erbauung.«
Der Kollegien-Assessor war völlig verzweifelt und niedergeschlagen. Er warf einen Blick auf ein vor ihm liegendes Zeitungsblatt und den Vergnügungsanzeiger; schon wollte ein Lächeln sein Gesicht verklären, als er den Namen einer hübschen Schauspielerin las, und seine Hand griff mechanisch nach der Tasche -- sie suchte nach einem blauen Schein, denn nach Kowalews Ansicht mußten Personen vom Range eines Stabsoffiziers mindestens im Parkett sitzen. Aber der Gedanke an seine Nase schnitt wie ein scharfes Messer in sein Herz. Der arme Kowalew machte sich also auf und begab sich von einem unerträglichen Schmerz gequält zum Polizeikommissar, der ein großer Freund von Süßigkeiten war; sein ganzer Flur und sein ganzes Eßzimmer war mit Zuckerhüten vollgestellt, die ihm die Kaufleute aus einer besonderen Freundschaft für ihn verehrt hatten. Die Köchin zog dem Polizeibeamten gerade seine großen Stulpenstiefel aus, sein Degen und seine ganze Kriegsrüstung hingen schon friedlich in der Ecke; sein dreijähriges Söhnchen machte sich bereits mit dem mächtigen Dreimaster zu schaffen, und der Kommissar war eben im Begriff, sich nach den Strapazen des kriegerischen Lebens den Genüssen des Friedens hinzugeben. Da trat Kowalew bei ihm ein, gerad als jener sich bequem auf dem Sofa ausstrecken wollte, seinen Mund zu einem kräftigen Gähnen verzog und sagte: »So, nun leg' ich mich auf zwei Stunden hin; ich werde ein feines Schläfchen tun.« Daher kann man sich vorstellen, wie ungelegen ihm der Besuch des Kollegien-Assessors kam, und ich weiß nicht, ob er, auch wenn er ihm einige Pfund Tee oder ein paar Meter Tuch mitgebracht hätte, viel freundlicher empfangen worden wäre. Der Kommissar war ein großer Freund der Künste und aller Manufakturgegenstände überhaupt, trotzdem er oft behauptete, es gäbe nichts Angenehmeres als eine Staatsbanknote: »Sie braucht nur wenig Platz, läßt sich bequem in die Tasche stecken, und wenn man sie fallen läßt, geht sie nicht entzwei.«
Der Polizeikommissar empfing Kowalew ziemlich kühl und trocken. Er erklärte, daß die Zeit nach dem Essen nicht der geeignete Moment für amtliche Nachforschungen sei; die Natur selbst weise darauf hin, daß der Mensch, wenn er sich satt gegessen habe, der Ruhe pflegen müsse, (woraus deutlich hervorgeht, daß der Polizeikommissar ein Philosoph war); einem anständigen Menschen könne es nie passieren, daß ihm die Nase abgerissen werde, und es laufen in der Welt genug Majore herum, die nicht einmal ihre Unterhosen sauber zu halten wissen, und sich in allerhand unanständigen Lokalen herumtreiben.
Diese Worte trafen unseren Helden mitten ins Herz! Man muß nämlich wissen, daß Kowalew eine äußerst empfindliche Natur war. Er konnte alles verzeihen, was man über ihn sagte, nur keinen Verstoß gegen die seiner amtlichen Würde gebührende Achtung. Er war der Ansicht, daß man auch in den Theaterstücken wohl eine Bemerkung über die höheren Offiziere durchlassen könne, aber niemals ein Wort, das sich gegen die _Stabs_offiziere richtet. Der Empfang des Polizeikommissars brachte ihn derartig aus der Fassung, daß er empört den Kopf schüttelte, die Hände weit ausstreckte und würdevoll ausrief: »Ich muß gestehen, daß ich auf solche beleidigende Äußerungen nichts zu erwidern habe ...« Und damit ging er hinaus.
Der Major kehrte mehr tot als lebendig nach Hause zurück; nach all diesen seelischen Erschütterungen wußte er kaum noch, ob er auf seinen Füßen stehe oder nicht. Er warf sich müde in einen Lehnstuhl und brach, nachdem er sich ein wenig ausgeruht hatte, in bittere Klagen aus: »Mein Gott, mein Gott! Womit habe ich bloß ein solches Unglück verdient? Hätte ich noch eine Hand oder einen Fuß verloren, wären mir meine beiden Ohren abhanden gekommen -- es wäre noch immer leichter zu ertragen, aber ein Mensch ohne Nase -- das ist ein Ding, das man nehmen und zum Fenster hinauswerfen möchte. Hätte man sie mir noch abgeschnitten, oder wäre ich selbst schuld daran -- aber so ganz ohne Grund zu verschwinden! Weiß Gott, das ist doch zu unwahrscheinlich! Vielleicht schlafe ich bloß, und ich habe dies alles nur geträumt.« -- Und der Kollegien-Assessor kniff sich mit dem Finger ins Fleisch, sodaß er vor Schmerz beinahe laut aufgeschrieen hätte. »Nein, hol's der Teufel, ich schlafe nicht!« Er stand ganz leise auf, näherte sich vorsichtig dem Spiegel, kniff die Augen erst ein wenig zu und blickte dann plötzlich hinein: »Wer weiß, vielleicht hatte er doch noch eine Nase!« aber er sprang sogleich wieder vom Spiegel zurück und murmelte: »Weiß der Teufel! Die reinste Karikatur!«
Und in der Tat, der Fall war wirklich ganz unmöglich und völlig unwahrscheinlich; man hätte ihn wirklich für einen Traum halten müssen, wenn er nicht tatsächlich passiert wäre und sich nicht eine ganze Menge von völlig einwandfreien Beweisen dafür gefunden hätte. Der Major überlegte lange Zeit, wer wohl hier der Schuldige sein möchte; und kam schließlich zum Resultat, daß noch am ehesten eine Witwe, die Gattin eines verstorbenen Stabsoffiziers, die Schuld an seinem Unglück treffe. Diese wünschte nämlich, daß der Major ihre Tochter heiraten solle, und er hatte ihr auch in der Tat die Cour geschnitten, war aber zugleich einer deutlichen Erklärung stets aus dem Wege gegangen. Als ihm jedoch die Witwe offen mitteilte, daß sie ihm gern ihre Tochter zur Frau geben würde, da trat er den Rückzug an und sagte, er sei noch zu jung und müsse noch gegen fünf Jahre dienen, um die runde Zahl von zweiundvierzig Jahren zu erreichen. Sicherlich hatte sich die Witwe an ihm rächen wollen, sich daher entschlossen, ihn zu verstümmeln, und ein paar alte Hexen gegen ihn aufgehetzt, wahrscheinlich aber hatte auch sie selbst mit dabei geholfen.
Während er noch über diese Dinge nachgrübelte, hörte er plötzlich im Vorzimmer eine fremde Stimme: »Wohnt hier der Kollegienassessor Kowalew?«
»Bitte treten Sie ein. Der Kollegienassessor ist zu Hause!« sagte er, indem er vom Stuhl aufsprang und die Türe öffnete. Es war der Polizeikommissar, der am Ende der Isaksbrücke gestanden hatte, ein Mann von sehr würdigem Äußeren.
»Ich glaube, Sie beliebten, Ihre Nase zu verlieren.«
»In der Tat!«
»Sie ist soeben angehalten worden.«
»Was sagen Sie« rief der Major hocherfreut aus. »Auf welche Weise ist das geschehen?«
»Durch einen sehr merkwürdigen Zufall. Man hat sie fast im Moment ihrer Abreise angehalten. Sie hatte schon ihren Platz im Postwagen eingenommen, um nach Riga zu fahren. Der Paß war schon längst ausgestellt und lautete auf einen Schuldirektor in Tambow. Das Merkwürdigste jedoch ist, daß ich sie selber für einen Herrn gehalten habe, aber ich hatte zum Glück meine Brille mitgenommen; so setzte ich sie denn auf und erkannte sogleich, daß es nur eine Nase war. Ich bin nämlich kurzsichtig, und wie Sie jetzt vor mir stehen, unterscheide ich weder Nase noch Bart oder sonst etwas. Meine Schwiegermutter, die Mutter meiner Frau, sieht auch fast gar nichts.«
Kowalew war außer sich vor Freude: »Wo ist sie, wo? Ich laufe sofort hin!«
»Seien Sie ganz ruhig, ich weiß, daß Sie sie brauchen, ich habe sie deshalb gleich mitgebracht. Das Seltsamste ist, daß der Hauptschuldige an der ganzen Sache ein Lump von Barbier aus der Wosnessenski-Straße ist, der zurzeit schon in Polizeigewahrsam sitzt. Ich habe ihn schon lange in Verdacht, daß er ein Dieb und ein Trunkenbold ist; erst vor drei Tagen hat er im Gostinny Dwor ein halbes Dutzend Knöpfe gestohlen. Ihre Nase ist gänzlich unversehrt.« Mit diesen Worten steckte der Polizeikommissar seine Hand in die Tasche und holte die Nase heraus, die in ein Stück Papier eingewickelt war.
»Ja, das ist sie!« rief Kowalew ganz selig aus. »Das ist sie wirklich. Wollen Sie eine Tasse Tee mit mir trinken?«
»Mit dem größten Vergnügen, aber es ist mir leider unmöglich. Ich bin sehr beschäftigt. Die Lebensmittel sind jetzt so teuer geworden. Meine Schwiegermutter, d. h. die Mutter meiner Frau, wohnt auch bei mir im Hause. Und dann habe ich noch Kinder. Der Älteste berechtigt zu den schönsten Hoffnungen, das ist wirklich ein recht intelligenter Bursche, mir fehlen nur leider die Mittel, ihm eine gute Erziehung zu geben.«
Kowalew begriff die Anspielung, nahm einen roten Zettel vom Tisch und drückte ihn dem Polizeikommissar in die Hand, dieser machte einen Kratzfuß und ging zur Tür hinaus; fast im selben Augenblick hörte Kowalew seine Stimme auf der Straße, wo er einem dummen Bauern, der mit seiner Fuhre auf den Boulevard geraten war, eine kräftige Mahnung in Form einer Ohrfeige erteilte. Der Kollegienassessor kam endlich wieder zu sich, denn die Freude hatte ihm alle Besinnung geraubt ... »Gott sei Dank, jetzt habe ich doch wieder eine Nase! Nun will ich sie mir aber auch wieder ansetzen.« Mit diesen Worten versuchte er es, sie an ihren alten Platz zu bringen, aber zu seinem Erstaunen mußte er bemerken, daß die Nase durchaus nicht haften bleiben wollte. »Nun sitz doch fest, du Rindvieh!« sagte er zu ihr, aber die Nase war ganz dumm und fiel immer wieder auf den Tisch, sowie er sie losließ. Das Gesicht des Majors verzerrte sich krampfhaft. »Sollte sie wirklich nicht haften bleiben?« sprach er erschrocken. Aber die Nase fiel tatsächlich auf den Tisch. »Ach Gott, ach Gott! Ja, wie kann sie denn auch festsitzen? Ich habe ja ganz vergessen, daß, wenn sie einmal abgeschnitten ist, man sie doch gar nicht wieder ansetzen kann.«
Unterdessen hatte sich das Gerücht von diesem außerordentlichen Ereignis in der ganzen Residenz verbreitet, und natürlich, wie das zu geschehen pflegt, nicht ohne viele Zutaten und Ausschmückungen. Um diese Zeit standen gerade alle Gemüter unter dem Eindruck übernatürlicher Vorgänge: erst kurz vorher hatten Experimente mit dem tierischen Magnetismus das ganze Publikum beschäftigt. Dazu war die Geschichte mit den tanzenden Stühlen in der Stallhofstraße noch in jedermanns Gedächtnis, und es war daher kein Wunder, daß man sich bald darauf zu erzählen begann, die Nase des Kollegienassessors Kowalew gehe jeden Tag pünktlich um drei Uhr auf dem Newski-Prospekt spazieren. Eine Menge von Neugierigen strömte dort jeden Tag zusammen. Dieses Ereignis bildete das besondere Entzücken all jener eleganten Müßigänger, die bei keiner Gesellschaft fehlen, und die es sich zur Pflicht machen, die Damen zu unterhalten und zum Lachen zu bringen. Die Sache kam ihnen sehr gelegen, da ihr Vorrat an Neuigkeiten zurzeit völlig erschöpft war. Aber es gab doch auch viele, die sehr ungehalten über diese Klatschereien waren, und ein Herr mit einem Stern erklärte ganz empört, er begreife nicht, wie in einem aufgeklärten Jahrhundert solche falsche und abgeschmackte Gerüchte entstehen könnten; ja er wunderte sich, daß die _Regierung_ diesen Vorgängen nicht mehr Beachtung schenkte. Dieser Herr gehörte augenscheinlich zu jener Menschenklasse, die es für wünschenswert hält, daß die Regierung sich in alle Angelegenheiten mische, selbst in die alltäglichen Zwistigkeiten der Ehegatten.
Der arme Kollegienassessor hatte von all diesen Gerüchten Kunde bekommen, obwohl ich nicht sagen kann, auf welche Weise, denn er verließ fast niemals sein Zimmer. -- Er befahl, niemand vorzulassen, ließ sich nirgends sehen, nicht einmal im Theater, und wenn selbst die tollste Posse gegeben wurde; er spielte nicht einmal mehr eine Partie Boston, mied sogar Herrn Jaryschkin, der sein Busenfreund war, und magerte im Laufe eines Monats derartig ab, daß er bald mehr einer Leiche als einem lebendigen Menschen glich ...
Übrigens war all das, was hier beschrieben ist, nur ein Traum des Majors. Als er wieder erwachte, geriet er so außer sich vor Freude, daß er wie toll aus seinem Bette sprang, zum Spiegel lief, und als er sich überzeugt hatte, daß alles am rechten Flecke saß, im bloßen Hemde durch das Zimmer zu hüpfen begann. Er führte sogar einen ganzen Tanz auf, der eine Art Mischung aus einer Française und einer polnischen Mazurka darstellte. Und als sein Diener Iwan den Kopf durch die Tür steckte, um zu sehen, was sein Herr treibe, da rief der Major ihm zu: »Mach, daß du hinaus kommst! Worüber wunderst du dich?« Nach einer Minute aber warf er sich aufs Bett, richtete sich jedoch gleich wieder auf und schrie: »He, Iwan!« -- »Was wünschen der gnädige Herr?« -- »Hat nicht ein Mädel -- so ein hübsches, nettes Mädel nach dem Major Kowalew gefragt?« -- »Nein, gnädiger Herr!« -- »Hm,« sagte der Major Kowalew und blickte lächelnd in den Spiegel.«
Gogol hat »Die Nase« _noch einmal_ für die _erste_ Gesamtausgabe seiner Werke umgearbeitet und ihr dort einen andern _Schluß_ gegeben. Im Sowremennik (»Zeitgenossen«) von Puschkin lautet dieser Schluß folgendermaßen:
»Da geschah etwas ganz Merkwürdiges und Unerklärliches. Plötzlich befand sich die Nase des Majors wieder an ihrem alten Platze. Dies geschah im Anfang Mai, ich kann jedoch nicht genau sagen, ob es am fünften oder sechsten Mai war. Als der Major frühmorgens erwachte, nahm er den Spiegel zur Hand und bemerkte, daß die Nase sich ganz, wie es sich gehörte, zwischen den beiden Wangen des Majors befand. Höchst erstaunt ließ er den Spiegel auf den Boden fallen und befühlte die Nase mehrmals mit der Hand, denn er war nicht sicher, ob es auch wirklich eine Nase sei. Aber da er sich überzeugte, daß es in der Tat nichts anders als seine höchsteigene Nase war, sprang er aus dem Bett und absolvierte im Zimmer einen Tanz, der eine Mischung aus einer Française und einem russischen Trepak darstellte. -- Dann ließ er sich anziehen, wusch sich und rasierte sich das Kinn, das bereits eine große Ähnlichkeit mit einer Bürste angenommen hatte, mit der man sich bequem die Kleider bürsten konnte. -- Und schon nach wenigen Minuten sah man den Kollegienassessor auf dem Newski-Prospekt herumspazieren, wo er lustig einherschritt und fröhliche Blicke auf alle Passanten warf; viele sahen ihn sogar im Gostinny Dwor ein schmales Ordensband kaufen, zu welchem Zwecke dies jedoch geschah -- das hätte freilich niemand sagen können, denn er besaß gar keinen Orden.
Eine äußerst merkwürdige Geschichte! Ich kann sie absolut nicht verstehen. Und was soll das alles? Was hat es für einen Zweck? Ich bin überzeugt, daß weit mehr als die Hälfte davon ganz unwahrscheinlich ist. Es kann nicht sein; es ist völlig unmöglich, daß eine Nase ganz allein in einer Uniform in der Stadt herumfährt -- und noch dazu als ein Mann von dem hohen Range eines Staatsrats! Und konnte denn Kowalew wirklich nicht begreifen, daß man nicht durch die Zeitung nach einer Nase suchen darf? Ich meine das nicht in dem Sinne, daß eine Annonce eine sehr teure Sache ist. Das sind alles Kleinigkeiten. Ich gehöre gar nicht zu den geizigen und habgierigen Leuten. Aber das ist unschicklich, das ist ganz ungehörig und geht nun einmal nicht. Eine Absurdität und weiter nichts! -- Und dann dieser Barbier Iwan Jakowlitsch! Wozu mußte er so plötzlich auftauchen und dann wieder verschwinden, ohne daß man weiß, warum und zu welchem Zweck. -- Ich gestehe, ich kann es absolut nicht begreifen, wie ich selbst so etwas schreiben konnte? Ich begreife überhaupt nicht, wie ein Autor sich solch ein Sujet wählen kann! Wozu soll das führen? Welchen Zweck kann das haben? Was beweist diese Erzählung? Nein -- ich verstehe es nicht, ich verstehe es ganz und gar nicht. -- Freilich ... die Phantasie ist keinen Gesetzen unterworfen, und dann passieren doch in der Welt auch wirklich viele ganz unerklärliche Dinge: wie aber verhält es sich mit diesem Fall? -- Warum mußte die _Nase_ von Kowalew ... und warum mußte Kowalew _selbst_ ...? Nein, ich verstehe es nicht, ich verstehe es durchaus nicht. Die Sache erscheint mir so unerklärlich, daß ich ... Nein, das läßt sich einfach nicht verstehen!«
_Das Porträt._ Der erste Entwurf dieser Novelle erschien in Gogols »Arabesken«, 1841 wurde sie in Rom umgearbeitet. Die neue Fassung ist frühestens im März 1837 begonnen. 1842 wurde sie noch einmal durchgesehen und korrigiert und am 17. März dieses Jahres Pletnew eingesandt, der sie im »Sowremennik« (Der Zeitgenosse) Band XXVI Nr. 3 abdruckte. Die Freigabe durch die Zensur erfolgte am 30. Juni 1842. 1851 nahm der Verfasser für die zweite Auflage seiner »Werke« noch einige unbedeutende stilistische Veränderungen vor.
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Druck von Mänicke & Jahn, Rudolstadt.
Anmerkungen zur Transkription
Verweise auf Varianten im Text des zweiten Teils der Toten Seelen (im Anhang) sind mit Nummern in runden Klammern gekennzeichnet.
Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht verändert.
Zwei offensichtliche Übertragungsfehler wurden ebenfalls unverändert belassen. Auf Seite 71 sagt der General zu Tschitschikow: »Dir die toten Seelen abzukaufen?« Im Original heißt es hingegen richtig: »zu überlassen«, da ja der General der Besitzer der Bauern ist. Auf Seite 171 hat Chlobujew nicht »fünfzigtausend Bauern«, sondern wie im Original »fünfzig Bauern« geerbt.
Offensichtliche Fehler wurden, teilweise unter Zuhilfenahme des russischen Originaltextes, korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 25]: ... Ohren Kopf kratzten. Aber das dauerte nicht lange.(5) Der ... ... Ohren am Kopf kratzten. Aber das dauerte nicht lange.(5) Der ...
[S. 28]: ... dann ließ er es fast ganz an der früheren Aufmerkksamkeit ... ... dann ließ er es fast ganz an der früheren Aufmerksamkeit ...
[S. 28]: ... auffangen, wenn sie sich allenthaben im Himmel und ... ... auffangen, wenn sie sich allenthalben im Himmel und ...
[S. 46]: ... wie jeder Bauer heißt, wer mit diesen und jenem verwandt ... ... wie jeder Bauer heißt, wer mit diesem und jenem verwandt ...
[S. 49]: ... und die Lage der Ställe außerordenlich bequem. ... ... und die Lage der Ställe außerordentlich bequem. ...
[S. 60]: ... ergreifen wollten, vertbeugte sich mit bewundernswürdiger ... ... ergreifen wollten, verbeugte sich mit bewundernswürdiger ...
[S. 70]: ... »Und fährt er noch spazieren? Macht er Besuche. ... ... »Und fährt er noch spazieren? Macht er Besuche? ...
[S. 70]: ... Ist er noch gut auf den Beinen!« ... ... Ist er noch gut auf den Beinen?« ...
[S. 79]: ... »Sagen Sie, wie steht es mit dem Gute Ihres Vaters!« ... ... »Sagen Sie, wie steht es mit dem Gute Ihres Vaters?« ...
[S. 79]: ... »Ich weiß, was Sie jetzt denken?« sagte Petuch. ... ... »Ich weiß, was Sie jetzt denken!« sagte Petuch. ...
[S. 80]: ... Alexyascha. ... ... Alexascha. ...
[S. 82]: ... sehne? Wenn mich doch jemand ein bischen ärgern ... ... sehne? Wenn mich doch jemand ein bißchen ärgern ...
[S. 89]: ... weitere lößten sie ab, und laut schwoll an und ergoß sich ... ... weitere lösten sie ab, und laut schwoll an und ergoß sich ...
[S. 89]: ... zu jagen, saßen Nikoloscha und Alexascha stumm da und ... ... zu jagen, saßen Nikolascha und Alexascha stumm da und ...
[S. 92]: ... herein!« dachte Tschitschikow. »Da ist der Brantweinpächter ... ... herein!« dachte Tschitschikow. »Da ist der Branntweinpächter ...
[S. 92]: ... meiner Schwester und von meinen Schwager verabschieden.« ... ... meiner Schwester und von meinem Schwager verabschieden.« ...
[S. 92]: ... erste hier in der Gegend. Er bezieht Einkünft im Werte ... ... erste hier in der Gegend. Er bezieht Einkünfte im Werte ...
[S. 96]: ... konnte Tchitschikow nur die Spuren eines echt weiblichen ... ... konnte Tschitschikow nur die Spuren eines echt weiblichen ...
[S. 97]: ... in einem Jacke von Kamelhaaren kam auf das Haus zugeschritten. ... ... in einer Jacke von Kamelhaaren kam auf das Haus zugeschritten. ...
[S. 99]: ... »Ich habe dir's schon gesagt, Ich lasse nicht mit mir ... ... »Ich habe dir's schon gesagt, ich lasse nicht mit mir ...
[S. 100]: ... kannte auch keine andere Sprache außer der russichen. ... ... kannte auch keine andere Sprache außer der russischen. ...
[S. 103]: ... er an davon zu erzählen, wieviel Mühe es ihm gekostet ... ... er an davon zu erzählen, wieviel Mühe es ihn gekostet ...
[S. 103]: ... Tschitschikow sah ihn aufmerksam ins Gesicht, hörte ... ... Tschitschikow sah ihm aufmerksam ins Gesicht, hörte ...
[S. 107]: ... steht zu ihrer Verfügung. Tuen Sie, als ob Sie zu ... ... steht zu Ihrer Verfügung. Tuen Sie, als ob Sie zu ...
[S. 111]: ... daß man sich von den französischer Invasion und dem ... ... daß man sich von der französischen Invasion und dem ...
[S. 124]: ... Der andere lächelte, fühlte er doch selbst, daß Tschischitkow ... ... Der andere lächelte, fühlte er doch selbst, daß Tschitschikow ...
[S. 134]: ... »Und was wollen Sie dann anfangen!« ... ... »Und was wollen Sie dann anfangen?« ...
[S. 140]: ... die einem Geld kosten? -- Aber glauben Sie nur nicht, ... ... die einen Geld kosten? -- Aber glauben Sie nur nicht, ...