Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II
Part 32
»Mögen sie sich meinetwegen alle miteinander in den Haaren liegen,« dachte Chlobujew, als er sich von Murasow verabschiedet hatte. -- »Afanassij Wassiljewitsch ist nicht dumm. Er wird sich die Sache wohl überlegt haben, als er mir diesen Auftrag gab. Ich muß ihn eben erfüllen -- das ist das Ganze.« Und er fing schon an, an seine Reise zu denken, während Murasow noch immer in Gedanken wiederholte: »Ein höchst rätselhafter Mensch dieser Pawel Iwanowitsch Tschitschikow! Wer mit dieser Willenskraft und dieser Ausdauer auf ein edles Ziel hinarbeitete! ...«
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Nachdem Gogol 1845 das Manuskript des zweiten Teiles der toten Seelen verbrannt hatte, ging er sogleich an die Ausarbeitung eines neuen Planes. Anfang März 1846 war schon ein Teil des zweiten Bandes fertig. In den folgenden Jahren wurde die Arbeit unter mehreren größeren Unterbrechungen fortgesetzt. Juni 1849 las Gogol Frau A. O. Smirnow mehrere Kapitel der _neuen_ Fassung vor. Arnoldi, der einige Male bei diesen Vorlesungen zugegen war, gibt den Inhalt des von ihm Gehörten folgendermaßen wieder (vergl. Kap. 1 und 2 unserer Ausgabe):
»Soweit ich mich erinnere, begann es (das erste Kapitel des zweiten Teils) ein wenig anders; es war überhaupt weit sorgfältiger durchgearbeitet, obwohl der Inhalt derselbe war. Dieses Kapitel schloß mit dem Gelächter des Generals Betrischtschew. Hierauf folgte ein zweites Kapitel, in dem ein Tag im Hause des Generals beschrieben wird. Tschitschikow blieb zum Mittagessen da. An dem Diner nahmen außer Ulinka noch zwei Personen teil: eine Engländerin, die die Rolle einer Gouvernante spielte, und ein Spanier oder Portugiese, der seit unvordenklichen Zeiten und ohne angebbaren Grund auf dem Gute Betrischtschews wohnte. Die Engländerin war eine ältere Jungfrau, ein farbloses, ziemlich häßliches Wesen mit einer großen schmalen Nase und sehr lebhaften Augen. Sie hielt sich kerzengerade, konnte tagelang schweigen und ließ nur ihre Augen mit dem dumm-fragenden Blick beständig nach allen Seiten schweifen. Der Portugiese hieß, soweit ich mich erinnere: Expanton, Chsitendon oder so ähnlich; aber ich weiß bestimmt, daß alle Dienstboten des Generals ihn bloß »Eskadron« nannten. Er schwieg auch fortwährend, mußte jedoch nach dem Essen eine Partie Schach mit dem General spielen. Während des Diners passierte nichts Außerordentliches. Der General war lustig und scherzte mit Tschitschikow, der einen großen Appetit entwickelte. Ulinka war nachdenklich, ihr Gesicht belebte sich bloß, wenn die Rede auf Tentennikow kam. Nach dem Essen spielte der General eine Partie Schach mit dem Spanier und wiederholte andauernd, während er eine Figur vorschob: »Lieb uns so weiß wie«, worauf Tschitschikow ihn beständig verbesserte: »So schwarz, Exzellenz.« »Ja, ja,« sagte der General, »lieb uns so schwarz, wie wir sind, weiß würde uns der Herrgott selbst lieb haben.« Nach fünf Minuten versprach er sich jedoch abermals und fing wieder an: »Lieb uns so weiß wie«. -- Tschitschikow verbesserte ihn aufs neue, und der General wiederholte noch einmal: »Lieb uns so schwarz wie wir sind, wenn wir weiß und sauber wären, würde uns auch der Herrgott lieb haben.« Nachdem der General mehrere Partieen mit dem Spanier gespielt hatte, schlug er Tschitschikow vor, ein paar Partieen mit ihm zu spielen, und auch hier wußte sich Tschitschikow äußerst geschickt aus der Affäre zu ziehen. Er spielte sehr gut, bedrängte und setzte den General mit seinen Zügen in Verlegenheit, verlor aber schließlich doch die Partie: der General war sehr zufrieden, daß er einen so starken Spieler wie Tschitschikow besiegt hatte, und gewann ihn noch mehr lieb. Beim Abschied bat er ihn, sobald als möglich wiederzukehren, und auch Tentennikow mitzubringen. Als Tschitschikow wieder zu Tentennikow kam, erzählte er ihm, wie traurig Ulinka sei, wie sehr der General es bedauere, daß er ihn gar nicht mehr bei sich sähe, wie der General sein Benehmen aufrichtig bereue und sogar bereit sei, ihm zuerst einen Besuch abzustatten und ihn um Verzeihung zu bitten, nur um das Mißverständnis aus der Welt zu schaffen. Das war natürlich alles erfunden. Aber Tentennikow, der sterblich in Ulinka verliebt war, freute sich selbstverständlich, einen Vorwand zu haben und erklärte, wenn die Sache sich so verhalte, werde er es nicht dazu kommen lassen und noch morgen zum General fahren, um ihm mit seinem Besuch zuvorzukommen. Tschitschikow billigt diesen Entschluß, und beide verabreden sich, am folgenden Tage zum General Betrischtschew zu fahren. Am Abend desselben Tages gesteht Tschitschikow Tentennikow, daß er den General angeschwindelt und ihm erzählt habe, daß Tentennikow eine Geschichte der Generäle schreibe. Dieser versteht nicht, wozu Tschitschikow so etwas gesagt habe, und weiß nicht, was er machen soll, wenn der General auf diese Geschichte zu sprechen kommen sollte. Tschitschikow erklärt ihm, er wisse eigentlich selbst nicht, wie ihm dieses Wort entschlüpft sei, aber es sei nun einmal nicht mehr zu ändern, und er bittet ihn, wenn er durchaus nicht lügen könne, doch wenigstens still zu schweigen und die Sache nicht geradezu abzuleugnen, um _ihn_ -- Tschitschikow nicht vor dem General zu kompromittieren. Hierauf fahren beide nach dem Gute des Generals. Tentennikow begrüßt den General und Ulinka, und man setzt sich zum Mittagessen. Die Beschreibung dieses Diners war meiner Ansicht nach die schönste Stelle im zweiten Bande. Der General saß in der Mitte, rechts von ihm Tentennikow, links Tschitschikow, neben Tschitschikow Ulinka, neben Tentennikow der Spanier und zwischen dem Spanier und Ulinka -- die Engländerin. Der General war sehr zufrieden, daß er sich wieder mit Tentennikow ausgesöhnt hatte, und mit einem Menschen plaudern konnte, der eine Geschichte der vaterländischen Generäle schrieb. Tentennikow war glücklich, weil Ulinka ihm gegenübersaß, mit der er von Zeit zu Zeit einen Blick wechselte. Ulinka war gleichfalls glücklich, weil der Geliebte wieder zu ihnen zurückgekehrt war, und der Vater die alten guten Beziehungen zu ihm wiederhergestellt hatte, und auch Tschitschikow war sehr zufrieden mit seiner Rolle als Mittler in dieser reichen und vornehmen Familie. Die Engländerin ließ ihre Augen frei nach allen Seiten schweifen, der Spanier betrachtete seinen Teller und erhob seinen Blick nur dann, wenn ein neues Gericht aufgetragen wurde. Er suchte sich den besten Bissen aus, und ließ ihn nicht aus den Augen, während die Schüssel längs der Tafel die Runde machte, oder bis sich jemand des guten Bissens bemächtigt hatte. Nach dem zweiten Gange brachte der General das Gespräch auf Tentennikows Werk und erwähnte das Jahr 1812. Tschitschikow zitterte vor Angst und wartete gespannt auf die Antwort. Aber Tentennikow zog sich gewandt aus der Affäre. Er erwiderte, es sei nicht seine Aufgabe, eine Geschichte des Feldzuges, der einzelnen Schlachten und der Personen zu schreiben, die in diesem Kriege eine Rolle gespielt hätten, das Jahr 1812 sei nicht durch die Taten Einzelner bemerkenswert, es gäbe auch ohne ihn genug Geschichtsschreiber, die diese Epoche behandelt hätten, aber man müsse diese Zeit von einer andern Seite ansehen; was sie besonders auszeichne, sei dies, daß das ganze Volk sich wie ein Mann erhoben habe, um das Vaterland zu verteidigen; alle Intrigen, alle kleinlichen Interessen und Leidenschaften seien für eine Zeitlang verstummt; alle Stände hätten sich in dem einen Gefühl der Vaterlandsliebe vereint, jeder wäre bereit gewesen, sein Letztes dahinzugeben und alles für die gemeinsame Sache aufzuopfern. Das sei das Große an diesem Kriege, und das wäre es, was er wohl in einem leuchtenden Bilde festhalten möchte: all diese vielen unbeachteten Heldentaten und diese geheimen und großen Opfer eines Volkes! Tentennikow sprach lange und mit Begeisterung; er war in diesem Augenblick völlig durchdrungen von glühender Liebe zu seinem russischen Vaterlande. Betrischtschew hörte ihm ganz entzückt zu; zum erstenmal hörte er ein so lebendiges, warmes Wort. Eine Träne rollte ihm wie ein reiner Diamant den Schnurrbart hinunter. In diesem Moment war der General sehr schön. Und Ulinka? Sie hing förmlich mit den Augen an Tentennikow, sie schien jedes seiner Worte gierig einzuschlürfen; wie eine herrliche Musik berauschten sie diese Reden, sie liebte, sie war stolz auf ihn. Der Spanier betrachtete seinen Teller noch aufmerksamer als früher und die Engländerin sah alle Anwesenden mit einem dummen und verständnislosen Blick an. Als Tentennikow geendigt hatte, blieb alles eine Zeitlang stumm, alle waren aufs tiefste erschüttert ... Tschitschikow, der gern auch etwas sagen wollte, brach zuerst das Schweigen. »Ja,« bemerkte er, »1812 herrschte eine furchtbare Kälte!« -- »Es handelt sich hier gar nicht um die Kälte,« sagte der General und sah ihn sehr streng an. Tschitschikow wurde verlegen. Der General reichte Tentennikow die Hand und dankte ihm herzlich; aber Tentennikow war ganz selig, denn er las Beifall und Anerkennung in Ulinkas Augen, die Geschichte der Generäle war vergessen. Der Tag verlief still und angenehm für alle Beteiligten. -- An die nun folgende Anordnung der Kapitel kann ich mich nicht mehr genau erinnern, ich weiß nur noch, daß Ulinka sich nach diesem Vorfall entschloß, mit ihrem Vater ernstlich über Tentennikow zu sprechen. Eines Abends, kurz vor dieser entscheidenden Unterhaltung, besuchte sie das Grab ihrer Mutter um Stärkung in einem Gebet zu finden. Nach dem Gebet betrat sie das Zimmer ihres Vaters, kniete vor ihm nieder und bat ihn um seine Einwilligung zu ihrer Verlobung mit Tentennikow; der General schwankte lange, gab jedoch schließlich seine Zustimmung. Tentennikow wurde herbeigerufen und erfuhr, daß der General einverstanden sei. Dieses geschah einige Tage nach dem Friedensfest. Als Tentennikow die Einwilligung erhalten hatte, ließ er Ulinka einen Augenblick allein und lief ganz außer sich vor Glück in den Garten. Er mußte mit sich allein sein. Das Glück überwältigte ihn! ... Hier folgten bei Gogol zwei herrliche lyrische Seiten. -- Ein heißer Sommertag -- um die Mittagszeit. Tentennikow sitzt in dem dichten schattenreichen Garten, und rings um ihn herum herrscht eine tiefe heilige Stille. Dieser Garten war wunderbar geschildert; jedes Zweiglein war beschrieben: die glühende Mittagshitze in der Luft, die Grillen im Grase, die vielen schwärmenden Insekten, und endlich Tentennikows Gefühle, des glücklich Liebenden und Wiedergeliebten! -- Ich erinnere mich lebhaft, daß diese Beschreibung so wundersam, so voller Kraft, Farbe und Poesie war, daß mir das Herz vor Erregung stille stand. Gogol las vorzüglich! -- Im Übermaß seines Gefühls weinte Tentennikow vor Glück und Seligkeit, und er schwor sich, sein ganzes Leben seiner Braut zu widmen. In diesem Moment erschien Tschitschikow am Ende der Allee. Tentennikow umarmt und dankt ihm: »Sie sind mein Wohltäter, Ihnen verdanke ich all mein Glück, wie kann ich Ihnen nur danken. Mein Leben wäre zu wenig für solch einen Dienst.« Sofort kommt Tschitschikow eine Idee: »Ich habe nichts für Sie getan, das ist ein bloßer Zufall,« antwortet er, »ich bin sehr erfreut, aber Sie können sich sehr leicht dankbar erweisen.« »Wodurch, wodurch?« ruft Tentennikow, »sprechen Sie es aus, schnell, und es ist geschehen.« Hier erzählt ihm Tschitschikow von seinem angeblichen Onkel, und daß er 300 Bauern brauche, wenn auch bloß auf dem Papiere. »Aber warum müssen sie denn unbedingt tot sein?« fragt Tentennikow, der nicht recht versteht, was Tschitschikow eigentlich will. »Ich werde Ihnen _pro forma_ all meine 300 Seelen verschreiben, und Sie können unseren Vertrag Ihrem Onkel zeigen; nachher, wenn Sie Ihr Gut erhalten haben, können wir ja den Kontrakt wieder vernichten.« Tschitschikow ist ganz sprachlos vor Erstaunen. »Wie? Und Sie fürchten sich nicht vor solch einem Schritt ... Sie fürchten sich gar nicht, daß ich Sie betrügen und Ihr Vertrauen mißbrauchen könnte?« Aber Tentennikow läßt ihn nicht ausreden. »Was?« ruft er aus, »ich sollte _Ihnen_ mißtrauen, dem ich mehr verdanke als mein Leben.« Hier umarmen sie sich, und die Sache war abgemacht. Tschitschikow schlief an diesem Abend süß ein. Am andern Tage fand im Hause des Generals eine große Beratung statt, wie man den Verwandten die Verlobung mitteilen solle; ob es sich schriftlich erledigen ließe, oder ob jemand die Nachricht persönlich hinbringen solle. Betrischtschew war offenbar sehr unruhig und machte sich Sorgen, wie die Fürstin Sjusjukina und seine andern vornehmen Verwandten dieses Ereignis aufnehmen würden, Tschitschikow wußte sich auch hier wieder nützlich zu erweisen: er machte dem General den Vorschlag, ihn, Tschitschikow, zu sämtlichen Verwandten zu schicken, um sie durch ihn von der Verlobung Ulinkas und Tentennikows benachrichtigen zu lassen. Natürlich hatte er dabei wieder das Geschäft mit den toten Seelen im Auge. Sein Vorschlag wurde mit Dank angenommen. »Ich kann mir nichts Besseres wünschen,« dachte der General, »er ist ein gescheiter Kopf und hat gute Manieren; er wird es verstehen, den Leuten die Sache mit der Verlobung so plausibel zu machen, daß alle zufrieden sein werden.« Der General bot Tschitschikow seinen zweisitzigen, im Auslande verfertigten Wagen an, und Tentennikow stellte ihm noch ein viertes Pferd zur Verfügung. Tschitschikow sollte sich schon nach wenigen Tagen auf den Weg machen. Von da ab sahen ihn alle im Hause des Generals als einen ihrer Angehörigen, als einen Freund des Hauses an. Nachdem er zu Tentennikow zurückgekehrt war, ließ er sofort Seliphan und Petruschka rufen und erklärte ihnen, sie sollten sich zur Abreise rüsten. Seliphan war bei Tentennikow ganz träge und faul geworden, er glich kaum noch einem Kutscher mehr, und die Pferde blieben ganz ohne Pflege und Aufsicht. Petruschka aber stellte fortwährend den Bauernmädchen nach. Als jedoch der leichte und beinahe neue Wagen des Generals eintraf, und Seliphan hörte, daß er nun auf dem breiten Kutschbock sitzen und vier Pferde lenken werde, da erwachten wieder all seine Kutscherinstinkte, er betrachtete die Equipage mit großer Aufmerksamkeit, mit Kennerblick und verlangte von den Knechten des Generals allerhand Reserveschrauben und Schlüssel, wie sie überhaupt nicht existieren. Auch Tschitschikow dachte mit Vergnügen an seine Reise und malte sich schon aus, wie er sich auf den weichen Polstern ausstrecken, und wie das vierte Pferd seinen federleichten Wagen schnell wie der Wind dahintragen werde.«
Auf wieviel Kapitel der hier wiedergegebene Inhalt verteilt war, hat Arnoldi nicht genau angegeben: er bemerkt hierzu: »Dies ist alles, was Gogol in meiner Gegenwart vom zweiten Bande vorgelesen hat. Meiner Schwester hat er, wie ich glaube, _neun_ Kapitel vorgelesen« [Rußkij Westnik (Russischer Bote) 1862, Januarheft, Seite 74-79]. Die Umarbeitung der Niederschrift fand gleichzeitig mit der Arbeit an der Fortsetzung der Dichtung statt. Im Januar 1850 waren »eigentlich nur zwei bis drei Kapitel« vollständig fertig.
Gegen Ende 1851 oder im Anfang des Jahres 1852 las Gogol Schewyrew die beiden letzten Kapitel des zweiten Bandes der »Toten Seelen« vor. Alles, was er von diesem Teil in dem Zeitraum von 1845 bis 1852 niedergeschrieben hatte, hat er selbst wenige Tage vor seinem Tode verbrannt.
Anhang zu den Novellen
_Der Mantel._ Der Plan zu dieser Novelle stammt aus dem Jahre 1834. Der erste Entwurf aus dem Jahre 1839; vollendet wurde sie 1841, und 1842 für die erste Ausgabe der gesammelten Werke neu bearbeitet, wo diese Erzählung zum ersten Male abgedruckt ist.
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_Die Nase._ Diese Novelle wurde 1832 begonnen und in ihrer ersten Fassung die für den Moskowski Nabljudatel (Moskauer Beobachter) bestimmt war, Anfang März 1835 vollendet. 1836 wurde sie noch einmal für den Puschkinschen »Sowremennik« (»Der Zeitgenosse«) umgearbeitet, wo sie im dritten Bande erschienen ist. Die Freigabe durch die Zensur erfolgte 1836. Auf Verlangen des Zensors mußte folgende Stelle des Manuskripts vor der Drucklegung im »Zeitgenossen« umgearbeitet werden:
»Er eilte in die Kirche und drängte sich durch eine Reihe alter Bettlerinnen hindurch, deren Köpfe so tief in allerhand Tüchern und Lappen steckten, daß man von ihren Gesichtern nichts sah, als die beiden Augen. Wie herzlich hatte er oft über sie gelacht, heute aber schritt er an ihnen vorbei und betrat die Halle. Die Kirche war nur schwach besucht, die Mehrzahl der Beter stand vorne am Eingange in der Türe. Kowaljew war so erregt und verstimmt, daß er es nicht über sich gewann, zu beten. Er suchte »die Nase«, suchte sie in allen Winkeln und sah den Herrn endlich etwas abseits in einer Ecke stehen. Die Nase hatte ihr Gesicht ganz in einem hohen Stehkragen versteckt und betete mit dem Ausdruck tiefster Andacht. »Unter welchem Vorwande soll ich mich ihm bloß nähern?« dachte Kowalew. »Er ist gekleidet, wie ein vornehmer Herr, und noch dazu Staatsrat.« Er stellte sich neben ihn und hustete ein paarmal laut, aber die Nase verharrte in ihrer andächtigen Stellung und beugte sich immerfort tief bis zur Erde. »Geehrter Herr!« sagte Kowalew, indem er sich selbst Mut zuzusprechen suchte: »Geehrter Herr!« »Was ist Ihnen gefällig?« entgegnete jener, indem er sich umdrehte. -- »Ich finde es sehr seltsam, mein Herr, ... Mir scheint, Sie sollten wissen, wo Ihr Platz ist ... und plötzlich finde ich Sie ... hier ... in der Kirche. Sie müssen selbst zugeben, daß ...«
»Ich verstehe nicht, was Sie sagen wollen. Bitte erklären Sie sich deutlicher.« »Wie soll ich es ihm nur klar machen?« dachte Kowalew, faßte jedoch wieder Mut und begann: »Ich will natürlich ... Übrigens bin ich ... Ohne Nase herumzulaufen ... Sie müssen doch zugeben, in meiner Lage ist das höchst peinlich. Ich bin doch kein Hökerweib, das an der Woskressenskibrücke sitzt und geschälte Apfelsinen feilbietet ... _Die_ braucht freilich keine Nase ... Aber ein Mann, der Ansprüche auf einen Gouverneursposten hat ... und sie ganz ohne Zweifel erfüllt sehen wird ... Ich weiß wirklich nicht, mein Herr.« -- Hierbei zuckte der Major mit den Achseln. »Verzeihen Sie. Wenn man diese Sache vom Standpunkt des Ehr- und Pflichtbewußtseins betrachtet, dann müssen Sie doch selbst einsehen ...« »Ich verstehe kein Wort,« versetzte die Nase, »bitte drücken Sie sich etwas deutlicher aus.«
»Mein Herr,« sagte Kowalew ernst und würdig. »Ich weiß nicht, wie ich Ihre Worte auffassen soll ... Die Sache liegt doch wohl _sehr_ klar ... oder Sie wollen bloß nicht ... _Sie sind doch meine Nase_, meine _eigene_ Nase!« Die Nase sah den Major an und runzelte die Stirn.
»Sie befinden sich in einem Irrtum, mein Herr! Ich stehe völlig selbständig da. Nebenbei bemerkt kann es zwischen uns keine näheren Beziehungen geben. Nach den Knöpfen Ihrer Interimsuniform zu urteilen, dienen Sie im Senat oder doch im Justizministerium, während ich in der wissenschaftlichen Branche tätig bin.« Kowalew befand sich in der größten Verlegenheit und war ganz verwirrt. »Was soll ich machen?« dachte er. Doch in diesem Augenblick vernahm er in der Nähe das angenehme Rauschen einer Damenrobe. Eine ältere, ziemlich umfangreiche Dame, die in einem üppigen Spitzenkleide steckte, welches einige Ähnlichkeit mit einem gothischen Bau hatte, betrat die Kirche. Sie wurde begleitet von einer jüngeren und schlankeren Dame in einem Kleide, das sich in schönen Falten um ihre schlanke Gestalt legte, und mit einem Strohhut, der so leicht und zart war, wie eine Meringentorte. Hinter beiden stand ein großer Herr mit einem mächtigen Backenbart und einem ganzen Dutzend Kragen; er war eben im Begriff seine Tabaksdose zu öffnen und wollte gerade eine Prise nehmen. Kowalew näherte sich der Gruppe, ordnete den Batistkragen seines Vorhemdes, sowie die Berlocken an seiner Uhrkette und wendete mit einem lächelnden Seitenblick seine Aufmerksamkeit der duftigen Dame zu, die sich gleich einer Frühlingsblume leicht vornüberbeugte und ihr Händchen mit den weißen durchsichtigen Fingern an die Stirne führte. Das Lächeln, welches auf Kowalews Lippen schwebte, wurde immer breiter und intensiver, als ihm unter dem Hut ein Teil ihres Kinns und ihrer Wange entgegenleuchtete. Aber plötzlich sprang er zurück, wie wenn er sich an einem glühenden Eisen verbrannt hätte; er erinnerte sich, daß er in seinem Gesicht anstelle der Nase nur eine glatte Fläche hatte, und Tränen entströmten seinem Auge. Er drehte sich um um dem Herrn offen zu erklären, er trage bloß die Maske eines Staatsrats, während er in Wahrheit ein Betrüger und ein Lump sei; tatsächlich sei er nichts _andres_ als seine _eigene_ Nase. Aber die Nase war bereits verschwunden, sie hatte wahrscheinlich schon einen bedeutenden Vorsprung gewonnen und stattete wieder irgend jemandem einen Besuch ab. Kowalew verließ die Kirche. Das Wetter war wundervoll, heiter und sonnig; auf dem Newski-Prospekt wimmelte es nur so von Menschen. Ein wahrer Sturzbach von Damen flutete durch die Straße. Dort kam ihm schon ein guter Bekannter entgegen, der Hofrat ...«
Eine bedeutende Umarbeitung erfuhr auch die folgende Stelle der ursprünglichen Fassung: »Der ehrenwerte Beamte hörte ihn mit vielsagender Miene an und fuhr fort, das vor ihm liegende Geld zu zählen, von dem er 2 Rubel 33 Kopeken, die er für das Inserat erhalten hatte, beiseite legte. Zu beiden Seiten standen allerhand alte Weiber, Kommis, Hausburschen und Kutscher, jeder mit Zetteln in der Hand. In dem einen Zettel wurde angekündigt, es sei ein tüchtiger nüchterner Kutscher von guter Führung abzugeben; in dem andern wurde eine noch wenig gebrauchte Equipage feilgeboten, die aus der Zeit Peters des Großen stammte und keine heile Schraube mehr hatte. Der eine hatte ein gesundes Mädchen von neunzehn Jahren abzugeben, die als Wäscherin gedient hatte, aber auch bei andern häuslichen Arbeiten zu verwenden war, der jedoch schon mehrere Zähne fehlten; ein anderer suchte eine solide Droschke zu verkaufen, der nur eine Feder mangelte, oder einen jungen wilden Apfelschimmel von 17 Jahren; dort wurden ein Posten frisch aus London eingetroffener Rüben und Radieschensamen, und dort wieder sogenannte indische Radieschen ausgeboten, eine schöne Villa mit allen Bequemlichkeiten, zwei Pferdeställen und einem Platz, wo man sehr gut einen Garten anlegen konnte. Ferner wurde der Verlust eines Geldbeutels bekannt gegeben und dem ehrlichen Finder eine anständige Belohnung in Aussicht gestellt, oder es wurden Käufer für alte Sohlen gesucht, wobei die Reflektanten aufgefordert wurden, sich zu einer bestimmten Stunde zur Versteigerung einzufinden. Das Zimmer, in dem sich alle diese Leute aufhielten, war klein, vollgeraucht und die Luft in ihm war so dumpf und dick, daß man sie mit dem Messer schneiden konnte, denn die russischen Bauern haben die merkwürdige Eigentümlichkeit, die Luft bedeutend zu verdichten, und wo einmal vier Hausknechte in roten Hemden und ein Kutscher zusammenkommen, da kann man ruhig eine Axt in der Luft aufhängen. Zum Glück konnte der Kollegien-Assessor nichts davon riechen, er hielt sich ja ein Taschentuch vors Gesicht und dann befand sich ja auch seine Nase Gott weiß wo.« --
Das von den Worten »Gleich, gleich« bis zum Schluß des zweiten Kapitels reichende Stück ist eine spätere Bearbeitung des ursprünglichen weit einfacheren Textes. In dem ersten Manuskript lautete diese Stelle folgendermaßen:
»Gleich, gleich! -- Zwei Rubel dreiundvierzig Kopeken ... einen Rubel sechzig Kopeken!« sagte der grauhaarige Herr, während er den alten Weibern und den Hausburschen ihre Zettel ins Gesicht warf. »Und was wünschen Sie?« fragte er endlich, indem er sich an Kowalew wandte.
»Ich möchte ganz besonders darum bitten ...,« sagte Kowalew: »es ist eine unerhörte Gaunerei oder Betrügerei passiert -- ich kann der Sache noch immer nicht auf den Grund kommen. Ich bitte Sie nur, in die Zeitung einrücken zu lassen, daß derjenige, der diesen Schurken dingfest macht, eine ausreichende Belohnung erhalten soll.«
»Hm, darf ich Sie um Ihren Familiennamen bitten?«