Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II

Part 31

Chapter 313,772 wordsPublic domain

Der vornehme Kaufmann hob sofort das Brett, das die zwei Ladentische verband, in die Höhe, schaffte sich so einen Durchgang und stand sogleich dienstbereit da, indem er seinen Waren den Rücken und dem Käufer sein Gesicht zuwendete. In dieser Stellung begrüßte er entblößten Hauptes und den Hut respektvoll lüftend, noch einmal seinen Gast. Dann setzte er den Hut auf, stützte sich mit beiden Händen auf den Ladentisch, beugte sich etwas vor und sagte: »Was für Stoffe wünschen Sie? Englische Manufakturwaren? oder ziehen Sie unsere vaterländischen Produkte vor?«

»Ich wünsche einen russischen Stoff,« versetzte Tschitschikow, »aber von der allerbesten Sorte, einen sogenannten englischen.«

»Und welche Farben finden Ihren Beifall?« fragte der Kaufmann, der sich noch immer in der angenehmsten Weise auf seinen beiden Händen balancierte.

»Haben Sie einen glänzenden dunkelen oder oliven- oder flaschengrünen Stoff, wenn möglich mit einer preißelbeerfarbenen Nuance?«

»Ich kann Ihnen das Versprechen geben, daß Sie die allerbeste Sorte erhalten werden, was Besseres werden Sie auch in beiden Hauptstädten nicht finden,« versetzte der Kaufmann und schickte sich an, den Stoff zu holen. Er warf die Rolle gewandt auf den Tisch, rollte sie von hinten auf und hielt den Stoff ans Licht. »Ein wunderbares Farbenspiel! Das Allermodernste, etwas für den erlesensten Geschmack!« Und in der Tat, der Stoff glänzte wie Seide. Der Kaufmann hatte mit feinem Instinkte erkannt, daß ein Kenner der Tuchsorten vor ihm stand und daher wollte er erst gar nicht mit einem Stoff zu zehn Rubel pro Meter anfangen.

»Hm, nicht übel,« bemerkte Tschitschikow, nachdem er das Tuch flüchtig gemustert hatte. »Aber wissen Sie was, Verehrtester, zeigen Sie mir lieber gleich die Sorte, die Sie zuletzt vorlegen; und dann: haben Sie keinen mit einem Stich ins Rote?«

»Ich verstehe: Sie wollen genau so eine Farbe, wie sie heute modern zu werden beginnt. Da habe ich einen Stoff von allererster Qualität. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß er sehr teuer ist, aber wie gesagt: dafür ist es auch die allerbeste Sorte.«

Die Rolle fiel von oben herab. Der Kaufmann rollte sie mit noch größerer Geschwindigkeit auseinander und fing sie am andern Ende auf. Diesmal war es ein echter Seidenstoff; er zeigte ihn Tschitschikow, jedoch so, daß dieser nicht nur die Möglichkeit hatte, ihn gründlich zu besichtigen, sondern sogar zu betasten und zu beriechen. Und er fügte nur kurz hinzu: »Navarinosche Rauchfarbe mit Feuerglanz.«

12. Variante der andern Fassung.

Man einigte sich über den Preis. Ein eisernes Metermaß maß Tschitschikow gleich einem Zauberstabe in wenigen Augenblicken den Stoff für Frack und Hosen zu. Dann machte der Kaufmann einen kleinen Einschnitt mit der Schere, riß das Tuch mit beiden Händen der ganzen Breite nach auseinander und verbeugte sich, nachdem diese Operation vollendet war, in außerordentlich feiner und liebenswürdiger Weise vor Tschitschikow. Das Zeug wurde hierauf zusammengerollt und geschickt in Papier gewickelt. Hierauf wurde eine dünne Schnur herumgeschlungen und das Paket war fertig. Tschitschikow wollte schon in die Tasche greifen, aber da fühlte er, wie eine zarte Hand seine Taille angenehm umschlang, und seine Ohren vernahmen die Worte: »Was kaufen Sie hier ein, Verehrtester.«

»Ah, welch glückliches Zusammentreffen!« rief Tschitschikow aus.

»Ja, es ist ein glücklicher Zufall, der uns hier zusammenführt,« hörte er die Stimme desselben Mannes sagen, der seine Taille umschlungen hatte. Es war Wyschnepokromow. »Ich wollte schon achtlos an dem Laden vorübergehn, da sehe ich plötzlich ein bekanntes Gesicht -- einem solchen Vergnügen kann man sich doch unmöglich entziehen. Ja, ja, dies Jahr sind die Stoffe weit schöner. Es ist eine wahre Schande. Früher konnte man beim besten Willen nichts Vernünftiges bekommen. Ich hätte gern vierzig Rubel bezahlt ... meinetwegen sogar fünfzig, wenn ich nur etwas Gutes bekommen hätte. Was mich anbelangt, so will ich entweder das Allerbeste oder lieber gar nichts haben. Nicht wahr?«

»Sehr richtig!« versetzte Tschitschikow. »Wozu quält man sich so, wenn man nicht auch was Gutes haben soll?«

13. Variante der andern Fassung.

Der alte Mann begrüßte alle Anwesenden und wandte sich direkt an Chlobujew: »Entschuldigen Sie, aber ich sah von weitem, wie Sie in den Laden traten, und da entschloß ich mich, Ihnen nachzugehen und Ihre Zeit ein wenig in Anspruch zu nehmen. Wenn Sie nachher frei sind und an meinem Hause vorüberkommen, dann seien Sie doch so freundlich, einen Augenblick bei mir einzutreten. Ich habe mit Ihnen zu sprechen.«

Chlobujew versetzte: »Sehr gern, Afanassij Wassiljewitsch.«

Der alte Herr verabschiedete sich und ging hinaus. »Mir wirbelt's förmlich im Kopfe,« sagte Tschitschikow »wenn ich daran denke, daß dieser Mensch ganze zehn Millionen hat. Das ist einfach unmöglich!«

»Ja, das gehört sich in der Tat nicht,« bemerkte Wyschnepokromow; »die Kapitale sollten nicht in der Hand Einzelner konzentriert sein. Das ist ein Gegenstand, über den in Europa sehr viel geschrieben wird. Wenn du Geld hast, mußt du es auch mit den andern teilen: mache Geschenke, gib Bälle, entwickele einen wohltätigen Luxus, bei dem die Arbeiter und Handwerker etwas verdienen.«

»Das kann ich gar nicht verstehen!« wiederholte Tschitschikow. »Zehn Millionen! Und dabei lebt er wie ein gewöhnlicher Bauer! Hol's der Teufel, was kann man nicht alles mit zehn Millionen anfangen! Da kann man ein Leben beginnen. Nur Fürsten und Generäle sollten bei mir verkehren!«

»Jawohl,« bemerkte der Kaufmann, »das ist in der Tat keine gebildete Art. Wenn ein Kaufmann Ehrenbürger ist, dann ist er eben nicht mehr Kaufmann sondern gewissermaßen schon Negoziant. Dann muß ich mir auch eine Loge im Theater halten, und kann meine Tochter doch keinem einfachen Oberst mehr zur Frau geben. Nein, dann müßte schon mindestens ein General kommen, einem andern geb ich sie einfach nicht. Was ist mir ein Oberst? Und mein Essen bestellte ich beim Konditor und nicht bei einer gewöhnlichen Köchin ...«

»Da ist doch jedes Wort überflüssig!« sagte Wyschnepokromow. »Mit zehn Millionen kann man vieles anfangen. Geben Sie mir nur die zehn Millionen, Sie sollen schon sehen, was ich damit beginne!«

»Nein,« dachte Tschitschikow: »bei _dir_ wären die zehn Millionen schlecht aufgehoben. Wenn ich dagegen ein solches Sümmchen hätte, ich wüßte sie in der Tat gut anzulegen.«

»Ja, wenn ich zehn Millionen besäße,« dachte Chlobujew, »dann wäre ich nicht so töricht wie früher, ich würde sie nicht so sinnlos vergeuden. Nachdem man so schreckliche Erfahrungen gemacht hat, kennt man den Wert jeder Kopeke. Ja, jetzt würde ich es ganz anders anfangen ...« Aber gleich darauf wurde er nachdenklich und legte sich innerlich die Frage vor: »Würde ich das Geld jetzt wirklich vernünftiger anlegen?« dann machte er eine hoffnungslose Gebärde und fügte hinzu: »Kein Gedanke! Ich glaube, ich würde es ebenso ausgeben wie früher.« Damit verließ er den Laden und begab sich zu Murasow, höchst gespannt darauf, was dieser ihm mitzuteilen habe.

»Ich erwartete Sie!« sagte Murasow, als er Chlobujew eintreten sah. »Bitte, kommen Sie doch in mein Zimmer.« Und er führte Chlobujew in das Stübchen, welches der Leser bereits kennen gelernt hat. Selbst ein Beamter, der jährlich nur 700 Rubel Gehalt bezieht, könnte in keinem schlichteren und unscheinbareren Stübchen hausen.

»Sagen Sie bitte, Ihre Verhältnisse haben sich doch gebessert? Ich glaube, Ihre Tante hat Ihnen etwas hinterlassen?«

»Was soll ich Ihnen sagen, Afanassij Wassiljewitsch? Ich weiß nicht, ob sich meine Verhältnisse wirklich gebessert haben. Ich habe bloß fünfzig Bauern und dreißigtausend Rubel geerbt; damit muß ich einen Teil meiner Schulden bezahlen, und dann behalte ich so gut wie nichts übrig. Was aber die Hauptsache ist, die Geschichte mit diesem Testament ist nicht ganz sauber. Es sind da allerhand Betrügereien vorgekommen, Afanassij Wassiljewitsch! Ich will Ihnen alles erzählen, Sie werden sich wundern, was für Dinge in der Welt passieren. Dieser Tschitschikow ...«

»Erlauben Sie, Peter Petrowitsch, bevor wir von diesem Tschitschikow reden, möchte ich zuerst von Ihnen selber sprechen. Sagen Sie mir bitte, wieviel Geld hätten Sie wohl nötig, um wieder in geordnete Verhältnisse hineinzukommen? Was denken Sie wohl?«

»Um meine Verhältnisse zu ordnen, und ein ganz bescheidenes Leben beginnen zu können -- dazu brauche ich mindestens hunderttausend Rubel, wenn nicht noch mehr.«

»Nun und wenn Sie dieses Geld hätten, was würden Sie dann wohl anfangen?«

»Ich würde mir eine kleine Wohnung mieten und mich der Erziehung meiner Kinder widmen, ich kann doch nicht mehr in den Staatsdienst eintreten. Ich bin ja zu nichts mehr zu gebrauchen.«

»Warum sind Sie zu nichts zu gebrauchen?«

»Ja was könnte ich denn beginnen? Sagen Sie selbst, ich kann doch nicht wieder als Bureauschreiber anfangen. Sie vergessen, daß ich Familie habe. Ich bin schon über die Vierzig, leide an Kreuzschmerzen und bin träge und müde geworden. Und eine bessere Stelle werde ich doch nicht erhalten; dazu bin ich zu schlecht angeschrieben. Ich muß Ihnen übrigens gestehen, ich würde auch keine Stellung annehmen, wo es was zu verdienen gibt. Ich bin zwar ein schlechter Kerl und ein Spieler, aber Geldgeschenke würde ich nicht nehmen. Alles andre, nur nicht dies. Mit diesem Krasnonossow und Samosistow würde ich mich nicht vertragen.«

»Verzeihen Sie, aber ich kann trotzdem nicht begreifen, wie man leben kann, wenn man kein Ziel, wenn man keinen Weg vor Augen hat; man kann doch nicht weiterfahren, wenn man keinen Boden unter den Füßen hat; man kann doch das Wasser nicht ohne Kahn durchschiffen. Das Leben ist eben eine Reise. Entschuldigen Sie, Peter Petrowitsch, aber die Leute, von denen Sie da reden, haben doch wenigstens einen Weg vor sich, sie sind tätig und arbeiten zum mindesten. Freilich sind sie vom rechten Wege abgekommen, wie das uns sündigen Menschen wohl passieren kann; aber wir wollen hoffen, daß sie sich wieder zurecht finden werden. Wer nur vorwärts marschiert, -- _muß_ schließlich das Ziel erreichen, man braucht die Hoffnung nicht aufzugeben, daß er wieder auf den rechten Weg hinauskommt. Wie aber soll einer den Weg finden, der müßig dahinlebt. Der Weg kommt doch nicht selbst zu uns.«

»Glauben Sie mir, Afanassij Wassiljewitsch, ich fühle, wie recht Sie haben .... aber ich sage Ihnen, in mir ist jeder Trieb zur Tätigkeit erstorben. Ich sehe nicht, daß ich noch jemandem in der Welt von Nutzen sein könnte. Ich fühle, ich bin nichts wie ein unnützer Holzklotz. Früher, als ich noch jünger war, da schien es mir, daß alles vom Gelde abhänge, daß, wenn ich bloß ein paar Hunderttausende in der Hand hätte, ich alle Menschen glücklich machen könnte. Ich wollte arme Künstler unterstützen, Bibliotheken einrichten, allerhand nützliche Institutionen gründen und Sammlungen anlegen. Ich bin nicht ohne Geschmack und weiß, daß ich das Geld besser zu verwenden wüßte, als die meisten reichen Leute, die nichts Vernünftiges zuwege bringen. Jetzt sehe ich jedoch, daß auch dies eitel ist und wenig Wert hat. Nein, Afanassij Wassiljewitsch, ich tauge nichts mehr, gar nichts mehr, das können Sie mir glauben. Ich bin zu nichts mehr fähig.«

14. Hier schließt der Text des späteren Entwurfs. Die neuere Fassung dieser Stelle hängt in der Handschrift nicht mit der ursprünglichen zusammen. Daher mußte der ursprüngliche Text bis zu der Stelle reproduziert werden, die keiner weiteren Überarbeitung unterzogen wurde.

Variante der andern Fassung.

»Hören Sie, Peter Petrowitsch, Sie gehen doch auch in die Kirche, um zu beten; ich weiß es, Sie versäumen keine Früh- noch Abendmesse. Sie stehen nicht gern früh auf, und doch tuen Sie es und gehen -- schon um 4 Uhr zum Gottesdienst, wenn noch alle Leute schlafen.«

»Das ist etwas ganz andres, Afanassij Wassiljewitsch. Das tue ich um meines Seelenheiles willen, denn ich bin überzeugt, daß ich damit mein müßiges Leben mindestens ein klein wenig wieder gut mache. So widerwärtig ich mir selbst bin, ein so schlechter Kerl ich auch sein mag, ich hoffe doch, daß ein demütiges Gebet und eine gewisse Selbstüberwindung Gott wohlgefällig sind. Ich will Ihnen gestehen, ich bete ohne Glauben, aber ich bete dennoch. Ich fühle bloß, daß es einen Herrn gibt, von dem alles abhängt; so erkennt auch das Pferd und das Vieh seinen Herrn, der über sie gebietet.«

»Sie beten also zu dem, dem Sie wohlgefällig sein wollen, weil Sie um das Heil Ihrer Seele besorgt sind, und das gibt Ihnen Kraft und veranlaßt Sie so früh aufzustehen. Glauben Sie mir, wenn Sie mit derselben Energie Ihrem Berufe nachgehen wollten, wie Sie Ihm dienen, zu dem Sie beten, Sie würden bald eine Tätigkeit finden, und kein Mensch in der Welt könnte Ihre Begeisterung dämpfen.«

»Afanassij Wassiljewitsch. Ich muß wiederholen, das ist was ganz andres. Im ersten Falle sehe ich doch, daß ich handele. Ich sage Ihnen, ich bin bereit, in ein Kloster zu gehen, ich will die schwersten Lasten tragen, die man mir auferlegt, und die härtesten Arbeiten tun, denn dort werde ich wissen, für wen ich mich mühe. Da brauche ich nicht nachzudenken und zu grübeln. Dort bin ich überzeugt, daß die für mich Rechenschaft ablegen werden, die mir sagen, was ich zu tun habe. Dort habe ich mich zu unterwerfen, und ich weiß, daß ich mich Gott unterwerfe.«

»Ja, aber warum denken Sie denn in weltlichen Dingen nicht ebenso? Wir sollen doch auch in der Welt _Gott_ dienen und keinem andern. Und wenn wir einem andern dienen, so tuen wir es auch nur deswegen, weil wir überzeugt sind, daß Gott selbst es so will; ohne das könnten wir niemandem dienen. Was sind denn all unsere Gaben und Fähigkeiten, die bei jedem anders geartet sind? Das sind doch nur Werkzeuge unseres Gottesdienstes: in Worten oder Taten. Sie können doch nicht ins Kloster gehen; Sie sind an die Welt gewöhnt und haben Familie!«

Murasow schwieg. Auch Chlobujew sagte kein Wort.

»Sie glauben also, Sie könnten Ihr Leben auf eine feste Grundlage stellen und von nun ab vernünftiger und sparsamer wirtschaften, wenn Sie zweihunderttausend Rubel hätten?«

»Das heißt, ich würde wenigstens eine Tätigkeit haben, der ich gewachsen bin -- ich würde mich der Erziehung meiner Kinder widmen, und ich hätte die Möglichkeit, ihnen tüchtige Lehrer zu halten.«

»Soll ich Ihnen etwas sagen, Peter Petrowitsch! Nach zwei Jahren werden Sie wieder ganz tief in Schulden stecken, wie in einem Netz.«

Chlobujew schwieg eine Weile still und sagte dann gedehnt: »Aber nach den Erfahrungen, die ich ....«

»Ach, da ist doch kein Wort zu verlieren!« fiel Murasow ein. »Sie haben ein gutes Herz, Ihre Freunde werden zu Ihnen kommen und Sie um Geld bitten -- Sie werden es ihnen ja doch nicht abschlagen können; wenn Sie einen armen Mann sehen, werden Sie ihm helfen; wenn ein Freund zu Ihnen kommt, werden Sie ihn recht gut bewirten wollen und sich jeder menschenfreundlichen Regung hingeben. Ihren Vorteil und das Rechnen aber werden Sie dabei vergessen. Und schließlich lassen Sie mich Ihnen noch in aller Aufrichtigkeit das eine sagen: Sie sind ja garnicht imstande, Ihre Kinder gut zu erziehen. Seine Kinder kann nur ein Vater erziehen, der seine Pflicht schon erfüllt hat. Und Ihre Frau ... sie hat ja ein gutes Herz ... aber sie ist selbst nicht so erzogen, um Kinder erziehen zu können. Ich frage mich sogar -- Sie entschuldigen mich doch, Peter Petrowitsch -- ob es Ihren Kindern nicht am Ende schaden könnte, stets mit Ihnen zusammen zu sein!«

Chlobujew war nachdenklich geworden; er prüfte sich in Gedanken nach allen Richtungen und hatte schließlich das Gefühl, daß Murasow nicht ganz unrecht hatte.

»Wissen Sie was, Peter Petrowitsch! Überlassen Sie mir Ihre Kinder und die Ordnung Ihrer Verhältnisse, verlassen Sie Ihre Familie und Ihre Kinder, ich will schon für sie sorgen. Ihre Verhältnisse sind doch gewissermaßen so, daß Sie ganz in meiner Hand sind; Sie sind doch nahe am Verhungern. Hier gilt es einen Entschluß zu fassen. Kennen Sie Iwan Potapytsch?«

»Gewiß, und ich verehre ihn sehr, trotzdem er in einer Joppe herumläuft.«

»Iwan Potapytsch war Millionär, seine Töchter heirateten lauter Beamte, und er lebte wie ein Fürst. Aber er machte Bankrott -- und da blieb ihm eben nichts andres übrig, als ein gewöhnlicher Kommis zu werden. Es wurde ihm wirklich nicht leicht, aus einer einfachen Schüssel zu essen, _ihm_, der an silberne Teller gewöhnt war, und die Hände wollten nicht recht arbeiten, denn sie hatten es nicht gelernt. Sehen Sie, jetzt könnte Iwan Potapytsch wieder aus silbernen Schüsseln essen, aber nun will er es selbst nicht. Er hat sich wieder genug zusammengespart, aber er sagt: >Nein, Afanassij Wassiljewitsch, jetzt diene ich nicht mehr mir selber, sondern _Gott_. Ich mag jetzt nichts mehr um meiner selbst willen tun. Ich gehorche Ihnen, weil ich Gott gehorchen will und nicht den Menschen, und da Gott nur durch den Mund der besten Menschen zu uns spricht. Sie sind klüger als ich, und daher bin nicht ich dafür verantwortlich, sondern Sie.< -- Sehen Sie, so denkt Iwan Potapytsch, und doch ist er, wenn ich ehrlich sein soll, viel, viel klüger als ich.«

»Afanassij Wassiljewitsch, ich will ja gern Ihre Überlegenheit anerkennen ... ich will gern Ihr Diener sein, und alles tun, was Sie wollen, ich gebe mich ganz in Ihre Hände. Aber legen Sie mir keine Last auf, die ich nicht tragen kann: ich bin kein Potapytsch, und ich sage Ihnen, daß ich zu nichts Gutem mehr tauge.«

»Ich werde Ihnen nichts auferlegen, Peter Petrowitsch, aber da Sie doch nun einmal Gott dienen wollen -- da haben Sie ein Gott wohlgefälliges Werk! Es wird hier eine Kirche gebaut, das Geld dazu muß durch freiwillige Spenden frommer Menschen aufgebracht werden. Leider fehlt es an Mitteln, sie müssen durch eine Sammlung herbeigeschafft werden. Ziehen Sie einen einfachen Pelz an -- Sie sind doch jetzt ein schlichter Mensch -- ein verarmter Edelmann -- und so gut wie ein Bettler, was brauchen Sie sich zu schämen? -- nehmen Sie das Kassenbuch in die Hand, besteigen Sie einen einfachen Bauernwagen und besuchen Sie alle Städte und Dörfer der Umgegend. Der Archierei[15] wird Ihnen seinen Segen geben und Ihnen das Kassenbuch aushändigen. Nehmen Sie es und ziehen Sie mit Gott!«

[Fußnote 15: Erzpriester.]

Peter Petrowitsch war sehr erstaunt über die völlig neue Tätigkeit, die ihm hier vorgeschlagen wurde. Er war doch immerhin ein Mann von altem Adel und sollte sich jetzt in einem Bauernwagen durchrütteln lassen und mit dem Buche durch Städte und Dörfer ziehen, um Geld für die Kirche zu sammeln! Aber er konnte nicht mehr zurück, er konnte sich der Sache nicht mehr entziehen. War es doch ein von Gott gewolltes Werk!

»Sie überlegen noch?« fragte Murasow, »Sie werden damit einen doppelten Dienst leisten: Gott und mir.«

»Ihnen?«

»Das will ich Ihnen gleich sagen. Sie werden in Gegenden kommen, wo ich noch nicht war, und werden dort an Ort und Stelle alles erfahren: wie die Bauern leben, wo die Leute reicher sind, wo sie Not leiden, und wie überall die Verhältnisse liegen. Ich will Ihnen gestehen, ich liebe die Bauern von ganzem Herzen, vielleicht deshalb, weil ich selbst von Bauern abstamme. Die Sache ist nämlich die, es haben sich da schlimme Dinge unter ihnen verbreitet. Allerhand Herumtreiber und Sektierer suchen sie zu verführen und gegen die Obrigkeit aufzureizen, und wenn ein Mensch Not leidet, dann lehnt er sich so leicht auf. Als ob es eine so schwere Sache ist, einen Menschen unzufrieden zu machen, der sich in einer bedrängten Lage befindet. Aber das ist es ja gerade, die Hilfe und Strafe darf nicht von unten kommen. Es wäre schlimm, wenn man sich sein Recht mit den Fäusten erkämpfen wollte, daraus kann nichts Gutes entstehen; dabei haben nur die Diebe und Räuber den Vorteil. Sie sind ein kluger Mensch, Sie werden alles gründlich studieren und in Erfahrung bringen, wo ein Mensch wirklich Not leidet, wo andre ihn bedrücken, und wo sein eigner unruhiger Charakter die Schuld trägt. Und dann, wenn Sie wiederkommen, werden Sie mir alles ganz genau erzählen. Ich will Ihnen auf jeden Fall eine kleine Summe mitgeben, die Sie unter die verteilen mögen, die wirklich und unschuldigerweise Not leiden. Es wird auch gut sein, wenn Sie sie mit Worten trösten und es ihnen recht klar machen, es sei Gottes Wille, daß wir unsere Bürde ohne Murren tragen, zu ihm beten, wenn wir unglücklich sind und nicht toben, uns nicht auflehnen und uns nicht selbst zu unserem Rechte verhelfen. Mit einem Worte, reden Sie ihnen gut zu, ohne sie gegen jemand aufzuwiegeln, und lehren Sie sie, ihr Los geduldig ertragen. Wo Sie aber Haß und Zorn gegen jemand finden, da nehmen Sie all Ihre Kräfte zusammen.«

»Afanassij Wassiljewitsch! Das Amt, das Sie mir übertragen wollen, ist ein heiliges Amt,« sagte Chlobujew. »Dies ist ein heiliges Werk! Bedenken Sie, wen Sie damit betrauen. Man kann es nur einem Menschen übertragen, der selbst gewissermaßen einen heiligen Lebenswandel führt, der es versteht, andern Leuten zu verzeihen.«

»Ich sage ja auch nicht, das Sie dies _alles_ ausführen sollen, tuen Sie, was möglich ist, was in Ihren Kräften steht. Die Sache ist die: Sie werden trotzdem mit einem großen Wissensschatz und einer großen Ortskenntnis zurückkehren, Sie werden genau über die Lage der betreffenden Provinzen orientiert sein. Ein Beamter würde dem Bauern nie persönlich gegenübertreten, und auch der Bauer würde nicht aufrichtig gegen ihn sein. Sie aber, der Sie zu ihm kommen, um Beiträge für die Kirche zu sammeln, -- Sie werden überall einen Einblick gewinnen in die Lage des kleinen Mannes, in den Hausstand des Kaufmanns usw., Sie werden Gelegenheit haben, jeden genau nach allem auszufragen. Ich sage Ihnen das, weil der Generalgouverneur solche Leute wie Sie gerade jetzt besonders nötig hat, und Sie können, ganz abgesehen von den bureaukratischen Titeln, eine Stellung erhalten, wo Sie vielen Nutzen stiften werden.«

»Gut denn! Ich will's versuchen, ich will all meine Kräfte anspannen und mir die größte Mühe geben,« sagte Chlobujew. Man hörte es seiner Stimme an, daß er wieder Mut und Kraft schöpfte, und er erhob wieder tapfer das Haupt, wie ein Mensch, den eine neue Hoffnung belebt. »Ich sehe, daß Gott Ihnen die rechte Einsicht geschenkt hat. Sie verstehen manche Dinge weit besser, als wir kurzsichtigen Leute.«

»Doch nun möchte ich Sie endlich fragen: Was ist es mit Tschitschikow, und von welcher Angelegenheit sprachen Sie vorhin?« sagte Murasow.

»Ach Gott, von Tschitschikow kann ich Ihnen geradezu unerhörte Dinge erzählen. Was der alles anstellt ... Wissen Sie auch, Afanassij Wassiljewitsch, daß das Testament gefälscht ist! Das echte Testament hat sich gefunden. Darnach sind die Pflegetöchter die Erbinnen des ganzen Gutes.«

»Was sagen Sie? Und wer hat das falsche Testament hergestellt?«

»Das ist es ja eben. Es ist eine ganz schmutzige Geschichte. Man sagt: Tschitschikow sei der Verfasser; das Testament sei erst nach dem Tode der Testantin unterschrieben: man hätte ein Weib gefunden, die man verkleidet habe, und die es anstelle der Verstorbenen unterschrieben hat. Mit einem Wort eine ganz häßliche und skandalöse Affäre. Man hat Verdacht, daß auch noch andere Beamte daran beteiligt sind. Man spricht schon überall davon, und der Generalgouverneur soll bereits davon Kunde haben. Man sagt, es seien über tausend Klagen von den verschiedensten Seiten eingelaufen. Die Freier machen sich jetzt schon an Marja Jeremejewna; zwei Beamte liegen sich ihretwegen in den Haaren. Eine widerwärtige Geschichte, Afanassij Wassiljewitsch.«

»Ich habe noch garnichts davon gehört, aber die Sache wird sicherlich nicht ganz sauber sein. Ich muß gestehen, daß dieser Pawel Iwanowitsch Tschitschikow mir eine höchst rätselhafte Persönlichkeit ist,« sagte Murasow.

»Ich habe meinerseits auch eine Klage eingereicht, um daran zu erinnern, daß es noch einen rechtmäßigen Erben gibt ...«