Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II
Part 30
»Ach laß doch, Bruder! Laß doch das Klügeln! Was wollt Ihr nur mit Euren Nachkommen! Alle Menschen glauben, sie seien Genies, wie Peter der Große. Achtet doch lieber darauf, was vor Eurer Nase vorgeht, und denkt nicht immer an Eure Nachkommen; sorgt lieber dafür, daß Eure Bauern wohlhabend und reich werden, und daß sie Zeit behalten, auch etwas zu lernen, wenn sie Lust dazu haben; stellt Euch nicht mit dem Stocke in der Hand vor sie hin und schreit sie nicht an: >Du mußt in die Schule gehen, ob du willst oder nicht!< Weiß der Teufel, womit die Leute heutzutage anfangen! Nein, bitte, hören Sie mal, ich fordere Sie auf, selbst zu urteilen.« Hier rückte Skudronshoglo näher an Tschitschikow heran und nahm ihn sozusagen gründlich ins Gebet, um ihn recht tief in die Sache einzuweihen, d. h. er packte ihn beim Knopfloch seines Frackes: »Sagen Sie, was kann klarer sein? Die Bauern sind doch dazu da, damit Sie sie in ihrem Beruf und Stand unterstützen und fördern. Worin aber besteht dieser? Was ist denn die Beschäftigung der Bauern? Doch wohl der Ackerbau, die Landwirtschaft? Nun, so sorgen Sie auch dafür, daß er ein tüchtiger Landwirt wird. Das ist doch klar. Nicht? Nein, da finden sich gescheite Köpfe, die erklären: >Aus diesem Zustande muß er herausgeführt werden. Sein Leben ist zu primitiv und einfach: er soll auch etwas von dem Luxus kosten.< Daß ihr selbst infolge dieses Luxus lauter Waschlappen und keine Menschen mehr seid und, weiß der Teufel, an was für neuen Krankheiten leidet, und daß es bald keinen achtzehnjährigen Bengel mehr geben wird, der nicht schon von allem gekostet hat -- der keine Zähne im Munde und keine Haare mehr auf dem Kopfe hat, -- daran denkt ihr nicht und wollt auch noch andre Leute anstecken! Gott sei Dank, daß wir wenigstens noch einen gesunden Stand besitzen, der noch nichts von all diesen Finessen weiß! Dafür müßten wir Gott ewig dankbar sein. Jawohl, einen Landwirt achte ich weit höher als einen andern Menschen. Gott gäbe, daß alle Menschen Ackerbau trieben!«
»Sie sind also der Ansicht, es sei am vorteilhaftesten, Landwirt zu werden?« fragte Tschitschikow.
»Ich meine, es ist vernünftiger und ehrenhafter und nicht vorteilhafter. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot erwerben -- das ward uns allen gesagt, und nicht umsonst. Es ist durch eine jahrhundertlange Erfahrung bewiesen, daß die Landwirtschaft die Sitten verbessert und veredelt. Wo der Ackerbau die Grundlage des gesellschaftlichen Lebens bildet, da herrscht Wohlstand und Überfluß! Da gibt es keine Armut und keinen Luxus, sondern Gesundheit und Zufriedenheit. Es ist dem Menschen gesagt: Erwirb dir dein Brot, arbeite .. da gibt es nichts zu klügeln! Ich sage zum Bauern: >Es ist ganz gleich, für wen du dich mühst: für mich, für dich, für deinen Nachbarn ... die Hauptsache ist, daß du arbeitest. Bei der Arbeit bin ich dein erster Gehilfe. Hast du kein Vieh, nun wohl -- da ist ein Pferd, eine Kuh, ein Wagen. Ich bin bereit, dir alles zu geben, nur sei fleißig und arbeite! Für mich wäre es der Tod, wenn dein Haushalt in Unordnung geriete und wenn ich Armut und Mißwirtschaft um mich sehe. Ich dulde keinen Müßiggang: ich bin bei dir, damit du arbeitest.< Hm. Man glaubt, man könne seine Einkünfte durch Fabriken und industrielle Unternehmungen vermehren! Denken Sie doch lieber erst daran, daß jeder Ihrer Bauern wohlhabend werde, dann werden Sie ganz von selbst reich werden, auch ohne Fabriken und all diese dummen Erfindungen.« ...
9. Variante der andern Fassung.
»So ein Esel!« dachte Tschitschikow. »Solch eine Tante würde ich hegen und pflegen, wie eine Amme ihr Kind.«
»Wissen Sie, so eine Unterhaltung ist doch recht trocken!« sagte Chlobujew. »He, Kirjuschka! Bring schnell noch eine Flasche Champagner.«
»Nein, nein, ich kann nicht mehr trinken,« fiel hier Platonow ein.
»Ich auch nicht,« sagte Tschitschikow, und beide weigerten sich kategorisch, weiter zu trinken.
»Nun, so versprechen Sie mir wenigstens, daß Sie mich in der Stadt besuchen werden. Am 8. Juni gebe ich ein kleines Diner für die Honoratioren der Stadt.«
»Wie!« rief Platonow aus. »Jetzt, wo Sie so gut wie ruiniert sind, geben Sie Diners?«
»Was soll ich machen? Ich kann nicht anders, das ist halt meine Pflicht,« versetzte Chlobujew. »Sie haben mich doch auch eingeladen.«
10. Vor diesem Worte sind in der vorliegenden Fassung zwei Seiten herausgeschnitten. Wir führen hier die entsprechende Stelle aus der andern Fassung an:
»Die Sache ist eigentlich ein großer Unsinn. Er hat nicht genug Land, und da hat er sich eben ein fremdes Stück Brachland angeeignet, d. h. er rechnete darauf, daß niemand es braucht, und daß die Besitzer nicht drauf achten werden ... bei uns aber versammeln sich schon seit vielen Jahren die Bauern gerade an dieser Stelle, um dort Johannisnacht zu feiern. Daher bin ich noch eher bereit, ihm ein anderes und sogar besseres Stück Land abzutreten, als dieses. Jede alte Sitte ist mir heilig.«
»Sie würden ihm also unter Umständen ein anderes Stück Land abgeben?«
»Ja, d. h. wenn er nicht so mit mir verfahren wäre, aber ich glaube, er will die Gerichte anrufen. Meinetwegen, wir wollen doch sehen, wer den Prozeß gewinnt. Nach dem Plan ist es freilich nicht vollkommen klar, aber ich habe genug Zeugen, lauter alte Leute, die noch am Leben sind, und sich sehr gut erinnern, wem das Land gehört hat.«
»Hm!« dachte Tschitschikow. »Wie ich sehe, seid ihr alle beide raffinierte Kerls.« Und er fügte laut hinzu: »Mir scheint, diese Sache läßt sich friedlich beilegen. Alles hängt davon ab, ob sich jemand findet, der zwischen Ihnen vermitteln kann .. Schriftl....«
Damit schließt die 96. Seite der Handschrift; die folgenden zwei Seiten sind verloren gegangen. In der ersten Ausgabe des zweiten Bandes der »Toten Seelen« hat S. P. Schewyrew folgende Bemerkung zu dieser Stelle gemacht: Hier fehlt eine größere Partie, in der wahrscheinlich erzählt wird, wie Tschitschikow zum Gutsbesitzer Lenitzyn fährt. Der Her.
»... daß es auch für Sie selbst sehr vorteilhaft wäre z. B. alle toten Seelen auf meinen Namen zu übertragen, d. h. ich meine alle die toten Bauern auf Ihrem Gute, die noch in den Revisionslisten stehen. Dann könnte ich auch die Steuern für sie bezahlen. Um aber kein Ärgernis zu geben, könnten wir _pro forma_ einen Kaufkontrakt aufsetzen, ganz so, als ob sie noch am Leben wären.«
»Da haben wir's!« dachte Lenitzyn: »das ist aber eine höchst merkwürdige Geschichte.« Er schob sogar seinen Stuhl ein wenig zurück, denn er befand sich in der höchsten Verlegenheit.
»Ich zweifele nicht im mindesten daran, daß Sie hierüber mit mir einverstanden sein werden,« fuhr Tschitschikow fort, »denn das ist eine ganz ähnliche Sache, wie die, welche wir soeben besprochen haben. Sie bleibt natürlich ganz unter uns -- wir sind doch gesetzte und vernünftige Leute, und es kann daher gar kein Ärgernis geben.«
Was war zu machen? Lenitzyn befand sich in einer äußerst peinlichen Situation. Er hatte durchaus nicht voraussehen können, daß die von ihm noch vor wenigen Minuten geäußerte Ansicht so schnell in die Tat umgesetzt werden könnte. Dieser Vorschlag kam ihm vollkommen unerwartet. Selbstverständlich konnte für niemand etwas Schädliches daraus entstehen: jeder Gutsbesitzer hätte, wenn es darauf angekommen wäre, ebensogut Hypotheken auf diese Seelen aufgenommen, wie auf die lebendigen, dem Staat konnten also keinerlei Verluste daraus entstehen; der ganze Unterschied bestand bloß darin, daß sie jetzt in _einer_ Hand vereinigt sein würden, während sie sich im andern Falle in vielen befunden hätten. Trotzdem aber hatte er seine Bedenken. Er war ein Mensch, der sich streng an die Gesetze hielt und ein Geschäftsmann im guten Sinne war. Er hätte sich nie bestechen lassen und für Geld eine schlechte Sache vertreten. Diesmal aber war er unschlüssig, denn er wußte nicht recht, wie er von diesem Fall denken, wie er ihn bezeichnen sollte: handelte es sich hier um ein sauberes oder um ein unsauberes Geschäft? Hätte sich ein andrer mit einem solchen Vorschlag an ihn gewandt, dann hätte er sagen können: »Ach Unsinn, das sind Torheiten! Ich will doch nicht mehr Puppen spielen und alberne Streiche machen!« Aber der Gast gefiel ihm so sehr, es bestanden zwischen ihnen so viele Berührungspunkte in bezug auf ihre Anschauungen über die Fortschritte der Aufklärung und der Wissenschaften, wie konnte er ihm da etwas abschlagen? Lenitzyn befand sich in einer überaus verzwickten Lage.
In diesem Augenblick trat die Hausfrau, die junge Gattin Lenitzyns ins Zimmer, wie um ihn aus dieser verzweifelten Situation zu erlösen. Sie war bleich und mager wie alle Petersburger Damen und ebenso geschmackvoll gekleidet wie diese. Ihr folgte die Amme auf dem Fuße, die ein Kind auf den Armen trug, die jüngste Frucht der jungen Ehe. Tschitschikow ging natürlich sofort auf die Dame zu und begrüßte sie aufs liebenswürdigste. Aber ganz abgesehen hiervon, schon die Geste mit der er ihr entgegentrat und dabei den Kopf anmutig auf die Seite neigte, genügte vollkommen, um sie ganz für sich einzunehmen. Dann eilte er auf das Kind zu, welches zwar im ersten Augenblick laut zu schreien begann, sich aber sehr schnell wieder beruhigte, als Tschitschikow ein paar freundliche Worte sagte, ihm A--u, A--u zurief, mit den Fingern schnippte und ihm seine Uhrkette mit dem Carneolpetschaft zeigte. Schließlich wurde es so zutraulich, daß es sich von Tschitschikow ruhig auf die Hände nehmen und hoch in die Luft heben ließ, ja, es begann sogar fröhlich zu lachen, was auch das Elternpaar höchlich erfreute.
Aber war es nun das Vergnügen, welches das Kindchen verspürte, oder etwas andres, genug es passierte ihm plötzlich etwas sehr Unangenehmes. Frau Lenitzyn schrie laut auf: »Ach Gott, ach Gott, er wird Ihnen noch den ganzen Frack verderben!«
Tschitschikow warf einen Blick auf den Ärmel seines neuen Frackes und war aufs höchste erschrocken. Der ganze Ärmel war hin: »Wenn dich doch der Teufel holte, verdammter Schelm!« murmelte er ärgerlich vor sich in.
Der Hausherr, die Hausfrau und die Amme eilten schleunigst davon, um kölnisches Wasser zu holen; hierauf liefen sie von allen Seiten auf ihn zu und begannen seinen Frack zu waschen und zu scheuern.
»Das macht nichts, das macht wirklich nichts,« sagte Tschitschikow: »Was kann einem denn ein unschuldiges Kind antun?« Zugleich aber dachte er sich: »Und wie geschickt er das gemacht hat, der kleine Teufel! Ein goldenes Alter!« bemerkte er, als er endlich ganz trocken war, und ein freundliches Lächeln erhellte aufs neue seine Züge.
»Tatsächlich,« versetzte der Hausherr, der sich gleichfalls mit einem freundlichen Lächeln an Tschitschikow wandte, »was gibt es Schöneres als das Kindesalter. Man hat keine Sorgen, man denkt nicht an die Zukunft ...«
»Ja, mit einem Kinde würde ich sofort tauschen,« entgegnete Tschitschikow.
»Sofort!« sagte Lenitzyn.
Ich glaube indes, daß beide schwindelten. Wenn man ihnen im Ernst einen solchen Tausch angeboten hätte, sie wären sofort zu Kreuze gekrochen. Es ist doch auch wirklich kein Vergnügen, bei der Amme auf dem Arme zu sitzen und fremde Fräcke zu ruinieren.
Die junge Frau, die Amme und das Kind hatten sich entfernt, denn auch der Kleine bedurfte einer gründlichen Reinigung: er hatte nicht nur Tschitschikow beglückt, sondern auch sich selbst nicht ganz vergessen.
Übrigens nahm dieser scheinbar so unwesentliche Vorfall den Hausherrn noch mehr für Tschitschikow ein. Und in der Tat, wie konnte er einem so angenehmen und höflichen Gast etwas abschlagen, einem Gaste, der so freundlich gegen seinen Kleinen gewesen war, und seine Güte noch dazu so großmütig mit seinem Frack bezahlen mußte. Lenitzyn dachte nämlich: »Warum sollte ich seine Bitte eigentlich nicht erfüllen, wenn er es doch so sehr wünscht ...«
11. Variante der andern Fassung.
Um dieselbe Zeit lag Tschitschikow in seinem persischen mit Gold bordierten Schlafrock auf dem Sofa und verhandelte mit einem vorüberreisenden Schmuggler jüdischer Abstammung, der das Russische mit einem deutschen Akzent sprach; vor ihnen lagen ein Stück feinste holländische Leinwand, die Tschitschikow gekauft hatte, um sich neue Hemden machen zu lassen, und zwei Pappschachteln mit Seife von allererster Qualität (es war dieselbe Seife, die er sich ehemals während seines Dienstes im Raziwillschen Zollamt zu halten pflegte, und die tatsächlich die Kraft besaß, den Wangen eine geradezu unerhörte Reinheit und Zartheit zu verleihen). Während nun Tschitschikow mit Kennerblick all diese für jeden gebildeten Menschen so überaus notwendigen Gegenstände einkaufte, hörte man draußen das Gerassel eines heranrollenden Wagens. Die Fensterscheiben erklirrten, und gleich darauf betrat Seine Exzellenz Alexei Iwanowitsch Lenitzyn das Zimmer.
»Exzellenz, was sagen Sie zu dieser Leinwand und zu dieser Seife, und wie gefällt Ihnen dies Ding hier, das ich mir gestern angeschafft habe?« Mit diesen Worten setzte Tschitschikow eine mit Gold und Glasperlen verzierte Kappe auf und präsentierte sich seinem Gast mit einem Anstand und einer Würde, die der des persischen Schahs nicht viel nachgegeben hätte.
Aber Seine Exzellenz antwortete nichts und sagte nur:
»Ich muß Sie dringend in einer Angelegenheit sprechen.« Man sah es ihm an, daß er sehr erregt war. Der ehrenwerte Kaufmann mit dem deutschen Akzent wurde sofort hinausbefördert, und beide Freunde blieben allein.
»Wissen Sie, was passiert ist? Eine schöne Geschichte! Es hat sich noch ein zweites Testament gefunden, das die alte Dame vor fünf Jahren gemacht hat. Darin verschreibt sie die Hälfte ihrer Güter dem Kloster und die andre Hälfte ihren beiden Adoptivtöchtern. Das ist alles.«
Tschitschikow war ganz erschrocken.
»Aber dies Testament gilt doch nicht, es hat doch nichts zu bedeuten; es hat durch das zweite seine Rechtskraft verloren!«
»Es steht aber im zweiten Testament nichts davon drin, daß das erste dadurch annulliert wird.«
»Das versteht sich ganz von selbst: das letzte stößt alle vorhergehenden um. Das bedeutet nichts! Das erste Testament hat keine Gültigkeit. Ich kenne den Willen der Verstorbenen sehr gut. Ich war doch zugegen, als es aufgesetzt wurde. Wer hat es unterschrieben, wer waren die Zeugen?«
»Es ist nach allen Regeln beim Gericht attestiert. Als Zeugen fungierten die Assessoren a. D. Burmilow und Chawanow.«
»Das ist schlimm, sehr schlimm!« dachte Tschitschikow. »Dieser Chawanow soll ein ehrlicher Mensch sein. Burmilow ist ein alter Tartüffe, der liest Sonntags in der Kirche aus der Bibel vor. -- Ach was, Unsinn, Unsinn,« fuhr er laut fort, denn er fühlte sich wieder mutig und entschlossen. »Das weiß ich besser: ich war zugegen, als die Alte starb. Ich muß das doch besser wissen als andre Leute. Ich bin bereit, die Sache zu beschwören.«
Diese Worte und diese Entschlossenheit beruhigten Lenitzyn ein wenig.
Er war sehr aufgeregt und fragte sich schon, ob Tschitschikow nicht am Ende das Testament gefälscht haben könnte (er hätte es sich freilich nicht einmal vorstellen können, daß die Sache sich so verhalte, wie sie sich in Wahrheit verhielt). Jetzt machte er sich Vorwürfe wegen seines Argwohnes. Tschitschikows Bereitwilligkeit, alles zu beschwören, war ein offenkundiger Beweis, daß er .... Wir wissen freilich nicht, ob Pawel Iwanowitsch wirklich den Mut gehabt hätte, einen Eid darauf abzulegen, jedenfalls aber hatte er den Mut, es zu behaupten.
Tschitschikow ließ sofort den Wagen vorfahren und begab sich zu seinem Rechtsanwalt. Dieser Rechtsanwalt war ein außerordentlich geschickter und erfahrener Mann. Er befand sich schon seit fünfzehn Jahren im Anklagezustand, aber er verstand es, seine Maßregeln so gut zu treffen, daß es unmöglich war, ihn seines Amtes zu entsetzen. Jedermann wußte, daß er es für seine Heldentaten hundertfach verdient hatte, in die Strafkolonien verschickt zu werden. Er wurde der schlimmsten Dinge verdächtigt, aber es wollte nie gelingen, zwingende Beweise gegen ihn aufzubringen. Der Mann war tatsächlich mit einem geheimnisvollen Schimmer umgeben, man hätte ihn sicher für einen Zauberer erklärt, wenn unsere Erzählung in einem unaufgeklärten Zeitalter gespielt hätte.
Der Rechtsanwalt setzte Tschitschikow durch seinen fettigen Schlafrock in Erstaunen, der in einem krassen Gegensatz zu den schönen Mahagonimöbeln, der goldenen, mit einer Glasglocke bedeckten Stutzuhr, dem Armleuchter, der durch die Tüllhülle hindurchschimmerte und zu der ganzen Umgebung stand, denn diese trug den deutlichen Stempel einer weltmännischen europäischen Bildung.
Tschitschikow ließ sich jedoch durch den skeptischen Blick des Rechtsanwalts keineswegs aus der Fassung bringen, sondern klärte ihn über die schwierige Sachlage auf und ließ die verlockende Aussicht auf seinen Dank und seine Erkenntlichkeit für den ihm erteilten Rat und Beistand vor ihm erstehen.
Der Rechtsanwalt spielte dagegen auf die Unzuverlässigkeit aller irdischen Dinge und Güter an und deutete Tschitschikow gegenüber in zarter Weise an, daß eine Taube auf dem Dache wenig gilt, und ein Sperling in der Hand ihm lieber sei.
Was war da zu machen? Man mußte ihm schon den Sperling in die Hand drücken. Die skeptische Kühle unseres Philosophen verschwand sofort, und es stellte sich heraus, daß er der beste Mensch von der Welt und ein äußerst angenehmer Gesellschafter war, der selbst Tschitschikow, was die Schönheit und weltmännische Gewandtheit der Umgangsformen anbelangte, wenig nachgab.
»Machen wir doch lieber nicht so viel Umstände -- Sie haben sich wohl das Testament gar nicht ordentlich angesehn; es wird sicher noch irgend eine Bemerkung oder eine Notiz darin stehen. Nehmen Sie es lieber für einige Zeit an sich. Eigentlich ist es ja verboten, solche Objekte mit sich nach Hause zu nehmen, aber wenn man die Beamten ordentlich darum angeht ... Ich für meinen Teil werde meinen ganzen Einfluß aufbieten.«
»Ich verstehe,« dachte Tschitschikow und versetzte: »In der Tat, ich kann mich nicht mehr genau darauf besinnen, ob es nicht doch eine Notiz enthielt -- es ist fast so, als ob ich das Testament gar nicht selbst aufgesetzt hätte.«
»Das Beste ist, Sie sehen selbst nach. Übrigens können Sie ganz ruhig sein,« fuhr er gutmütig fort. »Machen Sie sich jedenfalls keine Sorgen, selbst wenn es noch schlimmer kommt. Verzweifeln Sie niemals, es gibt keine solche Sache, die sich nicht wieder gut machen ließe. Sehen Sie doch mich an. Ich bin immer ruhig. Was man auch gegen mich unternehmen mag, ich lasse mich nicht in meiner Gemütsruhe stören.« Und in der Tat, das Gesicht unseres Philosophen ließ nicht die geringste Bewegung erkennen, so daß Tschitschikow lange ...
»Natürlich ist das das wichtigste,« versetzte er. »Aber Sie werden mir doch zugestehen, daß es Verhältnisse geben kann, Gefahren und Nachstellungen seitens der Feinde, und so verzwickte Lagen, daß man darüber seine Geistesgegenwart verlieren muß.«
»Glauben Sie mir, das wäre kleinmütig,« entgegnete der Philosoph sehr ruhig und freundlich. »Achten Sie vor allem darauf, daß die Sache auf dem Aktenwege erledigt wird, und daß es keine mündlichen Auseinandersetzungen gibt. Sobald Sie jedoch bemerken, daß es zum Klappen kommt, und daß die Entscheidung herannaht, -- dann dürfen Sie sich nicht etwa rechtfertigen oder verteidigen, sondern Sie müssen einfach mit neuen Tatsachen herausrücken.«
»Man muß also ...«
»Die Sache möglichst verwickeln -- das ist alles,« versetzte der Philosoph, »sie mit neuen, nicht zur Sache gehörigen Details komplizieren, die auch noch andre Leute in die Affäre hineinziehen. Man muß die Fäden durcheinander wirren -- das ist das ganze Geheimnis. Mögen doch die Petersburger Beamten sehen, wie sie damit fertig werden!« wiederholte er, indem er Tschitschikow sehr vergnügt ansah, so wie ein Lehrer seinen Schüler, wenn er ihm ein besonders interessantes Kapitel aus der russischen Grammatik erklärt.
»Ja, es ist gut, wenn man solche Details findet, mit denen man die Augen anderer Leute umnebeln kann!« sagte Tschitschikow, indem er den Philosophen gleichfalls mit Vergnügen betrachtete, wie ein Schüler, der die interessante Stelle aus der Grammatik, die ihm sein Lehrer erklärt, schon begriffen hat.
»Sie werden sich schon finden! Glauben Sie mir, daß Sie sich finden werden: wenn man sich nur häufig genug darin übt, dann wird auch der Kopf allmählig erfinderischer. Vor allem aber bedenken Sie, daß man Ihnen dabei helfen wird. Wenn die Sache recht kompliziert ist, dann finden viele Leute ihren Vorteil dabei: man braucht immer mehr Beamte, und diese wollen ihrerseits immer mehr Gehalt haben. Mit einem Wort, man muß nur recht viele Leute an der Sache interessieren. Es macht nichts, wenn ein paar Unschuldige mit hineingezogen werden: sie müssen sich rechtfertigen, auf die Anklagen antworten, sich loskaufen usw. Da gibt's eben was zu verdienen. Glauben Sie mir: sowie die Umstände wirklich kritisch werden, muß man zuallererst daran denken, die ganze Affäre recht verwickelt zu machen. Und das läßt sich so gut bewerkstelligen, daß sich bald niemand mehr auskennt. Warum bin ich immer so ruhig? Weil ich genau weiß: wenn meine Sache schief geht, dann ziehe ich alle miteinander in sie hinein: den Gouverneur, den Vizegouverneur, den Polizeimeister, den Kassierer -- ich lasse keinen frei ausgehen. Ich kenne ihre Verhältnisse ganz genau; ich weiß, ob einer dem andern zürnt, ob er sich über ihn ärgert und ihm etwas Böses gönnt. Meinetwegen mögen sie sich nachher aus der Affäre ziehen. Unterdessen aber können andere Leute etwas dabei verdienen. Man kann eben nur im trüben Wasser krebsen gehn. Sie warten ja alle zusammen darauf, daß nur ein möglichst großer Wirrwarr entsteht.« Hier sah der Jurist und Philosoph Tschitschikow wiederum so vergnügt an, wie ein Lehrer seinen Schüler, dem er ein noch weit interessanteres Kapitel aus der russischen Grammatik erklärt.
»Nein, dieser Mann ist tatsächlich ein Weiser,« dachte Tschitschikow und verabschiedete sich in der besten und vergnügtesten Laune vom Rechtsanwalt.
Er fühlte sich wieder vollständig beruhigt, daher warf er sich mit einer nachlässigen Sicherheit in die weichen Kissen seiner Equipage, befahl Seliphan das Verdeck herabzulassen und setzte sich bequem im Polster zurecht, ganz wie ein Husarenoberst a. D. oder Herr Wyschnepokromow in eigener Person. Als er _zum_ Rechtsanwalt fuhr, hatte er das Verdeck schließen lassen und sogar seine Füße tief in die Lederdecke gehüllt, jetzt dagegen schlug er ein Bein über das andre, und wandte allen Vorübergehenden sein lächelndes Gesicht zu, das unter dem keck auf das Ohr gerückten neuen Seidenhut nur so vor Heiterkeit strahlte. Seliphan erhielt den Befehl, die Richtung nach dem Tuchmarkt zu nehmen. Die einheimischen und zugereisten Kaufleute standen an ihren Ladentüren und grüßten ihn ehrerbietig; Tschitschikow erwiderte seinerseits ihren Gruß nicht ohne ein gewisses Selbstbewußtsein. Viele von ihnen kannte er schon; andre waren zwar erst vor kurzem angekommen, doch waren auch sie ganz entzückt von dem gewandten und sicheren Wesen und den feinen Manieren des fremden Herrn, und bewillkommneten ihn daher wie einen alten Bekannten. In der Stadt Tfuslawlew gab es fast immer eine Messe; war der Pferde- und Getreidemarkt zu Ende, dann kamen die Luxuswaren für die vornehmeren und gebildeteren Herrschaften an die Reihe. Die Kaufleute, die per Axe angereist kamen, rechneten damit, per Schlitten nach Hause zurückzukehren.
»Bitte hierher, treten Sie gefälligst ein,« rief ihm ein Kaufmann von der Ladentüre aus entgegen. Er trug einen deutschen Rock, der in Moskau verfertigt war, und verbeugte sich mit selbstgefälliger Höflichkeit. Sein Haupt war entblößt, und er schwenkte mit der einen Hand seinen Hut, während er mit der andern leicht über sein rundes Kinn strich. Hierbei suchte er seinem Gesicht einen ausnehmend feinen und gebildeten Ausdruck zu geben.
Tschitschikow trat in den Laden: »Lassen Sie sehen, was Sie für Stoffe haben, Verehrtester.«