Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II

Part 29

Chapter 293,403 wordsPublic domain

2. In der Gesamtausgabe der Werke Gogols, die 1867 unter der Redaktion von Th. W. Tschishow erschienen ist, hat diese Stelle folgenden Wortlaut: »Dieser wunderbare Lehrer machte einen tiefen Eindruck auf den Knaben. Andrei Iwanowitschs feuriges und von Ehrgeiz erfülltes Herz pochte noch lange bei dem Gedanken, daß er zu den Auserwählten gehören werde, die den zweiten Lehrgang durchmachen durften. Und in der Tat mit sechzehn Jahren hatte Tentennikow seine Genossen so weit überholt, daß er als einer der Tüchtigsten in die oberste Klasse versetzt wurde. Er selbst wollte kaum an dies große Glück glauben.«

3. Variante der andern Fassung.

Als er klein war, war er ein gescheiter und begabter Knabe gewesen, bald lebhaft und ausgelassen, bald träumerisch und nachdenklich. War es ein glücklicher oder unglücklicher Zufall -- genug er kam in eine Schule, deren Direktor trotz einiger Schwächen und Eigenheiten, ein in seiner Art ungewöhnlicher Mensch war. Alexander Petrowitsch besaß die Gabe, das Wesen und die Eigenart russischer Charaktere richtig herauszufühlen und zu erkennen; und er wußte, welche Sprache man mit ihnen sprechen muß. Nie ließ ein Kind die Nase hängen, wenn es von ihm fortging; im Gegenteil, selbst wenn es einen strengen Verweis erhalten hatte, fühlte es sich gestärkt und ermutigt und von dem glühenden Wunsche beseelt, seinen Fehler oder sein Vergehen wieder gut zu machen. Die Schar der Zöglinge dieses Mannes war äußerlich so lebhaft, unartig und mutwillig, sodaß man sie für ein ungezügeltes Korps von Freischärlern hätte halten können; aber das wäre eine Täuschung gewesen; die Macht _eines_ Menschen hielt dieses ganze Korps zusammen. Es gab keinen Schelm oder Wildfang, der nicht selbst zum Direktor gekommen wäre, um ihm all seine Streiche und Untaten zu beichten. Die feinsten Regungen ihrer Seele waren ihm bekannt und vertraut. Sein Tun und Lassen war in jeder Hinsicht ungewöhnlich. Er erklärte, man müsse im Menschen vor allem das Ehrgefühl wecken -- er nannte den Ehrgeiz die Kraft, die den Menschen vorwärtstreibt --, ohne diesen Trieb zu entbinden, sei es unmöglich, einen Menschen zur Tätigkeit zu spornen. Manche Unarten und Streiche ließ er den Kindern hingehen, und machte gar nicht den Versuch, sie zu unterdrücken: in diesem Überdenstrangschlagen der Kinder sah er den Beginn der Entwickelung ihrer seelischen Regungen. Er bedurfte dessen, um zu erforschen, was im Kinde verborgen lag. So beobachtet ein kluger Arzt ruhig die vorübergehenden Anfälle des Kranken oder einen Ausschlag, der sich plötzlich auf der Haut zeigt, und er bekämpft sie nicht, sondern untersucht und betrachtet sie aufmerksam, um um so sicherer zu erkennen, was in des Menschen Innern vorgeht.

Die Zahl seiner Lehrer war nicht sehr groß: in den meisten Fächern unterrichtete er selbst, und man muß gestehen, er verstand es, ohne Pedanterie und weitläufige Terminologie, ohne jene großartigen Anschauungen und Perspektiven, mit denen junge Professoren viel Staat zu machen pflegen, das eigentliche Wesen, die Seele einer Wissenschaft in wenigen Worten wiederzugeben, so daß auch die ungereiften Geister es sofort begriffen, warum sie dieses Wissen nötig hatten. Er behauptete, das was der Mensch am meisten brauche, sei die Wissenschaft des Lebens; wenn er sich erst diese angeeignet habe, dann werde er schon selbst begreifen und einsehen, womit er sich in erster Linie beschäftigen müsse.

Diese Wissenschaft hatte er zum Gegenstand eines besonderen Lehrfaches erhoben, an dem nur die Bevorzugtesten teilnehmen durften. Die Unbegabten entließ er schon nach Beendigung der ersten Klasse, worauf sie gleich in den Staatsdienst eintraten. Er war nämlich der Ansicht, daß man sie nicht zuviel quälen und plagen dürfe; es sei schon genug, wenn man geduldige und fleißige Arbeiter aus ihnen mache, die einen gegebenen Auftrag genau und pünktlich zur Ausführung bringen, und sich ohne Hochmut, Überhebung und einen allzu weiten Horizont in ihrer Sphäre bewegen könnten. »Mit den Klugen und Begabten dagegen muß ich mir viel Mühe geben,« pflegte er oft zu sagen. Und hier, beim Unterricht dieses Gegenstandes wurde Alexander Petrowitsch ein völlig anderer Mensch; er erklärte schon in den allerersten Stunden, bisher habe er von seinen Schülern nichts wie gesunden Menschenverstand gefordert, nun aber werde er von ihnen einen höheren Verstand verlangen -- nicht jene Art von Verstand, die dazu gehört, um einen Dummkopf zu hänseln oder lächerlich zu machen, sondern jene, die es über sich zu gewinnen vermag, jegliche Beleidigung zu ertragen, dem Toren zu vergeben und sich stets zu beherrschen. Hier erst verlangte er das von seinen Schülern, was andre schon von Kindern fordern. Das war es, was er eine höhere Art von Verstand nannte: In jeder Lebenslage in Schmerz, Bitternis und Enttäuschung jene hohe Ruhe zu bewahren, -- die das dauernde Besitztum jedes Menschen sein sollte -- das war es, was er Verstand nannte. Aber Alexander Petrowitsch zeigte bei dieser Gelegenheit auch, daß er die Wissenschaft vom Leben wirklich kannte. Von allen Wissenschaften wählte er nur die aus, welche geeignet waren, aus dem Menschen einen tüchtigen Bürger seines Landes zu machen. Der größte Teil der Vorlesungen bestand darin, daß der Lehrer den Schülern erzählte, was den Menschen in allen Berufsarten und auf allen Stufen des Staatsdienstes und privater Betätigung erwarte. Alle Bitternisse und Enttäuschungen, alle Hindernisse, die sich vor dem Menschen auf seinem Lebenswege erheben, alle Verführungen und Versuchungen, die ihm bevorstehen, führte er ihnen nackt und ungeschminkt vor Augen, und er verheimlichte nichts von ihnen. Nichts war ihm fremd, wie wenn er selbst alle Berufe und Ämter kennen gelernt hätte. Mit einem Wort, die Zukunft, wie er sie den Schülern ausmalte, war keineswegs rosig. Und seltsam! sei es nun, daß der Ehrgeiz in ihnen so stark angeregt war, sei es, daß im Auge dieses merkwürdigen Pädagogen etwas aufblitzte und leuchtete, das dem Jüngling ein beständiges »Vorwärts« zuzurufen schien -- dieses herrliche Wort, welches im russischen Volke solche Wunder wirkt, -- genug, die jungen Leute fingen sogleich selbst an, die Schwierigkeiten und Fährnisse aufzusuchen, und dürsteten darnach, sich überall da tätig und wirksam zu zeigen, wo es ein Hindernis zu überwinden, wo es galt, einen hohen Mut und Seelenstärke an den Tag zu legen. Es kam etwas Nüchternes und Vernünftiges in ihr Leben hinein. Alexander Petrowitsch stellte allerhand Versuche und Prüfungen mit ihnen an, und sorgte dafür, daß ihnen bald durch sie selbst, bald seitens ihrer eigenen Kameraden schwere Kränkungen widerfuhren; als sie es aber merkten, wurden sie noch vorsichtiger. Der Erfolg dieses Lehrganges war nicht sehr bedeutend. Die wenigen Jünglinge jedoch, die ihn vollständig absolvierten, waren abgehärtete Männer geworden, die gewissermaßen im Pulverdampf gestanden hatten. Im Dienste wußten sie sich auf dem exponiertesten Posten zu halten, während viele, die weit klüger waren, als sie, es nicht lange aushielten, wegen kleiner persönlicher Unannehmlichkeiten den Dienst quittierten oder, ahnungslos wie sie waren, in die Hände von Gaunern und Erpressern gerieten. Dagegen verharrten die Zöglinge des Alexander Petrowitsch nicht nur fest auf ihren Posten, sondern verstanden es auch, gereift durch Menschen- und Seelenkenntnis, einen hohen sittlichen Einfluß noch auf die schlechten und unehrlichen Menschen auszuüben.

4. In dem von Tschishow herausgegebenen Text der »Toten Seelen« findet sich folgende Variante dieser Stelle:

»An die Stelle Alexander Petrowitschs trat ein gewisser Fjodor Iwanowitsch, ein gutmütiger und eifriger Mann, der jedoch eine ganz andre Ansicht vertrat als jener. In dem freien Sichgehenlassen der Kinder der oberen Klasse witterte er etwas wie Unerzogenheit und Zügellosigkeit. Daher ging er sogleich daran, allerlei äußere Vorschriften und Regeln aufzustellen, er verlangte, daß die jungen Leute während der Stunde die äußerste Stille bewahren und niemals anders als paarweise spazieren gehen sollten; ja er wollte sogar die Distanz zwischen zwei Paaren mit dem Metermaße abmessen. Die Schüler mußten, des schöneren Anblicks wegen, nach der Größe und nicht nach ihren Fähigkeiten auf den Schulbänken Platz nehmen, so daß die Dummen die fettesten Bissen erhielten und -- die Klugen sich mit den Knochen begnügen mußten. Dies erregte Unzufriedenheit, und alles murrte laut, als der neue Direktor wie mit Absicht im Gegensatz zu seinem Vorgänger erklärte, daß er keinen Wert auf die Begabung und die Fortschritte der Schüler in den Wissenschaften lege, vor allem auf ein gutes Betragen sehe, und daß er einen Knaben, der schlecht lerne, aber ein gutes Betragen habe, noch immer einem gescheiten Schlingel vorziehe. Aber gerade das, wonach er so eifrig strebte, sollte Fjodor Iwanowitsch nicht erreichen.«

5. Variante der andern Fassung.

Unterdessen aber wartete seiner ein andres Schauspiel. Das ganze Gut hatte von der Ankunft erfahren und sich vor der Freitreppe des herrschaftlichen Hauses versammelt. Bauernkittel, Bärte von jeder nur möglichen Form: spatenförmige, schaufelförmige, keilförmige, rote, blonde, silberweiße ... bedeckten den Platz. Die Bauern schrieen aus voller Kehle: »Bist du endlich da Väterchen? Wir haben so lange auf dich gewartet!« Unter den etwas ferner stehenden kam es zu einer Prügelei, weil jeder sich in die vorderen Reihen durchdrängen wollte. Ein altes, welkes Mütterchen, das wie eine getrocknete Birne aussah, wand sich zwischen den Beinen der andern durch, ging auf ihn zu, schlug die Hände zusammen und quiekte: »Du mein liebes Rotznäschen! Nein, wie mager du bist. Die verfluchten Deutschen haben dich, scheint's, halbtot gequält!« -- »Fort mit dir, Alte!« riefen ihr all die Schaufel-, Spaten- und Spitzbärtigen zu: »drängt sich da vor, das krumme Gestell!« Einer von ihnen ließ hier noch ein Wörtchen folgen, bei dem nur ein russischer Bauer sich das Lachen verbeißen kann. Der Herr aber hielt es nicht aus und lachte laut auf, und doch war er gerührt bis in die tiefste Seele. »So viel Liebe! Und wofür nur?« dachte er. »Dafür, daß ich sie nie gesehen, mich nie um sie gekümmert habe! Von heut ab aber geb ich euch das Versprechen, eure Mühen und Arbeiten mit euch zu teilen! Ich will all meine Kräfte anspannen und euch helfen, das zu werden, was ihr sein solltet, wozu euch eure eigenste gute und prächtige Natur bestimmt hat, -- eure Liebe zu mir soll nicht vergeblich gewesen sein, ich will euer wahrhafter Vater werden!«

Und Tentennikow ging ganz ernstlich an die Verwaltung und Bewirtschaftung des Gutes. Er sah sofort, daß sein Verwalter wirklich ein altes Weib und ein Narr war mit allen schlechten Eigenschaften eines Verwalters; d. h. er führte zwar sorgfältig Rechnung über Hühner und Eier, über Hanf und Leinwand, welche von den Bauernfrauen geliefert wurden, aber er hatte keine Ahnung von der Getreideernte und Aussaat, und zu alledem war er sehr argwöhnisch und fürchtete sich vor jedem Bauern, weil er glaubte, er stelle ihm nach dem Leben. Tentennikow jagte den dummen Verwalter davon und nahm sich einen andern, einen energischen, forschen Mann; er ging über die nebensächlichen Dinge hinweg und richtete sein Augenmerk auf das Wesentliche, er setzte den Erbzins herab, verringerte die Fronarbeit, ließ den Bauern mehr Zeit, für sich selbst zu arbeiten, und glaubte, nun würde alles ganz vortrefflich weitergehen. Er interessierte sich für alles, erschien selbst auf den Feldern, auf der Tenne, auf der Korndarre, in den Mühlen, am Landungsplatz und war beim Laden und bei der Abfertigung der Barken und Kähne zugegen.

»Ja, ja, der ist schnellfüßig!« sagten die Bauern und kratzten sich hinter den Ohren, denn sie waren bei dem langen Weiberregiment des früheren Verwalters allesamt in Trägheit und Müßiggang verfallen. Aber das dauerte nicht lange.

6. Variante der andern Fassung.

Bisweilen sieht wohl ein Mensch etwas Ähnliches im Traume und dann träumt er sein ganzes Leben lang davon, (die Wirklichkeit versinkt ihm für alle Zeiten) und er ist zu nichts mehr zu brauchen. Ihr Name war Ulinka. Sie hatte eine merkwürdige Erziehung genossen. Sie war von einer englischen Gouvernante erzogen worden, die kein Wort Russisch verstand. Ihre Mutter war schon früh gestorben, und ihr Vater hatte keine Zeit, sich viel um sie zu kümmern. Übrigens konnte es bei seiner unsinnigen Liebe zu seiner Tochter nicht anders kommen, als daß er sie verwöhnte. Es ist außerordentlich schwer ein Bild von ihr zu geben. Sie hatte etwas Lebendiges wie das Leben selbst. Sie war eigentlich mehr lieblich als schön und gütig als klug; sie war schlanker und ätherischer als ein klassisches Frauenbildnis. Man hätte unmöglich sagen können, welches Land ihr seinen Stempel aufgedrückt habe, denn man hätte nicht so leicht ein ähnliches Profil und ähnliche Gesichtszüge finden können, es sei denn auf antiken Kameen. Da sie in voller Freiheit aufgewachsen war, war alles an ihr eigenartig und urwüchsig. Wenn jemand gesehen hätte, wie ein plötzlicher Zorn strenge Falten in ihre herrliche Stirne grub, und wie sie sich leidenschaftlich mit ihrem Vater stritt, er hätte glauben können, dies sei das launischste Geschöpf von der Welt. Aber sie wurde nur dann zornig, wenn sie davon hörte, daß ein anderer ungerecht oder grausam behandelt worden war. Wie schnell jedoch wäre dieser Zorn verschwunden, wenn sie denselben Menschen, dem sie zürnte, im Unglück gesehen hätte. Wie hätte sie ihm da ihren Geldbeutel zugeworfen, ohne darüber nachzudenken, ob dies klug oder dumm sei, wie hätte sie ihr Kleid in Stücke gerissen, um ihn zu verbinden, wenn er verwundet gewesen wäre.

7. Variante der andern Fassung.

»O nein, Exzellenz,« fiel hier Tschitschikow ein, indem er sich an Ulinka wandte. »Als Christen müssen wir gerade solche Menschen lieben.« Und er fuhr gleich darauf mit einem verschmitzten Lächeln zum General gewendet fort: »Kennen Sie vielleicht die Geschichte, Exzellenz: Lieb' uns so schwarz, wie wir sind, wenn wir weiß und sauber sind, wird uns jeder lieb haben.«

»Nein, ich kenne sie nicht.«

»Oh, das ist eine sehr verzwickte Geschichte,« sprach Tschitschikow noch immer verschmitzt lächelnd. »Auf dem Gute des Fürsten Guksowski, den Eure Exzellenz sicherlich kennen ...«

»Nein, ich habe nicht das Vergnügen.«

»Lebte einmal ein Verwalter, ein junger Deutscher, Exzellenz. Eines Tages mußte er wegen der Rekrutenaushebung usw. nach der Stadt fahren. Natürlich mußten die Richter tüchtig geschmiert werden. Übrigens gewannen sie ihn gleichfalls lieb und nahmen ihn sehr freundlich auf. Einmal war er bei ihnen zum Mittag eingeladen, und da sagte er denn unter anderem: >Nun, meine Herren? Wollen Sie _mir_ nicht auch einmal die Ehre geben und mich auf dem Gute des Fürsten besuchen?< >Gern<, sagen sie. >Wir kommen<. Kurze Zeit darauf hatte das Gericht auf einem der Güter des Grafen Trechmetjew eine Untersuchung vorzunehmen. Eure Exzellenz kennen doch wohl den Grafen ...?«

»Nein, ich habe nicht die Ehre.«

»Die Untersuchung selbst fand nun freilich nicht statt, dafür aber kehrten sie im Wirtschaftsgebäude, beim alten gräflichen Ökonomen ein, und da wurden dann drei Tage und drei Nächte lang ununterbrochen Karten gespielt. Die Teemaschine und der Punsch wurden natürlich überhaupt nicht abgetragen. Bald war es dem Alten indessen zu viel, und, um sie los zu werden, sagte er zu ihnen: >Warum sucht ihr denn nicht diesen Deutschen, den Verwalter des Fürsten, auf? Er wohnt ja gar nicht weit von hier.< -- >Ei, das ist eine Idee,< schreien sie, setzen sich halbbetrunken, unrasiert und verschlafen wie sie sind in ihre Wagen, und fort geht es zu dem Deutschen. -- Dieser aber hatte sich gerade verheiratet, Exzellenz: mit einem jungen subtilen Fräulein aus einem Pensionat (Tschitschikow versuchte die Subtilität mimisch auszudrücken). Sie saßen gerade zusammen beim Tee und dachten an nichts Schlimmes -- da öffnet sich plötzlich die Tür -- und die ganze Gesellschaft stürmt herein.«

»Ich kann mir die Situation denken -- die sind mir aber auch gut!« bemerkte der General.

»Der Verwalter war ganz erschrocken und sagt: >Was wünschen Sie?<

>He!< rufen sie. >Bist du so einer?< Und bei diesen Worten veränderten sich plötzlich ihre Gesichter und ihre Mienen. >Wir kommen in einer offiziellen Angelegenheit. Wieviel Schnaps brennt ihr hier auf dem Gute! Her mit den Kassenbüchern!< Der versucht Einwände zu machen. >Hollah. Wo sind die Zeugen!< Sie lassen ihn packen, schleppen ihn gebunden in die Stadt, und der brave Deutsche muß anderthalb Jahr in der Untersuchungshaft schmachten.«

»Schöne Geschichte!« sagte der General.

Ulinka schlug vor Schreck die Hände zusammen.

»Seine Frau suchte sich überall für ihn zu verwenden,« fuhr Tschitschikow fort. »Aber was kann eine junge, unerfahrene Frau ausrichten? Noch gut, daß sich ein paar brave Leute fanden, die ihr den Rat gaben, die Sache auf dem Wege des Vergleichs aus der Welt zu schaffen. So kam er denn schließlich mit zweitausend Rubeln und einem Mittagessen davon. Während dieses Mittagessens nun, als alle bereits ein wenig angeheitert waren, und er gleichfalls, sagen sie plötzlich zu ihm: >Schämtest du dich denn gar nicht, uns so zu behandeln? Du wolltest uns durchaus geschniegelt und gebügelt, rasiert und im Frack vor dir sehen: Nein Verehrtester, lieb uns so schwarz wie wir sind, wenn wir weiß und sauber sind, wird uns jeder lieb haben.<«

Der General lachte laut auf. Ulinka seufzte schmerzlich.

»Ich verstehe nicht, wie Sie lachen können, Papa!« sagte sie schnell, und edler Zorn verdunkelte ihre herrliche Stirn ... »So eine gemeine Handlung, für die man sie, ich weiß nicht wohin, schicken sollte ...«

»Liebes Kind, ich verteidige sie ja gar nicht,« sagte der General, »aber was soll ich machen, wenn ich es so lächerlich finde. Wie sagten Sie gleich: Liebe uns so weiß wie ...«

»So schwarz ... Exzellenz,« verbesserte ihn Tschitschikow.

»Lieb uns so schwarz wie wir sind, wenn wir weiß sind, wird uns jeder lieb haben. Ha, ha, ha, ha ...« Und der ganze Körper des Generals schüttelte sich vor Lachen. Die Schultern, welche einstmals Achselklappen getragen hatten, bebten, als ob sie auch noch heute mit Achselklappen geschmückt wären.

Tschitschikow lachte gleichfalls kurz auf, stimmte sein Gelächter jedoch aus Achtung vor dem General mehr auf den Laut e ab: »he, he, he, he.« Und sein Körper begann sich gleichfalls vor Lachen zu schütteln, nur seine Schultern bebten nicht, denn sie trugen keine dicken Achselklappen.

»Dieser unrasierte Gerichtshof mag schön ausgesehen haben!« rief der General aus und fuhr fort zu lachen.

»Ja, Exzellenz, ein drei Tage langes Wachen ohne Schlaf -- -- das ist so gut wie gefastet: sie sahen sehr mitgenommen aus, sehr mitgenommen!« sagte Tschitschikow und fuhr fort, zu lachen.

8. Variante der andern Fassung.

»Ich errichte auch keine besonderen Gebäude zu diesem Zwecke. Ich besitze keine großartigen Prachtbauten mit Säulen und Giebeln, ich verschreibe mir keine Meister und Handwerker aus dem Auslande, vor allem aber würde ich nie einen Bauern seiner natürlichen Tätigkeit: der Landwirtschaft entziehen; in meinen Fabriken wird nur während einer Hungersnot gearbeitet, und auch dann beschäftige ich nur zugewanderte Arbeiter, die sich damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Ich habe eine ganze Menge solcher Fabriken, Verehrtester. Jedermann sollte sich erst einmal genauer auf seinem Gute umsehen, dann würde er bemerken, daß sich jeder Lappen noch zu was verwenden läßt, und daß man aus jedem Plunder noch einen Gewinn herausschlagen kann, so daß man ihn schließlich sogar wegwirft und sagt: »Fort damit! Ich brauche dich nicht!«

»Das ist wirklich erstaunlich!« sagte Tschitschikow ganz ergriffen. »Im höchsten Grade erstaunlich! Das wunderbarste aber ist, daß jeglicher Plunder noch Gewinn bringen kann!«

»Hm! Das ist es nicht allein!« Skudronshoglo schloß seine Rede nicht: die Galle hatte sich in ihm angesammelt, und er mußte seinen Zorn an seinen Gutsnachbarn auslassen. »Da ist noch so ein gescheiter Kopf! -- Was denken Sie wohl, was der für ein Gebäude errichtet hat. Ein Asyl für Arme; einen steinernen Palast -- auf dem Lande! Ein christliches Werk! Wenn der Mensch sich durchaus nützlich machen und hilfsbereit erweisen will, dann mag er doch dem Bauern helfen, seine Schuldigkeit zu tun und ihn nicht daran hindern, seine Pflicht als Christenmensch zu erfüllen. Hilf dem Sohne, seinen kranken Vater pflegen, und laß es nicht zu, daß er sich ihn vom Leibe schafft. Verhilf ihm dazu, daß er seinen Bruder und seinen Nächsten bei sich im Hause aufnehmen kann, gib ihm die Mittel dazu, unterstütze ihn aus allen Kräften, und ziehe dich nicht von ihm zurück, sonst wird er seine christlichen Pflichten vollkommen vergessen. Wohin man blickt, lauter Don Quixotes! _Zweihundert Rubel_ jährlich kommt _ein_ Mensch dem Armenhause zu stehen! Mit diesem Gelde will ich auf meinem Gute ganze _zehn_ Menschen ernähren!« Skudronshoglo war sehr zornig und spie vor Wut aus.

Tschitschikow interessierte sich nicht für das Armenhaus: er wollte durchaus die Rede darauf bringen, daß jeder Plunder Gewinn bringen kann. Aber Skudronshoglo war sehr zornig, die Galle regte sich lebhaft in ihm, und seine Rede strömte unaufhaltsam fort.

»Und dann gibt es da noch einen andern Don Quixote: einen Don Quixote der Aufklärung! Der baut überall Schulen! In der Tat, gibt es etwas Nützlicheres für den Menschen als die Kenntnis der Sprache und Schrift? Was aber macht _er_? Jetzt kommen die Bauern aus den Dörfern und klagen mir: >Was sind denn das für Zustände, Väterchen! Unsere Söhne sind ganz aufsässig geworden, sie wollen uns gar nicht mehr bei der Arbeit helfen, wollen alle Schreiber werden -- man braucht aber doch gar nicht so viele Schreiber -- einer ist schon genug!< So weit ist es also schon gekommen!«

Tschitschikow interessierte sich auch nicht für die Schulen, jedoch Platonow griff diese Frage auf und bemerkte: »Dabei kann man aber doch nicht stehen bleiben, daß wir _jetzt_ keine Schreiber brauchen. Wir müssen auch an unsere Nachkommen denken.«