Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I
Part 35
»Er hat mir gesagt, ich sei ein unnützer Mensch und tauge nicht für meinen Posten: und doch habe ich meine Kollegen noch nie denunziert. Andere Staatsanwälte schreiben jede Woche Denunziationen, ich habe doch unter jedes Aktenstück mein »Gelesen« gesetzt, selbst in solchen Fällen, wo es eigentlich meine Pflicht gewesen wäre, über die Kollegen Bericht zu erstatten. -- Ich habe auch nie eine Sache absichtlich in die Länge gezogen.«
Der Staatsanwalt war ganz zerknirscht.
»Nun und was sagt er über Tschitschikow?« fragte der Präsident.
»Was er gesagt hat? Er hat uns alle alte Weiber und Schafsköpfe genannt.«
Der Präsident wurde nachdenklich. Doch in diesem Augenblick kam eine dritte Kutsche angefahren: es war der Vize-Gouverneur.
»Meine Herren! Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß wir auf der Hut sein müssen. Man sagt, unsere Provinz soll wirklich einen Generalgouverneur erhalten.« Der Präsident und der Staatsanwalt rissen den Mund auf, und der Gerichtspräsident dachte sich: »Der kommt auch gerade zur rechten Zeit, um die Suppe auszuessen, die wir hier eingebrockt haben, und für die sich der Teufel selbst bedanken würde. Wenn der erfährt, was für eine Unordnung in der Stadt herrscht!«
»Schlag auf Schlag!« dachte der Staatsanwalt, der ganz geknickt dastand.
»Und wissen Sie nichts darüber, wer zum Generalgouverneur ernannt werden soll, was er für ein Mensch ist, und was für einen Charakter er hat?«
»Davon ist noch nichts bekannt,« sagte der Vizegouverneur.
In diesem Moment kam der Postmeister in einer Droschke angefahren.
»Meine Herren! Ich gratuliere Ihnen zum neuen Generalgouverneur.«
»Wir wissen schon, wir wissen schon, aber es ist doch noch gar nichts bekannt,« versetzte der Vizegouverneur.
»O, nein, man weiß schon, wer es ist,« erwiderte der Postmeister: »Fürst Odnosorowski-Tschementinski.«
»Nun und was spricht man von ihm?«
»Er soll ein sehr strenger Herr sein,« sagte der Postmeister, »ein sehr weitsichtiger Mann von sehr starkem Charakter. Er soll früher bei irgend einer staatlichen Baukommission gewesen sein, verstehen Sie wohl. Da seien einmal kleine Unregelmäßigkeiten vorgekommen. Nun, was denken Sie wohl Verehrtester, er hat alle miteinander zerschmettert, er hat sie ganz zu Staub zermalmt, sodaß überhaupt nichts mehr von ihnen übrig blieb, sehen Sie wohl.«
»Hier in der Stadt sind doch aber die strengen Maßregeln garnicht am Platze.«
»O je, das ist ein gelehrtes Haus! lieber Herr! Ein Mensch von kolossalen Dimensionen!« fuhr der Postmeister fort. »Einmal passierte was ....«
»Aber meine Herren,« sagte der Postmeister, »wir reden hier ganz offen auf der Straße in Gegenwart unserer Kutscher. Fahren wir doch lieber zu ...«
Erst jetzt kamen die Herren wieder zu sich. Auf der Straße hatten sich nämlich schon mehrere Zuschauer angesammelt, welche dastanden und die vier Herren, die sich von ihren Droschken aus miteinander unterhielten, angafften. Die Kutscher spornten ihre Pferde an und die vier Droschken fuhren eine hinter der andern zum Gerichtspräsidenten.
»Daß uns der Teufel diesen Tschitschikow auch gerade im ungünstigsten Augenblick hierher senden mußte!« dachte der Präsident, während er im Vorzimmer seinen bis oben mit Dreck bespritzten Pelz auszog.
»Mir wirbelt alles im Kopfe herum,« sagte der Staatsanwalt und legte gleichfalls den Pelz ab.
»Aus dieser Sache werde ich nicht klug,« sprach der Vizegouverneur, indem er sich seines Pelzes entledigte.
Der Postmeister sagte gar nichts und begnügte sich damit, seinen Pelz abzulegen.
Man trat ins Zimmer, wo sofort ein kleiner Imbiß hereingetragen wurde. Die Provinzialbehörden können nun mal nicht ohne solch einen Imbiß auskommen, und wenn sich zwei Beamte in einer Provinz zusammenfinden, so stellt sich der Imbiß ganz von selbst als dritter im Bunde ein.
Der Gerichtspräsident trat an den Tisch, goß sich ein Gläschen bitteren Wermuth ein und sagte: »Schlagt mich tot, ich weiß nicht, wer dieser Tschitschikow ist.«
»Ich noch weniger,« versetzte der Staatsanwalt. »Eine so verwickelte Affäre ist mir in meiner ganzen Praxis noch nicht vorgekommen, ich habe wirklich nicht den Mut, die Sache in die Hand zu nehmen.«
»Und doch! trotzalledem. Was der Mensch für einen weltmännischen Schliff besitzt!« meinte der Postmeister, indem er sich erst einen dunklen Likör einschenkte, ein paar Tropfen von einem rosafarbenen hinzugoß und beide miteinander mischte: »Er war sicher in Paris. Ich glaube bestimmt, er ist etwas Ähnliches, wie ein Diplomat gewesen.«
In diesem Augenblick betrat der Polizeimeister das Zimmer, der allbekannte und so hoch verehrte Wohltäter der Stadt, der Abgott der Kaufmannschaft und berühmte Künstler und Arrangeur opulenter Diners, Soupers und sonstiger Festivitäten.
»Meine Herren,« rief er aus, »ich habe nicht das Geringste über Tschitschikow erfahren können. Ich konnte doch nicht in seinen eigenen Papieren herumstöbern: er verläßt ja auch sein Zimmer garnicht mehr, und scheint krank zu sein. Ich habe mich auch bei seinen Leuten erkundigt. Seinen Bedienten Petruschka und den Kutscher Seliphan ausgefragt. Der erste war ein wenig betrunken, übrigens scheint er sich immer in solch einem Zustande zu befinden.« Bei diesen Worten trat der Polizeimeister an das Anrichtetischchen und bereitete sich eine Mischung aus drei Likören. »Petruschka behauptet, sein Herr hätte mit allerhand Leuten zu tun gehabt, ich glaube, es sind lauter ehrenwerte Männer, die er nannte, so z. B. Perekrojewski ..... er führte dann noch eine Reihe von Gutsbesitzern an -- alles Kollegienräte oder sogar Staatsräte. Der Kutscher Seliphan erzählt, alle hätten ihn für einen gescheiten Mann gehalten, weil er sich im Dienste vortrefflich bewährt und ausgezeichnet habe. Er habe im Zollamt gedient und hätte in irgend einer staatlichen Baukommission gesessen! Was das für eine Kommission gewesen sei, das konnte er mir jedoch nicht sagen. Er habe drei Pferde: »Eins hätten sie vor drei Jahren gekauft, den Schecken hätten sie gegen ein anderes von gleicher Farbe umgetauscht und das dritte hätten sie gleichfalls gekauft .....« sagte er. Er erklärt ganz bestimmt, Tschitschikow heiße wirklich Pawel Iwanowitsch und sei Kollegienrat.«
Alle Beamten versanken in tiefes Sinnen.
»Ein anständiger Mensch, und dazu noch Kollegienrat!« dachte der Staatsanwalt, »und entschließt sich zu einer solchen Sache! Will die Tochter des Gouverneurs entführen, kommt auf die wahnsinnige Idee, tote Seelen zu kaufen und in tiefer Nacht alte Scharteken von Gutsbesitzerinnen aus dem Schlafe zu stören -- das schickt sich wohl für einen Husarenleutnant, aber doch nicht für einen Kollegienrat!«
»Wenn er Kollegienrat ist, wie kann er sich denn dann zu einer so verbrecherischen Handlung, zur Fälschung von Banknoten, entschließen,« dachte der Vizegouverneur, der selbst auch Kollegienrat war, die Flöte spielte und in seinem Innern weit mehr zu den schönen Künsten als zum Verbrechen neigte.
»Sagen Sie, was Sie wollen, meine Herren, aber wir müssen dieser Sache ein Ende machen! Komme was da wolle! Denken Sie doch, wenn der Generalgouverneur erscheint und dahinter kommt, daß bei uns weiß der Teufel was los ist!«
»Und wie denken Sie, daß wir handeln müssen?«
Der Polizeimeister versetzte: »Ich glaube wir müssen entschlossen vorgehen.«
»Wie meinen Sie das: entschlossen?« wandte der Präsident ein.
»Wir müssen ihn verhaften lassen, als einen Menschen, der sich verdächtig gemacht hat.«
»Ja aber wie? wenn er statt dessen _uns_ als verdächtige Individuen verhaften läßt?«
»Waaas?«
»Nun, ich meine, wenn er etwa hierhergesandt worden ist und geheime Vollmachten hat! Tote Seelen? Hm! Wenn das nur kein Vorwand ist, daß er sie kauft, ein Vorwand, um etwas über jene Toten zu erfahren, die, wie es im Bericht heißt, >aus unbekannten Ursachen< verstorben sind.«
Diese Worte ließen alle verstummen. Der Staatsanwalt war aufs äußerste überrascht. Auch der Präsident, der sie selbst ausgesprochen hatte, wurde nachdenklich. Beiden ...
»Also meine Herren, was sollen wir tun?« sagte der Polizeimeister, der Wohltäter der Stadt und der Liebling der Kaufleute, indem er die wunderbare Mischung aus dem süßen und bitteren Likör hinabstürzte und einen Bissen in den Mund steckte.
Ein Diener brachte eine Flasche Madeira und einige Weingläser herein.
»Ich weiß wirklich nicht, was wir anfangen sollen?« sagte der Präsident.
»Meine Herren,« erklärte hier der Postmeister, nachdem er ein Glas Madeira hinabgegossen und ein Stück holländischen Käse mit Butter nebst einem Bissen Stör verschlungen hatte, »ich bin der Meinung, daß wir diese Sache gründlich untersuchen müssen, wir müssen sie gründlich durchforschen und gemeinsam _in corpore_ beraten, d. h. wir sollten alle zusammenkommen wie im englischen Parlament, verstehen Sie wohl, um den Gegenstand zu ergründen, damit er uns in all seinen feinsten Details deutlich und durchsichtig wird, verstehen Sie?«
»Meinetwegen wollen wir uns irgendwo versammeln,« sagte der Polizeimeister.
»Ja, wir wollen uns versammeln,« fiel der Präsident ein, »und gemeinsam entscheiden, wer dieser Tschitschikow ist.«
»Ja, das wird das vernünftigste sein -- wir müssen entscheiden, wer Tschitschikow ist.«
»Wir wollen jeden um seine Meinung fragen, und dann entscheiden, wer Tschitschikow ist.«
Bei diesen Worten verspürten alle zugleich eine unbändige Lust nach ein paar Flaschen Champagner. Man trennte sich, höchst befriedigt darüber, daß das Komitee alles aufklären und den sicheren Beweis erbringen werde, wer eigentlich Tschitschikow war.
IV.
A. Die Geschichte vom Hauptmann Kopeikin. (Nach einer der ersten Fassungen.)