Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I
Part 34
Wie schön wäre es zum Beispiel, wenn auch nur _einer_ von jenen Leuten, deren Kenntnisse so groß, deren Lebenserfahrung so reich ist, und die den Kreis von Menschen, die ich beschrieben habe, genau kennen, seine Anmerkungen zu dem ganzen Buche niederschreiben und _gar nicht anders_ an die Lektüre gehen wollte, als mit einer Feder in der Hand und einem Stück Papier, das er vor sich auf dem Tische liegen hat. Wie schön wäre es, wenn er jedesmal, nachdem er einige Seiten gelesen hat, sich an sein ganzes Leben und das aller der Menschen, denen er auf seinem Wege begegnet ist, an alle Ereignisse, die sich vor seinen Augen abspielten, und auch an alles das erinnern wollte, was er selbst sah oder hörte, ob es nun Ähnlichkeit mit den Begebenheiten hat, die in meinem Buche geschildert sind, oder ihnen gerade entgegengesetzt ist -- und wenn er dann alles genau so beschriebe, wie es sich in seiner Erinnerung darstellt und mir hierauf jedes vollgeschriebene Blatt zusenden würde, bis er auf diese Weise das ganze Buch zu Ende gelesen hätte. Welch einen großen wahrhaften Dienst würde er mir damit erweisen. Der Stil und die Schönheit des Ausdrucks brauchen ihm hierbei keine Sorge zu machen: hier handelt es sich nur um die Sache selbst und um ihre Wahrheit und nicht um den Stil. Auch braucht er sich nicht zu zieren, wenn er mich tadeln, oder mir einen Vorwurf machen, oder mich auf eine Gefahr und auf den Schaden hinweisen wollte, den ich durch die falsche und unüberlegte Darstellung einer Sache gestiftet habe, wo doch nur Nutzen und Besserung meine wahre Absicht war. Für all dieses wäre ich ihm von Herzen dankbar.
Ferner wäre es sehr gut, wenn sich ein Mensch aus dem höheren Stande finden würde, welcher durch alles -- durch das Leben selbst und durch seine Bildung -- jenen Kreisen fernsteht, die in meinem Buche geschildert sind, der aber das Leben des Standes kennt, zu dem er selbst gehört, und wenn ein solcher Mensch sich entschließen könnte, mein Buch auf die gleiche Weise von Anfang an zu lesen, alle Menschen der höheren Stände an seinem geistigen Auge vorüber ziehen zu lassen und streng darauf zu achten, ob es nicht doch etwas Gemeinsames zwischen allen Ständen gibt, ob sich nicht doch zuweilen in den höheren Kreisen dasselbe wiederholt, was in den niederen Sphären zu geschehen pflegt? Und wenn er nun alles, was ihm hierüber einfällt, das heißt also jedes Vorkommnis aus den höheren Gesellschaftskreisen, das zur Bestätigung oder Widerlegung dieses Gedankens dienen kann, ganz so schildern wollte, wie es sich vor seinen Augen abspielte, ohne die Menschen selbst mit ihren Sitten, Neigungen und Gewohnheiten zu vergessen oder die seelenlosen Sachen, die sie umgeben, zu übergehen, von der Kleidung bis hinab zu den Möbeln und den Mauern der Häuser, die sie bewohnen. Ich _muß_ diesen Stand kennen, der die Blüte der Nation repräsentiert. Ich kann die letzten Bände meines Werkes nicht in die Welt hinausgehen lassen, bevor ich das Leben Rußlands nach all seinen Seiten kennen gelernt habe, wenigstens in dem Maße, als dies für mein Werk notwendig ist.
Auch wäre es nicht schlecht, wenn irgend jemand, der mit einer reichen Phantasie und der Fähigkeit ausgestattet ist, sich alle möglichen menschlichen Verhältnisse recht lebhaft vorzustellen, und die Menschen in Gedanken auf Schritt und Tritt in allen Lebenslagen zu begleiten -- mit einem Wort, wenn jemand der es versteht, sich in den Geist eines jeden Autors, den er liest, hinein zu versetzen oder seine Ideen weiter zu führen und zu entfalten -- jede Person, die ich in meinem Buche auftreten lasse, aufmerksam verfolgen und mir dann sagen wollte, wie sie sich in diesem oder jenem Falle verhalten muß, was ihr, nach dem Anfang zu schließen, im weiteren Verlauf der Erzählung zustoßen müßte, was für neue Situationen sich hieraus ergeben könnten, und was ich wohl noch zu meiner Beschreibung hinzufügen sollte; ich würde nämlich dies alles sorgsam berücksichtigen bis zu der Zeit, wo mein Buch in einer neuen, besseren und würdigeren Ausgabe vor den Leser treten wird.
Um eines noch möchte ich den, der mich durch seine Anmerkungen erfreuen will, herzlichst bitten: wenn er sie niederschreibt, soll er nicht daran denken, daß er sie für einen Menschen schreibt, der ihm an Bildung gleich steht, der denselben Geschmack und dieselben Gedanken hat, wie er selbst, und vieles auch ohne weitere Erklärungen verstehen wird; vielmehr bitte ich ihn, so zu tun, als ob er einen Menschen vor sich hat, der sich in bezug auf Bildung nicht mit ihm messen kann, und der fast gar nichts gelernt hat. Es wäre vielleicht noch besser, wenn er sich an meiner Statt irgend einen Wilden vorstellen würde, der sein ganzes Leben in einem entlegenen Dorfe verbracht hat, dem man jede kleinste Einzelheit umständlich erklären muß, wenn er sie verstehen soll, und dem gegenüber man sich der einfachsten Ausdrucksweise befleißigen muß, fast wie vor einem Kinde, um nur ja kein Wort zu gebrauchen, das über seinen Horizont geht. Wenn jeder das stets im Auge behalten wird, wenn jeder von denen, die dazu bereit sind, ihre Bemerkungen zu meinem Buche niederzuschreiben, das stets im Auge behält, dann werden diese Anmerkungen noch weit interessanter werden und noch mehr an Wert gewinnen, als er es selbst glaubt; mir aber wird er einen großen und wahrhaften Dienst erweisen.
Wenn es sich also so fügen sollte, daß meine Leser meinen Herzenswunsch berücksichtigen und erfüllen, und wenn sich unter ihnen wirklich ein paar Menschen von so gutem Herzen finden sollten, die bereit wären, meine Bitte zu erfüllen, dann können sie mir ihre Anmerkungen auf folgendem Wege übersenden: sie mögen ein an mich adressiertes Paket in ein andres Paket einpacken und dieses an eine der hier nambar gemachten Personen schicken: entweder an den Rektor der St. Petersburger Universität Seine Exzellenz Peter Alexandrowitsch Pletnew (zu adressieren an die Universität von St. Petersburg) oder an den Professor der Moskauer Universität S. H. Stepan Petrowitsch Schewyrew (zu adressieren an die Universität Moskau) je nachdem, welche Stadt dem Absender näher liegt.
Zuletzt spreche ich noch allen Journalisten und Literaten überhaupt, meinen aufrichtigen Dank aus für die Rezensionen und Besprechungen, welche sie meinem Buche angedeihen ließen; sie haben meinem Herzen und meiner Seele, trotz mancher Maßlosigkeiten und Übertreibungen, wie sie nun mal in der menschlichen Natur liegen, einen großen Vorteil und Nutzen gebracht, und daher bitte ich sie alle, mich auch diesmal mit ihrem Urteil nicht im Stiche zu lassen. Ich kann ihnen das aufrichtige Versprechen geben, daß ich alles was sie mir zu meiner Aufklärung und Belehrung zu sagen haben, mit Dank entgegennehmen werde.
II. Reflexionen, die sich auf den ersten Teil beziehen.
Die Idee einer Stadt -- äußerster Grad von Hohlheit des in ihr herrschenden Treibens. Klatschereien und Zwischenträgereien, die alle Grenzen übersteigen. Wie dies alles aus dem Müßiggang entspringt und den höchsten Grad der Lächerlichkeit angenommen hat, und wie ganz gescheite Leute schließlich dazu kommen, die größten Dummheiten zu begehen.
Einzelheiten aus den Gesprächen der Frauen. Wie sich in die allgemeinen Klatschereien noch solche von privatem Charakter mischen, und wie hierbei keine die andere schont. Wie Gerüchte und Vermutungen entstehen. Wie diese Vermutungen den Gipfel der Lächerlichkeit erreichen. Wie alle unwillkürlich an diesen Klatschereien teilnehmen, und wie Pantoffelhelden und Weiberknechte entstehen.
Wie die Hohlheit, die Ohnmacht und Tatenlosigkeit des Lebens abgelöst werden durch einen trüben, nichtssagenden Tod. Wie sinnlos dieses furchtbare Ereignis eintritt und vorübergeht. Nichts bewegt sich. Der Tod überrascht dieses völlig unbewegte Leben. Dem Leser muß jedoch die tote Gefühllosigkeit des Lebens dadurch noch furchtbarer erscheinen.
Die entsetzliche Dämmerung des Lebens zieht vorüber, darin liegt ein tiefes Mysterium verborgen. Ist das nicht etwas ganz Furchtbares? Dieses sich aufbäumende rebellierende müßige Leben -- ist es nicht eine Erscheinung von furchtbarer Größe? ... Leben! ... Im Ballkostüm, im Frack, da, wo man klatscht und Visitenkarten wechselt -- da glaubt keiner an den Tod ....
_Einzelheiten._ Die Damen zanken sich gerade deswegen, weil die eine haben möchte, daß Tschitschikow dies sei, während die andere wünscht, daß er etwas anders sei -- und daher merken sie sich nur die Gerüchte, die zu ihrer Idee von ihm passen.
Andere Damen erscheinen auf der Bildfläche.
Die in jeder Beziehung angenehme Dame hat einen Hang zur Sinnlichkeit und liebt davon zu erzählen, wie sie diesen Hang zuweilen besiegt habe, und zwar mit Hilfe ihres Verstandes, und wie sie es immer verstanden habe, die Männer in einer gewissen Distanz zu halten. Übrigens geschah das eigentlich ganz von selbst und auf ganz unschuldige Weise. Es trat ihr nie einer zu nahe, aus dem einfachen Grunde, weil sie schon in ihrer Jugend eine große Ähnlichkeit mit einem Nachtwächter hatte, trotzdem sie so angenehm war und trotz all ihrer guten Eigenschaften. -- »Nein, meine Liebe, wissen Sie, ich liebe es, den Mann erst ein wenig anzulocken, ihn dann abzustoßen und dann _wieder_ anzulocken.« So verfährt sie auch auf dem Ball mit Tschitschikow. Die andern überlegen sich es gleichfalls, wie sie sich benehmen sollen. Die eine tritt sehr respektvoll auf. Zwei Damen fassen sich unter, gehen auf und ab und nehmen sich vor, solange als möglich zu lachen. Dann finden sie plötzlich, daß Tschitschikow keine guten Manieren hat.
Die in jeder Beziehung angenehme Dame liebt es, Beschreibungen von Bällen zu lesen. Auch die Beschreibung des Wiener Kongresses interessiert sie sehr. Ferner interessiert sich diese Dame sehr für Toiletten, d. h. sie liebt es, andre Damen daraufhin zu beobachten, ob ihnen ein Kleid gut sitzt oder nicht.
Während sie auf ihrem Stuhl sitzt, beobachtet sie die Eintretenden. »Die N. versteht sich garnicht zu kleiden, nein wirklich sie versteht es nicht. Dieses Tuch kleidet sie garnicht.« -- »Wie reizend die Tochter des Gouverneurs gekleidet ist!« -- »Aber Liebste, sie ist doch abscheulich gekleidet.« -- Und wenn es selbst so wäre -- --
Die ganze Stadt mit ihrem wilden Durcheinander von Klatschereien und Zwischenträgereien -- ist das Urbild der Tatenlosigkeit und Hohlheit des menschlichen Lebens in seiner Masse. Das Geschwätz ist in die Welt gesetzt und mit ihm alle nur möglichen Kombinationen. Die Hauptzüge der Ballgesellschaft.
Das Urbild des Gegensatzes im II. Teil, der sich mit der in sich zerrissenen und zerklüfteten Tatenlosigkeit beschäftigt.
Wie könnte man alle Welten der Tatenlosigkeit und des Müßigganges in all ihren Spielarten auf die eine Art des städtischen Müßigganges zurückführen, und wie könnte man den städtischen Müßiggang zum Urbild der Untätigkeit und des Müßigganges der ganzen Welt erheben.
Dazu müssen alle ähnlichen Züge mit eingeschlossen werden, und es muß eine gewisse Stetigkeit in die Erzählung kommen.
III. Ende des neunten Kapitels in veränderter Fassung.
Sie dachten nach und überlegten und beschlossen endlich, die Verkäufer auszufragen, mit denen Tschitschikow verhandelt, und denen er diese rätselhaften toten Seelen abgekauft hatte. Dem Staatsanwalt fiel die Aufgabe zu, zu Sabakewitsch zu gehen und mit ihm zu sprechen, und der Präsident erbot sich persönlich zu Karobotschka zu fahren. Wir wollen uns daher gleichfalls aufmachen, ihnen nachgehen und zusehen, was sie dort alles erfuhren.
Kapitel ...
Sabakewitsch lebte mit seiner Gemahlin in einem Hause, das etwas abseits von dem lauten und lärmenden Getriebe lag. Er hatte sich ein massives, solide gebautes Haus gewählt, wo ihm die Decke nicht überm Kopfe einzustürzen drohte, und in dem es sich bequem und glücklich leben ließ. Der Besitzer des Hauses war ein Kaufmann namens Kolotyrkin, auch ein sehr solider Herr. Sabakewitsch hatte nur seine Frau bei sich, seine Kinder waren nicht mitgekommen. Er fing schon an, sich zu langweilen, dachte bereits an die Abreise und wartete nur noch auf den Zins für ein Stück Land, das drei Bürger der Stadt bei ihm gepachtet hatten, um Rüben darauf zu pflanzen, sowie ferner auf ein modernes wattiertes Kleid, das seine Frau bei einen Schneider bestellt hatte, und das bald fertig sein sollte. Er wurde bereits ein wenig ungeduldig und schimpfte, während er in seinem Lehnstuhl saß, beständig auf die Gaunereien und Launen anderer Leute, wobei er an seiner Frau vorbeisah und auf die Ofenecke blickte. In einem solchen Moment trat der Staatsanwalt ins Zimmer. Sobakewitsch sagte: »Ich bitte,« indem er sich einen Augenblick erhob, um sich jedoch sogleich wieder zu setzen. Der Staatsanwalt ging auf Feodulia Iwanowna zu, küßte ihr die Hand und nahm gleichfalls auf einem Stuhle Platz. Auch Feodulia Iwanowna ließ sich auf einem Stuhle nieder, nachdem sie den Handkuß in Empfang genommen hatte. Alle drei Stühle waren mit grüner Ölfarbe angestrichen, und die Ecken waren mit gelben Wasserlilien, der rohen Malerei eines Dilettanten geziert.
»Ich bin gekommen, um über eine wichtige Angelegenheit mit Ihnen zu sprechen,« sagte der Staatsanwalt.
»Herzchen, geh doch auf dein Zimmer! Die Schneiderin wartet wahrscheinlich auf dich.«
Feodulia ging auf ihr Zimmer.
Der Staatsanwalt begann folgendermaßen: »Gestatten Sie mir eine Frage: was für Bauern haben Sie an Pawel Iwanowitsch Tschitschikow verkauft?«
»Wie meinen Sie das: was für Bauern?« sagte Sabakewitsch. »Wir haben doch einen Kaufkontrakt aufgesetzt; da steht es drin, was es für Leute waren: der eine ist Wagenbauer ...«
»In der Stadt kursieren jedoch ....« versetzte der Staatsanwalt ein wenig verlegen .... »In der Stadt kursieren Gerüchte ....«
»Es gibt eben zuviel Narren in der Stadt, von denen werden wohl die Gerüchte herstammen,« sagte Sabakewitsch ruhig.
»Nein, nein, Michael Semjonytsch, das sind so merkwürdige Gerüchte, daß einem davon ganz wirr im Kopfe wird, es heißt, es handele sich hier garnicht um Bauern, und ihre Ansiedelung, und man behauptet, dieser Tschitschikow sei eine höchst rätselhafte Persönlichkeit. Es werden höchst verdächtige Vermutungen laut, man redet so eigentümliche Dinge in der Stadt ...«
»Gestatten Sie mir bitte eine Frage: Sind Sie etwa ein altes Weib?« fragte Sabakewitsch.
Diese Frage verblüffte den Staatsanwalt aufs äußerste. Er hatte sich noch nie gefragt, ob er ein altes Weib sei, oder irgend etwas andres.
»Sie sollten sich schämen, solche Fragen zu stellen und noch damit zu mir zu kommen,« fuhr Sabakewitsch fort.
Der Staatsanwalt stammelte einige Entschuldigungen.
»Gehen Sie doch zu den alten Klatschweibern, die hinter ihrem Webstuhl sitzen und sich abends Schauergeschichten über Gespenster und Hexen erzählen. Oder wenn Ihnen mit Gottes Hilfe nichts Besseres einfallen will, dann spielen Sie doch lieber Knöchel mit den kleinen Jungen. Was kommen Sie und beunruhigen Sie einen ehrlichen Menschen? Bin ich etwa Ihr Hanswurst, wie? Sie kümmern sich zu wenig um Ihren Beruf, und denken zu wenig daran, dem Vaterland zu dienen, Ihren Nächsten nützlich zu sein und Ihre Kollegen zu schonen. Sie wollen immer der erste sein und laufen gleich hin, wenn irgend ein Esel Sie irgendwo hinschickt. Passen Sie auf, Sie werden noch einmal um nichts und wieder nichts zu Falle kommen, und elendiglich zugrunde gehn, ohne eine gute Erinnerung an sich zu hinterlassen.«
Der Staatsanwalt war ganz bestürzt und wußte absolut nicht, was er auf diese unerwartete Moralpredigt antworten sollte. Ganz beschämt und vernichtet verließ er Sabakewitsch: dieser aber rief ihm noch nach: »Pack dich zum Teufel, du Hund!«
In diesem Augenblick erschien Feodulia: »Warum ist der Staatsanwalt so plötzlich fortgegangen?« fragte sie.
»Der Kerl hat Gewissensbisse bekommen und ist weggelaufen,« versetzte Sabakewitsch. »Da hast du wieder so ein Beispiel, Herzchen. So ein alter Knabe! hat schon graue Haare und doch weiß ich, daß er noch immer den Frauen anderer Leute keine Ruhe läßt. Das ist einmal die Art dieser Menschen: sie sind eben Hundesöhne alle miteinander. Nicht genug, daß sie der lieben Erde durch ihren Müßiggang zur Last fallen, sie machen solche Sachen, daß man sie allesamt in einen Sack stecken und ins Wasser werfen sollte! Die ganze Stadt ist nichts wie eine Räuberhöhle. Wir haben hier nichts mehr zu suchen. Wir wollen nach Hause fahren.«
Frau Sabakewitsch wollte einwenden, daß ihr Kleid noch nicht fertig sei, und daß sie sich noch zu den Feiertagen ein paar Haubenbänder kaufen müsse, aber Sabakewitsch erklärte: »Das sind alles Modetorheiten, Herzchen; das nimmt noch ein schlechtes Ende.« Er befahl, alles für die Reise vorzubereiten; begab sich selbst mit einem Polizeikommissar zu den drei Bürgern der Stadt, um die Pacht für die Rüben einzukassieren; ging hierauf zu der Schneiderin, nahm ihr das unfertige Kleid, an dem noch gearbeitet wurde, weg, ganz so wie es war, mit der darinsteckenden Nadel und dem Faden, um es zu Hause fertig nähen zu lassen, und fuhr bald darauf zur Stadt hinaus. Unterwegs wiederholte er fortwährend, es sei geradezu gefährlich, in diese Stadt zu kommen, denn hier säße ja ein Schuft und Gauner auf dem andern, und da könne es einem noch leicht passieren, daß man mit ihnen in dem allgemeinen Sumpfe versinke.
Inzwischen eilte der Staatsanwalt in der höchsten Bestürzung über den Empfang, den ihm Sabakewitsch bereitet hatte, nach Hause. Er befand sich in einer solchen Verlegenheit, daß er sich nicht einmal darüber klar werden konnte, wie er dem Präsidenten das Resultat seines Besuches mitteilen sollte.
Indessen auch der Präsident hatte nur wenig zur Aufklärung der Sache beigetragen. Er fuhr zuerst in seiner Kutsche in die Stadt und geriet dabei in eine so enge und schmutzige Gasse, daß während des ganzen Weges bald das rechte, bald das linke Rad seines Wagens höher stand als das andre. So kam es, daß er erst mit seinem Kinn und dann mit dem Hinterkopf sehr heftig auf seinen Spazierstock aufstieß und seine Kleider ganz mit Kot bespritzt wurden. Quatschend und schlürfend bahnte sich der Wagen den Weg durch den Kot, bis man endlich beim Probst anlangte, wo die Insassen von lebhaftem Schweinegegrunze begrüßt wurden. Der Präsident ließ seine Kutsche halt machen und ging zu Fuß an allerhand Zimmern und Stuben vorüber nach dem Hausflur. Hier bat er sich zunächst ein Handtuch aus, um sich das Gesicht abzuwischen. Karobotschka empfing ihn ganz so wie Tschitschikow, mit demselben melancholischen Ausdruck im Gesicht. Um den Hals hatte sie etwas wie ein Flanelltuch geschlungen. In dem Zimmer schwirrten unzählige Scharen von Fliegen, und auf dem Tisch stand ein undefinierbares Gericht, das ihnen offenbar sehr widerwärtig war, an das sie sich jedoch schon gewöhnt zu haben schienen. Korobotschka bat ihn Platz zu nehmen.
Der Präsident begann zuerst damit, daß er ihren Mann gekannt habe und ging dann plötzlich zu der Frage über: »Sagen Sie bitte, ist es wahr, daß neulich in der Nacht ein Mensch mit der Pistole in der Hand zu Ihnen gekommen ist und Ihnen gedroht hat, Sie zu ermorden, wenn Sie ihm nicht, der Teufel weiß was für Seelen abtreten wollten? Können Sie uns nicht erklären, was er damit eigentlich für eine Absicht verfolgte.«
»Gewiß, warum sollte ich das nicht können! Versetzen Sie sich doch in meine Lage: fünfundzwanzig Rubel in Banknoten! Ich weiß wirklich nicht: ich bin Witwe und habe ja gar keine Erfahrung; es ist doch so leicht, mich zu betrügen und noch dazu in einer Sache, von der ich wahrhaftig auch nicht das Mindeste verstehe, Väterchen. Was Hanf kostet, das weiß ich, Speck habe ich auch schon verkauft, noch voriges ...«
»Nein, bitte, erzählen Sie mir doch die Sache erst recht ausführlich. Wie war das doch? Hatte er wirklich eine Pistole in der Hand?«
»Nein, Väterchen. Gott behüte, Pistolen habe ich keine gesehen. Aber ich bin bloß eine Witwe -- ich kann doch wirklich nicht wissen, wie hoch die toten Seelen im Preise stehen. Nicht wahr Väterchen, Sie werden mich nicht im Stiche lassen, sagen Sie es mir doch bitte, damit ich den richtigen Preis erfahre.«
»Was für einen Preis? Was für einen Preis, Mütterchen? Was für einen Preis meinen Sie?«
»Den Preis für tote Seelen, Väterchen!«
»Ist sie dumm geboren oder ist sie übergeschnappt?« dachte der Präsident, indem er ihr starr ins Gesicht sah.
»Fünfundzwanzig Rubel? Ich weiß wirklich nicht, vielleicht sind sie fünfzig Rubel wert, oder sogar noch mehr.«
»Bitte zeigen Sie mir doch den Schein,« sagte der Präsident und hielt ihn ans Licht, um sich zu überzeugen, ob er nicht falsch sei. Aber es war ein ganz gewöhnlicher ordentlicher Schein.
»Aber so erzählen Sie doch bloß, wie der Kauf zustande kam, und was er Ihnen eigentlich abgekauft hat. Es will mir nicht in den Kopf ... ich kann absolut nichts verstehen ...«
»Gewiß hat er mir welche abgekauft,« sagte Karobotschka, »aber warum wollen Sie mir bloß nicht sagen, was die tote Seele kostet, damit ich doch ihren richtigen Preis kennen lerne.«
»Ich bitte Sie, was reden Sie da! Wo hat man denn je davon gehört, daß tote Seelen verkauft werden?«
»Warum wollen Sie mir den Preis durchaus nicht sagen?«
»Ach was Preis! Ich bitte Sie, von was für einem Preise kann denn hier die Rede sein? Sagen Sie mir doch ernstlich, wie die Sache war. Hat er Ihnen mit etwas gedroht? Wollte er Sie etwa verführen?«
»Nein, Väterchen, was Sie für Dinge reden! ... Jetzt sehe ich, daß Sie auch ein Käufer sind.« -- Und sie sah ihm argwöhnisch in die Augen.
»Ach was! ich bin doch Gerichtspräsident, Mütterchen!«
»Nein, Väterchen, sagen Sie, was Sie wollen, Sie wollen mich wohl auch .... Sie haben auch die Absicht ... mich zu betrügen. Aber was haben Sie bloß davon? Sie haben doch nur selbst den Schaden davon. Ich hätte Ihnen gern Daunen verkauft: ich werde zu Weihnachten schöne Daunen haben.«
»Mütterchen! Ich sage Ihnen doch, daß ich der Gerichtspräsident bin. Was mache ich mit ihren Daunen, sagen Sie doch selbst! Ich will Ihnen doch gar nichts abkaufen.«
»Aber das ist doch ein ganz christliches Werk, Väterchen,« fuhr Karobotschka fort. »Heute verkaufe _ich_ Ihnen was und morgen werden vielleicht _Sie_ mir etwas verkaufen wollen. Sehen Sie, wenn wir uns gegenseitig übers Ohr hauen, wo blieben da Recht und Gerechtigkeit? Das wäre doch eine Sünde gegen Gott!«
»Ich bin aber doch kein Kaufmann, Mütterchen, ich bin Gerichtspräsident!«
»Gott weiß, vielleicht sind Sie wirklich der Gerichtspräsident. Ich kann das doch nicht wissen. Nun also? Ich bin doch eine arme Witwe? Warum fragen Sie mich denn so aus? Nein, Väterchen, ich sehe, daß Sie selbst ... auch ... welche kaufen wollen.«
»Mütterchen, ich rate Ihnen, sich an den Arzt zu wenden,« sagte der Gerichtspräsident wütend. »Bei Ihnen scheint's wirklich dort oben nicht ganz richtig zu sein« -- fuhr er fort, indem er mit dem Finger auf seine Stirn zeigte. Mit diesen Worten stand er auf und ging hinaus.
Karobotschka aber blieb dabei, daß sie es mit einem Kaufmann zu tun gehabt habe und wunderte sich bloß, wie unfreundlich und bösartig die Leute heutzutage geworden seien, und wie schwer es doch eine arme Witwe auf dieser Welt habe. Der Präsident aber gelangte mit Mühe und Not, von unten bis oben mit Kot bespritzt, nach Hause, nachdem ihm unterwegs noch ein Wagenrad gebrochen war. Das war das Resultat dieser unfreundlichen und erfolglosen Reise, wenn man nicht noch die Beule am Kinn mitrechnen wollte, die er sich mit seinem Stock beigebracht hatte. In der Nähe seines Hauses traf er den Staatsanwalt, der ihm in einer Kutsche entgegengefahren kam. Er schien sehr schlechter Laune zu sein und ließ den Kopf hängen.
»Nun was haben Sie von Sabakewitsch erfahren?«
Der Staatsanwalt senkte das Haupt und versetzte: »In meinem ganzen Leben bin ich noch nicht so behandelt worden.« ...
»Wieso?«
»Er hat mir einen Fußtritt gegeben,« sagte der Staatsanwalt mit betrübter Miene.
»Wie?«