Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I
Part 33
Er schlug nach russischer Sitte ein Kreuz und ging an die Ausführung seines großen Planes. Indem er vorschützte, er suche sich ein Plätzchen, wo er sich niederlassen könne, und noch unter mancherlei anderen Vorwänden, begann er damit, sich alle Ecken und Enden unseres Reiches anzusehen, vorzüglich aber die, welche mehr als andere unter allerhand Unglücksfällen zu leiden hatten, als da sind: Mißernten, Todesfälle usw. usw. Mit einem Wort, wo sich ihm die günstigste Gelegenheit bot, sich möglichst billig Bauern zu erwerben, deren er ja bedurfte. Dabei wandte er sich nicht aufs geradewohl an den ersten besten Gutsbesitzer, sondern wählte sich Leute nach seinem Geschmack aus, nämlich solche, mit denen sich ein Geschäft dieser Art ohne große Schwierigkeiten abwickeln ließ. Hierbei suchte er zunächst ihre nähere Bekanntschaft zu machen und ihre Zuneigung zu gewinnen, um die Bauern womöglich zum Geschenk zu erhalten und sie nicht bar bezahlen zu müssen. Daher darf der Leser auch dem Autor nicht böse sein, wenn die Personen, die bisher im Laufe unserer Erzählung auftraten, nicht immer nach seinem Geschmacke waren: das ist Tschitschikows Schuld; denn hier ist _er_ der Herr der Situation, und wir müssen ihm folgen, wohin zu wandern es ihm einfällt. Wir unsererseits können, wenn man uns den Vorwurf macht, unsere Personen und Charaktere seien unscheinbar und blaß, nur immer wieder sagen, daß man im Beginn einer Sache nie ihren ganzen Umfang und die ganze Breite und Tiefe ihres Verlaufs ermessen kann. Die Einfahrt in eine Stadt, und sei es selbst die in die Reichshauptstadt, ist immer uninteressant. Zunächst erscheint alles grau und einförmig. Endlose Fabriken und rauchgeschwärzte Werkstätten ziehen sich in trübseliger Monotonie dahin. Erst später erscheinen die Ecken sechsstöckiger Häuser, vornehme Läden, Aushängeschilder, die langen Zeilen der Straßen mit Türmen, Säulen, Denkmälern, Kirchen, mit ihrem Straßenlärm und Glanz und all den Wundern, die Menschenhand und Menschengeist erschaffen. Wie die ersten Einkäufe zustande kamen hat der Leser selbst gesehen; wie die Sache weiter gehen wird, welche Erfolge und Mißerfolge unsern Helden erwarten, was für Hindernisse weit schwierigerer Art er zu besiegen und zu überwinden haben wird, wie dann gewaltige Gestalten vor uns auftreten, wie sich die geheimsten Hebel unserer sich breit ergießenden Erzählung in Bewegung setzen werden, wie der Horizont auseinander treten, und sie selbst in majestätisch-lyrischem Strome dahinfluten wird, dies werden wir später sehen. Ein weiter Weg ist's, den unsere Brigade zurückzulegen hat bestehend aus einem Herrn mittleren Alters, einer Kutsche, wie die Junggesellen zu benutzen pflegen, dem Diener Petruschka, dem Kutscher Seliphan und dem Dreigespann edler Rosse, denen wir ja vorgestellt sind, vom Assessor bis zum niederträchtigen Schecken. Da haben wir unsern Helden wie er leibt und lebt. Aber vielleicht wird man noch eine Charakteristik durch einen letzten Strich von mir verlangen: was ist er für ein Mann nach der Seite seiner moralischen Qualitäten? Daß er kein Held, erfüllt von allen Tugenden, Vorzügen und allen nur möglichen Vollkommenheiten ist -- das ist evident. Wer also ist er? Folglich wohl ein Schurke? Warum ein Schurke? Warum sollen wir so streng gegen andere Leute sein? Jetzt gibt's bei uns keine Schurken mehr. Es gibt wohlgesinnte, gesinnungstüchtige, angenehme Menschen, aber solche, die ihre Physiognomie zur öffentlichen Beschimpfung darbieten müßten, um den Streich auf die Wange in Empfang zu nehmen, gibt es nur sehr selten. Von dieser Sorte werden wir kaum zwei bis drei finden und selbst sie reden heute schon laut von der Tugend. Das Richtigste wäre es wohl, ihn einen guten Wirt oder ein Erwerbsgenie zu nennen. Der Erwerbstrieb -- trägt die Schuld an allem: er ist die Ursache all jener Affären und Geschäfte, die die Welt »nicht ganz sauber« nennt. Freilich, so ein Charakter hat schon etwas Abstoßendes an sich, und derselbe Leser, der sich auf seinem Lebenswege mit so einem Menschen anfreundet, ihn in sein Haus einführt und manche angenehme Stunde mit ihm verbringt, wird ihn mißtrauisch ansehen, sowie er ihm in irgend einem Drama oder einer Dichtung begegnet. Aber dreimal weise ist der, der überhaupt keinen Charakter verabscheut, sondern prüfend seinen Blick auf ihn heftet und ihn begreifen lernt in seinen innersten Triebfedern; wie schnell wandelt sich alles im Menschen: eh man sich's versieht, hat sich im Innern ein furchtbarer Wurm eingenistet, der wächst und wächst und alle Lebenskräfte herrisch in sich aufsaugt. Und mehr als einmal schon geschah es, daß in einem Menschen, der zu Höherem geboren war, nicht nur eine übermächtige Leidenschaft gewaltig emporwuchs und erstarkte, nein oft schon ließ ein armseliger minderwertiger Trieb ihn all seine hohen und heiligen Pflichten vergessen und in elenden Nichtigkeiten etwas Großes und Verehrungswürdiges sehen. Unendlich wie der Sand am Meere sind des Menschen Leidenschaften, und keine gleicht der andern, alle sind sie dem Menschen im Anfang gefügig und gehorsam, die hohen wie die niedrigen, und erst später werden sie zu furchtbaren Despoten. Selig ist der zu preisen, der sich unter allen die herrlichste Leidenschaft erwählte: er wächst und mehrt sich täglich und stündlich sein grenzenloses Glück, tiefer und immer tiefer dringt er ein in das unendliche Paradies seiner Seele. Aber es gibt Leidenschaften, deren Wahl nicht vom Menschen abhängt. Sie werden mit ihm geboren in der Stunde, da er zur Welt kommt, und keine Kraft ward ihm gegeben, sie weit von sich zu stoßen. Ein höherer Plan ist es, der sie lenkt, und es liegt etwas in ihnen, das ewig ruft und lockt und keinen Augenblick im Leben verstummt. Ihre große irdische Laufbahn zu vollenden ist ihre Bestimmung, ob sie nun als finstere Gestalten vorüberwandeln oder als herrlich leuchtende Erscheinungen, die den lauten Jubel der Welt entfachen, indem sie an uns vorüberziehen -- ganz gleich -- sie kamen, um das dem Menschen unbekannte Gute zu erfüllen. Und vielleicht stammt auch die Leidenschaft die unseren Helden Tschitschikow lenkt und vorwärtstreibt nicht aus ihm selber, und es liegt auch in seinem kalten frostigen Dasein etwas beschlossen, was einstmals den Menschen auf die Kniee und in den Staub niederzwingen wird vor der Weisheit des Himmels. Und es ist noch ein Geheimnis, warum diese Gestalt gerade in dieser Dichtung erscheinen mußte, die hiermit den Schauplatz der Welt betritt.
Aber nicht das ist das Bittere, daß man mit unserem Helden unzufrieden sein wird; weit bitterer und schmerzlicher ist dieses: in meiner Seele lebt die unumstößliche Gewißheit, daß die Leser dennoch und trotz alledem mit diesem Helden, mit demselben Tschitschikow zufrieden sein könnten. Hätte der Autor ihm nicht so tief ins Herz geblickt, hätte er nicht alles aufgerührt, was im tiefsten Grunde seiner Seele lebt und nur dem Blick der Welt entgeht und verborgen bleibt, hätte er nicht seine geheimsten Gedanken enthüllt, die kein Mensch dem andern vertraut, sondern ihn so gezeigt, wie er der ganzen Stadt, Manilow und all den anderen -- erschienen war, -- so wären alle Leute sehr befriedigt, und jeder würde ihn für einen äußerst interessanten Menschen halten. Freilich wäre dann sein Bild und seine Gestalt nicht so lebendig vor unser Auge getreten: dafür hätte auch keine Erregung in unserer Seele nachgezittert, nachdem wir das Buch aus der Hand gelegt hätten, und wir könnten uns ruhig wieder an unseren Kartentisch setzen, welcher der Trost und die Freude ganz Rußlands ist. Ja meine braven Leser, ihr wollt der Menschen nackte Armut lieber nicht sehen: »Warum nur?« sprecht ihr, »wozu dient das alles? Wissen wir denn nicht selber, daß es gar viel Verächtliches und Törichtes in der Welt gibt? Auch ohnedies muß man oft Dinge sehen, die keineswegs tröstlich sind. Zeigt uns doch lieber das Schöne, das was entzückt und begeistert! Helft uns, uns lieber selbst zu vergessen!« -- »Warum sagst du mir, daß es schlecht um meine Wirtschaft steht, Bruder?« sagt ein Gutsbesitzer zu seinem Verwalter »ich weiß das auch _ohne_ dich, lieber Freund: kannst du denn wirklich nicht von etwas andrem reden? Wie? Hilf mir lieber das alles zu vergessen, und nicht daran zu denken -- dann bin ich glücklich.« Und so wird das Geld, das dazu hätte dienen können, um das Gut etwas in die Höhe zu bringen, für allerhand Mittelchen ausgegeben, um sich selbst zu vergessen. Der Geist wird eingeschläfert, der vielleicht plötzlich einen Quell gewaltiger Reichtümer entdeckt hätte; das Gut kommt unter den Hammer, der Gutsherr muß betteln gehen, um sich zu vergessen; mit einer Seele, die zu jeder äußersten Niedertracht und Gemeinheit bereit ist, vor denen er selbst einst zurückgeschreckt wäre.
Noch eine andere Klage wird gegen den Autor laut; sie rührt von den sogenannten Patrioten her, welche ruhig in ihren Winkeln sitzen und sich mit ganz gleichgültigen Dingen abgeben: sich ein Kapital aufhäufen und sich ein schönes Los auf Kosten anderer bereiten; sowie aber etwas geschieht, was nach ihrer Meinung dem Vaterland zur Unehre gereicht, _sowie_ irgend ein Buch erscheint, das eine bittre Wahrheit enthält -- dann kommen sie aus allen Ecken und Winkeln herausgekrochen, wie die Spinnen, welche eine Fliege entdeckt haben, die sich in ihr Netz verstrickte, und erheben ein lautes Geschrei: »Ja, ist es denn gut, solche Dinge ans Licht zu bringen, sie offen zu verkünden. All das, was da beschrieben wird, gehört ja zu _uns_ -- ist's also klug, so etwas zu tun? Und was sollen die Ausländer sagen? Ist es denn angenehm, zu hören, daß andre Leute schlecht von uns reden?« Und sie denken: tut es uns denn nicht weh? Denken: sind wir etwa nicht Patrioten? Auf solch weise Bemerkungen, besonders hinsichtlich der Ausländer, kann ich keine passende Antwort finden. Es wäre denn etwa diese: In irgend einem entlegenen Winkel Rußlands lebten einmal zwei Männer. Der eine war der Vater einer großen Familie und hieß Kifa Mokiewitsch; er war ein sanfter friedlicher Mensch, der ein Freund eines bequemen und ruhigen Lebens war. Mit seiner Familie beschäftigte er sich kaum; sein Dasein war mehr der Spekulation gewidmet, ihn beschäftigten in erster Linie »philosophische Fragen« wie er sie nannte: »Nehmt z. B. das Tier,« pflegte er zu sagen, indem er im Zimmer auf und abging, »das Tier wird doch ganz nackt geboren. Warum gerade nackt? Warum nicht vielmehr befiedert wie der Vogel: warum kriecht es z. B. nicht aus dem Ei? Nein, wirklich, es ist sonderbar ... man versteht die Natur immer weniger, je mehr man sich in sie vertieft!« So dachte der Bürger Kifa Mokiewitsch. Aber das war noch nicht das Wichtigste. Der andre Bürger war Mokij Kifowitsch, sein leiblicher Sohn. Er war das, was man in Rußland einen Helden zu nennen pflegt, und während sich der Vater mit der Geburt des Tieres beschäftigte, drängte es _seine_ zwanzigjährige, breitschultrige Gestalt mit aller Macht danach, sich zu entfalten und auszuleben. Er konnte nie eine Sache leicht und nur so obenhin in Angriff nehmen -- stets brach sich jemand dabei den Arm oder er trug eine Beule auf der Nase davon. Zu Hause und in der Nachbarschaft liefen alle, von den Mädchen auf dem Hofe -- bis auf den letzten Hund -- davon, wenn sie ihn erblickten, sogar sein eigenes Bett, das in seinem Schlafzimmer stand, schlug er in Trümmer. So war Mokij Kifowitsch, sonst aber war er ein braver, gutmütiger Mensch. Jedoch das ist nicht das Wichtigste. Das Wichtigste hierbei ist das, was nun kommt: »Ich bitt dich gnädiger Herr Kifa Mokiewitsch,« sagten die eigenen und fremden Knechte und Mägde zum Vater: »was ist dein Mokij Kifowitsch doch für ein Herr? Der läßt keinen Menschen in Ruhe, ist der zudringlich!« »Ja, ja, etwas mutwillig ist er schon,« erwiderte gewöhnlich der Vater: »aber was ist da zu tun? Hauen kann ich ihn doch nicht mehr, alle Menschen würden über meine Härte und Grausamkeit schreien, und dann ist er ein so ehrgeiziger Mensch; wenn ich ihm in Gegenwart anderer Leute einen Vorwurf machte -- würde er sich wohl in acht nehmen; aber vergeßt auch die Öffentlichkeit nicht -- das ist eben das Unglück. Wenn die Stadt es erfährt, wird sie ihn gleich einen Schweinehund nennen. Glaubt ihr denn, daß mir das nicht weh tun würde? Bin ich denn nicht sein Vater? Meint ihr, weil ich mich mit der Philosophie beschäftige und mitunter keine Zeit für andere Dinge habe, sei ich nicht Vater? O nein, ihr irrt euch. Ich _bin_ Vater, jawohl ich bin _Vater_, zum Teufel noch einmal, das laß ich mir nicht nehmen. Mokij Kifowitsch -- der sitzt mir hier ganz tief im Herzen.« Und Kifa Mokijewitsch schlug sich mit der Faust kräftig auf die Brust und geriet in die größte Erregung: »Und wenn er schon sein Leben lang ein Schweinehund bleiben sollte, so soll man es wenigstens nicht von mir erfahren; ich kann ihn doch nicht verraten!« Nachdem er so von seinem väterlichen Gefühl Zeugnis abgelegt hatte, ließ er Mokij Kifowitsch ruhig seine Heldentaten fortsetzen und kehrte selbst zu seinen geliebten Gegenständen zurück, indem er sich plötzlich irgend eine Frage wie etwa die folgende vorlegte: »Hm, wenn die Elefanten Eier legten, müßten die Eierschalen da nicht so dick sein, daß keine Kanonenkugel sie zertrümmern könnte; ja, ja, es ist Zeit ein neues Schießwerkzeug zu erfinden!« So verbrachten unsere zwei Bewohner des friedlichen Erdenwinkels ihr Leben, sie, die am Schluß unserer Dichtung so plötzlich wie aus einem Fenster hervorguckten, um ihre bescheidene Antwort auf den Vorwurf glühender Patrioten vorzubringen, welche sich vielleicht lange ganz ruhig mit irgendwelchen Philosophemen oder mit der Vergrößerung ihres Wohlstandes auf Kosten des von ihnen so glühend geliebten Vaterlandes beschäftigten und keineswegs darum besorgt sind, daß nur nichts Böses geschieht, sondern allein darum, daß nur ja niemand sage, sie täten Schlimmes. Doch nein, weder der Patriotismus noch jenes erste Gefühl sind der Grund all dieser Anklagen und Vorwürfe. Dahinter versteckt sich etwas ganz andres. Warum soll ich es verheimlichen? Wer anders, wenn nicht der Autor hätte die Pflicht, die heilige Wahrheit zu verkündigen? Ihr fürchtet den tiefen forschend auf euch gerichteten Blick. Ihr wagt es nicht, diesen Blick selbst auf die Gegenstände zu richten, ihr liebt es, mit blinden Augen gedankenlos über alles hinwegzugleiten. Ihr werdet vielleicht auch von Herzen über Tschitschikow lachen: vielleicht sogar den Autor _loben_ und sagen: »Übrigens, manches hat er wirklich sehr fein beobachtet! Das muß doch ein Mensch von heiterem Temperament sein!« Und nach diesen Worten werdet ihr mit verdoppeltem Stolze zu euch selbst zurückkehren, ein selbstgefälliges Lächeln wird euer Gesicht verklären, und ihr werdet fortfahren: »Man muß doch sagen: in einigen Gegenden Rußlands gibt es wirklich höchst merkwürdige und komische Menschen, und recht abgefeimte Schurken dazu!« Doch wer von euch wird sich voll christlicher Demut, nicht laut und öffentlich, sondern in aller Stille, in jenen Augenblicken wo die Seele einsame Selbstgespräche mit sich führt, tief im Innern die Frage vorlegen: »Wie? lebt nicht vielleicht auch in _mir_ etwas von Tschitschikow?« Warum nicht gar. Laßt dagegen irgend einen Beamten, einen Mann mittleren Ranges an einem andern vorübergehn -- sofort wird er seinen Nachbarn anstoßen, und während er sich fast ausschütten möchte vor Lachen, zu ihm sagen: »Sieh, sieh, das ist Tschitschikow, da geht er vorüber!« Und er wird allen Anstand, den er seinem Rang und Alter schuldig ist, vergessen, ihm wie ein Kind nachlaufen, ihn verhöhnen, necken und ihm nachrufen: »Tschitschikow! Tschitschikow! Tschitschikow!«
Aber wir sprechen so laut und vergessen ganz, daß unser Held, der während der Erzählung seiner Lebensgeschichte fest schlief, schon aufgewacht ist und leicht hören könnte, daß man seinen Familiennamen so oft wiederholt. Er ist doch ein Mensch, der sich leicht gekränkt fühlt und sehr unzufrieden ist, wenn man ohne die schuldige Achtung von ihm spricht. Dem Leser kann's freilich ziemlich gleich sein, ob ihm Tschitschikow böse ist oder nicht; was dagegen den Autor anbelangt, so darf er sich unter keinen Umständen mit seinem Helden veruneinigen: er hat noch manches Stück Weges Hand in Hand mit ihm zurückzulegen; noch liegen zwei große Teile dieser Dichtung vor ihm, und das ist doch wirklich keine Kleinigkeit.
»He, he! Was fällt dir ein!« rief Tschitschikow Seliphan zu, »du ...?«
»Wie?« sagte Seliphan langsam.
»Wie? fragst du! Trottel du! Wie fährst du denn? Vorwärts, rühr dich!«
Und in der Tat, Seliphan saß schon lange auf seinem Bock und blinzelte mit den Augen. Nur hie und da schlug er im Halbschlaf die gleichfalls schlafenden Pferde mit den Zügeln leicht auf den Rücken. Auch Petruschka hatte schon lange und, Gott weiß, wo seine Mütze verloren, er war auf dem Bock zurückgesunken und stützte seinen Kopf auf Tschitschikows Knie, von dem er manchen kräftigen Puff empfing. Seliphan wurde munter und versetzte dem Schecken ein paar tüchtige Hiebe, worauf dieser einen lebhaften Trab anschlug; dann ließ er seine Peitsche über den Rücken der Pferde sausen und rief mit dünner Stimme gleichsam singend: »Nur keine Furcht!« Die Pferde wachten auf und zogen den leichten Wagen mit sich fort, der wie ein Flaum dahinflog. Seliphan schwenkte bloß die Peitsche und rief: »He, he, he!« indem er auf seinem Bock rhythmisch hin und her hopste, während der Wagen über die Berge und Täler der Landstraße dahinjagte, welche langsam bergab führte. Tschitschikow wurde auf seinem Polster leicht emporgehoben, er lächelte vergnügt, denn er liebte das schnelle Fahren. Und welcher Russe liebt das schnelle Fahren nicht? Sollte seine Seele, die sich überall und immer nach dem Taumel und Wirbel sehnt, und oft laut ausrufen möchte: »Ach was, hol' doch alles der Teufel,« sollte seine Seele es nicht lieben? Es nicht lieben, wenn etwas so Wundersames, Beseeligendes darin liegt? Wie eine unbekannte Gewalt hebt dich's auf seinen Flügel, du fliegst dahin und mit dir alles um dich her: die Meilensteine, die Kaufleute auf ihren Wagensitzen, der Wald zu beiden Seiten mit den dunklen Reihen seiner Tannen und Fichten, dem Lärm der Äxte und dem Rabengekrächze: der ganze Weg flieht vorüber -- weit fort in unbekannte Fernen; und etwas Furchtbares, Schreckliches liegt in diesem rasenden Aufblitzen und Verschwinden, wo der vorübergleitende Gegenstand kaum Zeit hat, feste Formen anzunehmen und nur der Himmel über uns, die leichten Wolken und der sich Bahn brechende Mond allein unbeweglich still zu stehen scheinen. Mein Dreigespann, o du Vogeldreigespann! wer hat dich erfunden? Nur aus einem kecken mutigen Volk konntest du hervorgehen -- in jenem Lande, das nicht zu spaßen liebt, sondern sich wie die unendliche Ebene streckt und breitet über die halbe Erde: versuch's doch die Meilensteine zu zählen, ohne daß dir's vor den Augen flimmert! Wahrlich kein schlau ersonnenes Gefährt bist du, genietet durch eiserne Klammern. Sondern schnell, aufs geratewohl mit Axt und Meißel hat dich ein flinker Jaroslawscher Bauer verfertigt und zusammengefügt. Dich lenkt kein Postillon in deutschen Stulpenstiefeln, bebartet und behandschuht sitzt er da, der Teufel weiß worauf; und wenn er aufsteht, seine Peitsche schwingt und sein unendliches Lied anstimmt -- dann stürmen die Rosse dahin wie ein Wirbelwind. Zu einer runden, glatten Fläche fließen die Speichen der Räder zusammen. Es donnert der Weg. Erschrocken schreit der Fußgänger auf und bleibt wie angewurzelt stehen. -- Und dahin fliegt das Gefährt, fliegt und fliegt! ... Und schon sieht man in der Ferne nichts wie eine dichte Staubwolke, und wirbelnd folgt die Luft.
Jagst nicht auch du, Rußland, so dahin, wie ein keckes unerreichbares Dreigespann? Rauchend dampft unter dir der Boden; es dröhnen die Stege. Und alles bleibt zurück, weit hinter dir zurück. Wie durch ein göttliches Wunder betäubt, steht festgebannt der staunende Zuschauer. Ist es ein Blitz, der aus den Wolken zuckte? Was bedeutet diese grauenerweckende Bewegung? Und was für unbekannte Kräfte wohnen in diesen, nie gesehenen Rossen? Oh, ihr Rosse! Ihr wunderbaren Rosse! Lebt ein Wirbelwind in euren Mähnen? Bebt ein wachsames Ohr euch in jeder Ader? Lauscht ihr auf ein trautes altbekanntes Lied von oben, und spannt jetzt einträchtig eure ehernen Brüste? Kaum rühren eure flüchtigen Hufe die Erde, in eine langgestreckte Linie verwandelt fliegt ihr durch die Lüfte, und fort stürmt das ganze, gottbegeisterte! ... Rußland? Wohin jagst du, gib Antwort! Du bleibst stumm. Wundersam ertönt der Gesang des Glöckchens. Wie von Winden zerfetzt, braust und erstarrt die Luft; alles, was auf Erden lebt und webt, fließt vorüber; und es weichen vor dir, treten zur Seite, und geben dir Raum alle anderen Staaten und Völker.
Anhang zum ersten Teil
I. Vorrede zur zweiten Auflage des ersten Bandes der »Toten Seelen« 1846
Der Verfasser an den Leser
Wer du auch sein magst, lieber Leser, auf welchem Platze du stehst, welches Amt du bekleidet, ob du Rang und Würden dein eigen nennt, ein schlichter Mann von einfachem Stande bist, wenn dir Gott die edle Gabe des Lesens verliehen hat und dir ein Zufall dieses Buch in die Hände spielte, so bitte ich dich, mir zu helfen.
In dem Buche, das vor dir liegt und dessen erste Auflage du wahrscheinlich schon gelesen hat, ist ein Mensch dargestellt, der mitten aus dem russischen Staate herausgegriffen ward. Er bereist unser russisches Vaterland, und trifft hier mit Menschen jeder Art und jedes Standes, mit vornehmen und einfachen zusammen. Er ward mehr _darum_ zum Helden ausersehen, um die _Laster_ und _Mängel_, als die _Vorzüge_ und _Tugenden_ des Russen aufzuzeigen; aber auch all die Menschen, die ihn umgeben, sind so gewählt worden, daß sie unsere Fehler und Schwächen widerspiegeln, die besseren Menschen und Charaktere sollen erst in den folgenden Teilen vorgeführt werden. In diesem Buche ist manches unrichtig dargestellt, und nicht so, wie die Dinge sich wirklich im russischen Vaterlande zutragen, weil ich ja nicht alles kennen lernen und in Erfahrung bringen konnte. Ein ganzes Menschenleben würde nicht ausreichen, um auch nur den hundertsten Teil von dem zu erforschen, was in unserer Heimat vorgeht. Zudem mögen sich infolge meiner eigenen Unachtsamkeit, Unreife und Übereilung mancherlei Irrtümer und Fehlschlüsse eingeschlichen haben, sodaß es wohl keine Seite in diesem Buche gibt, an der nicht irgend etwas zu berichtigen wäre, und daher bitte ich dich, lieber Leser, wo du es kannst, mich zu verbessern. Du darfst diese Mühe nicht gering schätzen. Auf welch hoher Stufe der Bildung und des Lebens du auch stehen mögest, so unbedeutend und nichtig dir auch mein Buch erscheinen und so kleinlich und unwichtig dir es vorkommen mag, mein Werk zu verbessern und deine Bemerkungen dazu niederzuschreiben, ich bitte dich dennoch darum, es zu tun. Aber auch du, lieber Leser, von _schlichter_ Bildung und einfachem Stande, sollst dich nicht für zu unwissend halten, mich zu belehren. Ein jeder Mensch, der gelebt, die Welt gesehen hat, und mancherlei Menschen begegnet ist, hat sicher vielerlei gemerkt, was einem andern entgangen ist, und vieles erfahren, was andere nicht wissen. Ich möchte daher nicht gerne auf deine Bemerkungen verzichten. Es ist unmöglich, daß du nicht etwas zu irgend einer Stelle meines Buches zu sagen hättest, wenn du es nur aufmerksam durchliest.