Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I

Part 32

Chapter 323,398 wordsPublic domain

»Was tun!« sprach Tschitschikow: »ich hab eingehakt, raufgezogen, und das Ding ist mir doch wieder abgeschnappt -- da ist kein Wort zu verlieren. Durch Geheul und Gegrein macht man das Unglück nicht wieder gut. Man muß ans Werk gehen und handeln!« Und er beschloß, seine Laufbahn von neuem zu beginnen, sich aufs neue mit Geduld zu wappnen und sich wieder zu beschränken, so schön und herrlich er sich auch vordem zu entfalten begonnen hatte. Er entschloß sich, in eine andere Stadt überzusiedeln und dort bekannt und berühmt zu werden. Aber es wollte alles nicht recht glücken. In ganz kurzer Zeit mußte er zwei- oder dreimal sein Amt und seinen Beruf wechseln, denn die damit verbundene Tätigkeit war höchst unsauber und widerwärtig. Der Leser muß nämlich wissen, daß Tschitschikow soviel auf Anstand und Sauberkeit gab, wie kaum sonst jemand in der Welt. Und obwohl er sich im Anfang auch in einer unsauberen Gesellschaft bewegen mußte, blieb seine Seele doch immer rein und fleckenlos, daher liebte er es auch, wenn die Tische in den Amtsstuben lackiert waren und alles fein und nobel aussah. Nie erlaubte er sich in seinen Reden ein unanständiges Wort, und es kränkte ihn tief, wenn er in den Worten eines anderen die schuldige Achtung gegen seine Titel und Würden vermißte. Ich glaube, es wird dem Leser angenehm sein, zu erfahren, daß er jeden zweiten Tag seine Wäsche wechselte; im Sommer während der heißesten Zeit sogar zweimal täglich: jeder unangenehme Geruch beleidigte sein empfindliches Geruchsorgan. Daher steckte er sich auch jedesmal, wenn Petruschka erschien, um ihn anzukleiden und ihm die Stiefel auszuziehen, ein paar Nelken in die Nase; und oft waren seine Nerven zarter als die eines jungen Mädchens; daher wurde es ihm auch so schwer, wieder in jene Schichten unterzutauchen, wo alles nach Fusel roch und die feinen Manieren ganz unbekannt waren. So sehr er sich auch beherrschte, er magerte dennoch ein wenig ab und bekam eine grünliche Gesichtsfarbe von all diesen Widerwärtigkeiten und Schicksalsschlägen. Eben hatte er angefangen, dick zu werden und sich jene runden und gefälligen Körperformen zuzulegen, in deren Besitz der Leser ihn angetroffen hat, als er seine erste Bekanntschaft machte; und oft schon hatte er, wenn er sich im Spiegel betrachtete, an mancherlei irdische Annehmlichkeiten gedacht: an ein reizendes Weibchen, eine volle Kinderstube, und ein Lächeln hatte bei diesem Gedanken sein Gesicht belebt; wenn er jetzt dagegen unversehens in den Spiegel blickte, konnte er nicht umhin, auszurufen: »Heilige Mutter Gottes, wie häßlich ich geworden bin!« Und es verging ihm für lange Zeit die Lust, sich im Spiegel zu betrachten. Aber unser Held ertrug alles, ertrug es geduldig und mutig -- und so erhielt er denn endlich eine Stellung beim Zollamt. Hier müssen wir erwähnen, daß ein solcher Posten schon längst Gegenstand seiner geheimen Wünsche gewesen war. Er hatte gesehen, was sich die Zollbeamten für wunderschöne ausländische Sachen anschafften, was für herrlichen Batist und Porzellan sie ihren Schwestern, Vettern und Basen zum Geschenk machten. Oft schon hatte er seufzend ausgerufen: »Das wär so etwas für mich: die Grenze ist nahe, man ist in der Nähe von gebildeten Leuten, was für feine holländische Hemden man sich da zulegen könnte!« Und wir müssen hinzufügen, daß er auch noch an eine besondere Sorte französischer Seife dachte, welche der Haut eine außerordentliche Weiße und Geschmeidigkeit und den Wangen Frische und Glanz verlieh; was das für eine Marke war, das mag Gott wissen, jedenfalls hatte er Grund zu vermuten, daß sie nur an der Grenze zu haben war. Genug, er sehnte sich schon lange nach dem Zollamt, aber die augenblicklichen Vorteile, die ihm aus dem Dienst in der Baukommission erwuchsen, hielten ihn noch zurück, und er sagte sich mit Recht, daß das Zollamt eben doch nicht mehr als eine Taube auf dem Dache sei, während die Baukommission doch immerhin ein Sperling in der Hand war. Jetzt aber hatte er sich entschlossen, unter allen Umständen beim Zollamt unterzukommen -- und das setzte er denn auch tatsächlich durch. Mit wahrem Feuereifer machte er sich ans Werk. Das Schicksal selbst schien ihn zum Zollbeamten prädestiniert zu haben. Eine gleiche Geschäftigkeit und ein solch durchdringender Scharfblick war noch nie vorgekommen. In drei oder vier Wochen hatte er sich bereits eine solche Sicherheit im Zollfach angeeignet, daß er buchstäblich alles wußte: er brauchte garnicht abzumessen oder nachzuwiegen; denn er erkannte sofort nach der Faktur, wieviel Meter Stoff in einem Paket enthalten waren; und wenn er ein Gepäckstück in die Hand nahm, konnte er sofort sagen, wieviel es wog; was aber die Untersuchung anbetraf, so hatte er, wie seine eigenen Kameraden sich ausdrückten, geradezu »eine Witterung wie ein guter Jagdhund«: es war wirklich wunderbar, wie geduldig er jeden Knopf befühlte, und dies alles geschah mit einer vernichtenden Kaltblütigkeit und einer geradezu unglaublichen Höflichkeit. Während die unglücklichen Objekte der Untersuchung vor Wut rasten, alle Selbstbeherrschung verloren und eine unwiderstehliche Lust verspürten, sein angenehmes Gesicht tüchtig durchzubläuen, verzog er keine Miene und sagte immer mit der gleichen Liebenswürdigkeit: »Wollen Sie nicht die Gefälligkeit besitzen, sich ein wenig zu bemühen und aufzustehen!« oder »Wollen Sie nicht die Güte haben, gnädige Frau, und ein wenig ins Nebenzimmer treten. Die Gattin eines unserer Beamten möchte ein paar Worte mit Ihnen sprechen«, oder »Sie erlauben wohl, daß ich Ihnen das Unterfutter Ihres Mantels ein wenig mit dem Messer auftrenne«. Und mit diesen Worten zog er ganz kaltblütig alle möglichen Tücher, Shawls usw. von dort hervor, ganz wie aus seinem eigenen Koffer. Selbst die Vorgesetzten erklärten, das sei ein Teufel und kein Mensch. Überall fand er etwas: zwischen den Rädern, in der Deichsel, in den Ohren der Pferde und Gott weiß, wo noch sonst, wo es wohl selbst keinem Dichter in den Kopf käme, etwas zu suchen, und wohin sich höchstens ein Zollbeamter verirren kann. Der arme Reisende konnte sich noch lange, nachdem er die Grenze passiert hatte, nicht auf sich selbst besinnen, wischte sich den Schweiß, der ihm aus allen Poren getreten war, ab, schlug ein Kreuz und murmelte: »Na, na!« Seine Lage erinnerte sehr an die eines Schuljungen, der eben dem Karzer entronnen ist, wohin der Lehrer ihn rief, um ihm eine kleine Standrede zu halten und ihn statt dessen zu seinem höchsten Erstaunen kräftig durchwalkte. Bald wußten sich die Schmuggler vor ihm nicht mehr zu retten: er war der Schrecken und die Verzweiflung der gesamten polnischen Judenschaft. Seine Ehrlichkeit und Unbestechlichkeit waren unvergleichlich und geradezu unnatürlich. Er legte sich nicht einmal ein kleines Kapital aus den konfiszierten Waren und den beschlagnahmten Sachen an, welche dem Staate vorenthalten wurden, um die unnützen Schreibereien zu vermeiden. Ein solcher uneigennütziger Eifer im Dienst mußte natürlich allgemeines Staunen erregen und schließlich auch der Regierung zu Ohren kommen. Er erhielt einen Titel und wurde befördert, woraufhin er der Regierung ein Projekt vorlegte, wie man sämtliche Schmuggler fangen und dingfest machen könnte. Diesem Projekte legte er nur noch die Bitte um Einsendung der hierzu erforderlichen Mittel bei. Sogleich wurde ihm das Oberkommando und die unbeschränkte Vollmacht zur Ausführung aller möglichen Untersuchungen und Ermittelungen erteilt. Das war es allein, was er brauchte. Um diese Zeit hatte sich gerade eine große Gesellschaft von Schmugglern gebildet, welche ganz bewußt und planmäßig vorgingen: das freche Unternehmen versprach, Millionen abzuwerfen. Tschitschikow hatte schon längst etwas davon erfahren und sich sogar geweigert, die Abgesandten zu kaufen, indem er ganz trocken erklärte, die Zeit sei noch nicht gekommen. Nachdem er jedoch alle Fäden in seiner Hand hatte, benachrichtigte er die Gesellschaft sofort, indem er ihr sagen ließ: Jetzt ist es Zeit. Er hatte fast zu sicher gerechnet. In einem Jahre hätte er hier mehr gewinnen können, als er sich je in zwanzig Jahren durch noch so eifrige Diensttätigkeit erwerben konnte. _Vordem_ wollte er sich nicht mit ihnen einlassen, weil er doch nichts wie eine Schachfigur war, und daher nicht viel erhalten hätte. Jetzt dagegen lagen die Dinge ganz anders, jetzt konnte er ihnen seine Bedingungen diktieren. Damit die Sache sich möglichst glatt abwickle, versuchte er noch einen andern Beamten auf seine Seite zu bringen und das Unternehmen gelang, der Kollege konnte der Versuchung nicht widerstehen, trotzdem seine Haare schon zu grauen begannen. Der Pakt wurde geschlossen und die Gesellschaft schritt zur Tat. Ihre ersten Operationen waren von glänzenden Erfolgen gekrönt. Der Leser hat sicher schon jene berühmte Geschichte von der Reise der gescheidten, spanischen Hammel gehört, welche die Grenze in doppelten Häuten überschritten und dabei für eine Million Brabanter Spitzen unter dem Pelze mitnahmen. Dieses ereignete sich gerade zu der Zeit, als Tschitschikow beim Zollamt war. Hätte er selbst nicht an diesem Unternehmen teilgenommen, kein Jude in der ganzen Welt hätte es fertig gebracht, einen ähnlichen Streich auszuführen. Nachdem die Hammel die Grenze drei oder viermal überschritten hatten, stellte es sich heraus, daß beide Beamten je vierhunderttausend Rubel Kapital besaßen. Ja man munkelte, daß es bei Tschitschikow sogar in die Fünfhunderttausend gegangen wäre, weil er noch etwas kecker war, als der andre. Gott weiß, welche gewaltige Höhe diese gepriesenen Summen erreicht hätten, wenn nicht irgend ein vertraktes Tier ihnen über den Weg gelaufen wäre. Der Teufel verdrehte beiden Beamten den Kopf. Der Haber stach sie, und sie gerieten ohne jeden Grund aneinander. Während einer lebhaften Unterhaltung nannte Tschitschikow, der vielleicht auch etwas zu viel getrunken hatte, den andern Beamten einen _Popensohn_, worauf dieser, der _wirklich_ der Sohn eines Popen war, sich aus irgend einem Grunde aufs tiefste beleidigt fühlte und ihn sehr heftig und außerordentlich scharf anfuhr. Und zwar sagte er ihm folgendes: »Das lügst du! Ich bin Staatsrat und kein Popensohn. Du bist vielleicht ein Popensohn,« und dann fügte er, um ihm einen Stich zu versetzen und ihn noch mehr zu ärgern, noch hinzu: »Jawohl, so ist's!« Obwohl er unseren Tschitschikow damit noch übertrumpfte, indem er ihm das auf ihn selbst gemünzte Schimpfwort zurückgab, und trotzdem die Wendung: »Jawohl, so ist's« schon stark genug war, genügte ihm dies jedoch noch nicht, sondern er sandte noch außerdem eine geheime Denunziation an die Behörde. Übrigens ging die Rede, beide hätten überdies noch einen Streit wegen eines frischen handfesten Weibleins gehabt, die nach dem Ausdruck der Beamten »kernig« gewesen sei, wie eine Rübe, ja es seien sogar ein paar kräftige Kerle gedungen worden, die unseren Helden eines Abends in einer dunkelen Gasse tüchtig durchwalken sollten; schließlich aber hätten beide Beamten eine Nase erhalten, und ein gewisser Hauptmann Schamschajew habe sich der betreffenden Dame bemächtigt. Wie sich die Sache in Wahrheit zugetragen hat, das weiß Gott allein. Genug, die geheimen Abmachungen mit den Schmugglern wurden ruchbar und kamen an den Tag. Der Staatsrat wurde zwar gleichfalls gestürzt, aber er zog seinen Kollegen mit in seinen Sturz hinein. Die Beamten wurden vor Gericht gestellt, ihr ganzer Besitz konfisziert und versiegelt, und dies alles brach über ihre schuldigen Häupter herein, wie ein Donnerschlag aus heitrem Himmel. Ihr Geist war wie von Rauch und Dunst umnebelt, und als sie wieder zu sich kamen, bemerkten sie mit Entsetzen, was sie angerichtet hatten. Der Staatsrat überlebte diesen Schicksalsschlag nicht und ging irgendwo elendiglich zugrunde, der Kollegienrat aber hielt dem Schicksal stand und blieb fest. Er verstand es, einen Teil der Summe in Sicherheit zu bringen, so fein auch die Witterung der Beamten war, die erschienen waren um die Untersuchung zu leiten; er wandte alle Schliche und Ausflüchte an, deren sich ein erfahrener Mann, welcher die Menschen nur allzu gut kennt, zu bedienen pflegt: hier suchte er durch seine angenehmen Umgangsformen Eindruck zu machen, dort durch rührende Reden, hier wirkte er durch Schmeicheleien, die nie etwas schaden können, und da erwarb er sich die Gunst der Beamten, indem er ihnen etwas zusteckte, mit einem Wort, er wußte seine Sache so gut zu führen, daß er wenigstens keinen so schmählichen und unehrenhaften Abschied erhielt, wie sein Kollege und, wenn auch mit knapper Not, dem Strafrichter entrann. Freilich: das Kapital und all die schönen ausländischen Sachen waren dabei draufgegangen; für diese Dinge hatten sich andre Liebhaber gefunden. Es gelang ihm, sich höchstens zehntausend Rubel aus diesem Zusammenbruch zu retten, die er sich für alle Fälle zurückgelegt hatte, dazu noch zwei Dutzend holländische Hemden, eine kleine Kutsche, wie sie Junggesellen zu besitzen pflegen und zwei Leibeigene: den Kutscher Seliphan und den Bedienten Petruschka, außerdem hatten ihm die Zollbeamten, aus reiner Herzensgüte noch fünf oder sechs Stück Seife geschenkt: damit er sich seine Wangen rein und frisch erhalte -- das war alles. In so trauriger Lage befand sich nun mit einem Male wieder unser Held. Welch ungeheueres Mißgeschick war plötzlich über ihn hereingebrochen! Das nannte er im Dienste der Wahrheit leiden. Man sollte meinen, nach all diesen Stürmen, Versuchungen, Schicksalsschlägen und den bösen Zufällen dieses Lebens hätte er sich mit seinen letzten teuren Zehntausend in den friedlichen Erdenwinkel eines Provinzstädtchens zurückgezogen, um dort für immer einzurosten: da hätte er wohl im geblümten Schlafrock am Fenster eines niedrigen Häuschens gesessen und zugesehen wie Sonntags die Bauern rauften, oder er wäre vielleicht zur Erholung einmal in den Hühnerhof hinabgegangen, um sich persönlich das Huhn anzusehen, aus dem die Suppe gekocht werden sollte, und so hätte er sein Dasein zwar still, doch in seiner Art auch nicht ganz nutzlos hingebracht. Aber es kam anders; man muß der unbezwinglichen Charakterstärke unseres Helden Gerechtigkeit widerfahren lassen. Nach all diesen Schlägen, welche genügt hätten, einen Menschen wenn nicht umzubringen, so doch für immer gegen alles abzukühlen und zahm zu machen, war in ihm jene unerhörte Leidenschaft noch immer nicht erloschen. Er war ärgerlich und zornig, murrte wider die ganze Welt, schimpfte über die Ungerechtigkeit des Schicksals, war empört über die Schlechtigkeit der Menschen, und konnte es dennoch nicht lassen, neue Versuche zu unternehmen. Mit einem Wort: er legte eine Mannhaftigkeit an den Tag, vor der die träge Geduld des Deutschen zu Nichts zusammenschrumpft, welche ja in dem ruhigen, langsamen Blutumlauf seinen Grund hat. Tschitschikows Blut dagegen wallte feurig durch die Adern, und es bedurfte eines starken, vernünftigen Willens, um all jene Triebe zu zügeln, welche in ihm nach außen drängten, um sich hier frei zu ergehen und auszuleben. Er überlegte lange hin und her, und in seinen Überlegungen war immer etwas Richtiges enthalten. Warum bin _ich_ es gerade? Warum mußte das Unglück jetzt über _mich_ hereinbrechen? Wer säumt denn jetzt in seinem Berufe? Alles strebt nach _Erwerb_. Ich habe doch niemand unglücklich gemacht, habe keine Witwe beraubt, keinen Menschen an den Bettelstab gebracht, nur von dem Überflusse genommen dort wo jeder andere an meiner Stelle auch die Hand ausgestreckt hätte. Hätte ich nicht die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, so hätten andere es statt meiner getan. Warum sollen denn andere schwelgen und glücklich sein? Und warum soll ich denn verfaulen wie ein Wurm? Was bin ich jetzt? Wozu tauge ich? Wie soll ich jetzt einem braven Familienvater ins Auge sehen? Muß ich nicht Gewissensbisse empfinden, wenn ich daran denke, daß ich nur die Erde unnütz belaste? Und was sollen einst meine Kinder sagen? -- »Seht unsern Vater an,« werden sie sagen; »er war ein Schweinehund, und hat uns kein Vermögen hinterlassen.«

Wir wissen bereits, daß Tschitschikow sehr besorgt um seine Nachkommen war. Es ist damit eine kitzliche Sache. So mancher würde nicht so tief in den fremden Beutel greifen, wenn sich ihm nicht immer die seltsame, unbegreifliche Frage wie von selbst auf die Lippen drängte: »Und was werden meine Kinder sagen?« Und der künftige Stammvater greift eilig nach dem, was ihm zu allererst unter die Finger kommt, wie ein vorsichtiger Kater, welcher ängstlich zur Seite schielt, ob nicht der Hausherr in der Nähe ist: sieht er ein Stück Seife liegen, eine Kerze, ein Endchen Speck, kommt ihm ein Kanarienvogel unter die Pfoten, er nimmt alles mit und verschmäht nichts. So jammerte und klagte unser Held, und doch arbeitete sein Kopf unaufhörlich weiter. Unabläßlich wollte sich etwas formen und wartete nur auf den Plan zu dem neu zu errichtenden Bau. Und wiederum schrumpfte er zusammen, wieder begann er ein hartes Arbeitsleben, wieder schränkte er sich in allem ein, wieder stieg er aus der Sphäre des Wohlstandes und der Reinheit in den Schmutz und das Elend des Daseins hinab. In Erwartung eines Besseren ließ er sich sogar dazu herbei, das Amt eines Gerichtsvollziehers zu übernehmen, ein Beruf, der sich bei uns noch nicht das Bürgerrecht erkämpft hat, dessen Träger von allen Seiten Püffe und Stöße erdulden müssen, von den niederen Gerichtsbeamten und von ihren Vorgesetzten verachtet werden und zum Antichambrieren, zum Erleiden jeglicher Grobheiten und Beleidigungen verurteilt sind. Allein die Not machte unsern Helden zu allem fähig. Unter den mancherlei Aufträgen, mit deren Ausführung er betraut wurde, gab es auch folgenden: es sollten einige hundert Bauern bei Vormundschaftsgericht verpfändet werden. Das Gut, zu dem die Bauern gehörten, stand vor dem Ruin. Furchtbare Viehseuchen, die Mißwirtschaft spitzbübischer Verwalter, Epidemien, denen die besten Arbeiter zum Opfer fielen, Mißernten und nicht zum mindesten die Unvernunft des Gutsherrn hatten es dem Ruin entgegengeführt. Der Besitzer hatte sich in Moskau ein modernes Haus im neusten und vornehmsten Geschmack erbaut, dabei aber war sein ganzes Vermögen bis zur letzten Kopeke draufgegangen, so daß ihm kaum noch was zum Essen übrig blieb. So sah er sich denn gezwungen, sein einziges Gut, das ihm noch übrig geblieben war, zu verpfänden. Hypothekengeschäfte mit dem Staate waren damals noch ziemlich unbekannt und erst vor kurzem eingeführt, daher entschloß man sich nicht ohne inneres Unbehagen zu einem solchen Schritt. Tschitschikow hatte in seiner Eigenschaft als Gerichtsvollzieher sämtliche Vorbereitungen zu treffen; vor allem sorgte er, daß auch alle Anwesenden in der rechten Stimmung waren (ohne diese vorbereitende Maßnahme ist es bekanntlich nicht einmal möglich, die einfachsten Erkundigungen einzuziehen -- unter einer Flasche Madeira pro Kopf geht's jedenfalls nicht ab), nachdem er also alle, auf die es hierbei ankam, in die rechte Geistesverfassung versetzt hatte, erklärte er ihnen: es gäbe bei dieser Sache noch einen Umstand, der unbedingt berücksichtigt werden müsse: »die Hälfte der Bauern sei gestorben, da müsse man sich in acht nehmen, daß später nicht etwa Klagen laut würden ...« »Sie stehen aber doch in der Revisionsliste, nicht wahr?« sagte der Sekretär. »Freilich,« erwiderte Tschitschikow. »Nun was fürchten Sie denn dann noch?« sagte der Sekretär. »Der eine stirbt, ein andrer wird geboren, nun gut, dann ist doch nichts verloren.« Wie man sieht, verstand es der Sekretär in Versen zu sprechen. Hier aber blitzte in unserem Helden der genialste Gedanke auf, der je einem Menschen in den Kopf gekommen war. »O, ich Einfaltspinsel!« sprach er zu sich selbst, »ich suche meine Handschuhe und sie stecken ruhig in meinem Gürtel! Hätte ich mir all diese Leute, welche gestorben sind, gekauft, noch ehe die neuen Revisionslisten aufgestellt wurden; hätte ich sie mir, sagen wir einmal, für tausend Rubel erworben und dann beim Vormundschaftsgericht verpfändet; dann hätte ich zweihundert Rubel für die Seele bekommen, und das würde heute genau zweimal hunderttausend Rubel ausmachen! Und dazu ist jetzt gerade der günstigste Augenblick: die Epidemie ist erst eben vorüber, die hat gottlob nicht wenige das Leben gekostet! Die Gutsbesitzer haben ihr Geld verspielt, zechen jetzt herum, und haben ihr ganzes Vermögen durchgebracht; alles will nach Petersburg und in den Staatsdienst treten: die Güter liegen darnieder, die Verwalter kümmern sich kaum um sie, mit jedem Jahre wird's schwerer, die Steuern einzutreiben; wie gern wird mir da jeder seine toten Bauern abtreten, nur um keine Kopfsteuer für sie bezahlen zu müssen, ja am Ende nehme ich noch diesem oder jenem ein paar Kopeken dafür ab. Das ist natürlich nicht leicht, es kostet viele Mühe, man muß ewig in Sorgen schweben, daß man hereinfällt, und daß eine neue Geschichte daraus entsteht. Aber wozu hat denn der Mensch schließlich seinen Verstand? Das Gute dabei ist ja eben dies: daß die Sache so unwahrscheinlich ist: niemand wird es recht glauben wollen. Freilich ohne Land kann man sie weder kaufen noch verpfänden; aber ich werde sie eben zu Ansiedelungszwecken kaufen, natürlich: zu Ansiedelungszwecken; jetzt bekommt man ja das Land im Gouvernement Taurien und Cherson fast umsonst; dort kannst du kolonisieren soviel dein Herz begehrt! Ich führe sie eben einfach dorthin: ins Chersonsche Gouvernement; da mögen sie meinetwegen leben! Und die Ansiedelung läßt sich ja auf ganz gesetzlichem Wege vollziehen, nach allen Regeln der Kunst, durch das Gericht. Wenn sie ein Zeugnis verlangen, gut, ich habe nichts dagegen: Warum nicht? Ich werde auch ein Zeugnis mit der eigenhändigen Unterschrift irgend eines Kreisrichters vorlegen. Das Gut wird »Tschitschikowka« oder nach meinem Taufnamen »Pawlowskoje« genannt.« So kam im Kopfe unseres Helden dieser seltsame Plan zustande; ich weiß garnicht, ob ihm die Leser sehr dankbar für ihn sein werden, dagegen läßt es sich kaum ausdrücken, wie sehr der Verfasser sich ihm verpflichtet fühlt; wie dem auch sei, wäre Tschitschikow nicht auf diesen Gedanken gekommen -- nie hätte diese Dichtung das Licht der Welt erblickt.