Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I

Part 31

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Dies war das schwierigste Hindernis, das aber nun genommen war. Von da ab ging es leichter und mit noch größerem Erfolge vorwärts. Man fing an, ihn zu beachten. Besaß er doch alles, was man braucht, wenn man sich auf dieser Welt durchschlagen will: die angenehmen Manieren, das feine Betragen und den kecken Wagemut in allen geschäftlichen Unternehmungen. Mit diesen Mitteln eroberte er sich in kürzester Zeit das, was man ein »warmes Plätzchen« zu nennen pflegt, und wußte es aufs trefflichste auszunützen. Man muß nämlich wissen, daß man um diese Zeit streng gegen die Bestechlichkeit vorzugehen begann. Alle Maßnahmen hatten indes für ihn keine Schrecken, da er sie vielmehr zu seinem eigenen Vorteil auszunutzen wußte, und er legte hierbei einen echt russischen Erfindungsgeist an den Tag, der sich während der Zeiten starken Drucks stets in seiner höchsten Blüte zeigt. Er machte es nämlich folgendermaßen: sobald ein Bittsteller erschien, und die Hand in die Tasche steckte, um eins von den sattsam bekannten »Empfehlungsschreiben des Fürsten Chowanski« wie man sich bei uns in Rußland ausdrückt, hervorzuziehen -- sagte er sogleich mit einem freundlichen Lächeln, wobei er den Bittsteller an der Hand festhielt: »Sie denken wohl, daß ich .... nein, bitte! nein! Das ist unsere Pflicht und Schuldigkeit, das müssen wir auch ohne jede Entschädigung tun! Was das anbelangt, so können Sie ganz ruhig sein. Morgen ist alles in schönster Ordnung! Darf ich fragen, wo Sie wohnen? Sie brauchen sich selbst garnicht zu bemühen. Es wird Ihnen alles nach Hause geschickt!« Der entzückte Bittsteller kehrte ganz begeistert nach Hause zurück und dachte sich: »Endlich mal ein Mensch! ach, wenn es doch mehr solcher gäbe, das ist ja ein wahres Kleinod!« Jedoch der Bittsteller wartet einen Tag, wartet zwei, aber seine Akten wollen noch immer nicht kommen. Am dritten Tag ist es ebenso. Er geht noch einmal in die Kanzlei -- man hat seine Papiere noch garnicht angesehen. Er geht wieder zu seinem Kleinod. »Ach entschuldigen Sie,« sagt Tschitschikow sehr höflich, indem er den Herrn bei beiden Händen ergreift: »Wir hatten so schrecklich viel zu tun, aber morgen, morgen sollen Sie sie unbedingt haben! Es ist mir selbst höchst peinlich!« All diese Worte wurden von geradezu bezaubernden Gesten begleitet. Wenn bei dieser Gelegenheit der Rock aufgeknöpft wurde, so suchte die Hand diesen Fehler sofort wieder gut zu machen, indem sie den Bittsteller daran hinderte. Aber die Akten wollen trotzdem nicht kommen, weder morgen, noch übermorgen, noch überübermorgen. Der Bittsteller fängt an zu überlegen: »Hm! stimmt da vielleicht etwas nicht?« Er erkundigt sich, und erhält die Antwort: »Die Schreiber müssen was bekommen!« »Meinetwegen, warum sollte ich ihnen nichts geben: Sie sollen ihre fünfundzwanzig, meinetwegen sogar fünfzig Kopeken haben.« -- »Nein, damit ist's nicht getan, Sie müssen schon mindestens einen _weißen_ Zettel[7] hinlegen.« »Was? den Schreibern einen weißen?« ruft der Bittsteller erstaunt aus. »Ja, warum regen Sie sich nur so auf?« antwortet man ihm: »das stimmt doch: die Schreiber erhalten wirklich nur ihre fünfundzwanzig Kopeken, der Rest geht an die Herren Vorgesetzten weiter!« Hier schlägt sich der harmlose Bittsteller vor den Kopf und flucht wütend über die neue Ordnung, über die Maßnahmen gegen das Bestechungswesen, und die verfeinerten Umgangsformen der Beamten. Früher, da wußte man wenigstens, was man zu machen hatte: da legte man dem Geschäftsführer einen _roten_ Zettel auf den Tisch, und die Sache war erledigt; jetzt muß man dagegen einen _weißen_ opfern und verliert noch dazu eine ganze Woche, ehe man überhaupt heraus kriegt, was hier eigentlich los ist! ... hol der Teufel diese Uneigennützigkeit und die Vornehmtuerei der Herren Beamten! Der Bittsteller hat natürlich ganz recht: aber dafür gibt's eben heute keine Bestechungen mehr: alle geschäftsführenden Beamten sind rechtschaffene, ehrliche Leute und nur die Schreiber und Sekretäre sind noch Halunken und Gauner. Bald jedoch tat sich vor Tschitschikow ein weites Feld der Tätigkeit auf: es bildete sich eine Kommission für den Bau eines großen Staatsgebäudes. In diese Kommission ließ auch er sich hineinwählen, und wurde eins ihrer tätigsten Mitglieder. Man schritt sofort zur Tat. Sechs Jahre lang bemühte man sich um das Staatsgebäude, aber war es nun das Klima, oder lag es an den Materialien, genug, der Bau wollte durchaus nicht fortschreiten und kam nicht über das Fundament hinaus. Dafür aber schafften sich die Mitglieder der Kommission an verschiedenen Enden der Stadt eine Reihe von schönen Häusern in gut bürgerlichem Stile an; offenbar war dort der Boden etwas besser. Die Herren Mitglieder fingen schon an, sich eines gewissen Wohlstandes zu erfreuen und sich eine Familie zu gründen. Erst jetzt und unter den neuen Verhältnissen begann auch Tschitschikow, sich von dem schwer lastenden Druck seiner strengen Enthaltsamkeitsprinzipien und der Selbstverleugnung zu befreien. Erst jetzt entschloß er sich zu einer milderen Handhabung der Fastenvorschriften, die er solange aufs strengste beobachtet hatte, und nun erst stellte es sich heraus, daß er eigentlich nie ein Feind jener Genüsse gewesen war, deren er sich in den Tagen einer feurigen Jugend so gut zu enthalten verstand, gerade in den Jahren, wo der Mensch noch nicht Herr seiner selbst ist. Er erlaubte sich sogar einen gewissen Luxus: schaffte sich einen Koch und feine holländische Hemden an. Auch kaufte er sich solche Stoffe, wie sie in der Provinz keineswegs allgemein getragen wurden und bevorzugte besonders die braunen und glänzenden hellroten Farben, er schaffte sich auch ein Paar stattliche Pferde an und lenkte selbst seinen Wagen, wobei er wohl die Zügel selbst in der Hand hielt und das Beipferd elegante Seitensprünge machen ließ; jetzt wurde auch die Sitte eingeführt, sich mit einem Schwamm, der in eine Mischung von Wasser und _Eau de Cologne_ getaucht wurde, zu waschen; schon kaufte er sich teure Seife, um seine Haut weich und glatt zu erhalten, schon ...

[Fußnote 7: Fünfundzwanzig Rubel.]

Da wurde plötzlich anstelle der alten Schlafmütze ein neuer Sektionschef ernannt, ein strenger Herr, der beim Militär gedient hatte, und ein geschworener Feind des Bestechungssystems, und alles dessen war, was man Ungerechtigkeit und Unehrlichkeit nennt. Schon am folgenden Tage scheuchte er alle Beamten bis auf den letzten auf, verlangte Rechenschaftsberichte, entdeckte auf Schritt und Tritt Mißstände, sah, daß überall Summen fehlten, bemerkte sofort die stattlichen Häuser im bürgerlichen Stil -- und ordnete sogleich eine Untersuchung an. Die Beamten wurden ihres Dienstes entsetzt; die Häuser im bürgerlichen Stil vom Staate beschlagnahmt und in allerhand wohltätige Anstalten und Schulen für Kantonisten umgewandelt; alle Beamten erhielten eine kräftige Moralpauke, am meisten aber unser Freund Tschitschikow. Sein Gesicht erregte plötzlich trotz seines angenehmen Ausdrucks das höchste Mißfallen des Chefs -- warum eigentlich -- das weiß Gott allein; oft gibt es überhaupt keinen Grund dafür -- genug, er warf einen tödlichen Haß auf Tschitschikow. Und der unerbittliche Chef war geradezu furchtbar in seinem Zorn! Da er aber schließlich doch nur ein alter Soldat war und all die feinen Kniffe und Kunstgriffe des Zivils nicht kannte, gelang es den andern Beamten durch Vortäuschung eines ehrlichen Gesichts und durch die Kunst, sich an alles anzupassen, sich seine Gnade zu erwerben, und der General kam bald in die Hand noch weit größerer und schlimmerer Halunken, die er noch dazu garnicht dafür hielt; ja er war schließlich sogar noch zufrieden, daß er die rechten Leute gefunden habe und rühmte sich ernstlich, wie gut er es verstehe, die Menschen nach ihren Talenten und Fähigkeiten zu würdigen und abzuschätzen. Die Beamten kamen sogleich hinter seinen Charakter und seine Eigenschaften. Alle, die unter ihm standen, wurden gewaltige Wahrheitsfanatiker, die jedes Unrecht und jegliche Ungerechtigkeit unbarmherzig ahndeten; überall, wo sie dergleichen antrafen, verfolgten sie es, so wie ein Fischer mit seiner Harpune einem fetten Stör nachjagt, und zwar mit so großem Erfolg, daß ein jeder von ihnen in ganz kurzer Zeit im Besitz von einigen Tausend Rubeln Kapital war. Um dieselbe Zeit bekehrten sich auch mehrere von den früheren Beamten und wurden wieder in Gnaden aufgenommen. Tschitschikow allein wollte es nicht glücken, sich wieder beim Chef einzuschmeicheln; so sehr sich auch der erste Sekretär des Generals unter dem Eindruck eines Empfehlungsbriefes des Fürsten Chowanski um ihn bemühte und für ihn einsetzte, er, der so vortrefflich die Lenkung und Steuerung der Nase des Gouverneurs verstand -- er vermochte dennoch nichts auszurichten. Der General war nun einmal ein solcher Mensch, der sich wohl an der Nase herumführen ließ (übrigens ohne, daß er es selbst wußte); hatte sich aber einmal ein Gedanke in seinem Kopfe festgesetzt, dann saß er so fest, wie ein eiserner Nagel und keine Macht der Welt hätte ihn wieder herausziehen können. Alles was der kluge Sekretär erreichen konnte, war, daß die alte schmutzige Dienstliste vernichtet wurde, aber selbst hierzu konnte er seinen Chef nur veranlassen, indem er an sein Mitleid apellierte und ihm in glühenden Farben das traurige Schicksal Tschitschikows und seiner unglücklichen Familie ausmalte, die ja Gott sei Dank garnicht existierte.