Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I

Part 30

Chapter 303,784 wordsPublic domain

Ich bin sehr im Zweifel, ob der Held meiner Dichtung dem Leser gefallen wird. Den Damen wird er ganz sicher nicht gefallen, das läßt sich schon im Voraus mit Bestimmtheit behaupten -- denn die Damen wollen, daß ihr Held ein Muster jeglicher Vollkommenheit darstelle, und wenn ihm nur der kleinste leibliche oder seelische Makel anhaftet, dann ist es für immer vorbei. Der Autor mag ihm noch so tief in die Seele hineinleuchten, sein Bild reiner zurückstrahlen lassen, als ein Spiegel -- der Mann hätte doch nicht den geringsten Wert in ihren Augen. Schon die Fülle und das Alter Tschitschikows müssen ihm sehr schaden: diese Fülle wird man unserem Helden nie verzeihen, und viele Damen werden sich verächtlich abwenden und sagen: »Pfui, wie häßlich er ist!« Ach ja! Das alles ist dem Autor wohl bekannt, und dennoch -- und trotz alledem kann er sich keinen tugendhaften Menschen zum Helden wählen ... Allein ... vielleicht wird man in dieser selben Erzählung noch nie angeschlagene Saiten vernehmen, wird der russische Geist in ihr in seinem unendlichen Reichtum vor uns erscheinen, ein Mann begabt mit göttlichen Vorzügen und Tugenden an uns vorüberschreiten, oder ein herrliches russisches Mädchen, wie man es auf der ganzen Welt nicht wieder findet, ausgestattet mit allen Schönheiten der weiblichen Seele voll hochherzigen Strebens und zu jedem höchsten Opfer bereit! Verblassen und dahinschwinden werden vor ihnen alle tugendhaften Männer und Frauen anderer Stämme, wie der tote Buchstabe vor dem lebendigen Wort! Zum Lichte drängen werden sich alle mächtigen Regungen der russischen Seele, .. und es wird an den Tag kommen, wie tief die slavische Natur ergreift und festhält, was nur die Oberfläche fremder Völker streifte ... Allein, warum soll ich davon reden, was noch vor uns liegt? Nicht ziemt sich's für den Dichter, der längst des Mannes reifes Alter erreichte, und den die ernste Strenge inneren Lebens und die erfrischende Nüchternheit der Einsamkeit härteten und stählten, dem Knaben gleich sich zu vergessen. Jedes Ding hat seinen Platz und seine Zeit! Und doch, trotz alledem ward nicht der Tugendhafte zum Helden erwählt. Wir können es sogar sagen warum er nicht erwählt ward. Weil es endlich einmal Zeit ist dem armen Tugendbold etwas Ruhe zu gönnen; weil das Wort »tugendhafter Mensch« fortwährend auf allen Lippen schwebt; weil man den tugendhaften Menschen zu einem Steckenpferd gemacht hat, und weil es keinen Schriftsteller mehr gibt, der nicht beständig auf ihm herumreitet und ihn fortgesetzt mit seiner Peitsche und Gott weiß womit sonst noch, vorwärts treibt; weil man den tugendhaften Menschen so zu Tode gehetzt hat, daß bald auch nicht der Schatten einer Tugend mehr an ihm sein wird, und nur noch ein paar Rippen und etwas Haut statt des Leibes von ihm übrig bleiben werden, weil man den tugendhaften Menschen einfach nicht mehr achtet. Nein, es ist endlich Zeit, auch mal den Schurken vor den Wagen zu spannen. Und so wollen wir ihn denn vor unseren Wagen spannen!

Bescheiden und dunkel ist die Herkunft unseres Helden. Seine Eltern waren Edelleute, ob freilich von altem oder _nur_ von persönlichem Adel -- das weiß der liebe Gott. Äußerlich zeigte er keine Ähnlichkeit mit ihnen: wenigstens hatte eine Verwandte, die bei seiner Geburt zugegen war, eine kleine kurze Dame, die man bei uns zu Lande einen Kiebitz zu nennen pflegt, das Kind auf die Arme genommen und ausgerufen: »Ach herrjeh! der ist aber ganz anders, wie ich ihn mir vorgestellt habe! Er sollte eigentlich der Großmama von mütterlicher Seite ähnlich sein, das wäre sicherlich das Beste gewesen, statt dessen gleicht er, wie das Sprichwort sagt: weder Vater noch Mutter sondern 'nem wandernden Junker.« Das Leben sah ihn anfangs unfreundlich und mürrisch, wie durch ein trübes vom Schnee verwehtes Fenster an: er hatte weder einen Freund, noch Genossen seiner Kinderjahre! Ein kleines Stübchen, mit kleinen Fensterchen, die weder im Sommer noch im Winter geöffnet wurden; sein Vater war ein kranker Mann in einem langen mit Lammfell gefütterten Rock, und in gestrickten Pantoffeln, die er über die nackten Füße zog; beständig ging er im Zimmer auf und ab, seufzte und spuckte in den Sandnapf in der Ecke, ewig mußte der Knabe auf der Bank sitzen, die Feder in der Hand, Finger und Lippen mit Tinte beschmiert, die unvermeidliche Vorschrift vor Augen: »Du sollst nicht lügen, sollst die älteren Leute ehren und die Tugend im Herzen tragen!« Das ewige Klappern und Schlürfen der Pantoffeln, die bekannte, ewig rauhe und strenge Stimme: »Machst du schon wieder Dummheiten?« die sich immer dann vernehmen ließ, wenn das Kind, angewidert von der Einförmigkeit seiner Beschäftigung, irgend ein Häkchen oder Schnörkelchen an einem Buchstaben anbrachte; und dann das lang bekannte aber immer peinliche Gefühl, das den Worten folgte, wenn die Nägel der langen Finger sich von hinten heranbewegten und das Ohrläppchen so schmerzhaft zusammendrehten. Das ist das traurige Bild seiner ersten Kindheit, an die ihm nur eine schwache Erinnerung geblieben war. Aber im Leben ändert sich alles schnell und plötzlich: eines schönen Tages, als die ersten Strahlen der Frühlingssonne die Erde erwärmten, und die Bäche zu rauschen begannen, nahm der Vater seinen Sohn bei der Hand und bestieg mit ihm einen Bauernwagen, der von einem braungescheckten Pferdchen gezogen wurde, einem von jener Sorte, welche unsere Pferdehändler »Elstern« zu nennen pflegen; der Wagen wurde von einem kleinen, buckligen Kutscher gelenkt, dem Stammvater der einzigen Leibeigenenfamilie, die Tschitschikows Vater gehörte. Fast anderthalb Tage lang dauerte die Fahrt, unterwegs übernachtete man einmal, setzte über einen Fluß, nährte sich von kalten Pasteten und gebratenem Hammelfleisch, und erreichte erst am dritten Tage gegen Morgen die Stadt. Diese machte einen tiefen Eindruck auf den Knaben durch den ungeahnten Glanz und die Pracht ihrer Straßen, daß er den Mund vor Erstaunen weit aufriß. Dann plumpste die »Elster« mitsamt dem Wagen in eine Grube, welche den Anfang einer engen, abschüssigen und ganz mit Schmutz bedeckten Straße bildete; lange arbeitete sie dort aus aller Kraft, watete mit den Beinen im Kot herum, angespornt und ermuntert von dem buckligen Kutscher und dem Herrn selbst, bis sie die Kutsche schließlich aus dem Dreck herauszog und in einem kleinen Hof landete; dieser lag an einem kleinen Hügel; vor dem alten Häuschen standen zwei blühende Apfelbäume und hinter demselben befand sich ein kleines niedriges Gärtchen, das nur aus ein paar Ebereschen, Hollunderbüschen und einem ganz tief im Innern liegenden kleinen hölzernen Hüttchen bestand, welches mit Dachschindeln gedeckt war und ein einziges halberblindetes Fensterchen hatte. Hier wohnte eine Verwandte von Tschitschikow, ein altes vertrocknetes Mütterchen, die aber noch jeden Morgen auf den Markt ging und ihre Strümpfe an der Teemaschine trocknete. Sie klopfte den Jungen auf die Wange und freute sich darüber, daß er so dick und wohlgenährt aussah. Hier sollte er von nun ab bleiben und die städtische Schule besuchen. Der Vater blieb die Nacht über bei der Alten. Am andern Tage machte er sich wieder auf den Weg, um nach Hause zu fahren. Als er sich von seinem Sohne verabschiedete, vergoß er keine Träne: er gab ihm einen halben Rubel Kupfergeld für die kleinen Ausgaben und Naschwerk, und was bei weitem wichtiger war, noch ein paar weise Lehren dazu: »Merk dir's Pawluscha, lerne was Ordentliches, treib keine Dummheiten und mach keine schlechten Streiche, vor allem aber: such stets deinen Vorgesetzten und Lehrern zu gefallen. Wenn du's deinen Vorgesetzten recht machst, wird dir alles gelingen, selbst wenn du unbegabt bist und keine großen Fortschritte in den Wissenschaften machen solltest; und du wirst all deine Mitschüler überholen. Laß dich nicht zu viel mit den Kameraden ein; sie werden dir nicht viel Gutes beibringen; aber wenn es dennoch dazu kommt, dann wähle dir die zu Freunden, die wohlhabend und reich sind, denn sie können dir helfen und von Nutzen sein. Sei nicht zu freigiebig und gastfrei, sondern mache es immer so, daß die anderen dich einladen und freihalten; vor allem aber: sei sparsam und ehre den Pfennig: auf ihn kannst du dich eher verlassen, als auf alles in der Welt. Deine Freunde und Kameraden werden dich übers Ohr hauen, sie sind die ersten, die dich im Unglück verlassen, der Pfennig aber wird dich _nie_ verlassen, weder in Not noch Gefahr! Mit dem Pfennig kannst du alles durchsetzen, wirst du alles erreichen, wonach dein Herz nur begehrt.« Nach diesen weisen Lehren verabschiedete sich der Vater von seinem Sohne und trat die Rückreise mit seiner »Elster« an. Der Sohn sollte ihn nie wiedersehen, allein, er bewahrte seine Worte und Lehren tief in der Seele.

Noch am folgenden Tage fing Pawluscha an, die Schule zu besuchen. Besondere Fähigkeiten für eine bestimmte Wissenschaft legte er nicht an den Tag; er zeichnete sich mehr durch Fleiß und Ordnungsliebe aus; dafür aber kam bei ihm bald eine andere Fähigkeit zum Durchbruch: ein großer praktischer Verstand. Er begriff sofort, worum es sich handelte und benahm sich im Verkehr mit den Kameraden ganz so, wie der Vater es ihn gelehrt hatte, d. h., er ließ sich stets einladen und freihalten, er selbst dagegen tat nie etwas derartiges, ja, er hob sich sogar mitunter die erhaltenen Gaben und Geschenke auf, um sie später bei Gelegenheit an den Geber selbst zu verkaufen. Schon als Kind hatte er es gelernt, sich alles zu versagen. Von dem halben Rubel, den er vom Vater erhalten hatte, nahm er keine Kopeke, sondern fügte noch im selben Jahre etwas zu dieser Summe hinzu, wobei er einen großen Unternehmungsgeist an den Tag legte: er knetete aus Wachs einen Dompfaffen, strich ihn hübsch an und verkaufte ihn sehr vorteilhaft. Dann versuchte er es eine Zeitlang mit andern Spekulationen und zwar mit folgenden: er kaufte auf dem Markte Eßwaren ein und setzte sich in der Schule neben die, welche am reichsten waren und das meiste Geld hatten; und wenn er bemerkte, daß einem Kameraden schlecht wurde -- was ein Zeichen des eintretenden Hungergefühles war -- ließ er ihn unter der Bank, wie im Versehen, die Ecke eines Pfefferkuchens oder eines Brötchens sehen. Hatte er ihn dann ganz wild gemacht, so nahm er ihm eine bestimmte Summe ab, die stets in einem gewissen Verhältnisse zur Größe seines Appetites stand. Zwei Monate lang machte er sich in seiner Wohnung ununterbrochen mit einer Maus zu schaffen, die er in einen kleinen hölzernen Käfig eingesperrt hielt; er brachte es endlich soweit, daß sich die Maus auf die Hinterbeine stellte, sich auf Befehl hinlegte und wieder aufrichtete, worauf er sie dann gleichfalls mit hohem Gewinn losschlug. Als er sich auf diese Weise ungefähr fünf Rubel zurückgelegt hatte, nähte er sie in ein Säckchen ein, und fuhr fort, neues Geld zu sparen. In seinem Verhalten zur Schulobrigkeit war er noch klüger. Niemand verstand es so gut, wie er, mäuschenstill auf der Bank zu sitzen. Hier müssen wir bemerken, daß der Lehrer ein großer Freund der Ruhe und eines guten Betragens war und die klugen und gescheiten Jungen nicht leiden konnte; es schien ihm immer, daß diese über ihn lachten. Es braucht nur einer, der im Verdacht stand, gescheit und witzig zu sein, sich ein wenig auf der Bank zu bewegen oder im Versehen mit der Wimper zu zucken, um den Zorn des Lehrers auf sich zu lenken. Er verfolgte und strafte ihn ganz unbarmherzig. »Ich will dir deinen Hochmut und deine Aufsässigkeit austreiben!« rief er, »ich kenne dich durch und durch, so wie du dich selbst nicht kennst! Kniee einmal nieder! Du sollst schon erfahren, wie der Hunger schmeckt!« Und der arme Knabe mußte sich die Kniee durchscheuern und tagelang hungern, ohne selbst zu wissen, warum. »Fähigkeit, Begabung, Talent -- das ist alles Unsinn!« pflegte der Lehrer zu sagen, »ich sehe vor allem aufs Betragen. Einem Schüler, der sich anständig benimmt, würde ich auch dann noch die besten Noten in allen Fächern geben, wenn er keinen Deut von allem versteht; wo ich dagegen jenen bösen Geist des Widerspruches und der Spottlust entdecke -- da gibt's eine 0 selbst wenn er einen Solon in die Tasche steckte!« So pflegte der Lehrer zu sprechen; daher haßte er auch Krylow so ingrimmig, weil dieser in einer seiner Fabeln gesagt hatte: »Sauf meinethalben, doch verstehe deine Sache!« Auch erzählte er immer mit großer Befriedigung, wobei sein Gesicht und seine Augen leuchteten, wie in der Schule, in der er früher unterrichtet hatte, eine solche Stille geherrscht habe, daß man eine Mücke durchs Zimmer fliegen hören konnte; daß keiner von den Schülern während des ganzen Jahres auch nur _einmal_ zu husten und sich während der Stunde zu schneuzen wagte, und daß bis zum Glockenzeichen niemand hätte entscheiden können, ob jemand in der Klasse war oder nicht. Tschitschikow erfaßte sofort den Geist und die Absichten des Lehrers und was dieser unter einem guten Betragen verstand. Er bewegte kein Auge und zuckte während der ganzen Stunde auch nicht _einmal_ mit der Wimper, man mochte ihn kneifen und zwicken, soviel man wollte; sowie das Glockenzeichen ertönte, stürzte Tschitschikow kopfüber an die Türe, um dem Lehrer als erster die Mütze zu reichen -- der Lehrer trug eine gewöhnliche Bauernmütze; hierauf verließ er zuerst die Klasse und suchte ihm recht häufig auf der Straße zu begegnen, wobei er jedesmal ehrerbietig den Hut abnahm. Sein Verhalten war vom schönsten Erfolge gekrönt. Die ganze Zeit über, während er die Schule besuchte, war er sehr gut angeschrieben, und bei seinem Abgang erhielt er ein vorzügliches Zeugnis mit den besten Noten in sämtlichen Fächern und außerdem noch ein Buch mit einer Inschrift in goldenen Lettern: »Für lobenswerten Fleiß und musterhaftes Betragen.« Bei seinem Abgang von der Schule war er bereits ein Jüngling von recht anziehendem Äußeren, mit einem Kinn, das der sorgsamen Pflege durchs Rasiermesser bedurfte. Um diese Zeit starb sein Vater. Er hinterließ seinem Sohne vier völlig abgetragene Flaushemden, zwei alte Röcke, die mit Lammfell gefüttert waren und eine ganz unbedeutende Geldsumme. Der Vater verstand es offenbar nur, gute Lehren im Sparen zu erteilen, er selbst aber hatte nur wenig zurückgelegt. Tschitschikow verkaufte sogleich das alte Häuschen samt dem dazugehörigen dürftigen Grund und Boden für tausend Rubel, und schickte die Leibeigenen-Familie die es bewohnt hatte, nach der Stadt, da er beabsichtigte, sich daselbst niederzulassen und in den Staatsdienst einzutreten. Um diese Zeit wurde sein armer Lehrer, der soviel Wert auf Ruhe und gutes Betragen legte, wegen seiner Unfähigkeit oder einer andern Verfehlung halber entlassen; er begann vor Gram zu trinken; aber bald reichten die Mittel nicht einmal mehr dazu; krank, hilflos, ohne einen Bissen Brot verkam und verhungerte er in irgend einer ungeheizten abgelegenen Dachkammer. Als seine früheren Schüler, hinter deren Witz und Scharfsinn er immer Ungehorsam und Aufsässigkeit gewittert hatte, von seiner Lage erfuhren, veranstalteten sie sofort eine kleine Geldsammlung für ihn, und verkauften sogar einige von ihren eigenen Sachen, die sie nur schwer entbehren konnten; nur Pawluscha Tschitschikow machte Ausflüchte, er habe nichts, und opferte bloß ein armseliges silbernes Fünfkopekenstück, das ihm die Kameraden mit den Worten: Oh, du Geizhals! vor die Füße warfen. Der arme Lehrer bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen, als er von dieser Handlung seiner früheren Schüler erfuhr; die Tränen stürzten ihm in Bächen, wie bei einem hilflosen Kinde aus den erlöschenden Augen. »Noch auf dem Totenbett schickt Gott mir diese Tränen!« rief er mit schwacher Stimme, er seufzte schmerzlich, als er vernahm, wie Tschitschikow an ihm gehandelt hatte und fügte hinzu: »Ach, Pawluscha, Pawluscha! Wie sich doch der Mensch verändert! Was für ein braver artiger Junge er doch war! Er hatte so gar nichts Wildes und war so weich wie Seide. Wie hat er mich betrogen, o, wie hat er mich doch betrogen! ...«

Und doch kann man nicht sagen, daß die Natur unseres Helden so rauh und hart, und daß sein Gefühl so abgestumpft war, daß er weder Mitleid noch Teilnahme kannte. Beide Gefühle waren ihm sehr wohl bekannt, und er wäre zu jeder Hilfe bereit gewesen, nur durfte sie nicht in einem gar zu großen Geldopfer bestehen, denn unter keinen Umständen hätte er die Summe angegriffen, die er beschlossen hatte, nie auszugeben; mit einem Wort, der väterliche Rat: »sei sparsam und ehre den Pfennig« war auf guten Boden gefallen. Und doch hing er nicht am Gelde, um des Geldes selbst willen; Geiz und Habsucht waren keineswegs die Triebfedern, die ihn ganz beherrschten. Nein, nicht sie waren die Motive, von denen er sich leiten ließ; was ihm vorschwebte, war ein Leben in Wohlstand und Überfluß, mit jeglichem Komfort, Equipagen, ein wohlgeordneter Haushalt, schmackhafte Diners -- das war es, was ihn ganz erfüllte und fortwährend beschäftigte. Und dazu sparte und ehrte er die Kopeke, die er sich selbst und andern versagte, um, wenn die Stunde schlagen würde, all diese Herrlichkeiten voll auszukosten. Wenn irgend ein reicher Mann in einem leichten eleganten Wagen, mit stolzen Pferden in schimmerndem Geschirr an ihm vorüberjagte, dann blieb er wie festgewurzelt stehen, und sprach dann wie wenn er aus tiefem Traum erwachte: »Und er war doch ein gewöhnlicher Handlungsgehilfe und trug gekräuseltes Haar!« Alles, was von Reichtum und Wohlstand zeugte, machte einen so tiefen Eindruck auf ihn, daß er es mitunter selbst nicht recht verstehen konnte. Als er die Schule verließ, ruhte er nicht einmal ein wenig aus: so stark war sein Wunsch, so schnell als möglich ans Werk zu gehen und in den Staatsdienst einzutreten. Allein trotz der vorzüglichen Zeugnisse gelang es ihm nur eine unbedeutende Stelle in der Finanzkammer zu erhalten; selbst in den entlegensten Nestern kommt man nicht ohne Protektion aus! Schließlich fand sich doch noch ein kleines Pöstchen, mit einem Gehalt von dreißig bis vierzig Rubel jährlich. Aber er war fest entschlossen, sich ganz dem Dienste zu widmen und alle Hindernisse zu besiegen und zu überwinden. Und in der Tat, er legte eine geradezu unerhörte Selbstverleugnung und Geduld an den Tag, und schränkte seine Bedürfnisse auf das Allernotwendigste ein. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend saß er unermüdlich hinter seinem Tische, ohne daß seine geistigen und körperlichen Kräfte nur im geringsten nachließen, schrieb und schrieb, verschwand vollkommen hinter seinen Akten, ging kaum nach Hause, schlief in der Kanzlei auf dem Tische, aß mitunter mit den Hausknechten und Wächtern zu Mittag und verstand es bei alledem, sich ein sauberes wohlgepflegtes Äußeres zu bewahren, sich anständig zu kleiden, seinem Gesicht einen angenehmen Ausdruck zu verleihen und sogar seinen Bewegungen einen gewissen Adel zu geben. Man muß sagen, daß die Beamten der Finanzkammer sich besonders durch ihre Unscheinbarkeit und Häßlichkeit auszeichnen. Sie hatten alle Gesichter wie schlecht gebackene Semmel; eine Backe war geschwollen, das Kinn war schief, die Oberlippe aufgedunsen wie eine Blase, und noch dazu gesprungen; mit einem Wort es sah gar nicht hübsch aus. Sie führten alle eine sehr strenge Sprache, und ihre Stimme war so rauh, als wollten sie einen durchhauen; sie brachten dem Gott Bachus reichliche Opfer, sie bewiesen, daß sich bei den Slaven noch mancherlei Reste von Heidentum erhalten haben; ja sie kamen sogar häufig etwas angeheitert in den Dienst, so daß es im Amtszimmer recht ungemütlich wurde, da man die Luft nichts weniger als aromatisch nennen konnte. Unter solchen Beamten mußte Tschitschikow natürlich auffallen, war er doch fast in allem das vollkommene Gegenteil von ihnen; seine Züge waren eindrucksvoll, seine Stimme angenehm, auch enthielt er sich aller geistigen Getränke. Und doch wurde ihm die Karriere durchaus nicht leicht gemacht. Er erhielt einen ganz alten Aktuar zum Chef, ein wahres Muster starrer Gefühllosigkeit und Unerschütterlichkeit; er blieb immer gleich unnahbar, nie belebte ein Lächeln sein Gesicht, nie kam er einem freundlich grüßend entgegen, oder erkundigte sich nach dem Befinden. Noch nie hatte ihn jemand anders gesehen, als er sich immer zu geben pflegte, nicht einmal zu Hause oder auf der Straße; nie äußerte er das geringste Interesse oder etwas wie Teilnahme an fremdem Schicksal; nie war es ihm begegnet, daß er betrunken gewesen wäre und in diesem Zustand einmal herzhaft gelacht hätte; nie hatte er sich einem wilden Taumel hingegeben, wie es selbst der Räuber in Augenblicken des Rausches tut; -- von alledem war auch nicht ein Schatten bei ihm zu finden. Er war frei von Bosheit und Güte, aber gerade in diesem vollständigen Mangel aller starken Gefühle und Leidenschaften lag etwas Grauenerregendes. Sein hartes Marmorgesicht, an dem man keinen unsymmetrischen Zug entdeckte, erinnerte an kein Menschenantlitz und in seinen Linien herrschte eine rauhe Proportion. Nur die zahlreichen Pockennarben und -Gruben, mit denen es übersät war, machten es zu einem von jenen Gesichtern, auf denen der Teufel nachts Erben drischt. Man sollte meinen, es hätte über alle Menschenkraft gehen müssen, einem solchen Menschen näher zu treten und seine Zuneigung zu gewinnen; Tschitschikow aber wagte dennoch diesen Versuch. Zuerst suchte er sich ihm in allerhand unbedeutenden Kleinigkeiten gefällig zu erweisen; er untersuchte sorgfältig wie die Federn geschnitten waren, mit denen der Aktuar schrieb, dann besorgte er sich ein paar von der genannten Art, und legte sie so hin, daß jener sie leicht finden konnte; er blies und wischte den Streusand und Tabak von seinem Tische ab; schaffte einen neuen Lappen für das Tintenfaß an; ferner lief er stets nach seiner Mütze -- der häßlichsten Mütze, die es je auf der Welt gab, und legte sie jedesmal kurz vor dem Schluß der Sitzung neben ihn hin; oder er bürstete ihm den Rücken ab, wenn er sich an der Wand weiß gemacht hatte u. s. f. Aber dies alles machte nicht den geringsten Eindruck, gerad als ob es überhaupt nicht geschehen wäre. Schließlich jedoch gelang es Tschitschikow, einen Einblick in das Familienleben seines Chefs zu gewinnen: er erfuhr, daß er eine erwachsene Tochter hatte, deren Gesicht gleichfalls so aussah, als ob »nachts Erbsen darauf gedroschen« würden. Und nun versuchte er die Festung von dieser Seite zu bestürmen. Er hatte in Erfahrung gebracht, welche Kirche sie Sonntags besuchte; er stellte sich also jedesmal aufs feinste und tadelloseste gekleidet, mit einem prachtvoll gestärkten Vorhemd _vis à vis_ von ihr auf, und die Sache hatte Erfolg: der gestrenge Aktuar ließ sich erweichen und lud ihn zum Tee ein! Im Handumdrehen war es so weit gekommen, daß Tschitschikow zu ihm ins Haus zog und sich hier bald geradezu unentbehrlich zu machen wußte; er kaufte Mehl und Zucker ein, verkehrte mit der Tochter wie mit seiner Braut, nannte den Herrn Aktuar »Papachen« und küßte ihm die Hand. Im Gericht war alles überzeugt, daß Ende Februar, vor den großen Fasten die Hochzeit stattfinden werde. Der gestrenge Aktuar bemühte sich sogar bei seinem Vorgesetzten für ihn, und bald darauf saß Tschitschikow selbst als Aktuar auf einem Platz, der gerade frei geworden war. Das war wohl der Hauptzweck seiner Annäherung an den greisen Aktuar gewesen, denn noch am selbigen Tage ließ er seinen Koffer heimlich zu sich nach Hause tragen und am folgenden Tage nahm er sich schon eine andere Wohnung. Er hörte auf, den Aktuar »Papachen« zu titulieren und ihm die Hand zu küssen, die Sache mit der Heirat wurde immer weiter hinausgeschoben, fast als ob überhaupt niemals davon die Rede gewesen wäre. Trotzdem drückte er dem Aktuar auch fürderhin, wenn er ihm begegnete, zärtlich die Hand, lud ihn zu sich zum Tee ein, so daß der Alte trotz seiner großen Schwerfälligkeit und seiner hartnäckigen Gleichgültigkeit jedesmal den Kopf schüttelte und murmelte: »Hat der mich beschwindelt, dieser Satan!«