Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I

Part 29

Chapter 293,533 wordsPublic domain

Er suchte sich Nosdrjow möglichst schnell vom Halse zu schaffen, ließ sofort Seliphan rufen und befahl ihm, sich bei Sonnenaufgang bereit zu halten, weil er am nächsten Morgen um 6 Uhr die Stadt verlassen wolle. Daher trug er ihm noch einmal auf, nach allem zu sehen, den Wagen ordentlich zu schmieren usw. usw. Seliphan sagte nur: Zu Befehl, Pawel Iwanowitsch, blieb aber trotzdem eine Weile an der Türe stehen, ohne sich vom Fleck zu rühren. Der Herr befahl Petruschka, sofort den Koffer unter dem Bett hervorzuholen, der schon mit einer dicken Staubschicht bedeckt war, und begann zusammen mit seinem Burschen all seine Sachen einzupacken; dabei machte er nicht viel Umstände und warf alles, was ihm unter die Hände kam, in einen Korb hinein: Strümpfe, Hemden, die _reine_ und die _schmutzige_ Wäsche, Stiefelbürsten, einen Kalender usw. Dies alles wurde in aller Eile eingepackt, denn er wollte unbedingt noch am selben Abend damit fertig sein, um am anderen Morgen nicht unnütz Zeit zu verlieren. Seliphan stand noch ein paar Minuten an der Türe und verließ dann leise das Zimmer. Ganz bedächtig und so langsam, wie man sich's nur vorstellen kann, stieg er die Treppe hinunter, indem er den Abdruck seiner feuchten Stiefel auf den abgetretenen Stufen zurückließ. Und lange noch stand er da und kratzte sich den Hinterkopf. Was bedeutet diese Gebärde? und was hat sie überhaupt zu bedeuten? War es der Ärger, daß die für morgen verabredete Zusammenkunft mit irgend einem Kollegen in einem ebenso ärmlichen Pelze und einem ähnlichen Gürtel um die Taille in irgend einer kaiserlichen Schenke sich zerschlagen hatte; oder hatte sich an dem neuen Ort schon eine Herzensaffäre angesponnen, und nun sollte es aus sein mit dem Stehen unter dem Toreingange und mit dem höflichen Händedrücken abends in der Dämmerung, wenn die Burschen im roten Hemde vor den Mägden auf der Balalaika[6] klimperten und die bunte Volksmenge nach des Tages Last und Mühe leise Reden wechselt -- oder war es nur der Schmerz, das warme Plätzchen in der Küche am Ofen unter dem Pelze, die Genossen, die Kohlsuppe und die weiche Pastete, wie man sie nur in der Stadt bekommt, verlassen zu müssen, um sich aufs neue in den Regen und Schnee hinauszubegeben und die Strapazen und Unbill der Reise auf sich zu nehmen? Das mag Gott wissen -- errate wer's will. Gar vielerlei hat es zu bedeuten, wenn sich das russische Volk hinter den Ohren kratzt.

[Fußnote 6: Ein Saiteninstrument: eine Art Guitarre.]

Elftes Kapitel.

Es kam jedoch ganz anders als Tschitschikow vermutet hatte. Erstlich wachte er viel später auf, als er beabsichtigte -- dies war die erste Unannehmlichkeit -- dann stand er auf und schickte sofort jemand hinunter, um zu erfahren, ob der Wagen in Ordnung, die Pferde angespannt und alles zur Abreise bereit sei, mußte aber zu seinem Leidwesen erfahren, daß die Pferde nicht angespannt und noch gar keine Anstalten zur Abreise getroffen seien -- und dies war die zweite Unannehmlichkeit. Das brachte ihn geradezu in Wut, er nahm sich sogar schon vor, unserem Freunde Seliphan einen ordentlichen Nasenstüber zu versetzen, und wartete mit Ungeduld, was der wohl für eine Ausrede zu seiner Entschuldigung vorbringen würde. Bald erschien Seliphan auch in der Tür, worauf sein Herr das Vergnügen hatte, dieselben Reden über sich ergehen zu lassen, die man stets von den Bedienten zu hören bekommt, wenn man verreisen will und große Eile hat.

»Man muß doch aber die Pferde zuerst beschlagen lassen, Pawel Iwanowitsch!«

»Ach du Hundsfott! Du Klotz du! Warum hast du mir das denn nicht früher gesagt? Du hast doch wohl Zeit genug dazu gehabt?«

»Hm, ja, Zeit hätt' ich freilich dazu gehabt ... Aber dann ist da noch was mit dem Rade los, Pawel Iwanowitsch ... Man wird einen neuen Reifen aufsetzen müssen, der Weg hat so viele Gruben und Löcher, und ist so holperig ... Ja, und dann habe ich noch etwas vergessen: der Kutschbock ist entzwei, der ist so wackelig, daß er keine zwei Stationen mehr halten kann.«

»Schurke!« schrie Tschitschikow, schlug die Hände zusammen und ging auf Seliphan los, daß dieser Angst bekam, sein Herr könne ihm ein recht unangenehmes Geschenk machen, auswich und ein paar Schritte zurücktrat.

»Willst du mich umbringen? Willst du mich töten? Was? Du willst mich wohl am Wege ermorden, wie ein Räuber und Strauchdieb? Du Schwein du, du Meerungeheuer! Drei Wochen lang rühren wir uns nicht vom Fleck! Und wenn er nur ein einziges Wort gesagt hätte, der nichtsnutzige Kerl! Statt dessen verschiebt er alles bis auf die letzte Stunde! Jetzt wo schon alles so weit ist, daß man einsteigen und fortfahren möchte, gerade da muß er einem solch einen Streich spielen! Was ...? Du hast es doch gewußt? Hast du es etwa nicht gewußt? Wie? Antworte! Nun?«

»Freilich!« antwortete Seliphan und ließ den Kopf hängen.

»Nun warum hast du dann nichts gesagt? Wie?« Auf diese Frage erfolgte keine Antwort. Seliphan stand noch immer mit gesenktem Kopfe da, und schien zu sich selbst zu sprechen: »Siehst du wohl, wie das gekommen ist: ich hab's doch gewußt, und trotzdem nicht gesagt!«

»So, lauf jetzt zum Schmied und laß ihn kommen. In zwei Stunden muß alles fertig sein, verstanden? Spätestens in zwei Stunden! Wenn's dann nicht fertig ist, dann -- dann nehm ich dich und binde dich zu einem Knoten zusammen!« Unser Held war ganz außer sich vor Wut.

Seliphan wollte schon hinausgehen, um den Befehl seines Herrn auszuführen; aber er besann sich noch einen Augenblick, blieb stehen und sagte: »Wissen Sie, gnädiger Herr, den Schecken, den sollte man eigentlich verkaufen, wirklich Pawel Iwanowitsch, das ist so ein Schurke ... bei Gott, solch ein gemeiner Gaul, der hindert einen ja nur!«

»So? ich soll wohl gleich auf den Markt laufen und ihn verschachern. Was?«

»Bei Gott, Pawel Iwanowitsch. Der sieht nur so kräftig aus; in Wirklichkeit ist er höchst verschlagen und unzuverlässig, so ein Pferd gibt's gar nicht wieder ...«

»Esel! Wenn es mir paßt, dann verkaufe ich ihn schon selbst. Hält der Kerl hier noch lange Reden! Paß mal auf; wenn du mir nicht gleich ein paar Schmiede holst, und wenn mir nicht in zwei Stunden alles fix und fertig ist, dann kriegst du einen Nasenstüber, daß du nicht weißt, wo dir der Kopf steht! Mach, daß du raus kommt! Marsch!« Seliphan verließ das Zimmer.

Tschitschikow war in der schlechtesten Laune, die man sich denken kann, und warf seinen Säbel, den er auf Reisen immer bei sich trug, um die Leute in Furcht und Respekt zu halten, wütend auf den Boden. Mehr als eine Viertelstunde zankte er sich mit den Schmieden herum, ehe er mit ihnen einig wurde, denn diese waren, wie das zu geschehen pflegt, ganz abgefeimte Gauner und forderten das Sechsfache, als sie merkten, daß Tschitschikow es sehr eilig hatte. So sehr er sich auch ereiferte, sie Diebe, Räuber und Wegelagerer nannte, es wollte alles nichts fruchten; er versuchte es sogar, sie mit dem jüngsten Gericht zu schrecken; aber auch das machte keinen Eindruck auf die Schmiedegesellen, sie blieben fest, und ließen nicht nur nichts vom geforderten Preise ab, sondern brauchten noch dazu statt zwei Stunden ganze fünfeinhalb, um den Wagen in Ordnung zu bringen. Während dieser Zeit konnte Tschitschikow in vollen Zügen jene schönen Minuten genießen, die jeder Reisende so gut kennt, wenn die Koffer gepackt sind und nur noch einige Stücke Bindfaden, ein paar Papierfetzen und anderer Plunder im Zimmer herumliegen, wenn der Mensch noch nicht im Wagen sitzt, aber auch nicht ruhig zu Hause bleiben kann, und schließlich ans Fenster tritt, um sich die Leute anzusehen, die unten auf der Straße vorüber gehen oder eilen, über ihre Groschen sprechen, ihre blöden Blicke neugierig auf ihn richten und ruhig ihrer Wege gehen, was den armen Reisenden, der durchaus nicht fort kann, noch mehr verstimmt. Alles was er sieht: der vor ihm liegende Kaufladen, der Kopf der alten Frau, die im gegenüberliegenden Hause wohnt, und von Zeit zu Zeit immer wieder an das mit kurzen Gardinen verhängte Fenster tritt, -- alles widert ihm an, und doch kann er sich nicht entschließen, vom Fenster wegzugehen. Er rührt sich nicht vom Fleck, seine Gedanken verlieren sich ins Uferlose, er vergißt _sich_ und seine ganze Umgebung, um gleich darauf wieder zu den vertrauten Gegenständen zurückzukehren. Stumpfen Sinnes betrachtet er alles, was um ihn herum lebt und webt, und zerdrückt schließlich ärgerlich eine Fliege, die summend gegen die Fensterscheibe fliegt und ihm dabei gerade unter die Finger kommt. Aber alles in der Welt hat ein Ende, und der ersehnte Augenblick bricht an: endlich war alles in Ordnung: der Kutschbock war repariert, wie es sich gehörte, das Rad hatte einen neuen Reifen, die Pferde hatten zu trinken bekommen, und die Schmiede entfernten sich, nachdem sie ihr Geld noch einmal nachgezählt und Tschitschikow eine glückliche Reise gewünscht hatten. Endlich waren auch die Pferde vor den Wagen gespannt; dann wurden noch schnell zwei warme Bretzel, die man soeben gekauft hatte, in die Kutsche gepackt, auch Seliphan steckte sich noch etwas in die Tasche, die am Kutschbock angebracht war, und unser Held verließ den Gasthof, um seinen Wagen zu besteigen, begleitet vom Kellner, der wie immer seinen baumwollenen Rock anhatte, und grüßend seinen Hut schwenkte, sowie von ein paar Kutschern und Lakaien, die teils zum Gasthof gehörten, teils herbeigelaufen waren, um zu sehen, wie der fremde Herr abfährt; nebst allem sonstigen Zubehör, wie es bei einer Abreise nie fehlen darf; Tschitschikow setzte sich in die Equipage, und die bekannte Junggesellenkutsche, die so lange unbenutzt im Stall gestanden hatte und den Leser vielleicht schon zu langweilen beginnt, rollte zum Tore hinaus. »Gott sei Dank!« dachte Tschitschikow und schlug ein Kreuz. Seliphan knallte mit der Peitsche, Petruschka, der erst eine Weile auf dem Trittbrett gestanden hatte, nahm neben ihm Platz, unser Held setzte sich recht bequem auf dem grusischen Teppich zurecht, legte sich ein Lederkissen in den Rücken, wobei er die beiden warmen Bretzel kräftig zusammendrückte, und der Wagen setzte sich aufs neue, hopsend und springend in Bewegung, dank dem Pflaster, welches ja bekanntlich eine beträchtliche Schwungkraft besaß. Mit einem seltsamen unklaren Gefühl blickte Tschitschikow auf die Häuser, die Mauern, die Zäune und Straßen, die gleichfalls auf und ab zu hüpfen schienen und langsam an seinen Augen vorüberzogen. Weiß Gott, ob es ihm beschieden sein würde, sie in seinem Leben noch einmal wiederzusehen. Bei einer Straßenkreuzung mußte der Wagen Halt machen, er wurde nämlich durch einen Leichenzug aufgehalten, der sich die ganze Straße entlang dahin bewegte. Tschitschikow steckte den Kopf aus dem Wagen, und sagte Petruschka, er solle einmal fragen, wer da beerdigt werde. Es stellte sich heraus, daß es der Staatsanwalt war. Äußerst unangenehm berührt, lehnte Tschitschikow sich schnell in eine Ecke zurück, ließ den Wagen aufklappen und zog die Vorhänge zu. Während die Equipage still stand, nahmen Seliphan und Petruschka fromm ihre Mützen ab und sahen sich den Zug aufmerksam an, wobei sie sich besonders für die Wagen und ihre Insassen zu interessieren und genau nachzuzählen schienen, wie viele von den Leidtragenden fuhren, und wie viele zu Fuß gingen; auch ihr Herr, der ihnen befohlen hatte, sich nicht zu erkennen zu geben und keinen von den bekannten Lakaien zu grüßen, sah sich den Zug durch ein kleines Fenster im ledernen Verdeck an. Alle Beamten folgten entblößten Hauptes dem Sarge. Tschitschikow fürchtete sich einen Augenblick, sie könnten seine Equipage erkennen; aber sie achteten gar nicht auf sie. Sie unterhielten sich nicht einmal über jene praktischen Fragen, welche gewöhnlich gestreift werden, wenn man an einer Beerdigung teilnimmt. All ihre Gedanken konzentrierten sich auf sich selber; sie dachten darüber nach, was der neue Generalgouverneur wohl für ein Mann sei, wie er die Geschäfte verwalten, und wie er sich zu ihnen stellen werde. Auf die Beamten, welche zu Fuß gingen, folgte eine Reihe von Wagen, aus denen Damen mit schwarzen Hauben und Schleiern hervorblickten. Nach den Bewegungen ihrer Hände und Lippen mußte man schließen, daß sie in einer lebhaften Unterhaltung begriffen waren: vielleicht sprachen auch sie über die Ankunft des neuen Generalgouverneurs, äußerten ihre Vermutungen über die Bälle die er geben würde und sorgten schon jetzt für ihre neuen Rüschen und Aufsätze. Zuletzt kamen noch einige leere Droschken hinter den Equipagen hergefahren, eine hinter der andern, und dann kam lange nichts mehr, die Bahn war frei, und unser Held konnte weiterfahren. Er ließ das Lederverdeck herunter, seufzte aus tiefster Seele, und sagte: »Das war der Staatsanwalt! Er lebte und lebte, und nun ist er tot! Jetzt werden sie in den Zeitungen schreiben, er sei gestorben zum großen Schmerz all seiner Untergebenen und der ganzen Menschheit, er der stets ein geachteter Bürger, ein seltener Vater, das Muster von einem Gatten gewesen sei; was werden sie nicht _noch_ alles schreiben: vielleicht fügen sie auch noch hinzu, daß die Tränen der Witwen und Waisen ihn bis ans Grab begleiteten; sieht man sich aber die Sache aus der Nähe an, und geht man ihr ordentlich auf den Grund, dann war an dir eigentlich nichts merkwürdig, außer deinen buschigen Augenbrauen.« Und er rief Seliphan zu, er solle sich beeilen und sprach zu sich selber: »Eigentlich ist es doch ganz gut, daß wir einem Leichenzuge begegnet sind, man sagt, es bedeute Glück, wenn ein Leichenwagen vorüberfährt.«

Unterdessen fuhr der Wagen schon durch die öden und leeren Straßen der Vorstadt, und bald sah man zu beiden Seiten nichts mehr, als lange Bretterzäune, welche das Ende der Stadt ankündigten. Nun hörte auch schon das Straßenpflaster auf, da war der Schlagbaum, die Stadt lag hinter den Reisenden -- man befand sich auf der öden einsamen Landstraße. Und wieder jagte der Wagen den Postweg entlang mit seinen altbekannten Bildern zu beiden Seiten: seinen Meilensteinen, Stationsbeamten, Brunnen, Fuhren, Lastwagen, den grauen Dörfern mit ihren Teemaschinen, den Bauernfrauen und dem forschen bärtigen Hausherrn, der mit einem Hafersack aus der Herberge gelaufen kommt, dem Wanderer, in zerrissenen Bastschuhen, welcher vielleicht schon siebenhundert Werst zurückgelegt hat, den munteren Städtchen mit ihren hölzernen Läden, Mehlfässern, Bastschuhen, Bretzeln und dem übrigen Plunder, den scheckigen Schlagbäumen, den ewig in Reparatur befindlichen Brücken, den unübersehbaren Feldern hüben und drüben, den Erntewagen, dem reitenden Soldaten, der einen grünen Kasten voll Artilleriefutter mit der Inschrift: An die so und so vielste Artilleriebrigade! mit sich führt, den grünen, gelben oder frisch aufgeworfenen _schwarzen_ Streifen Ackerlandes, die hie und da in der Steppe auftauchen, dem aus der Ferne herüberklingenden melancholischen Gesang, den Kiefernwipfeln in zartem Nebeldunst, dem verhallenden Glockengeläute, den Scharen wilder Raben, die vorüberziehen gleich Fliegenschwärmen und dem endlosen grenzenlosen Horizont ... Oh, Rußland! mein Rußland! ich sehe dich, sehe dich aus meiner herrlichen wundersamen Ferne. Arm, weit verstreut und unfreundlich sind deine Gaue, kein frohes Wunder der Natur, gekrönt von frechen Wunderwerken kühner Kunst -- erheitern oder schrecken hier den Blick, keine Städte mit vielfenstrigen hohen Palästen in wilde Felsen eingebaut, keine malerischen Bäume und Efeuranken, in Häuser eingewachsen, umbraust vom Staube ewiger Wasserfälle; nicht braucht das Haupt sich zurückzuneigen, um mit dem Blick den grenzenlos zur Höhe emporgetürmten Gebirgsblöcken folgen zu können; nicht blitzen hinter langgestreckten, dunklen Säulengängen, um die sich Rebenzweige, Efeu und Millionen wilder Rosen schlingen: nicht blitzen hinter ihnen auf die ewigen Linien ferner leuchtender Berge, die sich in silberklaren Himmeln verlieren. Frei, wüst und offen liegst du da; wie kleine Pünktchen oder Zeichen, so ragen aus der Ebene deine niedrigen Städte auf: nichts lockt, verführt, bezaubert unseren Blick. Und dennoch, welch unbegreifliche, geheimnisvolle Kraft zieht mich zu dir? Warum klingt unaufhörlich dein melancholisches, nie verstummendes, die ganze unermeßliche Weite durcheilendes, von Meer zu Meere dringendes Lied uns im Ohr? Welch ein geheimer Zauber liegt in diesem Liede? Was ruft und lockt, was schluchzt darin und greift so seltsam uns ans Herz? Was sind das für Töne, die unsere Seele so zärtlich umschmeicheln und küssen, zum Herzen dringen und es süß umspinnen? O, Rußland! sag, was willst du nur von mir? Welch unbegreiflich Band ist zwischen uns geknüpft? Was blickst du mich so an, und warum hält alles, alles was dich erfüllt, seine Augen so erwartungsvoll auf mich gerichtet? ... Noch immer steh' ich zweifelnd und unbeweglich da, schon hat die finstere regenschwangere Wolke mein Haupt beschattet, und schon verstummt der Gedanke von deiner grenzenlosen Ausdehnung. Was verheißt diese unermeßliche Freiheit und Weite? Oder sollte hier, in deinem Schoße, auch der unendliche Gedanke geboren werden, wo du doch selber kein Ende hast? Nicht hier der Held erstehn? wo frei der Raum sich weitet, auf daß _er_ sich entfalte und ausbreite und frei dahinschreite? Und furchtbar umfängt mich der majestätische Raum, der tief mein Inneres erschüttert mit all seinen Schrecken; von einer übernatürlichen Macht ward mein Auge erleuchtet ... O, welch eine schimmernde, wunderbare unbekannte Ferne! Mein Rußland! ...

»Halt, halt, du Esel!« rief Tschitschikow Seliphan zu.

»Ich hau dir gleich eins mit meinem Pallasch runter!« schrie ihn ein vorübersprengender Feldjäger an, der einen Schnurrbart von der Länge eines Meters hatte. »Siehst du denn nicht, daß das ein staatlicher Wagen ist? hol dich der Teufel!« Und wie eine Vision verschwand unter Donner und Staubwolken das Dreigespann.

Welch eine seltsame, wunderbare Lockung liegt doch in dem Worte: Landstraße! Und wie _herrlich_ ist sie selbst, diese _Landstraße_! Ein heller Tag, Herbstblätter, die Luft ist kalt ... Hüll dich tiefer in deinen Regenmantel! Die Mütze über die Ohren, und schmieg dich enger und gemütlicher in deine Wagenecke! Ein letztes Mal noch läuft uns ein Schauer durch unsere Glieder, und schon durchströmt uns behagliche Wärme. Die Rosse jagen dahin ... Wie lockend naht der Schlummer. Die Augenlider senken sich. Und wie im Halbschlaf erklingt noch einmal das Lied: »Nicht weißer Schnee ...«, das Schnauben der Pferde und das Rasseln der Räder und schon schnarchst du laut, indem du deinen Nachbar tief in die Wagenecke drückst. Doch nun erwachst du: fünf Stationen liegen hinter dir; der Mond steht hoch am Himmel; du fährst durch eine unbekannte Stadt, vorbei an Kirchen mit altertümlichen Holzkuppeln und dunkelen Turmspitzen, an finsteren hölzernen und weißen steinernen Häusern vorüber: hie und da ein breiter Streifen schimmernden Mondlichts, gleich als ob weiße Leinentücher über Wände und Straßen gebreitet wären, kohlschwarze Schatten legen sich schräg darüber, wie flimmerndes Metall glänzen die helleuchtenden Holzdächer: und keine Seele rings umher: alles schläft. Nur ein einsamer Lichtschein fällt hier oder dort aus einem kleinen Fenster: ist es ein Bürgersmann, der seine Stiefel stopft, oder ein Bäcker, der sich beim Ofen zu schaffen macht? -- was kümmert's dich, o, welche Nacht! Himmlische Mächte! welch eine Nacht webt droben in der Höhe! O Luft, o Himmel, weiter hoher Himmel in deiner unerreichbaren Tiefe, der du dich so unfaßbar klar und helltönend über uns breitest! ... Kühl weht dir in die Augen der kalte Atem der Nacht und lullt dich ein in süßen Schlaf; nun schlummerst du, vergißt dich ganz und schnarchst -- doch zornig bewegt und schüttelt sich dein armer, in die Ecke gezwängter Nachbar unter deiner allzu schweren Bürde. Von neuem erwachst du, und wieder liegen vor dir Felder und Steppen; leer ist's um dich herum, frei dehnt die Ebene sich in die Weite. Ein Meilenstein nach dem andern fliegt an dir vorüber; der Morgen steigt empor; am bleichen kalten Horizont erscheint ein matter Goldstreifen, kühler und kräftiger weht dir der Wind um die Ohren. Hüll dich tiefer in deinen Mantel! Welch herrliche Kälte! Wie wunderbar umfängt aufs neue dich der Schlummer! Ein Stoß und abermals erwachst du. Die Sonne steht schon im Zenith. »Vorsicht, Vorsicht!« ruft's neben dir, der Wagen jagt den steilen Berg hinab. Unten wartet eine Fähre: ein breiter, klarer Teich, der wie ein kupferner Kessel in der Sonne glänzt; ein Dorf, mit malerischen Hütten an den Hängen; wie ein Stern blitzt abseits das Kreuz der Dorfkirche; wie tiefes Summen tönt der Bauern munteres Geplauder, und unbezwinglicher Appetit regt sich im Magen ... Mein Gott, wie schön ist doch bisweilen solch weiter, weiter Reiseweg! Wie oft schon klammerte ich mich gleich einem Untergehenden und Ertrinkenden an dich, und jedes Mal noch zogst du mich empor und rettetest hochherzig mich Armen! Und wieviel herrliche Gedanken und Träume voll wundersamer Poesie wurden auf solche Weise geboren, wie viele beglückende Eindrücke erfüllen schon die Seele! ... Indessen auch Freund Tschitschikows Träume waren durchaus nicht so ganz prosaischer Art. Sehen wir einmal zu, was für Gefühle ihn beseelten! Anfangs empfand er überhaupt nichts und sah sich immer wieder um, weil er sich überzeugen wollte, ob die Stadt auch wirklich hinter ihm läge; aber als er sah, daß sie längst verschwunden war, und keine Schmiede, keine Mühle, noch sonst etwas von alledem, was um eine Stadt herum zu liegen pflegt, mehr zu entdecken war, und selbst die weißen Spitzen der steinernen Kirchen längst in die Erde gesunken waren, da richtete sich seine ganze Aufmerksamkeit auf den Weg; er blickte nach rechts und nach links, die Stadt N. war ganz vergessen, wie wenn er vor _langer, langer_ Zeit, in seiner frühesten Kindheit dort gewesen wäre. Schließlich fing auch der Weg an, ihn zu langweilen, er machte die Augen ein wenig zu und lehnte den Kopf an das Kissen. Der Autor muß gestehen, daß er sich eigentlich darüber freut, da er doch _so_ endlich einmal Gelegenheit findet, einige Worte über seinen Helden zu sagen, denn bisher wurde er ja immer -- der Leser weiß es ja selbst -- bald durch Nosdrjow, bald durch irgend einen Ball, bald durch die Damen oder den Stadtklatsch, oder durch tausend andere Kleinigkeiten daran gehindert, die immer erst dann als Kleinigkeiten erscheinen, wenn sie im Buche stehen, dagegen immer für höchst wichtige Angelegenheiten gehalten werden, solange sie noch in der Welt umherschwirren. Nun aber wollen wir alles beiseite legen und uns ganz der Sache selbst widmen.