Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I

Part 28

Chapter 283,738 wordsPublic domain

Höchst seltsame Leute, diese Herren Beamten, und mit ihnen die Vertreter aller anderen Berufe: sie wußten doch ganz genau, daß Nosdrjow ein Lügner sei, daß man ihm kein Wort glauben könne, selbst da nicht, wo es sich um eine Bagatelle handelte und doch nahmen sie zu ihm ihre Zuflucht. Da mag einer den Menschen verstehen! Er glaubt nicht an Gott, aber glaubt dafür, daß er unbedingt sterben müsse, wenn ihm seine Nase juckt; er geht gleichgültig an einer Schöpfung des Dichters vorbei, welche so deutlich für sich zeugt, wie das Licht der Sonne, ganz durchdrungen ist von innerer Harmonie und schlichter weiser Einfalt, um sich gierig auf das Erzeugnis eines kecken Kopfes zu stürzen, der ihm irgend ein wirres, krauses Zeug vorschwatzt und die Natur verrenkt und vergewaltigt. Und das gefällt ihm. Da tut er den Mund weit auf und schreit mit lauter Stimme: »Seht ihr! das ist reine Herzenskündigung!« Sein ganzes Leben lang pfeift er auf die Ärzte, um am Ende zu einem alten Weibe zu laufen, welches die Leute mit Sympathiemitteln und Spucke kuriert, oder er braut sich gar selbst ein Dekokt aus irgend einem Zeug, weil ihm plötzlich die tolle Idee kommt, es könne ihm etwas gegen seine Krankheit nützen. Man hätte natürlich die Herren Beamten mit ihrer schwierigen Lage entschuldigen können. Man sagt ja, daß ein Ertrinkender nach einem Strohhalm greife, und daß er nicht soviel Überlegung habe, um sich zu sagen, auf einem Strohhalm könne höchstens eine Fliege einen Spazierritt wagen, nicht aber er, der vier oder gar fünf Zentner wiegt; aber wie gesagt, in der Gefahr stellt er diese Überlegung überhaupt nicht an und greift nach dem Strohhalm. So nahmen denn auch unsere Herren schließlich ihre Zuflucht zu Nosdrjow. Der Polizeimeister schrieb ihm sofort einen Brief, in dem er ihn einlud, bei ihm zu Abend zu speisen, und ein Polizeikommissar in hohen Wasserstiefeln und mit freundlichen roten Backen machte sich spornstreichs auf den Weg, nahm seinen Säbel in die Hand und lief im Galopp zu Nosdrjow, um ihm das Schreiben zu überbringen. Nosdrjow war gerade mit einem sehr wichtigen Gegenstande beschäftigt; schon den vierten Tag verließ er das Haus nicht, empfing keinen Menschen und ließ sich sogar das Mittagessen durch das Fenster reichen -- mit einem Wort, er war ganz abgemagert und sah beinah grün im Gesicht aus. Die Sache selbst erforderte die größte Aufmerksamkeit und Sorgfalt: sie bestand in der Auswahl und Zusammenstellung _eines_ Kartenspieles von gleicher Zeichnung aus einem ganzen _Schock_. Dabei mußte die Zeichnung aber so scharf sein, daß man sich auf sie verlassen konnte, wie auf seinen besten Freund. Eine solche Arbeit erfordert mindestens zwei Wochen. Während dieser ganzen Zeit mußte Porphyr dem kleinen Bullenbeißer den Nabel mit einer besonderen Bürste reinigen und ihn dreimal am Tage mit Seife waschen. Nosdrjow war sehr ärgerlich, daß er in seiner Einsamkeit gestört wurde; zuerst schickte er den Polizeikommissar zum Teufel, als er jedoch von dem Polizeimeister erfuhr, daß sich heute abend ein kleines Geschäftchen machen ließe, da irgend ein Neuling zum Souper erwartet werde, war er sofort milder gestimmt; er schloß also sein Zimmer schnell ab, kleidete sich in aller Eile an und begab sich zum Polizeimeister. Nosdrjows Aussagen, Zeugnisse und Vermutungen standen in so scharfem Gegensatz zu denen der Herren Beamten, daß selbst ihre _kühnsten_ Hypothesen über den Haufen geworfen wurden. Dies war tatsächlich ein Mensch, für den es überhaupt kein Schwanken und kein Zweifeln gab; und so schüchtern und vorsichtig _ihre_ Vermutungen waren, so fest und sicher waren die _seinen_. Er antwortete sogleich, _ohne_ auch nur einen Moment zu stocken auf alle Fragen. Er erklärte, Tschitschikow habe für einige tausend Rubel tote Seelen gekauft, und er, Nosdrjow selbst, habe ihm welche verkauft, weil er den Grund einsehe, warum man das nicht tun solle. Auf die Frage, ob jener nicht ein Spitzel sei, der gekommen wäre, um herumzuschnüffeln, antwortete Nosdrjow: natürlich sei er ein Spitzel; schon in der Schule, die sie zusammen besucht hätten, sei er allgemein eine Petze gescholten worden, sämtliche Kameraden, und unter ihnen auch er, hätten ihn dafür einmal so kräftig durchgebläut, daß man ihm nachher allein an den Schläfen zweihundertvierzig Blutegel setzen mußte -- er hatte ursprünglich nur vierzig sagen wollen, aber die zweihundert waren ihm wie von selbst entschlüpft. -- Auf die Frage, ob er nicht falsches Papiergeld mache, antwortete Nosdrjow: natürlich mache er welches. Bei dieser Gelegenheit erzählte er eine Geschichte von Tschitschikows unglaublicher Geschicklichkeit und Gewandtheit: es sei nämlich herausgekommen, daß er in seinem Hause für zwei Millionen falsches Papiergeld versteckt habe. Da habe man denn das Haus gerichtlich gesperrt, einen Posten vor den Eingang und zwei Soldaten vor jede Tür gestellt; Tschitschikow aber hätte die Banknoten in einer Nacht alle miteinander vertauscht, sodaß man am anderen Tage, als die Siegel gelöst wurden, lauter echte Scheine vorfand. Auf die Frage: ob Tschitschikow tatsächlich die Absicht habe, die Tochter des Gouverneurs zu entführen, und ob es denn wahr sei, daß er, Nosdrjow, ihm seine Hilfe und Beistand dazu angeboten habe, antwortete dieser: gewiß habe er ihm geholfen, und wenn er nicht dabei gewesen wäre, so wäre die ganze Sache mißglückt. Hier stockte er ein wenig; er sah nämlich, daß er ohne allen Grund gelogen habe und dadurch leicht in Unannehmlichkeiten geraten konnte, aber er hatte eben die Zunge nicht im Zaum halten können. Und dies war auch keine Kleinigkeit, denn es drängten sich seiner Phantasie gleich so interessante Einzelheiten auf, daß es tatsächlich ein Ding der Unmöglichkeit war, ganz auf sie zu verzichten: so nannte er denn sogar das Dorf, wo sich die Kreiskirche befand, in der die Trauung stattfinden sollte; dies sei nämlich das Dorf Truchmatschowka, der Pope heiße Pater Sidor, die Trauung sollte fünfundsiebzig Rubel kosten, trotzdem aber hätte der Priester seine Einwilligung nie gegeben, wenn ihm Tschitschikow nicht gedroht hätte, er werde es bekannt machen, daß jener den Kaufmann Michael mit einer Verwandten getraut habe; er, Nosdrjow, habe ihnen sogar seinen Wagen zur Verfügung gestellt und auf allen Stationen für Pferde gesorgt. Er verlor sich bereits soweit in Details, daß er sogar die Postillone bei ihrem Namen nannte. Hier wagte es jemand, Napoleon zu erwähnen, aber er wurde dessen selbst nicht froh, denn Nosdrjow schwatzte einen solchen Unsinn zusammen, der nicht nur gar keine Ähnlichkeit mit der Wahrheit hatte, sondern in jeder Beziehung unmöglich war, sodaß die Beamten schließlich aufstanden und seufzend weggingen; nur der Polizeimeister hörte ihm noch lange aufmerksam zu, weil er immer noch erwartete, daß sich was aus ihm herausholen ließe, aber schließlich machte auch er eine hoffnungslose Gebärde und sagte nur: »Pfui Teufel!« Und alle Anwesenden waren mit ihm einverstanden, jede weitere Bemühung gliche wahrhaftig bloß dem Versuch, den Bock zu melken. So war denn die Lage unserer Beamten noch schlimmer als vorher, und man kam zum Schluß, daß es ganz unmöglich sei, herauszukriegen, wer nun Tschitschikow eigentlich sei. Und hier kam es wieder so recht ans Licht, was für ein Wesen der Mensch ist: er ist nur da klug, vernünftig und weise, wo es sich um Sachen handelt, die _andere_ Leute, nicht aber _ihn selbst_ was angehen. Mit was für umsichtigen und wohlüberlegten Ratschlägen versorgt er euch nicht in den schwersten Lebenslagen! »Welch ein gescheiter Kopf!« ruft die Menge: »welch ein unbeugsamer Charakter!« Aber laßt nur einmal irgend ein Unglück über diesen »gescheiten Kopf« hereinbrechen, laßt ihn selbst einmal in schwere Lebenslagen kommen -- wo ist da plötzlich sein Charakter geblieben! dieser unbeugsame Mann steht völlig fassungslos da, er hat sich in einen erbärmlichen Feigling, in ein schwaches, jammerndes Kind oder einfach in einen Waschlappen verwandelt, wie Nosdrjow sich auszudrücken liebte.

All dies Gerede, diese Gerüchte und Hypothesen machten aus irgend einem Grunde den größten Eindruck auf den armen Staatsanwalt. Dieser Eindruck war so stark, daß er nach Hause ging, zu grübeln begann und so ins Grübeln hineinkam, daß er sich eines schönen Tags ganz plötzlich, und ohne daß man hätte sagen können, warum, hinlegte und starb. Hatte ihn ein Schlag gerührt, oder war es etwas anders, genug, er fiel mit einem Mal vom Stuhl herab und streckte sich lang auf den Fußboden aus. Wie das in solchen Fällen zu geschehen pflegt, schrieen alle laut auf vor Schrecken; schlugen die Hände zusammen, riefen: »Ach Gott, ach Gott!« ließen den Arzt holen, um ihn zur Ader zu lassen, und überzeugten sich schließlich, daß der Staatsanwalt nur noch ein seelenloser Leichnam war. Jetzt erst erfuhr man zum allgemeinen Bedauern, daß der Verstorbene tatsächlich eine Seele gehabt hatte, trotzdem er sich in seiner Bescheidenheit nichts davon hatte merken lassen. Und doch war die Erscheinung des Todes _hier_ genau so schrecklich, wo sie sich nur an einem der kleinen Menschen offenbarte, wie wenn sie sich an einem großen manifestiert hätte: er, der noch vor kurzem unter den Lebenden gewandelt war, sich bewegt, Whist gespielt, alle möglichen Papiere unterschrieben und so oft mit seinen buschigen Augenbrauen und den blinzelnden Augen unter den Beamten geweilt hatte, er lag jetzt auf dem Tische, das linke Auge blinzelte nicht mehr, und bloß die eine Augenbraue war noch ein wenig emporgezogen, was dem Gesichte einen seltsamen fragenden Ausdruck verlieh. Was das wohl für eine Frage war, die auf seinen Lippen schwebte? ob er wissen wollte, wozu er gelebt hatte, oder wozu er gestorben sei -- das weiß Gott allein.

»Aber das ist doch unmöglich, das ist ganz undenkbar! das kann doch garnicht sein, daß die Beamten sich gegenseitig so in Furcht und Schrecken jagten, eine solche Verwirrung anrichteten und sich so von der Wahrheit entfernen konnten, wo doch jedes Kind einsehen mußte, um was es sich hier handelte!« So wird mancher Leser sprechen und dem Autor vorwerfen, er bringe unwahrscheinliche und unmögliche Dinge vor, oder man wird die armen Beamten für Narren erklären, weil der Mensch ja bekanntlich sehr freigiebig mit dem Worte »_Narr_« und zwanzigmal am Tage dazu bereit ist, seinen Mitmenschen, diesen Kosenamen an den Kopf zu werfen. Es genügt schon, daß man eine törichte Eigenschaft unter zehn vernünftigen habe, um trotz alledem für einen Narren erklärt zu werden. Der Leser hat es leicht, zu urteilen, wo er ruhig in seinem stillen Winkel sitzt und von seinem hohen Standort, von dem aus sich ihm der ganze weite Horizont auftut, auf das Treiben da unten herabzusehen, wo der Mensch nur gerade _die_ Gegenstände erkennen kann, die sich unmittelbar vor seiner Nase befinden. Und es gibt in der Chronik der Weltgeschichte so manches Jahrhundert, das er einfach streichen und für überflüssig erklären möchte. Wie reich an Irrtümern ist doch die Welt, an Irrtümern die heute vielleicht ein Kind zu vermeiden wüßte. Was für seltsame Schlangenwindungen, was für enge, verwachsene, unzugängliche, abseitsführende Wege wählte die Menschheit in ihrem Streben nach der ewigen Wahrheit, während der gerade Weg offen vor ihren Augen lag, wie der Weg, der in das prunkende Heiligtum des königlichen Palastes führt. Breiter und herrlicher ist er als alle Wege, im strahlenden Sonnenglanze liegt er da und nachts erhellen ihn leuchtende Flammen; und doch irrten die Menschen an ihm vorbei in düsterer Finsternis, oft schon stieg die Vernunft vom Himmel herab und wies sie zurecht. Aber auch jetzt noch schreckten sie zurück, kamen sie immer aufs neue vom rechten Wege ab, verstanden sie es am hellichten Tage, sich in verborgene wüste Gegenden zu verlaufen, immer wieder den andern undurchdringliche Nebel vor die Augen zu weben, und trügenden Irrlichtern nachjagend, bis zu Abgründen vorzudringen, um sich dann mit Entsetzen zu fragen: wo ist ein Steg, wo gibt es einen Ausweg? Wohl ist dies alles unserem in der Klarheit wandelnden Geschlechte bekannt. Es wundert sich über die Verirrungen, es lacht über die Torheiten seiner Vorfahren, aber es sieht nicht, daß diese Chronik mit der Flammenschrift des Himmels geschrieben ist, daß jeder Buchstabe die Wahrheit laut verkündet, daß auf allen Seiten der mahnenden Finger auf es selbst weist, auf unser heute lebendes Geschlecht; aber es lacht das Geschlecht von heute, und stolz und seiner selbst bewußt beginnt es eine neue Reihe von Verirrungen, über welche die Nachkommen ebenso stolz lächeln werden.

Tschitschikow hatte nichts von alledem erfahren; wie mit Absicht hatte er sich gerade um diese Zeit eine leichte Erkältung, Reißen im Gesicht und eine kleine Halsentzündung zugezogen, eine von jenen Krankheiten, mit denen das Klima vieler unserer Provinzstädte die Einwohner besonders freigebig bedenkt. Damit nur sein Leben um Gottes Willen kein jähes Ende nähme, ehe er noch Zeit gehabt, für seine Nachkommenschaft zu sorgen, beschloß er lieber drei, vier Tage zu Hause zu bleiben. Während dieser Zeit gurgelte er beständig mit Milch, in der eine Feige schwamm, welche er jedesmal mit Genuß verzehrte, auch trug er ein kleines Säckchen mit Kamillen und Kampfer auf der Wange. Um sich ein wenig zu zerstreuen, legte er sich ein ausführliches Verzeichnis über die von ihm gekauften Bauern an, las dann noch irgend ein Buch von der Herzogin Savallière, das er in seinem Koffer fand, sah noch einmal alle Zettelchen und Sächelchen durch, die sich in seiner Schatulle befanden, und überflog manches noch einmal, bis ihm auch dies alles langweilig wurde. Er konnte durchaus nicht verstehen, was es zu bedeuten habe, daß kein einziger von den Beamten der Stadt zu ihm kam, um sich nach seiner Gesundheit zu erkundigen, während doch noch vor wenigen Tagen fast immer ein Wagen vor seiner Tür gehalten hatte -- bald der des Staatsanwalts, bald der des Postmeisters, bald der des Präsidenten. Er zuckte fortwährend mit den Achseln, während er im Zimmer auf- und abging. Endlich fühlte er sich etwas besser, und er war ganz glücklich, als er wieder soweit hergestellt war, daß er an die frische Luft gehen konnte. Er machte sich ohne Verzug an die Toilette, öffnete die Schatulle, goß etwas warmes Wasser in ein Glas, nahm Seife und Bürste heraus und ging daran, sich zu rasieren, wozu es übrigens schon längst Zeit war, denn als er sein Kinn mit der Hand befühlte und in den Spiegel blickte, rief er aus: »Das ist ja der reinste Wald!« Und in der Tat: wenn's auch gerade kein Wald war, so ließ sich's doch nicht leugnen, daß auf Kinn und Wangen die Saat üppig sproßte. Nachdem er sich rasiert hatte, kleidete er sich ganz schnell an, ja er sprang beinahe aus seinen Hosen heraus. Endlich war er angezogen; er besprengte sich noch mit Kölnischem Wasser, hüllte sich recht warm in seinen Mantel und trat auf die Straße hinaus, nachdem er sich vorsichtiger Weise vorher noch ein Tuch um die Wange gebunden hatte. Sein erster Ausgang hatte, wie der jedes wiedergenesenen Menschen -- etwas wahrhaft Festliches. Alles, was er erblickte, schien ihm freundlich zuzulächeln, die Häuser und die Bauern auf der Straße, die eigentlich eine sehr ernste Miene zur Schau trugen und von denen schon mancher seinen Bruder übers Ohr gehauen hatte. Sein erster Besuch sollte dem Gouverneur gelten. Unterwegs kamen ihm allerhand Gedanken in den Sinn: bald dachte er an die junge Blondine, ja seine Phantasie schlug sogar ein wenig über die Schnur, und er begann über sich selbst zu lachen und sich über sich selbst lustig zu machen. In solcher Stimmung fand er sich plötzlich dem Hause des Gouverneurs gegenüber. Schon hatte er den Flur betreten und war eben im Begriff, eilig seinen Mantel abzulegen, als der Portier plötzlich auf ihn zuging und ihn durch folgende Worte überraschte: »Ich habe den Befehl erhalten, Sie nicht vorzulassen!«

»Wie? Was fällt dir ein? Du erkennst mich wohl nicht? Sieh mich doch ordentlich an!« fiel Tschitschikow erstaunt ein.

»Gewiß habe ich Sie erkannt! Ich sehe Sie doch nicht zum ersten Mal,« sagte der Portier. »Sie _allein_ darf ich ja gerade nicht vorlassen; jeden andern, nur Sie nicht!«

»Ach was! Weswegen nur nicht, warum denn nicht?«

»So lautet der Befehl; es wird wohl seinen Grund haben,« sagte der Portier und fügte noch ein »Ja« hinzu, worauf er in nachlässiger Haltung vor ihm stehen blieb, ganz ohne jenes freundliche Lächeln, mit dem er ihm sonst so dienstbeflissen aus seinem Mantel herausgeholfen hatte. Wahrscheinlich dachte er sich: »He! wenn dich die Herrschaften von der Schwelle jagen, dann bist du sicherlich irgend ein Prolet!«

»Unbegreiflich!« dachte Tschitschikow und begab sich sofort zum Gerichtspräsidenten; aber der Präsident wurde bei seinem Anblick so verlegen, daß er keine zwei Worte stammeln konnte und solch ein törichtes Zeug zusammenschwatzte, daß alle beide verlegen wurden. Tschitschikow entfernte sich und gab sich unterwegs alle mögliche Mühe, herauszubekommen, was der Präsident eigentlich gemeint, und was seine Worte für einen Sinn gehabt hätten, aber es wollte ihm durchaus nicht gelingen. Dann ging er zu den andern: zum Polizeimeister, zum Vize-Gouverneur, zum Postmeister, aber sie weigerten sich entweder, ihn zu empfangen, oder bereiteten ihm einen so seltsamen Empfang, führten so eigentümliche Reden, wurden so verlegen und benahmen sich so merkwürdig, daß er wirklich annehmen mußte, sie seien nicht ganz bei Verstande. Er machte noch einen Versuch und ging zu einigen Bekannten, um den Grund dieser Veränderung zu erfahren, aber auch hier wollte es ihm nicht glücken. Wie im Halbschlaf irrte er durch die Stadt, ohne entscheiden zu können, ob er selbst verrückt sei, oder die Beamten den Kopf verloren hätten, ob dies alles nur ein Traum, oder alberne törichte Wirklichkeit sei, die noch abgeschmackter war als ein Traum. Erst spät am Abend, als es schon dunkel zu werden begann, kehrte er in seinen Gasthof zurück, den er in so glänzender Stimmung verlassen hatte, und ließ sich vor Ärger und Langeweile Tee bringen. Nachdenklich und in Grübeln über die Seltsamkeit seiner Lage versunken, schenkte er sich eine Tasse Tee ein, als sich plötzlich die Zimmertür auftat und Nosdrjow, den er am allerwenigsten erwartet hatte, hineintrat.

»Für einen Freund ist kein Weg zu weit! wie das Sprichwort sagt,« rief dieser und nahm seinen Hut ab: »ich komme eben vorüber und sehe Licht in deinem Fenster. >Wahrscheinlich schläft er noch nicht, denke ich mir, ich muß doch mal rauf gehen und nachsehen.< Ah! das ist aber schön, daß du Tee hast, ich trinke mit Vergnügen ein Täßchen mit: ich hab' heute allerhand Zeug gegessen und fühle schon, daß mein Magen zu rebellieren beginnt! Laß mir doch bitte eine Pfeife stopfen. Wo ist denn deine Pfeife?«

»Ich rauche doch keine Pfeife,« sagte Tschitschikow trocken.

»Unsinn, als ob ich nicht weiß, daß du ein enragierter Raucher bist. He! Wie heißt doch gleich dein Diener? He Bachrameus, hör mal!«

»Er heißt nicht Bachrameus, er heißt Petruschka.«

»Wie? Du hattest doch früher einen Bachrameus?«

»Ist mir nicht eingefallen!« sagte Tschitschikow. »Richtig, es ist ja wahr. Das ist ja Derebin, der hat einen Bachrameus. Denk mal, was der Derebin für ein Schwein hat: seine Tante hat sich mit ihrem Sohn gezankt, weil der eine Leibeigne geheiratet hat, und nun hat sie dem Derebin ihr ganzes Vermögen zugeschrieben. Das wär doch fein, wenn unser einer so eine Tante hätte, weißt du, das wären schöne Aussichten, was? Sag mal, Freund, was ist denn das mit dir, warum ziehst du dich plötzlich so von uns allen zurück, man sieht dich ja überhaupt nicht mehr. Ich weiß, du beschäftigst dich mit wissenschaftlichen Gegenständen, du liest sehr viel (woraus Nosdrjow schloß, daß unser Held sich mit wissenschaftlichen Gegenständen beschäftigt und sehr viel liest, das können wir, wie wir zu unserem Bedauern gestehen müssen, leider nicht verraten, noch weniger aber hätte es Tschitschikow können). Hör mal Tschitschikow! Wenn du bloß gesehen hättest ... das wär' was für deinen satirischen Geist gewesen. (Warum Tschitschikow einen satirischen Geist haben sollte -- ist leider auch ganz unbekannt.) Denk mal, lieber Freund, beim Kaufmann Liebatschew da haben wir neulich Karten gespielt, nein, und haben wir da aber gelacht! Pererependjew, der mit mir dort war, sagte immer, >wenn doch Tschitschikow bloß hier wäre, das wäre was für ihn!< (Tschitschikow hatte Pererependjew überhaupt nie gesehen.) Nein, gesteh's nur, Bester, damals hast du wirklich gemein an mir gehandelt, weißt du noch, als wir Dame spielten? Ich hatte ja gewonnen ... Aber, du hast mich einfach beschwindelt! Aber, hol's der Teufel, ich kann halt nicht lange böse sein. Neulich beim Präsidenten ... Ach ja, ich muß dir noch sagen: in der Stadt sind alle gegen dich aufgebracht! Sie glauben, daß du falsches Papiergeld machst .. Plötzlich fallen alle über mich her -- na, ich stelle mich natürlich wie ein Berg vor dich hin -- ich habe ihnen was vorerzählt: daß wir zusammen in die Schule gegangen sind, und daß ich deinen Vater gekannt habe; mit einem Wort, ich habe ihnen tüchtig was vorgeschwindelt!«

»Ich soll falsches Papiergeld machen?« rief Tschitschikow aus und sprang vom Stuhl auf.

»Warum hast du sie denn auch so in Schrecken gejagt?« fuhr Nosdrjow fort, »sie sind ja halb toll vor Angst: sie halten dich für einen Spitzel und Räuber. -- Der Staatsanwalt ist ja vor lauter Schreck gestorben .. morgen ist die Beerdigung. Du kommst doch bestimmt? Offen gestanden, sie haben Furcht vor dem neuen Generalgouverneur, und haben Angst, es könnte deinetwegen noch eine Geschichte geben; was den Generalgouverneur anbetrifft, so bin ich freilich der Ansicht, daß er mit dem Adel nichts ausrichten wird, wenn er allzu hochnäsig ist und gar zu dicke tut. Der Adel will mit Liebe behandelt sein: nicht wahr? Man kann sich natürlich in seinem Zimmer verstecken und nie einen Ball geben, aber was nützt das? Damit ist noch nichts gewonnen. Aber hör mal, Tschitschikow, du hast da eine gefährliche Sache unternommen?«

»Was für eine gefährliche Sache?« fragte Tschitschikow unruhig.

»Na, das mit der Entführung der Gouverneurstochter. Offen gesagt, ich habe das von dir erwartet, bei Gott, ich hab es erwartet! Gleich als ich euch zum ersten Mal zusammen auf dem Ball sah: >Na! denke ich mir, der Tschitschikow ist nicht umsonst hier ...< Übrigens hast du keine gute Wahl getroffen; ich finde gar nichts Gutes an ihr. Es gibt da eine andre, eine Verwandte von Bikussow, eine Tochter seiner Schwester, das ist ein Prachtmädel! Da kann man sagen: Einfach entzückend!«

»Was redest du da für ein Blech zusammen? Wer will denn die Tochter des Gouverneurs entführen. Was fällt dir ein?« sagte Tschitschikow und starrte ihn verständnislos an.

»Mach doch keine Sachen, lieber Freund: so ein Geheimniskrämer! Ich will ganz offen sein, ich bin eigentlich nur deswegen zu dir gekommen, um dir meine Hilfe anzubieten. Ich will meinetwegen den Brautkranz halten und dir meinen Wagen und meine Pferde zur Verfügung stellen, nur unter einer Bedingung: du mußt mir dreitausend Rubel leihen. Ich hab sie unbedingt nötig, ich bin in einer verzweifelten Lage.«

Während dieser törichten Reden Nosdrjows rieb sich Tschitschikow mehrmals die Augen, um sich zu überzeugen, ob er nicht etwa träume. Das falsche Papiergeld, die Entführung der Tochter des Gouverneurs, der Tod des Staatsanwalts, dessen Ursache _er_ sein sollte, die Ankunft des Generalgouverneurs, dies alles jagte ihm keinen geringen Schreck ein. »Oh weh, wenn die Sache so steht,« dachte er, »dann darf ich nicht länger säumen, dann muß ich mich schleunigst davonmachen.«