Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I

Part 27

Chapter 273,230 wordsPublic domain

Nach dem Feldzuge vom Jahre 1812, verehrter Herr,« hub der Postmeister an, trotzdem nicht _ein einzelner_ Herr, sondern ganze sechs im Zimmer saßen, »nach dem Feldzug vom Jahre 1812 wurde zusammen mit anderen Verwundeten auch ein Hauptmann namens Kopeikin ins Lazarett eingeliefert. Ein Bruder Leichtfuß und launenhaft wie der Teufel, hatte er alles durchgemacht, was es auf der Welt gibt, war auf der Hauptwache gewesen und hatte manche Stunde Arrest abgesessen. War es bei Krasnoje oder in der Schlacht von Leipzig gewesen, genug, er hatte im Kriege ein Bein und einen Arm verloren. Sie wissen doch, damals gab's noch keine von den bekannten Einrichtungen für die Verwundeten: dieser Invalidenfond, das können Sie sich wohl denken, der wurde sozusagen erst viel später gegründet. Der Hauptmann Kopeikin sieht also, daß er arbeiten muß, aber sehen Sie wohl, er hatte eben nur einen Arm, nämlich den linken. Er wandte sich also nach Hause an seinen Vater, aber der Vater gab ihm zur Antwort: >Ich kann dich nicht auch noch ernähren; ich,< denken Sie sich nur, >ich verdiene mir selbst mit knapper Not meinen Unterhalt.< Da beschloß denn mein Hauptmann Kopeikin, sehen Sie wohl, Verehrtester, da beschloß er nach Petersburg zu reisen und sich an die Behörden zu wenden, ob sie ihm nicht eine kleine Unterstützung zukommen lassen könnten, er habe doch gewissermaßen, sozusagen sein Leben geopfert und sein Blut vergossen ... Er fuhr also in einem Gepäckwagen oder einem staatlichen Transportwagen nach der Hauptstadt, sehen Sie wohl Verehrtester, genug, er gelangte mit Mühe und Not nach Petersburg. Und nun stellen Sie sich vor: da befindet sich _nun_ dieser selbige, d. h. dieser Hauptmann Kopeikin in Petersburg, das sozusagen in der ganzen Welt nicht seinesgleichen hat! Plötzlich ist es um ihn herum licht und hell, gewissermaßen ein weites Feld des Lebens, so eine Art märchenhafte Scheherazade, verstehen Sie mich wohl. Also denken Sie nur, plötzlich liegt vor ihm so ein Newski-Prospekt oder solch eine Erbsenstraße oder, hol's der Teufel, irgend so eine Liteinaja, _da_ ragt irgend so ein Turm in die Luft und dort _hängen_ ein paar Brücken, wissen Sie, so ohne jegliche Stützen und Pfeiler, mit einem Wort die reinste Semiramis. Tatsächlich, Verehrtester! Erst trieb er sich eine Weile in den Straßen herum, um sich eine Wohnung zu mieten; aber das war ihm alles zu brenzlich: all diese Gardinen, Rouleaux und all das Teufelszeug, verstehen Sie, diese Teppiche, das reinste Persien, Verehrtester ... Mit einem Wort, beziehungsweise, man tritt das Kapital nur so mit Füßen. Man geht über die Straße, und die Nase merkt schon von ferne, daß es nach Tausenden riecht; und, Sie wissen doch, die ganze Staatsbank meines Hauptmannes Kopeikin besteht aus fünf blauen Scheinen und noch ein paar Silbergroschen ... Nun also, Sie wissen ja, ein Landgut läßt sich dafür nicht kaufen, d. h. es ließe sich vielleicht kaufen, wenn man noch vierzig Tausend dazulegte; aber die vierzig Tausend muß man sich erst beim König von Frankreich leihen. Genug, er mietet sich schließlich in einem Gasthaus zur Stadt Reval ein, für einen Rubel pro Tag. Sie wissen, ein Mittagessen aus zwei Gängen, eine Kohlsuppe und ein Stück Suppenfleisch dazu ... Er sieht also, daß sein Geld nicht mehr allzu lange reicht. Er erkundigte sich, wohin er sich wenden soll. >Wohin könntest du dich wenden,< sagt man ihm. >Die Beamten der Regierung sind nicht mehr in der Stadt. Sehen Sie wohl, das ist alles in Paris. Die Armee ist noch nicht zurück. Aber es gibt hier eine sogenannte provisorische Kommission. Versuchen Sie's,< sagt man ihm, >vielleicht können Sie dort was ausrichten.< -- >Nun gut, dann gehe ich zur Kommission,< spricht Kopeikin. >Ich werd' es ihnen schon klar machen. So und so steht die Sache. Ich habe, sozusagen, mein Blut vergossen und gewissermaßen mein Leben geopfert.< So stand er denn also eines Morgens etwas früher auf, kratzte sich mit der linken Hand seinen Bart, denn, sehen Sie wohl, wäre er zum Barbier gegangen, so hätte das in gewissem Sinne neue Ausgaben verursacht, zog seine Uniform an und begab sich auf seinem Holzfuß einherhinkend zum Vorsitzenden der Kommission. Stellen Sie sich bloß vor! Er fragt also, wo der Vorsitzende wohnt. Da sagt man ihm, jenes Haus dort am Kai, das gehört ihm. Eine richtige Bauernhütte, verstehen Sie! Fensterscheiben, meterlange Spiegel, Marmor, Lack, denken Sie sich nur, Verehrtester! Mit einem Wort, die Sinne schwinden einem. So 'ne Türklinke aus Metall, der feinste Komfort, sodaß man zuerst in den Laden laufen, sich für einen Groschen Seife kaufen und sich dann, sozusagen, stundenlang die Hände reiben muß, ehe man es wagt, sie anzufassen. Vorn am Eingang, verstehen Sie, da steht ein Portier mit einem großen Säbel, mit so 'ner Grafenphysiognomie, und Batistkragen, rein wie ein wohlgepflegter Mops ... Mein Kopeikin schleppt sich also auf seinem Holzfuß ins Vorzimmer, setzt sich in einen Winkel, um nur nicht mit dem Arm gegen irgend so ein Amerika oder Indien, gegen so eine vergoldete Porzellanvase, verstehen Sie wohl, zu stoßen. Sehen Sie wohl, natürlich mußte er eine halbe Ewigkeit dort warten, weil er zu einer Zeit gekommen war, wo der Vorsitzende, sozusagen, noch kaum aus dem Bett gestiegen war und sein Kammerdiener ihm eben irgend so ein silbernes Becken reichte, verstehen Sie wohl, wo man sich drin wäscht. Mein Kopeikin wartet also vier Stunden lang; da kommt endlich der diensthabende Beamte und sagt: >Gleich kommt der Präsident!< Und schon füllt sich das Zimmer mit allerhand Epauletten und Achselbändern. Mit einem Worte die Menschen drängen sich wie Bohnen in der Schüssel. Endlich, Verehrtester, tritt auch der Präsident herein. Na, Sie können sich natürlich vorstellen: der Präsident in eigener Person sozusagen. Und, natürlich, seinem Rang und Titel entsprechend so eine Physiognomie, so ein Ausdruck, verstehen Sie. Aus allem spricht die »Condewite« des Großstädters. Erst geht er zu einem dann zum andern: >Warum sind Sie hier?< >Und Sie?< >Was wünschen Sie?< >In welcher Angelegenheit kommen Sie?< Zuletzt kommt auch mein Kopeikin an die Reihe: >So und so,< sagt er, >ich habe mein Blut vergossen, ein Bein und einen Arm verloren, sozusagen. Ich kann nicht mehr arbeiten und erlaube mir die Anfrage, ob ich nicht eine kleine Unterstützung, irgend so 'ne Anweisung, beziehungsweise auf eine kleine Gratifikation oder Pension, verstehen Sie wohl, bekommen kann.< Der Vorsitzende sieht der Mann hat einen Stelzfuß und der rechte Ärmel baumelt leer herunter. >Gut!< sagt er, >fragen Sie nach ein paar Tagen mal wieder an!< Mein Kopeikin ist ganz selig. >Na,< denkt er, >die Sache macht sich.< Er ist in einer Laune, können Sie sich vorstellen; hüpft geradezu auf dem Trottoir. Dann ging er ins Restaurant von Palkiku um einen Schnaps zu nehmen, aß in der Stadt London zu Mittag, ließ sich eine Kotelette mit Kapern kommen, dazu 'ne Poularde und allerhand Filets, nebst einer Flasche Wein -- mit einem Wort, es war eine feudale Zeche, sozusagen. Auf dem Trottoir sieht er plötzlich eine Engländerin kommen. Wissen Sie, schlank wie irgend so'n Schwan. Mein Kopeikin, dessen Blut in Wallung geriet, läuft ihr trach, trach, trach auf seinem Stelzfuß nach; >ach nein!< denkt er, >hol die Kurmacherei einstweilen der Teufel; das kommt nachher, wenn ich meine Pension habe. Ich bin schon gar zu sehr aus Rand und Band geraten.< Dabei hatte er an diesem einen Tage, bitte ich zu bemerken, fast die Hälfte seines Geldes durchgebracht. Nach drei vier Tagen, sehen Sie wohl, da kommt er wieder in die Kommission zum Präsidenten: >Ich bin gekommen,< sagt er, >um mir Bescheid zu holen, so und so, infolge der überstandenen Krankheiten und meiner Verwundungen .... Ich habe sozusagen mein Blut vergossen usw., verstehen Sie wohl.< Alles in der amtlichen Sprache, natürlich! >Ja, ja,< sagt der Präsident, >zunächst aber muß ich Ihnen mitteilen, daß ich in Ihrer Sache ohne die Zustimmung der Regierung nichts zu tun vermag. Sie sehen selber, was das für eine Zeit ist. Die kriegerischen Operationen sind gewissermaßen, sozusagen, noch nicht beendigt. Warten Sie die Ankunft des Herrn Ministers ab und gedulden Sie sich bis dahin noch ein wenig. Sie können überzeugt sein, man wird Sie nicht vergessen. Sollten Sie indessen nichts zum Leben haben, so nehmen Sie dies. Das ist alles was ich geben kann ...< Na, Sie verstehen, er gab ihm natürlich nicht viel, aber bei bescheidenen Ansprüchen hätte man bis zum Entscheidungstermin damit auskommen können. Aber mein Kopeikin hatte keine Lust dazu. Er dachte er würde gleich morgen ein paar Tausender erhalten: >Da hast du was, mein Lieber, trink eins und amüsier dich!<; statt dessen aber muß er warten und weiß nicht einmal, bis zu welchem Termin. Und dabei spuken ihm, sehen Sie wohl, all diese Engländerinnen und Soupers und Kotelettes im Kopfe herum. Da kommt er nun wie so'n Uhu, oder Pudel, den der Koch mit Wasser begossen hat, vom Präsidenten heraus -- hat den Schwanz eingezogen und läßt die Ohren hängen. Das Leben in Petersburg hatte ihn schon ein wenig mitgenommen, von diesem und jenem hatte er auch schon gekostet. Und nun heißt es: sieh zu, wie du weiterkommt, von all diesen Schleckereien nicht die Spur, sehen Sie wohl. Und dabei war er noch ein junger frischer Mensch mit gutem Appetit, einem wahren Wolfshunger sozusagen. Wie oft kam er nicht an irgend so einem Restaurant vorüber: und nun stellen Sie sich vor: der Koch ist ein Ausländer, so ein Franzose, wissen Sie, mit solch einem offenen Gesicht, trägt immer nur die feinste holländische Wäsche, und eine Schürze, so weiß wie Schnee sozusagen, da steht nun der Kerl vor seinem Herd und bereitet euch irgend so ein Finserb, oder Koteletts mit Trüffeln, mit einem Wort, irgend so eine Delikatesse, daß unser Hauptmann sich am liebsten selbst aufgefressen hätte vor Appetit. Oder er kommt an den Miljutinschen Läden vorbei: lacht ihm da sozusagen irgend so ein geräucherter Lachs, oder ein Körbchen mit Kirschen -- zu fünf Rubel das Stück, oder so 'ne Riesin von Wassermelone, so'n ganzer Omnibus, wissen Sie, aus dem Fenster entgegen, und sucht nach einem Narren, der einen überflüssigen Hunderter in der Tasche hat, verstehen Sie, mit einem Wort, nichts wie Verführungen auf Schritt und Tritt, es läuft einem sozusagen das Wasser im Munde zusammen, für ihn aber heißt's: warte gefälligst. Und nun stellen Sie sich seine Lage vor: einerseits, sehen Sie wohl, dieser Lachs und die Wassermelone, und andererseits irgend so ein bitteres Gericht unter dem Namen: >_Komm morgen wieder._< >Ach was,< denkt er, >mögen Sie dort machen, was sie wollen, ich gehe hin, setze die ganze Kommission und all die Vorsitzenden in Bewegung und erkläre: nein, bitte schön, das geht nicht so weiter!< Und in der Tat, frech und aufdringlich, wie er ist, -- je weniger einer im Oberstübchen los hat, desto mehr Mut hat er -- kommt er also in die Kommission: >Nun was wünschen Sie?< fragt man ihn, >was wollen Sie noch weiter, Sie haben doch schon Bescheid erhalten.< -- >Ich bitt' Sie,< sagt er, >ich kann doch nicht so von der Hand in den Mund leben. Ich muß doch meine Kottelette und eine Flasche französischen Rotwein zum Mittagessen haben und mich ein wenig zerstreuen, einmal ins Theater gehen, verstehen Sie,< sagte er -- >Nein, da müssen Sie uns schon entschuldigen,< sagte da der Vorsitzende .. >Was das anbelangt, so müssen Sie sich schon gewissermaßen gedulden. Sie haben doch etwas bekommen, um sich über Wasser zu halten, bis die Order von oben eingelaufen ist, und Sie können überzeugt sein, daß Sie nach Gebühr entschädigt werden sollen: denn es ist bisher ohne Beispiel, daß bei uns in Rußland ein Mann, der seinem Vaterland gewissermaßen, sozusagen, einen Dienst geleistet hat, daß der unversorgt geblieben wäre. Aber, wenn Sie sich freilich jetzt an Koteletts delektieren und ins Theater gehen wollen, nein, wissen Sie, dann müssen Sie schon entschuldigen. Dazu verschaffen Sie sich nur gefälligst selbst die Mittel. Da müssen Sie sich schon selbst helfen.< Aber denken Sie bloß, mein Kopeikin verzieht keine Miene. Die Worte prallen von ihm ab wie Erbsen von einer Wand. Er erhob ein großes Geschrei und brachte die ganze Gesellschaft in Aufruhr. Er ließ ein wahres Hagelwetter über all diese Regierungsbeamten und Sekretäre los ... >Ja dann seid ihr ja dies und jenes,< sagte er, >ja, dann kennt ihr ja eure Pflicht und Schuldigkeit nicht, ihr Gesetzesverdreher!< Mit einem Wort, er wischte ihnen allen kräftig eins aus. Zufällig kam ihm auch noch irgend so'n General aus einem andern Ressort unter die Finger. Und auch der bekam seinen Teil, verstehen Sie wohl. Kurz, er brachte sie alle durcheinander. Was soll man nur mit so einem rasenden Kerl anfangen? Der Präsident sieht, es gibt keinen andern Ausweg, man muß gewissermaßen, sozusagen, zu strengeren Maßregeln seine Zuflucht nehmen. >Schön,< sagte er, >wenn Sie nicht damit zufrieden sind was man Ihnen gibt, und hier in der Hauptstadt nicht ruhig auf die Entscheidung Ihrer Sache warten wollen, so lasse ich Sie sozusagen in Ihre Heimat abschieben. Der Feldjäger soll kommen und ihn nach der Heimat transportieren!< Der Feldjäger aber, verstehen Sie wohl, der steht schon da und wartet schon hinter der Tür: so'n baumlanger Kerl, wissen Sie, mit einer Hand wie von der Natur selbst für den Kurierdienst geschaffen. Mit einem Wort: ein richtiger Zahnzieher. So wird denn unser braver Knecht Gottes in den Wagen befördert und ab geht's in Begleitung des Feldjägers. >Na,< denkt Kopeikin, >da spar' ich wenigstens das Reisegeld. Auch dafür bin ich den Herren dankbar.< So fährt er denn, Verehrtester, mit dem Feldjäger, und während er so an der Seite des Feldjägers sitzt, spricht er gewissermaßen, sozusagen, zu sich selber: >Schön,< sagt er, >du erklärst mir, ich soll mir selbst helfen und die Mittel suchen! Gut, schön,< sagt er, >ich will mir die Mittel schon verschaffen!< Wie er nun an seinen Bestimmungsort befördert, und wohin er eigentlich gebracht wurde, darüber ist nichts bekannt geworden. Und daher sind denn auch die Nachrichten über den Hauptmann Kopeikin im Strome der Vergessenheit untergegangen, in so einer Lethe, wissen Sie, wie die Poeten es nennen. Doch hier, sehen Sie wohl, meine Herren, hier schürzt sich, kann man wohl sagen, der Knoten unseres Romans. Wo also Kopeikin verschwunden ist, das weiß niemand; aber stellen Sie sich vor, es vergingen auch nicht zwei Monate, als in den Wäldern von Rjasan eine Räuberbande auftauchte, und der Hauptmann dieser Räuberbande, sehen Sie wohl, war kein anderer als ...«

»Aber erlaube mal, Iwan Andrejewitsch,« unterbrach ihn plötzlich der Polizeimeister, »du sagtest doch selber, dem Hauptmann Kopeikin habe ein Bein und ein Arm gefehlt; und Tschitschikow hat doch ...«

Da schrie der Postmeister laut auf, schlug sich mit aller Kraft vor die Stirne und nannte sich vor versammeltem Publikum ein Rindvieh. Er konnte garnicht verstehen, wie dieser Umstand ihm nicht gleich zu Anfang dieser Erzählung eingefallen war, und erklärte, das russische Sprichwort: »der Verstand des Russen ist von hinten am stärksten!« sei vollkommen wahr. Aber gleich darauf fing er an, Winkelzüge zu machen und versuchte sogar sich aus der Affäre zu ziehen, indem er behauptete, die Engländer hätten, wie man aus den Zeitungen ersehen könne, die Mechanik sehr vervollkommnet, und einer hätte sogar hölzerne Füße mit einem solchen Mechanismus erfunden, daß man nur auf eine Spirale zu drücken brauche, damit diese Füße einen in unbekannte Gegenden forttrügen, sodaß man den Menschen überhaupt nicht mehr auffinden könne.

Aber trotzdem zweifelten alle, daß Tschitschikow der Hauptmann Kopeikin sei, und fanden, daß der Postmeister schon gar zu weit über das Ziel hinausgeschossen habe. Übrigens wollten sie sich ihrerseits auch nicht lumpen lassen und verirrten sich, angeregt durch die geistvolle Hypothese des Postmeisters, womöglich noch weiter. Unter den vielen in ihrer Art geistreichen Vermutungen war besonders eine bemerkenswert: so seltsam es klingt, es wurde die Ansicht laut, daß Tschitschikow vielleicht _Napoleon_ sein könne, der sich verkleidet in ihrer Stadt aufhielte; die Engländer seien schon längst eifersüchtig auf Rußland, auf seine Macht und seine Größe, und es wären schon mehrmals Karikaturen erschienen, auf denen ein Russe im Gespräch mit einem Engländer abgebildet war: der Engländer steht da und hält einen Hund an der Leine, dieser Hund aber soll _Napoleon_ vorstellen: >Paß auf,< sagt der Engländer, >wenn mir etwas nicht behagt, dann hetze ich diesen Hund auf dich.< Wer weiß, vielleicht hatten sie jetzt diesen Hund von St. Helena losgelassen, und er schweifte nun unter der Maske Tschitschikows in Rußland umher, während er doch in Wahrheit garnicht Tschitschikow sei.

Natürlich schenkten die Beamten dieser Hypothese keinen Glauben, aber sie wurden doch nachdenklich und, wenn jeder von ihnen sich im stillen die Sache überlegte, konnte er sich's nicht verhehlen, daß Tschitschikows Profil eine verdächtige Ähnlichkeit mit dem Napoleons hatte. Der Polizeimeister, welcher den Feldzug von 1812 mitgemacht hatte, hatte Napoleon persönlich gesehen und mußte gleichfalls zugeben, daß er sicherlich nicht größer als Tschitschikow und auch von Statur weder allzu dick, aber andererseits auch wiederum nicht allzu dünn gewesen sei. Vielleicht wird mancher Leser dies alles für sehr unwahrscheinlich halten, -- nun auch der Autor ist bereit ihm zuliebe zuzugestehen, daß die Geschichte sehr unwahrscheinlich ist; aber wie zum Tort mußte sich alles geradeso abspielen, wie wir es hier erzählen, was um so seltsamer ist, da die Stadt nicht irgendwo abseits vom Wege, sondern in nächster Nähe von beiden Hauptstädten lag. Übrigens darf man nicht vergessen, daß all diese Ereignisse bald nach der glorreichen Vertreibung der Franzosen stattfanden. Um diese Zeit waren alle unsere Gutsbesitzer, Beamten, Kaufleute, Handlungsgehilfen und alle gebildeten und ungebildeten Leute wenigstens für die ersten acht Jahre eingefleischte Politiker geworden. Die »Moskauer Nachrichten« und der »Sohn des Vaterlandes« wurden so zerlesen, daß sie an den letzten Leser nur noch als ein Häuflein Papierfetzen gelangten, der zu nichts mehr zu gebrauchen war. Statt Fragen, wie die folgenden: Wie teuer haben Sie den Scheffel Hafer verkauft, Väterchen? -- Was denken Sie vom gestrigen Schneefall? -- hörte man nur noch Fragen: Nun, was steht in der Zeitung? -- Ist Napoleon nicht wieder entwischt? -- Besonders die Kaufleute fürchteten sich sehr davor, denn sie glaubten fest an die Prophezeiung eines Wahrsagers, welcher schon seit drei Jahren im Kerker saß. Dieser neue Prophet war plötzlich -- kein Mensch wußte woher -- in Bastschuhen und in Felle gehüllt, die schrecklich nach faulen Fischen rochen, in der Stadt aufgetaucht und hatte verkündigt, Napoleon sei der Antichrist, der jetzt hinter sechs Mauern und sieben Meeren an einer steinernen Kette schmachte, aber bald werde er seine Ketten sprengen und sich die ganze Welt unterwerfen. Dieser Prophet war wegen seiner Prophezeiungen ins Gefängnis geworfen worden, und das von Rechts wegen. Trotzdem aber hatte er seine Mission erfüllt und die Kaufleute vollkommen um ihr bißchen Verstand gebracht. Und lange noch, selbst während des flottesten Geschäftsganges kamen die Kaufleute im Wirtshaus zusammen, um sich hier beim Tee über den Antichrist zu unterhalten. Viele von den Kaufleuten und den vornehmen Adeligen dachten auch, selbst ohne es zu wollen, über die Sache nach und glaubten unter dem Einflusse der mystischen Stimmung, welche bekanntlich damals alle Geister beherrschte, in jedem Buchstaben, der in dem Wort Napoleon vorkam, einen besonderen, bedeutungsvollen Sinn zu entdecken; viele wollten in ihm sogar die Zahlen aus der Apokalypse wiedererkannt haben. Daher war es durchaus nicht so wunderbar, wenn auch die Beamten in diesem Punkte stutzig wurden. Allein bald kamen sie wieder zur Besinnung und merkten, daß ihre Phantasie schon allzu üppig wucherte, und daß die Sache doch ganz anders liege. Sie dachten hin und dachten her, überlegten her und überlegten hin, und kamen schließlich zur Überzeugung, daß es vielleicht nicht übel wäre Nosdrjow einmal gründlich auszuhorchen. Da er es ja gewesen war, der die Geschichte mit den toten Seelen zuerst in die Welt gebracht hatte und, wie man sagte, in so nahen Beziehungen zu Tschitschikow stand, mußte er doch etwas über dessen Lebensverhältnisse wissen; und so beschloß man denn, erst einmal zu hören was Nosdrjow sagen werde.