Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I

Part 19

Chapter 193,615 wordsPublic domain

»Herrjeh! Schon zwölf Uhr!« rief Tschitschikow plötzlich aus, indem er auf die Uhr blickte. »Was säume ich bloß so lange? Wenn ich noch etwas Vernünftiges getan hätte, aber da rede ich erst allerhand albernes Zeug und versinke dann noch in törichte Träumereien! Ich bin doch ein rechter Narr! Wahrhaftig!« Mit diesen Worten vertauschte er sein schottisches Kostüm mit einem europäischen, zog seine Hosenschnalle etwas fester an, um sein kräftiges Bäuchlein nicht so hervortreten zu lassen, besprengte sich mit Eau de Cologne, nahm seinen warmen Hut in die Hand und die Aktenmappe unter den Arm und begab sich nach dem Zivilgericht, um die Kaufkontrakte perfekt zu machen. Dabei beeilte er sich sehr, nicht weil er sich zu verspäten fürchtete -- davor brauchte er keine Angst zu haben, denn der Präsident war sein guter Bekannter und konnte auf Wunsch die Sitzung ausdehnen oder aufheben, ganz wie der alte Zeus Homers, der die Tage verlängerte und frühe Nächte herabsandte, wenn er den Streit seiner geliebten Helden unterbrechen oder ihnen ein Mittel an die Hand geben wollte, um ihn auszutragen; aber Tschitschikow hatte selbst den lebhaften Wunsch, die Sache so schnell als möglich zum Abschluß zu bringen; solange dies nicht geschehen war, fühlte er sich unruhig und unbehaglich: denn er konnte den Gedanken nicht ganz los werden, daß es sich hier doch eigentlich nicht um richtige Seelen handele und daß es in solchen Fällen besser sei, eine solche Last möglichst schnell abzuwerfen. Unter solchen Gedanken hüllte er sich in einen warmen Pelz von braunem Tuch, der mit Bärenfell gefüttert war, und kaum war er auf die Straße getreten, als er an der Ecke der Gasse mit einem Herrn zusammenstieß, der gleichfalls einen mit Bärenpelz gefütterten Überwurf um die Schultern geschlagen hatte und eine Pelzkappe mit Ohrenklappen auf dem Kopfe trug. Der Herr stieß einen Freudenschrei aus -- es war Manilow. Beide schlossen einander in die Arme und verharrten etwa fünf Minuten lang in dieser Stellung. Dabei waren die Küsse, die sie austauschten, so kräftig und inbrünstig, daß ihnen beiden nachher den ganzen Tag über die Vorderzähne schmerzten. Von Manilows Gesicht blieben vor Freude nichts wie die Nase und die Lippen übrig, seine Augen waren überhaupt nicht mehr zu sehen. Etwa fünfzehn Minuten lang hielt er Tschitschikows Hand in seinen beiden Händen, bis sie ganz warm wurde. In der feinsten und liebenswürdigsten Weise erzählte er ihm, wie er herbeigeflogen wäre, um Pawel Iwanowitsch in seine Arme zu schließen, und er schloß seine Rede mit einem Kompliment, wie man es höchstens einem jungen Mädchen zu sagen pflegt, das man zum Tanze auffordert. Tschitschikow hatte kaum seinen Mund geöffnet, ohne noch recht zu wissen, wie er ihm danken sollte, als Manilow einen zusammengerollten Bogen Papier, der mit einem roten Bändchen zusammengebunden war, aus seinem Pelze hervorholte.

»Was ist das?«

»Das sind die Bauern.«

»Ah!« -- Er rollte den Bogen sogleich auf, überflog ihn schnell mit den Augen und war erstaunt über die Schönheit und Sauberkeit der Handschrift. »Ist das aber schön geschrieben!« sagte er, »man braucht es gar nicht erst abschreiben zu lassen. Dazu noch der Rand rund herum! Wer hat denn diese wundervolle Einfassung gezeichnet!«

»Ach fragen Sie lieber gar nicht,« sagte Manilow.

»Sie?«

»Meine Frau!«

»O mein Gott! Es tut mir wirklich leid, daß ich Ihnen soviel Mühe gemacht habe!«

»Für Pawel Iwanowitsch ist uns keine Mühe zu groß!«

Tschitschikow verbeugte sich dankend. Als Manilow erfuhr, daß er nach der Zivilkammer ging, um den Kaufkontrakt abzuschließen, erklärte Manilow sich bereit, ihn dorthin zu begleiten. Die Freunde faßten sich unter und gingen zusammen weiter. Bei jeder kleinen Erhöhung, bei jedem Hügel, oder jeder Stufe stützte Manilow Tschitschikow mit der Hand und hob ihn beinahe in die Höhe, wobei er angenehm lächelte und hinzufügte, er werde es nie zugeben, daß Pawel Iwanowitsch sich weh tue. Tschitschikow wurde verlegen, da er nicht wußte, wie er sich erkenntlich erweisen solle, denn er fühlte, daß er nicht ganz leicht war. So halfen sie sich gegenseitig, bis sie endlich auf dem Platze anlangten, wo das Gerichtsgebäude lag -- ein großes dreistöckiges Haus, das so weiß war, wie ein Stück Kreide, wahrscheinlich, um die Seelenreinheit der in ihm tätigen Beamten zu symbolisieren. Die andern Häuser, die sich noch sonst auf dem Platze befanden, konnten sich an Größe nicht im geringsten mit dem steinernen Amtsgebäude messen. Dies waren: ein Wächterhäuschen, vor dem ein Soldat mit einer Flinte stand, zwei bis drei Standplätze für Mietskutschen, und endlich gab es noch hie und da einen von jenen langen Bretterzäunen, mit den bekannten Aufschriften und Zeichnungen, die mit Kohle oder Kreide hingemalt waren. Sonst war nichts auf diesem einsamen, oder wie man sich bei uns zu Lande auszudrücken pflegt, _schönen_ Platze zu sehen. Aus den Fenstern des zweiten oder dritten Stockes guckten ein paar unbestechliche Häupter der Themispriester heraus, um im selben Augenblick wieder zu verschwinden: wahrscheinlich weil der Kanzlei-Chef gerade ins Zimmer trat. Die beiden Freunde _traten_ nicht ein, sondern liefen eilig die Treppe hinauf, weil Tschitschikow seine Schritte beschleunigte, da er nicht wollte, daß Manilow ihn mit der Hand unterstützen solle, dieser aber lief seinerseits wieder voraus, weil er Tschitschikow nicht müde werden lassen wollte, und so kam es, daß beide ganz atemlos waren, als sie den dunkelen Korridor betraten. Weder der Korridor noch die Säle fielen ihnen durch ihre Reinlichkeit besonders auf. Damals kümmerte man sich noch recht wenig darum, und was einmal schmutzig war, blieb schmutzig und nahm niemals ein freundlicheres und angenehmeres Äußeres an. Themis empfing ihre Gäste ganz so wie sie war, im Negligé und im Schlafrock. Eigentlich sollten wir auch noch die Kanzleiräume beschreiben, durch die unsere Helden hindurchschritten, aber der Autor hat eine große Ehrfurcht vor allen Amtsgebäuden. Selbst wenn er Gelegenheit hatte, sie in der Periode ihres höchsten Glanzes, in einem gleichsam veredelten und verschönten Zustande kennen zu lernen und zu durchwandeln, das heißt, wenn die Dielen frisch gewichst und die Tische neu lackiert waren, lief er eilig, mit demütig gesenktem Blicke hindurch, daher hat er auch keine Ahnung davon, wie wohl sich dort alles fühlt und wie dort alles blüht und gedeiht. Unsere Helden sahen gewaltige Mengen Papier, reines und vollgeschriebenes, über den Tisch gebeugte Köpfe, breite Nacken, Fräcke und Röcke von kleinstädtischem Schnitt, oder sogar eine ganz gewöhnliche hellgraue Jacke, die recht stark von den andern abstach und deren Besitzer den Kopf auf die Schulter gebeugt, sodaß er fast auf dem Papier lag, mit schwungvollen Lettern ein Protokoll niederschrieb; wahrscheinlich handelte es von einem Gut, welches sein friedlicher Besitzer, irgend ein Gutsherr, der ein Menschenalter lang darum prozessiert und im ruhigen Genuß seines Eigentums Kinder und Enkel gezeugt, nun verloren hatte, oder das ihm irgendwo konfisziert worden war. Hie und da hörte man ein paar Worte oder kurze Sätze, die von einer heiseren Stimme gesprochen wurden: »Fedossej Iwanowitsch, reichen Sie mir doch die Akten Nr. 368! Immer werfen Sie den Deckel von dem Tintenfaß weg; er gehört doch dem Staat!« Dazwischen hörte man eine majestätische Stimme, die ohne Zweifel einem Kanzleichef angehörte, gebieterisch rufen: »Da, schreib das ab, sonst laß ich dir die Schuhe ausziehen und dich einsperren, daß du mir sechs Tage lang nichts zu essen kriegst!« Das Geräusch vom Federgekritzel war sehr stark und erinnerte an den Lärm, den ein paar Fuhren mit Reisig verursachen, wenn sie durch einen Wald fahren, dessen Wege einen Fuß hoch mit dürren Blättern bedeckt sind.

Tschitschikow und Manilow traten an den ersten Tisch, an dem zwei jüngere Beamten saßen, und fragten diese: »Bitte! Können Sie uns sagen, wo hier die Abteilung für Kaufverträge ist?«

»Was wollen Sie?« sagten die beiden Beamten zugleich, indem sie sich umwandten.

»Ich habe ein Gesuch einzureichen!«

»Haben Sie etwas gekauft?«

»Ich möchte zuvor wissen, wo die Abteilung für Kaufverträge ist? Hier oder anderswo?«

»Sagen Sie uns doch, was Sie gekauft haben, und zu welchem Preise, dann werden wir Ihnen sagen, wohin Sie sich wenden müssen. So geht es doch nicht!«

Tschitschikow merkte sogleich, daß die Beamten einfach neugierig waren, wie alle jungen Beamten, und sich und ihrer Stellung mehr Gewicht und Bedeutung geben wollten.

»Hören Sie, meine verehrten Herren,« sagte er, »ich weiß sehr gut, daß alle Angelegenheiten, die sich auf Kaufverträge beziehen, in ein und dasselbe Ressort gehören, ich bitte Sie daher, mir den Ort zu nennen, wohin ich mich zu wenden habe; wenn Sie nicht wissen, was in diesen Räumen vorgeht, dann müssen wir uns eben bei jemand anders erkundigen!« Hierauf antworteten die Beamten gar nicht mehr, der eine zeigte bloß mit einem Finger auf eine Zimmerecke, wo ein alter Herr saß, der damit beschäftigt war, Akten zu numerieren. Tschitschikow und Manilow schritten zwischen den Tischen hindurch gerade auf ihn los. Der Alte war ganz in seine Tätigkeit versunken.

»Darf ich fragen,« sagte Tschitschikow mit einer Verbeugung, »ob dies die Abteilung für Kaufverträge ist?«

Der Alte sah auf und sagte gedehnt: »Nein, hier ist keine Abteilung für Kaufverträge.«

»Wo denn?«

»Die ist in der Kontraktabteilung.«

»Und wo ist die Kontraktabteilung?«

»Bei Iwan Antonowitsch.«

»Und wo ist Iwan Antonowitsch?«

Der Alte zeigte mit dem Finger auf eine andere Zimmerecke, worauf Tschitschikow und Manilow sich zu Iwan Antonowitsch begaben. Iwan Antonowitsch hatte schon mit einem Auge nach ihnen hingeschielt und sie von der Seite angesehen, aber er beugte sich sogleich wieder über sein Papier und schrieb eifrig weiter.

»Darf ich fragen, ob dies die Abteilung für Kaufverträge ist,« sagte Tschitschikow mit einer Verbeugung.

Iwan Antonowitsch schien ihn nicht gehört zu haben, denn er war ganz in seine Akten vertieft und antwortete nichts. Man sah sofort, daß dies ein Mann von reiferen Jahren war und kein junger Schwätzer und Springinsfeld. Anscheinend war Iwan Antonowitsch ein hoher Vierziger; er hatte dichtes, schwarzes Haar, die ganze mittlere Partie seines Gesichts trat stark hervor und schien sich gewissermaßen in der Nase konzentriert zu haben; mit einem Wort, es war eins von jenen Gesichtern, die man bei uns gewöhnlich als »Kannenschnauze« zu bezeichnen pflegt.

»Darf ich fragen, wo hier die Abteilung für Kaufverträge ist?« wiederholte Tschitschikow.

»Hier,« sagte Iwan Antonowitsch, indem er seinen Rüssel ein wenig empor hob und sogleich wieder zu schreiben begann.

»Ich komme in folgender Angelegenheit: ich habe bei einigen Gutsbesitzern dieser Provinz Bauern gekauft, die ich zu Ansiedlungszwecken benutzen will; ich habe den Kontrakt mitgebracht, er muß bloß noch unterschrieben werden.«

»Und sind die Verkäufer zugegen?«

»Einige sind da, und von den anderen habe ich Vollmachten.«

»Haben Sie das Gesuch mitgebracht?«

»Jawohl, ich habe es hier! Ich möchte gern ... Ich habe große Eile ... Könnte ich die Sache nicht schon heute erledigen?«

»Hm! Heute! Nein heute geht es nicht,« sagte Iwan Antonowitsch. »Man muß noch Erkundigungen einziehen, ob sie nicht verpfändet sind.«

»Übrigens ist Iwan Grigorowitsch, der Präsident, ein guter Freund von mir; da ließe sich ja etwas zur Beschleunigung der Sache tun.«

»Es handelt sich hier doch nicht bloß um Iwan Grigorowitsch; es sind doch noch andere da,« sagte Iwan Antonowitsch mürrisch.

Tschitschikow merkte jetzt, wo der Hase im Pfeffer lag und sagte: »Die anderen sollen schon nicht zu kurz kommen. Ich habe selbst gedient und kenne den Instanzenweg.«

»Gehen Sie also zu Iwan Grigorowitsch,« sagte Iwan Antonowitsch etwas besänftigt. »Er mag an passender Stelle seine Order geben. An uns soll es nicht liegen.«

Tschitschikow nahm einen Schein aus der Tasche und legte ihn vor Iwan Antonowitsch hin. Dieser nahm gar keine Notiz von ihm und deckte ihn sofort mit einem Buche zu. Tschitschikow wollte ihn darauf aufmerksam machen, aber Iwan Antonowitsch gab ihm durch eine Kopfbewegung zu verstehen, daß er das nicht wünsche!

»Der da wird Euch in die Kanzlei führen!« sagte Iwan Antonowitsch, indem er mit dem Kopfe nickte. Und einer von den anwesenden Hohenpriestern, welcher Themis mit solchem Eifer opferte, daß seine beiden Ärmel an den Ellenbogen geplatzt waren und das Futter aus den Löchern hervorquoll, wofür er seinerzeit den Rang eines Kollegienregistrators erhalten hatte, übernahm die Führerrolle bei unseren Freunden, wie einst Vergil bei Dante, und geleitete sie in die Kanzlei, in der lauter breite Lehnstühle standen, auf deren einem vor einem Spiegeltisch und zwei dicken Büchern der Präsident gleich dem Sonnengott thronte. Hier fühlte sich der neue Vergil von einer solchen Ehrfurcht beseelt, daß er sich durchaus nicht entschließen konnte, seinen Fuß über die Schwelle zu setzen. Er kehrte daher um, indem er den Freunden seinen Rücken zuwandte, welcher abgerieben war wie eine Bastmatte, und an dem eine Hühnerfeder klebte. Als sie ins Zimmer traten, bemerkten sie, daß der Präsident nicht allein war, neben ihm saß Sabakewitsch, der ganz von dem Spiegel verdeckt wurde. Die Ankunft der Gäste entlockte den Anwesenden ein paar freudige Rufe, und der Präsidentensessel wurde geräuschvoll beiseite geschoben. Auch Sabakewitsch erhob sich und stand nun mit seinen langen Ärmeln von allen Seiten sichtbar da. Der Präsident umarmte Tschitschikow, und das Amtszimmer hallte wieder von den Küssen der Freunde. Man erkundigte sich gegenseitig nach dem Wohlergehen, und hierbei stellte sich heraus, daß beide an Hexenschuß litten, was man flugs der sitzenden Lebensweise aufs Konto setzte. Wie es schien war der Präsident von Sabakewitsch schon über das Kaufgeschäft unterrichtet; denn er gratulierte Tschitschikow aufs herzlichste, was unsern Helden zunächst ein wenig in Verlegenheit setzte, besonders jetzt, wo Sabakewitsch und Manilow, die beiden Verkäufer, mit denen er doch im geheimen, unter vier Augen verhandelt hatte, sich nun Aug in Auge gegenüberstanden. Er bedankte sich indessen beim Präsidenten und sagte dann, indem er sich zu Sabakewitsch wandte:

»Und wie befinden Sie sich?«

»Gott sei Dank, ich kann nicht klagen,« sagte Sabakewitsch, und in der Tat, er hatte wirklich keinen Grund zur Klage, eher hätte sich ein Stück Eisen erkälten und den Husten bekommen können, als dieser wunderbar gebaute Gutsbesitzer.

»Ja, Sie durften sich immer einer guten Gesundheit rühmen,« sagte der Präsident. »Ihr seliger Herr Vater war auch so stark wie Sie.«

»Ja, der ging auch allein auf die Bärenjagd!« antwortete Sabakewitsch.

»Mir scheint, Sie würden es auch fertig bringen, einen Bären umzuschmeißen, wenn Sie allein mit ihm in den Kampf gerieten,« meinte der Präsident.

»Nein, das bringe ich doch nicht fertig,« antwortete Sabakewitsch. »Mein seliger alter Herr war doch kräftiger als ich,« und er fuhr seufzend fort: »Nein, heutzutage gibt's keine solchen Menschen mehr. Nehmen Sie z. B. gleich mein Leben. Was ist das für ein Leben, nur so, so, lala ...«

»Und warum ist Ihr Leben nicht schön?« fragte der Präsident.

»Nein, schön kann man es wirklich nicht nennen,« sagte Sabakewitsch kopfschüttelnd. »Denken Sie doch selbst, Iwan Grigorjewitsch, ich bin schon in den Fünfzigern und bin noch nie krank gewesen; wenn ich auch nur ein einziges Mal Halsschmerzen, ein Geschwür, oder einen Furunkel gehabt hätte .... Das nimmt sicher kein gutes Ende! Das wird sich noch einmal rächen ...« Bei diesen Worten wurde Sabakewitsch sehr melancholisch.

»Daß dich der ...!« dachten fast gleichzeitig Tschitschikow und der Präsident: »Worüber der nicht zu klagen hat!«

»Ich habe auch einen Brief für Sie,« sagte Tschitschikow, während er Pljuschkins Schreiben aus der Tasche zog.

»Von wem?« fragte der Präsident. Er nahm den Brief in Empfang, entsiegelte ihn und rief erstaunt aus: »Von Pljuschkin! Existiert der auch noch auf dieser Welt? Das ist auch ein Leben! Was war das doch für ein kluger und wohlhabender Mann! Und nun ...«

»Ein Schweinehund!« sagte Sabakewitsch. »So ein Schuft, der läßt all seine Leute verhungern!«

»Gern, mit Vergnügen!« rief der Präsident, nachdem er den Brief gelesen hatte, »ich will ihn gerne vertreten! Wann wünschen Sie den Kauf abzuschließen? Jetzt gleich oder etwas später?«

»Gleich!« versetzte Tschitschikow: »Ich möchte Sie sogar bitten, dafür zu sorgen, daß es gleich _heute_ geschieht. Ich möchte nämlich schon morgen wieder weiterreisen, den Kontrakt und das Gesuch habe ich gleich mitgebracht!«

»Das ist alles sehr schön und gut, aber Sie werden schon verzeihen: so früh können wir Sie unmöglich fortlassen. Die Kontrakte sollen noch heute unterschrieben werden, aber Sie werden sich schon entschließen müssen, noch ein paar Tage mit uns zu verleben. Ich will sogleich Order erteilen,« fuhr er fort, indem er die Tür der Kanzlei öffnete, welche ganz voll von Beamten war, die wie ein Bienenschwarm ihre Zellen umschwärmten, wenn nur ein Vergleich der Akten mit Bienenzellen zulässig ist: »Ist Iwan Antonowitsch hier?«

»Ja! Hier!« antwortete eine Stimme aus dem Innern des Zimmers.

»Er soll herkommen!«

Iwan Antonowitsch, die Kannenschnauze, deren Bekanntschaft der Leser schon gemacht hat, erschien im Amtszimmer und machte eine devote Verbeugung.

»Bitte, Iwan Antonowitsch, nehmen Sie doch alle diese Kaufverträge und ...«

»Iwan Grigorjewitsch!« fiel hier Sabakewitsch ein, »bitte vergessen Sie nicht, daß wir auch noch Zeugen brauchen, wenigstens zwei Mann von jeder Partei. Schicken Sie doch gleich zum Staatsanwalt, er hat nicht viel zu tun und sitzt sicher zu Hause: Solotucha, der Anwalt, besorgt all seine Arbeiten; einen größeren Räuber wie den gibt's auf der Welt nicht wieder! Der Sanitätsinspektor ist auch nicht sehr beschäftigt, und ist wahrscheinlich auch zu Hause, wenn er nicht bei einem Bekannten sitzt und Karten spielt; ach, und dann gibt's ja noch eine ganze Reihe von Leuten, die hier in der Nähe wohnen: Truchatschewski, Bjeguschkin -- lauter Leute, die der lieben Erde durch ihren Müßiggang zur Last fallen!«

»Richtig! Sehr richtig!« sprach der Präsident, und schickte sofort einen Kanzleibeamten fort, um sie holen zu lassen.

»Ich habe noch eine Bitte,« sagte Tschitschikow: »Schicken Sie doch bitte noch nach dem Vertrauensmann einer Gutsbesitzerin, mit der ich auch ein kleines Geschäft abgeschlossen habe -- es ist der Sohn des Oberpriesters Pater Cyrill; er dient bei Ihnen.«

»Mit Vergnügen, ich will ihn gleich holen lassen!« sprach der Präsident: »es wird alles besorgt, ich bitte Sie nur eins, geben Sie den Beamten nichts. Meine Freunde brauchen nicht zu zahlen.« Hierauf gab er Iwan Antonowitsch noch einen Auftrag, der diesem recht wenig zu gefallen schien. Die Verträge schienen einen vortrefflichen Eindruck auf den Präsidenten gemacht zu haben, besonders als er sah, daß die Kaufsumme nahezu hunderttausend Rubel betrug. Er sah Tschitschikow einige Minuten lang in die Augen und sagte schließlich: »Sehen Sie wohl, Pawel Iwanowitsch. Sie haben also eine Akquisition gemacht!«

»Sehr richtig!« antwortete Tschitschikow.

»Daran haben Sie wohl getan. Wahrhaftig! Daran haben Sie sehr wohl getan!«

»Ja, jetzt sehe ich selbst, daß ich nichts Besseres tun konnte. Mag es sein, wie es will, der Lebenszweck des Menschen ist noch nicht endgültig fixiert, solange er nicht festen Fuß auf dauerndem Grunde gefaßt hat, und noch irgend einem chimärischen Jugendideal der Freidenker nachjagt.« Bei dieser Gelegenheit verfehlte er nicht ein paar tadelnde Worte über die jungen Leute und ihren Liberalismus zu sagen, und das von Rechts wegen. Aber, was sehr merkwürdig war, es lag in seinen Worten noch immer eine gewisse Unsicherheit, wie wenn er gleich darauf zu sich sagen wollte: >Ach was? Bester, du schwindelst, und nicht zu knapp!< Ja, er wagte es nicht einmal, Sabakewitsch und Manilow anzusehen, weil er sich fürchtete, einem unliebsamen Ausdruck in ihren Gesichtern zu begegnen. Aber seine Sorge war unnütz; in Sabakewitschs Gesicht regte und rührte sich nichts, Manilow aber war ganz hingerissen von der schönen Rede, schüttelte bloß den Kopf vor Vergnügen, und geriet dabei in eine solche seelische Verzücktheit, wie sie sich wohl eines Musikkenners zu bemächtigen pflegt, wenn die Sängerin noch die Violine überbietet und einen so feinen hohen Ton in die Luft schmettert, wie ihn selbst eine Vogelkehle nicht herauszubringen vermag.

»Warum sagen Sie denn Iwan Grigorjewitsch nicht, was Sie eigentlich gekauft haben?« bemerkte Sabakewitsch. »Und Sie, Iwan Grigorjewitsch? Fragen Sie denn garnicht, was für einen Kauf er gemacht hat? Wüßten Sie nur, was für prächtige Leute das sind! Gold ist nichts dagegen! Ich habe ihm doch auch den Wagenmacher Michejew verkauft.«

»Wahrhaftig? Nein?« versetzte der Präsident. »Ich kenne den Michejew; der Mann ist ein Meister in seinem Fach; er hat mir einmal eine Droschke repariert. Aber erlauben Sie mal ... Wie ist denn das? ... Haben Sie mir denn nicht gesagt, daß er gestorben ist? ...«

»Wer? Michejew tot?« fragte Sabakewitsch, der auch nicht einen Augenblick die Fassung verlor. »Sie meinen wohl seinen Bruder, der ist allerdings tot; dieser hier ist so gesund, wie ein Fisch im Wasser; der fühlt sich noch wohler als früher. Vor kurzem hat er mir noch eine solche Kutsche gebaut, wie Sie sie nicht einmal in Moskau bekommen. Der sollte eigentlich zum Hoflieferanten des Kaisers ernannt werden.«

»Ja, Michejew ist ein Meister,« versetzte der Präsident, »ich wundere mich eigentlich, daß Sie sich so leicht von ihm trennen konnten.«

»Ja, wenn's nur der eine Michejew wäre! Stepan Probka, der Tischler, der Ziegelbrenner Miluschkin, der Schuster Maksim Teljatnikow -- sie gehen alle fort, ich habe sie alle zusammen verkauft.« Und als der Präsident fragte, warum er sie denn gehen lasse, wenn es doch lauter nützliche Leute und Handwerker seien, die er in seinem Haushalt brauchen könne, antwortete Sabakewitsch, indem er eine gleichgültige Handbewegung machte: »Ich weiß nicht, es ist mir mal so'ne dumme Idee in den Kopf gekommen! Ich habe mir halt gedacht: ach was, ich verkaufe sie, und hab' sie dann dummer Weise wirklich verkauft!« Hierauf ließ er den Kopf hängen, wie wenn es ihn jetzt tatsächlich reute, und er fügte hinzu: »Da wird man alt und grau und wird doch nicht klüger!«

»Aber erlauben Sie mal, Pawel Iwanowitsch,« sagte der Präsident. »Wozu kaufen Sie eigentlich Bauern, ohne Land? Brauchen Sie sie etwa zu Ansiedelungszwecken?«

»Natürlich zu Ansiedelungszwecken!«

»So, das ist freilich was andres. Und wo wollen Sie sie ansiedeln?«

»In dem .... Im Gouvernement Cherson.«

»O, da gibt es ausgezeichneten Boden!« sprach der Präsident, und er sprach sich sehr lobend über die Höhe und Güte des dortigen Grases aus.

»Und haben Sie auch Land genug?«

»Vollkommen genug -- genau soviel, als ich brauche, um die Bauern anzusiedeln.«

»Gibt's dort auch einen Fluß oder nur einen Teich?«

»Einen Fluß. Übrigens ist auch ein Teich da.« Bei diesen Worten sah Tschitschikow im Versehen Sabakewitsch an, und obwohl dieser ebenso unbeweglich wie vorher in seiner Stellung verharrte, schien es Tschitschikow doch, als läse er in dessen Gesichte die Worte: »Du schwindelt, mein Lieber! Ich bezweifle sehr, daß dieser Teich und Fluß und das ganze Land überhaupt existieren.«