Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I
Part 18
Aber unser Held war auch ohne Uhr in höchst vergnügter Stimmung. Eine so unerwartete Akquisition war eine wahre Gottesgabe. In der Tat, dagegen ließ sich nichts einwenden: nicht nur ein Paar Schock tote Seelen, sondern auch noch einige Dutzend flüchtige dazu: zusammen etwa zweihundert Stück! Er hatte ja freilich schon so eine Ahnung gehabt, als er sich Pljuschkins Landgute näherte, daß es hier was zu verdienen geben würde, aber auf ein so gutes Geschäft hatte er nicht gerechnet. Den ganzen Weg über war er außergewöhnlich lustig, pfiff und sang vor sich hin, indem er sich die Faust vor den Mund hielt und hineinblies wie in eine Trompete. Zuletzt stimmte er sogar ein Lied an, welches so seltsam und sonderbar klang, daß selbst Seliphan verwundert aufhorchte, den Kopf schüttelte und sagte: »Sieh mal an, wie mein Herr singen kann!« Es war schon ganz dunkel, als sie sich der Stadt näherten. Licht und Finsternis gingen vollkommen ineinander über, und alle Gegenstände schienen zusammenzufließen. Der gestreifte Schlagbaum hatte eine ganz unbestimmte undefinierbare Farbe angenommen; dem Posten vor der Stadt schien der Schnurrbart hoch über den Augenbrauen zu sitzen, und seine Nase schien überhaupt nicht mehr vorhanden zu sein. Das Gerassel der Räder und die Luftsprünge, die die Equipage machte, ließen erkennen, daß man sich bereits wieder auf der gepflasterten Straße befand. Die Laternen waren noch nicht angezündet, hie und da blitzte in den Fenstern der Häuser ein Licht auf, und in den Winkeln und Gassen spielten sich die bekannten Vorgänge ab; man hörte es munkeln und flüstern, was um die nächtlichen Stunden in Städten stets zu geschehen pflegt, wo es viele Soldaten, Kutscher, Arbeiter und jene besondere Menschengattung gibt, eine Art von Damen mit roten Shawls, in Schuhen und ohne Strümpfe, die an den Straßenkreuzungen herumschwirren wie die Fledermäuse. Aber Tschitschikow bemerkte sie nicht, ebensowenig wie die schlanken Beamten, die mit Spazierstöckchen in der Hand wohl von einer Promenade außerhalb der Stadt zurückkehrten. Hie und da drangen Rufe an sein Ohr, die von weiblichen Stimmen herzurühren schienen: »Das lügst du, du bist wohl besoffen; ich hätte ihm nie eine solche Frechheit erlaubt!« oder »du suchst wieder Händel du Grobian, komm mal mit auf die Polizei, da will ich dir's schon zeigen.« Mit einem Wort, all jene Reden, die wie ein Dampfbad auf einen phantasiereichen zwanzigjährigen Jüngling wirken, wenn er aus dem Theater zurückkehrend eine spanische Gasse, eine dunkle Mondnacht und ein herrliches Frauenbild mit einer Gitarre in seinem Kopfe trägt. Welch wundersame Träume, welche tollen Phantasien wirbeln in seinem Hirne durcheinander. Er glaubt im siebenten Himmel zu schweben, und stattet sogar dem Dichter Schiller einen Besuch ab -- da schlagen plötzlich jene verhängnisvollen Worte wie ein Donnerschlag neben ihm ein, er fühlt sich wieder auf die Erde zurückversetzt, ja sogar auf den »Heumarkt« in die nächste Nähe einer Schenke, und aufs neue verschlingt ihn des Werktages altersgraue Öde.
Endlich machte der Wagen noch einen kräftigen Satz und tauchte wie in einem Erdloch im Tore unter. Tschitschikow wurde von Petruschka empfangen, welcher, einen seiner Rockschöße in der einen Hand haltend -- denn er liebte es nicht, daß die Schöße sich entzweiten -- mit der anderen seinem Herrn aus dem Wagen half. Auch der Kellner kam mit einer Kerze, die Serviette über die Schulter geworfen, angelaufen. Es läßt sich nicht sagen, ob Petruschka über die Ankunft seines Herrn sehr erfreut war, jedenfalls zwinkerten Seliphan und er sich verständnisinnig mit dem Auge zu, und sein sonst so strenges Gesicht schien sich ein wenig zu erhellen.
»Sie haben aber eine lange Spazierfahrt zu machen geruht,« sagte der Kellner, indem er ihm auf der Treppe voranleuchtete.
»Ja,« sagte Tschitschikow und stieg die Stufen empor. »Und wie gehts bei euch?«
»Gottlob!« antwortete der Kellner mit einer Verbeugung. »Gestern ist ein Offizier angekommen. Er wohnt auf Nummer sechzehn.«
»Ein Leutnant?«
»Ich weiß nicht. Er kommt aus Rjasan und hat braune Pferde.«
»Schön, schön! Benimm dich auch fernerhin gut!« sagte Tschitschikow und trat in sein Zimmer. Während er durch den Flur schritt, rümpfte er die Nase und sprach zu Petruschka gewandt: »Du hättest auch die Fenster aufmachen können.«
»Ich habe sie ja aufgemacht,« entgegnete Petruschka; aber er log. Uebrigens wußte sein Herr selbst, daß es eine Lüge war. Doch er wollte nicht widersprechen. Nach der langen Fahrt bemächtigte sich eine starke Ermattung aller seiner Glieder. Er bestellte sich eine ganz leichte Abendplatte, die nur aus einem Stück Spanferkel bestand, entkleidete sich sofort, kroch unter die Decke und versank sogleich in einen tiefen, festen Schlaf, in jenen wundersamen Schlaf, den nur die Glückspilze kennen, welche nichts ahnen: weder von Hämorrhoiden, noch von Flöhen, noch von einer allzu regen Geistestätigkeit.
Siebentes Kapitel
Glücklich der Reisende, der nach einer weiten, langweiligen Fahrt mit ihrer Kälte, ihrem Schmutz und Kot, ihren verschlafenen Posthaltern, ihrem Schellengeklingel, ihren Reparaturen, ihrem Herumgezanke, ihren Postknechten, Schmieden und ähnlichen Vagabunden, endlich das traute Dach mit dem immer heller werdenden Lichterglanz erblickt -- schon taucht vor seinem geistigen Auge sein liebes Heim mit den bekannten Zimmern auf, schon hört er die jubelnden Rufe der ihm entgegeneilenden Hausgenossen, die freudige Aufregung und das Gelärm der Kinder, stille sanfte Worte unterbrochen von glühenden Zärtlichkeiten, die die Kraft haben, alles vergangene Leid aus dem Gedächtnis zu tilgen. Glücklich der Familienvater, dem ein solches Heim beschieden ward; aber wehe dem Hagestolzen! Glücklich der Schriftsteller, der an den langweiligen, widerwärtigen, durch ihre traurige Blöße erschreckenden Gestalten der Wirklichkeit flüchtig vorüber eilend sich Charakteren nähert, welche des Menschen hohe Würde verkörpern und erscheinen lassen, der aus dem großen Wirbel ewig wechselnder Formen sich nur die wenigen Ausnahmen erkiest, der auch nicht _einmal_ dem heiligen Schwunge seiner Leier untreu ward, der nie von seiner eigenen Höhe zu seinen armseligen, schwachen Brüdern herab stieg und, ohne das Irdische zu berühren, sich selig stürzte in den erdentrückten Chor erhabener Gestalten. Doppelt beneidenswert ist sein herrliches Los, er wandelt unter ihnen wie im trauten Kreise der Familie; indes schallt weit und laut sein Ruhm durch alle Lande. Mit Weihrauchwolken hat er die Augen der Menschen umhüllt, mit Zauberworten nahm er schmeichelnd ihren Geist gefangen, verbergend vor ihnen des Lebens rauhe Wirklichkeit und ihnen den schönen Menschen weisend. Händeklatschend folgt alles seiner Spur und umschwärmt jauchzend seinen Wagen. Einen großen Weltendichter nennt man ihn, der im hohen Raume schwebt ob allen andern Genien dieser Welt, wie der Aar über allem hochfliegenden Getier. Sein Name schon weckt heilige Schauer in jungen glühenden Herzen, Tränen der Sympathie erglänzen in jedem Auge ... An Macht kommt ihm kein Wesen gleich -- er ist ein Gott! Wie ganz anders ist das Los des Schriftstellers, der sich erkühnte, all das ans Licht zu ziehen, was jederzeit vor jedem Auge liegt und doch dem gleichgültigen Blicke entgeht: den grauenvollen Schlamm des Nichtigen, der unser Leben umstrickt, die ganze abgründige Tiefe jener kalten zerklüfteten Alltagscharaktere, die unsern dornigen, oft öden Erdenweg bevölkern, und mit dem kräftigen Schlag des unerbittlichen Meißels es wagte, sie klar und plastisch dem Blick der Menschen preiszugeben! Er erntet nicht des Volkes lauten Beifall, kein Dank strahlt ihm aus den Tränen und der einmütigen Begeisterung tieferregter Seelen, die sein Wort tief im Innersten aufwühlte; ihm fliegt keine sechzehnjährige Jungfrau entzückten Sinnes voll heroischer Leidenschaft entgegen; er kann sich nicht berauschen am süßen Klang der Töne, die er der eigenen Leier entlockte, und nicht wird er dem Gerichte des Tages entgehen, dem heuchlerisch gefühllosen Richterspruch des Augenblicks, der die am eignen warmen Busen genährten Geschöpfe armselig, gemein und nichtig nennen, ihm einen elenden Winkel anweisen wird inmitten jener Schriftsteller, die die Menschheit schänden, ihm die Charakterzüge seiner eigenen Helden beilegen und ihm Herz und Seele und den göttlichen Funken des Talentes rauben wird; denn das Gericht des Tages erkennt nicht an, daß gleich bewundernswürdig _jene_ Gläser sind, in denen sich die Sternenheere spiegeln und jene, durch die man die zarten Bewegungen unsichtbarer Lebewesen wahrnehmen kann, denn das Gericht des Tages erkennt nicht an, daß hohes begeistertes Lachen sich wohl messen kann mit hohem lyrischen Schwunge, und daß ein Abgrund gähnt zwischen jenem und den unwürdigen Fratzen des Jahrmarktgauklers. Das Gericht des Tages versteht dies nicht und verwandelt alles in Schimpf und Vorwurf für den verachteten Dichter: ohne Mitleid, ohne Antwort, ohne Teilnahme wie ein heimatloser Wanderer steht er allein auf öder Straße. Schwer und hart ist sein Beruf und bitter fühlt er seine Einsamkeit.
Und lange noch ist mir's von der geheimnisvollen Schicksalsmacht beschieden, den Weg fortzuwandeln Hand in Hand mit meinem Helden, das ganze gewaltig treibende Leben zu überschauen, durch das aller Welt _sichtbare_ Lachen und die keinem bekannten _unsichtbaren_ Tränen. Und noch fern ist die Zeit, wo ein andrer Springquell hoher Begeisterung wie ein Wirbelsturm aus dem von heiligem Schauer erschütterten flammenden Haupte aufsteigen, und wo verzagt die Menge dem majestätischen Donner anderer Reden lauschen wird ...
Vorwärts! Vorwärts! fort mit der finsteren Miene, fort mit der grämlichen Runzel, die deine Stirne furcht. Laßt uns geschwind wieder untertauchen in das Leben mit all seinem tonlosen Gelärm und Schellengeklingel: laßt uns zusehen was Tschitschikow macht.
Tschitschikow war soeben aufgewacht, er dehnte und streckte sich, denn er hatte das behagliche Gefühl, sich gut ausgeschlafen zu haben. Nachdem er noch ein paar Minuten ruhig auf dem Rücken gelegen hatte, schnalzte er mit den Fingern, und sein Gesicht verklärte sich bei dem Gedanken, daß er jetzt nahezu vierhundert Seelen besaß. Dann sprang er aus dem Bett, betrachtete sich nicht einmal im Spiegel, und warf keinen Blick auf sein Gesicht, das er aufrichtig liebte, und an dem ihm das Kinn ganz besonders gefiel, denn er pries es bei jeder Gelegenheit vor seinen Freunden, ganz besonders während des Rasierens. »Sieh mal,« pflegte er dann gewöhnlich zu sagen, »was ich für ein schönes rundes Kinn habe.« Und dabei streichelte er es mit der Hand. Heute aber warf er keinen einzigen Blick weder auf sein Kinn noch auf sein Antlitz, sondern zog sich sogleich seine Saffianstiefel mit dem gestickten Blumenbesatz an, mit denen die Stadt Torshok einen so schwunghaften Handel treibt, welcher in unserer russischen Bequemlichkeit eine so reiche Nahrung findet. Hierauf machte Tschitschikow in einem kurzen schottischen Hemdchen zwei kühne Luftsprünge, wobei er sich nicht ohne Geschicklichkeit eins mit dem Hacken auswischte. Und dann ging er sofort ans Werk: er rieb sich vor der Schatulle ebenso vergnügt die Hände wie ein unbestechlicher Kreisrichter, der hinausfuhr, um eine Untersuchung vorzunehmen und nun vor das Anrichtetischchen tritt, beugte sich über das Kästchen und holte ein Päckchen Papier hervor. Er wollte die Sache so schnell als möglich erledigen, um sie nicht auf die lange Bank zu schieben. Daher ging er rasch entschlossen an die Aufsetzung des Kaufkontraktes und kopierte ihn dann eigenhändig, um sich die Unkosten für den Notar zu sparen. Auf die Formalitäten verstand er sich vortrefflich; zuerst malte er mit schwungvollen, großen Buchstaben die Jahreszahl achtzehnhundert und so und so viel hin; hierauf schrieb er mit kleinen Buchstaben darunter: Gutsbesitzer Soundso und was noch sonst drum und dran hängt. In zwei Stunden war alles fix und fertig. Als er danach auf diese Blätter hinblickte, auf die Namen der Bauern, welche tatsächlich einmal gelebt, gearbeitet, geackert, getrunken, Kutscherdienste geleistet, ihre Herren betrogen hatten oder vielleicht einfach brave Bauern gewesen waren, da beschlich ihn ein wundersames, unheimliches Gefühl. Jeder Zettel schien seinen eigenen Charakter zu besitzen, und das schien den Bauern selbst eine eigentümliche Wesensart zu verleihen. Die Bauern, welche Karobotschka gehört hatten, trugen alle irgend einen Spitznamen als Anhängsel. Pljuschkins Liste zeichnete sich durch Kürze und Gedrängtheit des Stiles aus: oft standen nur die Anfangssilben der Vor- und Beinamen da, worauf ein paar Punkte folgten. Sabakewitschs Register setzte durch seine außerordentliche Ausführlichkeit und Vollständigkeit in Erstaunen; da gab es keine noch so geringe Eigentümlichkeit, die nicht sorgfältig gebucht war: von einem hieß es: »Ein guter Tischler,« von einem andern: »Er versteht seine Sache und säuft nicht.« Ebenso sorgfältig waren die Eltern eines jeden aufgezählt und ihr Charakter wie ihr Benehmen genau beschrieben. Nur von einem gewissen Fedotow stand vermerkt: »Der Vater ist unbekannt, die Mutter ist eine meiner Dienstmägde, namens Kapitolina, die jedoch einen guten Charakter hat und nicht stiehlt.« All diese Einzelheiten verliehen dem Ganzen eine gewisse Frische. Man gewann den Eindruck, als hätten die Bauern gestern noch gelebt. Tschitschikow überlas die Namen noch einmal genau und sorgfältig. Eine seltsame Rührung erfaßte ihn, er seufzte und sprach leise vor sich hin: »Herrgott welche Menge da dichtgedrängt beieinander steht! Was mögt ihr wohl alles getrieben haben, euer Leben lang, ihr Lieben? Wie mögt ihr euch durchgeschlagen haben?« Und seine Augen hefteten sich auf eine Stelle, wie unwillkürlich angezogen von einem Namen. Dies war der bekannte Peter Saweljewitsch, der Trogverächter, welcher einst der Gutsbesitzerin Karobotschka gehört hatte. Und abermals konnte er den Ausruf nicht unterdrücken: »Herrjeh, ist der aber lang, der nimmt ja die ganze Zeile ein! Was magst du wohl gewesen sein: ein Meister deines Handwerks, oder ein schlichter Bauer, und wie hat der Tod dich ereilt? War's in der Schenke, oder hat dich gar auf breiter Straße eine plumpe Fuhre überfahren, du Schlafmütze? -- Stepan Probka, der Tischler, _ein braver nüchterner Mann_. -- Sieh da bist du ja, mein Stepan Probka, du großer Held, der du für die Garde geboren warst! Hast wohl manch weites Stück Weges durchwandert, die Axt am Gürtel und die Stiefel über die Schulter geworfen, für einen Groschen Brod verzehrt und für zwei Groschen gedörrten Fisch und du brachtest dann wohl jedes Mal einen Hunderter in deinem Beutel mit oder nähtest dir gar einen Tausender in deine Nangkinghose ein oder stecktest ihn dir in den Stiefel. Wo holte dich der Tod? Bist du vielleicht nur um des gemeinen Mammons willen bis auf die Kirchenkuppel hinaufgestiegen oder gar bis aufs Kreuz emporgeklettert und von dem Gerüst herabgestürzt zu Füßen irgend eines Onkel Michei, der sich nur den Kopf kratzte und mitleidig murmelte: >Ach Wanja, was ist nur in dich gefahren!< um sich sogleich den Strick um den Leib zu binden und ruhig an deiner Stelle hinaufzuklettern. -- Maxim Telhatnikow, der Schuster. Der Schuster? He? >Besoffen wie ein Schuster<, sagt ein Sprichwort. Ich kenn' dich, kenne dich, mein Liebling; willst du's, so erzähle ich dir deine ganze Lebensgeschichte. Du kamst zu einem Deutschen in die Lehre, der euch allesamt fütterte, für eure Nachlässigkeit mit dem Riemen züchtigte und nie auf die Straße ließ, damit ihr keine Streiche macht. Du warst ein wahres Weltwunder und kein Schuster, und der Deutsche konnte dein Lob nicht hell genug singen, wenn er mit seiner Frau oder seinem Kameraden über dich sprach. Und als deine Lehrzeit aus war, da sprachst du zu dir selbst: >Jetzt will ich mir ein eigenes Häuschen kaufen, aber ich will's nicht machen wie der Deutsche, der einen Groschen zum andern legt, ich will mit einem Schlage ein reicher Mann werden!< Und du zahltest deinem Herrn einen reichen Erbzins, schafftest dir einen Laden an, besorgtest dir einen Haufen Aufträge und legtest los. Dann triebst du irgendwo zum Drittel des Preises ein Stück halbverfaulten Leders auf und verkauftest jeden Stiefel mit doppeltem Gewinn, aber deine Schuhe platzten schon nach zwei Wochen und deine Kunden schimpften dich kräftig aus, wie du's verdientest. So kam es, daß es in deinem Laden leer ward, du fingst an zu trinken, dich auf der Straße herumzutreiben und sprachst: >Ist das eine schlimme Welt! Wir Russen können rein verhungern: und an alledem ist niemand schuld als der Deutsche!< -- Und was ist das für ein Mann: Jelisawetus Sperling? Verdammt noch einmal: das ist ja ein Weibsbild! Wie ist die hierhergekommen? Der Sabakewitsch, der Schurke hat sie mit hineingeschmuggelt!« Tschitschikow hatte ganz recht: dies war wirklich eine Frau. Wie sie in diese Gesellschaft gekommen war, das wußte Gott allein; aber ihr Name war so geschickt und kunstvoll hingemalt, daß man sie von ferne wirklich für ein Mannsbild halten konnte, ja der Vorname hatte sogar die männliche Endung und lautete: Jelisawetus, statt Jelisaweta. Allein Tschitschikow nahm keine Rücksicht darauf und strich sie einfach aus der Liste. -- »Und du Grigorij Immerlangsamvoran! Was warst du wohl für ein Mensch? Warst du ein Postknecht, der sich ein Dreigespann samt einem gedeckten Wagen anschaffte, und dem eignen Heim, dem trauten Winkel für immer Valet sagte, um sich mit den Kaufleuten auf den Jahrmärkten herumzuplagen? Gabst du unterwegs deinen Geist auf, brachten dich deine eigenen Freunde wegen eines dicken rotbackigen Soldatenweibes um, oder fand irgend ein Wegelagerer Gefallen an deinen ledernen Fausthandschuhen und dem Dreigespann deiner kleinen aber kräftigen Pferde, oder fiel's dir vielleicht ein, derweil du auf deinem Lager lagst und vor dich hingrübeltest, plötzlich ohne jeden Grund und Anlaß in die Schenke hineinzuspazieren und von dort geradewegs in ein Eisloch, so daß keine Menschenseele weiß, wo du verschwunden bist? Oh du mein russisches Volk! Du liebst es nicht, eines natürlichen Todes zu sterben! -- Und ihr meine Lieblinge,« fuhr er fort, indem er einen Blick auf die Liste warf, auf der Pljuschkins flüchtige Seelen verzeichnet standen: »ihr freut euch zwar noch eures Lebens, aber was für einen Wert habt ihr? Ihr seid so gut wie tot. Und wohin tragen euch wohl jetzt eure schnellen Füße! Hattet ihr's wirklich gar so schlecht bei dem Pljuschkin, oder machte es euch bloß Spaß im Walde herumzustreichen und die Reisenden auszuplündern? Sitzt ihr vielleicht im Gefängnis oder habt ihr euch einen anderen Herrn gesucht, dessen Felder ihr nun pflügt? Jeremej Leichtfuß, Nikita Renner, Anton Renner, dessen Sohn, euch merkt man's schon an euren Namen an, daß ihr gute Läufer seid; Popor, der Knecht ... War wohl ein gelehrter Mann, der sich auf's Lesen und Schreiben verstand! der hat sicher kein Messer in die Hand genommen und sich ein hübsches Vermögen zusammengestohlen. Paß auf! paßloses Individuum, du fällst noch einmal dem Polizeihauptmann in die Hände. Zwar stellst du mutig deinen Mann: >Wer ist dein Herr?< fragt dich der Hauptmann und begleitet, da sich eine so gute Gelegenheit dazu bietet, seine Worte mit einem kräftigen Fluch: -- >Gutsbesitzer Soundso,< antwortest du keck. >Und wie kommst du hierher?< fragt dich der Hauptmann. >Ich bin gegen Bezahlung des Erbzinses freigelassen,< erwiderst du ohne Zaudern. >Wo ist dein Paß?< >Bei meinem Herrn, dem Kleinbürger Pimenow.< Pimenow wird gerufen. >Bist du Pimenow?< >Jawohl.< >Hat er dir seinen Paß gegeben?< >Nein, er hat mir keinen Paß gegeben.< >Du lügst also?< sagt der Polizeihauptmann und läßt wieder ein kräftiges Wort folgen. >Zu Befehl,< antwortest du frech: >ich gab ihm den Paß nicht, weil ich sehr spät nach Hause kam, ich habe ihn dem Glöckner zur Aufbewahrung gegeben.< -- >Der Glöckner soll herkommen! Hat er dir seinen Paß gegeben.< -- >Nein, ich habe keinen Paß von ihm bekommen.< >Warum lügst du schon wieder!< fragt der Polizeihauptmann aufs neue und flicht zur Bestätigung abermals ein kräftiges Wörtlein ein. >Wo ist denn dein Paß?< >Ich weiß genau, daß ich ihn bei mir hatte,< antwortest du sicher, >wahrscheinlich werde ich ihn wohl unterwegs irgendwo verloren haben.< -- >Und warum hast du dem Soldaten den Mantel und dem Pfarrer einen Kasten mit Kupfermünzen gestohlen?< sagt der Polizeihauptmann, indem er zur Bekräftigung wiederum ein kerniges Wörtlein anfügt. >Wahrhaftig nicht,< sagst du ohne mit der Wimper zu zucken, >beim Stehlen hat mich noch keiner ertappt.< >Und wie kommt es, daß man den Mantel bei dir gefunden hat?< >Ich weiß nicht, wahrscheinlich hat ihn ein anderer bei mir liegen lassen!< -- >O, du Hallunke, du Bestie!< sagt der Polizeihauptmann kopfschüttelnd, und stemmt die Hände in die Seiten. >Legt ihm Fußschellen an und führt ihn ins Gefängnis.< -- >Zu Befehl, ich habe nichts dagegen,< antwortet du. Und du ziehst deine Tabaksdose aus der Tasche, reichst sie gutmütig den zwei Invaliden, die dir die Fußschellen angelegt haben und fragt sie aus, ob es schon lange her ist, daß sie beim Militär waren und an welchem Kriege sie teilgenommen haben. Und dann wanderst du ins Gefängnis und bleibst ruhig drin sitzen, während das Gericht deine Sache prüft. Schließlich fällt es seinen Spruch, und du wirst aus Zarewo-Kokschaisk nach dem ***er Gefängnis transportiert. Das dortige Gericht läßt dich nach Wessjegonsk oder sonst wohin weiterbefördern usw.; so wandert du aus einem Gefängnis ins andre und sprichst jedesmal, wenn du dein neues Heim erblickst: >Nein das Wessjegonskische Gefängnis ist doch netter, da ist doch mehr Platz, da kann man auch einmal das Knöchelspiel spielen, und da gibt's auch mehr Gesellschaft.< -- Abakum Fyrow? Na und du mein Bester? Wo, in welcher Gegend treibst du dich herum? Lebst _du_ vielleicht irgendwo an der Wolga und bist ein Fährmann geworden, weil du ein freies Leben liebst? ...« Hier hielt Tschitschikow inne und wurde ein wenig nachdenklich. Worüber sann er wohl nach? Dachte er an das Schicksal Abakum Fyrows, oder war es jene natürliche, fast selbstverständliche Nachdenklichkeit, die jeden Russen in jedem Lebensalter überfällt, welchem Stande und Berufe er auch angehören mag, wenn er an die Lust eines freien ungebundenen Lebens denkt? »In der Tat wo war jetzt Fyrow? Wahrscheinlich spazierte er laut und fröhlich am Landungsplatze herum, sich heiter unter die Kaufleute mischend. Mit Blumen und Bändern an den Hüten plaudert und lärmt der ganze Troß der Bootsführer, welche sich von ihren schlanken, hohen Frauen und Schätzen verabschieden, die Perlenbänder um den Hals und bunte Schleifen im Haar tragen; es schwingt sich der Reigen, helle Lieder ertönen aus fröhlichen Kehlen, der ganze Landungsplatz wogt auf und nieder, während die Last- und Gepäckträger unter Lärmen, Gezänk und ermunternden Zurufen sich mit einem Haken neun Pud schwere Ballen auf den Rücken laden, Weizen und Erbsen geräuschvoll in geräumige Schiffe schütten und Säcke mit Hafer und Buchweizen fortschleppen; weithin blinken die gewaltigen Haufen gleich einer Pyramide von Kanonenkugeln aufeinander getürmter Säcke und Ballen, die den ganzen Platz bedecken, und machtvoll ragt dieses ganze Getreidearsenal empor, bis es in all' die geräumigen Barken und Fahrzeuge verladen ist, und diese endlose Flotte zugleich mit dem Frühjahrseise den Fluß hinabschwimmt. Da gibt's Arbeit für euch in Hülle und Fülle, ihr Schiffer, und vereint, so wie ihr einst munter geschwärmt und über alle Stränge geschlagen, geht ihr nun ans Werk und zieht im Schweiße eures Angesichts an dem Strange, unter Liedern und Gesängen, die so unendlich sind, wie die russische Heimat selbst!