Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I
Part 17
Tschitschikow versuchte ihm zu erklären, daß seine Teilnahme ganz anderer Art als die des Hauptmanns, und daß er bereit sei, sie nicht allein mit Worten sondern auch durch die Tat zu beweisen; er schob daher die Sache nicht länger auf und erklärte ohne alle Umschweife seine Bereitwilligkeit, die schwere Pflicht der Steuerzahlung für sämtliche Bauern, die durch einen so unglücklichen Zufall hinweggerafft worden wären, auf sich nehmen zu wollen. Dieses Angebot brachte Pljuschkin anscheinend völlig aus der Fassung. Seine Augen quollen hervor und starrten ihr Gegenüber lange Zeit unverwandt an. Endlich sagte er: »Waren Sie etwa beim Militär?«
»Nein!« antwortete Tschitschikow schlau ausweichend, »ich war nur im Zivildienst tätig.«
»Im Zivildienst!« wiederholte Pljuschkin und kaute dabei an seinen Lippen, wie wenn er einen Bissen im Munde hätte. »Ja, wie denn nur? Das wäre ja doch nur zu Ihrem eigenen Schaden.«
»Ihnen zu Gefallen würde ich selbst diesen Schaden auf mich nehmen.«
»Ach, Väterchen! Ach, du mein Wohltäter!« rief Pljuschkin aus, ohne in seiner Freude zu merken, daß ihm ein Stückchen Schnupftabak wie dicker Kaffeesatz aus der Nase quoll, was keinen gerade malerischen Anblick bot, und daß die zurückgeschlagenen Schöße seines Schlafrockes die Unterkleidung sehen ließen, welche auch nicht appetitlich anzuschauen war. »Sie tun ein gutes Werk an einem armen Greise! O, du mein Gott, du mein Heiland!« Mehr brachte Pljuschkin nicht heraus. Aber es verging keine Minute, als die Freude, die so plötzlich in den erstarrten Zügen aufgeleuchtet war, ebenso schnell wieder verlosch, ohne eine Spur zu hinterlassen, und sein Gesicht nahm wieder den alten besorgten Ausdruck an. Er wischte es sich sogar mit dem Taschentuch ab, ballte es zu einem Klumpen zusammen und rieb sich damit die Oberlippe.
»Wollen Sie denn wirklich -- ich möchte Sie unter keinen Umständen erzürnen -- mit Verlaub zu sagen, jedes Jahr diese Steuern bezahlen? Und soll _ich_ oder die Krone das Geld erhalten?«
»Wissen Sie was? das machen wir einfach so: wir schließen einen Kaufkontrakt miteinander ab, als ob sie noch am Leben wären und Sie sie mir verkauft hätten.«
»Ja, einen Kaufkontrakt ...« sagte Pljuschkin, wurde ein wenig nachdenklich und begann wieder an seinen Lippen zu kauen. »Sie sagen, einen Kaufkontrakt -- das macht wieder neue Unkosten! Die Beamten beim Gericht sind so unverschämt! Früher waren sie schon mit einem halben Rubel in Kupfer und einem Sack Mehl dazu abzufinden. Jetzt aber verlangen sie gleich eine ganze Fuhre Gerste und noch einen roten Lappen als Zugabe. So geldgierig sind sie heutzutage. Ich begreife garnicht, daß das niemand an die Öffentlichkeit bringt. Wenn man ihnen doch wenigstens eine Moralpredigt halten wollte. Mit einem guten Wort kann man schließlich jeden breitschlagen. Man mag sagen, was man will: einer tüchtigen Moralpredigt widersteht niemand!«
»Na na, du würdest ihr gewiß widerstehen,« dachte Tschitschikow; aber er fügte gleich darauf laut hinzu, daß er aus persönlicher Hochachtung für ihn bereit sei, auch die Kosten des Kaufvertrags auf sich zu nehmen.
Als Pljuschkin hörte, daß sein Gast sogar die Spesen des Kaufvertrages zu übernehmen gedenke, schloß er hieraus, daß er ein vollendeter Narr sein müsse, und sich bloß so _anstelle_, als ob er im Zivildienst gewesen sei, in Wahrheit aber bei irgend einem Regiment gedient und sich mit Schauspielerinnen herumgetrieben habe. Bei alledem vermochte er es jedoch nicht, seine Freude zu unterdrücken und überhäufte den Gast mit allerhand Segenswünschen für ihn selbst und seine Kinder, ohne sich übrigens erkundigt zu haben, ob er auch welche besitze. Dann trat er ans Fenster, trommelte mit den Fingern gegen die Glasscheibe und rief: »Heh! Proschka!« Gleich darauf hörte man, wie jemand atemlos über den Flur rannte, sich dort geräuschvoll hin und her bewegte und mit den Stiefeln aufstampfte. Endlich tat sich die Türe auf und Proschka, ein dreizehnjähriger Junge, trat herein. Er hatte so weite Wasserstiefel an, daß er sie beinahe bei jedem Schritte verlor. Warum Proschka eigentlich so große Stiefel anhatte, soll der Leser sofort erfahren. Pljuschkin besaß für seine sämtlichen Dienstboten nur ein Paar Stiefel, die immer im Vorzimmer stehen mußten. Ein jeder, der in die herrschaftlichen Gemächer beordert wurde, mußte erst quer über den ganzen Hof einen Tanz ausführen, bis er den Flur erreicht hatte, wo er die Stiefel anzog, um in diesem Aufzuge ins Zimmer zu treten. Beim Verlassen des Zimmers entledigte er sich im Flure wiederum seiner Fußbekleidung und trat den Rückweg auf seinen höchsteigenen Sohlen an. Wenn jemand zur Herbstzeit und besonders des Morgens, wenn schon der erste Reif gefallen war, aus dem Fenster geblickt hätte, so hätte er sich des schönen Anblicks erfreuen können, was für prächtige Sprünge Pljuschkins Diener vollführten.
»Sehen Sie nun diese Visage, Väterchen,« sagte Pljuschkin zu Tschitschikow, indem er mit dem Finger auf Proschka zeigte. »Der Kerl ist so dumm wie ein Holzklotz. Aber lassen Sie bloß etwas liegen, schwupp, hat er es schon weggegrapst. Na, was willst du hier, du Esel? Ja, was denn nur?« Hier machte er eine kleine Pause, während der Proschka gleichfalls keinen Laut von sich gab. »Stell den Samowar auf! Hörst du? Hier hast du den Schlüssel! Gib ihn der Mawra und sag ihr, sie soll in die Speisekammer gehen. Da liegt auf dem Regal noch ein Zwieback von Ostern her, Alexandra Stepanowna hat ihn mir mitgebracht; den soll sie zum Tee servieren ... Wart, wo willst du hin, dummer Kerl? Bist du ein Schafskopf! Dir sitzt wohl der Teufel in den Fersen. Hör mich doch erst an! Der Zwieback ist oben nicht mehr ganz frisch. Sie soll ihn ein bissel mit dem Messer abschaben; aber daß sie mir die Krumen nicht wegwirft! Die müssen für die Hühner übrig bleiben. Und daß du mir nicht mit ins Speisezimmer gehst: sonst gibt's was mit der Birkenrute, verstehst du? daß du Geschmack daran bekommst. Du hast ja jetzt schon so einen guten Appetit. Den wollen wir noch ordentlich vermehren. Geh mir nur ins Speisezimmer! Ich werde schon auf deine Schliche kommen, hier vom Fenster aus. Man kann den Kerlen in nichts trauen,« fuhr er fort, indem er sich an Tschitschikow wandte, als Proschka mit seinen Siebenmeilenstiefeln bereits in der Türe verschwunden war. Hierbei warf er einen argwöhnischen Blick auf Tschitschikow. Dieser Zug einer geradezu unerhörten Großmut und Großherzigkeit kam ihm unwahrscheinlich und verdächtig vor, und er dachte sich: »Weiß der Teufel, vielleicht ist er auch nur so ein Prahlhans, wie alle diese Prasser und Verschwender! Lügt einem was vor, um ein Stündchen zu verplaudern und ein paar Tassen Tee zu trinken und macht dann, daß er fortkommt!« Er sagte daher teils aus Vorsicht, teils um dem Gast ein wenig auf den Zahn zu fühlen, daß es nicht übel wäre, den Kaufvertrag so bald als möglich abzuschließen, denn der Mensch sei ein gar unzuverlässiges und gebrechliches Ding: heute rot, morgen tot.
Tschitschikow erklärte sich bereit, den Kontrakt auf Wunsch sofort zu unterschreiben und bat nur um ein Verzeichnis sämtlicher Bauern.
Dies beruhigte Pljuschkin. Man merkte es ihm an, daß er irgend einen Plan überdachte, und in der Tat zog er jetzt den Schlüsselbund hervor, näherte sich dem Schrank, öffnete ihn, suchte lange unter den Gläsern und Schalen herum und rief schließlich aus: »Jetzt kann ich ihn nicht finden; ich hatte da doch einen feinen Likör; wenn die Bande ihn nur nicht wieder ausgetrunken hat! Diese Leute sind die reinsten Banditen. Ah da ist er schon?« Tschitschikow bemerkte in seinen Händen eine kleine Karaffe, die in einer Staubhülle steckte wie in einem Trikothemd. »Der stammt noch von meiner seligen Frau her,« fuhr Pljuschkin fort, »die Schließerin, diese Spitzbübin hat ihn hier stehen lassen und sich überhaupt nicht mehr um ihn gekümmert, nicht einmal zugekorkt hat sie ihn, die Kanaille! Weiß Gott was für Würmer und Fliegen und sonstiger Plunder drin herum schwammen, aber ich habe alles herausgefischt, jetzt ist er wieder ganz rein, ich will Ihnen doch ein Gläschen einschenken.«
Aber Tschitschikow lehnte dies Anerbieten mit einigem Eifer ab und bemerkte, daß er schon gegessen und getrunken habe.
»Schon gegessen und getrunken!« sagte Pljuschkin. »Freilich, freilich. Einen Mann von gutem Stande erkennt man doch auf den ersten Blick: er hat keinen Hunger und ist immer satt, so einen Schwindler kann man füttern, soviel man will .... Da ist z. B. der Hauptmann: wenn der angefahren kommt, dann heißt es gleich: >Onkelchen, haben Sie nicht etwas zu essen?< Dabei bin ich ebensowenig sein Onkel, wie er mein Großvater ist. Wahrscheinlich hat er selbst zu Hause nichts zu essen, darum treibt er sich überall herum! Sie brauchen also ein Verzeichnis von all diesen Faulenzern? Natürlich, Sie haben ganz recht! Ich habe sie alle miteinander, so gut es ging, auf einen besonderen Zettel geschrieben, um sie bei der nächsten Revision gleich streichen zu lassen.« Pljuschkin setzte die Brille auf und begann in seinen Papieren herumzuwühlen. Dabei löste er die Schnur von so manchem Päckchen und warf die Papiere so durcheinander, daß eine Staubwolke dem Gaste in die Nase stieg, und dieser niesen mußte. Endlich zog er einen Zettel hervor, der beiderseits eng beschrieben war. Die Bauernnamen bedeckten ihn so dicht wie Fliegenschmutz. Da waren alle Kategorien vertreten, da gab es einen Paramonoff und Pimenow, einen Panteleimonow, ja es tauchte sogar ein gewisser Grigorij »Immerlangsamvoran« aus der ganzen Menschenflut hervor. Im ganzen waren es etwas mehr als hundertundzwanzig. Tschitschikow lächelte unwillkürlich als er diese stattliche Zahl übersah. Er steckte den Zettel in die Tasche und erklärte Pljuschkin, er werde wohl zum Abschluß des Kaufes nach der Stadt fahren müssen.
»Nach der Stadt? Wie kann ich denn ...? Ich kann doch mein Haus nicht sich selbst überlassen! Meine Dienstboten sind lauter Diebe und Spitzbuben; die ziehen mich in einem Tage so aus, daß ich keinen Nagel mehr übrig behalte, an dem ich meinen Rock aufhängen könnte.«
»Haben Sie nicht wenigstens irgend einen Bekannten?«
»Wer sollte das sein? Meine Bekannten sind alle schon tot, oder wollen nichts mehr von mir wissen. Ach ja, _doch_, Väterchen! Wie denn nicht! Natürlich habe ich einen,« rief er plötzlich aus. »Der Gerichtspräsident, das ist ja mein guter Freund! Der hat mich früher oft besucht; wie sollte ich den nicht kennen! Das ist ja mein Jugendfreund. Wie oft sind wir zusammen über so manchen Zaun geklettert. Keinen Bekannten? Ich sage Ihnen, das ist ein Bekannter! ... Ich könnte doch an ihn schreiben?«
»Aber natürlich.«
»Ein so guter Bekannter! Ein alter Schulkamerad!«
Und über das erstarrte Gesicht huschte plötzlich etwas wie ein warmer Strahl, ein schwacher Ausdruck oder doch wenigstens ein matter Abglanz eines Gefühls belebte die toten Züge; wie wenn auf der Oberfläche eines Gewässers ganz plötzlich und unerwartet ein Ertrinkender auftaucht und nun die am Ufer versammelte Menge in freudiges Jauchzen ausbricht; aber vergebens werfen die freudig erregten Schwestern und Brüder das rettende Seil aus und warten ungeduldig darauf, daß sich eine Schulter oder der vom Todeskampfe ermattete Arm aus den Fluten emporstrecke -- er war zum letzten Mal emporgetaucht. Und stumm wird's ringsumher, und schrecklicher noch, und öder erscheint jetzt die glatte ruhige Fläche des launischen Elementes. So wurde auch Pljuschkins Gesicht, nachdem der Schimmer eines Gefühls darüber hinweggeglitten war, fast noch kälter, gemeiner und gefühlloser.
»Auf dem Tisch lag doch ein Stückchen reines Papier,« sagte er, »aber ich weiß nicht, wo es hingekommen ist: diese Taugenichtse von Dienstboten!« -- Und er guckte _unter_ den Tisch und _auf_ den Tisch, kramte überall herum und rief schließlich: »Mawra, he! Mawra!« Auf sein Geschrei erschien ein Weib mit einem Teller in der Hand, auf dem der dem Leser schon bekannte Zwieback thronte. Jetzt entspann sich folgendes Gespräch zwischen beiden:
»Wo hast du das Papier gelassen, du Diebin?«
»Bei Gott, gnädiger Herr! Ich habe kein Papier gesehen, außer dem Stückchen, mit dem Sie das Spitzglas bedeckt haben.«
»Man sieht dir's ja an den Augen an, daß du es stibitzt hast.«
»Wie käme ich dazu, es zu stibitzen? Ich wüßte doch nichts damit anzufangen. Ich kann ja nicht einmal lesen und schreiben.«
»Das lügst du, du hast es zum Küster hingetragen, das ist ein Tintenklexer, dem wirst du's wohl gegeben haben.«
»Wenn der will, so kann er sich jederzeit Papier verschaffen. Der Küster hat Ihren Papierfetzen überhaupt nicht zu sehen bekommen!«
»Warte nur! Die Teufel werden dir beim jüngsten Gericht tüchtig zusetzen mit ihren eisernen Halseisen. Paß einmal auf, wie die dich plagen werden!«
»Wofür sollten sie mich denn quälen, wenn ich doch das Papierstückchen garnicht in der Hand gehabt habe. Sie können mir jede andere weibliche Schwäche vorwerfen, aber daß ich stehle, das hat mir noch niemand gesagt.«
»Du wirst schon sehen, wie die Teufel dir zusetzen werden! Das hast du dafür, daß du deinen Herrn beschwindelt hast, werden sie sagen und dich mit ihren glühenden Zangen zwacken!«
»Dann werd' ich eben antworten: Ich bin unschuldig, bei Gott, ich bin unschuldig ... Aber da liegt es ja auf dem Tisch. Immer machen Sie einem unnütze Vorwürfe!«
Pljuschkin sah den Papierschnitzel in der Tat daliegen, hielt einen Augenblick inne, kaute an seinen Lippen und sagte: »Na was regst du dich denn gleich so auf? So ein Trotzkopf. Man sagt ihr ein Wort, und sie kommt einem gleich mit einem ganzen Dutzend. Geh', bring mir etwas Feuer, damit ich den Brief versiegeln kann. Halt! du bringst mir womöglich noch eine Talgkerze; der Talg schmilzt so schnell, weg ist er, und man hat das Nachsehen! Bring mir lieber einen brennenden Kienspan!«
Mawra entfernte sich, Pljuschkin aber setzte sich in den Lehnstuhl, nahm die Feder in die Hand und drehte und wendete den Zettel noch lange in den Fingern hin und her; er überlegte wohl, ob er nicht noch die Hälfte davon abschneiden könne, aber schließlich sah er wohl ein, daß das nicht ging; er tauchte also die Feder ins Tintenfaß, das mit einer verschimmelten Flüssigkeit angefüllt war, in der eine Menge Fliegen herumschwammen, und begann zu schreiben; er setzte die Buchstaben, die große Ähnlichkeit mit Noten hatten, dicht nebeneinander, und mußte fortwährend den Lauf der Feder hemmen, die sich auf dem Papier in übermütigen Sprüngen erging. Ängstlich fügte er Zeile an Zeile mit dem lebhaften Bedauern, daß trotzdem noch immer etwas leerer Raum zwischen ihnen übrig blieb.
Und bis zu einer solchen Armseligkeit, Kleinlichkeit und Erbärmlichkeit konnte ein Mensch herabsinken? So furchtbar konnte er sich wandeln? Hat das überhaupt noch den Schein der Wahrheit? -- Jawohl! -- Es gibt überhaupt nichts Unwahrscheinliches. Alles kann mit dem Menschen geschehen! Ein feuriger Jüngling von heute würde vielleicht mit Entsetzen zurückprallen, wenn man ihm das Bild seines eigenen Greisenalters vorhielte. O, hütet sorgsam auf eurem Lebenswege, wenn ihr heraustretet aus euren milden zarten Jugendtagen in das ernste härtende Mannesalter -- o, hütet sorgsam jede menschliche Regung, verschwendet, verliert sie nicht unbedacht unterwegs: ihr findet sie nie wieder! Furchtbar und grauenvoll ist das in der Ferne drohende Greisenalter, es liefert nichts wieder aus, es gibt uns nichts zurück. Das Grab selbst ist barmherziger; auf dem Leichenstein wird vielleicht die Inschrift stehen: »hier liegt ein Mensch begraben.« Aber kein Schriftzeichen belebt die kalten gefühllosen Züge des menschlichen Alters.
»Haben Sie nicht vielleicht einen Freund,« sagte Pljuschkin, während er den Brief zusammenfaltete, »der flüchtige Bauern brauchen könnte?«
»Haben Sie auch flüchtige?« fragte Tschitschikow schnell, wie aus einem Traume erwachend.
»Das ist es ja gerade, daß ich welche habe. Mein Schwager hat schon Erkundigungen eingezogen, und sagt, er hätte gar keine Spur von ihnen entdecken können; aber er ist Soldat, der kann nur mit den Sporen klirren, wenn man sich dagegen beim Gericht darum bemühen wollte, so ....«
»Und wieviel werden's wohl sein?«
»So an die siebzig Mann, mindestens.«
»Wahrhaftig?«
»Bei Gott! Es vergeht kein Jahr, ohne daß mir ein paar davonlaufen. Die Leute sind heutzutage alle so unmäßig; tun den ganzen Tag nichts und wollen nur immer fressen, und ich habe doch selbst nichts zu essen ... Wahrhaftig ich würde sie fast umsonst hergeben. Nicht wahr, Sie sagens doch Ihrem Freunde: wenn er auch nur ein Dutzend wiederbekommt, hat er ein hübsches Sümmchen verdient. Eine eingetragene Seele ist doch an die fünfhundert Rubel wert.«
»Die soll der Freund nicht einmal zu riechen bekommen!« dachte Tschitschikow, und erklärte, daß er leider keinen solchen Freund besäße, und daß allein die Kosten dieses Verfahrens mehr betragen würden; die Gerichte hält man sich am liebsten ganz vom Leibe, denn da muß man ja selbst noch die Rockschöße hingeben. Aber wenn Pljuschkin sich wirklich in einer so bedrängten Lage befände, dann sei er, Tschitschikow, aus Sympathie für ihn bereit, eine kleine Summe zu bezahlen ... Aber das sei, wie gesagt, eine solche Kleinigkeit, die nicht einmal der Rede wert sei.
»Und wieviel würden Sie geben?« fragte Pljuschkin, der vor Habgier bebte, und seine Hände zitterten wie Espenlaub.
»Ich könnte fünfundzwanzig Kopeken pro Stück anlegen.«
»Und zahlen Sie bar?«
»Ja, Sie können das Geld gleich bekommen.«
»Hören Sie Väterchen, Sie wissen doch, wie arm ich bin, Sie könnten mir wirklich vierzig Kopeken geben.«
»Verehrtester, ich würde Ihnen gerne nicht nur vierzig Kopeken, sondern selbst fünfhundert Rubel pro Kopf bezahlen! Mit dem größten Vergnügen, denn ich sehe, daß ein hochachtbarer, edler Geist infolge seiner Gutmütigkeit Not leidet.«
»Ja, nicht wahr! Bei Gott!« sagte Pljuschkin, ließ den Kopf hängen und schüttelte ihn heftig. »Das macht alles die Gutmütigkeit.«
»Nun sehen Sie, ich habe Ihren Charakter sofort erkannt. Warum sollte ich nicht fünfhundert Rubel pro Mann geben? Aber ich bin eben auch nicht vermögend; fünf Kopeken will ich meinetwegen noch zulegen, dann kostet jede Seele rund dreißig Kopeken.«
»Legen Sie noch zwei Kopeken zu, Väterchen!«
»Also gut, meinetwegen noch zwei Kopeken! Wieviel Seelen waren es doch, sagten Sie nicht siebzig?«
»Nein, es sind sogar achtundsiebzig.«
»Achtundsiebzig, achtundsiebzig zu dreißig Kopeken, das macht ...« hier dachte unser Held eine Sekunde und nicht einen Augenblick länger nach und sagte, »das macht vierundzwanzig Rubel sechsundneunzig Kopeken!« Er war sehr stark in der Arithmetik. Dann ließ er Pljuschkin die Quittung schreiben und händigte ihm das Geld aus, welches jener mit beiden Händen ergriff und mit ängstlicher Vorsicht nach dem Schreibpulte trug, als hielte er in seinen Händen eine Flüssigkeit, die er jeden Augenblick zu verschütten fürchtete. Als er vor dem Pulte stand, betrachtete er die Banknoten noch einmal genau und legte sie ebenso vorsichtig in eines der Schubfächer, wo das Geld wahrscheinlich begraben blieb, bis Pater Karp und Pater Polikarp, die zwei Priester des Dorfes, ihn selbst zur ewigen Ruhe bestatteten: zur unbeschreiblichen Freude seiner Tochter und des Schwiegersohnes -- und vielleicht auch des Hauptmanns, der durchaus mit ihm verwandt sein wollte. Nachdem Pljuschkin das Geld eingeschlossen hatte, ließ er sich auf dem Lehnstuhle nieder, ohne, wie es schien, einen neuen Gesprächsstoff finden zu können.
»Wie, Sie wollen schon fahren,« sagte er, als er Tschitschikow, der im Begriff war, sein Taschentuch herauszuholen, eine kleine Bewegung machen sah. Diese Frage erinnerte jenen daran, daß es in der Tat zwecklos sei, sich hier noch länger aufzuhalten. »Ja, es ist Zeit!« sprach er und griff nach dem Hute.
»Wollen Sie denn keinen Tee?«
»Nein, ich danke! Ich spreche lieber bei anderer Gelegenheit einmal zum Tee vor.«
»Ja, wie denn nur? Ich habe doch die Teemaschine aufsetzen lassen! Wenn ich ehrlich sein soll, ich mache mir auch nichts aus Tee: es ist ein teures Getränk, und dann sind auch die Zuckerpreise so unerhört gestiegen. Proschka! Wir brauchen die Teemaschine nicht mehr. Und den Zwieback bringst du der Mawra! Hörst du? Sie soll ihn wieder auf den alten Platz legen; oder nein, gib ihn lieber her, ich will ihn schon selbst hintragen. Leben Sie wohl, Väterchen; Gott segne Sie! Und den Brief geben Sie dem Gerichtspräsidenten, nicht wahr? Er soll ihn lesen! Er ist doch ein alter Freund von mir. Ja, ja, ein Jugendgespiele.«
Hierauf begleitete ihn diese seltsame Gestalt, dieser merkwürdig eingeschrumpfte alte Mann in den Hof hinab. Nachdem Tschitschikow davongefahren war, ließ Pljuschkin das Tor sofort schließen. Dann schritt er durch alle Vorratskammern und Speicher, um sich zu überzeugen, ob auch alle Wächter an ihrem Platze seien, die an jeder Ecke standen und mit Holzschaufeln auf ein leeres Faß statt auf eine Blechtrommel schlugen; er warf auch einen Blick in die Küche, sah dort nach, ob auch das Essen für die Dienstboten gut und schmackhaft zubereitet sei, was für ihn jedoch nur ein Vorwand war, sich selbst gründlichst an Brei und Kohlsuppe satt zu essen. Nachdem er schließlich noch alle bis auf den letzten wegen ihrer schlechten Aufführung tüchtig gescholten und ihnen Diebstahl vorgeworfen hatte, kehrte er in sein Zimmer zurück. Als er allein war, kam ihm einen Augenblick sogar die Idee, sich dem Gast gegenüber für dessen beispiellosen Edelmut erkenntlich zu erweisen: »Ich will ihm die Taschenuhr zum Geschenk machen,« dachte er -- »es ist doch eine schöne silberne Uhr, und nicht etwa von Tomback oder Bronze; sie ist freilich etwas verdorben, aber er kann sie ja reparieren lassen; er ist noch ein junger Mann, und braucht eine Taschenuhr, wenn er bei seiner Braut Eindruck machen will. Oder nein!« -- fuhr er nach einigem Nachdenken fort: »ich will sie ihm lieber vermachen; er soll sie erst nach meinem Tode erhalten, damit er sich später noch meiner erinnert.«