Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I
Part 20
Während die Unterhaltung noch ihren Fortgang nahm, erschienen allmählich die Zeugen: der Staatsanwalt, den der Leser schon kennt und der ewig mit dem linken Augenlide zuckte, der Inspektor der Sanitätskommission, ferner die Herren Truchatschewski, Bjeguschkin und die andern, die nach Sabakewitschs Worten der Erde durch ihren Müßigang zur Last fallen. Viele von ihnen kannte Tschitschikow noch garnicht; die fehlenden Zeugen wurden durch einige diensthabende Beamte ersetzt. Man hatte nicht nur den _Sohn_ des Oberpriesters, Pater Cyrill, sondern auch den Oberpriester selbst herangeholt. Jeder von den Zeugen setzte seine Unterschrift mit Aufführung all seiner Titel und Würden unter das Dokument, der eine in runder, der andre in schräger Schrift; bei einem dritten schienen sozusagen die Buchstaben auf dem Kopf zu spazieren, oder es liefen solche Lettern mit unter, wie sie im russischen Alphabet garnicht einmal vorkommen. Iwan Antonowitsch erledigte alles gewandt und sicher, die Kontrakte wurden notifiziert, mit dem Datum versehen, und in die Bücher und wohin sich's sonst noch gehört, eingetragen, nachdem die ein halbes Prozent betragenden Gebühren und Spesen für die Ankündigung im Amtsblatt erhoben worden waren, sodaß Tschitschikow nur eine Kleinigkeit zu bezahlen brauchte. Ja, der Präsident gab sogar Order ihm nur die Hälfte von den Gebühren anzurechnen, während die andre Hälfte einem andern Kontrahenten auf die Rechnung gestellt wurde. Wie man das fertig brachte, weiß der liebe Himmel.
»Und nun,« sagte der Präsident, nachdem alles glücklich erledigt war, »hätten wir das Geschäft nur noch zu begießen.«
»Mit Vergnügen,« sagte Tschitschikow. »Ich überlasse es Ihnen, die Zeit zu bestimmen. Es wäre eine Sünde, wenn ich meinerseits mich weigern wollte, in so angenehmer Gesellschaft ein paar Flaschen Sekt springen zu lassen.«
»Nein, das fassen Sie falsch auf: den Sekt stellen wir selbst,« sagte der Präsident; »das ist nur unsere Pflicht und Schuldigkeit. Sie sind unser Gast: also laden wir Sie ein. Wissen Sie was meine Herren? Gehen wir doch einstweilen mal zum Polizeimeister: das ist ein richtiger Zauberkünstler; wenn der am Fischmarkt oder an einer Weinhandlung vorübergeht, braucht er nur zu winken, und es steht gleich ein glänzendes Frühstück da, zu dem man sich gratulieren kann. Bei dieser Gelegenheit können wir auch eine Partie Whist machen.«
Ein solch vernünftiges Anerbieten konnte niemand ausschlagen. Den Zeugen lief schon bei der bloßen Erwähnung des Fischmarktes das Wasser im Munde zusammen; alles griff sofort zu Hut oder Mütze, und die Sitzung war zu Ende. Als man durch die Kanzlei schritt, sagte Iwan Antonowitsch -- die Kannenschnauze -- mit einer höflichen Verbeugung zu Tschitschikow: »Sie haben für hunderttausend Rubel Bauern gekauft, und ich habe nur fünfundzwanzig für meine Mühe bekommen.«
»Ja, was sind denn das für Bauern,« flüsterte ihm Tschitschikow leise zu: »lauter schlechtes nichtsnutziges Volk, die sind noch nicht die Hälfte wert.« Iwan Antonowitsch begriff, daß er einem Mann von festem Charakter gegenüberstand, von dem er nicht mehr herausbekommen würde.
»Wieviel hat Ihnen Pljuschkin für die Seele abgenommen?« flüsterte ihm Sabakewitsch ins andere Ohr.
»Und warum haben Sie den Sperling eingeschmuggelt?« antwortete ihm Tschitschikow.
»Welchen Sperling?« fragte Sabakewitsch.
»Na das Weibsbild, die Elisabetha Sperling. Sie haben ja noch us statt a geschrieben.«
»Von diesem Sperling weiß ich nichts,« sagte Sabakewitsch und mischte sich unter die anderen Gäste.
Die Gäste begaben sich schließlich _in corpore_ nach dem Hause des Polizeimeisters. Der Polizeimeister war tatsächlich ein Zauberkünstler; kaum hatte er gehört, worum es sich handelte, als er schon einen Polizeikommissar, einen schneidigen Kerl in hohen Lackstiefeln, zu sich heranrief und ihm, wie es schien, kaum mehr als zwei Worte ins Ohr flüsterte; dann fragte er ihn nur noch kurz: »Hast du verstanden?«, und schon erschienen im andern Zimmer, während die Gäste noch ihren Whist droschen, die herrlichsten Dinge auf dem Tische: Störe, Hausen, geräucherter Lachs, frischer und gepreßter Kaviar, Hering, Wels, allerhand Käsesorten, geräucherte Zunge -- dies wenigstens war das Menu, soweit es den Fischmarkt betraf. Dazu kamen noch einige Zugaben, die aus dem eigenen Haushalt und der eigenen Küche stammten: eine Fischpastete, die mit dem Knorpel und den Kiemen eines neun Pud schweren Störs gefüllt war, eine Pastete mit Pfifferlingen, Pastetchen aus Butterteig, Splittertörtchen usw. Der Polizeimeister war in gewissem Sinne der Vater und der Wohltäter der Stadt. Er benahm sich im Kreise der Bürger ganz wie im eigenen Familienkreise, und in den Läden oder auf dem Tuchmarkt wußte er Bescheid wie in seiner eigenen Speisekammer. Er war überhaupt, wie man zu sagen pflegt, ganz an seinem Platz und hatte seinen Beruf aus dem ff heraus. Es wäre sicherlich schwer zu entscheiden gewesen, ob _er_ für sein _Amt_ oder sein _Amt_ für _ihn_ geschaffen war. Er wußte seinen Posten so gut auszufüllen, daß seine Einnahmen sich beinahe auf das Doppelte von dem beliefen, was seine Vorgänger erhalten hatten, und doch war er in der ganzen Stadt allgemein beliebt. Die Kaufleute schätzten ihn am meisten, ganz besonders weil er gar nicht stolz war; und in der Tat, er hob ihre Kinder aus der Taufe, stand mit ihnen Gevatter, und obwohl er sie tüchtig bluten ließ, machte er doch auch dies mit einer ganz besonderen Geschicklichkeit: entweder klopfte er ihnen freundlich auf die Schulter und lächelte ihnen zu, oder er lud sie zum Tee ein, ließ sich zu einer Partie Dame auffordern und fragte sie nach allem aus: wie die Geschäfte gehen und wie es sonst stände; wenn er erfuhr, daß eins der Kinder krank sei, dann wußte er gleich Rat und verschrieb ihm die richtige Arzenei; mit einem Wort, er war ein ganz famoser Kerl. Kam er in seinem Wagen daher gefahren, um überall für Ordnung zu sorgen, dann hatte er immer für den einen oder andern das rechte Wort bereit: »Nun Michej, sollen wir nicht einmal unser Spielchen zu Ende spielen.« -- »Freilich, Alexei Iwanowitsch,« antwortet dieser und zieht die Mütze, »freilich sollten wir!« »Hör doch, Ilja Paramonowitsch, komm doch mal zu mir und sieh dir mein Rennpferd an; das läuft noch schneller als das deine; laß es doch auch mal vor den Rennschlitten spannen, und dann wollen wir sehen!« Der Kaufmann, der ein passionierter Pferdefreund war, lächelte hierbei ganz besonders zufrieden, strich sich den Bart und sagte: »Gut, wir wollen sehen! Alexei Antonowitsch!« Selbst die Ladendiener nahmen hierbei ihre Mützen ab und sahen sich vergnügt an, wie wenn sie sagen wollten: »Alexei Antonowitsch ist doch ein prächtiger Mensch!« Mit einem Wort, er war sehr populär, und die Kaufleute hatten eine sehr hohe Meinung von ihm und sagten: »Alexei Antonowitsch nimmt zwar ein bissel viel, dafür hält er aber auch sein Wort.«
Als der Polizeimeister sich überzeugte, daß das Frühstück fertig sei, forderte er seine Gäste auf, den Whist nach Tisch fortzusetzen, und alle begaben sich in das Zimmer, von dem aus sich schon lange ein angenehmer Geruch bis in die Nebengemächer verbreitete. Dieser Geruch hatte die Nasen unserer Gäste schon längst in angenehmer Weise gekitzelt, und Sabakewitsch schielte fortwährend durch die Türe nach dem Tisch, da er bereits von dem Stör Notiz genommen hatte, der etwas abseits auf einem großen Teller lag. Nachdem die Gäste erst einen Likör von jener dunkelgrünen Olivenfarbe gekostet hatten, wie man sie nur an den durchsichtigen sibirischen Steinen beobachtet, aus denen bei uns in Rußland Petschaften gemacht werden, trat man von allen Seiten mit Gabeln bewaffnet an den Tisch. Hierbei zeigten sich, wie man zu sagen pflegt, der Charakter und die Neigungen eines jeden in ihrem wahren Lichte, indem der eine sich an den Kaviar, ein anderer an den Lachs, ein dritter an den Käse heranmachte. Sabakewitsch würdigte indessen all diese Kleinigkeiten keines Blickes und richtete sich in nächster Nachbarschaft vom Stör ein; während jene aßen, tranken und sich unterhielten, verleibte er ihn sich in einer kurzen Viertelstunde völlig ein, und als der Polizeimeister sich an den Fisch erinnerte und mit den Worten: »Und was denken Sie von diesem Naturprodukt, meine Herren!« zugleich die andern aufforderte, ihm zu folgen und mit der Gabel in der Hand vor den Stör hintrat, da merkte er, daß von dem Naturprodukt nur noch der Schwanz übrig geblieben war; Sabakewitsch aber tat so, als ob ihn die Sache garnichts anginge, trat vor einen Teller, der etwas abseits von den andern stand, und stocherte mit der Gabel auf einem kleinen getrockneten Fischchen herum. Nachdem er den Stör verarbeitet hatte, ließ sich Sabakewitsch in einen Lehnstuhl sinken und aß und trank von da ab nichts mehr, sondern blinzelte nur noch mit den Augen. Der Polizeimeister liebte, wie es schien, nicht mit dem Wein zu sparen. Der erste Toast wurde, wie die Leser vielleicht selbst erraten werden, auf das Wohl des neuen Gutsbesitzers von Cherson ausgebracht. Der zweite galt dem Wohlergehen seiner Bauern und ihrer glücklichen Ansiedlung. Dann trank man auf die Gesundheit seiner künftigen reizenden Ehehälfte, was unserm Helden ein freundliches Lächeln entlockte. Dann drängten sich alle um ihn und suchten ihn zu überreden, daß er doch noch wenigstens zwei Wochen in der Stadt bleiben möge. »Nein, Pawel Iwanowitsch! Das hieße ja die Wohnung kalt werden lassen: über die Schwelle und gleich wieder fort! Nein, bleiben Sie doch noch eine Zeitlang bei uns! Kommen Sie, wir wollen Sie verheiraten. Nicht wahr, Iwan Grigorjewitsch, wir verschaffen ihm eine Frau?«
»Ja, ja, eine Frau!« fiel der Präsident ein, »sträuben Sie sich mit Händen und Füßen, soviel Sie wollen, Sie werden doch verheiratet! Nichts da, mein Bester! Mitgefangen, mitgehangen! Da dürfen Sie sich nicht beklagen, wir lieben nicht zu spaßen!«
»Warum nicht, wozu sollte ich mich mit Händen und Füßen dagegen stemmen? Die Heirat ist doch nicht solch eine Sache, daß man darüber gleich ... Wenn nur eine Braut da wäre.«
»Die Braut wird sich schon finden! Wie sollte sie nicht? Es wird sich alles finden, alles was Sie nur wollen.«
»Nun, unter diesen Umständen ...«
»Bravo, er bleibt!« schrieen alle: »Vivat Hurrah! Pawel Iwanowitsch, Hurrah!« Und alle traten mit den Gläsern in der Hand auf Tschitschikow zu, um mit ihm anzustoßen. Tschitschikow stieß mit allen an.
»Nein, noch einmal!« sagten die Tollsten, und die Gläser mußten noch einmal erklingen; ja sie wollten noch zum dritten Mal anstoßen, und so machte man es denn zum dritten Male. In kurzer Zeit wurden alle außerordentlich lustig. Der Präsident, welcher in angeheitertem Zustande ein äußerst lieber Mensch war, schloß Tschitschikow mehrmals in seine Arme und stammelte im Übermaß seines Gefühles: »Mein liebes Herz, mein liebes Mamachen!« Ja, er knipste sogar mit den Fingern und begann um Tschitschikow herumzutanzen, wobei er das bekannte Volkslied anstimmte: »Ach du Hundesohn! du Bauer aus Komarinsk.« Nach dem Sekt ging man zu den Ungarweinen über, welche die Stimmung noch mehr hoben und noch mehr zur Erheiterung der Gesellschaft beitrugen. Der Whist war ganz und gar vergessen: man schrie, man zankte, man unterhielt sich über alle möglichen und unmöglichen Dinge -- über Politik, ja sogar über militärische Fragen, man führte freie Reden, für die ein jeder unter gewöhnlichen Umständen seine eigenen Kinder durchgeprügelt hätte. Bei dieser Gelegenheit wurde eine ganze Reihe höchst schwieriger Probleme zur Lösung gebracht. Tschitschikow hatte sich noch nie so froh und heiter gefühlt, er kam sich tatsächlich schon als Chersonscher Gutsbesitzer vor, sprach von allerhand wirtschaftlichen Neuerungen und Verbesserungen, von dem Dreifeldersystem, von dem Glück und der Seligkeit zweier Seelen und deklamierte Sabakewitsch sogar eine gereimte Epistel von Werther an Charlotte vor, wozu jener nur mit den Augen blinzelte, denn er saß in seinem Lehnstuhl und fühlte nach dem Stör eine starke Neigung zum Schlafen. Tschitschikow sah bald selbst ein, daß er sich vielleicht zu sehr habe gehen lassen, er erkundigte sich, ob er nicht einen Wagen bekommen könne und benutzte schließlich die Equipage des Staatsanwalts, um nach Hause zu fahren. Der Kutscher war, wie es sich unterwegs herausstellte, ein gewiegter Wagenlenker, denn er hielt die Zügel in der einen Hand, während er die andere zurückstreckte, um den bedenklich hin und her schwankenden Tschitschikow festzuhalten. So langte dieser im Wagen des Staatsanwalts im Gasthof an, wo er noch lange Zeit allerhand tolles Zeug schwatzte: von einer blonden Braut mit roten Backen und einem Grübchen auf der rechten Wange, von Chersonschen Gütern, Kapitalien und dergleichen mehr. Seliphan erhielt sogar verschiedene Aufträge, die sich auf die Gutsverwaltung bezogen: so sollte er zum Beispiel alle neu angesiedelten Bauern herbeiholen und jeden einzeln aufrufen. Seliphan hörte lange schweigend zu und verließ dann das Zimmer, nachdem er zu Petruschka gesagt hatte: »Geh, kleide den Herrn aus!« Petruschka versuchte es zunächst, Tschitschikow die Stiefel auszuziehen, wobei er ihn beinahe selbst vom Bette heruntergezogen hätte. Schließlich war er damit fertig, der Herr entkleidete sich, wie es sich gehört, wälzte sich noch ein paar Minuten im Bette herum, welches gewaltig krachte und ächzte, und schlief tatsächlich als Chersonscher Gutsbesitzer ein. Unterdessen trug Petruschka die Hosen und den preißelbeerfarbenen Frack mit den Sternchen ins Vorzimmer hinaus, hängte sie über den hölzernen Kleiderhalter und bearbeitete sie so kräftig mit dem Ausklopfer und der Kleiderbürste, daß der ganze Korridor in eine Staubwolke gehüllt zu sein schien. Als er die Kleider oben herunternehmen wollte, erblickte er Seliphan von der Gallerie aus, der soeben aus dem Stall zurückkehrte. Ihre Augen begegneten sich, und sie verstanden sich sofort wie durch einen gewissen Instinkt: der Herr schlief, warum sollte man da nicht einem bekannten Lokal einen kleinen Besuch abstatten? Petruschka trug also Frack und Hosen schnell wieder ins Zimmer, lief die Treppe hinunter, und beide machten sich, ohne ein Wort über ihr eigentliches Reiseziel zu verlieren, unter ganz gleichgültigen Gesprächen auf den Weg. Ihr Spaziergang nahm nicht allzuviel Zeit in Anspruch, sie gingen bloß über die Straße, bewegten sich auf ein Haus zu, das dem Gasthof gerade gegenüberlag, und traten durch eine niedrige rauchgeschwärzte Glastür, die in eine Art Kellerraum führte, in das Lokal, wo schon eine ganze Gesellschaft von allerhand Leuten ihrer wartete: da gab's Rasierte und Unrasierte, Männer mit Pelzen und ohne solche, im bloßen Hemd und hie und da auch einen in einem Mantel. Wie Petruschka und Seliphan hier ihre Zeit verbrachten, -- weiß nur der liebe Gott; genug sie kamen nach einer Stunde Arm in Arm und stumm wieder heraus, wobei sie sehr besorgt umeinander zu sein schienen und sich gegenseitig auf jede Straßenecke aufmerksam machten. Dann stiegen sie wohl eine Viertelstunde lang Arm in Arm und ohne einander auch nur einen Augenblick loszulassen, die Treppe hinauf, bis auch dies Hindernis genommen war und sie oben anlangten. Petruschka blieb einen Moment vor seinem niedrigen Bette stehen, still erwägend, wie er sich wohl am besten darin plazieren könnte, dann legte er sich quer darüber, sodaß seine Füße den Fußboden berührten. Seliphan stieg in dasselbe Bett, indem er seinen Kopf auf Petruschkas Bauch legte; er hatte ganz vergessen, daß dies ja nicht seine eigentliche Schlafstätte, und daß sein Platz irgendwo in der Bedientenstube oder im Stall bei den Pferden war. Beide schliefen sofort ein, indem sie ein Schnarchduett von gewaltiger Kraft und Stärke anstimmten, dem ihr Herr mit seinem feinen Zephyrsäuseln durch die Nase sekundierte. Bald darauf wurde es auch im ganzen Gasthofe still, und ein tiefer Schlaf bemächtigte sich aller Bewohner; nur in einem Fenster schimmerte noch ein schwacher Lichtschein; dort wohnte ein angereister Leutnant aus Rjasan, der eine große Leidenschaft für Stiefel zu haben schien, denn er hatte sich bereits vier Paar Schuhe bestellt, und ließ sich nun schon das fünfte Paar anmessen. Wiederholt trat er ans Bett, um sich die Stiefel auszuziehen und sich niederzulegen, aber er konnte sich nicht dazu entschließen: die Stiefel saßen wirklich vorzüglich und immer wieder hob er den Fuß in die Höhe und betrachtete wohlgefällig den schneidigen, wunderbar geformten Absatz.
Achtes Kapitel
Tschitschikows Einkäufe waren bereits der Gegenstand des Stadtgespräches geworden. Man stritt, man unterhielt sich und debattierte darüber, ob es vorteilhaft sei, Bauern zu Ansiedelungszwecken anzukaufen. Viele von diesen Debatten zeichneten sich durch Gründlichkeit und Sachlichkeit aus: »Natürlich ist das so,« sagten die einen, »das läßt sich nicht bestreiten, der Boden ist in den südlichen Gouvernements wirklich gut und sehr fruchtbar; aber was werden Tschitschikows Bauern ohne Wasser anfangen? da gibt's doch gar keine Flüsse.« -- »Das wäre noch nicht schlimm, daß es kein Wasser gibt, das macht noch nichts, Stepan Dimitrwejewitsch; aber die Kolonisation ist eine sehr riskante Sache. Man weiß ja, wie so'n Bauer ist: da wird er auf eine ganz jungfräuliche Scholle verpflanzt, und soll nun Ackerbau treiben -- und dabei ist nichts da -- weder Haus noch Hof -- ich sag Ihnen, der läuft davon, das ist so sicher wie zwei mal zwei vier, schnallt sich seine Schuhe an, macht daß er fortkommt, dann können Sie lange suchen, bis Sie ihn finden!« -- »Nein, erlauben Sie mal, Alexei Iwanowitsch, ich bin durchaus nicht Ihrer Ansicht, wenn Sie sagen, die Bauern werden dem Tschitschikow davonlaufen. Ein rechter Russe ist zu allem fähig und gewöhnt sich an jedes Klima. Geben Sie ihm nur ein Paar warme Handschuhe, dann können Sie ihn schicken, wohin Sie wollen, meinetwegen bis nach Kamtschatka, der läuft ein bißchen herum, bis er warm ist, nimmt die Axt und baut sich eine neue Hütte.« »Aber lieber Iwan Grigorjewitsch, du hast eins ganz vergessen: du hast garnicht berücksichtigt, was das für Leute sind, die Tschitschikow da gekauft hat. Du vergißt ganz, daß ein Gutsbesitzer doch einen tüchtigen Kerl nicht so leicht ziehen läßt, ich möchte meinen Kopf dafür geben, daß das lauter Säufer, Trunkenbolde und wilde arbeitsscheue Leute sind.« -- »Schon gut, das gebe ich zu, das ist freilich richtig, daß niemand einen tüchtigen Kerl verkaufen wird, und daß Tschitschikows Leute wahrscheinlich größtenteils Trinker sind, aber man muß doch beachten, daß ja gerade dies die Moral von der Geschichte ist: jetzt sind es vielleicht lauter Taugenichtse, wenn man sie aber ansiedelt, können plötzlich brave und tüchtige Untertanen daraus werden. Das ist doch nicht der erste Präzedenzfall in der Welt und in der Geschichte.« »Nie -- niemals,« versetzte der Verwalter der Staatsfabriken: »glauben Sie mir, das kann niemals passieren, denn gegen Tschitschikows Bauern werden sich jetzt zwei mächtige Feinde erheben. Der eine Feind -- das ist die Nähe der kleinrussischen Gouvernements, wo, wie bekannt, der Branntweinverkauf frei ist. Ich versichere Ihnen, in zwei Wochen werden sie dem Suff verfallen und Faullenzer und Tagediebe sein. Der zweite Feind -- das ist die Gewohnheit und der Hang zum Vagabundenleben, den sich die Bauern durch die Übersiedelung erwerben werden. Es müßte denn sein, daß Tschitschikow sie beständig im Auge behält und beaufsichtigt, er müßte sie sehr streng behandeln, für jede Kleinigkeit hart bestrafen und sich dabei nicht etwa auf einen anderen verlassen, sondern selbst überall, wo es nötig ist, Püffe und Maulschellen austeilen.« -- »Wozu soll Tschitschikow denn die Püffe selbst austeilen? Dazu kann er sich doch einen Verwalter nehmen.« -- »Ja finden Sie gefälligst einen guten Verwalter? Das sind lauter Gauner und Halunken!« -- »Sie sind nur darum Gauner, weil die Besitzer es eben nicht richtig anzustellen wissen.« -- »Das ist richtig,« fielen hier viele ein. -- »Wenn der Gutsherr nun selbst etwas von der Landwirtschaft versteht, und seine Leute kennt -- dann wird er immer einen tüchtigen Verwalter finden.« Aber der Direktor der Staatsfabriken wandte ein, für weniger als 5000 Rubel könne man keinen guten Verwalter finden. Dagegen bemerkte der Präsident, man könne auch schon für 3000 einen haben, worauf der Direktor erklärte: »Wo wollen Sie ihn denn hernehmen? Sie können ihn sich doch nicht aus der Nase ziehen?« worauf der Präsident versetzte: »Aus der Nase freilich nicht, nein, aber hier, im hiesigen Kreise, da gibt es einen, nämlich Peter Petrowitsch Samoilow: das ist der rechte Mann, wie ihn Tschitschikow für seine Bauern braucht!« Viele versuchten sich in Tschitschikows Lage zu versetzen, und die große Schwierigkeit, eine solche Menge von Bauern in einem fremden Lande anzusiedeln, erfüllte sie mit Angst und Besorgnis; jemand äußerte sogar die Befürchtung, es könne noch ein Aufruhr unter diesen unruhigen Elementen, wie die Bauern Tschitschikows es wären, ausbrechen. Darauf bemerkte der Polizeimeister, einen Aufruhr brauche man nicht zu befürchten; um dies zu verhindern, gebe es ja Gottlob eine Macht: nämlich den Kreisrichter; der Kreisrichter brauche sich nicht einmal selbst an Ort und Stelle zu begeben, sondern nur seinen Hut hinzusenden, dieser Hut würde schon genügen, um die Bauern zur Raison zu bringen, sodaß sie sich zerstreuen und ruhig nach Hause gehen würden. Viele äußerten ihre Ansichten und machten Vorschläge, wie der aufrührerische Geist niederzuhalten sei, der Tschitschikows Bauern ergriffen habe. Die Meinungen darüber gingen recht weit auseinander. Es gab solche, die sich gar zu sehr durch eine gewisse militärische Strenge und überflüssige Grausamkeit auszeichneten, und dann wieder andere, welche eine gewisse Milde ausströmten. Der Postmeister machte die Bemerkung, Tschitschikow sehe sich jetzt einer heiligen Pflicht gegenüber; er könne gewissermaßen der Vater seiner Bauern werden, und, wie er sich auszudrücken beliebte, eine wohltuende Aufklärung unter ihnen verbreiten. Bei dieser Gelegenheit unterließ er es nicht, sich höchst lobend über die Lancastersche Methode des gegenseitigen Unterrichts zu äußern.
So redete und disputierte man in der Stadt, und viele teilten Tschitschikow aus persönlichem Interesse ihre Ansicht mit, gaben ihm gute Ratschläge und boten ihm sogar eine Eskorte an, um die Bauern auch sicher an ihren Bestimmungsort zu transportieren. Für die Ratschläge dankte Tschitschikow höflichst, indem er versprach, sie bei Gelegenheit zu verwerten, dagegen verzichtete er sehr entschieden auf die Eskorte und erklärte, sie sei vollständig überflüssig; die von ihm gekauften Bauern hätten einen ganz besonders friedfertigen Charakter. Sie würden den Umzug bereitwilligst mitmachen und begrüßten ihn sogar freudig. Von einem Aufruhr könne überhaupt nicht die Rede sein.
All diese Gespräche und Unterhaltungen hatten indessen für Tschitschikow die allergünstigsten Folgen, die er für sich nur erhoffen konnte. Es verbreitete sich nämlich das Gerücht, er sei nicht mehr und nicht weniger als ein Millionär. Die Stadtbewohner hatten, wie wir schon im ersten Kapitel gesehen haben, Tschitschikow auch ohnedies in ihr Herz geschlossen. Nach diesen Gerüchten aber gewannen sie ihn noch weit lieber. Übrigens, um die Wahrheit zu sagen: es waren lauter brave, gutmütige Leute, die sich gut miteinander vertrugen, auf freundschaftlichem Fuße miteinander lebten, und ihre Unterhaltungen trugen den Stempel ganz besonderer Treuherzigkeit und Milde: »Lieber Freund, Ilja Iljitsch!« »Hör mal, Antipater Zararowitsch, mein Bester!« »Du schwindelst, Mütterchen, Iwan Grigorowitsch!« Zum Postmeister, der Iwan Andrejewitsch hieß, pflegte man gewöhnlich zu sagen: »Sprechen Sie deutsch, Iwan Andreitsch?«