Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I

Part 13

Chapter 133,703 wordsPublic domain

Unser Held hatte übrigens gehörige Angst bekommen. Obwohl der Wagen in wildem Galopp dahinjagte und Nosdrjows Gut hinter Hügeln, Feldern und Anhöhen verschwunden war, blickte er sich immer noch furchtsam um, wie in Erwartung, daß die Verfolger bald angesprengt kämen. Er atmete schwer, und als er seine Hand aufs Herz legte, fühlte er, daß es hüpfte wie eine Wachtel im Käfig. »Herr Gott, hat der mich schwitzen machen. Bist du ein Kerl!« Dann wünschte er ihm den Teufel und seine Großmutter an den Hals. Ja, es fielen sogar ein paar unschöne Ausdrücke; aber was ist da zu machen: ein Russe, und noch dazu wenn er zornig ist! Zudem war die Sache durchaus nicht scherzhaft: »Man mag sagen, was man will,« sprach er zu sich selber, »wäre der Kreisrichter nicht auf der Bildfläche erschienen, wer weiß, ob ich mich jetzt noch des Anblickes dieser schönen Gotteswelt erfreuen könnte! Vielleicht wäre ich geplatzt, wie eine Blase auf dem Wasser, ohne eine Spur meines irdischen Daseins, ohne Nachkommen, ohne meinen Kindern und Kindeskindern Geld und Gut und einen ehrlichen Namen zu hinterlassen!« Unser Held war sehr besorgt um seine Nachkommenschaft.

»So ein böser Herr!« dachte Seliphan. »Solch einen Herren hab' ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Wahrhaftig, dem sollte man ins Gesicht spucken für dieses Betragen. Einen Menschen mag man noch eher hungern lassen, aber einem Pferde muß man doch zu fressen geben. Denn so ein Gaul liebt nun mal den Hafer. Das ist sozusagen seine Nahrung; was für uns die Kost, ist für ihn der Hafer sozusagen. Das ist doch seine Nahrung.«

Auch die Pferde schienen sich eine ungünstige Meinung von Nosdrjow gebildet zu haben. Nicht nur der Braune und der Assessor, selbst der Schecke war schlechter Laune. Obgleich er für seinen Teil immer etwas geringeren Hafer bekam und Seliphan ihm diesen nie anders in den Trog schüttete, als mit den Worten: »Da, du Lump!«, es war doch immer Hafer und nicht gewöhnliches Heu: er kaute mit Vergnügen daran und steckte sein langes Maul häufig in die Krippe seiner beiden Nachbarn, um zu kosten, was für eine Nahrung sie bekämen. Besonders tat er dies, wenn Seliphan nicht im Stalle war. Aber dieses Mal nichts wie Heu -- das war nicht schön! Sie alle waren unzufrieden.

Aber bald wurden die Unzufriedenen mitten in ihren Herzensergießungen durch ein ganz plötzliches und unerwartetes Ereignis unterbrochen, alle Beteiligten mit Einschluß des Kutschers kamen erst wieder zur Besinnung, als ein mit sechs Pferden bespannter Wagen gegen sie anrannte und das Schreien der in dem Wagen sitzenden Damen und das Geschimpf und die Drohungen der Kutscher fast über ihren Köpfen erklangen. »Ach, du Spitzbube, verdammter, ich habe dir doch laut zugerufen: Weich aus nach rechts, alte Krähe! Du bist wohl besoffen, wie?« Seliphan mußte sich gestehen, daß er eine Ungeschicklichkeit begangen hatte; aber da der Russe seine Schuld vor andern Leuten nicht gerne zugibt, warf er sich in die Brust und rief: »Und was jagst du so blind darauf los?! Hast wohl deine Augen in der Schenke gelassen?« Hierauf zog er die Zügel kräftig an, um den Wagen zurückzulenken und aus dem Knäuel herauszuwickeln. Aber, ohweh, seine Bemühungen waren vergeblich; die Pferde hatten sich mit ihrem Geschirr verhakt. Der Schecke beschnupperte neugierig seine neuen Freunde, die ihn umringten. Unterdessen blickten die in dem Wagen sitzenden Damen mit ängstlichen Gesichtern auf die allgemeine Verwirrung. Die eine war schon alt, die andere ein sechzehnjähriges junges Mädchen mit goldigem Haar, welches glatt gescheitelt ihr Gesicht kleidsam einrahmte. Das reizende Oval ihres Antlitzes rundete sich wie ein junges Eichen und schimmerte gleich diesem von weißem durchsichtigen Glanze, wenn es frisch gelegt von der braunen, prüfenden Hand der Schließerin gegen das Licht gehalten wird, und die hellen Strahlen des Sonnenscheines es durchdringen. Ihre zarten, dünnen Ohrmuskeln erzitterten, als glühten sie, von der sie durchflutenden Wärme. Dazu der Ausdruck des Schreckens, der auf ihren offnen erstarrten Lippen lag, die Tränen, die im Auge schimmerten, dies alles war so reizend, daß unser Held sie einige Minuten lang traumverloren anblickte, ohne im geringsten auf den Wirrwarr von Kutschen, Pferden und Kutschern zu achten. »Zurück! Du Nowgorodsche Krähe!« rief der fremde Kutscher Seliphan zu. Dieser zog die Zügel an, sein fremder Kollege tat dasselbe, die Pferde stemmten sich rückwärts, um sogleich wieder zusammenzuprallen und sich aufs neue im Riemenwerk zu verwickeln. Bei dieser Gelegenheit machte die neue Bekanntschaft einen so tiefen Eindruck auf unsern Schecken, daß er durchaus nicht wieder aus der Rinne heraus wollte, in die er durch ein unverhofftes Schicksal geraten war. Er legte seine Schnauze auf den Hals des neuen Kameraden und schien ihm etwas ins Ohr zu flüstern: wahrscheinlich irgend ein schreckliches Blech. Denn dieser schüttelte beständig die Ohren. Während der großen Unordnung waren indessen Bauern aus einem Dorf, das zum Glück nicht sehr weit entfernt war, hilfsbereit herbeigeeilt. Da ein solches Schauspiel für einen Bauern eine wahre Himmelsgabe ist, wie für den Deutschen seine Zeitungen oder sein Klub, so hatte sich bald eine vielköpfige Schar um die Wagen gesammelt, und nur die alten Weiber und Wickelkinder waren zu Hause geblieben. Man schnürte die Riemen los, der Schecke bekam ein paar kräftige Püffe vor die Schnauze, die ihn zum Rückzug veranlaßten: mit einem Wort, die Pferde wurden getrennt und beiseite geführt. Aber war es der Ärger der neuangekommenen Pferde, daß man sie von ihren neuen Freunden getrennt hatte, war es Eigensinn, -- der Kutscher mochte auf sie loshauen soviel er wollte, sie blieben wie angewurzelt stehen. Die Teilnahme und das Interesse der Bauern wuchs bis zu ungeheuren Dimensionen an. Alle drängten sich um die Wette mit weisen Ratschlägen vor. »Geh, Andrjuschka, führ mal das rechte Beipferd vor. Onkel Mitjaj soll sich auf das mittlere setzen. Schwing dich auf, Onkel Mitjaj!« Der lange und hagere Onkel Mitjaj, ein Mann mit einem roten Bart, bestieg das Mittelpferd. So glich er dem Glockenturm einer Dorfkirche oder richtiger einem Brunnenhaken, mit dem man das Wasser aus dem Brunnen heraufzieht. Der Kutscher hieb auf die Pferde ein, aber es wollte nicht fruchten, auch Onkel Mitjaj konnte nicht viel ausrichten. »Halt! Halt!« riefen die Bauern, »setz dich lieber aufs Beipferd, Onkel Mitjaj; Onkel Minjaj soll aufs Mittelpferd steigen!« Onkel Minjaj, ein breitschultriger Bauer mit einem kohlschwarzen Bart und einem Bauch wie jener Riesensamowar, in dem das süße Zwetschengetränk für die frierenden Scharen gekocht wird, die einen ganzen Markt bevölkern, schwang sich vergnügt aufs Mittelpferd, welches sich unter seiner Last fast bis zur Erde beugte. »Jetzt wird's schon gehen,« riefen die Bauern: »Hau zu! Hau doch zu. Versetz ihm eins mit der Knute: hörst du, jenem Hellen, da! -- was sträubt und spreizt sich's wie 'ne Wassermücke.« Aber da sie sahen, daß die Sache doch nicht von der Stelle kam, und alle Prügel nichts nützten, setzten sich beide, Onkel Mitjaj und Onkel Minjaj zusammen auf das Mittelpferd und ließen Andrjuschka auf das Beipferd steigen. Endlich verlor der Kutscher die Geduld und jagte alle beide: Onkel Mitjaj samt Onkel Minjaj zum Teufel. Und er tat gut daran, denn die Pferde dampften so, als ob sie eine ganze Poststation zurückgelegt hätten, ohne auch nur einen Augenblick Halt gemacht zu haben. Er ließ sie sich erst verschnaufen, worauf sie den Wagen ganz von selbst fortzogen. Während sich dieser Vorgang abspielte, war Tschitschikow ganz in die Betrachtung der fremden jungen Dame versunken. Er versuchte es mehrmals, sie anzureden, aber es wollte ihm immer nicht recht gelingen. Unterdessen waren die Damen davongefahren, das reizende Köpfchen mit den feinen Gesichtszügen und der schlanken Gestalt war verschwunden, wie eine Vision; und wieder befand sich Tschitschikow auf der Landstraße, in seiner Kutsche mit den drei Pferden, die der Leser schon kennt, und in Gesellschaft von Seliphan, den öden, leeren Flächen der rings sich dehnenden Felder gegenüber. Überall im Leben, in seinen harten, rauhen und ärmlichen, in den unsaubern, schimmelbedeckten niederen Schichten -- wie in der sauberen Korrektheit und Monotonie der höheren Stände -- überall begegnet uns, wenn auch nur ein einziges Mal im Leben eine Erscheinung, die nichts gemein hat mit alledem, was wir bisher gesehen, die wenigstens _einmal_ ein neues Gefühl in uns entzündet, das keine Ähnlichkeit mit jenen hat, die uns durch unser ganzes Leben begleiten. Bei jedem von uns bricht einmal ein heller Strahl der Freude durch das Dunkel jener Leiden und trüben Erfahrungen, aus denen unser Leben gewebt ist, so wie bisweilen eine glänzende Equipage mit goldgezäumten malerischen Rossen und blitzenden Fensterscheiben ganz plötzlich und unerwartet an einem öden elenden Dorf vorbeijagt, welches nie ein andres Gefährt, als den bekannten Bauernwagen gesehen hat: und lange noch stehen die Bauern staunend mit offenem Munde da, und wagen es nicht, ihre Mützen wieder aufzusetzen, obwohl die herrliche Equipage schon längst verschwunden und über alle Berge ist. So ist auch die junge Blondine ganz plötzlich und unerwartet in unserer Erzählung aufgetaucht, um auf dieselbe Weise wieder zu verschwinden. Wäre ihr statt Tschitschikow irgend ein zwanzigjähriger Jüngling begegnet -- ein Husar, oder ein Student oder auch nur ein gewöhnlicher Sterblicher, der eben im Begriff ist, seinen Lebensweg anzutreten. -- Du lieber Gott, was wäre nicht alles in ihm zum Leben erwacht, was hätte nicht alles nach Ausdruck gedrängt! Er hätte wohl noch lange wie betäubt auf demselben Flecke gestanden, während seine Augen stumm die Ferne suchten, hätte den Weg und das Reiseziel und alle Vorwürfe und Verweise, wegen seiner Saumseligkeit, ja er hätte sich selbst vergessen, seinen Dienst, die Welt und überhaupt alles, was auf der Welt existiert!

Aber unser Held war schon ein Mann in mittleren Jahren und hatte einen kühlen, ruhigen, umsichtigen Charakter. Auch er versank in Sinnen und dachte über vieles nach, aber sein Denken war weit positiverer Natur: seine Gedanken waren bei weitem nicht so unklar und unbestimmt, sondern weit genauer und gründlicher. »Ein herrliches Weibchen!« sagte er, indem er seine Tabakdose öffnete und eine Prise nahm. »Was aber das Beste an ihr ist .... das Beste an ihr ist, daß sie soeben aus einem Institut oder Pensionat entlassen zu sein scheint und daß sie noch nichts spezifisch Weibliches an sich hat, nichts von jenen Zügen, die das ganze Geschlecht verunzieren. Jetzt ist sie noch das reine Kind, alles an ihr ist schlicht und einfach; sie spricht, wie ihr's ums Herz ist und lacht, wenn ihr darnach zumute ist. Es läßt sich noch alles aus ihr machen, sie kann ein herrliches Geschöpf, aber ebensogut auch ein verkrüppeltes Wesen werden -- und so wird es wohl auch kommen, wenn sich erst die Tanten und Mamas an ihre Erziehung machen. Die werden sie in einem Jahr mit ihrem Weiberkram vollpfropfen, daß ihr eigener Vater sie nicht wiedererkennen wird. Sie wird ein aufgeblasenes und affektiertes Wesen annehmen, wird sich nach auswendig gelernten Regeln drehen, wenden und knicksen, sich den Kopf darüber zerbrechen, _was_ sie, mit _wem_ sie und wie _viel_ sie sprechen, wie sie ihren Kavalier anblicken muß usw. usw.; wird fortwährend in der größten Angst schweben, ob sie nun kein überflüssiges Wort gesagt hat, schließlich garnicht mehr wissen, was sie zu tun hat, und wie eine große Lüge durch das Leben wandeln. Pfui Teufel!« Hier verstummte er einen Augenblick und fuhr dann fort: »Übrigens wüßte ich gern, wer sie eigentlich ist. Wer mag ihr Vater sein? Irgend ein ehrenwerter Gutsbesitzer oder nur ein rechtschaffen denkender Mensch, der sich im Dienst ein kleines Kapital erspart hat? Wenn die Kleine so ein paar Hunderttausende mitbekäme -- das wäre weiß Gott kein übler -- gar kein übler Bissen. Ein ordentlicher Mensch könnte mit ihr sein Glück machen.« Die Zweimalhunderttausend erschienen ihm in so reizendem Lichte, daß er sich innerlich Vorwürfe zu machen begann, weswegen er sich während des Trubels mit den Equipagen nicht beim Vorreiter nach dem Namen der Reisenden erkundigt habe. Doch das jetzt sichtbar werdende Dorf Sabakewitschs zerstreute seine Gedanken und lenkte sie auf ihren eigentlichen Gegenstand zurück.

Das Dorf kam ihm recht groß vor; eine Birken- und eine Fichtenwaldung rahmten es von beiden Seiten ein, wie zwei Flügel, von denen der eine etwas dunkler erschien als der andre; in der Mitte stand ein hölzernes Haus mit einem Anbau, einem roten Dach und dunkelgrauen -- oder richtiger rohen Wänden -- eins von jenen Häusern, wie sie bei uns für Soldaten und Kolonisten gebaut werden. Man merkte deutlich, daß der Baumeister bei der Ausführung seines Planes beständig mit dem Geschmack des Besitzers zu kämpfen hatte. Der Baumeister war ein Pedant und liebte die Symmetrie, der Hausherr aber wollte es vor allem recht bequem haben und hatte aus diesem Grunde offenbar auf einer Seite alle korrespondierenden Fenster zumauern und statt ihrer nur eine kleine runde Öffnung stehen lassen, die zu einer dunklen Kammer gehörte. Auch der eine Erker war nicht in der Mitte des Hauses angebracht, so sehr sich der Architekt bemüht hatte, dies durchzusetzen; der Hausherr wollte durchaus die eine Säule beseitigt wissen, und so war es gekommen, daß statt der vier Säulen nur drei dastanden. Der Hof war von einem kräftigen und ungewöhnlich dicken Staketenzaun umgeben. Überhaupt schien der Gutsherr vor allem auf Dauerhaftigkeit und Solidität bedacht zu sein. Zum Bau der Ställe, der Scheunen und der Küche waren schwere dicke Balken verwandt worden, die auf die Ewigkeit berechnet zu sein schienen. Auch die Bauernhütten waren wunderbar fest und solide gebaut. Keine mit Schnitzwerk verzierten Wände noch sonstiger Firlefanz -- es war alles dicht und wie es sich gehört aneinandergepaßt und verkittet. Selbst der Brunnen war mit so kräftigem Eichenholz eingefaßt, wie es sonst nur bei Windmühlen und Schiffsbauten verwendet wird. Mit einem Wort -- alles was Tschitschikow sah, war solide, und stand fest auf der Erde, in Reih und Glied; wie es schien, nach einer plumpen unerschütterlichen Ordnung. Als der Wagen vor der Freitreppe hielt, sah Tschitschikow zwei Gesichter, die fast gleichzeitig zum Fenster hinausschauten: ein weibliches, das so lang und schmal war, wie eine Gurke und eine Haube auf dem Kopfe trug, und ein rundes männliches, so breit wie einer jener moldauischen Kürbisse, die man in Rußland »Flaschen« nennt und aus denen man bei uns die Balalaiken, jene leichten mit zwei Saiten bespannten Musikinstrumente macht -- den Stolz und die Freude aller kecken und lustigen Bauernburschen, dieser schmucken Jungen, welche den sie umstehenden Mädchen mit weißem Hals und Busen, die gekommen sind, ihrem sanften Saitengeklimper zu lauschen, kokett zublinzeln und zujuchzen. Beide Gesichter verschwanden sogleich wieder, nachdem sie einen Blick durchs Fenster geworfen hatten. Ein Lakai in einer grauen Jacke mit einem blauen Stehkragen trat auf die Freitreppe hinaus und geleitete Tschitschikow in den Flur, wo der Hausherr schon seiner wartete. Als er den Gast erblickte, sagte er kurz: »Ich bitte,« worauf er ihn in die inneren Gemächer führte.

Als Tschitschikow hierbei einen kurzen Seitenblick auf Sabakewitsch warf, kam er ihm diesmal wie ein Bär von mittlerer Größe vor. Und wie um die Ähnlichkeit zu vollenden, hatte auch der Frack, den er trug, die Farbe des Bärenfells: Ärmel und Hosen waren sehr lang, seine Füße steckten in mächtigen Filzpantoffeln, dazu hatte er einen so tolpatschigen Gang, daß er andern Leuten beständig auf die Füße trat. Seine Gesichtsfarbe war glühend rot, wie die eines Kupfergroschens. Es gibt ja bekanntlich viele solche Gesichter auf der Welt, über deren detaillierterer Ausarbeitung sich die Natur nicht viel Kopfzerbrechens gemacht, bei der sie keine feineren Instrumente wie Feile, Bohrer usw. gebraucht, sondern die sie einfach mit ein paar kräftigen Axthieben herausgehauen hat. Ein Hieb -- und siehe da es entstand die Nase -- ein zweiter -- und die Lippen saßen am rechten Fleck; dann machte sie noch ein Paar Löcher an Stelle der Augen mit dem großen Bohrer und der ganze Kerl war fertig. Und ohne ihn erst noch zu behobeln und zu glätten, sandte sie ihn mit den Worten: »er lebt« in die Welt. Solch eine festgefügte aufs Geratewohl zurechtgezimmerte Gestalt war auch Sabakewitsch: seine Haltung war eher ein wenig gebeugt als aufrecht, nur selten drehte er seinen Kopf um, und sah infolge dieser Unbeweglichkeit seinen Mitunterredner nur selten an, sondern blickte stets auf die Ofenecke oder auf die Tür. Tschitschikow warf noch einmal einen Seitenblick auf ihn, als er mit ihm ins Speisezimmer trat, und wieder fuhr ihm der Gedanke durch den Sinn: »ein Bär, wahrhaftig ein vollkommener Bär.« Welch seltsames Spiel des Schicksals: zu alledem mußte er noch Michael[3] Semjonowitsch heißen. Da Tschitschikow Sabakewitschs Gewohnheit, andern Leuten auf die Füße zu treten, kannte, trat er selbst sehr vorsichtig auf, indem er ihn vorausgehen ließ. Der Hausherr schien sich übrigens dieser schlechten Angewohnheit selbst bewußt zu sein, denn er fragte immerfort: »Habe ich Sie vielleicht beunruhigt?« Aber Tschitschikow dankte und versicherte höflich, er habe bisher noch nichts von einer Beunruhigung gemerkt.

Als sie in den Salon traten, zeigte Sabakewitsch auf einen Lehnstuhl und sagte wieder: »Bitte.« Tschitschikow nahm Platz, warf aber zuvor noch einen kurzen Blick auf die Wände und die Bilder, welche sie zierten. Es waren alles lebensgroße Stahlstiche, welche lauter tüchtige Kerle, d. h. griechische Feldherrn, wie Miauli, Kanari und Maurokordato darstellten, letzteren in Uniform mit roten Beinkleidern und einer Brille auf der Nase. All' diese Helden hatten so starke Lenden und so gewaltige Schnauzbärte, daß einen schon eine Gänsehaut überlief, wenn man sie bloß ansah. Unter diesen griechischen Athleten war wie durch einen wunderbaren Zufall auch Fürst Bagration geraten, ein magerer, dünner Mann mit einer kleinen Fahne und ein paar Kanonen zu seinen Füßen, der noch dazu in einem ganz schmalen Rahmen steckte. Dann folgte wieder eine griechische Heldin: die Bobelina, deren Beine allein größer waren, als die ganze Figur eines jener Stutzer, die heute unsere Salons bevölkern. Der Hausherr, der selbst ein ausnehmend gesunder und kräftiger Mann war, wollte offenbar auch, daß lauter gesunde und kräftige Leute die Wände seiner Zimmer zieren sollten. Neben der Bobelina, dicht am Fenster hing noch ein Vogelkäfig, aus dem eine schwarze Amsel mit kleinen weißen Pünktchen hervorguckte, die gleichfalls große Ähnlichkeit mit Sabakewitsch hatte. Der Wirt und der Gast hatten noch keine zwei Minuten stumm nebeneinander gesessen, als die Türe sich auftat, und die Frau des Hauses, eine große Dame in einer Haube mit Bändern, die zu Hause gefärbt zu sein schienen, ins Zimmer trat. Sie hatte einen wundervollen Gang und hielt ihren Kopf gerade wie eine Palme.

[Fußnote 3: In Rußland werden die Bären wie bei uns »Petz« mit dem Namen »Mischa«, dem Diminutivum von Michael gerufen.]

»Das ist meine Feodulia Iwanowna,« sagte Sabakewitsch.

Tschitschikow küßte Feodulia Iwanowna die Hand, die sie ihm fast in den Mund stopfte; bei dieser Gelegenheit machte er die Beobachtung, daß ihre Hände mit Gurkenwasser gewaschen waren.

»Herzchen, darf ich dir Pawel Iwanowitsch Tschitschikow vorstellen!« fuhr Sabakewitsch fort. »Wir haben uns beim Gouverneur und beim Postmeister kennen gelernt.«

Feodulia Iwanowna bat Tschitschikow Platz zu nehmen, indem sie gleichfalls »Bitte« sagte, und eine Kopfbewegung dazu machte, wie jene Schauspielerinnen, die eine Königin darzustellen haben. Dann setzte sie sich auf das Sofa, hüllte sich in ihr wollenes Tuch ein und zuckte von nun ab weder mit den Augen noch mit den Brauen.

Tschitschikow warf wieder einen Blick nach oben und wieder fiel ihm Kanari mit seinen starken Lenden und dem nicht endenwollenden Schnauzbart, die Bobelina und der Vogelbauer mit der Amsel in die Augen.

Fast fünf Minuten beobachteten alle ein feierliches Schweigen, das nur durch das Lärmen der Amsel unterbrochen wurde, die fortwährend mit dem Schnabel gegen den Holzboden des Vogelkäfigs pochte, wenn sie ein paar Brotkrumen aufpickte. Tschitschikow sah sich noch einmal im Zimmer um: auch hier war alles klobig, fest und ganz ungewöhnlich derb, und hatte eine merkwürdige Ähnlichkeit mit dem Herrn des Hauses. In der Ecke des Salons stand ein bauchiges Schreibpult auf vier äußerst plumpen Füßen -- ein richtiger Bär. Der Tisch, die Stühle, die Lehnsessel -- alles trug einen schwerfälligen und geradezu gefährlichen Charakter, jeder Gegenstand, jeder Stuhl schien sagen zu wollen: »Ich bin auch ein Sabakewitsch« oder »Auch ich bin Sabakewitsch ähnlich.«

»Wir haben beim Gerichtspräsidenten Iwan Grigorjewitsch von Ihnen gesprochen,« sagte endlich Tschitschikow, als er sah, daß keiner von den Anwesenden Anstalten machte, das Gespräch zu beginnen: »Es war am vorigen Donnerstag. Ich habe dort einen sehr schönen Abend verbracht.«

»Ja! ich war damals nicht beim Gerichtspräsidenten,« sagte Sabakewitsch.

»Ein prächtiger Mensch! Nicht wahr?«

»Wen meinen Sie?« sagte Sabakewitsch, indem er die Ofenecke anblickte.

»Den Gerichtspräsidenten!«

»Das ist Ihnen wohl nur so vorgekommen: er ist zwar Freimaurer, aber ein solcher Esel, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat.«

Tschitschikow wurde ein wenig stutzig durch diese denn doch etwas zu starke Charakteristik, aber er fand seine Fassung bald wieder und fuhr gleich darauf fort: »Natürlich, ein jeder Mensch hat seine Schwächen; aber nicht wahr? der Gouverneur, das ist doch ein ganz ausgezeichneter Mensch?«

»Wie? der Gouverneur -- ein ausgezeichneter Mensch?«

»Ja! hab ich nicht Recht?«

»Ein Bandit, wie's keinen zweiten gibt.«

»Wie? -- Der Gouverneur ein Bandit?!« sagte Tschitschikow, der durchaus nicht begreifen konnte, wie der Gouverneur unter die Banditen geraten war. »Ich muß gestehen, das hätte ich wirklich nicht gedacht,« fuhr er fort. »Doch erlauben Sie mir die Bemerkung: seine Handlungen sind gar nicht derart; man könnte eher sagen, daß er einen sehr weichen Charakter hat.« Und wie zum Beweise führte er die Geldtaschen an, die jener gestickt hatte und sprach mit hoher Anerkennung über den freundlichen Ausdruck seines Gesichtes.

»Aber das ist doch ein Banditengesicht!« sagte Sabakewitsch. »Geben Sie ihm ein Messer in die Hand und schicken Sie ihn auf die Landstraße hinaus, -- der schlachtet Sie kaltblütig ab -- um einen Groschen! Er und der Vizegouverneur, -- das sind die reinsten -- Gogs und Magogs.«

»Hm, die haben wohl was miteinander gehabt,« dachte Tschitschikow. »Ich will mal mit ihm über den Polizeimeister reden, der ist, glaub' ich, sein Freund.« -- »Übrigens, was mich betrifft,« fuhr er fort, »so muß ich gestehen, daß mir der Polizeimeister bei weitem am besten gefällt. Was ist das doch für ein gerader und offener Charakter; er hat etwas so Schlichtes und Treuherziges an sich.«

»Ein Gauner!« sagte Sabakewitsch ganz kaltblütig, »der ist fähig, Sie zuerst zu betrügen und zu verraten und gleich darauf mit Ihnen zu Mittag zu essen. Ich kenne sie alle miteinander: lauter Spitzbuben. Und so ist die ganze Stadt; da sitzt ein Spitzbube auf dem andern, alles Judasse und niederträchtige Verräter. Der einzige, der noch was taugt, ist der Staatsanwalt -- aber auch der ist im Grunde genommen ein Schweinehund.«

Nach diesen so wohlwollenden, wenn auch etwas kurzen biographischen Charakteristiken, sah Tschitschikow ein, daß eine Erwähnung der übrigen Beamten sich kaum noch verlohne, und er erinnerte sich, daß Sabakewitsch den Leuten nicht gern etwas Gutes nachsagte.

»Wie denkst du, Herzchen, gehen wir zu Tische?« sagte Frau Sabakewitsch zu ihrem Gatten.