Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I
Part 14
»Bitte,« sagte Sabakewitsch und schritt auf den Anrichtetisch zu; Wirt und Gast tranken zuerst nach altem gutem Brauch einen Schnaps und ließen sich's gut schmecken, wie das im ganzen weiten Rußland in Städten und Dörfern üblich ist, wo man stets, eh man sich zum Mittagessen hinsetzt, zuvor einen kleinen Imbiß aus allerhand gesalzenen und appetiterregenden Speisen und allen möglichen guten Sachen zu sich nimmt, worauf sie sich alle ins Speisezimmer begaben. Allen voran schritt die Hausfrau, wie ein schlanker Schwan. Den kleinen Tisch schmückten vier Gedecke. Der vierte Platz wurde bald von einer Person besetzt, von der es schwer zu sagen war, was sie eigentlich vorstellte: eine Dame oder ein Fräulein, eine Verwandte, eine Haushälterin oder nur irgend eine Gesellschafterin, die mit im Hause wohnte -- ein Wesen von etwa dreißig Jahren, ohne Haube und mit einem Tuch um die Schultern. Es gibt solche Geschöpfe in dieser Welt, die nicht die selbständige Existenz eines Objekts besitzen, sondern gewissermaßen nur die Flecken oder Pünktchen auf einem Gegenstande darstellen. Sie sitzen immer auf derselben Stelle und haben alle dieselbe Haltung des Kopfes; man ist geneigt, sie für ein Möbelstück zu halten, und kann sich nicht denken, daß sie je in ihrem Leben den Mund geöffnet haben, um ein Wort zu sagen; dagegen braucht man sie nur im Mädchenzimmer oder in der Vorratskammer zu beobachten, um sich zu überzeugen, daß sie es faustdick hinter den Ohren sitzen haben.
»Die Kohlsuppe ist heute ausgezeichnet, mein Schatz,« sagte Sabakewitsch, während er die Suppe kostete und sich dazu ein mächtiges Stück Saugbeutel vorlegte, von jenem berühmten Gericht, das gewöhnlich zur Kohlsuppe gegessen wird und aus einem mit Buchweizen, Hirn und Knöcheln gefüllten Hammelmagen besteht. »So eine Pastete,« fuhr er zu Tschitschikow gewendet fort, »finden Sie in der ganzen Stadt nicht; dort setzt man Ihnen, weiß der Teufel was vor!«
»Beim Gouverneur ißt man übrigens gar nicht schlecht,« meinte Tschitschikow.
»Ja wissen Sie denn, wie diese Speisen zubereitet werden? Sie würden den Appetit verlieren, wenn Sie das wüßten!«
»Wie die Speisen zubereitet werden, darüber kann ich freilich nicht urteilen; aber die Schweinekoteletts und der Fisch waren vorzüglich.«
»Das ist Ihnen wohl nur so vorgekommen. Ich weiß genau, daß sie auf dem Markte einkaufen. Der Schurke von Koch, der bei einem Franzosen in der Lehre war, kauft einfach einen alten Kater, zieht ihm das Fell ab, und serviert ihn dann als Hasen.«
»Pfui! Was für häßliche Sachen du da erzählst!« sagte Sabakewitschs Gattin.
»Was kann ich dafür, Schätzchen! So macht man's nun einmal dort; ich bin doch nicht schuld, daß das bei all den Leuten so Sitte ist. Alle Abfälle, alles was unsere Akula mit Verlaub zu sagen in den Mülleimer wirft, das tun die in die Suppe. Immer rein, alles rein.«
»Immer redest du bei Tisch solche Sachen!« warf wiederum Frau Sabakewitsch ein.
»Was schadet denn das, Schätzchen,« versetzte Sabakewitsch. »Ja wenn ich's noch selbst so machte, aber ich sage dir's ganz offen: solch ein ekelhaftes Zeug würde ich nie essen. Nie würde ich einen Frosch in den Mund nehmen, und wenn er in Zucker kandiert wäre, ebensowenig wie eine Auster; ich weiß ganz gut wie so'ne Auster aussieht. Bitte nehmen Sie doch noch ein Stück Hammelbraten,« fuhr er fort, indem er sich an Tschitschikow wandte. »Das ist Hammellende mit Brei, und kein Frikassé, wie es die vornehmen Herren lieben, wozu man Hammelfleisch nimmt, das schon vier Tage lang auf dem Markte herumliegt. Das sind alles Finessen, wie sie die Herrn Doktoren, die Deutschen und Franzosen erfunden haben; ich würde sie dafür am liebsten alle hängen lassen. Die Diät -- das ist auch so eine von ihren Erfindungen. Schöne Methode das -- einen mit Hunger zu kurieren. Weil sie selbst eine so dünnblütige Natur haben, bilden sie sich ein, sie könnten auch mit dem russischen Magen fertig werden. Nein, das ist alles nichts Richtiges -- das sind lauter Torheiten, das ist alles ...« Hierbei schüttelte Sabakewitsch sogar zornig den Kopf. »Da reden sie immer von Aufklärung, und doch ist ihre Aufklärung nichts als ein .... ff ....! Ich hätte fast was gesagt, aber sowas schickt sich ja nicht bei Tische. Bei mir ist das ganz anders. Wenn's bei mir Schweinebraten oder Gansbraten gibt, dann kommt gleich ein ganzes Schwein oder eine ganze Gans auf den Tisch. Lieber will ich nur zwei Gerichte haben, aber mich dafür auch ordentlich satt essen, bis die liebe Seele Ruhe hat.« Und Sabakewitsch unterstützte seine Worte eindrucksvoll durch die Tat: er legte sich den halben Hammelrücken auf den Teller, schlang ihn hinunter und nagte noch die Knochen ab, bis nichts mehr übrig blieb.
»Ja, ja,« dachte Tschitschikow, »der weiß auch, was gut tut.«
»Bei mir ist das anders,« sagte Sabakewitsch, indem er sich die Hände mit der Serviette abwischte: »ich bin nicht so, wie irgend ein Pljuschkin; der hat 800 Seelen und lebt und ißt dabei schlechter als unser Kuhhirt.«
»Wer ist dieser Pljuschkin?« fragte Tschitschikow.
»Ein Hallunke,« versetzte Sabakewitsch. »So ein Geizhals, das kann man sich gar nicht einmal vorstellen. Die Zuchthäusler leben noch besser als der: er läßt ja all seine Leute verhungern.«
»Wahrhaftig?« unterbrach ihn hier Tschitschikow mit teilnehmender Miene. »Ist das wirklich so, wie Sie sagen, daß bei dem so viele Bauern sterben.«
»Wie die Fliegen.«
»Nein, wirklich? Wie die Fliegen? Und darf ich fragen, wohnt er weit von hier?«
»Es werden etwa fünf Werst sein.«
»Fünf Werst!« rief Tschitschikow aus, und dabei fing sogar sein Herz ein wenig an zu klopfen. »Wenn man das Tor verläßt, liegt dann sein Gut rechts oder links?«
»Es ist besser, Sie wissen gar nicht, wie Sie zu diesem Hunde hinkommen! Ich rate Ihnen, kümmern Sie sich lieber gar nicht darum,« sagte Sabakewitsch, »es ist noch verzeihlicher, wenn jemand in ein unanständiges Lokal geht als zu dem.«
»Nein, ich frage ja auch nicht, weil ich irgend welche Absichten ... ich erkundigte mich bloß, weil ich ein großes Interesse für Land und Leute habe,« entgegnete Tschitschikow.
Nach dem Hammelrücken gab es Käsekuchen, von denen jeder allein größer war als ein Teller, und dann noch einen Truthahn von der Größe eines Kalbes, der mit allerhand guten Sachen gefüllt war: mit Reis, Eiern, Leber und weiß Gott mit was sonst noch, was einem nachträglich wie ein Stein im Magen liegt. Damit war das Mittagessen zu Ende; aber als man sich erhob, fühlte sich Tschitschikow um einen ganzen Zentner schwerer. Man begab sich in den Salon, wo bereits ein kleiner Teller mit Kompott und Marmelade auf dem Tische stand; -- es ließ sich nicht recht definieren, was es eigentlich für ein Kompott darstellte -- es waren weder Birnen, noch Pflaumen, noch Himbeeren -- übrigens rührte weder der Wirt noch der Gast die Marmelade an. Die Hausfrau ging hinaus, um noch ein paar Fruchttellerchen hereinzubringen. Diesen Augenblick benutzte Tschitschikow, um sich an Sabakewitsch zu wenden, der ausgestreckt in einem Lehnstuhl lag und nur noch stöhnte; so satt war er; hin und wieder öffnete er den Mund, um ein paar unartikulierte Laute von sich zu geben, wobei er das Kreuz schlug und sich die Hand vor den Mund hielt. Tschitschikow also wandte sich zu ihm und sagte: »Ich möchte gern über eine Sache mit Ihnen sprechen!«
»Nehmen Sie nicht noch etwas Eingemachtes!« sagte die Hausfrau, die mit einem Fruchtteller zurückkehrte. »Es sind Rettichschnitten, in Honig gekocht!«
»Nachher!« sagte Sabakewitsch, »geh jetzt mal auf dein Zimmer, Pawel Iwanowitsch und ich möchten uns die Röcke ausziehen und ein wenig ruhen!«
Die Hausfrau wollte sogleich Unterbetten und Kopfkissen holen lassen, aber Sabakewitsch erklärte: »Laß nur, wir ruhen uns schon im Lehnstuhle aus,« und seine Gattin entfernte sich.
Sabakewitsch streckte den Kopf ein wenig vor, um zu hören, um was für eine Sache es sich handle.
Tschitschikow holte sehr weit aus, sprach zuerst ganz allgemein von dem russischen Staate, dessen Geräumigkeit und Größe er nicht genug loben konnte, meinte, selbst die alte römische Monarchie sei nicht so groß gewesen, die Ausländer hätten ganz recht, wenn sie sich wunderten ... (Sabakewitsch lauschte noch immer mit vorgestrecktem Kopfe) und nach den bestehenden Gesetzen zählten in diesem Reiche, dessen Ruhm ihm kein anderes Land streitig machen könne, die in die Revisionslisten aufgenommenen Seelen, selbst wenn sie ihren irdischen Lebenslauf abgeschlossen hätten, bis zur Aufstellung neuer Revisionslisten, genau so viel, wie die Lebenden, weil doch die zuständigen Behörden nicht noch mit neuen zeitraubenden Pflichten und Aufgaben belastet werden könnten, welche mit solchen überaus zahlreichen und detaillierten Erhebungen für sie verbunden wären; auch würde durch eine solche Maßregel die Kompliziertheit des ja ohnedies so verwickelten Staatsmechanismus noch gesteigert werden, (Sabakewitsch streckte den Kopf noch immer vor und hörte zu) indessen müsse man doch gestehen, daß diese Maßregel trotz ihrer unbestreitbaren Legalität doch für manchen Gutsbesitzer recht lästig sei, da sie ihn dazu verpflichte, nach wie vor seine Steuern für die Bauern zu bezahlen, ganz ohne Rücksicht darauf, ob sie noch leben oder nicht, doch sei er, Tschitschikow, bereit, aus einer besonderen persönlichen Hochachtung für ihn, einen Teil dieser so überaus drückenden Verpflichtung auf sich zu nehmen. Über den Hauptpunkt äußerte sich Tschitschikow nur mit großer Zurückhaltung und sprach nie von verstorbenen, sondern nur von »nichtexistierenden« Seelen.
Sabakewitsch saß noch immer mit etwas vorgebeugtem Kopfe da und schien ihm aufmerksam zuzuhören, aber sein Gesichtsausdruck ließ nicht das leiseste Zeichen einer verborgenen Seelenregung erkennen. Man hätte beinahe glauben können, daß man einen leblosen und unbeseelten Körper vor sich habe, jedenfalls aber saß die Seele bei ihm nicht dort, wo sie eigentlich sitzen soll, sondern weilte wie beim unsterblichen Koschtschej[4] irgendwo in der Ferne hinter Bergen und Tälern und war mit einer so dicken Schale umgeben, daß alles, was sich auf ihrem Grunde regte, nicht die geringste Erschütterung an der Oberfläche hervorrief.
»Nun also?« sagte Tschitschikow und wartete nicht ohne innere Aufregung auf die Antwort.
»Sie brauchen tote Seelen?« sagte Sabakewitsch ganz ruhig, ohne jeden Ausdruck des Erstaunens, wie wenn hier von Roggen oder Weizen die Rede wäre.
[Fußnote 4: Spielt in dem russischen Sagenkreis die Rolle des Thanatos, d. h. des Todes.]
»Ja,« antwortete Tschitschikow, indem er versuchte, dem Wort etwas von seiner Härte zu nehmen und hinzufügte: »solche, die nicht mehr existieren.«
»Es werden sich schon welche finden, gewiß! Warum nicht?« sagte Sabakewitsch.
»Ja, nicht wahr? Und wenn Sie welche haben sollten, werden Sie ohne Zweifel froh sein, sie los zu werden?«
»Bitte sehr! Ich bin gern bereit, die Ihnen zu verkaufen,« versetzte Sabakewitsch, indem er den Kopf wieder emporrichtete. Offenbar witterte er schon, daß der Käufer irgend einen Vorteil dabei haben mußte.
»Teufel!« dachte Tschitschikow, »der Kerl verkauft sie mir, noch ehe ich überhaupt ein Wort fallen ließ!« Und er fügte laut hinzu: »Und darf man fragen: was Sie wohl dafür nehmen würden? Obwohl ... das eigentlich ein Gegenstand ist ... bei dem man nicht gut von einem Preise reden kann ...«
»Also! um nicht viel zu verlangen: Hundert Rubel pro Stück,« sagte Sabakewitsch.
»Hundert Rubel!« rief Tschitschikow aus, indem er den Mund weit aufriß und Sabakewitsch erschrocken ins Gesicht starrte; er war sich nicht ganz klar, ob er sich verhört, oder ob vielleicht Sabakewitschs Zunge infolge ihrer Schwerfälligkeit eine ungeschickte Wendung gemacht habe, und mit einem falschen Wort herausgeplatzt sei.
»Ja finden Sie denn das zu teuer?« sagte Sabakewitsch und fügte sogleich hinzu: »Und was ist Ihr Preis?«
»Mein Preis? Wir befinden uns wohl in einem kleinen Irrtum oder verstehen uns gegenseitig nicht und haben vergessen, worum es sich hier eigentlich handelt. Hand aufs Herz. Ich denke achtzig Kopeken -- das ist das äußerste.«
»Herrgott! Ist das ein Einfall! Achtzig Kopeken?«
»Nun, was denn? Meiner Ansicht nach kann man nicht mehr wie achtzig Kopeken dafür bieten.«
»Ich handle doch nicht mit alten Schuhen!«
»Sie müssen aber doch auch zugeben, daß es keine Menschen sind.«
»Ja, glauben Sie wirklich, Sie finden jemand, der Ihnen eine eingetragene Seele für zwei Groschen verkauft!«
»Nein, erlauben Sie, warum sagen Sie >eingetragene<? Die Seelen sind doch schon lange tot. Was von ihnen übrig geblieben ist, ist ja doch nur ein den Sinnen unfaßbarer Schall. Übrigens, um nicht noch viel Worte drüber zu verlieren, anderthalb Rubel will ich Ihnen allenfalls geben, aber auch keinen Heller mehr.«
»Schämen Sie sich doch, von einer solchen Summe überhaupt zu reden! Seien Sie ehrlich, nennen Sie den richtigen Preis!«
»Ich kann nicht, Michael Semjonowitsch; bei meiner Ehre, ich kann nicht! Was nicht geht, das geht nicht.« sagte Tschitschikow, bot aber aus Politik sogleich noch etwas mehr.
»Warum wollen Sie so knausern,« sprach Sabakewitsch, »es ist wahrhaftig nicht zu teuer. Geraten Sie mal an einen andern, der wird Sie tüchtig übers Ohr hauen und Ihnen irgend einen Schund anstelle der Seelen aufhalsen. Bei mir dagegen kriegen Sie lauter auserlesene, vollkernige Exemplare, alles Handwerker und kräftige Ackerleute. Passen Sie mal auf, nehmen Sie zum Beispiel den Michejew, den Wagenbauer, der hat überhaupt nur Federwagen gebaut, und das war keine Moskauer Arbeit, die grad für eine Stunde reicht. Nein, was der machte, hatte Hand und Fuß; und dazu polsterte und lackierte er den Wagen noch selbst.«
Tschitschikow erlaubte sich den Einwand, daß Michejew denn doch schon lange nicht mehr auf der Welt sei, aber Sabakewitsch war so sehr in den Redestrom geraten, daß er sogar beredt wurde und in immer reißendere Wortgefälle gelangte.
»Und Stepan Probka, der Zimmermann? Ich setze meinen Kopf zum Pfande, daß Sie keinen besseren Arbeiter finden werden. Wenn der in der Garde gedient hätte, wozu der's noch gebracht hätte! Der war einen Meter 86 groß!«
Tschitschikow wollte wieder einwenden, daß doch auch Probka nicht mehr auf der Welt sei; aber Sabakewitsch wurde offenbar vom dem Redefluß fortgerissen. Der Wortschwall ergoß sich wie ein rauschender Gießbach, daß es eine Lust war ihm zuzuhören.
»Und dann Milaschkin, der Töpfermeister, der setzte Ihnen einen Ofen hin, wo Sie nur wollten in jedem Hause. Oder Martin Teljatnikow, der Schuster, ein Stich mit der Ahle, und er hatte ein paar Stiefel fertig; und was für Stiefel! Dabei nahm er nie einen Tropfen Schnaps in den Mund. Und Jeremej Sorokobljochin! Der ist allein soviel wert als die andern zusammen. Der war in Moskau Händler, brachte allein 500 Rubel Erbzins jährlich ein. Das sind Kerle! Nicht so ein Plunder, wie ihn euch ein Pluschkin verkaufen wird.«
»Aber erlauben Sie,« sagte Tschitschikow endlich, betroffen von solchem Überschwang der Rede, die wie es schien, gar kein Ende nehmen wollte. »Wozu zählen Sie mir alle ihre Vorzüge auf? Jetzt hat man ja doch nichts mehr davon. Das sind doch lauter tote Leute! Mit Toten kann man höchstens Vögel scheuchen, wie das Sprichwort sagt.«
»Freilich sind sie tot,« sagte Sabakewitsch, der erst jetzt zu sich zu kommen und sich darüber klar zu werden schien, daß es sich in der Tat um Tote handele, fuhr aber sogleich fort: »Übrigens diese sogenannten Lebenden, was sind das für Leute! Es sind Fliegen und keine Menschen.«
»Dafür sind sie doch wenigstens lebendig! Aber jene sind doch eigentlich nur ein Traum.«
»O nein, durchaus kein Traum; ich sage Ihnen solch einen Kerl wie den Michejew finden Sie nicht so leicht wieder; so ein Gestell, der geht Ihnen nicht in dies Zimmer. Nein, das ist kein Traum. Hat der Kerl eine Kraft in den Schultern gehabt, da kommt ein Pferd nicht gegen auf. Ich möchte doch wissen, ob Sie noch anderswo so einen Traum antreffen werden.« Bei den letzten Worten wandte er sich schon nicht mehr an Tschitschikow, sondern an die die Wände zierenden Porträts Kolocotronis und Bagrations, wie das oft bei Unterhaltungen zu geschehen pflegt, wenn der eine der Mitunterredner aus einem unbekannten Grunde sich nicht an die Person wendet, an die seine Worte gerichtet sind, sondern an irgend einen zufällig hereingeschneiten Dritten, den er vielleicht garnicht kennt, und obwohl er weiß, daß er von ihm weder eine Antwort, noch eine Äußerung, noch ein Zeichen der Zustimmung zu gewärtigen hat. Und doch heftet er seinen Blick auf ihn, als rufe er ihn zum Schiedsrichter an, worauf der Unbekannte zunächst ein wenig verlegen wird und nicht recht weiß, ob er sich zu der Frage äußern soll, von der er nichts gehört hat, oder lieber zur Wahrung der Anstandsregeln noch ein wenig stehen bleiben und dann erst fortgehen soll.
»Nein, mehr als zwei Rubel kann ich nicht geben,« sagte Tschitschikow.
»Schön, damit Sie sich nicht beklagen können, daß ich zuviel verlangt habe und Ihnen garnicht ein bißchen entgegengekommen bin, bin ich bereit, sie Ihnen für 75 Rubel das Stück -- aber in Papiergeld -- zu lassen. Wirklich, ich tue es nur aus Freundschaft.«
»Was fällt dem Kerl ein,« dachte Tschitschikow; »er hält mich wohl für einen Esel!« Und er fügte laut hinzu: »Es ist doch wirklich merkwürdig, es sieht fast so aus, als ob wir hier Theater oder Komödie spielen. Anders kann ich es mir nicht erklären! Sie machen doch den Eindruck eines klugen Mannes, der den gesamten Bildungsstoff beherrscht. Was ist denn das Objekt, um das es sich handelt. Das ist doch bloß Ppff, ein reines Nichts! Was für einen Wert hat es, wer braucht es!?!«
»Sie wollen es aber doch kaufen; also brauchen Sie es doch wohl!« Hier biß sich Tschitschikow auf die Lippen, ohne eine Antwort finden zu können. Er murmelte etwas von Familienverhältnissen, aber Sabakewitsch erklärte bloß:
»Ich will garnichts von Ihren Verhältnissen wissen; ich mische mich nie in Familienangelegenheiten -- das ist Ihre persönliche Sache. Sie brauchen Seelen, und ich biete Ihnen welche an. Sie werden es noch bereuen, daß Sie mir keine abgekauft haben.«
»Zwei Rubel,« sagte Tschitschikow.
»Ach sind Sie ein Mensch! Der Pirol pfeift stets dasselbe Lied, wie das Sprichwort sagt: Hat sich da auf die zwei Rubel versteift und kann nun durchaus nicht wieder davon loskommen. Nennen Sie doch einen vernünftigen Preis.«
»Na, hol ihn der Teufel!« dachte Tschitschikow, »meinetwegen, ich will ihm noch einen halben Rubel spendieren, dem Hund! damit er sich was zugute kommen lassen kann. Also gut, ich gebe Ihnen zwei Rubel fünfzig!«
»Schön, dann will ich Ihnen auch mein letztes Wort sagen: Fünfzig Rubel! Wahrhaftig. Sie kommen mir selbst teurer; billiger werden Sie sie nirgends kriegen, lauter so tüchtige Leute!«
»Ist das aber ein Geizhals!« dachte Tschitschikow und fuhr ärgerlich fort: »Nein hören Sie mal! Sie tun wirklich so, als ob es sich hier um eine ernste Sache handelt! Jeder andere würde sie mir umsonst geben. Ich kriege sie überall gratis, weil jeder froh ist, wenn er sie los werden kann. Das müßte doch wirklich ein großer Esel sein, der sie behalten und Steuern für sie zahlen wollte.«
»Aber wissen Sie auch, daß solche Käufe -- ich sage das ganz unter uns und in aller Freundschaft, nicht überall erlaubt sind; und wenn ich oder ein anderer davon erzählen wollte, so würde ein solcher Käufer jedes Vertrauen einbüßen; niemand würde einen Kontrakt mit ihm schließen wollen, und er käme in die größte Verlegenheit, wenn er seine Lage verbessern wollte.«
»Schau, schau, wo der hinaus will, der Schuft!« dachte Tschitschikow, aber er verlor seine Geistesgegenwart nicht und erklärte mit der größten Kaltblütigkeit: »Ganz wie Sie wünschen; wenn ich Ihnen den Plunder abkaufen will, so tue ich das nicht, weil ich es nötig hätte, sondern aus einer gewissen Laune, aus einem Hang meines Charakters. Wenn Ihnen zwei Rubel fünfzig zu wenig sind, dann lassen wir es eben. Leben Sie wohl!«
»Den bringt man nicht aus der Fassung! Der gibt nicht so leicht nach!« dachte Sabakewitsch. »Also gut, Gott mit Ihnen, geben Sie dreißig Rubel und sie gehören Ihnen.«
»Nein, ich sehe, Sie wollen sie nicht verkaufen; Leben Sie wohl.«
»Erlauben Sie, erlauben Sie,« sagte Sabakewitsch, ohne seine Hand los zu lassen, und trat ihm dabei auf den Fuß; unser Held hatte nämlich vergessen, sich in acht zu nehmen, und mußte jetzt zur Strafe aufschreien und auf einem Fuße hüpfen.
»Bitte um Entschuldigung. Ich glaube, ich habe Sie etwas beunruhigt. Bitte setzen Sie sich doch, hierher, ich bitte.« Er geleitete ihn zu einem Lehnstuhl und hieß ihn hier Platz nehmen. Er tat das sogar mit einiger Geschicklichkeit, wie ein Bär, der schon mit Menschen in Berührung gekommen ist, ein paar Tanzdrehungen zu machen gelernt hat und auch einige Kunststücke auszuführen weiß, wenn man zu ihm sagt: »Zeig mal, Petz, wie es die Weiber im Dampfbad machen und wie stehlen kleine Kinder Nüsse?«
»Nein, wirklich ich verliere nur unnütz Zeit. Ich muß fort, ich habe Eile!«
»Bleiben Sie doch noch ein Augenblickchen. Ich will Ihnen gleich etwas sagen, was Ihnen Freude machen wird.« Und Sabakewitsch rückte näher an ihn heran und flüsterte ihm ins Ohr, wie wenn er ihm ein Geheimnis mitzuteilen hätte. »Wollen Sie eine Stange?«
»Sie wollen sagen 25 Rubel? Nein, nein, nein! noch nicht den vierten Teil. Keine Kopeke mehr.«
Sabakewitsch antwortete nichts und auch Tschitschikow wurde still. Dieses Schweigen währte etwa zwei Minuten. Fürst Bagration verfolgte von seinem Wandplatz diesen Kauf mit der größten Aufmerksamkeit.
»Also was ist Ihr höchstes Angebot?« sagte Sabakewitsch endlich.
»Zwei Rubel fünfzig!«
»Ihnen scheint eine menschliche Seele auch nicht mehr zu gelten als eine abgebrühte Rübe. Geben Sie doch wenigstens drei Rubel!«
»Ich sehe, mit Ihnen ist nichts anzufangen.«
»Ich verkaufe mit Schaden! Aber was soll ich tun? Ich habe nun mal so 'ne Hundegutmütigkeit. Ich kann halt nicht anders, ich muß meinem Nächsten immer eine kleine Freude bereiten. Wir werden wohl einen Kaufvertrag aufsetzen müssen, damit alles seine Ordnung hat.«
»Natürlich!«
»Sehen Sie, wir werden also in die Stadt fahren müssen!«
Damit war die Sache erledigt. Man beschloß, gleich am folgenden Tage in die Stadt zu fahren, um den Kauf zum Abschluß zu bringen.
Tschitschikow bat um die Liste der Bauern. Sabakewitsch war einverstanden; er begab sich ins Büro, um die Bauernseelen aufzuschreiben, die er nicht nur alle namentlich aufzählte, sondern auch durch Aufzählung all ihrer Vorzüge charakterisierte. Unterdessen musterte Tschitschikow, da er nichts Besseres zu tun hatte, die voluminöse Silhouette seines Wirtes. Als er seinen Rücken, der so breit war wie der eines kurzstämmigen Wjatkapferdes, und seine Füße erblickte, welche große Ähnlichkeit mit ein paar Chausseepfeilern hatten, konnte er sich nicht enthalten auszurufen: