Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I

Part 12

Chapter 123,685 wordsPublic domain

Tschitschikow mußte sich selbst gestehen, daß er nicht gerade geschickt gelogen hatte, und die ersonnene Ausflucht eigentlich recht schwach war. »Nun gut, dann will ich dir die Wahrheit sagen,« sagte er, indem er sich verbesserte, »ich bitte dich nur um eins, es nicht weiter zu plaudern. Ich habe die Absicht, mich zu verheiraten; aber leider sind der Vater und die Mutter meiner Braut höchst ehrgeizige Leute, die hoch hinaus wollen. Eine verfluchte Geschichte! ich ärgere mich beinahe, daß ich mich überhaupt darauf eingelassen habe: sie wollen partout, daß der Bräutigam mindestens dreihundert Seelen haben solle, und da mir beinahe ganze hundertfünfzig daran fehlen, so .....«

»Ne Bruder, du schwindelst!« rief Nosdrjow wieder.

»Nein wirklich, diesmal hab' ich auch nicht einmal _so_viel gelogen,« sagte Tschitschikow, indem er mit dem Daumen auf ein winziges Stück des kleinen Fingers wies.

»Den Kopf zum Pfande, daß du schwindelst!«

»Hör mal, du beleidigt mich! Wer bin ich denn eigentlich? Warum soll ich denn durchaus lügen?«

»Aber ich kenne dich doch: du bist ja ein großer Spitzbube -- gestatte mir bitte, dir das einmal in aller Freundschaft zu sagen. Wenn ich dein Chef wäre, ich ließe dich am ersten besten Baum aufhängen.«

Tschitschikow fühlte sich durch diese Bemerkung beleidigt. Jeder grobe, die Grenzen der Schicklichkeit verletzende Ausdruck berührte ihn peinlich. Alle Familiaritäten seitens anderer Personen waren ihm in der Seele zuwider, und er suchte sich ihnen zu entziehen, es sei denn, daß sie von hochgestellten Leuten ausgingen. Daher fühlte er sich jetzt im Innersten gekränkt.

»Bei Gott, ich ließe dich hängen!« wiederholte Nosdrjow, »ich meine das ganz aufrichtig und sage das nicht um dich zu beleidigen, sondern erlaube es mir als dein Freund.«

»Alles hat seine Grenzen,« sagte Tschitschikow mit Würde. »Wenn du dich mit solchen Redensarten brüsten willst, dann geh doch lieber in die Kaserne.« -- Und er fügte hinzu: »Willst du sie mir nicht schenken, so verkaufe sie mir wenigstens.«

»Verkaufen! Aber ich kenne dich doch. Du bist ein Hallunke. Du wirst ja doch nicht viel dafür geben.«

»Na, du kannst so bleiben! Sieh einer an, du glaubst wohl, sie sind von Edelstein, wie?«

»Da siehst du es, ich kenne dich doch.«

»Nein höre mal, Freund, was ist das für ein knickeriges Benehmen. Du solltest sie mir wahrhaftig schenken.«

»Also gut, um dir zu beweisen, daß ich nicht so ein Filz bin, will ich dir garnichts für sie abnehmen. Kauf mir einen Hengst ab, dann kriegst du sie gratis.«

»Ich bitte dich, was soll ich mit dem Hengst?« sagte Tschitschikow, höchst verwundert über diesen Vorschlag.

»Was du damit sollst? Ich habe zehntausend Rubel für den Racker bezahlt, und du sollst ihn für viertausend haben.«

»Aber was soll ich bloß damit anfangen! Ich habe doch kein Gestüt.«

»Ja höre doch nur, du versteht mich noch nicht. Ich nehme dir doch jetzt nur dreitausend ab. Die übrigen tausend kannst du mir ja später bezahlen.«

»Ja aber, wenn ich ihn nun doch durchaus nicht brauchen kann! Gott mit ihm!«

»Nun gut, dann kauf mir die hellbraune Stute ab!«

»Ich kann auch keine Stute brauchen.«

»Ich gebe dir die Stute und das graue Pferd dazu, das du vorhin gesehen hat, für zweitausend Rubel.«

»Ich brauche keine Pferde!« sagte Tschitschikow.

»Du kannst sie ja weiter verkaufen. Auf jeder Messe kriegst du das Dreifache für sie.«

»Dann verkauf sie doch lieber selbst, wenn du dir einen so großen Gewinn davon versprichst.«

»Ich weiß, daß ich dabei gewinne: aber ich möchte dir auch einen kleinen Vorteil zukommen lassen.«

Tschitschikow dankte ihm für seine freundliche Gesinnung und verzichtete rundweg auf die braune Stute und das graue Roß.

»So kauf mir ein paar Hunde ab! Ich habe da ein Pärchen für dich; da läuft dir gleich ein Freudenschauer über den Rücken. Einen stichelhaarigen mit borstigem Bart; die Haare stehen ihm zu Berge wie die Stacheln eines Igels, und die Rippen -- die reinsten Faßreifen. Dazu die klumppatschigen Pfoten -- die berühren kaum die Erde! ...«

»Ach! Ich brauche keine Hunde. Ich bin doch kein Jäger.«

»Aber ich möchte gerne, daß du ein paar Hunde hast.

Übrigens weißt du, wenn du die Hunde nicht haben willst, dann kauf mir die Drehorgel ab. Ein feines Stück, sage ich dir. Sie hat mich selbst, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin, anderthalb Tausend gekostet. Dir will ich sie für neunhundert lassen.«

»Was soll ich mit der Drehorgel anfangen? Ich bin doch kein Deutscher, daß ich mit ihr von Haus zu Haus wandern und um Geld betteln könnte!«

»Aber das ist doch kein Leierkasten, wie ihn die Deutschen haben. Das ist eine Orgel, sieh sie dir mal genau an. Lauter echtes Mahagoni! Komm, ich will sie dir noch mal zeigen!« Und Nosdrjow ergriff Tschitschikows Hand und zog ihn nach sich in das Nebenzimmer, er mochte sich sträuben, die Füße gegen den Fußboden stemmen und versichern, soviel er wollte, er kenne die Drehorgel zur Genüge, es nützte ihm alles nichts, er mußte noch einmal hören, wie Malborough in die Schlacht zog.

»Wenn du mir kein Geld geben willst, dann machen wir es folgendermaßen, weißt du. Ich gebe dir die Drehorgel und dazu alle toten Seelen, die ich habe und du überläßt mir dafür deine Kutsche und zahlst nur noch dreihundert Rubel drauf.«

»Noch mehr? Und wie soll ich fortkommen?«

»Ich gebe dir einen andern Wagen. Komm herunter in den Stall, ich will ihn dir gleich zeigen! Du mußt ihn nur neu anstreichen lassen. Dann ist es eine herrliche Kutsche!«

»Ist der von einem unruhigen Geiste besessen,« dachte Tschitschikow und faßte den heroischen Entschluß, Nosdrjow mit seinen Kutschen, Drehorgeln und allen möglichen und unmöglichen Hunden, trotz der geradezu unerhörten, faßreifenähnlichen Rippen und klumppatschigen Pfoten ein für alle Mal loszuwerden.

»Aber du kriegst doch alles zusammen: die Kutsche, die Drehorgel und die toten Seelen.«

»Ich will aber nichts,« sagte Tschitschikow noch einmal.

»Warum willst du bloß nicht?«

»Ganz einfach, weil ich nicht will, und damit basta!«

»Ach bist du ein Kerl! Mit dir kann man ja nicht verkehren wie mit einem guten Freunde oder Kameraden. Wirklich so ein .....! Man merkt gleich, daß du ein doppelzüngiger Mensch bist.«

»Ja bin ich denn ein Esel, wie?! Wozu soll ich mir Dinge anschaffen, die ich absolut nicht brauchen kann.«

»Nein, bitte, rede nicht! Jetzt habe ich dich durchschaut.

So ein Schuft, wahrhaftig. Also gut, höre mal, machen wir ein Partiechen Pharao. Ich setze alle toten Seelen auf eine Karte und die Drehorgel dazu.«

»Nein, mein Bester, ein Glücksspiel verlieren, das hieße sich dem dunklen Zufall aussetzen,« sagte Tschitschikow, während er nach den Karten schielte, die jener in der Hand hielt. Beide Spiele machten einen recht wenig Vertrauen erweckenden Eindruck auf ihn. Auch die Rückseite sah recht verdächtig aus.

»Warum denn dem Zufall,« sagte Nosdrjow, »das ist doch kein Zufall; wenn das Glück dir günstig ist, Hölle und Teufel, was kannst du da nicht alles gewinnen. Sieh doch nur, welch ein Glück, du hast,« sagte er, indem er ein paar Karten auflegte, um Tschitschikows Spiellust anzuregen. »Nein, solch ein Glück, solch ein Glück! Das flutscht nur so. Siehst du, da ist die verfluchte Zehn, durch die ich alles verloren habe. Ich ahnte es, daß sie mich im Stiche lassen wird. Aber ich machte die Augen zu und dachte nur, hol dich der Teufel! Tu's nur Verräterin!«

Während Nosdrjow noch sprach, brachte Porphyr eine Flasche herein. Aber Tschitschikow lehnte entschieden ab und wollte weder spielen noch trinken.

»Warum willst du denn nicht spielen?« sagte Nosdrjow.

»Weil ich keine Lust habe. Wenn ich ehrlich sein soll, bin ich überhaupt kein Freund vom Spiel.«

»Warum bist du denn kein Freund davon?«

»Weil ich halt kein Freund davon bin,« sagte Tschitschikow und zuckte die Achseln.

»Jammerlappen, du!«

»Was soll ich machen, wenn Gott mich mal so geschaffen hat.«

»Ein Schlappschwanz und nichts weiter. Früher hielt ich dich doch wenigstens noch für einen etwas anständigeren Menschen. Aber du hast ja keine Ahnung vom guten Benehmen. Mit dir kann man nicht sprechen wie mit einem Freunde, keine Spur von Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Der reinste Sabakewitsch! Solch ein Lump!«

»Sag mal, warum schimpfst du mich eigentlich? Bin ich denn schuld, daß ich nicht spielen kann? Verkauf mir doch die Seelen, wenn du schon so ein Kerl bist, der um jeden Dreck zittert!«

»Den Teufel kriegst du! Und noch dazu ohne Haare. Ich wollte sie dir zuerst gratis geben, aber jetzt bekommst du überhaupt nichts, und wenn du mir ein Königreich dafür bötest, ich geb sie nicht her. So ein Beutelschneider! So'n dreckiger Lehmbudiker! Von nun ab will ich mit dir überhaupt nichts zu tun haben. Porphyr geh mal runter und sag dem Stalljungen, er soll seinen Pferden keinen Hafer geben. Die brauchen nichts wie Heu zu fressen.«

Dieser Schluß kam Tschitschikow in der Tat unerwartet.

»Hätt' ich dich doch lieber gar nicht gesehen!« sagte Nosdrjow.

Dieser Zwist hinderte indessen den Hausherrn und seinen Gast nicht, zusammen zu Abend zu speisen, obwohl diesmal keine Weine mit komplizierten und merkwürdigen Namen auf dem Tische prangten. Nur eine einzige Flasche stand einsam da, mit einer Art Cypernwein, der aber im übrigen nichts anderes war, als was man einen sauren Krätzer zu nennen pflegt. Nach dem Abendessen führte Nosdrjow Tschitschikow in ein Seitengemach, wo bereits ein Bett für ihn aufgeschlagen war und sagte: »Da ist dein Bett. Ich mag dir nicht einmal gute Nacht wünschen.«

Mit diesen Worten ging er hinaus und ließ Tschitschikow in der allerschlechtesten Laune zurück. Er ärgerte sich innerlich über sich selbst, und machte sich Vorwürfe, daß er mitgefahren war und seine schöne Zeit unnütz verloren hatte; was er sich jedoch am wenigsten verzeihen konnte, war dies, daß er über seine eigenste Angelegenheit mit ihm gesprochen hatte; das war sehr unvorsichtig von ihm gewesen, er hatte gehandelt wie ein Tor; denn die Sache selbst war durchaus nicht von der Art, daß sie Nosdrjow -- anvertraut werden konnte ... Nosdrjow war ein gemeiner Kerl; er konnte noch was hinzuschwindeln, weiß der Teufel, was für Lügen darüber verbreiten, und schließlich konnte noch eine dumme Klatschgeschichte daraus entstehen ... Fatal, höchst fatal! »Ich bin doch wirklich ein Esel!« sprach er zu sich selber. Er schlief die Nacht über sehr schlecht. Eine gewisse Gattung ganz kleiner aber äußerst kecker und zudringlicher Insekten verfolgten ihn fortwährend mit ihren Bissen, die unerträglich schmerzhaft waren, so daß er sich mit der ganzen Hand an den betreffenden Stellen kratzte und murmelte: »Hol euch der Teufel, mitsamt Nosdrjow!« Es war noch sehr früh, als er erwachte. Sein erster Gang, nachdem er Stiefel und Schlafrock angezogen hatte, war nach dem Stall, welcher sich am Ende des Hofes befand, wo er Seliphan den Auftrag gab, die Pferde sofort anzuspannen. Auf dem Rückwege traf er Nosdrjow, der ihm, gleichfalls im Schlafrock und mit der Pfeife im Munde, im Hofe entgegen kam.

Nosdrjow grüßte ihn freundschaftlich und fragte, wie er die Nacht geschlafen habe.

»Sehr mäßig!« antwortete Tschitschikow trocken.

»Ich auch, Freund ...« sagte Nosdrjow ... »weißt du, die ganze Nacht hat mich dies verdammte Viehzeug geplagt, ich mag's garnicht erzählen; dazu habe ich nach dem gestrigen Abend einen Geschmack im Munde, wie wenn eine ganze Schwadron drin übernachtet hätte. Denk dir, mir träumte, daß ich Ruten bekomme. Wahrhaftig! Und weißt du von wem? Ich möchte wetten, daß du's nicht errätst: vom Stabsrittmeister Pozelyjew und von Kufschinnikow.«

»Ja ja,« dachte Tschitschikow, »es wäre wirklich nicht schlecht, wenn du einmal gründlich durchgebläut würdest.«

»Bei Gott! Es hat verflucht weh getan! Ich bin sogar davon aufgewacht; und in der Tat, es juckte mich am ganzen Körper; das verdammte Gelichter, diese Flöhe! So, gehe jetzt hinauf und zieh dich an; ich komme gleich wieder zu dir. Ich muß nur dem Schuft von Verwalter noch mal den Kopf waschen.«

Tschitschikow begab sich auf sein Zimmer, um sich zu waschen und anzuziehen. Als er gleich darauf ins Speisezimmer trat, stand schon ein Teeservice und eine Flasche Rum auf dem Tisch. Im Zimmer waren noch Spuren vom gestrigen Diner und Souper bemerkbar; Bürste und Besen hatten noch ihres Amtes nicht gewaltet. Auf dem Fußboden lagen Brodkrumen und selbst auf dem Tischtuche sah man ganze Haufen von Tabakasche herumliegen. Der Hausherr, der bald darauf hereinkam, hatte nichts an, außer einem Schlafrock, unter dem die offene mit dichten Haaren bewachsene Brust hervorguckte. So mit dem Pfeifenrohr in der einen, und mit der Tasse, aus der er ab und zu nippte, in der anderen Hand, wäre er so recht ein Bild für einen Maler gewesen, welcher die gelockten und gekräuselten oder kurz geschorenen Köpfe nicht leiden kann, wie man sie auf den Aushängeschildern der Barbierläden abgebildet findet.

»Nun also, wie denkst du?« fragte Nosdrjow nach einer kurzen Pause, »willst du um die Seelen spielen oder nicht?«

»Ich hab dir doch schon gesagt, daß ich nicht mag; abkaufen -- tue ich sie dir gern.«

»Verkaufen will ich sie nicht: das wäre nicht freundschaftlich. Ich will doch nicht weiß der Teufel wovon die Decke runterziehen. Ein Spielchen -- das ist eine andre Sache. Zieh doch eine Karte!«

»Ich hab dir doch schon gesagt: ich mag nicht.«

»Und tauschen willst du auch nicht?«

»Nein!«

»Nun dann höre, wollen wir Dame spielen? Gewinnst du -- so gehören sie dir -- alle zusammen. Ich habe ja eine ganze Menge, die aus der Revisionsliste gestrichen werden müssen. He Porphyr! Bring doch mal das Damenbrett herein!«

»Bemühe dich bitte nicht: ich spiele _doch_ nicht!«

»Aber das ist doch kein Glücksspiel; hier kann doch weder von Glück noch von Betrug die Rede sein, es hängt doch alles vom guten Spiel ab. Übrigens mache ich dich darauf aufmerksam, daß ich sehr schlecht spiele; du mußt mir etwas vorgeben.«

»Vielleicht ist's das beste, ich setze mich hin und versuche es,« dachte Tschitschikow. »Ich habe doch früher einmal garnicht übel Dame gespielt, zudem wird es ihm hier schwer werden, zu mogeln.«

»Also schön! Meinetwegen, eine Partie Dame will ich allenfalls mit dir spielen.«

»Die Seelen -- gegen hundert Rubel? Gut?«

»Warum? Ich denke fünfzig sind auch genug.«

»Nein, hör mal, fünfzig, das ist doch kein Einsatz? Dann setze ich lieber noch einen gewöhnlichen Jagdhund oder eine goldene Petschaft dazu, weißt du, so eine, wie man sie an der Uhrkette trägt.«

»Nun gut! ich bin's zufrieden,« sagte Tschitschikow.

»Und wieviel gibst du mir vor?« fragte Nosdrjow.

»Wie käme ich dazu? Natürlich nichts.«

»Laß mich wenigstens die ersten zwei Züge machen!«

»Nein, ich spiele selbst schlecht genug.«

»Das kennt man schon, dies schlechte Spiel!« sagte Nosdrjow, während er anzog.

»Ich habe schon lange keinen Stein mehr in die Hand genommen,« sprach Tschitschikow, der gleichfalls einen Zug machte.

»Das kennt man schon -- dies schlechte Spiel,« sagte Nosdrjow und zog wieder.

»Ich habe schon lange keinen Stein mehr in die Hand genommen,« sprach Tschitschikow und rückte weiter vor.

»Das kennt man schon -- dies schlechte Spiel,« sagte Nosdrjow, während er wieder einen Zug machte, und dabei mit dem Ärmel seines Schlafrockes einen andern Stein verschob.

»Ich habe schon lange keinen Stein mehr in die Hand genommen! .... He, was soll das lieber Freund? nimm mal den Zug wieder zurück!« rief Tschitschikow.

»Was?«

»Den Stein da sollst du zurückziehen,« sagte Tschitschikow; aber jetzt erblickte er plötzlich dicht vor seiner Nase noch einen zweiten Stein, der eben im Begriff war, ins Damenfeld einzurücken. Wie der dahin gekommen war, das wußte wohl nur Gott allein. »Nein,« sagte Tschitschikow, »mit dir kann man unmöglich spielen. Man macht doch nicht drei Züge auf einmal!«

»Wieso denn drei? Das war doch nur ein Versehn. Der eine hat sich nur zufällig verschoben; ich zieh ihn wieder zurück, wenn du willst.«

»Und wie kommt der hierher?«

»Welchen meinst du?«

»Hier diesen, der in die Damenreihe einrückt.«

»Da haben wir's! Als ob du's nicht weißt!«

»Nein, mein Bester, ich habe alle Züge gezählt und erinnere mich sehr gut an alles, du hast ihn erst eben vorgeschoben. _Da_ ist sein Platz!«

-- »Was -- dort?« sagte Nosdrjow errötend, »du phantasierst wohl, Freund!«

»Nein, Bester, _du_ scheinst zu phantasieren, aber leider nur mit wenig Glück.«

»Für wen hältst du mich,« sagte Nosdrjow, »glaubst du etwa, ich mogele?«

»Ich halte dich für gar nichts, ich werde mich nur hüten, jemals wieder mit dir zu spielen.«

»Nein, jetzt kannst du nicht mehr vom Spiel zurücktreten,« ereiferte sich Nosdrjow, »das Spiel ist angefangen!«

»Ich darf doch wohl verzichten, da du nicht spielst wie ein anständiger Mensch!«

»Du lügst! Du hast kein Recht, so etwas zu behaupten!«

»Nein, mein Bester, du bist es, der da lügt!«

»Ich habe nicht gemogelt, und du kannst nicht mehr verzichten. Du mußt die Partie zu Ende spielen!«

»Dazu kannst du mich nicht zwingen,« sprach Tschitschikow kaltblütig, trat ans Brett und warf die Steine durcheinander.

Nosdrjow wurde rot vor Zorn und ging auf Tschitschikow los, so daß dieser zwei Schritte zurücktrat.

»Ich werde dich doch zwingen, mit mir zu spielen. Das nützt dir nichts, daß du das Brett umgestoßen hast! Ich erinnere mich an sämtliche Züge! Wir können das Spiel wieder aufstellen.«

»Nein, mein Bester, ich spiele nicht mit dir, und damit Basta!«

»Du willst also nicht spielen? wie?«

»Du mußt doch selbst einsehen, daß man nicht mit dir spielen kann!«

»Nein, sag's gradheraus: Willst du spielen oder nicht?« sagte Nosdrjow, indem er Tschitschikow noch näher auf den Leib rückte.

»Nein,« sprach Tschitschikow, während er seine Hände vor das Gesicht hielt, er war auf alles gefaßt und fühlte, daß es einen heißen Kampf geben würde. Diese Vorsicht war durchaus am Platze, denn Nosdrjow holte aus, und es hätte leicht passieren können, daß eine von den schönen runden Backen unseres Helden mit nie zu verwischender Schmach bedeckt worden wäre; aber er parierte geschickt den Schlag, packte Nosdrjows kampflustige Hände und hielt sie fest in den seinen.

»Porphyr, Pawluschka!« schrie Nosdrjow wie ein Rasender, indem er versuchte sich loszuringen.

Bei diesen Worten ließ Tschitschikow, der die Knechte nicht gern zu Zeugen dieser äußerst interessanten Szene machen wollte, und zugleich fühlte, daß es doch keinen Wert hatte, Nosdrjow länger festzuhalten, seine Hände fahren. In diesem Augenblick betrat Porphyr das Zimmer, gefolgt von Pawluscha, einem handfesten Burschen, mit dem nicht gut Kirschen essen war.

»Du willst also die Partie nicht zu Ende spielen?« sagte Nosdrjow. »Sag ja oder nein.«

»Es ist mir unmöglich, sie zu Ende zu spielen,« sprach Tschitschikow und warf einen Blick aus dem Fenster. Er sah seine Kutsche bereitstehen und neben ihr Seliphan, der nur auf den Moment zu warten schien, wo er vorfahren könnte; aber jeder Ausweg aus dem Zimmer war verschlossen, denn in der Türe standen zwei kräftige Esel, die Leibeigenen Nosdrjows.

»Du willst also die Partie nicht beendigen?« wiederholte Nosdrjow, dessen Antlitz vor Zorn glühte.

»Wenn du spielen würdest, wie ein anständiger Mensch .... aber so .... Nein!«

»Also nicht? Du Schurke! Weil du merkst, daß du verlieren mußt, _kannst_ du auf einmal nicht! Haut ihn!« schrie er plötzlich in rasender Wut, indem er sich an Porphyr und Pawluscha wandte und selbst sein Pfeifenrohr von Weichselholz packte. Tschitschikow wurde bleich wie ein Stück Leinwand. Er wollte etwas sagen, aber er fühlte, daß seine Lippen sich bewegten, ohne einen Laut von sich zu geben.

»Haut ihn!« schrie Nosdrjow, während er mit seinem Weichselrohr auf ihn losstürzte, zornglühend und schwitzend, als ob er gegen eine unbezwingliche Festung Sturm liefe. -- »Haut ihn!« schrie er mit der Stimme eines tollen Leutnants, der während eines gewaltigen Sturmangriffes seiner Kompagnie: »Vorwärts, Kinder!« zuruft, und dessen unsinnige Kühnheit solch eine Berühmtheit erlangt hat, so daß die Ordre ausgegeben werden mußte, während eines heftigen Gefechtes, ihn an Händen und Füßen festzuhalten. Aber der Rausch der Schlacht hat ihn schon betört; um ihn herum scheint sich alles zu drehen. Die Gestalt des Feldmarschalls Suworow scheint ihm voranzuschweben. Das große Ziel winkt und blindlings stürzt er darauf zu. »Vorwärts, Kinder!« schreit er und schon fliegt er voran, ohne zu überlegen, wie sehr er damit dem wohlberechneten Angriffsplane schadet und ohne darauf zu achten, daß Millionen von Büchsenläufen aus den Schießscharten der unbezwinglichen, von Rauchwolken umzogenen Festungsmauern herlugen, daß seine ohnmächtige Kompagnie in die Luft fliegen muß wie leichter Federflaum und daß die verhängnisvolle Kugel sausend naht, um ihm den vorlauten Mund zu schließen. Aber, wenn Nosdrjow einen solchen verzweifelt gegen eine Festung anstürmenden tollköpfigen Leutnant darstellte, die Festung _selbst_, auf die er den wahnsinnigen Angriff unternahm, schien keineswegs uneinnehmbar, im Gegenteil, die Festung fühlte eine derartige Furcht, daß ihr das Herz in die Hosen fiel. Schon ward ihm der Stuhl, mit dem er sich verteidigen wollte, von den Leibeigenen aus den Händen gerissen, schon bereitete er sich geschlossenen Auges und mehr tot als lebendig, das tscherkessische Pfeifenrohr seines Gastfreundes mit dem Rücken in Empfang zu nehmen, und Gott weiß, was ihm noch sonst alles hätte blühen können. Aber der Vorsehung gefiel es, die Lenden, die Schultern und alle wohlgepflegten Körperteile unseres Helden zu retten. Ganz unerwartet erklangen plötzlich, wie die Stimme eines Himmelsboten, die Töne eines Glöckchens, das Rädergerassel einer vorfahrenden Kutsche und das bis ins Innerste der Stube vernehmbare schwere Schnaufen der erhitzten Pferde eines Dreigespanns. Alles eilte unwillkürlich ans Fenster: ein Mann mit einem martialischen Schnauzbart, im Interimsrock stieg aus dem Wagen. Nachdem er im Flure nach dem Hausherrn gefragt hatte, trat er ins Zimmer, noch bevor Tschitschikow sich von seinem Schreck hatte erholen können und während er sich noch in der jämmerlichsten Lage befand, die je ein Sterblicher durchgemacht hat.

»Darf ich fragen, wer von den Anwesenden Herr Nosdrjow ist?« sagte der Unbekannte, indem er einen erstaunten Blick auf Nosdrjow, der mit dem Pfeifenrohr in der Hand dastand, und auf Tschitschikow warf, der eben aus seiner traurigen Lage wieder zu sich zu kommen begann.

»Darf ich zuerst erfahren, mit wem ich die Ehre habe?« sagte Nosdrjow auf ihn zugehend.

»Ich bin der Kreisrichter!«

»Und was wünschen Sie?«

»Ich komme, um ihnen eine mir zugegangene amtliche Mitteilung zu überbringen. Sie befinden sich im Anklagezustand bis zur gerichtlichen Beschlußfassung in dem gegen Sie schwebenden Prozeß.«

»Ach Unsinn! Was für ein Prozeß?« sagte Nosdrjow.

»Sie sind in die Sache des Gutsbesitzers Maksimow verwickelt, anläßlich einer persönlichen Beleidigung, die Sie ihm in trunkenem Zustande durch Verabfolgung von Rutenschlägen zugefügt haben sollen.«

»Sie lügen, ich kenne den Gutsbesitzer Maksimow überhaupt nicht.«

»Geehrter Herr! Gestatten sie, daß ich Sie darauf aufmerksam mache: ich bin Offizier. Sie können das ihrem Diener sagen, aber nicht mir.«

Hier ergriff Tschitschikow, ohne abzuwarten, was Nosdrjow darauf antworten würde, schleunigst seine Mütze, schlüpfte hinterm Rücken des Kreisrichters zur Türe hinaus, bestieg eilig seinen Wagen, und befahl Seliphan die Pferde anzutreiben, so schnell er nur konnte.

Fünftes Kapitel