Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I
Part 11
Nosdrjows Gesicht ist dem Leser wahrscheinlich schon ein wenig bekannt. Ein jeder von uns wird Leuten dieses Schlages sicherlich mehr als einmal begegnet sein. Man nennt sie forsche Burschen; schon als Knaben und in der Schule gelten sie als gute Kameraden und kriegen bei alledem ihre Prügel, die oft sehr schmerzhaft sind. Aus ihrem Gesicht spricht Offenheit, Gradheit und eine gewisse Bravour. Sie schließen schnell Freundschaften, und eh man sich's versieht, duzen sie einen schon. Sie schwören immer ewige Freundschaft, und fast scheint's, daß sie ihr Versprechen auch halten werden; aber dann kommt es beinahe immer so, daß der neue Freund sie noch am selben Abend beim freundschaftlichen Mahle durchprügelt. Das sind stets Schwätzer, Zechbrüder, feine Jungens, mit einem Wort Leute, die was bedeuten. Nosdrjow war mit fünfunddreißig Jahren noch genau derselbe, wie mit siebzehn und zwanzig: er liebte es noch immer, zu bummeln und sich zu amüsieren. Die Ehe hatte ihn nicht im geringsten verändert, um so weniger, als seine Frau sehr bald ins bessere Jenseits einging, und ihn mit zwei Kindern zurückließ, die er absolut nicht brauchen konnte. Übrigens hatte er die Aufsicht über die Kinder einer recht appetitlichen Wärterin anvertraut. Er konnte es zu Hause nie länger als einen Tag aushalten. Seine feine Nase roch es auf fünfzig Werst heraus, wenn es irgendwo eine Messe gab, wo viele Menschen zusammenkamen und Feste und Bälle gefeiert wurden; im selben Augenblick war er da, stiftete Streit und Unordnung am grünen Tisch, denn er war, wie all diese Leute ein leidenschaftlicher Kartenspieler. Wie wir schon aus dem ersten Kapitel erfahren haben, spielte er nicht ganz korrekt und sauber, er kannte eine Reihe von Kniffen und Kunststücken, und daher gab's am Ende des Spiels gewöhnlich ein andres Spiel: entweder er bekam eine Tracht Prügel und ein paar tüchtige Fußtritte oder man zupfte ihn an seinem schönen dicken Backenbart, so daß er manchmal nur mit einer Bart-Hälfte nach Hause kam, die auch nur noch recht dürftig aussah. Aber seine gesunden runden Backen waren aus so gutem Stoff gemacht und wurden von einer so intensiven animalischen Kraft durchflutet, daß der Backenbart bald wieder nachwuchs und noch schöner wurde, als früher. Und was dabei das Merkwürdigste war, und sicherlich nur allein in Rußland passieren kann, -- schon nach ganz kurzer Zeit war er wieder mit seinen Freunden zusammen, die ihn so hergenommen hatten, man begrüßte sich, wie wenn nichts vorgefallen wäre, und auch er tat seinerseits nicht im geringsten beleidigt.
Nosdrjow war in gewisser Beziehung eine geschichtliche Persönlichkeit. Es gab keine einzige Gesellschaft, an der er teilnahm, wo nicht irgend eine »Geschichte« passierte. Irgendeine »Geschichte« gab es immer: entweder er wurde von ein paar Gendarmen beim Arm gefaßt und aus dem Saal geführt, oder seine eigenen Freunde sahen sich gezwungen, ihn hinauszubefördern. Und wenn es nicht gerade dies war, _etwas_ ereignete sich auf jeden Fall, was einem andern nie passiert wäre, sei es, daß er sich in der Restauration so sehr betrank, daß er garnicht aus dem Lachen herauskommen konnte, oder daß er sich so in seine eigenen Lügen verstrickte, sodaß ihm zuletzt selbst davor übel wurde. Dazu log er ohne jeden Grund und Anlaß. Plötzlich konnte es ihm einfallen, zu erzählen, er habe einmal ein Pferd mit blau und rot gestreiftem Fell gehabt oder irgend einen ähnlichen Blödsinn, bis alle Anwesenden weggingen und sagten: »Na Bruder, mir scheint, du fängst an zu schwindeln!« Es gibt Menschen, die eine wahre Leidenschaft haben, ihrem Nächsten einen üblen Streich zu spielen, ohne die geringste Ursache dazu zu haben. So gibt es zum Beispiel Leute von hohem Range, edlem Äußern und mit einem Stern auf der Brust, die einem freundlich die Hand drücken, sich über die tiefsten und erhabensten Gegenstände unterhalten, welche unseren Geist beschäftigen, um einem plötzlich ganz offen vor aller Augen einen niederträchtigen Streich zu spielen, wie er wohl eines ganz gewöhnlichen Kollegienregistrators, nicht aber eines Mannes würdig ist, der einen Stern auf der Brust trägt und über die tiefsten und erhabensten Gegenstände spricht, die unseren Geist beschäftigen, sodaß man dasteht und staunt, und höchstens mit den Achseln zuckt. Auch Nosdrjow hatte diese merkwürdige Liebhaberei. Je näher sich einer ihm anschloß, um so ärger trieb er es mit ihm: er verbreitete allerhand unmögliche Gerüchte, wie sie sich kaum törichter und dümmer erfinden lassen, machte Verlobungen rückgängig, verdarb einem das Geschäft und hielt sich dabei keineswegs für den Feind des Betreffenden; im Gegenteil, fügte es sich so, daß man wieder mit ihm zusammentraf, dann kam er einem höchst freundschaftlich entgegen und sagte sogar: »Du bist doch ein ganz gemeiner Kerl! Warum besuchst du mich niemals?« Nosdrjow war in mancher Beziehung ein wirklich vielseitiger Mensch, d. h. er war in allen Sätteln gerecht. In demselben Augenblick war er bereit, euch bis an alle vier Enden der Welt zu begleiten, an jedem Abenteuer teilzunehmen, jeden Tausch mit euch einzugehen. Flinten, Hunde, Pferde waren Tauschobjekte für ihn, aber er hatte durchaus nicht etwa den Hintergedanken, dabei zu gewinnen; dies war nur die Folge einer gewissen Lebhaftigkeit und Keckheit, die in seinem Charakter lagen. War es ihm geglückt, auf der Messe einem Einfaltspinsel zu begegnen und ihn im Spiel zu rupfen, dann kaufte er alles Mögliche zusammen, was er im ersten besten Laden vorfand: Halsbügel für seine Pferde, Räucherkerzchen, allerhand Tücher für das Kindermädchen, einen Hengst, Rosinen, eine silberne Waschschüssel, holländische Leinwand, Gerstenmehl, Tabak, Pistolen, Heringe, Bilder, Schleifsteine, Töpfe, Stiefel, Porzellangeschirr, bis ihm das Geld ausging. Übrigens passierte es nur höchst selten, daß er all die schönen Dinge mit nach Hause brachte: gewöhnlich wurde er sie noch am selben Tage wieder los, indem er sie an einen andern glücklichern Spieler verspielte, der häufig noch die eigne Pfeife, den Tabakbeutel und ein Mundstück, oder wohl gar noch das ganze Viergespann mit allem Zubehör: Wagen und Kutscher dazu bekam, sodaß der Herr selbst in einem kurzen Röckchen oder einer bucharischen Joppe auf die Suche nach einem Freunde gehen mußte, der ihn in seinem Wagen mitnahm. So war Nosdrjow! Vielleicht wird man ihn einen verbrauchten Typus nennen und sagen, heutzutage gebe es ja gar keine Nosdrjows mehr! Ach nein! Die Menschen, die so reden, haben sicherlich unrecht. Nosdrjow wird nicht so bald aus dieser Welt verschwinden. Er ist überall, mitten unter uns, und trägt vielleicht zufälligerweise nur einen andern Rock; aber die Menschen sind leichtsinnig und oberflächlich; wie oft halten sie jemand, wenn er nur einen andern Rock anhat, auch für einen ganz andern Menschen!
Unterdessen hielten die drei Wagen bereits vor der Freitreppe des Nosdrjowschen Hauses. Im Hause waren keinerlei Vorbereitungen für ihren Empfang getroffen. Mitten im Speisezimmer standen zwei Arbeiter auf einer Stehleiter, weißten die Wände und sangen ein monotones Lied dazu, das gar kein Ende nehmen wollte; der ganze Fußboden war mit Kalk bespritzt. Nosdrjow rief den Leuten sogleich zu, sie sollten sich mitsamt ihrer Stehleiter hinauspacken und lief dann ins nächste Zimmer, um dort weitere Befehle zu erteilen. Die Gäste hörten, wie er beim Koch ein Mittagessen bestellte; Tschitschikow, der bereits wieder einigen Appetit verspürte, ersah daraus, daß sie sich wohl kaum vor 5 Uhr zu Tische setzen würden. Nosdrjow kam bald darauf zurück, um seine Gäste zu einem Spaziergang durch sein Gut mitzunehmen und ihnen alle Sehenswürdigkeiten desselben zu zeigen. Sie brauchten etwas mehr als zwei Stunden, um alles in Augenschein zu nehmen. Nosdrjow ruhte nicht eher, als bis er ihnen alles gezeigt hatte, bis ihm nichts mehr zu zeigen übrig blieb. Zuerst begab man sich in den Pferdestall, wo man zwei Stuten, einen grauen Apfelschimmel, einen Fuchs und einen braunen Hengst besichtigte. Der Hengst sah nicht gerade stattlich aus, aber Nosdrjow versicherte und schwor, daß er zehntausend Rubel für ihn bezahlt habe.
»Zehntausend waren es sicher nicht,« bemerkte der Schwager, »der ist noch keine tausend wert.«
»Bei Gott! Er kostet zehntausend!« sagte Nosdrjow.
»Du kannst schwören, soviel du willst,« erwiderte der Schwager.
»Nun gut, willst du wetten?« sagte Nosdrjow.
Aber der Schwager wollte nicht wetten.
Dann zeigte Nosdrjow den Gästen einen leeren Verschlag, in dem früher ein paar gute Pferde gestanden hatten. Daselbst befand sich auch ein Ziegenbock, der nach einem alten Aberglauben in keinem Pferdestall fehlen darf, und der sich mit seinen Genossen offenbar recht gut vertrug, denn er spazierte unter ihren Bäuchen hindurch, als ob er zu Hause wäre. Dann führte Nosdrjow die beiden Herren weiter, um ihnen einen kleinen Wolf zu zeigen, welcher an der Kette lag. »Das ist ein junger Wolf!« sagte er, »ich füttere ihn absichtlich mit rohem Fleisch!« Dann sah man sich noch einen Teich an, in dem sich, nach Nosdrjows Worten, Fische von solcher Größe befanden, daß mindestens zwei Menschen dazu gehörten, um einen davon aus dem Wasser zu ziehen. Übrigens unterließ es der Schwager auch diesmal nicht, seine Zweifel zu äußern. »Hör mal Tschitschikow,« sagte Nosdrjow, »ich will dir ein paar herrliche Hunde zeigen: man glaubt gar nicht, was die für kräftige Muskeln haben! Und die Nase! So spitz wie eine Nadel!« Mit diesen Worten führte er sie zu einem hübschen kleinen Häuschen, das von einem großen und ringsum eingefriedigten Hof umgeben war. Als sie diesen betraten, erblickten sie eine ganze Kollektion von Hunden, wollhaarige und schlichthaarige aller nur möglichen Farben und Rassen, dunkelbraune, schwarze, schwarz- und braungefleckte, halbgescheckte, getigerte, braungescheckte, schwarzohrige, grauohrige usw. usw. ... Hier bekam man sämtliche Hundenamen und alle nur möglichen Imperative zu hören wie Beiß, Wach, Schimpf, Funke, Frechdachs, Gottseibeiuns, Störenfried, Stich, Pfeil, Schwälbchen, Schätzchen, Vorstehdame. Nosdrjow bewegte sich unter ihnen ganz wie ein Vater in seiner Familie: sie kamen alle mit freudig erhobenen Schwänzen, die man in der Jägersprache Ruten nennt, auf die Gäste zugestürzt und begrüßten sie lebhaft. Etwa zehn Stück sprangen an Nosdrjow empor und legten ihm ihre Pfoten auf die Schultern. »Schimpf« bezeugte dieselbe Freundschaft für Tschitschikow und versetzte ihm, indem er sich auf die Hinterbeine stellte, einen herzhaften Kuß, sodaß jener schleunigst ausspie. Dann ging man zur Besichtigung der Hunde über, deren Muskelkraft Nosdrjows Stolz bildete -- und in der Tat, die Hunde waren gut. Hierauf sah man sich noch eine Hündin aus der Krim an, welche schon blind war und nach Nosdrjows Worten bald verrecken mußte. Vor zwei Jahren sei es noch eine recht gute Hündin gewesen. Man nahm auch diese Hündin in Augenschein, und siehe da, sie war wirklich blind. Von hier aus ging man weiter, um eine Wassermühle anzusehen, der die Achse fehlte, an welcher der obere Mühlstein befestigt ist, und um die er sich mit großer Geschwindigkeit dreht, oder an der er nach dem seltsamen Ausdruck des russischen Bauern herauf und herunter hüpft, weswegen er auch der »Hüpfer« genannt wird. »Nun kommt bald die Schmiede,« sagte Nosdrjow. Nach einigen Schritten erblickten sie tatsächlich eine Schmiede, deren Betrachtung man gleichfalls einige Augenblicke widmete.
»Auf diesem Felde,« sagte Nosdrjow, indem er mit dem Finger hinzeigte, »gibt es eine solche Unmenge von Hasen, daß man die Erde garnicht sieht. Ich selbst habe neulich einen mit der Hand bei den Hinterläufen erwischt.«
»Na, weißt du, mit der Hand erwischst du keinen Hasen.«
»Und ich hab doch einen gefangen! Wahrhaftig!« antwortete Nosdrjow. »So, nun will ich dich an die Grenze meines Gutes führen,« setzte er hinzu, indem er sich an Tschitschikow wandte.
Nosdrjow führte seine Gäste über das Feld, das stellenweise mit kleinen Mooshügeln bedeckt war. Die Gäste mußten den Weg über Brachland und geeggte Saatfelder nehmen. Tschitschikow verspürte eine gewisse Ermüdung. An vielen Stellen sanken ihre Füße in dem Sumpfe ein: so tief war das Land gelegen. Anfangs nahmen sie sich in acht und traten vorsichtig auf, da sie aber sahen, daß das doch nichts half, marschierten sie einfach drauflos, ohne zu fragen, wo der Dreck am höchsten lag. Nachdem sie ein beträchtliches Stück Weges zurückgelegt hatten, erblickten sie in der Tat die Grenze, welche durch einen hölzernen Pfahl und einen schmalen Graben markiert wurde.
»Das ist die Grenze,« sagte Nosdrjow. »Alles was diesseits liegt -- dies alles ist mein Eigentum, und sogar jener Wald, den ihr da auf der anderen Seite schimmern seht, und das ganze Stück, das hinter dem Walde liegt, gehört mir.«
»Seit wann ist denn das dein Wald?« fragte der Schwager. »Hast du ihn etwa neulich angekauft? Früher gehörte er dir doch nicht.«
»Ja, ich habe ihn vor kurzem gekauft,« sagte Nosdrjow.
»Wie ging denn das so schnell?«
»Ich habe ihn erst vorgestern gekauft und teuer genug bezahlen müssen, weiß der Teufel!«
»Aber du warst doch die ganze Zeit über auf der Messe?«
»Ach, du alter Sophron, kann man denn nicht auf der Messe sein und zugleich Land kaufen. Nun ja, ich war auf der Messe und in meiner Abwesenheit hat der Verwalter das Gehölz gekauft.«
»Es müßte denn schon der Verwalter sein,« sagte der Schwager, noch immer zweifelnd und schüttelte den Kopf.
Die Gäste kehrten auf demselben elenden Wege nach Hause zurück. Nosdrjow führte sie in seine Stube, in der übrigens nichts von alledem zu entdecken war, was man gewöhnlich in einem Arbeitszimmer vorzufinden pflegt, d. h. weder Bücher noch Papiere, an der Wand hingen nur ein Säbel und zwei Flinten, eine zu dreihundert, und eine andere zu achthundert Rubel. Der Schwager sah sich im Zimmer um und schüttelte bloß den Kopf. Dann zeigte Nosdrjow seinen Freunden noch einige türkische Dolche; auf einem von ihnen las man die Inschrift »Meister Sawelij Sibirjakow«, die wohl nur durch ein Versehen in ihn eingegraben worden war. Darnach bekamen die Gäste eine Drehorgel zu sehen, auf der Nosdrjow sogleich irgend ein Stück vortrug. Die Drehorgel hatte keinen unangenehmen Klang, nur schien in ihrem Inneren etwas passiert zu sein, denn die Mazurka, welche Nosdrjow spielte, ging plötzlich in das Lied: »Held Malborough zog in die Schlacht« über, und dieses schloß wiederum mit einem altbekannten Walzer. Nosdrjow drehte schon lange nicht mehr, aber das Instrument hatte eine sehr kecke Pfeife, die durchaus nicht zum Schweigen zu bringen war und noch lange für sich allein weitertönte. Dann ging man zu den Tabakspfeifen über, deren Nosdrjow eine ganze Kollektion besaß: Holz-, Ton- und Meerschaumpfeifen, eingerauchte und nicht eingerauchte, mit Lederüberzügen und ohne solche usw.; man sah sich auch ein Pfeifenrohr mit einer Bernsteinspitze, das Nosdrjow erst vor kurzem im Spiele gewonnen und einen gestickten Tabaksbeutel an, das Geschenk einer Gräfin, welche sich auf einer Poststation bis über die Ohren in ihn verliebt hatte, und deren Händchen das »subtilste Superflüh« waren, ein Ausdruck, der für ihn wahrscheinlich soviel wie die höchste Vollkommenheit bedeutete. Nachdem man ein paar Schnitten Stör zu sich genommen hatte, setzte man sich gegen fünf Uhr zu Tisch. Das Mittagessen spielte offenbar in Nosdrjows Leben keine sehr bedeutende Rolle, denn er schien keinen sehr großen Wert auf die Zubereitung der Speisen zu legen; sie waren teils angebrannt, teils noch nicht ganz gar. Der Koch ließ sich wahrscheinlich mehr durch eine gewisse Inspiration leiten und bediente sich bei der Herstellung der Gerichte aller guten Dinge, die ihm gerade unter die Hand kamen: stand zufälligerweise die Pfefferdose in seiner Nähe, dann schüttete er Pfeffer in den Kochtopf -- lag ein Kohlkopf auf dem Tisch, so tat er auch Kohl hinein und gab noch Milch, Schinken und Erbsen dazu -- mit einem Wort: er schüttete aufs Geradewohl etwas zusammen, die Hauptsache war, daß das Gericht recht heiß war, irgend einen Geschmack würde es schon haben! Dafür legte Nosdrjow ein großes Gewicht auf die Weine: die Suppe stand noch nicht auf dem Tisch, da schenkte er den Gästen schon ein Glas Portwein und ein zweites mit Haut Sauterne ein. In den Provinz- und in den Kreisstädten gibt es nämlich keinen gewöhnlichen Sauterne. Dann ließ Nosdrjow noch eine Flasche Madeira auftragen, »wie ihn selbst der Feldmarschall nicht besser getrunken hat«. Und in der Tat, der Madeira brannte einem in der Kehle, denn die Kaufleute, welche den Geschmack ihrer Kunden -- der Gutsbesitzer kannten, die einen _kräftigen_ Madeira liebten, versetzten ihn tüchtig mit Rum und bisweilen auch mit Königswasser, in der richtigen Erwägung, daß ein russischer Magen alles vertragen könne. Zuletzt ließ sich Nosdrjow noch eine ganz besondere Flasche bringen, die, wie er sagte, eine Art von Synthese aus Champagner und Bourgognon enthielt. Er schenkte rechts und links mit großem Eifer die Gläser voll und erwies dabei seinem Schwager und Tschitschikow die gleiche Aufmerksamkeit; doch machte Tschitschikow die Beobachtung, daß er sich selbst dabei am schlechtesten bedachte. Dies veranlaßte ihn, auf der Hut zu sein; wenn Nosdrjow gerade ins Gespräch mit seinem Schwager vertieft war, oder ihm das Glas vollschenkte, benutzte Tschitschikow den Moment, um den Inhalt seines Glases in den Teller zu schütten. Bald darauf wurde auch eine Flasche Vogelbeerschnaps hereingetragen, die nach Nosdrjows Worten ganz wie Sahne schmeckte, aber seltsamerweise nur kräftig nach Fusel roch. Hierauf trank man noch einen Balsam, der einen Namen trug, welcher sich sogar äußerst schwer aussprechen ließ, und den der Wirt selbst bei der nächsten Gelegenheit ganz anders bezeichnete. Das Mittagessen war längst zu Ende, die Weine waren alle ausprobiert, aber die Gäste saßen noch immer an der Tafel, Tschitschikow konnte sich durchaus nicht entschließen, mit Nosdrjow in Gegenwart des Schwagers über den Gegenstand zu sprechen, der ihm am meisten am Herzen lag: der Schwager war schließlich doch ein fremder Mensch, die Sache selbst aber konnte nur in einer vertraulichen und freundschaftlichen Unterhaltung erledigt werden. Übrigens war der Schwager schwerlich ein Mensch, der ihm gefährlich werden konnte, denn wie es schien, hatte er gehörig geladen, er saß nämlich stumm auf seinem Stuhle und sank beständig mit dem Kopf vornüber. Endlich mußte er wohl selbst gemerkt haben, daß er sich in einem ziemlich hoffnungslosen Zustande befand, denn er bat Nosdrjow, ihn doch heimfahren zu lassen, und er tat dies mit einer so matten und müden Stimme, als zöge man -- um mich eines volkstümlichen russischen Ausdrucks zu bedienen -- dem Pferde das Zaumzeug mit der Zange über den Kopf.
»Nein, nein, nein! Ich lasse dich nicht fort!« sagte Nosdrjow.
»Quäl mich doch nicht, lieber Freund! Wirklich, ich will fahren!« bat der Schwager, »du mußt mich nicht so peinigen!«
»Unsinn! Torheiten! Komm wir spielen noch einen kleinen Pharao.«
»Nein, Bester, spiel lieber allein! Ich kann wirklich nicht, meine Frau wird es mir sehr übel nehmen; ich muß ihr auch noch von der Messe erzählen. Wahrhaftig Freund! es ist meine verfluchte Schuldigkeit, ihr dies kleine Vergnügen zu bereiten. Bitte halte mich nicht auf!«
»Hol doch die Frau der T....! Als ob das so was wichtiges wäre, was ihr miteinander zu tun habt!«
»Nein wirklich, Freund! Sie ist so gut, meine Frau -- so brav und treu, eine musterhafte Gattin! Sie tut mir jeden Gefallen. Das kannst du mir glauben, ich bin oft gerührt, bis zu Tränen gerührt. Nein, suche mich nicht zum Bleiben zu veranlassen; so wahr ich ein ehrlicher Mann bin -- ich muß fahren. Ich gebe dir mein Wort darauf! Hand aufs Herz!«
»Laß ihn doch fahren, was haben wir von ihm?« sagte Tschitschikow leise zu Nosdrjow.
»Du hast eigentlich recht!« meinte Nosdrjow, »ich kann diese Waschlappen nicht leiden!« und er fügte laut hinzu: »Nun dann hol dich der Teufel. Geh! fahr nur zu deiner Frau, du alter Pantoffelheld!«
»Nein, Freund! du darfst mich nicht Pantoffelheld schelten!« antwortete der Schwager: »ich verdanke ihr mein Leben. Wirklich! Sie ist so lieb, so gut, so sanft und zärtlich .... mir stehen oft die Tränen in den Augen. Sie wird mich fragen, was ich auf der Messe gesehen habe -- ich muß ihr alles erzählen -- sie ist so lieb ....«
»Also mach, daß du fortkommst, und schwindele ihr irgend einen Blödsinn vor!«
»Nein, hör mal, lieber Freund! du darfst nicht so von ihr sprechen, damit beleidigst du gewissermaßen auch mich, sie ist so gut und lieb.«
»Nun dann packe dich doch! Mach, daß du zu ihr kommst!«
»Ja, tatsächlich, Freund, ich will fahren; verzeih, daß ich nicht bleiben kann. Ich wäre von Herzen froh, aber ich kann wahrhaftig nicht.« Der Schwager stammelte noch lange allerhand Entschuldigungen, ohne zu merken, daß er längst im Wagen saß, schon durchs Tor gerollt war und sich unter freiem Himmel auf offenem Felde befand. Man darf annehmen, daß seine Frau recht wenig von der Messe zu hören bekommen hat.
»So ein Dreckkerl!« sagte Nosdrjow, der ans Fenster getreten war und der davonjagenden Equipage nachblickte. »Da fährt er! Das Beipferd ist nicht übel, ich fahnde schon längst darauf. Aber mit dem Kerl wird man ja doch nicht einig. Ein alter Waschlappen und weiter nichts!«
Man trat ins Nebenzimmer. Porphyr brachte Lichter herein und Tschitschikow bemerkte plötzlich ein Spiel Karten in der Hand des Hausherrn, ohne daß er hätte sagen können, woher er es genommen hatte.
»Was meinst du zu einem kleinen Pharao, Freund!« sagte Nosdrjow, indem er das Spiel zusammendrückte und wieder los ließ, sodaß das Kreuzband zerriß und zu Boden fiel. »So zum Zeitvertreib weißt du. Ich will die Bank mit dreihundert Rubeln halten!«
Aber Tschitschikow tat so, als ob er garnicht gehört hätte, wovon eigentlich die Rede war und sagte, wie wenn er sich plötzlich auf etwas besönne. »Ach ja, um es nicht zu vergessen, ich habe eine kleine Bitte an dich!«
»Was für eine Bitte?«
»Aber versprich mir zuerst, daß du sie erfüllen willst!«
»Was ist das für eine Bitte?«
»Nein, versprich mir's erst! Hörst du!«
»Also gut. Meinetwegen!«
»Dein Ehrenwort!«
»Mein Ehrenwort!«
»Also: du wirst doch wohl eine ganze Reihe von toten Bauern besitzen, die noch nicht aus den Revisionslisten gestrichen sind.«
»Natürlich! und was soll das hier!«
»Übergib sie mir. Übertrage sie auf meinen Namen!«
»Und wozu brauchst du sie?«
»Ich brauche sie.«
»Nein, sag wozu?«
»Ich brauche sie eben .... das ist doch meine Sache -- mit einem Wort, ich habe sie nötig.«
»Da steckt bestimmt was dahinter. Du hast sicher irgend einen Plan mit ihnen ausgeheckt. Gesteh's nur. Was ist's?«
»Ach was für ein Plan! Solch eine Bagatelle. Was könnte ich damit vorhaben?«
»Ja, wozu brauchst du sie denn dann?«
»Herr Gott! bist du neugierig! Du willst wohl jeden Dreck mit der Hand befühlen, und wohl gar noch dran riechen!«
»Ja, warum willst du es denn nicht sagen?«
»Was hast du denn davon, wenn ich's dir sage? Ganz einfach, es ist so eine Laune von mir!«
»Nun gut, wenn du's mir nicht sagt, dann tu ich's eben nicht!«
»Hör mal, das ist wirklich unanständig von dir. Hast mir dein Wort gegeben, und willst es jetzt wieder zurücknehmen!«
»Schön, wie du willst. Ich tu's halt nicht, bevor du mir's sagst.«
»Was könnte ich ihm bloß sagen?« dachte Tschitschikow; er überlegte ein wenig und erklärte dann, er brauche die toten Seelen, um sich Gewicht und Einfluß in der Gesellschaft zu verschaffen, er habe keine großen Besitzungen, und daher möchte er wenigstens einstweilen ein paar Seelen haben.
»Du schwindelst,« sagte Nosdrjow, indem er ihm ins Wort fiel, »du schwindelst Bruder!«