Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I
Part 10
Als man sich dem Wirtshause näherte, ließ Tschitschikow anhalten und zwar aus zwei Gründen. Einmal wollte er die Pferde ausruhen lassen, und dann wünschte er auch selbst etwas zu sich zu nehmen und sich zu stärken. Der Autor muß gestehen, daß er diese Art Leute um ihren guten Magen und ihren Appetit aufrichtig beneidet. Für ihn haben jene große Herren nur wenig Bedeutung, welche in Petersburg oder Moskau wohnen und deren ganze Zeit im Nachdenken darüber aufgeht, was sie morgen zu Mittag speisen werden, und was für ein Menu sie für übermorgen zusammenstellen könnten, sie, die sich nicht eher an die Mittagstafel setzen, bevor sie ein paar Pillen geschluckt und ein paar Austern oder Krabben und andere Meerwunder verschlungen haben, um sich zum Schluß nach Karlsbad oder in den Kaukasus zu begeben. Nein, diese Herrschaften haben nie den Neid des Autors wachrufen können. Wohl aber jene mittleren Leute, welche auf _einer_ Station eine Portion Schinken bestellen, auf der nächsten ein Spanferkel, auf der dritten ein Stück Stör oder Bratwurst mit Knoblauch, und die sich dann zu Tische setzen, wie wenn nichts passiert wäre, und zwar zu jeder beliebigen Zeit. Die Suppe aus Quappe, Sterlet und Fischmilch zischt und brodelt zwischen ihren Zähnen, begleitet von Fischpasteten oder einer Welspirogge, sodaß bei jedem Unbeteiligten der Appetit rege werden muß. -- Diese Leute erfreuen sich einer beneidenswerten Himmelsgabe. Mehr als einer von den großen Herren würde sofort die Hälfte seiner Bauern und der verpfändeten und unverpfändeten Güter mit all ihren modernen Errungenschaften, die das In- und Ausland hervorbrachten, darangeben, um nur einen solchen Magen zu haben, wie so ein Mann des guten Bürgerstandes. Das Unglück ist leider nur, daß man sich weder für Geld noch Güter mit und ohne Errungenschaften einen solchen Magen zulegen kann, wie ihn ein Herr der mittleren Stände besitzt.
Das hölzerne, verwitterte Wirtshaus nahm Tschitschikow unter sein gastliches Vordach, welches auf gedrechselten Säulen ruhte, die große Ähnlichkeit mit altertümlichen Kirchenleuchtern hatten. Dieses Wirtshaus war eine Art russische Bauernhütte, nur in etwas größerem Maßstab. Die mit Schnitzwerk verzierten Karnise aus frischem Holze um die Fenster herum und unter dem Dach hoben sich lebhaft von den dunklen Wänden ab. Auf den Fensterläden waren Krüge mit Blumen abgebildet.
Nachdem Tschitschikow die enge Holztreppe hinaufgestiegen war, betrat er den breiten Flur. Hier stieß er auf eine Tür, welche sich knarrend auftat, sowie auf ein dickes altes Weib in einem bunten Kattunkleid, das ihn mit folgenden Worten anredete: »Hierher, bitte!« In dem Gastzimmer fand er lauter alte Bekannte, denen man immer in den kleinen hölzernen Wirtshäusern an der Landstraße begegnet; den dampfbeschlagenen Samowar, die glatt gehobelten Wände aus Fichtenholz, ein dreieckiges Spind mit Teekannen und Tassen in der Ecke, vergoldete Porzellaneier vor den Heiligen-Bildern, die an blauen und roten Bändern hingen, eine Katze, die vor kurzem Junge geworfen hatte, einen Spiegel, der statt zwei Augen vier und statt eines Gesichtes eine Art Pfannkuchen erkennen ließ, endlich Sträuße aus wohlriechenden Kräutern und Nelken, welche hinter die Heiligenbilder gesteckt und schon so stark vertrocknet waren, daß jeder, den die Lust anwandelte an ihnen zu riechen, zu niesen begann, sonst aber unbefriedigt blieb.
»Haben Sie Spanferkel?« Mit dieser Frage wandte sich Tschitschikow an die dicke Alte.
»Gewiß!«
»Mit Meerrettich und saurer Sahne?«
»Freilich mit Sahne und Meerrettich.«
»Her damit!«
Die Alte ging, kramte im Speiseschrank umher und brachte einen Teller, eine Serviette, steif gestärkt wie getrocknete Baumrinde, ferner ein Messer mit einem gelblichen Knochengriff, und einer Klinge, dünn wie die eines Federmessers und schließlich eine zweizinkige Gabel und ein Salzfaß, das durchaus nicht geradestehen wollte.
Unser Held ließ sich nach seiner Gewohnheit sogleich in ein Gespräch mit ihr ein. Er erkundigte sich, ob sie selbst die Besitzerin des Gasthofes oder ob noch ein Wirt da sei; wieviel das Geschäft abwerfe; ob ihre Söhne bei ihr wohnten; was der älteste Sohn für einen Beruf habe und ob er schon verheiratet oder noch Junggeselle sei; was er für eine Frau genommen habe, mit oder ohne Mitgift; ob der Schwiegervater zufrieden und ob der Sohn nicht ärgerlich gewesen sei, daß er zu wenig Hochzeitsgeschenke bekommen habe. Mit einem Wort, er vergaß nicht das Mindeste. Es versteht sich von selbst, daß er auch Erkundigungen darüber einzog, was für Gutsbesitzer in der Nähe wohnten, und er erfuhr, daß es deren verschiedene gäbe, einen gewissen Blochin, Potschitajew, Mylny, Oberst Tscherpakow, Sabakewitsch. »Ah! du kennst Sabakewitsch?« fragte er die Alte, und er hörte sogleich, daß sie nicht nur Sabakewitsch, sondern auch Manilow kenne, und daß Manilow etwas »dewikater« sei als Sabakewitsch. »Er bestellte sofort ein Huhn oder Kalbsbraten; gibt es Hammelleber, so verlangt er auch Hammelleber und ißt von allem nur ein wenig. Dagegen bestellt Sabakewitsch immer nur ein einziges Gericht, das er dann aber auch ganz aufißt. Ja, er verlangt sogar noch eine größere Portion für dasselbe Geld.«
Während er sich in dieser Weise unterhielt und vergnügt sein Spanferkel verzehrte, von dem nur noch ein kleines Stück auf dem Teller übrig blieb, hörte er plötzlich das Rädergerassel einer heranrollenden Equipage. Er blickte zum Fenster hinaus und sah eine zierliche Kutsche vor dem Wirtshaus halten, die mit drei braven Pferden bespannt war. Aus dem Wagen stiegen zwei Herren heraus. Der eine von ihnen war blond und von hohem Wuchs, der andere etwas kleiner und brünett. Der Blonde trug eine dunkelblaue Joppe, der andere hatte eine gewöhnliche buntgestreifte Morgenjacke aus Bucharischem Stoffe an. Von ferne sah man noch ein leeres Wägelchen herankommen, das von einem langhaarigen Viergespann mit zerrissenen Halsbügeln und Halftern von Hanf gezogen wurde. Der Blonde lief sofort die Treppe hinauf, während der Dunkelhaarige noch ein wenig unten blieb, den Wagen untersuchte und, während er sich mit dem Knechte unterhielt, dem herankommenden Gefährt allerhand Zeichen gab. Tschitschikow kam seine Stimme ein wenig bekannt vor. Während er ihn betrachtete, hatte der Blonde bereits die Tür gefunden und öffnete sie eben. Dies war ein hochgewachsener Mann mit schmalem Gesicht oder, wie man zu sagen pflegt, mit etwas verlebten Zügen und kleinem roten Schnurrbart. Nach seiner gebräunten Gesichtsfarbe zu urteilen, hatte er schon oft im Dampfe gestanden, wenn nicht im Pulverdampf, so doch im Tabaksdampf. Er verbeugte sich höflich gegen Tschitschikow, worauf jener mit einer gleichen Verbeugung antwortete. Sie hätten sicherlich schon nach wenigen Minuten eine Unterhaltung angeknüpft und nähere Bekanntschaft mit einander gemacht, weil der erste Schritt dazu ja schon getan war und beide fast zu gleicher Zeit ihre Freude darüber äußerten, daß der Staub auf der Landstraße durch den gestrigen Regen vollständig niedergeschlagen und daß die Reise jetzt angenehm und kühl sei, wenn nicht sein schwarzhaariger Gefährte plötzlich ins Zimmer getreten wäre; er riß seinen Hut vom Kopfe und warf ihn auf den Tisch, indem er sich mit einer kühnen Handbewegung durch das Haar fuhr. Dies war ein Mann von mittlerem Wuchs, ein stattlicher Kerl mit vollen rosigen Wangen, schneeweißen blitzenden Zähnen und pechschwarzem Backenbart. Dazu hatte er so frische Farben wie Blut und Milch; sein Gesicht strotzte förmlich vor Gesundheit.
»Ba, Ba, Ba,« rief er plötzlich und breitete beim Anblick Tschitschikows die Arme weit aus. »Was führt Sie hierher?«
Hier erkannte Tschitschikow, daß es Nosdrjow war, jener Herr mit dem er beim Staatsanwalt gespeist und der sich mit ihm schon nach wenigen Minuten so vertraut gemacht hatte, daß er ihn zu duzen begann, obwohl ihm Tschitschikow seinerseits nicht die geringste Veranlassung dazu gegeben hatte.
»Wo warst du?« fragte Nosdrjow und fuhr ohne die Antwort abzuwarten, sogleich fort: »Ich komme von der Messe lieber Freund; du kannst mir gratulieren. Ich bin blank; ich habe den letzten Heller dagelassen. Du wirst mir's nicht glauben, daß ich noch nie in meinem Leben so blank war. Ich habe mir eine Droschke mieten müssen. Sieh einmal aus dem Fenster; da steht sie noch!« Hierbei drückte er Tschitschikows Kopf herunter, sodaß dieser sich beinah am Fensterkreuz gestoßen hätte. »Sieh doch die Klepper an, die verdammten Viecher haben mich kaum bis hierher geschleppt. -- Ich mußte schließlich sogar in seinen Wagen steigen.« Bei diesen Worten zeigte Nosdrjow mit dem Finger auf seinen Gefährten:
»Ah -- ihr seid noch nicht bekannt. Mein Schwager Mishujew! Wir haben schon den ganzen Morgen von dir gesprochen. >Paß mal auf,< habe ich gesagt, >wenn wir Tschitschikow treffen.< Nein, wenn du wüßtest, Bruder, wie blank ich bin. Glaub's oder nicht, ich bin nicht nur meine vier Gäule los geworden, ich habe tatsächlich alles verjuchzt. Ich habe nicht mal mehr Uhr und Kette.« Tschitschikow sah ihn an und überzeugte sich, daß er wirklich weder Uhr noch Kette trug. Ja, es schien ihm sogar, daß die eine Hälfte seines Backenbartes etwas kleiner und dünner war, als die andre.
»Und doch, wenn ich nur zwanzig Rubel in der Tasche gehabt hätte,« fuhr Nosdrjow fort, »genau zwanzig und nicht mehr noch weniger, ich hätte wahrhaftig Alles wieder gewonnen, d. h. ich hätte es nicht nur wiedergewonnen, sondern, -- so wahr ich ein ehrlicher Mann bin, ich hätte jetzt noch dreißigtausend dazu in der Tasche.«
»Das hast du auch schon da gesagt,« wandte ihm hier der Blonde ein. »Aber als ich dir die fünfzig Rubel gab, hast du sie doch gleich darauf verspielt.«
»Ich hätte sie bei Gott nicht verloren. Wahrhaftig nicht. Hätte ich damals keine Dummheit gemacht, so besäße ich sie noch jetzt.
Hätte ich nach dem Paroli der verdammten Sieben keine Ecke geschlagen, ich hätte die ganze Bank sprengen können.«
»Du hast sie doch aber nicht gesprengt,« sagte der Blonde.
»Natürlich nicht, weil ich eben die Ecke nicht zur rechten Zeit geschlagen habe. Du glaubst wohl, daß dein Major sehr schön spielt?«
»Schön oder nicht schön, er hat dich doch gerupft.«
»Auch was Großes,« sagte Nosdrjow.
»So hätte ich ihn auch reinlegen können. Er sollte mal versuchen, Doublet zu spielen, dann wollen wir mal sehen, was der Kerl kann. Dafür haben wir aber auch die letzten Tage fein durchgebummelt, Freund Tschitschikow. Nein wirklich, die Messe war großartig. Selbst die Kaufleute sagen, daß es noch niemals so ein Leben gab. Wir haben alles, was von meinem Gut kam, zu den höchsten Preisen losgeschlagen. Ach, Freund, wie wir gezecht haben. Wenn ich jetzt noch daran denke, Teufel .... es ist doch schade, daß du nicht dabei warst. Stell dir vor, drei Werst vor der Stadt stand ein Dragonerregiment und denk dir nur, sämtliche Offiziere, soviel überhaupt da waren, ich glaube, an die vierzig Mann hoch, kamen in die Stadt, und als dann erst das Saufen losging ...... der Stabsrittmeister Patzelujeff, das ist doch ein famoser Mensch; -- hat der einen Schnurrbart, -- -- -- so groß. Statt Kognak sagt er einfach Jäckchen. >Bring mir doch schnell ein Jäckchen,< ruft er dem Kellner zu. Leutnant Kufschinnikow ... Weißt du, Freund, ein zu netter Mensch! Ein richtiger Zechbruder, das kann man wohl sagen. Wir waren immer zusammen. Und was uns der Ponomarjow für einen Wein vorgesetzt hat! Der ist nämlich ein Gauner, mußt du wissen. Bei dem darf man nichts kaufen. Der Teufel mag wissen, womit der den Wein vermengt. Der Kerl färbt ihn mit Sandelholz, gebranntem Kork und Holundermark; wenn man ihm aber aus dem letzten Zimmer, das er sein Allerheiligstes nennt, eine Flasche herausschmuggelt, wahrhaftig Freund, dann glaubt man sich gleich im siebenten Himmel. Einen Champagner hatten wir, sage ich dir! ... Dagegen ist der des Gouverneurs das reinste Weißbier. Stell dir vor, nicht Cliquot, sondern irgend ein Cliquot-Matradura, gewissermaßen ein potenziertes Cliquot. Und dann holte ich noch eine Flasche französischen Wein, Marke Bonbon. Na, der Geruch -- ff., wie Rosenknospen und sonst noch alles, was dein Herz begehrt .. Donner, haben wir gezecht! .. Nach uns kam noch ein Fürst hin. Der ließ nach Champagner schicken. -- Denk dir, in der ganzen Stadt keine Flasche aufzutreiben: die Offiziere hatten den ganzen Sekt ausgetrunken. Du kannst mir's glauben, ich allein hab während des Diners siebzehn Flaschen hinter die Binde gegossen!«
»Na, na! siebzehn Flaschen, das bringst du denn doch nicht fertig,« bemerkte der Blonde.
»So wahr ich ein ehrlicher Mann bin, ich hab sie doch ausgetrunken.«
»Du magst reden was du willst. Ich sage dir, du kannst nicht einmal zehn bewältigen.«
»Was gilt die Wette!?«
»Wozu denn wetten!«
»Gut, wetten wir um die Flinte, die du dir in der Stadt gekauft hast!«
»Ich mag nicht.«
»Ach was, tu's doch, versuch's nur!«
»Ich will's aber nicht versuchen.«
»Du hast wohl keine Lust, deine Flinte zu verlieren! Hör mal, Freund Tschitschikow, hab ich's aber bedauert, daß du nicht dabei warst. Ich bin sicher, du hättest dich von Leutnant Kufschinnikow garnicht trennen können. Ihr hättet euch gleich verstanden. Der ist nicht wie der Staatsanwalt und die hiesigen Provinzgrößen unserer Stadt, die für jede Kopeke zittern. Der macht alles mit: einen Landsknecht, Pharao, ein Pokerchen, hält ein Bänkchen und alles, was du willst. Ach, Tschitschikow, nun was hätte es dich gekostet, mitzumachen. Wirklich, du bist ein Schwein, alter Saukerl du! Gib mir 'nen Kuß! Ich hab dich schrecklich lieb. Nimm mal den Mishujew, das Schicksal hat uns zusammengeführt; was ist er mir und was bin ich ihm? Kommt eines schönen Tages angefahren, Gott weiß woher! Zufälliger Weise muß ich auch gerade hier wohnen .... Und wieviel Wagen da waren, lieber Freund! Es ging alles ins Große, weißt du. Engros! Ich hab auch mal Fortuna versucht und zwei Büchschen Pomade, eine Porzellantasse und eine Gitarre gewonnen. Dann hab ich nochmal mein Glück probiert und alles wieder verloren, so 'ne Gemeinheit, und noch sechs Rubel dazu. Wenn du wüßtest, was für ein Don Juan der Kufschinnikow ist. Ich war auf allen Bällen mit ihm zusammen. Da war eine, die war so aufgeputzt: Rüschen und Spitzen, und weiß der Teufel, was die nicht alles an sich sitzen hatte. Ich dachte mir immer, Teufel! Der Kufschinnikow aber -- so 'ne Bestie, was? -- Setzt sich zu ihr und bekomplimentiert sie auf französisch. Du kannst mir's glauben, der würde nicht einmal ein Bauernweib durchlassen. Das nennt er »Erdbeeren pflücken«. Es waren auch herrliche Fische, und vor allem Störe angekommen. Ich habe einen mitgebracht -- noch gut, daß mir der Gedanke kam einen zu kaufen, solange ich noch Geld hatte. Wo reist du denn jetzt hin?«
»Ach, ich will zu einem Menschen hier,« sagte Tschitschikow.
»Zu was für einem Menschen? Ach was, laß ihn laufen! Komm! wir fahren zusammen zu mir nach Hause!«
»Nein, nein, es geht nicht. Ich habe zu tun.«
»Ach was, zu tun! Hat sich was ausgedacht! Oh du Opodeldok Iwanowitsch!«
»Nein wirklich, ich habe zu tun, und sogar etwas sehr Wichtiges!«
»Ich möchte darauf wetten, du lügst! Also sag mal, zu wem fährst du?«
»Nun meinetwegen. Zu Sabakewitsch.«
Hier brach Nosdrjow in jenes laute und helle Lachen aus, dessen nur ein frischer und gesunder Mensch fähig ist, der dabei seinen Mund weit auftut, uns die ganze Reihe seiner Zähne sehen läßt, die tadellos und blendend weiß sind wie Zucker, während seine Gesichtsmuskeln hüpfen und springen, sodaß der Nachbar im dritten Zimmer, das durch zwei Türen von ihm getrennt ist, aus dem Schlaf in die Höhe fährt, die Augen aufreißt und ausruft: »Was mag bloß in den gefahren sein!«
»Was gibt es hier zu lachen?« sagte Tschitschikow, der sich ein wenig über das Gelächter ärgerte.
Aber Nosdrjow fuhr fort, aus vollem Halse zu lachen, indem er zwischendurch rief: »Nein, bitte, verschone mich; ich berste vor Lachen!«
»Das ist durchaus nicht lächerlich: ich habe ihm mein Wort gegeben,« sagte Tschitschikow.
»Aber du wirst ja deines Lebens nicht froh, wenn du zu ihm hinfährst; das ist doch ein ganz gemeiner Geizhals, ein Halsabschneider! Ich kenne doch deinen Charakter; du befindest dich in einem ungeheueren Irrtum, wenn du glaubst, du findest dort Gelegenheit zu einem kleinen Spielchen, eine gute Flasche Bonbon oder sonst was. Hör mal, lieber Freund! Hol doch der Teufel diesen Sabakewitsch! Komm zu mir! Ich setze dir einen Stör vor. Der Ponomarjow, diese Bestie hat nur immer Kratzfüße gemacht und versichert: >Ich tue es nur für Sie! Sie können die ganze Messe absuchen und werden keinen solchen finden.< Übrigens ein durchtriebener Spitzbube. Ich habe es ihm gleich ins Gesicht gesagt: >Sie und unser Branntweinpächter, ihr seid die größten Gauner, die es auf der Welt gibt,< hab ich ihm gesagt. Dabei lacht die Bestie und streicht sich den Bart. Kufschinnikow und ich, wir haben jeden Tag in seinem Laden gefrühstückt. Richtig, lieber Freund, beinah hätte ich vergessen, es dir zu sagen: ich weiß zwar, du wirst mich nicht in Ruhe lassen, aber ich sage es dir im voraus, du kriegst ihn nicht einmal für zehntausend Rubel!« »He Porphyr!« rief er seinem Diener zu, indem er ans Fenster trat. Dieser stand mit einem Messer in der einen Hand da, während er in der andern eine Brotrinde und ein Stück Stör hielt, das er mit einem glücklichen Griff erwischt hatte, als er gerade etwas aus dem Wagen holen wollte. »He, Porphyr!« schrie Nosdrjow, »bring doch mal den kleinen Köter herauf!« »Ein feiner Köter! Was!« fuhr er fort, indem er sich an Tschitschikow wandte. »Natürlich gestohlen! Der Besitzer wollte ihn um keinen Preis hergeben. Ich bot ihm die hellbraune Stute dafür, weißt du, die, welche ich vom Chwostyrjow erstanden habe.« Übrigens hatte Tschitschikow sein Lebtag weder Chwostyrjow noch die braune Stute gesehen.
»Wollen der gnädige Herr nichts zu sich nehmen?« sagte jetzt die Alte, indem sie sich ihm näherte.
»Nein! Nichts! Ich sag dir Freund! Wir haben gebummelt! Übrigens kannst du mir einen Schnaps geben! Was habt ihr für welchen?«
»Anis«, antwortete die Alte.
»Nun meinetwegen, einen Anis,« rief Nosdrjow.
»Dann gib mir gleich auch ein Gläschen!« sagte der Blonde.
»Im Theater war eine Sängerin, die sang ganz wie 'ne Nachtigall, so'ne Kanaille! Kufschinnikow, der neben mir saß, sagte zu mir: >Weißt du Freund das wär so was! Da möcht ich mal Erdbeeren pflücken!< Ich glaube die Zahl der Meßbuden war allein größer als fünfzig. Thenardi drehte sich vier Stunden lang herum, wie eine Windmühle.« Hierbei nahm er das Gläschen aus der Hand der Alten, die sich tief vor ihm verneigte. »Her mit ihm!« rief er plötzlich aus, als er Porphyr erblickte, der mit einem jungen Hund ins Zimmer trat. Porphyr war ebenso gekleidet wie sein Herr, auch er trug eine wattierte bucharische Joppe, die nur ein wenig fettiger war.
»Gib ihn her, leg ihn hierher, auf den Fußboden!«
Porphyr legte das Hündchen auf den Fußboden, welches seine vier Pfoten weit ausstreckte und die Diele zu beschnüffeln begann.
»Das ist ein Hund!« sagte Nosdrjow, indem er das Tier am Wickel nahm und mit einer Hand in die Höhe hob. Das Hündchen stieß einen recht kläglichen Ton aus.
»Du hast wieder nicht getan, was ich dir befohlen habe,« sagte Nosdrjow zu Porphyr gewendet, während er den Bauch des Hündchens aufmerksam betrachtete. »Es ist dir garnicht eingefallen, ihn zu kämmen.«
»Nein, ich habe ihn gekämmt.«
»Wo kommen denn die Flöhe her!«
»Das kann ich nicht wissen. So etwas kommt vor, vielleicht hat er sie sich im Wagen geholt!«
»Du lügst! Unsinn! Es ist dir nicht im Traume eingefallen, ihn zu kämmen; ich glaube, der Esel hat ihm noch von den seinigen abgegeben. Sieh nur, Tschitschikow, sieh nur, was für Ohren! Komm doch, streichele ihn mal!«
»Wozu! Ich sehe es ja auch so! Die Rasse ist gut,« sagte Tschitschikow.
»Nein, streichele ihn nur mal; befühle mal die Ohren!«
Tschitschikow tat Nosdrjow den Gefallen, und nahm den Hund bei den Ohren. »Ja, es wird ein schönes Tier,« fügte er hinzu.
»Und fühle mal seine kalte Schnauze an! Nimm doch die Hand!« Um ihn nicht zu beleidigen, befühlte Tschitschikow auch die Schnauze, indem er bemerkte: »Kein übler Riecher!«
»Ein echter Bullenbeißer!« fuhr Nosdrjow fort. »Ich muß gestehen, ich habe schon lange nach einem Bullenbeißer gefahndet. Da, Porphyr, trage ihn fort.«
Porphyr nahm das Hündchen beim Bauche und brachte es in den Wagen zurück.
»Hör mal, Tschitschikow, du mußt jetzt unbedingt zu mir kommen. Es sind ja nur fünf Werst von hier. Wir sind im Handumdrehen da. Nachher kannst du meinetwegen auch zu Sabakewitsch fahren.«
»Hm!« dachte Tschitschikow, »ich könnte ja schließlich auch einen Besuch bei Nosdrjow machen. Er ist am Ende nicht schlimmer als die andern. Ein Mensch wie alle! Und zudem hat er noch Geld verloren. Der ist zu allem fähig. Dem werd ich schon umsonst etwas abtrotzen. -- Also gut, meinetwegen! Nur eins, du darfst mich nicht zurückhalten; meine Zeit ist mir teuer.«
»Siehst du, Herzchen, so gefällst du mir; das ist nett von dir. Komm, laß dir einen Kuß dafür geben!« Und Nosdrjow und Tschitschikow umarmten und küßten sich herzlich. »Famos, jetzt fahren wir zu dritt!«
»Nein, mich mußt du schon entschuldigen,« sagte der Blonde. »Ich muß nach Hause.«
»Ach, Torheiten, Freund! Ich laß dich nicht fort.«
»Nein wirklich, meine Frau wird sonst böse; übrigens kannst du ja jetzt in seinen Wagen steigen.«
»Nein, nein, nein! Du sollst garnicht daran denken.«
Der Blonde war einer von jenen Menschen, in deren Charakter man zuerst einen gewissen Starrsinn zu entdecken glaubt. Man hat kaum Zeit den Mund zu öffnen, da fallen sie einem schon streitlustig ins Wort, und niemals werden sie etwas zugeben, was ihrer Denkweise widerspricht. Es scheint einem, daß sie nie einen Dummen klug nennen und vor allem niemals nach der Pfeife eines anderen tanzen werden. Am Ende aber zeigt es sich, daß in ihrem Wesen etwas Weiches, Nachgiebiges liegt, daß sie schließlich gerade das zugeben, was sie erst bestritten haben, das Dumme -- klug nennen und den herrlichsten Tanz nach der fremden Pfeife aufführen. Sie fangen forsch an und enden schmählich.
»Ah, Torheiten,« antwortete Nosdrjow auf einen Einwand des Blonden, drückte ihm den Hut auf den Kopf und -- der Blonde folgte ihnen auf dem Fuße.
»Gnädiger Herr, der Schnaps ist noch nicht bezahlt,« rief die Alte ihnen nach.
»Schon recht, schon recht, Mütterchen! Sei so gut, lieber Schwager, bezahle du für mich! Ich habe nicht mal Kupfer in der Tasche.«
»Was bekommst du?« fragte der Schwager.
»Es ist nicht der Rede wert, Väterchen. Es macht ja nur achtzig Kopeken.«
»Du lügst! Gib ihr 'nen halben Rubel! das ist mehr als genug.«
»Ein bissel wenig, gnädiger Herr,« sagte die Alte. Indessen nahm sie das Geld dankend an und lief atemlos voraus, um die Türe zu öffnen. Sie hatte nichts verloren, denn der Schnaps kostete nicht den vierten Teil von dem, was sie gefordert hatte.
Die Reisenden stiegen ein und nahmen in ihren Kutschen Platz. Tschitschikows Wagen fuhr neben der Equipage, in der Nosdrjow und sein Schwager saßen, her, und so konnten sich alle drei während des ganzen Weges bequem miteinander unterhalten. Nosdrjows kleiner, mit den dürren Mietspferden bespannter Wagen folgte langsam nach und blieb immer mehr zurück. In ihm saß Porphyr mit dem jungen Hunde.
Da das Gespräch, in welches unsere Reisenden vertieft waren, sicherlich kein großes Interesse für den Leser haben dürfte, werden wir gut tun, diese Zeit zu benutzen, um einige Worte über Nosdrjow selbst zu sagen, der vielleicht nicht die geringste Rolle in unserer Dichtung spielen wird.