Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I
Part 9
Tschitschikow merkte, daß die Alte übers Ziel hinausgeschossen hatte, und hielt es daher für notwendig ihr klar zu machen, worum es sich handele. Er erklärte ihr mit wenigen Worten, daß die Abtretung oder der Verkauf nur auf dem Papiere statthaben und die Seelen als lebende gelten sollten.
»Ja, wozu brauchst du sie nur,« sagte die Alte, indem sie ihn verwundert anstarrte.
»Das ist schon meine Sache!«
»Aber sie sind doch tot!«
»Ja wer sagt denn, daß sie lebendig sind? Es ist doch Ihr eigener Schade, daß sie tot sind. Sie zahlen doch Steuern für sie, und ich will Sie von dieser Last und Sorge befreien. Verstehen Sie jetzt? Und nicht nur befreien; ich will Ihnen noch fünfzehn Rubel dazu schenken. Nun, ist's Ihnen jetzt klar?«
»Ich weiß wirklich nicht,« sagte die Alte zögernd, »Tote habe ich noch niemals verkauft.«
»Das ist doch kein Wunder! Es wäre eher eins, _wenn_ Sie schon welche verkauft hätten. Oder glauben Sie tatsächlich, daß sie überhaupt irgend einen Wert haben?«
»Nein, das glaube ich freilich nicht. Was könnten sie auch für einen Wert haben? Sie sind ja zu nichts nütze! Mich beunruhigt bloß dies eine: daß sie schon tot sind.«
»Hat das Weib aber ein Brett vorm Kopf,« dachte Tschitschikow. »Hören Sie, Mütterchen; denken Sie doch ein wenig nach! Das ist doch eine bedeutende Einbuße für Sie. Sie müssen doch für jeden die Steuern bezahlen, als ob er noch am Leben wäre.«
»Ach, Väterchen, erinnere mich bloß nicht daran,« unterbrach ihn die Gutsbesitzerin. »Vor drei Wochen habe ich erst wieder hundertfünfzig Rubel einzahlen müssen, und dabei mußte ich noch den Steuerbeamten gründlich spicken.«
»Sehen Sie, Mütterchen, und nun denken Sie mal, von heute ab brauchen Sie den Beamten nicht mehr zu spicken, denn jetzt zahle ich die Steuern und nicht Sie. Ich nehme alle Lasten auf mich, auch die Kosten des Kaufvertrags. Verstehen Sie!«
Die Alte wurde nachdenklich; sie fing an einzusehen, daß das Geschäft nicht so übel wäre; nur war es schon gar zu neu und unerhört, und sie fürchtete, der Käufer könne sie wohl gar übers Ohr hauen. War er doch Gott weiß woher und noch zu so später Stunde herein geschneit.
»Also schlagen Sie ein, Mütterchen,« sprach Tschitschikow.
»Wahrhaftig, Väterchen, Verstorbene habe ich noch nie verkauft. Lebendige schon öfters, so noch vor drei Jahren: da habe ich dem Protopopoff zwei Mädchen überlassen, jede für hundert Rubel; und er war sehr zufrieden. Es sind vorzügliche Arbeiterinnen geworden. Sie können sogar Servietten weben.«
»Hier handelt es sich aber nicht um Lebende. Gott mit ihnen! Ich brauche Tote!«
»Wirklich, ich fürchte vor allem, ein schlechtes Geschäft zu machen. Du willst mich am Ende betrügen, Väterchen. Vielleicht sind sie ..., kosten sie gar viel mehr.«
»Hören Sie, Mütterchen ... Wie Sie sich bloß anstellen! Was können sie denn wert sein; überlegen Sie sich es doch nur! Das ist doch nichts! Begreifen Sie doch, ein reines Nichts! Nehmen Sie das letzte, unnützeste Ding, sagen wir sogar irgend einen alten Lappen: selbst der hat noch einen Wert; den kauft Ihnen noch der Lumpenhändler ab. Aber die da, die braucht doch überhaupt Keiner! Nein, sagen sie selbst, zu was sind sie nütze!?«
»Das ist schon ganz richtig! Freilich sind sie nichts nütze. Mich hält auch nur ab, daß sie schon tot sind.«
»Herr Gott, ist das eine klotzige Dickköpfigkeit,« sagte Tschitschikow zu sich selber, und fing bereits an, die Geduld zu verlieren. »Mit der soll einer auskommen. Wahrhaftig, ich schwitze! Verdammte Alte!« Und er nahm sein Schnupftuch aus der Tasche und wischte sich den Schweiß von der Stirne. Übrigens hatte Tschitschikow eigentlich keinen Grund zu seinem Ärger. Es gibt höchst achtbare Leute, sogar unter den Staatsmännern, die, wenn man näher zusieht, auch nicht besser wie Karobotschka sind. Hat sich so einer mal was in den Kopf gesetzt, so bringst du es mit zehn Pferden nicht wieder heraus. Mach ihm Einwände soviel du willst. Sie mögen so klar sein wie der lichte Tag, sie prallen doch immer wieder zurück wie ein Gummiball von einer Steinmauer. Nachdem sich Tschitschikow den Schweiß abgetrocknet hatte, kam er auf den Gedanken, noch einen Versuch zu machen, ob es ihm etwa gelänge, sie von einer anderen Seite her auf den rechten Weg zu bringen.
»Mütterchen,« sagte er, »entweder Sie wollen mich nicht verstehen, oder Sie reden das alles nur, um nur überhaupt etwas zu reden ... Ich gebe Ihnen Geld, fünfzehn Rubel in Banknoten; verstehen Sie? Das ist doch Geld und liegt nicht auf der Straße. Wie teuer haben Sie zum Beispiel Ihren Honig verkauft? Gestehen Sie mal!«
»Für zwölf Rubel das Pud.«
»Versündigen Sie sich nicht, Mütterchen! Zwölf haben Sie gewiß nicht dafür bekommen.«
»Bei Gott, Väterchen!«
»Nun also sehen Sie, dafür war das auch Honig. Sie haben vielleicht ein Jahr gebraucht, voller Sorgen und Mühe und Arbeit, bis Sie ihn einsammeln konnten. Sind hin und her gefahren; haben die armen Bienen geplagt. Sie einen ganzen Winter über im Keller gefüttert. Sehen Sie wohl! Dagegen die toten Seelen, die sind doch nicht von dieser Welt. An die haben Sie keinerlei Mühe und Arbeit gewendet. Es war halt Gottes Wille, daß sie diese Welt verlassen und ihrem Hause Abbruch tun mußten. Dort haben Sie für alle Ihre Sorge und Mühe zwölf Rubel bekommen, und hier sollen Sie für ein reines Nichts, ganz umsonst, nicht zwölf, sondern sogar fünfzehn Rubel und nicht in Silber, sondern in lauter schönen blauen Scheinen ausbezahlt erhalten.« Nachdem Tschitschikow so starke und überzeugende Gründe ins Feld geführt hatte, zweifelte er kaum noch, daß die Alte endlich nachgeben werde.
»Nein wirklich,« versetzte die Gutsbesitzerin, »ich bin eine arme und unerfahrene Witwe, lieber will ich noch ein wenig warten, bis noch andere Käufer kommen. Damit ich mich über den Preis vergewissern kann.«
»Schämen Sie sich, Mütterchen! Denken Sie bloß selbst, was Sie da reden. Wer wird denn so etwas kaufen wollen. Was soll er denn bloß damit anfangen.«
»Vielleicht kann man sie doch bei Gelegenheit in der Wirtschaft verwenden ...« erwiderte die Alte. -- Aber sie vollendete ihre Rede nicht, machte den Mund auf und starrte ihn beinahe mit Entsetzen an, gespannt auf seine Antwort harrend.
»Die Toten in der Wirtschaft! -- Herr Gott, wozu Sie sich wieder verstiegen haben! Etwa um nachts die Spatzen in Ihrem Garten zu scheuchen?! Wie?«
»Heiliger Jesus hilf uns! Welch schreckliche Dinge du da sprichst,« sagte die Alte, indem sie das Kreuz schlug.
»Wozu wollen Sie sie denn sonst verwenden? Übrigens das Grab und die Knochen können sie ja behalten. Der Kauf findet ja nur auf dem Papiere statt. Nun also wie steht es? Geben Sie mir doch zum wenigsten eine Antwort.«
Die Alte versank wieder in Nachdenken.
»Woran denken Sie bloß, Nastassja Petrowna?«
»Wirklich, ich weiß nicht recht, was ich da machen soll? Kaufen Sie mir lieber etwas Hanf ab!«
»Ach was Hanf! Ich bitte Sie! Ich will was ganz anderes von Ihnen, und Sie schwatzen mir Ihren Hanf auf. Lassen Sie den Hanf ruhig Hanf bleiben! Wenn ich ein anderes Mal vorspreche, kaufe ich Ihnen vielleicht auch Hanf ab. Nun, wie ist es, Nastassja Petrowna?«
»Bei Gott es ist eine so seltene Ware, mit der ich noch nie was zu tun gehabt habe.«
Hier war Tschitschikows Geduld zu Ende. In seiner Wut packte er einen Stuhl, stieß ihn auf die Erde und wünschte ihr den Teufel an den Hals.
Vor dem Teufel war die Gutsbesitzerin aufs höchste entsetzt.
»Ach, sprich mir nicht von ihm! Gott mit ihm!« rief sie aus und erbleichte. »Noch die ganze vorige Nacht hab ich ihn fortwährend im Traume gesehen, den Verfluchten. Ich wollte mir nach dem Gebet noch einmal die Karten legen. Da hat ihn mir Gott offenbar zur Strafe hergesandt. So greulich sah er aus. Seine Hörner waren länger als die eines Ochsen.«
»Ich wundere mich, daß sie Ihnen nicht zu Dutzenden erscheinen! Mich leitet nichts wie die reinste Christenliebe; ich sehe eine arme Witwe, die sich plagt und Not leidet ... Daß du doch krepiertest zusamt deinem Gute.«
»Ach, was für schreckliche Flüche du da ausstößt,« sagte die Alte und sah ihn entsetzt an.
»Wahrhaftig, es fehlen einem ja die Worte, rein wie ein -- entschuldigen Sie den harten Ausdruck -- wie ein Kettenhund, der auf seinem Stroh liegt; frißt das Stroh selbst nicht und läßt doch keinen andern ran. Ich wollte Ihnen allerhand von Ihren landwirtschaftlichen Erzeugnissen abkaufen, weil ich ja auch Lieferungen für den Staat übernehme ...« Hier log er etwas hinzu, so ganz nebenher, und ohne es sich recht überlegt zu haben, aber sehr geschickt.
Diese Lieferungen für den Staat machten einen tiefen Eindruck auf Nastassja Petrowna; wenigstens sagte sie mit beinahe flehender Stimme: »Warum wirst du denn gleich so zornig? Hätte ich früher gewußt, daß du so wild werden kannst, dann hätte ich lieber garnicht widersprochen.«
»Ach was, ich bin garnicht zornig! Die ganze Sache ist keine ausgepreßte Zitrone wert. Und ich sollte mich ärgern?«
»Schön, schön, ich will sie dir ja für 15 Rubelscheine lassen. Nur eins, Väterchen, vergiß mich nicht bei den Lieferungen, wenn du etwa Roggen oder Gerstenmehl oder Buchweizen oder Fleisch brauchen solltest.«
»Nein, nein, Mütterchen, ich werde dich schon nicht vergessen,« sagte er, während er sich den Schweiß mit der Hand abtrocknete, der in drei Sturzbächen über sein Gesicht floß. Er erkundigte sich bei ihr, ob sie nicht in der Stadt einen Vertrauensmann beim Gericht, einen Vertreter oder einen Bekannten habe, den sie zum Abschluß des Kaufkontraktes und aller übrigen notwendigen Maßnahmen bevollmächtigen könnte. »Gewiß, den Probst, Vater Kirill; sein Sohn ist am Gericht,« sagte Karobotschka. Hierauf bat Tschitschikow sie, ihm eine Vollmacht zu schicken, ja er übernahm es sogar, diese selbst aufzusetzen, um der Alten jegliche unnütze Arbeit zu ersparen.
»Es wäre doch gut,« dachte unterdes Karobotschka, »wenn er mir etwas Mehl und Vieh für den Staat abnähme. Ich muß ihn für mich gewinnen. Es ist noch etwas Teig von gestern abend da. Ich will mal hingehen und der Fetinja sagen, sie soll Pfannkuchen backen. Auch eine Eierpastete von Butterteig wäre nicht übel. Die macht sich sehr gut, und es nimmt nicht viel Zeit weg.« Damit ging die Hausfrau hinaus, um ihren Plan mit der Pastete auszuführen und ihn noch durch andere Produkte der häuslichen Koch- und Backkunst zu ergänzen. Tschitschikow aber ging in den Salon, in dem er die Nacht zugebracht hatte, um die notwendigen Papiere aus seiner Schatulle zu holen. Das Zimmer war schon längst aufgeräumt, die üppigen Plumeaus und Unterbetten waren hinausgeschafft. Vor dem Sofa stand ein Tisch mit einer Decke darauf. Er setzte seine Schatulle auf ihn und ließ sich auf das Sofa nieder, um ein wenig auszuruhen; denn er fühlte, daß er ganz in Schweiß gebadet sei: alles, was er am Leibe trug, vom Hemd bis zu den Strümpfen, war vollständig naß. »Hat die mir zugesetzt, die verfluchte Alte,« sagte er, nachdem er ein wenig ausgeruht hatte, und öffnete die Schatulle. Der Autor ist überzeugt, daß mancher Leser neugierig sein wird, den Plan und die innere Fächereinteilung der Schatulle kennen zu lernen. Meinetwegen, warum sollte ich diese Neugierde nicht befriedigen. Also, da habt ihr sie, die Einteilung; in der Mitte befindet sich der Seifennapf; auf den Seifennapf folgen sechs bis sieben schmale Fächer für die Rasiermesser. Dann kommen zwei viereckige Behältnisse für die Streusandbüchse und das Tintenfaß. Zwischen beiden ist eine Rille für Federn, Siegellack und Gegenstände von längerer Statur. Weiter folgten allerhand Fächer _mit_ Deckel und _ohne_ Deckel, für die kürzeren Gegenstände, welche mit Visitenkarten, Beerdigungsanzeigen, Theaterbilleten und anderen Zetteln angefüllt waren, die hier als Reminiszenzen ruhten. Das ganze obere Kästchen mit all seinen Fächern ließ sich herausheben. Unter ihm öffnete sich ein weiter Raum, in dem Stöße von Papier in Bogengröße aufgeschichtet lagen. Darunter befand sich ein kleines verborgenes Kästchen, das sich unauffällig seitlich auftat, in dem er sein Geld zu bewahren pflegte. Dieses Kästchen wurde von seinem Besitzer stets mit einer solchen Geschwindigkeit auf- und im selben Augenblick wieder zugemacht, daß man nicht mit Sicherheit angeben konnte, wieviel Geld es enthielt. Tschitschikow ging sogleich an die Arbeit, schnitt die Feder zurecht und begann zu schreiben. In diesem Moment trat die Hausfrau ins Zimmer.
»Hast du aber einen schönen Kasten, Väterchen!« sagte sie, indem sie sich neben ihn setzte, »den hast du wohl in Moskau gekauft?«
»Ja, in Moskau,« antwortete Tschitschikow und fuhr fort zu schreiben.
»Ich weiß, dort kriegt man's nur gut. Vor zwei Jahren hat meine Schwester gefütterte Stiefel für die Kinder von dort mitgebracht. Vortreffliche Ware! So dauerhaft! Sie tragen sie noch heute. Ach, hast du viel Stempelpapier,« fuhr sie fort, während sie einen Blick in die Schatulle warf. Und in der Tat, es war sehr viel Papier darin. »Du könntest mir ein paar Bogen schenken. Bei mir herrscht solch ein Mangel daran. Es kommt doch vor, daß man ein Schreiben ans Gericht zu senden hat. Dann ist immer kein Papier da.«
Tschitschikow erklärte ihr, das sei kein Papier, wie sie es wünschte. Es sei nur für Kaufkontrakte, und nicht für Gesuche geeignet. Übrigens gab er ihr, um sie zu beruhigen, einen Bogen im Werte von einem Rubel. Nachdem er seinen Brief vollendet hatte, ließ er sie unterschreiben und bat sie um ein kurzes Verzeichnis der Bauern. Es stellte sich heraus, daß die Gutsbesitzerin gar keine Listen über ihre Bauern führte, sondern ihre Namen nur auswendig wußte. Er forderte sie auf, ihm diese zu diktieren. Mehrfach geriet er in höchstes Erstaunen über ihre Familiennamen und mehr noch über ihre Spitznamen, sodaß er jedesmal beim Hören ein wenig innehielt, ehe er sie niederschrieb. Einen besondern Eindruck machte auf ihn ein gewisser Peter Saweljew genannt der Waschtrogverächter, sodaß er sich nicht enthalten konnte, auszurufen: »Ist das aber ein langer Kerl!« Ein anderer trug den Beinamen Kuhfladen. Ein dritter wurde einfach Johann das Rad genannt. Nachdem er mit dem Schreiben fertig war, sog er die Luft tief durch die Nase ein und roch den Duft einer in Butter schmorenden Speise.
»Bitte bedienen Sie sich,« sagte die Wirtin. Tschitschikow sah sich um und bemerkte, daß der Tisch mit leckeren Gerichten reich besetzt war; da gab es Pilze, Gebäck, Spiegeleier, Pfannkuchen, Käsekeulchen, Splittertörtchen und Fladen mit allerhand Pastetchen: Pastetchen mit Zwiebeln, Pastetchen mit Mohn, Pastetchen mit Quark, Pastetchen mit Stinten und weiß Gott, was sonst noch alles.
»Bitte, vielleicht eine Eierpastete aus Butterteig gefällig?« sagte die Wirtin.
Tschitschikow rückte näher an die Eierpastete aus Butterteig heran, und sprach sich sehr lobend über sie aus, nachdem er eine gute Hälfte von ihr verspeist hatte. Und in der Tat, die Pastete war schon an und für sich nicht übel; nach all den Plackereien und dem Geplänkel mit der Alten aber schmeckte sie noch weit vorzüglicher.
»Nehmen Sie Pfannkuchen?« sagte die Wirtin. Als Antwort auf diese Frage, spießte Tschitschikow gleich drei Pfannkuchen auf, rollte sie zusammen, tauchte sie in die geschmolzene Butter und beförderte sie in den Mund, worauf er sich Lippen und Hände mit der Serviette abwischte. Nachdem er dieses etwa dreimal wiederholt hatte, bat er die Hausfrau die Pferde anspannen zu lassen. Nasstassja Petrowna schickte Fetinja sofort in den Hof hinunter, und trug ihr zugleich auf, noch ein paar heiße Pfannkuchen mitzubringen.
»Ihre Pfannkuchen sind ausgezeichnet, Mütterchen,« sagte Tschitschikow, indem er sich über die frischen Pfannkuchen hermachte.
»Ja, das versteht meine Köchin sehr gut,« versetzte die Hausfrau, »leider war nur die Ernte so schlecht, und das Mehl ist nicht so gut geraten. Aber warum eilen Sie so? Väterchen?« fuhr sie fort, als sie sah, daß Tschitschikow schon seinen Hut in der Hand hielt, »der Wagen ist ja noch gar nicht fertig.«
»Oh der ist schnell fertig, Mütterchen. Bei mir geht das sehr schnell.«
»Nicht wahr, Sie vergessen mich also nicht bei den Lieferungen?«
»Nein, nein,« sagte Tschitschikow, während er in den Flur hinaustrat.
»Sie wollen mir also keinen Speck abkaufen?« sagte die Hausfrau, indem sie ihn hinausbegleitete.
»Warum nicht? Gewiß kaufe ich Ihnen welchen ab. Nur nicht gleich jetzt.«
»Zu Ostern werde ich schönen Speck haben.«
»Seien Sie ruhig, ich kaufe Ihnen welchen ab; ich kaufe ihnen alles ab, was Sie wollen, auch Schweinespeck.«
»Vielleicht brauchen Sie auch Daunen? Während der Weihnachtsfasten werde ich auch Daunen haben.«
»Schön, schön,« sagte Tschitschikow.
»Siehst du wohl, Väterchen, dein Wagen ist noch nicht fertig,« sprach die Hausfrau, als sie auf die Treppe hinaustraten.
»Er ist gleich fertig. Sagen Sie mir bloß, wie ich auf die große Landstraße gelange.«
»Wie mache ich das nur?« sagte die Hausfrau. »Es ist nicht leicht, dir das klar zu machen, man muß so oft wenden; vielleicht ist es das Beste, ich gebe dir ein Mädchen mit, die dir den Weg zeigt. Du wirst doch auf dem Bock noch einen Platz haben, wo sie sich hinsetzen kann.«
»Natürlich.«
»Nun gut, dann gebe ich dir das Mädel mit, sie kennt den Weg, entführt sie mir nur nicht gar, hörst du, neulich haben mir schon ein paar Kaufleute einmal eine weggeholt.«
Tschitschikow gab ihr das Versprechen, das Mädchen nicht zu entführen und Karobotschka kehrte wieder beruhigt zur Durchmusterung ihres Hofes zurück. Erst glotzte sie die Haushälterin an, welche eine hölzerne Kanne mit Honig aus der Speisekammer holte. Dann warf sie einen Blick auf einen Bauern, -- der im Torweg erschien, um allmählich immer mehr in ihrem Haushalt unterzutauchen. Wozu aber beschäftigen wir uns eigentlich so lange mit Karobotschka? Was ist uns Karobotschka, Manilow, wirtschaftliches oder unwirtschaftliches Leben? Lassen wir sie! Ist es nicht wunderbar eingerichtet in dieser Welt! Jede Freude geht, ehe man sich's versieht, in Trauer über, wenn man sich gar zu lange bei ihr aufhält, und Gott weiß, was sich einem dann für Gedanken aufdrängen! Man könnte gar auf die Idee kommen: Wie!? Steht denn Karobotschka wirklich so tief auf der unendlich langen Stufenleiter menschlicher Vollkommenheit? Sollte er wirklich so tief sein, der Abgrund, der sie von ihrer Schwester trennt. Von ihr, welche unnahbare Mauern eines aristokratischen Hauses mit seinen lieblich duftenden gußeisernen Treppen beschützen, die mit Kupferglanz, Mahagoniholz und kostbaren Teppichen prunken. Von ihr, welche gähnend neben ihrem halbgelesenen Buche sitzt, in unruhiger Erwartung des weltmännisch-geistreichen Besuchers, in dessen Gegenwart sich ihrem Geiste ein Feld eröffnet, wo sie ihren Verstand leuchten und eingelernte Gedanken spielen lassen kann. -- Gedanken, welche nach der heiligen Satzung der Mode eine ganze Stadt wochenlang beschäftigen, Gedanken, die sich nicht darum drehen, was in ihrem Hause und auf ihren Gütern vorgeht, die in Unordnung geraten darniederliegen, sondern allein darauf gerichtet sind, welche Umwälzung in der französischen Politik bevorsteht, oder welche Wendung der moderne Katholizismus nehmen wird. Doch weiter, weiter! Wozu über diese Dinge reden? Aber warum fällt bisweilen in Augenblicken froher, sorgenfreier Gedankenlosigkeit wie von selbst ein wundersamer Strahl in uns hinein? Noch fand das Lächeln kaum Zeit, dem Gesichte zu entschwinden, und schon verwandelte es sich bei demselben Menschen in ein anderes, und ein neues Licht erleuchtet jetzt sein Antlitz?
»Da ist er, da ist ja mein Wagen,« rief Tschitschikow, als er seine Kutsche heranrollen sah, »was hast du nur solange getrödelt, du Esel! Dein Rausch von gestern ist wohl noch nicht ganz verflogen.«
Hierauf erwiderte Seliphan kein Wort.
»Leben Sie wohl, Mütterchen! Nun wo ist Ihr Mädchen?«
»Heh! Pelagia!« rief die Alte einem Mädchen von etwa elf Jahren zu, das in der Nähe der Treppe stand. Die Kleine hatte ein selbstgewebtes, farbiges Leinenkleid an. Sie war barfüßig, und schien doch Stiefeln anzuhaben, denn ihre Füße waren bis oben hinauf mit frischem Straßenschmutz bedeckt. »Zeig dem Herrn den Weg!«
Seliphan half dem Mädchen auf den Bock, welches zuerst mit einem Fuß auf das Trittbrett stieg, das sie bei dieser Gelegenheit ein wenig beschmutzte. Hierauf schwang sie sich auf den Kutschersitz, wo sie sich neben Seliphan niederließ. Nach ihr setzte Tschitschikow seinen Fuß auf das Trittbrett und nahm endlich im Wagen Platz, der sich unter seinem Gewichte nach rechts beugte. »So, jetzt ist alles in Ordnung. Leben Sie wohl Mütterchen!« mit diesen Worten verabschiedete er sich von der Gutsbesitzerin und die Pferde zogen an.
Seliphan war den Weg über sehr ernst und streng und widmete sich seinem Dienst mit großer Aufmerksamkeit, was immer dann zu geschehen pflegte, wenn er etwas verschuldet hatte oder betrunken gewesen war. Die Pferde waren von einer bewundernswerten Sauberkeit. Das Kummet bei dem einen, welches gewöhnlich zerlocht und zerfetzt war, sodaß das Werg unter dem Leder hervorquoll, war sorgfältig genäht und ausgebessert. Er war während des ganzen Weges sehr schweigsam, schwang nur hin und wieder die Peitsche und unterließ es vollkommen, seine Pferde mit lehrhaften Reden zu beehren, obwohl der Schecke natürlich gerne eine Belehrung entgegengenommen hätte. Denn während einer solchen Rede pflegte der wortfrohe Wagenlenker die Zügel immer recht lose in der Hand zu halten, und er ließ auch die Peitsche nur _pro forma_ über den Rücken der Pferde hüpfen. Aber der finstere Mund ließ dieses Mal nur monotone und unfreundliche Ausrufe vernehmen, wie: »Hüh! Hüh! alte Krähe! was trödelst du!« sonst nichts. Aber selbst der Braune und der Assessor waren nicht zufrieden, weil sie kein einziges freundliches und Achtung zollendes Wort zu hören bekamen. Der Schecke erhielt sogar häufig äußerst unangenehme Schläge auf seine weichen, wohlgerundeten Körperteile. »Sieh mal, was in den gefahren ist!?« dachte er sich, indem er seine Ohren ein wenig spitzte. »Der weiß auch, wohin er haut; sucht sich nicht etwa den Rücken aus, sondern gerade die empfindlichsten Stellen. Schlägt einem die Peitsche um die Ohren oder geht einem sogar an den Bauch.«
»Rechts? Wie?« Mit dieser trockenen Frage wandte sich Seliphan an das neben ihm sitzende Mädchen, indem er mit der Peitsche auf den vom Regen geschwärzten Weg hinwies, der sich zwischen frischen, in hellem Grün leuchtenden Feldern dahinzog.
»Nein, noch nicht! Ich werde es dir schon sagen!« antwortete das Mädchen.
»Nun, wohin denn?« fragte Seliphan, als sie sich dem Kreuzweg näherten.
»Dorthin!« sagte das Mädchen, indem es mit dem Finger die Richtung anzeigte.
»Ach! du!« sagte Seliphan, »das ist doch rechts! Kann rechts und links nicht unterscheiden.«
Obwohl der Tag sehr heiter war, war die Straße derartig schmutzig, daß der Kot an den Wagenrädern kleben blieb und sie bald wie mit einer Filzschicht bedeckte, was die Equipage am Fortkommen hinderte. Dazu war der Boden noch sehr locker und lehmig. Dieses war die Ursache, daß sie die Landstraße nicht vor Mittag erreichten. Ohne das Mädchen wäre es ihnen wahrscheinlich auch schwerlich gelungen, weil die Wege nach allen Richtungen auseinanderliefen, wie gefangene Krebse, wenn man sie aus dem Netze schüttet. Und Seliphan hätte sich ohne seine Schuld leicht verirren können. Bald darauf zeigte das Mädchen mit der Hand auf ein Gebäude, das in der Ferne sichtbar wurde, und sagte: »Da ist die Poststraße.«
»Und was ist das für ein Gebäude?« fragte Seliphan.
»Ein Wirtshaus,« sagte das Mädchen.
»So, nun werden wir schon selbst den Weg finden. Du kannst jetzt nach Hause gehen.«
Er hielt an und half ihr beim Absteigen, während er vor sich hinmurmelte: »Du Dreckbein!«
Tschitschikow gab ihr eine Kupfermünze, und sie lief munter nach Hause, hocherfreut, daß sie auf dem Kutschbock hatte fahren dürfen.
Viertes Kapitel