Ruth

Part 9

Chapter 93,808 wordsPublic domain

»Ja!« sagte sie froh, »Sie wollten sie mir aus dem Kopf herausnehmen und alle für sich behalten. In den Kopf sollte nur lauter Vernünftiges hinein. Sie sagten damals: ›Nun sind alle deine Geschichten mein Eigentum, und ich kann mit ihnen machen, was ich will.‹ Und nun werden Sie etwas Schöneres damit machen, als ich's gekonnt habe.«

Sie hob den Kopf mit einem Ausdruck ungeduldiger Spannung und Erwartung, und dann fügte sie bittend hinzu: »Aber ich muß zuhören dürfen, wenn Sie sich was ausdenken! Darf ich zuhören? Werden Sie es mir erzählen?«

Erik blickte auf sie nieder. So kindhaft kam sie ihm vor, als sie so in Strümpfen neben ihm stand. Da reichte sie ihm noch nicht bis zur Schulter.

Wie heute morgen am Schreibtisch beugte er sich zu ihr, nahm ihr Gesicht in seine Hände und sah hinein in zwei strahlende, glückliche, bittende Kinderaugen.

»Wir werden es uns zusammen ausdenken!« sagte er. --

Klare-Bel hatte inzwischen Besuch gehabt. Als Erik und Ruth nach Hause kamen, stand eine Equipage vor der Gartenpforte. Der Kutscher wendete den leichten Wagen mit englischem Gespann und ließ die Pferde sich langsam, im Schritt, abkühlen.

Warwara Michailowna saß bei Klare-Bel in deren kleinem, behaglichem Gemach neben der Wohnstube. Sie war von ihrem erst kürzlich bezogenen Landhause, das etwa eine Stunde entfernt lag, herübergekommen.

Es waren meistens nicht nur konventionelle Besuche, die sie der kranken Frau machte. Sie kam gern, wie sie auch gern empfangen wurde: Sie empfand es wohlthuend an Klare-Bel, daß man deutlich fühlte: hier lag eine, der es wirkliches Vergnügen machte, einmal im Plauderton wieder etwas von der Welt draußen, von den Menschen und der Gesellschaft zu hören. Konnte sie auch nie wieder in das gesellige Treiben zurückgelangen, so kannte sie dergleichen doch recht wohl aus den ersten, beglückenden Jahren ihrer Ehe und sah es noch immer ein wenig im Glanze dieser Zeit. Und da war es nun eigentümlich: wenn man zu so einer sprach, dann ließ man unwillkürlich den schlechtesten Klatsch zu Hause.

Klare-Bel selbst erzählte zwar niemals viel. Aber Warwara wußte, daß es auch andern Bekannten gegenüber nicht geschah. Sie wußte: dies hier war wirklich eine Frau, die mit niemand intim zu sein vermochte, als mit ihrem Mann.

Was Warwara über Ruth und deren Anwesenheit im Hause erfuhr, fesselte sie im höchsten Grade und erregte sie beinahe. Als aber nun Ruth ins Zimmer trat, war sie enttäuscht.

Sie hatte unwillkürlich etwas Auffallendes erwartet.

Vielleicht einen wilden, interessanten Jungen in Mädchenkostüm, vielleicht auch umgekehrt ein rührendes, liebliches Kind, das sich schüchtern zurückzog, -- jedenfalls etwas ganz Eigenartiges. Nicht ein blasses, wohlerzogenes Ding, das sich für Warwaras im Salon geübten Blick von andern so jungen Mädchen durch nichts unterschied, als höchstens durch das geradezu Abgeschliffene, Formsichere und Unbefangene ihres Wesens einer Fremden gegenüber.

Nicht minder schnell war Ruth mit Warwara fertig: sie nahm diese ganz als eine von vielen und gab auch sich selbst so, wie eine unter den vielen, aus denen die Gesellschaft besteht.

Warwara zog sie ein wenig ins Gespräch und fragte, wo sie erzogen worden sei.

»Ich war an verschiedenen Orten,« sagte Ruth, »aber erzogen bin ich noch nicht.«

Man wußte nicht, war es bescheiden oder übermütig gemeint?

»Wenn die nicht durchtrieben ist!« dachte Warwara bei sich und musterte sie schärfer.

Bald trat Erik dazu, eine heitere Unterhaltung in Gang bringend. Warwara erzählte vom Rückgang einer Verlobung, deren Anzeige erst kürzlich auch hier eingelaufen war. Ein sensationeller Rückgang, denn die Braut hatte sich während der kurzen Verlobungszeit ganz eilig in einen andern verliebt.

Erik, der es nicht über sich vermochte, die humoristische Seite dieser Sachlage unbeachtet zu lassen, lachte laut.

Warwara sah sich nach Ruth um. Diese war hinausgegangen.

»Zufällig? oder ein Kunstgriff, um bei diesem Gespräch nicht hinausgeschickt zu werden?« fragte sie sich, »oder ist sie wirklich so kindlich, daß sie das gar nicht interessiert?«

Nachdem Erik über den betrübten Mienen der beiden Frauen wieder ernst geworden war, sagte er: »Ja, die armen Frauen! Wenn sie sich binden, haben sie allen Grund zu beten: Lieber Gott, hilf, daß ich eine gute Frau werde. Denn ihr einziger Schutz gegen sich selbst liegt in der That im rein gefühlsmäßigen Fortdauern ihrer Liebe, -- in der eigentlichen Gefühlstreue. Sie können natürlich auch aus Pflichtstrenge festhalten, aber das ist dann ein verkümmertes Leben.«

»Sie meinen, der Mann bedarf eines solchen Gebetes nicht,« bemerkte Warwara, ohne ihre Ironie zu verbergen.

Er sah sie ganz unbefangen an. »Nein,« sagte er; »ich glaube, der Mann ist in diesem Punkt, wie in so vielen andern auch, durch seine Natur besser geschützt. Nicht gegen die Untreue der Sinne. Nicht gegen den Wechsel des Liebesgefühls. Aber gegen das bewußte innere Loslassen desjenigen Wesens, an das er sich gebunden, -- nein: ~das er an sich gebunden~ hat. Das ist's!«

»Das ist originell. Sie vindizieren da dem Manne eine Kraft des Pflichtbewußtseins, einen Edelmut des Mitleids, den ~wir~, -- die Frauen, -- nicht --«

»Ach nein, empören Sie sich nur nicht. Kein Pflichtbewußtsein: nur ein Glücksbewußtsein mehr, als ihr es habt. Keinen mitleidigen Edelmut: nur einen begehrlichen Hochmut, den ihr nicht besitzt. Der Mann, der für immer ein Weib an sich und auf sich nimmt, genießt neben dem Liebesglück noch ein andres, spezifisch männliches Glück: er legt seine Hand bewußt auf dieses ganze ihm zugehörige Dasein und sagt dazu: ›Mein‹. Ihm bedeutet sein Glück durch das Weib dreierlei: lieben mögen, -- verantworten wollen, -- herrschen dürfen.«

Warwara schüttelte sich.

»Gott erhalte Ihnen Ihre Arroganz!« sagte sie; »mir jedoch ist wahrlich die Vorstellung lieber, nach welcher die Frau des Mannes Königin ist.«

»Sie sehen, -- ich sage noch mehr: sein Königreich,« versetzte er lächelnd, »daher gibt sie ihn eher preis, als er sie. Für sie gibt es eben ihm gegenüber Aufstand, Empörung, Revolution, -- was alles ganz heroisch aussehen und sehr verführerisch wirken kann. Für den Mann hingegen wäre untreues Preisgeben seines eigensten Reiches etwas, was ihm wider die Scham geht.«

Warwara lachte ihm ins Gesicht.

»Und das sind Sie, der für alle möglichen modernen Entwickelungskämpfe, und auch für die der Frauen, so gern eintritt!« rief sie; »es ist eine schauderhafte Inkonsequenz und ein Selbstbetrug obendrein! Denn wenn Sie sich nun in eine solche entwickelte Zukunftsfrau verliebten, die nicht mehr so mittelalterlich denkt, und sie ~nicht unterkriegten~?«

»Das würde ich doch!« sagte Erik. »Sonst würde ich mich vielleicht für sie begeistern, sie bewundern, fördern, als meinen Kampfgenossen achten, -- aber lieben, -- wie sollte ich das? So wenig, als wenn ich ein Weib, oder sie ein geschlechtsloses Wesen wäre. Ich kann mir vorstellen, daß der Mann jede Herrschsucht vollständig ablegt um einer Sache willen, die er über sich stellt. In der Liebe -- nie! Und ein Weib, das diesem Instinkt nicht entgegenkommt, -- wirkt nicht als Weib.«

»Und dieser Widerspruch sollte in der Natur selbst liegen? Nein, nur in eurem jahrhundertelang großgenährten Dünkel,« versetzte Warwara entrüstet und wandte sich zu Klare-Bel: »Was sagen Sie nur zu einem solchen Mann? Wir sollten uns für alle Zukunft unter den Mann stellen, wenn wir lieben?«

Klare-Bel antwortete etwas unsicher: »Ich glaube, das thun wir, nicht weil wir unter ihm stehen. Sondern weil wir glücklich sein wollen.«

Alle drei fingen an zu lachen. Warwara erhob sich, um nach Hause zu fahren.

»Nun sollt' ich hiervon eigentlich genug haben,« bemerkte sie gut gelaunt zu Erik, »aber von meiner kleinen Nichte in der Mädchenschule erfuhr ich, daß diesmal Sie bei dem feierlichen Schulschluß die übliche große Rede halten werden. Da komme ich hin. Damit Sie doch wissen: Eine sitzt da und verspottet Sie. Und hübsch klingen wird es sicher. Ich habe nämlich schon immer Ihre Toaste in Gesellschaften so gern gehabt.«

Erik mußte lachen.

»Sie sollten mich nicht so gewaltsam daran erinnern, daß unsre schönsten Reden für Toaste genommen werden,« versetzte er, »und daß fast die einzigen aufmerksamen Zuhörer, die wir außer den Schulkindern auftreiben können, die gelangweilten schönen Frauen unsrer oberflächlichen Gesellschaft sind.«

»Liebste, jetzt sind Sie Zeugin, daß ich mich zu rächen habe,« sagte Warwara gekränkt zu Klare-Bel; »ich möchte nur wissen, ob's ihm nicht weh thäte, wenn die schönen Frauen alle wegblieben. Ich glaube, dieser Barbar würde dann ~Sie~ auf den Rücken nehmen und zur Zuhörerschaft unter seine Schulkinder setzen, die ihn alle fürchten wie das Feuer.«

»Das wird wohl nie geschehen,« meinte Klare-Bel etwas betrübt.

»Doch! doch! Kein Mensch kann in die Zukunft sehen. Wir werden jetzt, auf Grund einer Konsultation mit dem Professor, eine Behandlung meiner Frau durchführen, die Wunder verspricht,« sagte Erik zu Warwara und geleitete sie an ihren Wagen.

Jonas war später nach Hause gekommen, als Erik mit Ruth, und kam seltsamerweise erst zum Vorschein, als der Besuch fortgefahren war, und man sich schon zu Tisch setzte.

Die Zwischenzeit hatte er im hintersten Winkel des Gartens unter den tropfenden Bäumen verbracht, im Kampf mit einem großen Entschluß. Seine Ringelnatter war mit ihm, sie hing ihm melancholisch um den Hals, als wisse sie schon, daß ihr etwas sehr Unangenehmes bevorstehe. Noch einmal hatte er sie liebkosend in die Arme genommen, sie gestreichelt und zärtlich an sich gedrückt, noch einmal in ihrem kostbaren Besitze geschwelgt. Dann hatte er sie totgeschlagen.

Um es zu thun, mußte er sich Mut einsprechen und sein Herz verhärten. Er mußte sich vorstellen, daß er wie ein neuer Herkules sei, der die Hesione von einem Meerungeheuer erlöst, oder noch lieber wie Perseus, der sich seine Andromeda erobert. Aber diese Vorstellung verfing nicht recht. Seine arme Ringelnatter sah gar nicht aus wie ein Meerungeheuer; Ruth verkannte sie nur. Das Tier blickte ihn mit seinen schwarzen Aeuglein so beweglich an, und er hatte es so lieb.

Da ging ihm ein altes Märchen tröstend durch den Sinn, von einer Schlange mit einem Goldkrönlein auf dem Kopf; wer die totschlug, dem verwandelte sie sich in eine liebreizende Prinzessin. Er wußte nicht mehr, ob es sich genau so verhielt, aber es gefiel ihm. Und seine Prinzessin saß und wartete gewiß schon darauf.

Nachdem Jonas den Mord vollbracht hatte, wandte er sich mit rotem Gesicht ins Haus. Es war ein ganz ungeheures Opfer, fand er, was sie da beide Ruth gebracht hatten, er und die Ringelnatter. Denn die Schlange blieb nun tot, und er hatte sich über sie fast ebenso gefreut, wie über ein Reitpferd.

Und nun sprach Ruth bei Tisch immer von den albernen Schulmädchen, die er nicht leiden konnte. Es ärgerte ihn, daß sie heute in die Freistunde gelaufen war, denn bisher besaß sie an ihm ihren einzigen Spielgefährten, und in diesem Punkte verstand Jonas keinen Spaß.

Noch saßen sie beim Mittag, als ein Eilbote kam und ein Telegramm für Erik überbrachte.

Erik erbrach es und überflog den Inhalt, dann schob er seinen Teller zurück und trat mit dem Papier ans Fenster. Man sah ihm an, daß es eine freudige und ihn bewegende Nachricht war, die er erhalten.

»Fast ein ganzer Brief! An der Grenze aufgegeben,« sagte er; »denke dir, Bel, mein alter Freund Bernhard Römer ist hierher unterwegs. Siebzehn Jahre haben wir uns nicht gesehen. Oder noch länger? Damals waren wir beide noch Studenten! Erinnerst du dich seiner?«

»O ja, Erik! Wie sollte ich den vergessen! Denn mit ihm war es ja, daß du immer noch so große Zukunftspläne machtest. Ihr wolltet alles am liebsten auf den Kopf stellen. Ja, so jung wart ihr damals. Was ist Römer denn eigentlich geworden?«

»Er ist Professor der Medizin an der Heidelberger Universität. Schrieb mir noch manchmal in frühern Jahren.«

Ruth hatte aufgehört zu essen und sah mit großen Augen zu Erik hinüber. Bei dem Wechsel in seinem Mienenspiel und bei Klare-Bels Worten war es Ruth, als stiege plötzlich eine ganze, fremde und ferne Vergangenheit zwischen ihnen auf. Eine Vergangenheit, bei der sie nicht zugegen gewesen war. Ueberhaupt noch nicht auf der Welt! Es schien ihr ganz unmöglich.

»Wird er hier herauskommen?« fragte sie leise.

»Das wird er leider nicht. Er reist nur durch. Sein Ziel ist Moskau. Dort ist irgend eine Aerzteversammlung. Morgen früh am Bahnhof werde ich Näheres erfahren. Ob er seine Frau wohl mitgebracht hat?«

»Zu einer Aerzteversammlung?« bezweifelte Klare-Bel.

»Warum nicht? Ich glaube, sie sind in ihrem geistigen Leben eng verwachsen. Römer heiratete sehr jung, die Frau machte seine ganze Sturm- und Drangperiode noch mit durch. Das gab ihrer ganzen Ehe den Charakter.«

»Haben sie keine Kinder?« fragte Klare-Bel, die dieser Punkt besonders zu interessieren pflegte.

»Ich glaube nicht.«

»Keine Kinder?« wiederholte Klare-Bel im Tone des Bedauerns. Nichts war ihr an ihrem Leiden so hart erschienen, wie der Umstand, daß sie nicht wieder Mutter werden konnte; »das ist doch eine traurige Ehe, so zu zweien.«

»Soviel ich mich erinnere, haben sie nicht immer zu zweien gelebt. Sie hatten wiederholt ein junges Mädchen bei sich, das an der Universität studierte.«

»An der Universität studierte? Können junge Mädchen das?« erkundigte sich Ruth erstaunt.

Erik blickte sie mit einem Lächeln an.

»Jawohl. Solche junge Mädchen wie du,« sagte er; »es steht dem ja nichts im Wege, daß du eines der nächsten Hauskinder bei Römers wirst. Hast du Lust dazu?«

Er sagte es scherzend, aber der Blick, mit dem sie ihm antwortete, war so ernst, daß er ihm im Gedächtnis blieb.

Erik setzte sich an den Tisch zurück und plauderte mit seiner Frau von alten Zeiten. Jonas fand, nun könnte Ruth mit ihm hinausgehen, aber sie blieb sitzen und hörte zu.

Draußen hatte es angefangen, stärker zu regnen; Jonas lehnte in der Hausthür an der Terrasse und schaute prüfend hinaus. Als Ruth endlich vom Mittagstisch aufstand und in den Flur trat, bemerkte er: »Wenn wir doch wenigstens bei Regenwetter ›Mann und Frau‹ spielen wollten. Das paßt so gut fürs Haus. Denn wenn die Sonne scheint, thust du es doch nicht. Und dann ist es auch etwas, was du bei deinen albernen Mädchen nun einmal nicht haben kannst.«

»O doch!« versicherte Ruth und schwang sich auf das Geländer der schmalen Holztreppe, die nach ihrem Giebelstübchen hinaufführte, »das haben wir im Schulhof oft genug miteinander gespielt.«

»Das muß aber eine schöne Wirtschaft gewesen sein, ohne einen wirklichen Jungen!« meinte Jonas verächtlich. »Und ich möchte doch so viel lieber dein Mann sein, als der Mann in all den Räubergeschichten, bei denen ich mich immer so anstrengen muß.«

»Aber ich möchte nicht deine Frau sein,« sagte sie kaltherzig und saß und schaukelte mit den Füßen, »und dann wäre das auch noch viel anstrengender für dich. Sei doch froh, daß du bei alledem jedesmal die Hauptperson und der Held bist.«

»Nein, das bist du eben immer!« warf er ihr mißmutig vor.

»Nein, Jonas, das ist bestimmt nicht wahr. Du bist es ganz allein. Warst du nicht erst gestern der Egmont? Und neulich --«

»Ja, im Anfang!« unterbrach er sie gereizt; »aber wenn du mir alles immer erst vorsagst und womöglich auch noch vormachst, dann bin ich es ja gar nicht in Wirklichkeit, sondern nur du.«

»Ich kann doch nichts dafür, wenn du dumm bist.«

Jonas schwieg gekränkt. Wenn sie wüßte, wem sie das sagte; -- wenn sie wüßte, daß er freiwillig darauf verzichtet hatte, ihr seine Ueberlegenheit zu zeigen, sie in Furcht zu versetzen, sie zum Bitten und Schmeicheln zu bewegen! Denn, hätten sie »Schlangenbändiger« gespielt, da wäre er doch wohl der Herr gewesen. Und sie war so dumm, ihm zu glauben, die Schlange sei wirklich entschlüpft.

Jonas brannte die Zunge, Ruth von seinem Opfer zu erzählen. Aber er fand, das verbiete ihm sein Mannesstolz. Lieber noch wollte er sich die Zunge abbeißen, wenn die Schwatzlust zu groß wurde.

»War ich Egmont, so hättest du mein Klärchen sein müssen,« sagte er; »warst du es etwa?«

»Nein, natürlich nicht. Dazu kam ich ja gar nicht. Denn allein hättest du ihn doch nie herausgebracht. Und er ist doch das Wichtigste, wie du dir denken kannst. Das Klärchen kann man streichen.«

»Ich habe aber keine Lust, mich zu deinem Hampelmann herzugeben! Sei meine Frau!« schrie er ärgerlich und stampfte mit dem Fuß auf.

Ruth war vom Geländer herabgeglitten. Sie stellte sich ans niedrige Flurfenster, an dem der Regen herunter rieselte, und drückte ihr Gesicht platt gegen das Scheibenglas, so daß es sich satyrhaft verzog. Wenn Jonas wütend wurde, dann überschlug sich jedesmal seine Stimme: sie schwankte immer zwischen zu hoch und zu tief. Das brachte Ruth immer zum Lachen.

Da riß Jonas seine Mütze vom Mantelständer und stürzte hinaus.

»Lauf nur zu deinen albernen Mädchen!« rief er grimmig, »ich bin ein Junge!«

Am Ende war Ruth gar nicht das Ideal einer Frau, wie er sie brauchte. Andromeda hatte sich bereit erklärt, ihrem Erretter als Sklavin durch alle Länder zu folgen. Ruth würde so etwas nie thun, es würde ihr gar nicht einfallen, -- davon war er fest überzeugt.

Von der Terrasse aus steckte Jonas seinen Kopf durch das offene Fenster des Wohnzimmers und fragte, ob er noch bis zum Abendthee einen Kameraden aufsuchen dürfe.

Klare-Bel, die neben dem abgeräumten Tisch lag und in Lenneps Novellen las, blickte bei seinen Worten verwundert aus.

»Es ist nur gut, daß er noch an so was denkt,« bemerkte sie, als sein Kopf vom Fenster verschwunden war, »denn jetzt denkt er Tag und Nacht nur noch an das Mädchen, Erik.«

»Strohfeuer!« versetzte dieser.

Er stand und schaute verträumt hinaus. Seine Gedanken weilten noch in der Vergangenheit. Seine Frau nahm den morgenden Tag nur als eine willkommene Zerstreuung, und darüber freute sie sich für ihn. Ihm war es mehr als das.

»Findest du, es schadet nichts?« fragte Klare-Bel besorgt: »aber du meintest doch selbst, Jonas sei flüchtig und zerstreut im Lernen geworden.«

»Das ist er wohl ein wenig, aber was ihm an Schulweisheit vielleicht dadurch abgeht, erhält er tausendfach wieder in glücklicher Anregung, die seine geistigen Kräfte belebt und aufschüttelt. Das ersetzt ihm keine Schule.«

»Er ist freilich noch wie ein Kind. Aber Jonas ist anhänglich. Wenn er nun sein Herz so ganz an sie hängt --?«

»Dann laß ihm diese Erinnerung, Ruth begegnet zu sein. Er kann es an nichts Besseres hängen, Bel.«

Sie schwieg darauf. Das holländische Novellenbuch entglitt ihren Händen. Sie faltete sie im Schoß.

»Wie hoch er sie stellt!« dachte sie im geheimen erschrocken.

Es war ein stiller Tag, der nächste. Weil Erik nicht nach Hause kam. Wie ausgestorben schien das Haus, weil man seinen Schritt und seine Stimme darin nicht hörte.

Er würde wohl erst mit dem letzten Nachtzug heimkommen, meinte Bel. Nachts ließ er sie gewiß nicht gern auf dem Lande allein.

Jonas schlich übler Laune im Hause umher. Nach dem gestrigen Streit fühlte er einen heftigen Drang nach einer ausgiebigen Versöhnung nebst darauf folgendem unzertrennlichen Beisammensein. Aber dafür war Ruth heute nicht zu haben. Den Streit hatte sie rein vergessen. Und auf alle seine Vorschläge, etwas Gemeinsames zu unternehmen, entgegnete sie nur ihr wohlbekanntes stereotypes: »Ich muß nachdenken.«

Und Jonas wußte schon, daß sie dann für ihn so gut wie verloren war.

Ruth dachte immerfort, unablässig über ein und dasselbe nach. Sie folgte in Gedanken Erik in die Stadt, an den Eisenbahnzug, der ihm den Freund bringen mußte, und versuchte, sich in das Wiedersehen hineinzuversetzen.

Als Klare-Bel ihm am Morgen beim Weggehen zurief: »Adieu, Erik, amüsiere dich gut!« da hatte Ruth beinahe betroffen aufgeblickt. Es kam ihr vor, als habe Erik etwas so Ernstes und Herzbewegendes vor. Selbst sein Gesicht schien ihr seit gestern verändert. Unter allem, hinter allem, was er in gewohnter Weise sprach oder that, fühlte Ruth es heraus, wie eine ganze Welt von aufgestörten Erinnerungen unaufhörlich in ihm raunte und redete. Keine Erinnerungen aber, die ~amüsieren~, -- sondern solche, die gewaltsam zurückzerren in eine Vergangenheit, von der die Gegenwart verdunkelt wird.

Auf dem Garten lag heute freundlicher Sonnenschein. Klare-Bels Stuhl war auf die Terrasse geschoben worden; unten konnte sie nicht bleiben, weil Erik fehlte, um sie wieder heraufzutragen. Ein warmer Sommerduft stieg von draußen auf; Flieder und Goldregen waren am Verblühen, und auf den Beeten öffneten sich die roten Rosen. Baumwipfel und Büsche drängten sich jetzt so dicht ineinander, daß es fast schon zu viel Laub und Schatten ums Haus gab. Der Sommer barg es ganz in seinem warmen Dunkel, und von der Straße gesehen nahm sich der Garten jetzt aus wie ein großer grüner Farbenklecks.

Als der Abendthee auf der Terrasse getrunken wurde, fiel es Klare-Bel doch auf, daß Ruth wie geistesabwesend dabei saß.

»Es ist doch, als könnte sie es gar nicht mehr ertragen, daß Erik sich mit andern Menschen beschäftigt als mit ihr; am liebsten würde sie ihm keine Zerstreuung mehr gönnen, diese arge kleine Egoistin,« dachte sie und fragte laut: »Aber, Kind, fehlt dir etwas? was machst du nur für wunderliche Augen? Ich glaube gar, am liebsten wärst du mit Erik dort?«

Ruth fing mit feinem Ohr den nicht ganz liebreichen Ton auf und sah sie schüchtern an.

»Ich versuche es, dort zu sein!« sagte sie zum unaussprechlichen Erstaunen Klare-Bels.

Diese zog sich nach dem Abendthee bald in ihr kleines Gemach zurück, um sich zeitig zur Ruhe zu begeben, denn sie fühlte sich ein wenig leidend. Vielleicht griff die neue Behandlung sie an, die Erik seit kurzer Zeit mit ihr vornahm, und die er ihr auf viele Monate hinaus in Aussicht gestellt hatte. Er fing wirklich schon an, wieder neue Hoffnung zu schöpfen.

Gonne entfernte sich, nachdem sie ihre Frau sorgsam gebettet, und Klare-Bel lag in ihrem stillen Zimmer allein, umgeben von all den zierlichen und saubern Sächelchen, die sie bei sich aufzustellen liebte.

Sie lag und lächelte über sich selbst. War es nicht seit kurzem, als ob auch sie, ganz leise -- leise, heimlich, die neue Hoffnung hätschele? Ein klein wenig nur. Die Hoffnung, doch noch einmal wieder gesund zu werden, Erik entgegengehen zu können auf ihren zwei gesunden Füßen.

Es war ja gewiß nichts damit. Ein bloßer Wahn. Aber wenn er trog, dann würde Erik sie schon darüber hinwegtragen, wie über die vielen, vielen frühern Enttäuschungen auch. Denn das hatte er gethan, -- nicht gerade mit übermäßigem Bemitleiden und Schonen, aber mit seiner unaufhörlichen Gegenwart, mit seiner beständigen energischen Einwirkung auf sie. Und manchmal, da überkam sie ganz deutlich das Gefühl: es war gut so, denn er brauchte das; nur in diesem Bemühen überwand er seine eigenen Enttäuschungen. Seine starke Beeinflussung andrer schien es zu sein, durch die er immer wieder selbst zur alten Sicherheit zurückkehrte. So oft konnte sie es mit Verwunderung beobachten im täglichen Leben unter den Menschen seiner frühern Umgebung, wie belebend es auf ihn wirkte, daß sie von ihm Kraft und Belebung erwarteten. Das Alleinsein vertrug Erik wirklich schlecht.

Die Zeit rückte vor, und immer noch lag Klare-Bel wach und träumte mit offenen Augen. Durch das geöffnete Fenster strich weich und feucht die Luft, ganze Schwärme von kleinen Mücken mit sich tragend; von fernher verklang leise das Lied der letzten Landarbeiter, die von nächtlicher Arbeit heimkehrten. Mit hellen Sonnenaugen schaute die Nacht ins Zimmer herein.

Klare-Bel kamen ketzerische und sogar übermütige Gedanken, so daß sie über sich selbst erstaunen mußte. »Wer ist nun stark,« dachte sie, »wenn der Starke wieder der Schwachen bedarf?« Sie war sicherlich ein schwaches Wesen, froh, wenn Erik sie bei der Hand nehmen und führen wollte. Er aber, brauchte er denn nicht jemand um sich, den er führen konnte, um selber froh und des Weges sicher zu bleiben? Brauchte Erik also nicht sie, wie sie ihn?